Im 19. Jahrhundert baute die East India Company ein Monopol für die Opiumproduktion auf, das bis
nach dem Ersten Weltkrieg in britischer Hand bleiben sollte. Ausbeutung indischer Bäuer*innen
und Hungerkrisen standen enormen Profiten gegenüber. In zwei Kriegen erzwang England die
Öffnung Chinas und flutete den chinesischen Markt mit Opium. Zu den Konsequenzen gehörten
massive Abhängigkeit, die Annexion Hongkongs, der Raub von Kunstschätzen, die bis heute
in Museen weltweit liegen, und vor allem die Beseitigung des britischen Handelsdefizits gegenüber
China. Denn während die Engländer Seide, Tee und Porzellan aus China importiert hatten,
war der chinesische Markt für englische Waren verschlossen geblieben.
Auch in der ersten Opium-Krise der USA, Ende des 19. Jahrhunderts, spielten chinesische Migrant*
innen eine Rolle. Während die medizinische Nutzung des Schlafmohns bis in die Antike
reicht, wurde sie um die Jahrhundertwende zunehmendzum Problem. Die Nutzung von Morphin
in den Lazaretten des amerikanischen Bürgerkriegs (1861-65) trug vor allem in den
Südstaaten zur großen Zahl an Abhängigen bei. Erste Gesetze kriminalisierten jedoch vor allem
die chinesische Konsumform des Opiumrauchens. Dabei ging es von Anfang an um Rassentrennung,
beispielsweise in Idaho wurde ausschließlich weißen das Führen und Betreten von Opiumhöhlen
verboten, die mit Prostitution und Glücksspiel assoziiert wurden. Hierin fügt sich auch der Chinese Exclusion Act (1882), der die Migration aus China faktisch aussetzte und zur Marginalisierung der chinesischen communities beitrug.
Rassismus zieht sich durch die Drogenpolitik der USA
Mit der Anerkennung der Jim-Crow-Gesetze durch den Obersten Gerichtshof der USA (1896),
die Rassentrennung rechtlich fixierten, und einer erhöhten Nachfrage nach Arbeitskräften in den
Fabriken des Nordens und Mittleren Westens setzte die sogenannte Erste Große Migration
(1910-40) ein. Es ist kein Zufall, dass zu dieser Zeit das Narrativ des kokainabhängigen Schwarzen
aufkommt. 1914 veröffentlichte die New York Times einen vielzitierten Artikel, der von Übergriffen
auf weiße Frauen in den Südstaaten fantasierte, die das direkte Resultat von Kokaineinfluss auf Schwarze Männer sei. Erneut ging es um Rassentrennung, Zugang zu Arbeitsmärkten
und die Kontrolle rassifizierter Körper auch abseits einer juristisch expliziten Rassentrennung.
Mit dem Ende der Prohibition 1933 fokussierten sich die ehemaligen Alkohol-Fahnder vor allem
auf Marihuana, das diskursiv zur „Killerdroge“ avancierte. Eine zentrale Figur hierbei war Harry
Anslinger, der Leiter der 1930 gegründeten Bundesbehörde für Betäubungsmittel. In seiner
Propaganda vermischen sich Rassismus und Sexismus mit christlichen Untertönen, die zum
Fundament der US-amerikanischen Drogenpolitik wurden. Nixons politischer Berater und Watergate-Mitverschwörer John Ehrlichmann gab 1994 in einem Interview an, dass der Krieg gegen die Drogen auf
die Kriminalisierung der Friedensbewegungen und der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung abzielte.
Zeitgenössische Debatten der Black Panther zeigen, dass sie diese Strategie nur allzu gut verstanden
hatten. Die Parteiregeln waren in Bezug auf Drogen strikt, und Michael Tabors formulierte
die eingängige Formel „Kapitalismus plus Drogen gleich Völkermord“.
Der Kampf gegen die Drogen war Teil des Widerstands – für Gesundheit und in der Abwehr polizeilicher Übergriffe. In den 1980ern verschärfte Reagan den Krieg gegen die Drogen deutlich. Der Anti-Drug Abuse Act (1986) führte schwerste Strafen für den Besitz und Verkauf von Crack ein. Das Strafmaß lag bei 100:1 im Gegensatz zu herkömmlichem Kokain; später sollte Obamas Fair Sentencing Act das Verhältnis auf 18:1 reduzieren. Mit dem Anti-Drug Abuse ging auch die Einführung von Mindeststrafen
einher, 5 Jahre Knast für 5 Gramm Crack. Drogenpolitik und Masseninhaftierungen gehen Hand in Hand: Ab Ende der 80er Jahre und in den 90er Jahren hatte diese Politik verheerende Folgen für die Schwarze Bevölkerung.
Masseninhaftierung mit verheerenden Auswirkungen
Angesichts der Ausbreitung von Meth stiegen auch die Inhaftierungen weißer Unterschichten.
Derweil zeigt die Opioid-Krise der letzten 20 Jahre eine klassistische Politik, gesponsert von der
Pharmalobby, die traditionell zu den Top-Spendern der Parteien bei jedem Wahlkampf gehört.
Anstatt Armut, krankmachende Arbeitsbedingungen, miserable Umweltfaktoren und die Ursachen
für psychosoziale Belastungen anzugehen, verschreiben Ärzt*innen schwerste Schmerzmittel.
Die Fentanyl-Krise ist das konsequente Resultat dieser Politik. Während Trump offen über Militäreinsätze gegen Kartelle in Mexiko nachdenkt, kommt der Großteil ihrer Waffen aus den USA.
Eine Recherche von The Intercept hat in Mexiko sichergestellte Patronenhülsen in eine Fabrik des US-Militärs zurückverfolgt. In der Vergangenheit waren auch Modelle von Heckler & Koch in den Händen bewaffneter Banden gelandet. Letztlich sind Widersprüche eine Konstante: Während in den 60ern die antikommunistische Kuomintang das sogenannte Goldene Dreieck, die Grenzregion zwischen Myanmar, Laos und Thailand, zum Zentrum der globalen Heroinproduktion machten, verkauften in den 80er Jahren Contras, eine antikommunistische Gruppierung in Nicaragua, während ihres schmutzigen Krieges gegen die sandinistische Regierung tonnenweise Kokain in den USA.
„Kartelle gibt es nicht“
Und so fließen Gelder nicht nur in die Waffenschmieden des globalen Nordens, die praktischerweise
alle Beteiligten ausrüsten: In undurchsichtigen Finanzströmen verschränken sich Geheimdienste, Drogengelder und Hochfinanzen, wovon beispielsweise die Panama Papers zeugen. Eine transnationale Geldwaschmaschine für Profite aus vielfältigsten Schattenwirtschaften, nicht nur im Drogenhandel. Die enge Verzahnung der Akteure zeigt auch das Beispiel des mexikanischen Kartells Jalisco Nueva Generación, das illegale und semi-legale Quecksilberminen kontrolliert und dieses für den illegalen Goldabbau unter anderem nach Peru schmuggelt. Der Literaturwissenschaftler und Journalist Oswaldo Zavala stellte dazu die These auf, dass Kartelle nicht existieren. Was existiere, sei eine staatlich geschaffene Struktur, die die Bildung bewaffneter Gruppen und ökonomischer Ausbeutungsprozesse duldet. Narco-Femizide und die sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen sind ebenso integraler
Bestandteil dieser zutiefst patriarchalen Struktur (siehe LN 618).
Und während die USA die größte Anzahl an Gefangenen weltweit hat, sind die Gefängnisse Lateinamerikas und der Karibik die Vollsten mit einer durchschnittlichen Belegungsrate von 160%. Die Region hat auch die höchste Rate inhaftierter Frauen. Im Kampf gegen die Drogen werden Frauen härter und im Verhältnis öfter bestraft, allem voran, wenn sie arm sind. Wer also über Ausbeutungsverhältnisse nicht reden will, sollte zu organisierter Kriminalität schweigen. Ob nun – laut UN Sonderberichterstatter – völkerrechtswidrige Tötungen im Pazifik, Noboa, der US-amerikanische Waffen und Söldner kauft, oder militarisierte Polizeirazzien in brasilianischen Favelas, die in einem Massakerenden – all das hat nichts mit Sicherheit zu tun. Wenn Menschen ohne rechtliche Grundlage und gegen Bezahlung in Bukeles Vorzeigeknast abgeschoben werden, dann ist das Menschenhandel.
Und wenn Frauen in Ciudad Juárez verschwinden? Das interessiert einen Trump, der auf
Epsteins Insel verkehrt, nicht im Geringsten. Die Logik der zunehmenden Militarisierung, freundlich
unterstützt von Big-Tech-Unternehmen, ist ein gutes Geschäft und Vehikel einer autoritären
Wende. „Narcoterrorismus“ ist also vor allem nützlich und profitabel. Die tiefverankerten Kreisläufe aus Gewalt und Korruption sind real und komplex. Und wir sollten diese Komplexität nicht leugnen. Inzwischen hat die Logik des Krieges offensichtlich nur zur Zunahme an Tod, Inhaftierungen und einem
wachsenden Fluss an Drogen geführt. Sie reduziert alle Komplexität in „Freund und Feind“. Und
wer sind die Feinde gemessen an den Toten und Inhaftierten? Im Großen und Ganzen stets die
Schwächsten und die Ränder der Gesellschaft. Und während alle paar Jahre ein „Drogenbaron“ medienwirksam aus seinem Unterschlupf gezogen wird, warte ich noch auf die spektakuläre Verhaftung eines weißen Anzugträgers auf der Wall Street.
Oder darauf, dass Politiker*innen bei einer Drogenrazzia mit nacktem Oberkörper vom Gelände des Bundestags abgeführt werden. Der Krieg gegen die Drogen ist ein Klassenkampf von oben. Er ist Ausdruck rassistischer sowie imperialistischer Politiken und tiefgreifender kolonialer Strukturen. Von Peru über Kolumbien nach Mexiko bis in die Bronx, ob in den Favelas in Rio, oder großen Umschlagplätzen wie Marseille oder Napoli, Widerstand ist immer Selbstbehauptung. Die Selbstbehauptung gegenüber Politiken, die anhand rassifizierter, vergeschlechtlicher, klassistischer Linien kriminalisieren und in letzter Instanz zwischen dem Recht auf Leben und Tod unterscheiden. Und deswegen frage ich erneut: wer sind nun die Terrorist*innen?
















