LYRIK AUS LATEINAMERIKA

un mal entendido lleno de encanto

nunca pensé
en las partículas que no provienen de las centrales eléctricas y nuestros automóviles

era un sitio sorprendente
lleno de encanto
magia y un exquisito estilo personal

me he quedado encantado con la decoración y
con el trato recibido
y a la gente con la que he viajado también le ha encantado

estaba usando mi crema hidratante normal

pero cuando empecé a volver a casa para las vacaciones y en el día de acción de gracias para visitar a mi familia
inmediatamente noté que mi piel empezaba a irritarse de nuevo

nunca antes pensé en la polución cosmética
en las partículas que no provienen de las centrales eléctricas y nuestros automóviles.

 

 

ein Missverständnis voller Zauber

ich habe nie
an jene Partikel gedacht die nicht von Kraftwerken und unseren Autos stammen

es war ein überraschender Ort
voller Reiz
Magie und einem exquisiten persönlichen Stil

die Dekoration hat mich verzaubert und
die Gastfreundlichkeit
und die Leute mit denen ich gereist bin waren ebenso verzaubert

ich benutzte zu der Zeit meine ganz normale Feuchtigkeitscreme

doch als ich anfing, über die Ferien oder zum Erntedankfest nach Hause zu reisen
um meine Familie zu besuchen
merkte ich sofort dass meine Haut sich wieder entzündete

ich habe vorher nie an kosmetische Verschmutzung gedacht
an die Partikel die nicht von Kraftwerken und unseren Autos stammen.


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LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Nulípara de hoy

Tiene diecisiete sobrinos de parte de hermanos y primos;
seis ahijadas de bautizo;
un par de bebés, que patrocina, en un orfanatorio;
un título universitario nacional;
dos títulos internacionales:
uno de doc y otro de post-doc;
tres libros bien publicitados;
algún piso, ganado o heredado, con vista al mar;
en fin,
maternidad holgada mas no vacía;
gracias a una madre que la parió
a un mundo, personalísimo y librepensante, que no le exige útero.

(Del libro inédito: De mujeres hembra)

Heutige Kinderlose

Siebzehn Familiensprosse durch ihre Geschwister, Cousins und Cousinen;
sechs getaufte Patenkinder;
ein paar Babys, die sie sponsert, in einem Waisenhaus;
ein Universitätsabschluss im eigenen Land,
zwei im Ausland:
durch ein Doc- und ein Postdoc-Programm;
drei gut beworbene Buchpublikationen;
eine Wohnung, gekauft oder geerbt, mit Meerblick;
kurzum,
Muttersein auf die bequeme Art und doch nicht leer;
dank einer Mutter, die sie verdammt nochmal in eine Welt gebar,
so selbstbestimmt und frei, dass frau ihren Uterus nicht einsetzen muss.

(Aus der unveröffentlichten Anthologie: Von weiblichen Frauen)


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LYRIK AUS LATEINAMERIKA

De mis ojos claros se desprende
un gran proyector que
gira en la oscuridad

a lo largo de las calles
vómito
orines
sexo barato
charcos de sangre
fanatismo y dinero coagulados

las ciudades apestan
y yo enmudezco

hasta que el ojo del huracán sale
de mis pulmones
emito palabras de granito
justicia
y del mismo amasijo
pan
en la burbuja azul
donde todos somos agua envuelta
en cristales de colores.

 

Aus meinen hellen Augen fährt sich
ein großer Scheinwerfer aus
und tastet durchs Dunkel

entlang der Straßen:
Erbrochenes
Urin
billiger Sex
Blutlachen
gestocktes Geld und Fanatismus

die Städte stinken
und ich verstumme

bis das Auge des Sturms hervortritt
aus meinen Lungen heraus
artikuliere ich Wörter aus Granit:
Gerechtigkeit
und aus demselben Teig
Brot
in der blauen Kugel
wo wir alle Wasser sind, umhüllt
von vielfarbigen Lichtbrechungen.


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LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Gramsci y Valéry en la biblioteca
del Círculo de Estudios Sociales
creado en Ingeniero White en 1899
por el grupo anarquista “Libres Pensadores”

Parte de lo que hay, en la estructura de los andamios
que sostiene a los pintores de los tanques de la ESSO,
es un problema de sintaxis: ni mucho más ni mucho menos.

 

Gramsci und Valéry in der Bibliothek
des Arbeitskreises für soziale Studien,
gegründet 1899 in Ingeniero White
von der Anarchistengruppe “Freidenker”

In der Struktur der Baugerüste, die die Anstreicher
der Esso-Tanks trägt, gibt es unter anderem
ein syntaktisches Problem; nicht mehr und nicht weniger.


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LYRIK AUS LATEINAMERIKA

OMBLIGO
lo otro es lo propio

(Narciso Narciso Narciso
descubrió en su reflejo aquel mismo
ombligo
de
Caínabel)

lo propio es lo otro

NABEL
das andere ist das eigene

(Narziss Narziss Narziss
entdeckte in seinem Spiegelbild denselben
Nabel
des
Kainabel)

das eigene ist das andere

 


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LYRIK AUS LATEINAMERIKA

AMANECER

A esta hora sólo pájaros
sin sombra
en descenso al centro
de su universo
antiguo reino del fuego
de lo absoluto
una melodía estalla en medio del alba
y el nuevo día despierta al vértigo
mientras un único temblor inunda los cuerpos.

 

De Paisaje suspendido (Inédito)

 

 

TAGESANBRUCH

Zu dieser Stunde nur Vögel
ohne Schatten
im Sturzflug zur Mitte
ihres Universums
altes Feuerreich
des Absoluten
eine Melodie durchbricht das Morgengrauen
und der neue Tag erwacht zum Schwindel
während ein einmaliges Beben die Körper erfasst.

 

Aus: Erstarrte Landschaft (unveröffentlicht)

 


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LYRIK AUS LATEINAMERIKA

[…]
les dije yo soy poeta
y nadie quería bailar conmigo
les juro que soy poeta
y tengo el hígado en los puños
como la mandíbula de nínive que encontramos en la basura
de los estudios de cine en el noventayocho
Hace falta música pero nadie me quita las ganas de bailar
cada que me atan las muñecas mis caderas empiezan a girar
mecánicamente como un trompo
como el peor de los huracanes
[…]

[…]
ich sagte ich sei Dichter
da wollte niemand mit mir tanzen
ich schwöre ich bin Dichter
und trage die Leber in der Faust
wie den Kiefer Ninives auf den wir neunundachtzig
im Müll der Kinostudios stießen
Es fehlt Musik aber niemand nimmt mir die Lust zu tanzen
wann immer sie mich an den Handgelenken fesseln beginnen meine Hüften
mechanisch wie ein Kreisel zu kreisen
wie der heftigste der Hurrikane
[…]


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LYRIK AUS LATEINAMERIKA

KATZEN
für mercedes
III
Die Katzen, Malú
sieh nur die Katzen
an den Gitterstäben der Fenster kleben
aufs Dach steigen, zurückkehren
im Versuch, andere Nächte zu erblicken.
Sieh sie an, Malú
wie sie sich die Krallen in die Augen hauen
dekadentes Gelb verschütten
sieh sie kämpfen, Katze in Katze verhakt
sieh sie sich an den Haaren zerren
sie sind irr
und wenn sie aus dem Fenster springen
scheint es als lachten und weinten sie
zur gleichen Zeit
dann ziehen sie sich zusammen
verwandeln sich in Superhelden
und verdienen Geld mit dem Filmen von Affen
und werden berühmt und legen Katzenpuppen
in die Schaufenster zum Verkauf
damit die Katzenkinder spielen, die da,
die verrückt sind
aber den Kätzchen muss man nicht sagen
dass ihre Eltern von Sinnen sind
wenn sie plötzlich nach oben sehen
wenn es scheint, ihre Augen
seien zwei rollige Sonnen
die nach ihren kleinen Monden auf dem Dach suchen
und dabei halb einschlafen
darauf wartend, dass die Nacht über sie hereinbreche
doch sie warten auf eine andere Nacht
nicht auf die immer selbe Nacht
und verharren auf dem Zinkdach
Pfoten leckend
bis es regnet
und das Wasser sie in die Regenrinnen spült
und sie auslöscht.

 

GATOS
a mercedes
III
Los gatos, malú
mira los gatos
aferrados a los barrotes de la ventana
saliendo al techo, regresando
tratan de entrever otras noches.
Míralos, malú
clavándose las garras en los ojos
vaciando un amarillo decadente
míralos pelear, incrustados gato con gato
míralos tirarse los pelos
están locos
y cuando saltan por la ventana
pareciera que ríen y lloran
al mismo tiempo
entonces se encrispan
se transforman en superhéroes
y ganan plata filmando monos
y son famosos y en las vitrinas
venden muñecos que son gatos
para que jueguen los hijos de los gatos estos
que están locos
pero no hay que decirles a los cuchitos
que a sus padres se les va de repente
cuando se quedan mirando para arriba
cuando pareciera que los ojos
son dos soles en celo
buscando sus lunitas por los techos
y se quedan medios dormidos
esperando que se les caiga la noche encima
pero esperan otra noche
no la misma de todas las noches
y se quedan sobre el zinc
lamiéndose las patitas
hasta que llueve
y el agua los arrastra por las canaletas
extinguiéndolos.

 


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Paseo del Prado

este país se nos fue de los pies
y tomó otro camino
con su densa rutina
que ni una rumba puede alebrestar

mulatas legendarias
abanican la espera maduras de calor
y chinos hacen cola sonrientes
a las puertas de nada

país de reggaetón doble moneda
estridencia ideológica
donde lo único decente es el sol

país alzado en ruinas triangulares
sin aire en la escalera
que ya no queda aquí ni regresa contigo

Aus: despegue (Madrid: Visor, 2016)

 

Paseo del Prado

dieses Land ist unsren Füßen entglitten
und nahm einen andren Weg
mit der dichten Routine
die auch eine Rumba nicht erschüttert

sagenhafte an Hitze
gereifte Mulattinnen fächeln dem Warten Luft zu
Chinesen stehen lächelnd in der Schlange
vor nichtigen Türen

Land des Reggaeton und der Doppelwährung
der ideologischen Schärfe
wo allein die Sonne anständig bleibt

Land gehisst mit dreieckigen Ruinen
ohne Luft im Treppenhaus
das weder hier bleibt noch mit dir zurückfliegt

 

Die Übersetzung entstand für das Poesiefestival Berlin 2016


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Investigación de mercado

UNA MONEDA, por el amor de Dios, una moneda,
que el dinero es el tema del mendigo y el mendigo
es el tema de esta investigación: ¿si el mendigo tuviese dinero
hablaría de asuntos menos mundanos? Pero he aquí
un tintinear de monedas en el interior de una lata
de sardinas sin sardinas. ¿Y las sardinas?
Baratas y nutritivas: ricas en hierro, vitamina A y fósforo.
Un paladar exquisito diría que la sardina tiene un ligero dejo a:
a) Metal sobado. b) Dinero rancio. c) Desayuno de mendigos.
¿Un mendigo es básicamente una alcancía?

 

Marktforschung

EIN WENIG KLEINGELD, und Gott hab’ dich selig, ein wenig Kleingeld,
ist doch das Geld Antrieb des Bettlers und der Bettler
Gegenstand dieser Untersuchung: Hätte der Bettler Geld,
spräche er von weniger weltlichen Themen? Hier
das Scheppern im Innern einer Büchse
Sardinen ohne Sardinen. Und die Sardinen?
Billig und nahrhaft: reich an Eisen, Vitamin A und Phosphor.
Ein feiner Gaumen fände heraus, dass die Sardine entfernt erinnert an:
a) Abgegriffenes Metall. b) Ranziges Geld. c) Bettler-Frühstück.
Ist der Bettler in erster Linie eine Spardose?


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Memento Mori

Erst suchte ich das Himmelreich.
Doch aus unerfindlichem Grund befreite mich die Chefetage der Vorsehung
vom Dienst im Reservistenheer der Industrie
und verschaffte mir einen Posten
in der Abteilung für Kapitalanhäufung.
Nun sehe ich den vorüberziehenden Vögeln zu, sitze
in der Firmenkantine vor meinem
Brathähnchen, das mir vom Lohn abgezogen wird.
Die Wege des Schicksals sind unergründlich.
Nicht einmal Salomon in all seinem Glanz
kleidete sich so prächtig wie die Plastiklilien,
die mir die Überstunden im Büro versüßen.

 

Memento Mori

Busqué primero el Reino de Dios.
Por alguna razón, los directivos de la Providencia
me redimieron del Ejército Industrial de Reserva
con un cargo activo
en la acumulación del capital.
Ahora miro las aves del cielo mientras como,
en el restaurante de la empresa,
un pollo frito que me descuentan de la nómina.
Los caminos de la Justicia Divina son misteriosos.
Ni Salomón con toda su gloria
se vistió como uno de estos lirios de plástico
que adornan mis horas extra en la oficina..


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Der Himmel von Vesterbro
für Felix

drei Mal baute der Pinguin das Iglu
trug die Jeans
lächelte und sang
drei Mal tanzte er auf Schlittschuhen durch den Schnee
drei Mal weinte sein schwarzes Knetauge mitten während des Abenteuers
es stimmt, manche Dinge sind nur Bilder, doch
hier hat ein Kuss eine Schule gesprengt
womöglich taucht eine andere Spezies auf vor dem bitteren
Hintergrund einer wiedereroberten Liebe – der Südpol wird
nie
mehr derselbe sein – jetzt ist es an der Zeit
sich den Kopf zu zerbrechen
ins Krankenhaus (oder zum Zahnarzt?) gebracht zu werden
wo der Arzt (oder Zahnarzt)
erfunden und schlimm
schlimm und krank nicht
auseinanderhalten kann

 

O céu de Vesterbro
para Felix

três vezes o pingüim construiu o iglu
vestiu os jeans
sorriu cantou
três vezes dançou na neve sobre patins
três vezes seu olho de massa negra chorou no centro da aventura
é verdade que há coisas que são só imagens mas
aqui um beijo explodiu uma escola
outra espécie talvez surja do fundo
amargo de um amor reconquistado – o Pólo Sul
nunca
mais será o mesmo – chegou a hora
de quebrar a cabeça ser
levado ao hospital (ou dentista)
onde o médico (ou dentista)
não sabe distinguir o falso
e o grave o grave e
o doente


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Die zehnte Muse im 21. Jahrhundert

Den Anfang für die neue Kulturrubrik macht die „älteste“ Autorin unserer Liste lateinamerikanischer Literaturklassiker: die mexikanische Nonne Sor Juana Inés de la Cruz, erste bekannte Lyrikerin Amerikas, Zeitgenossin des 17. Jahrhunderts und somit des Vizekönigreichs Neuspanien. Auch bekannt unter den Namen „Der Phönix von Amerika“ und „Die zehnte Muse von Mexiko“, in Anlehnung an die antike griechische Dichterin Sappho, gilt sie seit Jahrzehnten als die wichtigste Wegbereiterin einer eigenständigen, lateinamerikanischen Lyrik. Obwohl stilistisch noch stark an ihren barocken spanischen Vorbildern orientiert, werden im Werk Sor Juanas bereits erste Aspekte einer lateinamerikanischen Philosophie sichtbar, die sich von europäischen Strömungen zumindest teilweise bereits losgelöst hatte. So war sie zwar Tochter von Eltern spanischer Herkunft, jedoch in Amerika aufgewachsen und geboren und so von Beginn an von einer spezifisch amerikanischen Lebenswelt umgeben, die sich in der Wirklichkeit all ihrer Werke widerspiegelt. Diese wiederum werden seit dem 20. Jahrhundert, dem Jahrhundert ihrer erstmaligen Wiederentdeckung durch die Literaturwissenschaft, als textliche Vorboten einer zwiespältigen und widersprüchlichen Moderne angesehen, die Lateinamerika einige Jahrhunderte nach Sor Juanas Zeit wie ein Güterzug überrollen sollte.
Sie ist es auch, die von allen kolonialzeitlichen Schriftsteller*innen in Lateinamerika am meisten Einfluss auf moderne Lyriker wie Jorge Cuesta und Octavio Paz ausübte. Letzterer beschäftigte sich auch als Kritiker mit den Werken Sor Juanas und erkannte in diesen einen frühneuzeitlichen feministischen Drang, der ihr schon zu Lebzeiten Konflikte mit den mexikanischen Autoritäten, allen voran dem Erzbischof Neuspaniens einbrachte. Für Sor Juana stand die totale Befreiung der Frau, ihr Recht auf Kultur und Bildung, über allen religiösen und geschlechternormativen Richtlinien der Zeit. Auf diese Weise, so Paz, breche sie vollständig mit dem vorherrschenden Kanon weiblicher Literatur, auch da sie sich religiösen und erkenntnisorientierten Themen mit einer naturwissenschaftlich ausgerichteten Sprachlichkeit annähere, die zu der Zeit ausschließlich männlichen Autoren vorbehalten war.
In Fachkreisen ist Sor Juana eine der am meisten besprochenen Lyrikerinnen des Kontinents, dies gilt auch für den deutschsprachigen Raum. Über akademische Kreise hinaus ist sie jedoch hierzulande nie wirklich bekannt geworden. Die geläufigste Übersetzung ihres zwischen 1685 und 1690 verfassten Hauptwerkes, Primero Sueño (dt. Erster Traum), stammt aus dem Jahr 1992 und wurde seither nicht neu aufgelegt. Das mag daran liegen, dass die am spanischen Dichter Luis de Góngora orientierte, extrem verschachtelte und metaphernüberladene barocke Lyrik Sor Juanas auf den ersten Blick nicht unbedingt ein Lesevergnügen darstellt. Abgesehen davon, sind aus dem 17. Jahrhundert stammende Texte heutzutage meist keine Bestseller mehr. Dennoch lohnt es sich auch im 21. Jahrhundert noch einen Blick auf den Traum zu werfen. Den beiden Herausgebern und Übersetzern der im Verlag Neue Kritik erschienenen Ausgabe von 1992, Alberto Perez-Amador und Stephan Nowotnick, ist eine recht originalgetreue und gut lesbare Lyrikübersetzung geglückt, die, wenn auch natürlich nicht der sprachlichen Finesse Sor Juanas, zumindest Themen, Tonus und Stimmung des Originaltextes gerecht werden. Diese Themen – die Kreation eines eigenen, erträumten Universums, der Traum von einer offenbarungsgleichen Erkenntnis und gleichzeitig das Wissen um die Unmöglichkeit einer solchen – sind heute noch genau so aktuell wie vor 300 Jahren.
975 Verse führen durch ein wohlstrukturiertes Labyrinth aus verschwommenen Traumszenen, naturgewaltigen Bildern und Wunschlandschaften der vom Körper getrennten Seele, die am Ende die schmerzhafte Erfahrung macht, das absolut Nichts mit Sicherheit gewusst werden kann.
Auch wenn das Fachjargon Sor Juanas genügend Stoff für einen umfangreichen Einzelband voller Fußnoten geben würde, können die Leser*innen trotz einzelner schwer verständlicher Passagen mühelos in den Text hinein finden. Die Kernfragen des Gedichtes erschließen sich nämlich auch ohne weitreichende Kenntnisse von Astronomie und antiken Gottheiten und scheinen deutlich zwischen den Zeilen durch: Wie kann ich mich (vor allem als Frau, als die sich das lyrische Ich im letzten Teil des Gedichtes preisgibt) in diesem Universum verorten? Wer bin ich und was weiß ich? Bis zu welchem Punkt kann ich meinem Drang nach Erkenntnis und Gewissheit folgen, ohne enttäuscht zu werden oder gar den Verstand zu verlieren? Die Antwort auf diese Fragen kannte natürlich auch Sor Juana nicht. Aber sie führt uns so gekonnt durch die Wirrungen ihrer und unserer Traumwelten, dass man als Leser*in das Gefühl nicht loswird, das irgendetwas klarer geworden ist. Auch wenn Ort und Zeitpunkt dieser Einsicht über die Natur von Erkenntnis nicht genau zu benennen sind.
So beweist Sor Juana – und ebenso tun es Perez-Amador und Nowotnick in der deutschen Übersetzung – dass Barocklyrik nicht unlesbar und schwierig und ihre Bedeutung nicht zwangsweise auf vergangene Jahrhunderte beschränkt sein muss. Nicht zuletzt weil es sich eben um keine mystische, spirituelle, sondern um eine intellektuelle und praxisorientierte Suche nach Erkenntnis handelt. Im Gegenteil: wer sich einmal darauf einlässt, die 975 Verse ohne Zuhilfenahme von Fußnoten, Lexika und Sekundärliteratur am Stück durchzulesen, wird vielleicht merken, dass es sich um ein zeitloses Gedicht handelt. Eines, das die Macht besitzt, einen fremden Traum so lebendig erscheinen zu lassen, als sei es der eigene.


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Literatur, von allen für alle

Sein Tod kam überraschend für Mexiko und ganz Lateinamerika. Am Abend vor seiner Einlieferung ins Krankenhaus beendete José Emilio Pacheco seine letzte Kolumne für die mexikanische Wochenzeitung El Proceso. Darin würdigte er seinen wenige Tage zuvor verstorbenen Freund, den argentinischen Schriftsteller Juan Gelman. Seit 1976, dem ersten Erscheinungsjahr der Zeitung, hatte Pacheco dort jede Woche seine Kolumne Inventario veröffentlicht. Mit dieser erstellte er über die Jahre nicht nur ein umfangreiches Archiv der Literaturkritik von mexikanischer und Weltliteratur, sondern ebenso eine Reflexion der letzten Jahrzehnte mexikanischer Geschichte, Kultur und Politik.
Pacheco war ein Verfechter des geschriebenen Wortes in allen seinen Facetten und Formen. Er verfasste Texte in allen literarischen und journalistischen Gattungen. Neben der im Jahr 1980 mit dem Nationalen Journalistenpreis ausgezeichneten Kolumne, die mehr als 1000 Mal erschien, umfasst sein Werk unter anderem zwei Romane, Morirás lejos und Las batalles en el desierto. Letzterer wurde von Pacheco um die 40 mal redigiert und neu aufgelegt und inspirierte einen Comic, einen Film (Mariana, Mariana) sowie ein Lied der mexikanischen Gruppe Café Tacvba (Las batallas). Zu seinem Gesamtwerk gehören zudem zahlreiche Kurzgeschichten, Übersetzungen ins Spanische von Autoren wie Samuel Beckett und Oscar Wilde, Drehbücher und Essays, vor allem jedoch 17 umfangreiche Gedichtbände. Im Jahr 2009 wurde seine Lyrik mit dem Reina Sofía-Preis und sein Gesamtwerk mit dem Cervantes-Preis gewürdigt, zwei der wichtigsten Auszeichnungen der spanischsprachigen Literatur. Als Autor literarischer Fiktion prägte er Themen, Ideen und Stil seiner Generation. Als Journalist transformierte er nachhaltig die mexikanische Kulturkritik, bestückte diese mit neuen Inhalten und setzte neue ästhetische Maßstäbe. Seine Rezensionen sind heute Referenzpunkt der mexikanischen Literaturkritik.
Pacheco galt zwar als öffentlichkeitsscheu und zurückhaltend, scheute sich aber nie, Kritik am politischen System Mexikos zu üben. Die sich im Jahr 2011 abzeichnende Präsidentschaft Enrique Peña Nietos bezeichnete er auf einer Konferenz, die er gemeinsam mit seinem Kollegen Carlos Fuen­tes zu Ehren des mexikanischen Schriftstellers Fernando Benítez hielt, als nationale Tragödie. Zur Verleihung des Nationalen Journalistenpreises, der ihm vom damaligen, heftig umstrittenen Präsidenten José López Portillo überreicht werden sollte, erschien Pacheco aus Protest nicht.
Sowohl seine Prosa als auch seine Lyrik nehmen immer wieder Bezug auf die jüngste mexikanische Geschichte, auf das Leben in der Scheindemokratie des postrevolutionären Mexiko.
Geschätzt wird Pacheco in Mexiko jedoch nicht nur aufgrund seines Werkes. Als Person stach er hervor, ohne sich jemals selbst zu inszenieren. Seine journalistischen Beiträge unterzeichnete er mit dem Kürzel JEP oder sie erschienen anonym, niemals jedoch tauchte sein vollständiger Name unter einem seiner Artikel auf. Er bezeichnete Literatur als Produkt aller Menschen, nicht eines Einzelnen. Er selbst sei somit kein Ideengeber, sondern übermittele diese lediglich, immer mit dem Anspruch, seine Literatur auch außerhalb der intellektuellen Sphäre zu präsentieren. Obwohl er in der lateinamerikanischen Literaturlandschaft als einer der einflussreichsten Dichter des 20. Jahrhunderts gilt, sagte er selbst über sich, dass er nicht einmal der Beste seines Viertels sei. Der bereits genannte Juan Gelman war sein Nachbar.
José Emilio Pacheco verstarb am 26. Januar 2014 im Alter von 74 Jahren in Mexiko-Stadt an den Folgen eines am Vortag erlittenen Sturzes.


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Der Brückenbauer

Zugegeben, mit Curt Meyer-Clason hat nicht alles angefangen, schließlich wurde auch vor ihm schon aus dem Portugiesischen und Spanischen übersetzt. Trotzdem: Für viele Leserinnen und Leser im deutschen Sprachraum werden die ersten lateinamerikanischen Lektüren von Meyer-Clason geprägt worden sein. Keiner hat so viele wichtige Autorinnen und Autoren übersetzt wie er – von Gabriel García Márquez über Juan Carlos Onetti und José Lezama Lima bis hin zu Pablo Nerudas Autobiographie Ich bekenne, ich habe gelebt, dazu João Guimarães Rosa, Clarice Lispector, Machado de Assis, Jorge Amado. Weit über einhundert Titel sind es geworden, dazu wichtige Anthologien.
Meyer-Clasons ungeheurer Erfolg mag mit seinem großen Wirkungskreis zu tun haben: Kaum jemand übersetzte gleichermaßen aus dem Spanischen wie aus dem Portugiesischen und übertrug sowohl Lyrik wie auch Prosa. Erklärbar ist dieser Erfolg aber nur durch seine unbändige Leidenschaft, für ein zu übersetzendes Werk den richtigen Ton zu finden. Als Übersetzer müsse man „das fremde Lebensgefühl einfangen“, den Text „zugleich vertraut machen und doch fremdartig erscheinen lassen“, hat er einmal bekannt. Eine Treue zum Originaltext, die sich nicht zu eng an die genaue Syntax und Semantik bindet (für seine recht freien Lösungen ist Meyer-Clason viel gescholten worden), sondern der es um die getreue Nachbildung des Ausdrucks geht – dieses Konzept scheint aufgegangen zu sein. Zwar mag, wer viel gelesen hat, einen „Meyer-Clason-Sound“ heraushören. Aber schon der Vergleich zwischen ein paar Zeilen García Márquez und einem Absatz Onetti führt plastisch vor Augen, wie sehr sich der Übersetzer auf seine Autoren und ihre Originalität eingelassen hat.
Curt Meyer-Clason war eine literarische Karriere eigentlich nicht vorgezeichnet. Der 1910 in Ludwigsburg geborene Bürgerssohn schlug eine Kaufmannslaufbahn ein, die ihn 1937 nach Brasilien führte. 1942 wurde er wegen angeblicher Spionage für Nazi-Deutschland (der Fall wurde nie restlos geklärt, Meyer-Clason hat den Vorwurf stets abgestritten) verhaftet. Und erst hier im Gefängnis, er hat das gern als „zweite Geburt“ beschrieben, begann im Überfluss an Zeit seine Neigung zur geformten Sprache, zur Literatur. Als er 1955 nach (West-) Deutschland zurückkehrte, wurde daraus sein Beruf.
Von 1969 bis 1976 leitete Meyer-Clason das Goethe-Institut in Lissabon, zur Zeit der späten Salazar-Diktatur und über die Nelkenrevolution von 1974 hinweg; im Portugiesischen Tagebuch hat er seine Beobachtungen festgehalten. Er war ein offener Geist, der die Arbeit der Kulturvermittlung als wechselseitigen Vorgang betrachtete und politischen Grabenkämpfen aus dem Weg ging. Oder, genauer, die Gräben zu überwinden trachtete. In der 1988 bei dtv erschienenen Anthologie Lyrik aus Lateinamerika finden sich beispielsweise kubanische Dichter von der Insel wie aus dem Exil, ein Kuriosum für jene Zeit. Und nichts anderes als die Gedichte von Jorge Luis Borges stehen in der illustren Sammlung ganz zu Anfang – ausgerechnet Borges, den sich die Linke damals zum Feind erklärt hatte, weil er dem chilenischen Diktator Pinochet seine Aufwartung gemacht hatte (Borges hat dies später sehr bedauert – verziehen wurde es ihm dummerweise lange nicht).
Mit Curt Meyer-Clason hat nicht alles angefangen – und mit seinem Tod am 13. Januar 2012 ist auch nicht alles zu Ende. 2013 jedenfalls, wenn Brasilien Gastland der Frankfurter Buchmesse ist, wird von Curt Meyer-Clason noch viel gesprochen und gelesen werden.


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