// Das Gespenst der Genderideologie geht um

Queere Themen haben mit der Realität der Menschen in Lateinamerika doch reichlich wenig zu tun. Die sind bei LN total überrepräsentiert“, etwa so lautete eine Rückmeldung eines ehemaligen LN-Lesers vergangenes Jahr nach dem Pride-Heft. Doch warum gibt es auch ein Jahr später wieder ein Heft mit dem Schwerpunktthema Queerness? Zunächst, weil die Behauptung, es gäbe kaum queere Menschen in Lateinamerika, natürlich nicht stimmt. Zum Anderen, weil das Leben und die politische Arbeit dieser Menschen einen Gegenentwurf zur heteronormativen, zweigeschlechtlich-patriarchalen Gesellschaftsordnung und ihren kolonialen und kapitalistischen Grundsätzen darstellt.

Am lateinamerikanischen Kontext lässt sich besonders gut sehen, dass die binäre Geschlechterordnung aus Mann und Frau konstruiert ist. Vor der Kolonisierung gab es eine größere Vielfalt an Auffassungen über die soziale Bedeutung von Geschlecht. Die weltweite Ausbreitung der Geschlechterordnung, die wir heute kennen, ist ein Produkt der Kolonialzeit. Queere Menschen stehen mit ihrer Art zu leben, zu lieben und mit ihren Körpern in Dissidenz zu dieser kolonialen Ordnung.

In den vergangenen Jahren vollzieht sich dabei an vielen Orten der Welt ein Wandel, der uns als Zeitschrift, die sich solidarisch mit Sozialen Bewegungen auseinandersetzt, beschäftigt. Während über einige Jahrzehnte liberale Tendenzen dafür sorgten, dass Regierungen queeren Menschen bis zu einem gewissen Grad Rechte zugestanden haben – eine Tendenz, die in Ländern mit eher progressiven Regierungen noch nicht ganz unterbrochen ist –, dreht sich der Wind nun: Konservative und ultrarechte Politik wird an vielen Orten wieder zur Norm, Unterdrückung nimmt auch in der Gesellschaft rohere Züge an.

Doch Queers haben historisch selbst unter diktatorischen Systemen überlebt und Wege gefunden, trotz Repression politisch aktiv zu bleiben. „Wir LGBT-Personen waren schon immer überall präsent, sogar unter dem Somocismo“, so der nicaraguanische Forscher David Rocha Cortez. Daher ist der Backlash zwar erschreckend, für Queers aber keine neue Situation. Sie sind ganz vorn dabei im Aufbau von Alternativen, ob direkt gegen den Faschismus und das Gespenst der Geschlechterideologie, oder unter (vermeintlich) positiver gesinnten Regierungen wie in Mexiko.

Die Frage, inwiefern die Integration in gesellschaftliche Normen oder die Anerkennung durch den Staat das Ziel queerer oder anderer Sozialer Bewegungen sein sollte, war dabei schon immer strittig. Manche haben klare Meinungen: „Wir sehen den Staat nicht mehr als funktional an. Wir glauben an niemanden, nur an Taten!“, sagt die Sexarbeiterin Elvira Madrid provokant im Interview.

Was über die großen Metadiskussionen, die alle Sozialen Bewegungen immer wieder führen, hinaus jedoch deutlich wird, ist, dass queere Aktivist*innen, eine zentrale Schnittstelle sind und wichtige Kommunikationsrollen mit anderen Bewegungen einnehmen. Sie machen weiter – mit historischen und neuen Allianzen. Ein Beispiel dafür ist die queere Gruppe der Landlosenbewegung in Brasilien, für die klar ist: Die Agrarreform und die Befreiung queerer Menschen gehören zusammen.

Queers kämpfen weltweit zwar wieder unter prekäreren Umständen um ihr Überleben, wenn die Regierungen immer weiter nach rechts wandern, aber sie belassen es nicht dabei: Sie wollen ein glückliches, würdevolles Leben, außerhalb der bestehenden Systemlogik. Darüber und über die vielen anderen politischen Beiträge von Queers werden die LN auch weiterhin berichten. Denn Queers gehören zu Abya Yala wie zu anderen Orten der Welt. Sie waren schon immer ein Teil von uns und werden es auch bleiben!


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Kulturkampf von
 oben rechts

Schreckgespenst Genderideologie Von Lobby kann man vor allem auf rechtskonservativer Seite sprechen (Foto: Johanna Fuchs)

„Ab heute sieht die offizielle Politik der Regierung der Vereinigten Staaten vor, dass es nur zwei Geschlechter gibt: männlich und weiblich.“ Es ist der 20. Januar 2025 und mit diesen Worten eröffnet Donald Trump seine zweite Amtszeit als Präsident. Fünf Tage nach Trumps Rede legt Argentiniens Präsident Javier Milei beim Weltwirtschaftsforum in Davos mit den Leitlinien für seinen Kulturkampf nach. Seine Rede hat Agustín Laje verfasst, er ist Geschäftsführer der Fundación Faro, einem lokalen Think Tank, der libertäre politische Führungskräfte ausbildet. „Sie wollen uns weismachen, dass Frauen Männer und Männer Frauen sind, nur weil sie sich selbst so wahrnehmen. Und sie schweigen dazu, dass ein Mann als Frau verkleidet seinen Rivalen im Boxring tötet, oder ein Häftling behauptet, eine Frau zu sein, und am Ende jede Frau vergewaltigt, die ihm im Gefängnis über den Weg läuft“, versichert Milei. Das Publikum aus Politiker*innen, Unternehmer*innen und Vertreter*innen der Zivilgesellschaft spendet seiner Rede nur spärlichen Applaus.

Der Geschlechterbinarismus ist ein wichtiger Bestandteil des politischen Programms der globalen extremen Rechten. Die Behauptung, es gebe ausschließlich zwei Geschlechter, soll von Staaten über Stiftungen bis hin zu NGOs, im privaten wie im öffentlichen Bereich gefestigt werden. Dazu instrumentalisieren rechte Akteure moralische Panik: In ihrer Erzählung können trans Personen in einem Gefängnis vergewaltigen oder ihren Gegner in einem Boxkampf töten, Schwule sind Pädophile und Feministinnen gewalttätig. In der Angst liegt der Kern der antifeministischen und anti-trans Erzählung, die konservative Gruppen weltweit unisono verbreiten.

In Argentinien löste Mileis Rede eine entschlossene Reaktion aus: Am 1. Februar 2025 fand der erste bundesweite antirassistische und antifaschistische Pride-Marsch statt (siehe LN 609), der bislang größte Widerstand gegen die Regierung von Milei und seine Partei La Libertad Avanza (LLA). Doch nur wenige Tage später unterzeichnete der Präsident das Dekret 62/2025, das Artikel 11 des seit 2012 in Argentinien geltenden Gesetzes zur Geschlechtsidentität änderte. Hormonbehandlungen und Operationen bei Minderjährigen sind fortan verboten. LGBTIQ*-Organisationen erklärten, dass mit dieser Ankündigung versucht werde, trans Menschen zu stigmatisieren: denn laut dem geltenden Gesetz durften chirurgische Eingriffe auch bisher nur bei volljährigen Personen durchgeführt werden.

Konservative Bündnisse verfolgen in ihrem „Kulturkampf“ eine facettenreiche Strategie, und ihre koordinierten Angriffe haben einen gemeinsamen Feind: die „Gender-Ideologie”, wie sie die feministische Bewegung abwertend bezeichnen. Nuria Alabao, Anthropologin und Forscherin zu Feminismus und Rechtsextremismus, beschreibt in ihrem Buch Las guerras de género (Die Geschlechterkriege), wie sich Ende der 1960er Jahre das Bündnis zwischen Liberalen und religiösen Konservativen entwickelte. „Wenn man von Geschlechterkriegen spricht, darf man nicht vergessen, dass Geschlecht für die Strukturierung der gesellschaftlichen reproduktiven Ordnung zentral ist. Das heißt, es organisiert beispielsweise die Pflege und die Reproduktion der Arbeitskräfte im kapitalistischen Sinne“, erklärt die Autorin und wagt eine Hypothese: Die extreme Rechte versucht, politische Fragen auf die Ebene eines moralischen Konflikts zu verlagern.

Moralische oder materielle Debatte?


Wenn sich Wirtschaft und Moral verbinden, um den Fundamentalismus vergangener Zeiten und die traditionelle Familie zu fördern, muss die LGBTIQ*-Community als Sündenbock herhalten. Dazu bedienen sich Rechte ebenso verlogener wie wirkungsvoller Argumente: Der angebliche Schutz und die Fürsorge für Kinder vor einer „indoktrinierenden Sexualerziehung“; ein Gesetz zur Geschlechtsidentität, das „die Verstümmelung von Körpern fördert“, und Behandlungen, die „Frauen auslöschen“.
Hier gebe es ein „Spannungsfeld zwischen der elterlichen Verantwortung und der Genehmigung ür die staatliche Sexualerziehung. Die konservativsten Kreise wollen, dass die Erziehung zu Hause stattfindet. Und wer würde sie übernehmen? Die Frauen“, sagt Maria Luisa Peralta, lesbische Aktivistin und Expertin für internationale Politik, die die Debatten bei den Vereinten Nationen und der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) aufmerksam verfolgt.

„Das Ziel ist es, viele Dinge innerhalb der Familien zu privatisieren, damit sich der Staat aus der Bereitstellung dieser Dienstleistungen zurückzieht“, erklärt sie. In diesem Sinne ist das Gesetz zur Geschlechtsidentität ein attraktives Ziel für die extreme Rechte. Die Angriffe reichen von Lobbyarbeit im Kongress bis hin zu großen Zusammenschlüssen. Carolina Zabala stammt aus Neuquén und nahm im Mai 2025 an einer „Informationsveranstaltung gegen die Sexualisierung von Kindern und institutionelles Grooming“ des argentinischen Senats teil. Bei einer Ausstellung in der Schule ihrer Töchter sei ihr eine Zeichnung eines 8-jährigen Jungen aufgefallen: „Es war eine Gegenüberstellung, die zeigte, dass das, was früher ein Mädchen war, nun ein Junge sein konnte und umgekehrt. Allein den Gedanken, wie viel Schaden und Verwirrung man bei diesem Kind gesät hatte, konnte ich kaum ertragen“, erklärte sie bei der Veranstaltung, die von LLA-Senator Juan Carlos Pagotto und dem Verein Padres Unidos organisiert wurde. Veranstaltungen dieser Art finden häufig in den Sälen des Senats statt, dessen Präsidentin Victoria Villarruel ist.

Schnittstellen zu transfeindlichem Feminismus


Am 16. April 2025 fällte der Oberste Gerichtshof des Vereinigten Königreichs ein historisches und sehr umstrittenes Urteil, das die Definition des Begriffs „Frau“ im Gleichstellungsgesetz von 2010 präzisierte und damit trans Frauen vom Zugang zu Rechten ausschließt, die feministische Kämpfe errungen haben. Im Februar 2025 dann forderte die UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Reem Alsalem, Regierungen dazu auf, die rechtliche Definition des Geschlechts auf das biologische Geschlecht zu stützen. Das Völkerrecht schütze Frauen aufgrund ihres biologischen Geschlechts, nicht aufgrund ihrer subjektiven Selbstidentifikation, so Alsalem.

Laut Maria Luisa Peralta lehnen viele der Organisationen, die Alsalem unterstützen, Sexarbeit, Leihmutterschaft, und die Konzepte Geschlecht und geschlechtsspezifische Gewalt an sich ab. Die Verbindung zwischen ultrakonservativen Organisationen und Feminismus, der trans Personen ausschließt (TERF) ist laut Peralta nicht schwer herzustellen: „In dem von Alsalem erstellten Bericht über geschlechtsspezifische Gewalt wird unter anderem die Organisation Alliance Defending Freedom (ADF) genannt, eine konservative, christliche Organisation mit Sitz in den Vereinigten Staaten, die sich für Religionsfreiheit, Elternrechte, die Heiligkeit des Lebens und die traditionelle Ehe einsetzt.“

Eine weitere Organisation, die im Bericht als Quelle genannt wird, ist Matria, ein brasilianischer Verein, der laut eigener Aussage für den Schutz der Pubertät und des Frauensports und gegen die Manipulation der Sprache kämpft, die die Rechte von Frauen und Mädchen beeinträchtige. Die Women’s Liberation Front (WoLF) ist eine radikale feministische Organisation mit Sitz in den Vereinigten Staaten, die 2013 von Lierre Keith gegründet wurde. Viele der Frauen, die derzeit der Organisation angehören, werden zu Podiumsdiskussionen eingeladen, die von der Stiftung Atlas Network organisiert werden, Thinktanks, die den Liberalismus und die Prinzipien des freien Marktes fördern, sowie von der Heritage Foundation. Jennifer Chávez, Mitglied von WoLF, verlas dort einen Brief, in dem sie die zunehmende Sichtbarkeit und Akzeptanz von trans Personen als „eine gesellschaftliche Ansteckung im Internet“ bezeichnete.

Die von politischen Parteien gegründeten Stiftungen bilden eine fruchtbare Allianz im Kampf um die „kulturelle Vorherrschaft“. Das Herzstück, in dem Gespräche geführt und gemeinsame Strategien entwickelt werden, ist die Conservative Political Action Conference (CPAC), die 1974 zur Unterstützung der Republikanischen Partei in den USA gegründet wurde, um den Widerstand gegen die Legalisierung der Abtreibung zu organisieren. Die CPAC fand im Dezember 2024 zum ersten Mal in Argentinien statt, mit Präsident Javier Milei als Gastgeber. Der Gipfel diente als Plattform für Persönlichkeiten der globalen Rechten, wie Santiago Abascal (VOX) sowie Anhänger*innen Bolsonaros und Trumps, und offenbarte deren transnationale Vernetzung. Die Verbindung zum Trumpismus und damit auch die zentrale Rolle der Heritage Foundation ist entscheidend: Der Thinktank, der in der Vergangenheit Ronald Reagan oder Margaret Thatcher unterstützte, vertritt nicht nur ultrakonservative Interessen, sondern ist auch der Architekt des „Projekts 2025“, dem Fahrplan der Trump-Regierung für strenge Grenzkontrollen, erweiterte präsidiale Befugnisse und die Stärkung christlicher Werte und der traditionellen Familie einschließlich der Anordnung, nur zwei Geschlechter anzuerkennen.

Ultrakonservative in strategischen
 Positionen

Stiftungen liefern den Parteien nicht nur die ideologische Grundlage, sondern verleihen ihnen auch finanzielle und militante Stärke: In Europa organisieren sie sich über das Forum Madrid, insbesondere die spanische Partei VOX unter der Führung von Santiago Abascal, die eine finanzielle Symbiose mit ihrem Propagandaarm, der Stiftung Disenso, unterhält. Der Rechnungshof dokumentierte millionenschwere Überweisungen von VOX an Disenso und deckte damit auf, wie Parteigelder direkt in eine ultrakonservative und antifeministische Agenda fließen, um die europäische Politik zu beeinflussen. In Argentinien kopiert die Regierung von Milei diese Struktur mit der Fundación Faro.

Als Milei im Dezember 2023 sein Amt antritt, hat er keine Erfahrung in der öffentlichen Verwaltung und vertritt eine neue Partei, die bis kurz vor den Wahlen weder über ein örtliches Netzwerk noch über institutionalisierte wirtschaftliche oder soziale Unterstützung verfügt. In dem Buch Está entre nosotros von Pablo Semán taucht der Begriff des „Fusionismus“ auf, der entscheidend ist, um die Strategie und Identität der radikalen Rechten in Argentinien zu verstehen. Der Fusionismus bezieht sich nicht auf eine Zusammenführung auf ideologischer Ebene, sondern auf einen Mechanismus der politischen Koexistenz von unterschiedlichen historischen Strömungen der Rechten in Argentinien: Liberale sollen in strategische Positionen der Regierung gebracht werden, gleichzeitig werden Brücken zu den verschiedenen ultrakonservativen Sektoren im Land geschlagen.

Eine dieser Schlüsselpositionen ist das Kultussekretariat, das bis Ende 2025 von Nahuel Sotelo geleitet wurde, frischgebackener Abgeordneter für die Provinz Buenos Aires und Vertrauter von Santiago Caputo. Sotelo war im Amt auf den ehemaligen Abgeordneten aus Neuquén, Francisco Sánchez, gefolgt, der zum Red Política de Valores gehört – einer globalen Koalition von Politiker*innen und Führungskräften, die sich „der Verteidigung des Lebens und der Familie verschrieben haben“ – und deren Konferenzen Cumbres Transatlánticas unter anderem den ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán zu ihren Gastgebern zählten.

Eine weitere dieser Ernennungen betraf Ana Belén Marmora mit Vergangenheit in der ultrakatholischen Organisation Frente Joven im Sekretariat für Kinder, Jugendliche und Familie. Marmora stammt aus dem katholischen Extremismus der De La Torre in San Miguel, einer bekannten Hochburg der Anti- Rechte-Politik in der Provinz Buenos Aires. Marmora war dort tätig, bis sie ins Sekretariat für Menschenrechte berufen und Direktorin des Internationalen Zentrums zur Förderung der Menschenrechte (CIPDH) wurde.

Zu diesem Netzwerk gesellt sich die Wissenschaftlerin Úrsula Basset. Die Doktorin der Rechtswissenschaften an der Katholischen Universität Argentiniens (UCA) wurde aus dem Außenministerium entlassen, um in den Zuständigkeitsbereich des Justizministeriums zu wechseln. Im Jahr 2010 hatte sie das Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe als „zerstörerisch“ und „unvernünftig“ bezeichnet und spielte im Senat eine wichtige Rolle als Gegnerin des Gesetzentwurfs zum freiwilligen Schwangerschaftsabbruch.

„Argentinien hat das biologische 
Konzept der Frau gegen die
Genderideologie verteidigt”

Als eine Art Jahresrückblick 2025 veröffentlichte Agustín Laje einen ausführlichen Tweet, in dem er die „Erfolge“ des Kulturkampfes der Regierung aufzählte. „Argentinien hat das biologische Konzept der Frau gegen die Genderideologie verteidigt, die die Frau von der internationalen Agenda zugunsten des Konzepts ‚Gender‘ tilgen will“, so Lajes Kreuzzug gegen trans Personen, ganz im Einklang mit TERFs.
Doch welche politischen Spektren teilen die strategischen Ziele, die die Libertären im sogenannten Kulturkampf verfolgen, wirklich? Wie knüpfen sie an eine gesellschaftliche Stimmung an, die zum Faschismus neigt? Die antifaschistische und antirassistische Pride-Demonstration wurde von der LGBTIQ*-Community einberufen und war eine bundesweite Basisbewegung quer durch alle Lager, die eine oppositionelle gesellschaftliche Stimmung aufgegriffen hat.

Es bleibt abzuwarten, ob diese Stimmung in irgendeiner Weise wiederbelebt werden kann: als Ablehnung, als Hoffnung oder einfach als Ungehorsam gegenüber dem von der Regierung vorgeschlagenen Projekt, das nicht nur LGBTIQ*-Personen und Feministinnen ausschließt, sondern auch alte Menschen, Menschen mit Behinderung und Arme. Es ist diese Andersartigkeit, über die der Mantel der moralischen Panik gelegt wird, um eine Ordnung wiederherzustellen, die nur für wenige funktioniert.


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Jenseits des Widerstands

Vor der Polizeizentrale in Lima . Schon vier Mal organisierten trans Kollektive Proteste gegen Hassverbrechen (Foto: Blas de la Jara Plaza)

Nach den Wahlen 2021 in Peru sah es im Kongress schlecht für die LGBTIQ*-Community aus. Dies gilt insbesondere für die trans und nicht-binäre Bevölkerung. Sowohl innerhalb der rechten als auch der linken Fraktionen dominierten konservative Standpunkte deutlich den parlamentarischen Konsens. Abgesehen von einer progressiven Minderheit, zu der insbesondere die Kongressabgeordneten Susel Paredes und Ruth Luque gehören, hat die konservative Mehrheit die Gesetzgebung bestimmt. Das Gesetz zur Geschlechtsidentität, das von Marisa Glave und Indira Huilca in einer früheren Legislaturperiode (2016–2020) eingebracht wurde, schaffte es nicht einmal ins Plenum, um dort debattiert und verabschiedet zu werden.

Im Gegensatz dazu hat das derzeitige Parlament Initiativen verabschiedet, die die Gewalt gegen die trans Bevölkerung verschärfen. Dazu gehört das Gesetz 32331, das vorschreibt, dass öffentliche Toiletten nur entsprechend dem im Ausweis angegebenen Geschlecht genutzt werden dürfen. Darüber hinaus hat die christliche Kongressabgeordnete Milagros Jáuregui den Gesetzentwurf 12285 vorgelegt. Diese Initiative würde Hormonbehandlungen und geschlechtsangleichende Operationen vor dem 18. Lebensjahr verbieten. Zudem verabschiedete der Kongress das Gesetz 32535, das unter anderem zur Streichung der Leitlinien zur umfassenden Sexualerziehung aus dem Lehrplan führte und jeglichen Verweis auf die Geschlechtsidentität beseitigte.

Angesichts dieser schwierigen Lage ist die Beharrlichkeit des trans Aktivismus bemerkenswert. Seine Stärke liegt nicht zuletzt darin, dass er sich keineswegs als homogener oder festgefügter Block präsentiert. Vielmehr hat sich im Laufe der Zeit eine vielfältige und dynamische Organisationslandschaft herausgebildet: In mehr als der Hälfte der Regionen Perus sind heute trans Organisationen aktiv. Ihre Vielfalt zeigt sich sowohl im Grad der institutionellen Verankerung als auch in der Zusammensetzung der einzelnen Gruppen.

Große Vielfalt in Organisationsformen und Themen

Einige Organisationen werden überwiegend von trans Frauen getragen, andere richten ihren Fokus stärker auf die Anliegen von trans Männern. Wieder andere verstehen sich ausdrücklich als Räume für unterschiedliche Geschlechtsidentitäten und schließen auch nicht-binäre Personen ein. Und auch die Führungsrolle von trans Stimmen innerhalb von LGBTIQ*-Organisationen darf nicht außer Acht gelassen werden.
Überdies teilen die Gruppierungen nicht dieselben Interessen, Beziehungsräume oder aktivistischen Praktiken. So gibt es beispielsweise Kollektive, die eher mit Schönheitswettbewerben verbunden sind, während andere dem Ballroom nahestehen. Trans Männer haben einen anderen Bezugsrahmen und interne Diskussionen als trans Frauen, sodass es unterschiedliche Standpunkte zu Themen wie beispielsweise der Bewertung von Sexarbeit geben kann.

Ein Ausdruck der ideologischen Vielfalt sind zur Veranschaulichung die vier transfemininen Kandidaturen bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Jahr 2026. Sie verteilten sich auf drei Parteien, die von einer sozialdemokratisch geprägten Mitte (Partido Morado und Perú Primero) bis hin zu einer progressiven Linken (Alianza Electoral Venceremos) reichten. Leider erreichte angesichts eines Klimas politischer Zersplitterung keine der Kandidaturen einen Sitz im Kongress für die Legislaturperiode 2026–2031.

Was den Aktivismus allerdings trotz aller Unterschiede vereint, ist der Kampf um Identität. Und die Auswirkungen dieses Kampfes lassen sich an konkreten Fällen nachvollziehen. Im Mai 2024 führte das peruanische Gesundheitsministerium die Einstufung von Transsexualität und Transvestismus unter Anderem im Kapitel „Psychische und Verhaltensstörungen“ der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme als „psychische Störung“ ein. Die Bestimmung orientierte sich an einer veralteten Klassifizierung der WHO (CIE-10). Nach strategischen Druckmaßnahmen gelang es den verschiedenen Kollektiven, noch im selben Jahr, eine Rücknahme der Regierungsbestimmung zu erreichen. Klar ist, dass der Geist der Mobilisierung weiterhin lebendig ist. Allein im Jahr 2026 fand bereits im Februar der vierte Protestmarsch gegen Hassverbrechen und Ende März die erste Ausgabe der trans Demo in Lima statt, ein disruptiver Protest, der beim Transfest, einem Festival für kleines Unternehmertum, Musik und Politik im Distrikt Barranco endete.

Um den Tisch versammelt Aktivistinnen beim ersten nationalen Treffen von trans Frauen (Foto: Samantha Guevara)


Den Kampf dezentralisieren, den Blick neu ausrichten

Angesichts der enormen multikulturellen Vielfalt Perus ist es entscheidend, die lokalen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Die Herausforderungen, denen sich eine trans Organisation in einer Region im Regenwald stellen müsste, sind nicht dieselben wie die einer Organisation in Lima, einer riesengroßen Wüstenstadt am Pazifik. Dies bestimmt die Mobilisierungsstrategien und die für die Gemeindearbeit verfügbaren Ressourcen. Auch wenn der Zugang zu Unterstützungsnetzwerken in der Hauptstadt andere Dimensionen annimmt, sollte man nicht davon ausgehen, dass dies eine Überlegenheit bedeutet. Es ist jedoch bekannt, dass sich in Lima seit langem etablierte feministische NGOs, Gesundheitsforschungszentren und Büros für internationale Zusammenarbeit konzentrieren. Dieses Umfeld bietet Partner, die Allianzen ermöglichen, um langfristig Bestand zu haben.

Trotz der geografischen Herausforderungen machen die Organisationen weiterhin Fortschritte bei der Verbesserung der Dezentralisierung ihrer Arbeit. In diesem Sinne hat das Netzwerk Red Trans La Libertad (Nordküste) seinen Sitz in der Regionalhauptstadt Trujillo, arbeitet jedoch eng mit kleineren Gruppen von trans Personen in den benachbarten Provinzen Ascope und Viru zusammen. Féminas, eine seit über zehn Jahren in Lima tätige Organisation für trans Frauen, arbeitet mit autonomen Gruppen in Cusco (südliches Hochland), Arequipa (südliches Hochland) und Loreto (Amazonasgebiet) zusammen.

Trans Aktivismus vom Regenwald bis in die Hauptstadt

Fraternidad Transmasculina wurde in der Stadt Arequipa gegründet und verfügt ebenfalls über Vertreter*innen in Cusco und Callao (Zentralküste). Darüber hinaus organisierte ATTTPE (spanische Abkürzung für Vereinigung der Travestis, Transgender und Transsexuellen Perus) im Jahr 2025 ein nationales Treffen von trans Frauen, an dem mehr als 50 führende Aktvist*innen aus verschiedenen Regionen des Landes in Lima teilnahmen. Das Kollektiv transmaskuliner und nicht-binärer Personen Diversidades Transmasculinas (DTM) führt Projekte wie Constelaciones (Konstellationen) durch, das Menschen an der Küste, im Hochland und im Regenwald des Landes besser verbinden soll.

Außerdem ist wichtig zu beachten, dass sich das Spektrum der Akteur*innen nicht nur je nach geografischer Lage unterscheidet. Auch die organisatorische Tradition spielt eine entscheidende Rolle. So lassen sich auch matriarchalische Strukturen erkennen, in denen im Allgemeinen eine oder mehrere erfahrene Anführerinnen als angesehene Mütter fungieren, die sich um das Wohlergehen ihrer transweiblichen Gemeinschaft kümmern. Die verstorbene Luisa Revilla, die erste trans Stadträtin im Bezirk La Esperanza (Trujillo, La Libertad), galt beispielsweise als Mutter der Gemeinschaft rund um das Netzwerk Red Trans La Libertad, das heute von ihrer Tochter und Nachfolgerin Jazmin Goicochea geleitet wird. In diesem Sinne bringt jede Gruppe trans Personen ein Geflecht aus Zuneigung und Wissen für die Mobilisierung mit sich.


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“Las disidencias sexuales nunca estuvieron fuera de la historia”

David Rocha (Foto: Privat)

Vos hacés parte de un pequeño grupo de historiadores e investigadores dedicados a examinar las vidas de la población LGBTIQ* en los siglos pasados, durante dictaduras y revoluciones. ¿Por qué es importante excavar estas memorias?
Yo quería tener una representación más cercana de mi vida. Tenía las historias de gays de películas, pero era todo muy gringo. Como estudiante en La Habana, a los 19, 20 años, me preguntaba: ¿Qué pasó en Nicaragua?, ¿Dónde están ellos? Quería que otras generaciones sí pudieran tener referentes más cercanos territorialmente. Fuera de lo personal, ¿Por qué importa pensar en el pasado? Porque las matrices culturales que sostienen este presente están cimentadas en el pasado. Hay cosas que no nacieron de hoy, tienen un fundamento en el pasado y hay que sacar lección de todo eso para poder seguir y propiciar un horizonte más amplio.

¿Cómo navegaba la población LGBTIQ* en Managua la vida dentro de la dictadura de Somoza? ¿Cómo podemos imaginarnos ser LGBTIQ* bajo la dictadura somocista?
La gente del barrio, heterosexuales y homosexuales, se entendían, se respetaban entre sí. Había un sentimiento positivo hacia las personas homosexuales, los cochones. No encontré dinámicas despectivas, encontré que eran personas que tenían un lugar, ya sea como cocineros, como vendedores, como peluqueros. Eran personas lindas, había admiración a ese nivel, con la gente del barrio. Pero por parte del Estado somocista había una política de persecución y cárcel. La Guardia Nacional seguía a las personas que eran abiertamente afeminadas y las metía presas. La Ley contra la sodomía se aprobó en el 1972, luego entró en recesión por un tiempo y se activó nuevamente en la época de la “democracia”, entre comillas, en la época de doña Violeta (de Chamorro).

¿Qué significaron los procesos revolucionarios para la población LGBTIQ* centroamericana?
A las personas LGBT revolucionarias, como a toda la ciudadanía, no las pensaban como un sujeto individual, sino como ciudadano colectivo. Sus aspiraciones estaban de lado: lo importante era hacer la revolución. Luego, al menos en el caso nicaragüense, lo que abrió el conflicto fue la aparición del VIH y el sida en 1987. Eso marcó un hito para que las personas LGBT se terminaran de colectivizar. Nicaragua es el primer lugar de Centroamérica donde un contingente de personas de la disidencia sexual marchó públicamente, en el marco del décimo aniversario de la Revolución Popular Sandinista en 1989. Pero las personas LGBT siempre hemos estado en todas partes, incluso en el somocismo. Ellas no estaban fuera del Estado, ni de los lugares de poder. Muchas personas LGBT también ocuparon cargos dentro del sistema del gobierno revolucionario.

Vos hacés teatro e investigás sobre teatro. ¿Qué papel histórico tuvo esa expresión cultural durante las dictaduras en Centroamérica en el siglo pasado?
Depende, porque ha existido un teatro institucional, más ligado al sistema, que ha estado en los escenarios principales de los contextos dictatoriales. Pero por supuesto, hay otro teatro que es el teatro más incómodo, el más crítico, que ha estado fuera. Esto es un asunto del teatro en sí mismo, así ha sido siempre su historia. La censura muchas veces lleva a que aparezcan otras formas de hacer arte, otras formas de tratar de decir las cosas. 

Y esos espacios incómodos en medio de contextos autoritarios, ¿también eran espacios para la población LGBTIQ* en ese entonces?
Las artes en Centroamérica han estado plagadas de maricones, llenas de personas LGBT. Eso estoy investigando desde hace unos años. Veo cómo desde inicios del siglo XX hasta los años 60, 70, hay toda una generación de homosexuales que escribieron, que pintaron, que actuaron; personas abiertamente homosexuales que tuvieron incluso cargos de poder en estos sistemas militares y autoritarios. Su obra está llena de un lenguaje codificado, y hoy los leemos, los recitamos y los nombramos en la escuela y en todos lados. Arturo Ambrogi, en El Salvador, por ejemplo, tiene una obra de un desdoblamiento homoerótico fantástico, fabuloso. O Walter Beneke, que fue un político muy famoso de las épocas de los gobiernos militares, y que escribió teatro, en el que se ve que era homosexual o bisexual. En Nicaragua están Rolando Steiner (nota de la redacción: dramaturgo nicaragüense) o el gran pintor y escritor Alberto Ycaza, que era homosexual.

Después de todo lo que pasaron las sociedades centroamericanas en las viejas dictaduras, estas se encuentran en una nueva era de regresión autoritaria. ¿Cómo podemos sostenernos ante el autoritarismo?
En estos momentos, uno debe encontrar luz, paz y mucho afecto en lo cotidiano: ese espacio pequeño donde uno puede ser, donde uno puede hacer, donde uno puede decir. Esos espacios luminosos, que reconfortan, son espacios que uno debe cuidar. Esas redes, esos amigos, esas amigas, esas familias escogidas o no escogidas, esos abrazos. El mundo se está acabando. Todo se va a ir a la mierda. Pero, ¿y mi vida? Yo no quiero que se vaya así. Yo odio la palabra “resistir”. No estamos resistiendo, sino que seguimos subvirtiendo y trabajando por presentar un horizonte más amplio, para poder tener una vida más o menos digna.


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„Sexuell dissidente Personen waren schon immer Teil der Geschichte“

Geschichte queerer Menschen in Mittel­amerika sichtbar
machen. Rocha sucht nach Bildern, denen er sich näher fühlt (Collage von Lya Cuéllar)

Du gehörst zu einer kleinen Gruppe von zentralamerikanischen Forschenden, die das Leben der LGBTIQ*-Bevölkerung in den vergangenen Jahrhunderten, während Diktaturen und Revolutionen, untersuchen. Warum ist es wichtig, diese Erinnerungen wieder ans Licht zu bringen?
Ich wollte ein Bild von meiner Vergangenheit, das näher an mir selbst dran war. Ich kannte nur die Geschichten von Schwulen aus Filmen, alles sehr gringo. Als Student in Havanna, mit 19, 20 Jahren, fragte ich mich: Was ist in Nicaragua passiert, wo sind diese Menschen? Ich wollte, dass andere Generationen Bezugspunkte haben, die ihnen geografisch näher stehen. Abgesehen vom Persönlichen: Warum über die Vergangenheit nach­denken? Weil die kulturellen Grundlagen, die diese Gegenwart stützen, in der Vergangenheit verankert sind. Es gibt Dinge, die nicht erst heute entstanden sind, sondern ihre Wurzeln in der Vergangenheit haben, und aus all dem muss man Lehren ziehen, um weitermachen und einen breiteren Horizont schaffen zu können.

Wie können wir uns vorstellen, als LGBTIQ*-Person unter der Somoza-Diktatur zu leben?
Unter den Menschen im Viertel, Heterosexuellen wie Homosexuellen, herrschte Verständnis und Respekt. Es gab eine positive Einstellung gegenüber homosexuellen Menschen, den sogenannten cochones. Ich habe keine abwertenden Verhaltensweisen festgestellt: Sie waren Menschen, die ihren Platz hatten, sei es als Koch, als Verkäufer oder als Friseur. Auf dieser alltäglichen Ebene gab es eine Art Bewunderung unter den Menschen im Viertel. Aber seitens des Somoza-Regimes gab es eine Politik der Verfolgung. Die Guardia Nacional verfolgte Männer, die offen feminin auftraten, und sperrte sie ein. Das Gesetz gegen Sodomie wurde 1972 verabschiedet. Dieses Gesetz geriet für eine Weile in Vergessenheit und wurde in der Zeit der „Demokratie“ in der Zeit von Doña Violeta (de Chamorro, Anm. d. Red.) wieder aktiviert.

Was bedeuteten die revolutionären Prozesse für die LGBTIQ*-Bevölkerung in Mittelamerika? Revolutionäre LGBT-Personen wurden, wie alle Bürger*innen, nicht als Individuen betrachtet, sondern als kollektive Gemeinschaft. Ihre eigenen Bestrebungen traten in den Hintergrund: Das Wichtigste war, die Revolution zu vollziehen. Später, zumindest im Fall Nicaraguas, war es das Auftreten von HIV und AIDS im Jahr 1987, das den Konflikt auslöste. Dies war ein Meilenstein, der dazu führte, dass sich die LGBT-Personen endgültig als Gemeinschaft organisierten. Nicaragua ist der erste Ort in Mittelamerika, an dem eine Gruppe sexuell dissidenter Menschen im Rahmen des zehnten Jahrestags der sandinistischen Volksrevolution 1989 öffentlich demonstrierte. Aber wir LGBT-Personen waren schon immer überall präsent, sogar unter dem Somocismo. Wir standen weder außerhalb des Staates noch außerhalb der Machtzentren. Viele LGBT-Personen besetzten auch Positionen innerhalb des revolutionären Regierungssystems.

Du machst Theater und forschst zum Thema Theater. Welche historische Rolle spielte diese Kunstform während der Diktaturen?
Das kommt darauf an, denn es gab ein institutionelles Theater, das enger mit dem System verbunden war und in den wichtigsten Bühnen der diktatorischen Regime vertreten war. Aber natürlich gab es ein anderes Theater, das unbequemer und kritischer war und sich außerhalb dieses Systems bewegt hat. Das ist eine Eigenschaft des Theaters an sich, so war seine Geschichte schon immer. Zensur führt oft dazu, dass neue Formen des künstlerischen Schaffens entstehen, neue Wege, sich auszudrücken.

Waren diese kritischen kulturellen Räume inmitten autoritärer Kontexte damals auch Freiräume für die LGBTIQ*-Bevölkerung?
Die Kunstszene in Mittelamerika war schon immer von maricones (Schimpfwort für Schwule, welches als Selbstbezeichnung angeeignet wurde, Anm. d. Red.) geprägt, voller LGBT-Menschen. Damit beschäftige ich mich seit einigen Jahren. Vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 60er und 70er Jahre gab es eine ganze Generation von Homosexuellen, die schrieben, malten und Theater machten; offen homosexuelle Menschen, die in diesen militärischen, autoritären Systemen auch Machtpositionen innehatten. Ihre Werke sind voller verschlüsselter Sprache und heute lesen wir sie, rezitieren sie und lernen in der Schule davon. Arturo Ambrogi aus El Salvador hat ein Stück von fantastischer, fabelhafter homoerotischer Vielschichtigkeit geschaffen. Oder Walter Beneke, ein sehr berühmter Politiker aus der Zeit der Militärregierungen, schrieb Theaterstücke, die klar zeigen, dass er homosexuell oder bisexuell war. In Nicaragua gab es auch Rolando Steiner (nicaraguanischer Dramatiker, Anm. der Red.) oder den großen Maler und Schriftsteller Alberto Ycaza, der homosexuell war.

Nach allem, was die zentralamerikanischen Gesellschaften durchgemacht haben, befinden sie sich nun in einer neuen Ära des autoritären Rückschritts. Wie können wir in diesem Kontext weitermachen?
Gerade jetzt muss man Licht, Frieden und Zuneigung im Alltag finden: Einen kleinen Raum, in dem man einfach sein kann, in dem man tun kann, was man will, in dem man sagen kann, was man denkt. Diese leuchtenden, tröstenden Räume muss man pflegen, Netzwerke, Freunde, Freundinnen, gewählte oder nicht gewählte Familien, Umarmungen. Die Welt ist scheiße, alles wird den Bach runtergehen. Aber was ist mit meinem Leben? Ich will nicht, dass es so endet. Ich hasse das Wort „Widerstand“. Wir widerstehen nicht, sondern wir untergraben weiterhin das Bestehende und arbeiten daran, einen weiteren Horizont zu eröffnen, um ein mehr oder weniger würdiges Leben führen zu können.


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Land, Leben, LGBTIQ*

„Einfach machen“ (Foto: Geraldo Magela/Agência Senado)

Die MST ist eine Landarbeiter*innenbewegung, die seit über vierzig Jahren für drei Grundsätze kämpft: die Agrarreform des Volkes, den Zugang zu Land für den Anbau von biologischen und gesunden Lebensmitteln sowie den sozialen Wandel. Die Bewegung ist in 24 der 27 Bundesstaaten Brasiliens organisiert und umfasst 450.000 Familien. Ihre Organisationsform gliedert sich in Zeltlager und Siedlungen. Das Lager ist die erste Phase, in der ein Land, das seine soziale Funktion nicht erfüllt, besetzt wird. Die nachfolgende Phase, die Siedlung, tritt ein, wenn das Land von dem Nationalen Institut für Kolonisierung und Agrarreform (Instituto Nacional de Colonização e Reforma Agrária, Incra) anerkannt und offiziell als Gebiet der Agrarreform ausgewiesen wird. Zu den 14 Sektoren der MST gehört auch die Gruppe LGBTIQ* Sem Terra, die sich dafür einsetzt, Queerfeindlichkeit in den eigenen Reihen und in der Gesellschaft zu bekämpfen. Nach Angaben der Organisation selbst „führt die MST einen antikapitalistischen, antipatriarchalen und antirassistischen Kampf und versteht, dass ihre Siedlungen und Lager Orte ohne Queerfeindlichkeit sein müssen“.

Sie waren schon immer dabei

Die 1984 gegründete MST hat erst 2018 offiziell ein LGBTIQ*-Kollektiv ins Leben gerufen – drei Jahre nach dem Seminar „Die MST und sexuelle Vielfalt“, das 2015 an der Escola Nacional Florestan Fernandes in der Metropolregion São Paulo stattfand. Doch die LGBTIQ*-Personen „waren schon immer präsent, waren schon immer Teil des Aufbaus dieser Organisation“, betont Kelvin Nicolas, Mitglied der nationalen Koordination der MST für das LGBTIQ*-Kollektiv. Früher, so sagt er, waren die LGBTIQ*-Personen in anderen Bereichen der MST tätig, vor allem in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Pflege. Kelvin beschreibt sich selbst als „einen jungen Schwarzen mit dunkler Hautfarbe, einen homosexuellen cis Mann. In dieser Reihenfolge“. Er ist kam in seinem elften Lebensjahr zur MST, nachdem seine Mutter in einer Zeitung der Stadt Piracicaba, im Bundesstaat São Paulo, einen Artikel über ein Lager der MST gelesen und beschlossen hatte, Teil davon zu werden. Es war das Lager Nelson Mandela. Heute lebt er im Lager Marielle Vive in der Stadt Campinas, ebenfalls im Bundesstaat São Paulo.

Er berichtet, dass auf dem 6. Nationalen Kongress der MST im Jahr 2014 das Thema der Volksagrarreform diskutiert wurde, wobei man den Kampf um Land historisch und aus der Perspektive des Klassenkampfes betrachtete und zu dem Schluss kam, dass die klassische Agrarreform nicht mehr möglich sei. Im Seminar von 2015 wurde dann diskutiert, wer das Subjekt der Agrarreform sei und unter welchen Bedingungen sie sich verwirklichen lasse. In dieser Diskussion wurde der Begriff der Familie hinterfragt, denn er umfasste nur die heteronormative Familie. Hier wurden oft feministische Leitlinien befolgt, zum Beispiel in Fällen von Ehescheidungen, in denen der Frau der Vorrang beim Behalten des Grundstücks gegeben wurde. Doch gleichgeschlechtliche Paare wurden selten mitgedacht; „Wie stellen wir uns zwei Männer auf dem Grundstück vor? Oder zwei Frauen? Oder wie stellen wir uns andere Familienformen vor, denn diese gibt es auch auf dem Land?“, fragt Kelvin. Eine der Schlussfolgerungen der Diskussion war der Slogan: „Das Patriarchat zerstört, der Kapitalismus führt Krieg, das Blut der LGBTIQ* ist auch das Blut der Landlosen“.

Heute gibt es einen konkreten Fortschritt: Das Incra, die zuständige Bundesbehörde für die Demarkierung von Agrarreformgebieten, erkennt im Grundbuch bereits die eingetragene Partnerschaft zwischen zwei Männern und zwei Frauen an, was nur durch den Kampf der Landlosen erreicht wurde. Der LGBTIQ*-Sektor der Bewegung versucht dabei nicht nur, die queere Agenda sichtbar zu machen, sondern auch die LGBTIQ*-Feindlichkeit direkt zu bekämpfen – und das vor allem durch Bildung.

Der Fokus liegt auf Bildung Aufklärung über Vielfalt (Foto: Arquivo MST Ceará)

Vorurteile bekämpft man durch 
Bildung

Marcelo Mattos ist ein Schwarzer, queerer Mann aus dem Nordosten Brasiliens und seit über 30 Jahren bei der MST aktiv, wo er sich in den LGBTIQ*- und Kulturkollektiven engagiert. Er lebt im Lager 25 de Maio in der Stadt Madalena im Bundesstaat Ceará. Da er in einer von Vorurteilen geprägten Gesellschaft wie der brasilianischen mit so vielen Stigmatisierungen zu kämpfen hat, ist er davon überzeugt, dass Homo- und Transfeindlichkeit nur durch breite Bildung bekämpft werden können. Er schloss sein Journalismusstudium an der Universidade Federal do Ceará (Bundesuniversität von Ceará) im Rahmen des Pronera (Programa Nacional de Educação na Reforma Agrária), eines landesweiten Bildungsprogramms für die Agrarreform ab, das aus dem Kampf der Landarbeiter*innenbewegungen, insbesondere der MST, für die Ausbildung junger Menschen hervorgegangen ist. Für Marcelo gilt: „Wenn wir ein Land besetzen, bauen wir nicht nur Zelte, sondern auch eine Schule.

Das Recht auf Bildung ist ebenfalls ein Kampf.“ Wenn eine Siedlung oder ein Lager errichtet wird, sind die Menschen, die dort leben, genau wie andere Personen von Vorurteilen, die sie aus der Gesellschaft mitbringen, geprägt. Eine Aufgabe, die sich die MST selbst stellt, ist es, diese Menschen aufzuklären, damit sie in Vielfalt und ohne Vorurteile zusammenleben können. „Die Siedlungen und Lager befinden sich inmitten dieser kapitalistischen, sexistischen Gesellschaft. Daher sind dort auch die Laster dieser Gesellschaft präsent“, erzählt Marcelo. Und von da an beginnt ein sozialer Wandel: „Wenn die Menschen ankommen, durchlaufen sie einen Bildungsprozess; sie verändern ihre Weltanschauung durch die Erfahrungen des Zusammenlebens. Wir LGBTIQ*-Personen sind Teil davon. Man kann uns nicht unsichtbar machen.“ Selbst in einer ländlichen Umgebung, in der queere Menschen stärker stigmatisiert werden, erzählt Marcelo, dass er sich von den anderen Landarbeiter*innen nicht nur akzeptiert, sondern auch respektiert fühle. „Sie lernen, Respekt zu zeigen. Sie lernen zu erkennen, dass wir Menschen sind, die auch Rechte haben.“ Für die Landarbeiter*innen der MST ist das Endziel ihres Kampfes der Sturz des Kapitals. Das Kapital, so sagt Marcelo, zerstöre Leben und Natur, und deshalb müsse man es bekämpfen. Und in diesem Kampf gegen das Kapital darf man nicht diejenigen übersehen, die an vorderster Front stehen: Frauen, Schwarze, queere Menschen.

„Es kann keinen sozialen Wandel geben, es kann keine Volksagrarreform geben, ohne das Patriarchat auf dem Land zu bekämpfen. Es kann keine gesellschaftliche Transformation geben, ohne die Queerfeindlichkeit zu bekämpfen, die untrennbar mit diesem kapitalistischen Gesellschaftssystem verbunden ist und als Weltan­schau­ung, vor allem als konservative Weltan­schau­ung, verinnerlicht ist“, meint Marcelo.

Denn die Ungleichheit in Brasilien, vor allem wenn wir an den Zugang zu Land und an Rassismus denken, hat einen historischen Ursprung: die mehr als 300 Jahre Sklaverei, in denen Schwarze Menschen afrikanischer Herkunft an Großgrundbesitzer verkauft wurden. Das Hauptproblem besteht darin, dass es nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1888 keine Entschädigungsmaßnahmen oder Landzuteilungen für die ehemals Versklavten gab, die am Rande der Gesellschaft zurückblieben – ohne Land, ohne Arbeit und stigmatisiert. Dies ist auch ein Diskussionsthema innerhalb der MST. Wie Kelvin betont, ist es wichtig, „den Rassismus innerhalb der Organisation zu thematisieren, der untrennbar mit der Agrarfrage in Brasilien verbunden ist“.

Der Kapitalismus wird als Wurzelsystem der Unterdrückung dissidenter Körper verstanden, also derjenigen, die nicht in die patriarchale, cis-heteronormative Logik passen. Marcelo erinnert daran, dass gerade „die drei Ziele“ der MST – Land, Agrarreform und Sozialismus – „dazu führen, dass LGBTIQ*-Subjekte die Möglichkeit eines besseren Lebens aufbauen. Denn die wird es nur dann geben, wenn wir alle Teil dieser Weltvision sind“. In dem Land, das weltweit die höchste Mordrate an queeren Menschen aufweist, geht der Widerstand auch von Basisorganisationen aus. „Wir erleben gerade eine Welle des Konservatismus in der brasilianischen Gesellschaft, eine Polarisierung, in der sich Rechtsextremisten das Recht anmaßen, anderen Menschen ihre Rechte zu nehmen“, skandalisiert Marcelo. „Diese LGBTQI*-Personen in der MST, in den Bewegungen der Via Campesina, sind eingebunden in den Kampf ums Überleben.“ Tatsächlich erlebt Brasilien eine Gewaltwelle gegen LGBTIQ*-Menschen. Im Jahr 2025 wurden laut der Grupo Gay da Bahia (GGB) 257 gewaltsame Todesfälle registriert, was einem Todesfall alle 34 Stunden entspricht. In diesem Kontext hebt Kelvin eines der Hauptziele der queeren Gruppe hervor: „Uns am Leben zu erhalten“. Und genau deshalb strebt die MST danach, einen Ort ohne Gewalt zu schaffen, an dem der Kampf um Land und die Achtung der Vielfalt Leitlinien sind.

„Einfach machen“

Kelvins Meinung nach hat das Kollektiv anderen queeren Kollektiven in Lateinamerika viel beizubringen. Vor allem aufgrund des internationalistischen Charakters der MST, die bestrebt ist, Kämpfe auch über die nationale Grenze hinaus zu unterstützen: „Wenn wir darüber nachdenken, welchen Beitrag das LGBTIQ*-Kollektiv der MST für andere Organisationen in Lateinamerika leisten kann, dann denke ich, dass es der Mut und die Kreativität beim Handeln sind. Ich glaube, es gibt Dinge, die wir erst kennenlernen und ausprobieren werden, wenn wir sie einfach machen. Natürlich ist der erste Schritt, sicherzustellen, dass wir am Leben bleiben, denn tote Menschen ändern nichts. Sie dienen als Inspiration, als Symbol, aber man muss am Leben sein, um die Realität zu verändern.


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