SUBTILER RASSISMUS

1990 wohnte ich sechs Monate in Rio de Janeiro, in einem Apartment in Leme, dem ruhigen Teil der Copacabana. Nur einmal kurz die Straße und den Berg hoch kam die nächste „Favela“: Chapeu Mangueira. Der Stadtteil, schon damals mehr „Arbeitersiedlung“ denn ein Schauplatz extremer Armut, wurde durch Benedita da Silva bekannt, erste schwarze Frau im Kommunalparlament, später im Landesparlament, noch später im Senat. Fast vor deren Haustür wurden drei Jugendliche erschossen, von denen einer ein Kadett war, der Landgang hatte. Sein Ausbildungsoffizier verbürgte sich für ihn und seinen guten Ruf (kein Drogendealer!) ein und setzte sich dafür ein, dass dieser Mord aufgeklärt würde. Vermutlich war es die Kombination aus militärischer Intervention und der Prominenz von Benedita da Silva, die den Fall bekannt machte. Aufgeklärt wurde er dennoch nie. Die Jugendlichen wurden aus einem fahrenden Auto heraus erschossen, vermutlich Zufallsopfer, vermutlich eine „Nachricht“, die der Forderung nach Schutzgeldzahlungen Nachdruck verleihen sollte.

Einen ganz ähnlichen Fall hat Fernando Molica zum Ausgangspunkt seines Romans Schwarz, meine Liebe gewählt, der bereits 2005 auf Portugiesisch unter dem Titel Bandeira negra, amor erschienen ist: Drei Jugendliche werden in der Favela Borel tot aufgefunden, vor ihrem Tod wurden sie offensichtlich gefoltert, einer von ihnen hatte einen Vertrag mit einem englischen Fußballverein in der Tasche. Schnell kommt der Verdacht auf, dass es sich nicht um „Drogenhändler in einem Bandenkrieg“ handelte, sondern die Polizei selbst in den Fall verwickelt ist. Und ähnlich wie im wirklichen Leben gestaltet sich die Aufklärung schwierig, auch die internen polizeilichen Ermittlungen.

Hauptfiguren dieses Romans, der nur am Rande Krimi ist oder sein möchte, ist das unwahrscheinliche Duo und heimliche Liebespaar Fred – schwarzer Rechtsanwalt und Menschenrechtsaktivist – und die weiße Majorin der Militärpolizei Beatriz. Unabhängig voneinander ermitteln sie in ihren jeweiligen Sphären, heimlich tauschen sie Informationen aus und eröffnen Molica so die Perspektiven, um sich dem eigentlichen Romanthema zu nähern: Alltagsrassismus in Brasilien. Denn Fred hat, bevor er der respektable Rechtsanwalt Dr. Frederico Cavalcanti de Souza wurde, alle Phasen einer Erziehung durchlaufen, die darauf abzielte, ihn „weißer“ zu machen, einschließlich des allnächtlichen Gebrauchs einer Schlafhaube, um die „schlechten Haare“ zu glätten. Noch immer verwechselt ihn die weiße Mittelschicht trotz seines gutsitzenden Anzugs am Ausgang des Restaurants gerne mit dem Parkplatzwächter – die Hautfarbe ist Uniform genug. Unter diesen Umständen die Beziehung mit einer weißen Militärpolizistin offen zu leben, ist für beide ausgeschlossen.

Geschrieben ist Schwarz, meine Liebe fast ausschließlich in langen inneren Monologen. Fernando Molica, seit 1982 Journalist in verschiedenen Zeitungen, dem TV-Sender O Globo und aktuell für Rádio CBN in Rio de Janeiro, verwendet eine kraftvolle, brasilianische Alltagssprache für seine Figuren, die in der Übersetzung leider ein wenig verloren geht. Nicht weil sie schlecht übersetzt wäre, sondern weil jenseits des Slangs der Jugendkulturen oder des Mundartlichen keine ähnlich kraftvolle deutsche Alltagssprache existiert. Mit seinem zweiten Roman hat sich Molica mehrerer großer Themen angenommen und entführt uns gleichzeitig an wenig bekannte Orte der „wunderbaren Stadt“ Rio de Janeiro.

 

VON ZERQUETSCHTEN FLIEGEN UND MENSCHENBREI

„Bei der Jagd auf Fliegen sind die wichtigsten Fähigkeiten Schnelligkeit und Beweglichkeit. Wenn du schnell bist und fest zuschlägst, wird sich die Fliege in einen organischen Brei verwandeln, der nicht im Entferntesten mehr an ein Lebewesen erinnert. Man jagt Fliegen zum Spaß, das Amüsement rechtfertigt auf dieser Welt alles, aber man zerquetscht sie auch aus Ekel, da sie dort hinfliegen, wo sie nicht hinfliegen dürfen, und das ärgert uns.“ Die Fliegen-Analogie ist nicht die einzige, die in Antonio Ortuños Die Verbrannten zwischen der Tierwelt und den zentralamerikanischen Migrant*innen, die Mexiko durchqueren, aufgestellt wird. Sie sind Kakerlaken, die zerquetscht werden müssen, gescheuchtes Vieh auf der Reise zum Schlachthof, das anschließend durch den Fleischwolf gezwängt wird.

Irma, genannt La Negra, eine Sozialarbeiterin der Nationalkommission für Migration, wird nach einem Brandanschlag in das fiktive Santa Rita versetzt, ein unscheinbarer, fehlkonstruierter Ort an der Grenze zu Guatemala. Der Anschlag galt der örtlichen Herberge für Migrant*innen auf der Durchreise in die USA. Irma soll die Angehörigen und wenigen Überlebenden mit Infoblättern versorgen und ein standardisiertes geheucheltes Beileid aussprechen. Desillusioniert und verzweifelt ob der Untätigkeit ihrer Beamtenkollegen im Angesicht der immer neuen Angriffe und Massaker in der Herberge, versucht Irma gemeinsam mit dem Journalisten Joel Luna eines der überlebenden Opfer zu schützen: Yein, eine junge Frau, die auf eine fast schon mystische, epische Art als Racheengel stilisiert wird.

Santa Rita ist jedoch nur ein Teilaspekt des extrem vielstimmigen Romans. Seine größte Stärke sind die eingestreuten Kapitel, die den Bewusstseinsstrom des frustrierten und hasserfüllten Vaters  der Tochter Irmas wiedergeben. Gesellschaftsfähiger Rassismus und moralische Verkommenheit werden so denunziert.

Im Stile von Bolaños monumentalen Roman 2666 schildert Ortuño mit medizinischer Präzision unfassbare Gewaltszenen, die besonders darum Übelkeit verursachen, weil sie nicht fiktiv sind, und weil sie mehr als nur die Wertlosigkeit eines Menschenlebens bedeuten. Zentralamerikanische Migrant*innen werden zum Objekt der Macho-Gewaltfantasien, des Machtwahnsinns und der Machtdemonstration degradiert. Insofern erfüllen die „Verbrannten“ eine ganz besondere Funktion zum Erhalt des Systems, aus dessen Teufelskreis scheinbar kein Entkommen möglich ist. Das wichtigste Glied in der Kette ist dasjenige, das seinen Wert durch die eigene Austauschbarkeit erhält, durch die Logik der Massenware.

Eigentlich ist Die Verbrannten trotz der thrillerhaften Motive der Jagd und Rache, des latenten Spannungsaufbaus und eines furiosen Finales kein Krimi, sondern ein Bericht einer Gesellschaft, die bis ins letzte Glied korrumpiert ist und in der Vertrauen zu schenken immer ein Fehler ist.
Für Migrant*innen in Mexiko ist ein Entkommen aus der Hölle so gut wie unmöglich. Zwar beschreibt Ortuño Mexiko als „ein Land voller Opfer mit Tigerzähnen und -krallen“ – die Umkehrung von Opfer- und Täterrollen mag somit vereinzelt zu einer makabren Rehumanisierung der Opfer führen. Ihr Widerstand, wie auch der Irmas und des Journalisten, spielen jedoch innerhalb „der sieben Kreise der mexikanischen Hölle“ keine Rolle. Der Fleischwolf Mexiko mahlt immer weiter, seine Einzelteile sind genau so austauschbar wie die Menschen, die er verschlingt.

DER SILBENREITER

Ende der neunziger Jahre sagte Gonzalo Rojas, damals schon über 80-jährig, sein Leben lang habe er nichts Anderes getan, als die Welt in Silben auszusprechen. Klangliche, rhythmische Physis ist es denn auch, was sein umfangreiches Werk kennzeichnet, während er von der Erotik bis zur Gesellschaftskritik eine Bandbreite an Themen zum Gegenstand seiner Dichtung machte. Nun ist es in erster Linie seinem Übersetzer und Freund, dem Bremer Romanisten Reiner Kornberger, zu verdanken, dass einhundert Jahre nach der Geburt des Dichters in Lebu im Süden Chiles und nach dem Band Das Haus aus Luft (Bremen, 2005) eine zweite zweisprachige Gesamtschau mit dem Titel Atemübung. Gedichte aus sieben Jahrzehnten erschienen ist.

Ein Drittel der Gedichte wurde, laut Vorbemerkung, aus Das Haus aus Luft übernommen, dagegen handele es sich bei den übrigen um bisher unveröffentlichte Übertragungen. In diesen ist in der Tat eine erstaunliche Treue zum Dichter zu erkennen, nicht nur im rhythmischen Fluss und den Zeilensprüngen, sondern auch, weil sich Kornberger an entscheidenden Stellen dichterische Freiheiten erlaubt und dennoch mit dem „Hohl des Meeres / Hohl des Himmels“ zu einer nahezu wörtlichen Übersetzung zurückkehrt. Die zweisprachige Ausgabe ist für Lyriklesende ein Geschenk, da für des Spanischen annähernd Kundige die Originalstimme des Dichters volltönend erfahrbar ist und zugleich das zuvor in seiner Bedeutung vielleicht nur vage Erahnte in der deutschen Version eines Kenners Präzision erlangt. Unterteilt ist das Buch in sieben Abschnitte, die nach emblematischen Gedichten betitelt sind und an sich schon neugierig machen. So finden sich gleich am Anfang bei „Rudernd im Rhythmus“ Gedichte, die der silben-malerischen Poetik von Gonzalo Rojas besonders entsprechen, während zum Beispiel unter „Der Hubschrauber“ seine politischen Gedichte zusammengefasst sind. Erhellendes bieten die sorgfältigen und dabei überschaubaren Anmerkungen im Anhang des Bandes, leichtfüßigen Genuss dagegen die Illustrationen des lebenslangen engen Freundes Rojas‘, Roberto Matta, dessen durchscheinende Figuren-Miniaturen über die Seiten trippeln, hier dreiköpfig ein geflügeltes Lachen aufsetzen, dort den fragenden Zeigefinger heben.

Obwohl Gonzalo Rojas zu den herausragendsten und am meisten mit Preisen geehrten chilenischen Dichter*innen zählt, ist er in Deutschland kaum bekannt. Dabei verbrachte er nach Pinochets Militärputsch zwei Jahre im Exil in Rostock und kehrte auch danach immer wieder nach Deutschland zurück. Selbstverständlich fehlt auch in Atemübung nicht sein Gedicht „Domicilio en el Báltico – Ostsee-Domizil“, das ihm Kritik nicht zuletzt von Seiten seiner eigenen Landsleute einbrachte, weil er seinen Frust äußerte, als politischer Emigrant aus Chile von der DDR zwar in allen Ehren empfangen und mit einem Universitätslehrstuhl versehen worden zu sein, aber ohne Lehrerlaubnis, da er ungenehme Namen wie Borges und Octavio Paz auf seine Seminarliste setzte. Rojas entfloh der Enge und setzte sein Exil in Venezuela fort. Solcherlei Lebensdaten finden sich zum einen am Ende des Gedichtbands, zum anderen aber in der wunderbar plastischen Einführung zu Leben und Poetik des Dichters, verfasst von seiner französischen Biographin Fabienne Bradu. Ein rundherum schönes Buch, das sich immer wieder an beliebiger Stelle leselustvoll aufschlagen lässt.

ZWISCHEN TRAUM UND TRAUMA

Der Psychiater, die Nonnen, ihr Vater: Alle haben für Margarita einiges an Zuschreibungen parat. Ein pathologischer Fall sei sie, eine neurotische Nymphomanin, neurologisch geschädigt, erkrankt an Anorexie, Bulimie, Soziopathie, Hysterie und Legasthenie. An Letzterem stört sie sich am meisten. „Falsch, ich habe überhaupt kein Problem mit dem Lesen oder dem Leseverständnis, ich bin auch keine zwanghafte Lügnerin, wie die Direktorin sagt, ich gebe der Wirklichkeit einfach einen Hauch Kunst. Wie langweilig wäre sie, wenn niemand sie phantastisch machte…“
Die Mexikanerin Lucero Alanís hat die Geschichte der Erzählerin laut Übersetzerin Christiane Quandt aus den Aussagen verschiedener Frauen geformt. Margarita ist tatsächlich sehr viel auf einmal und lebt in vielen Welten gleichzeitig. Sie ist Zwillingsschwester, die gewaltsam von ihrem Gegenpart getrennt wurde, Tochter eines übergriffigen Vaters und einer misshandelten Mutter, rebellische Klosterschülerin, missverstandene Patientin, außergewöhnliche Künstlerin und Traumwandlerin.

Die collagenhafte, in poetischer Prosa verfasste Ich-Erzählung findet auf verschiedenen zeitlichen und räumlichen Ebenen statt, die nicht klar voneinander zu trennen sind. Da ist die Psychiatrie, da ist die Klosterschule, in der Margarita alternative Versionen biblischer Szenen in den Sekretär der Oberin kerbt und wo mit ihr gar ein Exorzismus durchgeführt wird. Und da ist das Elternhaus, in dem ihre Zwillingsschwester wegen ihrer blonden Haare und der blauen Augen bevorzugt wird, so sehr, dass der Vater beschließt sich seine eigene Tochter zur Frau zu nehmen, während Margarita als Hausmädchen fungiert und nicht mit am Tisch essen darf, da ihr Anblick dem Vater schlechte Laune bereitet.

Diese Aneinanderreihung von Klischees über Rassismus, Sexismus und das Trauma sexueller Gewalt im engsten Familienkreise ist keineswegs plump. Im Gegenteil sind Margaritas Worte von grausamer Aktualität: „Pater Tarsicio hat mir nämlich immer gesagt, alles werde uns aus Liebe verziehen, wie die Liebe, die er angeblich für mich fühlt, wenn er mich in die Sakristei führt und ich weglaufe und es den Schwestern erzähle und sie sich empören und mir niemand glaubt und ich am Schluss diejenige bin, die ihn gereizt hat.“ Die Angewohnheit, Opfer sexueller Gewalt in Täterinnen zu verwandeln, ist noch immer eine ganz normale gesellschaftliche Praxis. Ganz im Sinne der kruden Logik des „Irgendwas wird sie schon gemacht haben“ wird Frauen die biblisch verankerte Rolle der rücksichtslosen Verführerin aufgezwungen.

Margarita setzt sich viel mit männlichen „Wahrheiten“ über Weiblichkeit auseinander. Wenn auch ihr Tonfall naiv scheint, sind es ihre Handlungen keineswegs. Sie nimmt die Rolle der Liebhaberin an, wenn sie sich mit dem Klostergärtner vergnügt und verfällt nie in Selbstmitleid, sondern rechnet stattdessen knallhart mit der Scheinheiligkeit derjenigen ab, die eigentlich für ihr Wohlbefinden verantwortlich sein sollten. Der beklemmenden Atmosphäre ihrer Käfige entflieht Margarita, indem sie sich eine bunte und zauberhafte Welt erträumt, in der weiße Kaninchen, grüne Hunde und ein Pegasus ihre Freunde sind. Sie spielt mit der Zeit, bewahrt ihre Jahre in einer Schublade auf, und mit der Sprache, versteckt die Betonung ihr verhasster Worte zwischen den Laken und schert sich nicht um Syntax. Die Übersetzung meistert diese sprachlichen Eigenheiten der Erzählerin im Übrigen souverän.

Auf den ersten Blick ist Margaritas Geschichte die eines gescheiterten weiblichen Widerstands, schließlich ist sie Gefangene in einer Psychiatrie, ihr Leben ist von Verlusten und Isolation geprägt. Doch die Traumausflüge in eine Welt der Selbstbestimmung und des Glücks sind ihre persönliche Form der Ermächtigung, die das Ausmaß und die Wucht des Traumas zumindest manchmal in Zaum hält.

DER KLÜGERE FRAGT NACH

Schon immer fühlte sich Jeremías irgendwie unverstanden. Eine Kostprobe: „Mama, stimmt es, dass die ganze Erde sich langsam erwärmt. Es könnten die Pole abschmelzen. Macht dir das nicht Angst?“ Antwort: „Ob ich Angst vor Wärme habe? Wir bringen die Klimaanlage schon wieder in Gang.“

Jeremías ist acht Jahre alt und hat eine ganze Reihe Fragen, mit denen er sein Umfeld irritiert. Damit kommt er erwartungsgemäß in der Schule nicht gut an. Die harmlose Frage, was er werden möchte, nimmt er ernst. Er findet einen Freund in einem 80 Jahre alten Besitzer eines Buchladens, der ihn auf eine erste Fährte lenkt: das Schach spielen. Als eine Hochbegabung bei Jeremías festgestellt wird, eröffnen sich für ihn neue Möglichkeiten. Von nun an probiert der sympathische kleine Klugscheißer alles mögliche aus, um herauszufinden, was er mit seiner Begabung im Leben anfangen möchte. Jeremías ist zwar so klug wie Einstein, nur wo die Reise mit ihm hingeht, weiß er natürlich nicht. Der herrlich ehrliche und erfrischend freche Jeremías, von Martín Castro wunderbar gespielt, zieht die Zuschauer*innen spielerisch auf seine Seite.

Was die Komödie so sehenswert macht, sind neben den gelungen Charakteren, die ohne albernen Schabernack auskommen, vor allem die realen Themen aus dem Leben einer mexikanischen Familie. So möchte die Mutter ihren Schulabschluss nachholen, doch der Vater gibt seine Erlaubnis nicht. Jeremías versucht sie zu trösten, indem er erklärt, 48 Prozent der Bevölkerung habe keine abgeschlossene Schulausbildung. Derart schafft es der Film innerhalb einer angenehmen Erzählstimmung in der echten Welt zu spielen. Wohl aus diesem Grund ist er in Mexiko 2015 so erfolgreich in den Kinos gelaufen.

Jeremías – Zwischen Glück und Genie bedient sich gekonnt an der humoristischen Theke. Dabei bleibt vielleicht kein Muskelkater durch Lachkrämpfe zurück, aber es entsteht der beste Eindruck für eine gelungene Komödie: nicht nur veralbert worden zu sein.

CHILENISCHE ALLTAGSHELDEN

„Jede dieser Geschichten ist ein Ferngespräch mit der Vergangenheit“, heißt es auf dem Klappentext von Ferngespräch. Im Original ist der Bandtitel jedoch identisch mit dem der ersten Erzählung – „Eigene Dokumente“ – und spätestens der Satz „eigentlich will ich diese Datei schließen und für immer im Ordner Eigene Dokumente speichern“ lässt keinen Zweifel daran, dass es sich dabei um eine Anspielung auf einen Computerordner handelt. Jede Geschichte ist gewissermaßen ein Dokument in diesem Ordner. Ein Fragment, das sich einem persönlichen Erlebnis, einem Thema widmet und aus dem Ordner eine Art Erinnerungssammlung macht.

Nicht nur der Titel „Eigene Dokumente“, sondern auch die Ich-Perspektive mehrerer Geschichten legt eine autobiographische Lektüre nahe. Diese wird durch zahlreiche Details bestärkt, wie etwa, dass der Autor selber in der Kommune Maipú aufwuchs und im Instituto Nacional zur Schule ging, dass er an Cluster-Migräne leidet und sein Vater wegen Kurzsichtigkeit auf eine professionelle Fußballkarriere verzichten musste. Die Details geben dem Band Kontinuität. Die Geschichten sind aber genau so reich, wenn man jede nur für sich betrachtet.

Der rote Faden wird dabei durch die angesprochenen Themen abgesteckt: Diktatur und Erinnerung, Religion, sexuelle Erfahrungen, Männlichkeitsbild und Fußball, Literatur. Bei den Charakteren handelt es sich um Typen: Mal geht es um den Raucher, der an Migräne leidet, mal um den Schüler, der während der Diktatur aufwächst, umgeben von „diese[m] verdächtige[n], typisch chilenische[n] Schweigen […], das alles zudeckt“. Um den Literaturstudenten, der planlos durchs Leben streift und sich mit willkürlichen Jobs übers Wasser hält – bis er eine Nacht den Wasserhahn im Büro offen lässt und sich einen neuen Job suchen muss. Um den Jungen, der in einem katholischen Bildungssystem groß wird und Lieder einübt, „darunter das Vaterunser zur Melodie von ‚The Sound of Silence‘“. Um Liebende, die nicht wissen, dass sie lieben und um solche, die noch nicht wissen, dass sie es nicht mehr tun.

Bemerkenswert ist vor allem Zambras Sprache. Oft reflektiert er über Sprache und Schreiben, Computermetaphern und -bilder sind im ganzen Band sehr präsent. Mit einer fast mechanischen Präzision zählt Zambra oft scheinbar unbedeutende Details auf, die die Erzählungen anreichern. Sei es in der Szene, in der die Mutter Englisch lernt und stundenlang Kassetten mit sinnfreien Lektionen hört („der Mann sagte ‚These are my eyes‘ und die Frau antwortete ‚Those are your eyes‘“). Oder die Geschichte „Instituto Nacional“, wo die beschriebene Atmosphäre und die Art der Lehrer*innen an den Club der Toten Dichter erinnert.

Überhaupt können Leser*innen reichlich Popkultur- und Literaturreferenzen entdecken, aus Chile und anderswo. Die Protagonist*innen lesen sowohl Paul Celan, Emily Dickinson und Heinrich Böll, als auch Humberto Díaz Casanueva und Nicanor Parra. Sie hören Simon and Garfunkel und Radiohead aber auch Künstler*innen der Nueva Canción Chilena wie Violeta Parra oder die Bands Quilapayún und Inti Illimani. Und sind leidenschaftliche Fußballfans.

Ganz im Geiste seiner Geschichten ist Ferngespräch ein Buch für Menschen, die das Lesen lieben, die auf meisterhafte Sprachkniffe stehen und die noch über die Absurdität des Lebens und der Welt lachen mögen. Das Buch liest sich leicht, aber man nimmt sich gern mehr Zeit, um Wort für Wort, Zeile für Zeile, Geschichte für Geschichte, die fabelhafte Sprache Zambras zu genießen.

 

„ES BELIEBTE ZU GESCHEHEN“

„Du wirst dich an mich erinnern, wenn abends die Sonne versinkt. Du wirst es beweinen, doch dann wird es zu spät sein, für ein Zurück. Verfolgen werden dich die göttlichen Erinnerungen an gestern, quälen wird dich dein unglückliches Gewissen…“ Diesen Bolero singt, nein, haucht die Sängerin Violeta del Río in das „Mikrofon – jeder weiß, wie ein Mikrofon aussieht – unmittelbar vor, ja, fast zwischen ihren Lippen.“ War der „revolutionäre, katholische und arme naive junge Mann, der ich damals war“ schon über alle Maßen von Violetas Foto fasziniert, das ihn immer wieder zum Nachtclub La Gruta auf der Rampa zurückkehren ließ, so verfällt er ihr und der Magie ihres Auftritts nach dem ersten Konzert völlig.

Unter dem Titel der Kurzgeschichte Neun Nächte mit Violeta, hat der Unionsverlag nun die deutschsprachige Ausgabe dieser 2015 auf Spanisch erschienenen Sammlung von Leonardo Padura veröffentlicht. Der Band enthält 13 kurze Erzählungen, die zwischen 1985 und 2009 entstanden sind, die meisten in den 1980er und 1990er Jahren. Dabei zeigt Kubas international bekanntester Schriftsteller einmal mehr und mit jeder der Geschichten aufs Neue seine literarischen Qualitäten. Jede einzelne ist ein kleines literarisches Juwel, sprachlich meisterhaft, psychologisch vielschichtig, viele sind ein Roman in Kurzform.

Den Grundton der Sammlung schlägt der zitierte Bolero „Du wirst dich an mich erinnern“ ebenso an, wie der Titel der spanischen Originalausgabe „Es beliebte zu geschehen“, ein Zitat von Marc Aurel. Das Vergangene, das Unwiederbringliche, das schicksalhaft Geschehene ist das durchgängige Thema der vielfältigen Kurzgeschichten: War das Geschehene wirklich so schicksalhaft? Hat es wirklich keine andere Handlungsmöglichkeiten gegeben, die es erlaubt hätten, das Leben auf eine ganz andere Weise zu führen? Jede einzelne der Hauptfiguren stellt sich dieser Lebensfrage, wird „verfolgt von den göttlichen Erinnerungen“ und dem Gefühl der Schuld, die vor allem eine Schuld gegenüber den eigenen Träumen, den Wünschen und Hoffnungen der Jugend ist.

„Zu spät für ein Zurück“ ist es für fast alle, nicht nur die Jugendlichen, die geradezu in einen Mord hineinstolpern und, als Folge, auch in das Exil. Sicher zu spät ist es für Alborada Almanza, deren „glücklicher Tod“ – voller Guaventörtchen, Kaffee, Büchsenmilch und einem äußerst attraktiven Erzengel Raphael – sie zu der Erkenntnis bewegt, dass sie ihr Leben in Angst geführt hat, einer Angst „vor allem, auch davor, zu sterben.“ Wieder andere der Figuren stecken in einem Dilemma, wie der kubanische Soldat, der zwischen seiner Ehefrau in Kuba und seiner Geliebten in Angola steht.

Oder wie der Schriftsteller in der Erzählung Schicksal: Mailand-Venedig (via Verona), der mit der Entscheidung für oder gegen das Exil kämpft und diese zufälligen Zugbekanntschaften überlässt. Und auch wenn viele dieser Dilemmata „typisch kubanisch“ sind, weil sie durch das Exil von Freund*innen und Geliebten, die revolutionäre Pflichterfüllung, die Diskriminierung von Homosexuellen oder die schlechte Versorgungslage hervorgerufen wurden, so stellt Padura doch präzise, mit einer untergründigen Spannung und sehr unterhaltsam die universelle Frage nach individueller Handlungsfreiheit zwischen Schicksal und gesellschaftlicher Verpflichtung.

TANZEN GEGEN DIE SCHWERE DER GESCHICHTE

Die Menge tobt, während Systema Solar gehüllt in ihre selbstentworfenen Keith-Haring-aliken Superhelden-Outfits über die Bühne springen, fast fliegen. Kein Bein bleibt auf dem Boden – wie auch anders bei der Energie, mit der sie die Luft und das Publikum zum Kochen bringen.

So wie andere kolumbianische Größen wie Bomba Estéreo macht das selbst ernannte musikalisch-visuelle Kollektiv Systema Solar Musik, die traditionelle kolumbianische Folklore mit elektronischen und basslastigen Beats verbindet. Der Stil der siebenköpfigen Truppe stammt aus der Tradition der picós, der kolumbianischen DIY-Soundsysteme, die in den 50er Jahren in der Küstenstadt Cartagena zum Leben erwachten und seither lautstark die Straßenfeste der Karibikküste beschallen. Bunt bemalt, so wie das Cover des neuen Albums, das von William Gutiérrez, einem der berühmtesten Picó-Künstler gestaltet ist, erzählen die riesigen Boxen-Türme Geschichten. Geschichten vom rauen Alltag einer marginalisierten Bevölkerung, verwunden im bassigen Beat des Champeta, musikalischer Inbegriff afrokolumbianischer Widerstandskultur. Die spiegelt sich auch in der Musik von Systema wider. Ihre Texte sind politisch, kritisch, anklagend. Aber ihre Musik ist ein Fest.

Das bleibt das Besondere an Systema Solars zehnjähriger Musikgeschichte: ihre Einstellung. Ihr Alles-Ist-Möglich-Nein zum Nein, ihre Mission, den schweren Themen der Geschichte und Gegenwart ihres Kontinents mit einem Lachen und Tanzen entgegenzutreten. Bei Systema dient die Tanzfläche der Befreiung, mit einer Faust in der Luft und der anderen an der Hüfte wird die fiesta popular zur positiven Form des Protests ihrer rebellischen Tänzer*innen. Auch die Mitglieder des Band-Kollektivs sind nebenher vielseitig unterwegs, im kollektiven selbstorganisierten Radio Vokaribe, in ihrer eigenen ökologisch-sozialen NGO Intermundos, in sozialen Bildungsprojekten mit benachteiligten Jugendlichen – alles verbunden mit Straßenkultur, Musik und audiovisuellen Medien. Ihre Identifikation als musikalisch-visuelles Kollektiv ist Programm, ihre Visuals integraler Bestandteil von Konzept und Show.

Das neue Album Rumbo a Tierra ist mit seinen zwölf Tracks super kurz – nach nur knappen 45 Minuten kommt das Ende doch recht überraschend. Insgesamt mag es angesichts des Elektrocumbia-Hypes, der sonst die letzten Jahre aus Lateinamerika herübergeschwappt ist, vielleicht eher 2006 als 2016 anmuten. Aber Systema machen ihr Ding, unbeeindruckt von Modeerscheinungen und Zügen, auf die aufzuspringen sie gar nicht nötig haben.Frontmann Índigo hat ihr Projekt mal als eines beschrieben, bei dem die Musik der kolumbianischen Karibikküste mit der Welt in Dialog tritt.
Und so ist es. Musikalisch erforschen Systema auch auf ihrem neuen Album die traditionellen in sich bereits kulturell fusionierten Musikstile des Vallenato, Cumbia und Champeta und vereinen sie weiter mit elektronischen Sounds; sie experimentieren mit Hip Hop, Break Beats, sie samplen, rappen und scratchen. Hinzu kommen eine Vielzahl von Instrumenten, hie und da eine nordafrikanische Gimbri-Laute, eine Flöte aus Schilfen und Halmen, die obligatorische Caja Vallenata treffen auf mystische Geräusche des Regenwalds. Tiefe Trommeln sprechen von Freiheit und die Texte – ganz in Systema-Manier – von Mauern, die es einzureißen gilt, vom Tanzen gegen den Machismo, von den verheerenden Folgen des Bergwerks La Colosa in Cajamarca.

Diesen Sommer waren Systema Solar bereits auf Europa-Tour, aber sollten sie auf ihrem Kurs Richtung Erde noch mal in Eurer Nähe vorbeigeflogen kommen, lasst sie Euch nicht entgehen.

MIT DEN WAFFEN DES KRIMIS

„Ein großer Kahn, sehr elegant“ ist in der Perlenlagune verlassen aufgefunden worden, in jenem tropischen Waldgebiet nördlich von Bluefields mit seinen Flüssen, Nebenarmen, Lagunen und Seen. Auch wenn es am Anfang dieses Kriminalromans, bei dem die Betonung auf Roman liegt, nicht einmal eine Leiche, sondern nur ein paar Blutspritzer gibt, so ist den Ermittlern doch schnell klar, dass die Drogenmafia ihre Hände im Spiel haben muss:„Wer anders als die Drogenbosse kann es sich leisten, eine Yacht im Wert von einer halben Million Dollar einfach aufzugeben?“

Hauptfigur Inspektor Dolores Morales – übersetzt „moralische Leiden“ – ist unbestimmten mittleren Alters und Teil der Abteilung für Drogenkriminalität in Managua. Als Compañero Artemio hat er in der sandinistischen Revolution gekämpft, dabei ein Bein verloren und eine Prothese aus Kuba gewonnen, die zwar gut sitzt, deren hellrosa Vinyl aber schlecht zu seiner braunen Haut passt. Zusammen mit Unterinspektor Bert Dixon aus Bluefields, enger Freund und wegen seiner tadellosen Manieren Lord Dixon genannt, verfolgt er die Spur der verlassenen Yacht. Bei der geht es, so viel sei verraten, tatsächlich um Drogengeschäfte und einen Mord. Unterstützt werden die beiden Inspektoren von Doña Sofía Smith, auch sie eine ehemalige Stadtguerillera, die ihre Arbeit als Putzfrau im Polizeipräsidium „mit echter Parteidisziplin“ ausübt, in Wahrheit aber zu allen wesentlichen Erkenntnissen der Ermittlung beiträgt und auch vor Undercover-Aktivitäten nicht zurückschreckt.

Der Himmel weint um mich ist bereits 2008 auf Spanisch erschienen und spielt in der Amtszeit des nicaraguanischen Präsidenten Arnoldo Alemán, der von 1997 bis 2002 regierte und später wegen Korruption angeklagt wurde. In einer Phase, in der der Präsident „neue Supertankstellen“ in Serie einweiht und dabei vom Polizeichef begleitet wird, zieht sich – rund zwanzig Jahre nach dem Sieg der Sandinist*innen – die Spur des Verfalls der Integrität und der Korruption bis in höchste Polizei- und Regierungskreise. Aber längst nicht alle sind davon betroffen. So ist Comisionado Selva, Chef von Inspektor Morales, „ein seltenes Exemplar in diesen Zeiten, allzu aufrecht und ehrlich, fast bis zur Lächerlichkeit, so als habe er den Pfadfindereid abgelegt. Deshalb störte er auch einige seiner Kollegen in der obersten Leitung und beunruhigte andere.“

Auch viele der ehemaligen Compañeros legen Skrupel und Loyalitäten ab und tauschen „die frühere Treue zur Ideologie gegen die Treue zur revolutionären Staatsmacht“. Dabei schrecken sie nicht einmal vor Verrat gegenüber den ehemaligen Kampfgefährten zurück, um die eigenen Interessen nicht zu gefährden. Autor Sergio Ramirez, selbst nach dem Sturz der Somoza-Diktatur Mitglied der fünfköpfigen Regierungsjunta und von 1984 bis 1990 Vizepräsident, schmerzen diese Zustände erkennbar. Und so nutzt er das Genre des Krimis für eine genaue Beschreibung des Managuas dieser Zeit mit all seinen Ungleichzeitigkeiten von Luxus und Armut, Beschädigung und Aufbau, Loyalität und Verrat, durch die sich Inspektor Morales in seinem blauen Lada bewegt. Dass die Aufklärung des Falls sich dabei eher langsam entwickelt, fällt angesichts der Fülle der genau gezeichneten Schauplätze, Personen und Handlungsstränge wenig auf. „Wir sind Zeugen, und als solche sind wir auch Chronisten. Die Zeitgeschichte liegt seit je im Wesen unseres Schreibens, und nie war es möglich, private Geschichten abseits von der großen Bühne der Zeitgeschichte zu erzählen,“ dieses Credo von Sergio Ramirez prägt seinen Roman Der Himmel weint um mich.