Nirgendwo willkommen

José García hat eine Tochter in den USA Er hat seit Wochen keinen Kontakt zu ihr und will zurück (Fotos: Andreas Boueke)

Auf dem zentralen Platz von Guatemala-Stadt hat sich eine Gruppe Menschen versammelt. Sie wollen Aufmerksamkeit wecken für das Schicksal von Migrant*innen. In den vergangenen Monaten wurden Zehntausende aus den USA nach Guatemala abgeschoben.
Ein junger Mann in weißem Gewand trägt ein schweres Holzkreuz mit der Aufschrift: „Der Leidensweg des Migranten.“ Hinter ihm geht Pater Percy Cervera, der Koordinator der Migrations-Kommission der guatemaltekischen Bischofskonferenz. Der gebürtige Peruaner ist selbst erst vor fünf Jahren nach Guatemala gekommen: „Ich wünsche mir, dass die Menschen den Migranten als ihren Bruder erkennen, und nicht als Kriminellen und Bedrohung.“

Guatemala, ein „sicherer Drittstaat“

Jahrzehntelang war Guatemala ein Transitland der Migration in Richtung Norden. Millionen Menschen aus aller Welt – aber vor allem aus den mittelamerikanischen Nachbarstaaten – durchquerten das Land in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den USA. Doch seit Donald Trump im Januar 2025 wieder Präsident wurde, hat sich das geändert. Schon kurz nach seinem Amtsantritt kam US-Außenminister Marco Rubio zu Besuch nach Guatemala. Unter Androhung von Zöllen überzeugte er den sozialdemokratischen Präsidenten Bernardo Arévalo, für sein Land den Status des „sicheren Drittstaats“ anzuerkennen. Seither sollen durchreisende Migrant*innen in Guatemala Asyl beantragen, und so ihr Recht verlieren, dies auch in den USA zu tun. Zudem musste sich Arévalo bereiterklären, Zehntausende Migrant*innen anderer Nationalitäten aufzunehmen, die aus Mexiko und den USA abgeschoben werden. Die Zahl der Migrant*innen aus dem Süden habe sich in Guatemala halbiert, vermutet Pater Percy Cervera: „Fünfzig Prozent der Menschen, die in einem der sieben katholischen Migrantenhäuser in Guatemala Unterstützung suchen, sind Rückkehrer. Wir nennen das ‚umgekehrte Migration.’“

Doch die wenigsten Rückkehrer*innen kommen freiwillig. Fast täglich erreichen Busse und Flugzeuge mit Deportierten aus den USA die Landesgrenze zu Mexiko oder den Flughafen der guatemaltekischen Hauptstadt. In den Flügen des US-Militärs sitzen vor allem Guatemaltek*innen, aber auch Menschen aus Honduras, Nicaragua, Venezuela und anderen Ländern. Während des Flugs ist ihnen das Sprechen verboten. Viele der Passagiere müssen bis zum Ausstieg Handschellen und Fußfesseln tragen – egal, ob sie wegen einer Straftat verurteilt wurden oder nicht, klagt Pater Percy Cervera: „Es handelt sich um Personen, die fünf, zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre lang in den USA gelebt haben: Plötzlich werden sie zurückgeschickt oder deportiert. Heute ist die Situation in ihren Herkunftsländern für sie eine völlig andere. Viele haben sich in den USA ein neues Leben aufgebaut, mit Familie und Kindern.“

Der Leidensweg des Migranten Pater Percy Cervero hält Gottesdienste zum Beistand ab

Keine Heimat in Honduras

Donald Trump hat versprochen, „Millionen“ Migrant*innen auszuweisen. Nach Angaben des US-Heimatschutzministeriums wurden seit Beginn seiner zweiten Amtszeit mehr als 600.000 Menschen abgeschoben. Einer von ihnen ist José García, geboren in Honduras. Im Alter von drei Jahren haben ihn seine Eltern in die USA gebracht. Heute ist er 33 Jahre alt. „Ich bin in Nashville, Tennessee aufgewachsen. Im Jahr 2009 habe ich an der McGavock High School meinen Abschluss gemacht. Während der vergangenen Jahre habe ich als Schweißer gearbeitet.“

30 Jahre lang war er gut integriert. Trotzdem ist es ihm nie gelungen, seinen Aufenthaltsstatus zu legalisieren. „Man hat ständig Angst. Wenn Du einen Polizisten siehst, gerätst Du in Panik. Als ich an jenem Tag den Polizeiwagen hinter mir sah, begann ich zu zittern.“ Er fuhr zu schnell, weil er auf dem Weg zur Arbeit zu spät dran war. „Als das Blaulicht und die Sirenen angingen, dachte ich: ‚Jetzt ist es vorbei.‘ Ich hielt an der Straßenseite und hoffte auf einen netten Polizisten. Aber er war ein Arschloch.“ Der Polizist wollte die Sozialversicherungsnummer von José García sehen. „Aber ich hatte keine. Früher war das kein Problem, aber jetzt – unter der Trump-Regierung – ist das anders. Sie haben mir nicht einmal mehr erlaubt, irgendetwas aus dem Auto zu holen. Ich habe alles verloren, auch mein Handy.“
Von einem Moment auf den anderen José Garcías Leben war – so wie er es kannte – vorbei. Zuerst landete er in dem lokalen Gefängnis, dann in einem Migrationszentrum. Viele Deportierte berichten, dass Psychoterror und körperliche Gewalt in diesen Zentren zum Alltag gehören.

Im Durchschnitt haben drei Viertel der Abschiebehäftlinge keinerlei Vorstrafen. Sie werden nicht wegen einer Straftat eingesperrt, sondern wegen eines zivilrechtlichen Verstoßes gegen das Einwanderungsgesetz. Dennoch bezeichnet Präsident Trump lateinamerikanische Migrant*innen immer wieder als Kriminelle und Vergewaltiger. José García wurde nach drei Monaten Haft nach Honduras abgeschoben, blieb aber nicht lange. „Ich habe dort fast keine Angehörigen. Die meisten meiner Verwandten leben schon lange in den USA. Nun sitze ich hier im Park von Guatemala-Stadt und versuche, einen Job zu finden. Ich brauche Geld für Essen und den Bus nach Mexiko.“ Eigentlich darf José García 15 Jahre lang nicht wieder in die USA einreisen. „Wenn ich zurückkehre und erwischt werde, kriege ich wahrscheinlich die volle Gefängnisstrafe. Aber das Risiko muss ich eingehen. Ich habe eine 13-jährige Tochter. Deshalb muss ich auf jeden Fall einen Weg zurück finden. Seit ein paar Wochen konnte ich nicht mehr mit ihr sprechen. Ich habe ja kein Telefon. Es ist verdammt schwer, keinen Kontakt zu deinem Kind zu haben, wirklich verdammt schwer.“

Die meisten Abschiebungen haben schwerwiegende Folgen für die Psyche der Betroffenen. Viele leiden unter Ängsten, Depressionen, Misstrauen und einem Gefühl der Entwurzelung. Pater Percy Cervera kennt viele solche Schicksale: „Diese Menschen durchleben Situationen, die ihre Menschenwürde verletzen. Sie erleiden Gewalt, entmenschlichende Behandlung und den Bruch ihrer familiären Bindungen. Ihre Rückkehr nach Mittelamerika bringt ihnen keine Sicherheit oder neue Lebenschancen. Stattdessen treffen sie auf dieselbe Armut, Gewalt und Ausgrenzung, die sie einst zum Auswandern getrieben hat.“ José García setzt sich auf eine Bank im Schatten. Hinter ihm liegen mehrere Männer auf einer kleinen Wiese. „Hier im zentralen Park sind viele Deportierte aus verschiedenen Ländern. Manche suchen Arbeit, andere versuchen einfach nur zu überleben.“

Psychologin Otilia Xoc Sie unterstützt deportierte Migrant*innen

Diktatur in Nicaragua

Neben Venezuela ist Nicaragua ein weiteres Herkunftsland von Migrant*innen in besonders schwieriger Lage. Der Diktator Daniel Ortega fürchtet, dass Oppositionelle ins Land kommen könnten, die in den USA trainiert wurden, um einen Aufstand anzuzetteln. Deshalb werden Rückkehrende wie gefährliche Eindringlinge behandelt. Kritik kann schnell zu einer willkürlichen Verhaftung führen. Otilia Xoc berichtet von einem Mann, der keine Möglichkeit hat, nach Nicaragua zurückzukehren: „Er besitzt dort ein Haus. Außerdem hat er ein Haus in den USA. Trotzdem lebt er hier in Guatemala obdachlos auf der Straße. Er ist 70 Jahre alt.“ Der schicksalsgeschlagene Mann hatte mehrere Jahre lang in den USA gelebt und von dort aus die Opposition in Nicaragua unterstützt. An deren Kampf war auch Fred Gonzales beteiligt. Der junge Mann gehört einer Generation von Nicaraguaner*innen an, die gelernt haben, sich vor den eigenen Gedanken zu fürchten, wenn sie nicht der offiziellen Linie entsprechen. „Ich habe es nur bis Mexiko geschafft. Vor der Grenze zu Texas wurde ich abgefangen und nach Guatemala gebracht. Jetzt kann ich nicht zurück nach Nicaragua, weil es dort keine Organisation gibt, die die Einhaltung der Menschenrechte garantiert.“

Fred Gonzales ist 23 Jahre alt. Er hofft, in Guatemala ein besseres Leben als in Nicaragua führen zu können, mit einer guten Arbeit und in Freiheit. „Aber das ist eine Illusion“, meint Otilia Xoc. „Diese Menschen landen auf der Straße. Viele verfallen den Drogen. Wir sehen immer häufiger, dass die abgeschobenen Migranten hier in Guatemala verelenden, anstatt in ihre Länder zurückzukehren.“

Viele dieser Menschen in extrem prekären Verhältnissen kämpfen zudem mit schweren seelischen Problemen. In der Psyche von Fred Gonzales mischt sich die in Nicaragua erlebte Gewalt mit der Enttäuschung über die Deportation aus Mexiko und der Aussichtslosigkeit in Guatemala. Das Ergebnis: eine tief sitzende Verunsicherung, die ein heftiges Stottern ausgelöst hat. „Als ich noch Teenager war, habe ich nicht gestottert. Das kam erst mit den Todesdrohungen. In Nicaragua wurde ich misshandelt, weil ich meine eigene Meinung nicht verschweigen wollte. Nicaragua leidet furchtbar. Das Land ist völlig am Boden.“

Abgeschoben in die Armut

Doch auch in Guatemala lebt eine Mehrheit der Bevölkerung in Armut. In keinem anderen mittelamerikanischen Land ist ein so hoher Anteil der Kinder unterernährt. Die Gesundheitsversorgung der meisten Familien ist schlecht, ihre Bildungschancen sind gering und die Wohnbedingungen oft erbärmlich. Die Ankunft der vielen desillusionierten Menschen, die aus den USA und Mexiko deportiert wurden, verschärft die psychosoziale Krise weiter, meint Otilia Xoc: „Durch die Deportationen nimmt das Elend und der Schmerz der Gesellschaft weiter zu. So wird das Land noch labiler, als es ohnehin schon ist.“
Die Deportationspolitik der USA brandmarkt Migrant*innen als Bedrohung. Sie werden verfolgt und in Länder gebracht, die selbst mit tiefen sozialen Problemen kämpfen. Doch für die meisten deportierten Ausländer*innen ist Guatemala nur eine weitere Station auf ihrer Reise von Süd nach Nord und zurück. Sobald sie sich ausgeruht und ein wenig Geld zusammen bekommen haben, machen sie sich wieder auf den Weg.


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„Ich bin Indigen, aber auch Arbeiter“

Darío Iza (Foto: Mauricio Tapia)

Worin bestehen die historischen Kämpfe der Kitu-Kara?
Das Kitu-Kara-Volk lebt im heutigen Metropolitanbezirk Quito. Es umfasst über 67 comunas sowie Gemeinden, Wasserverbände und weitere Organisationen. Bevor wir uns 2003 als Volk neu konstituierten, waren wir Teil der Provinzföderation Pichincha Runacunapak Rikcharimuy, die 1976 gegründet wurde. Damals beschloss die Ecuarunari, die regionale Organisation der 20 Völker der Anden, gemeinsam mit verschiedenen Indigenen Gemeinden des Andenhochlands, Provinzföderationen zu schaffen, um die comunas zusammenzuführen. So entstand die Föderation der Völker von Pichincha. Einer der Hauptgründe für ihre Gründung war die Verteidigung der Territorien und des Rechts auf Land. In diesem Zusammenhang besetzten die comunas und Gemeinden meines Volkes gemeinsam mit dem heutigen Volk der Kayambi verschiedene Haciendas. Sie waren schließlich erfolgreich, aber das Land wurde ihnen niemals kostenlos übertragen. Unsere Großmütter und Großväter mussten es stets selbst bezahlen.

Wie funktioniert die Organisation der Indigenen Völker in Ecuador?
Die Basis der Indigenen Organisierung in Ecuador bilden die Gemeinden und Wasserverbände. Diese schließen sich zu Völkern zusammen, die wiederum in Provinz- oder Regionalföderationen organisiert sind und schließlich Teil einer landesweiten Struktur sind. Das Kitu-Kara-Volk gehört beispielsweise zu den 20 Kichwa-Völkern, die gemeinsam die Ecuarunari bilden. Diese wiederum ist Teil der Konföderation der Indigenen Nationalitäten Ecuadors (CONAIE). Entscheidungen werden von unten nach oben getroffen: von der Gemeinde über die verschiedenen Ebenen bis hin zum Erweiterten Rat der CONAIE.

Die CONAIE gilt als eine der stärksten Indigenen Organisationen Lateinamerikas und zeichnet sich durch ihre territoriale Verankerung aus. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit angesichts der enormen Entfernungen zwischen den einzelnen Gebieten?
Man muss zunächst die Besonderheiten der einzelnen Völker verstehen. Das Kitu-Kara-Volk lebt im Herzen des Nationalstaates, in Quito und den umliegenden Kantonen. Dort sind die Dynamiken zwischen den Gemeinden besonders eng. Gleichzeitig stehen wir unter starkem Druck durch die Ausweitung der Stadt. Die Immobilienentwicklung greift in unsere Gemeinschaftsgebiete ein und verändert ihre soziale und wirtschaftliche Struktur. Viele Menschen arbeiten heute im Baugewerbe statt in der Landwirtschaft. Unter diesen Bedingungen ist der Aufbau einer eigenen Selbstverwaltung besonders schwierig.
Ganz anders ist die Situation etwa bei den Waorani, den Shiwiar oder den Sápara im Amazonasgebiet. Die beiden letztgenannten Gemeinschaften sind teilweise nur mit Kleinflugzeugen erreichbar; zwischen ihren Gemeinden bewegt man sich mit kleinen Motorbooten auf den Flüssen.
Bevor die CONAIE eine Entscheidung trifft, beruft zunächst jede Nationalität Versammlungen ein, an denen Vertreter*innen der Gemeinden teilnehmen. Die Themen eines Erweiterten Rates werden zuvor in den Territorien diskutiert und beschlossen. Das ist gelebte gemeinschaftliche Demokratie – etwas, das die westliche Moderne und der liberale bürgerliche Staat nicht kennen.

Welche Bedeutung hat es, dass Ecuador sich in seiner Verfassung als plurinationaler Staat versteht und die Rechte der Natur anerkennt?
Zunächst muss man den Unterschied zwischen einem multikulturellen und einem plurinationalen Staat verstehen. In den USA etwa werden den Indigenen Nationen Rechte ausschließlich innerhalb ihrer Reservate zugestanden. Ich war im November 2024 im Gebiet der Seminolen in Florida. Sie verfügen über Hotels, Casinos und eine eigene Polizei. Das Verwaltungsgebäude ihres Volkes erinnerte mich eher an eine Botschaft der USA in Ecuador, während das Haus meines eigenen Volkes buchstäblich auseinanderfällt. Das hat bei mir einen inneren Konflikt ausgelöst. Aus meiner Sicht sollte ein Indigenes Volk kein Naturverständnis akzeptieren, das Extraktivismus zulässt. Der Multikulturalismus ist letztlich ein rassistisches und neoliberales Modell. Er erkennt Rechte nur innerhalb abgegrenzter Räume an und macht sie nicht zu einer gesamtgesellschaftlichen Frage.

Ein plurinationaler Staat dagegen muss von interkulturellen Beziehungen zwischen Indigenen und Nicht-Indigenen geprägt sein. Öffentliche Politik darf sich nicht nur an einzelne Bevölkerungsgruppen richten, sondern muss aus einer interkulturellen Perspektive entwickelt werden. Indigene Völker erscheinen dadurch nicht mehr lediglich als Minderheit, sondern als politische Subjekte innerhalb des Staates. Mit den landesweiten Protesten von 2019 vollzog die Indigene Bewegung einen wichtigen Wandel. Seitdem verbindet unser Diskurs ethnische und soziale Fragen. Wir sagen: Ich bin ein Indigener Mensch, aber ich bin auch Arbeiter. Deshalb sprechen wir von einem Indigenen und Volksaufstand. Es geht darum, Land und Stadt miteinander zu verbinden.
Plurinationalität lässt sich nicht allein auf dem Land aufbauen. Fragen der Produktion und Verteilung, der Verteidigung der Natur und der Sensibilisierung der Städte gehören ebenso dazu wie kollektive Rechte und die Rechte der Natur. Dass sich bei der Volksabstimmung über das Yasuní-Gebiet im November 2024 über 60 Prozent der Bevölkerung gegen weitere Erdölförderung aussprachen, ist auch Ausdruck dessen, dass die Indigene Bewegung diese Debatten in die gesamte Gesellschaft getragen hat.

Die staatliche Repression bedroht derzeit zahlreiche Indigene Führungspersönlichkeiten. Wie erlebst du diese Verfolgung?
Als Vertreter meines Volkes und Verteidiger dekollektiven Rechte sowie der Rechte der Natur bin ich politisch und juristisch verfolgt und kriminalisiert worden. Gegen mehr als 63 Personen wurden zwei Strafverfahren eingeleitet: eines wegen angeblich ungerechtfertigter Bereicherung, das andere wegen Terrorismusfinanzierung. Im September 2025 erhielten wir entsprechende Vorladungen.
Es gibt eingeschleuste Personen, die unsere Organisationsstrukturen kennen und als Handlanger des Staates auftreten, um Führungspersön­lichkeiten einzuschüchtern und zu verfolgen. Das Ziel besteht darin, Verbindungen zwischen Akteur*innen auf nationaler Ebene sichtbar zu machen, um diejenigen zu identifizieren, die sich offen gegen das Regime von Daniel Noboa stellen. Etwa zwei Wochen vor Beginn des Nationalstreiks 2025 wurden in der Gemeinde San Ignacio in der Provinz Cotopaxi drei zivile Polizeibeamte festgesetzt, die sich verdeckt eingeschleust hatten. Im Rahmen der Indigenen Rechtsprechung wurden unter Anderem ihre Mobiltelefone überprüft. Auf den Handys fanden sich Chatverläufe, die eine gezielte Überwachung verschiedener Führungspersönlichkeiten der Bewegung dokumentierten.

Ecuador erlebt einen tiefgreifenden Abbau staatlicher Strukturen und eine dramatische Verschärfung der Gewalt. Das Land hat sich innerhalb weniger Jahre von einem der sichersten Staaten der Region zu einem der gefährlichsten entwickelt. Wie beurteilst du die aktuelle Lage?
2025 endete mit einem traurigen Rekord von über 9.200 registrierten gewaltsamen Todesfällen – so viele wie nie zuvor seit Beginn der statistischen Erfassung. Die Unsicherheit zerstört zugleich soziale Beziehungen und verstärkt die Migration. Zwischen 2017 und Mai 2026 erlebte Ecuador seine zweite große Migrationswelle. Allein 2025 flossen dadurch über 40 Milliarden US-Dollar an Rücküberweisungen ins Land – mehr als während der ersten großen Auswanderungswelle zwischen 1999 und 2006. Während dieser Krise profitierten vor allem Banken und wirtschaftliche Eliten. Allein durch die Verwaltung dieser Geldtransfers erzielten die Banken Einnahmen in Höhe von rund 1,8 Milliarden US-Dollar.
Schon Lenín Moreno 2019, Guillermo Lasso 2022 und nun Daniel Noboa behaupteten, die landesweiten Proteste würden vom Drogenhandel finanziert. Angeblich verteidigten Indigene Ge­mein­schaften die Treibstoffsubventionen, weil diese den Schmuggel nach Peru und Kolumbien sowie den illegalen Bergbau ermöglichten. Doch Kokain gelangt nicht in Säcken mit Kartoffeln, Mais oder Maniok nach Europa – den Produkten, die unsere Gemeinden anbauen. Es wird in Bananencontainern exportiert, die aus den großen Monokulturen an der Küste stammen. Die Kontrolle über diese Häfen liegt bei privaten Unternehmen sowie den Streitkräften.

Wo siehst du heute die wichtigsten politischen Herausforderungen und Perspektiven?
Unsere größte Herausforderung besteht darin, die Spaltungen innerhalb der Linken in Ecuador zu überwinden – zwischen Stadt und Land sowie zwischen einer stärker auf Wahlen orientierten und einer stärker basisorganisierten Linken. Die Rechte mag unterschiedliche Interessen haben, doch wenn ihre wirtschaftlichen Privilegien bedroht sind, handelt sie geschlossen. Ein Beispiel dafür ist die Bank Pichincha. Obwohl sie Differenzen mit Daniel Noboa hat, zögerte sie nicht, die Konten sozialer Aktivist*innen zu sperren. Deshalb müssen wir die verschiedenen Kämpfe zusammenführen, um die Grundlage für einen neuen großen Volksaufstand zu schaffen. Unsere Forderungen dürfen sich nicht nur gegen die jeweilige Regierung richten, sondern gegen das System insgesamt. Selbst wenn es gelingen sollte, Noboa durch ein Amtsenthebungsverfahren abzusetzen – was angesichts der von ihm kontrollierten Institutionen äußerst schwierig sein dürfte –, sollte bereits die Sammlung der notwendigen Unterschriften zu einem Raum politischer Aufklärung werden. Unter Noboa wurden zwanzig Ministerien auf zehn reduziert. Das Umweltministerium wurde mit dem Bergbauministerium zusammengelegt – ein Widerspruch ohne jede ethische Grundlage. Gerade darin liegt aber auch die Chance, unterschiedliche Kämpfe miteinander zu verbinden.


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Das Recht auf Stadt und gemeinschaftliches Leben-Forum von Ciudad Migrante

„Ciudad Migrante“ ist ein politisches Kollektiv lateinamerikanischer Migrant*innen, das 2023 in Berlin gegründet wurde. Es kämpft gegen eine Stadtpolitik, in der 83 % der Bevölkerung zur Miete wohnen, die Mieten dabei innerhalb eines Jahrzehnts um 78 % gestiegen sind und mehr als 350.000 Wohnungen in den Händen von Finanzkonzernen befinden.

In diesem Jahr schlägt eine Gruppe von Künstler*innen, Autor*innen und Aktivist*innen innerhalb von „Ciudad Migrante“ vor, die Diskussion über das, was traditionell als „Recht auf Stadt“ bekannt ist, zu erweitern und die Traditionen des Kampfes für gemeinschaftliches Leben einzubeziehen. Die Idee des gemeinschaftlichen Lebens geht dem Konzept des Rechts auf Stadt voraus und ist umfassender. Sie stammt aus den Gebieten von Abya Yala (gemeinhin als Lateinamerika bekannt). Die Vision der Gruppe ist in ihrem Manifest zur Verteidigung des gemeinschaftlichen Lebens nachzulesen.

Mit dem Vorschlag des „Rechts auf Stadt und gemeinschaftliches Leben“ (RASGL)-Forums, das am 7. Juni in Berlin stattfinden wird, möchte Ciudad Migrante die Traditionen von Berliner Gruppen im Bereich kollektiver Organisation mit den Erfahrungen von Migrant*innengruppen in der Stadt verknüpfen.
Vorschläge für Präsentationen, Vorträge, Performances oder Aktivitäten zum Austausch dieser Erfahrungen während des Forums, in klassischen oder innovativen Formaten, sowie generelles Interesse an einer Teilnahme können an ciudadmigrante@riseup.net gesendet werden.

Mehr Infos: https://www.instagram.com/ciudad.migrante/


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Ein Schritt zu mehr Lebensqualität

Kämpfen für eine Anmeldung für alle Jasón Bustos und Mora Dreszman (Foto: Annabelle Köchling)

Was gehört zu einem würdevollen Leben? Für Mora Dreszman von der Berliner Kampagne „Anmeldung für alle“ zählt dazu ein unbefristeter, legaler Wohnsitz. Die Grafikdesignerin ist eine von vielen Migrant*innen, die beim Umzug nach Berlin teilweise frustrierende Erfahrungen bei der Wohnungssuche gemacht haben. „Wenn dir das nicht passt, kannst du ja ausziehen“, habe einer ihrer ersten Vermieter ihr entgegengeschleudert, als er die Miete ohne einen ihr ersichtlichen Grund erhöhte. „Aber man kann in Berlin nicht so schnell umziehen“, sagt die Argentinierin. Nach mehreren befristeten Wohnsitzen ohne offizielle Anmeldung fand sie schließlich eine unbefristete Bleibe mit Anmeldung. Und machte dadurch einen grundlegenden Schritt, um richtig in Berlin anzukommen.

Nur mit offizieller Anmeldung können Menschen in Deutschland wichtige Transaktionen erledigen, wie ein Bankkonto eröffnen, eine Steuernummer beantragen und eine Krankenversicherung abschließen. Und nur dann ist es auch möglich, einen formellen Job zu finden. „Ein Teufelskreis, wenn die Grundlage nicht gegeben ist“, erklärt Jasón Bustos aus Mexiko. Weil der Wohnungsmarkt zudem zunehmend umkämpfter wird und viele Zimmer und Wohnungen zur Zwischen- und Untermiete ohne Anmeldung angeboten werden, ist die Kampagne „Anmeldung für Alle“ entstanden. Sie ist das Ergebnis von Ideen verschiedener Gruppierungen, wie Derecho a la Ciudad (Recht auf Stadt) und Ciudad Migrante (migrantische Stadt), in denen hauptsächlich spanisch- und portugiesischsprachige Menschen vertreten waren und sind.

Jasón Bustos kam 2019 nach Deutschland und erzählt ebenfalls von frustrierenden ersten Wohn­erfahrungen. Nach einer Kündigung in einer Wohnung ohne Anmeldung lebte er mehrere Monate bei Freund*innen. Auf den damals wöchentlichen Treffen der Gruppe Derecho a la Ciudad merkte er, dass seine Probleme nicht individuell sind, sondern es vielen anderen auch so geht.

„Viele sind frustriert, weil sie sich nicht integrieren können, sie schämen sich für ihre Wohnsituation und trauen sich nicht, darüber zu sprechen“, fasst Mora zusammen. „Die Leute wollten auch kein Sprachrohr für ihre Probleme aus Angst vor ihren Vermieter*innen“, fügt Jasón hinzu. Doch im Laufe der Zeit entstanden Strukturen, die immer mehr Migrant*innen zusammenbrachten, geeint durch das gleiche Problem: keinen Wohnsitz mit Anmeldung zu finden und deshalb stark in ihrem Leben in Berlin eingeschränkt zu werden. „Es ist uns bewusst geworden, dass es eine strukturelle Lösung braucht“, beschreibt Jasón den Prozess.

Nach längerer Recherche entstand im Dezember 2023 die Kampagne „Anmeldung für Alle“, die darauf abzielt, eine City-ID in Berlin einzuführen. Ähnliche Konzepte gibt es bereits in Barcelona, New York und anderen Städten auf der Welt. Die gewohnte Anmeldung solle dadurch nicht ersetzt werden, sondern lediglich ein weiterer legaler Zugang zu Behörden geschaffen werden. Es gebe bereits ein Gutachten von 2024 für eine ähnliche Idee, einer ID-Karte für Obdachlose, die einfach um die Personengruppe der Migrant*innen erweitert werden könnte, finden Mora und Jasón. Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft würden zwar ebenfalls teilweise unter einer fehlenden Anmeldemöglichkeit leiden, hätten aber oft ihr Elternhaus als alternative Meldeadresse.

Mehr als 40 Organisationen unterstützen die Forderung von „Anmeldung für Alle“. Zunächst soll Ende Mai beim Petitionsausschuss des Berliner Senats eine Unterschriftensammlung eingereicht werden, mit symbolischem Zweck. „Wir wollen zeigen, dass dieses Problem nicht nur Migrant*innen beschäftigt, sondern für alle wichtig ist“, erläutert Mora. Sollte das Vorhaben erfolgreich sein, könnte es als Modell für andere deutsche Städte dienen, denn das Problem existiert nicht nur in Berlin. Die Regelung allerdings direkt auf nationaler Ebene zu ändern, sei schwierig, denn Anmeldungen gehören zum Gemeinderecht und sind föderal verwaltet.

Die Aktivist*innen haben sich bereits national und europaweit vernetzt. Auch mit Politiker*innen sind sie im Gespräch. Sie erhoffen sich dadurch politischen Rückenwind: „Die Berlin-Wahl im September steht im Zeichen des Wohnens, da passt unsere Kampagne dazu“, sagt Jasón. Er ist auf mehreren Ebenen politisch aktiv, unter anderem koordiniert er den Kieztreff in Berlin-Hellersdorf. Ihn motiviert zur Kampagne, politisch etwas verändern zu können. Mora verspricht sich durch den Erfolg ihres Engagements einen kleinen Schritt hin zu besserer Lebensqualität vieler Menschen und raus aus einer gefühlten Handlungsunfähigkeit: „Wenn wir keinen sicheren Wohnraum haben, haben wir auch keine Kapazität, uns politisch für andere Dinge einzusetzen und die Welt zu verändern.“


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Migration, Ausgrenzung und Zwang

Dezember 2024, Texas: Randall Gamboa Esquivel wird wenige Tage nach dem Überqueren der mexikanischen Grenze bei einer ICE-Razzia festgenommen. Er wird in eine Einwanderungshaftanstalt im Süden von Texas gebracht und einige Wochen später in das Bezirksgefängnis von Webb County in derselben texanischen Region verlegt. Bis Juni 2025 und während seiner gesamten vorherigen Haftzeit steht Gamboa täglich mit seiner Familie in Kontakt, überzeugt davon, dass seine baldige Abschiebung bevorsteht. Randall Gamboa reiste illegal in die USA ein, um im Nordosten des Landes, in der Gegend von New Jersey, Arbeit zu suchen. Dort hatte er bereits von 2002 bis 2013 neun Jahre lang ohne Aufenthaltsgenehmigung gelebt. Sein Plan war derselbe wie damals: das Land durchqueren und ein Netzwerk von Costa-Ricaner*innen kontaktieren, um zu arbeiten und Geld an seine Familie zu überweisen.

Dies ist eine gängige Praxis, und für manche Familien in Costa Rica macht sie den größten Teil des Haushaltseinkommens aus. Trennung und Entwurzelung sind der Preis, den diejenigen zahlen, die den sogenannten amerikanischen Traum suchen. Doch der damals 52-jährige Gamboa wird ins Valley Baptist Hospital eingeliefert, wo man ihn wegen angeblicher psychiatrischer Störungen behandelt. Einen Monat später, im Juli 2025, verschlechtert sich sein Gesundheitszustand, und die Krankenakten weisen auf Unterernährung und toxische Enzephalopathie (Schädigung des Gehirns, die durch den Kontakt mit verschiedenen toxischen Substanzen ausgelöst werden kann, Anm.d.Red.) hin. Währenddessen hat Gamboas Familie den Kontakt zu ihm verloren und versucht, über das zuständige Konsulat Vermittlungsmaßnahmen einzuleiten. Jegliche Informa­tionen treffen jedoch verspätet oder unvollständig ein. In ein künstliches Koma versetzt, wird Gamboa im September 2025 ohne vorherige Ankündigung in einem Ambulanzflug nach Costa Rica verlegt. Erst dann wird seine Familie informiert. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Krankenhaus in San José bringt man ihn in sein Elternhaus im Süden des Landes. Dort stirbt Randall Gamboa Esquivel im Oktober 2025.

Empörung und Verzweiflung

Der körperliche und gesundheitliche Zustand, in dem Gamboa transportiert wurde, ist noch immer nicht geklärt. Einige seiner Beschwerden lassen sich auf körperliche Gewalt und schlechte Haftbedingungen zurückführen. Doch all dies ist reine Spekulation. Die Chaves-Regierung hat über Außenminister Anroldo André ein Schreiben an das US-Sicherheitsministerium gerichtet. Eine offizielle Antwort steht noch aus. Das Land vertraut darauf, „dass die guten Beziehungen zwischen beiden Ländern sowie die Achtung des Völkerrechts und der diplomatischen Konventionen Bestand haben werden“. Die Familie hat privat rechtliche Schritte eingeleitet, denn die Maßnahmen der Chaves-Regierung haben die Aufmerksamkeit vom Verfahren abgelenkt und es damit faktisch ignoriert.

Im März dieses Jahres schloss sich Costa Rica der Gruppe der Länder an, die sich der interventionistischen Politik der Vereinigten Staaten unterwerfen. Rodrigo Chaves prahlt sogar mit seinen guten Beziehungen zu Donald Trump und betont, wie positiv sich diese für das Wirtschaftswachstum des Landes auswirken. Die makro- und mikroökonomischen Indikatoren des Landes spiegeln jedoch eine andere Realität wider. Jenseits der wirtschaftspolitischen Illusionen der Regierung lässt sich das wahre Gesicht von Chaves und seiner Nachfolgerin Laura Fernández am deutlichsten an der unterwürfigen Haltung erkennen, die er einnahm, als er lächelnd auf dem Foto zur Einweihung des Escudo de las Américas posierte.

Migrationsverfahren in der Kritik

Kristi Noem (ehemalige Leiterin des US-Ministeriums für Innere Sicherheit) war im März dieses Jahres als Sonderbeauftragte für die Region in Costa Rica zur Unterzeichnung eines Kooperationsmemorandums. Mit dem Sonderabkommen hat Costa Rica zugestimmt, Personen aufzunehmen, die in den USA wegen illegaler Einwanderung festgenommen wurden. Die Vereinbarung, die Costa Rica als „sicheres Drittland“ bezeichnet, sieht vor, dass das Land wöchentlich bis zu 25 von der Trump-Regierung abgeschobene Personen aufnehmen kann, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit. In der ersten Aprilwoche traf der erste Flug mit Personen aus Guatemala, Kamerun, Honduras, Indien und China sowie aus Albanien, Kenia und Marokko ein.

Obwohl Costa Rica versichert, dass internationale Menschenrechtsabkommen bei allen Verwaltungsmaßnahmen stets als Maßstab herangezogen werden, bleibt unklar, unter welchen juristischen Bedingungen dieses System funktionieren soll. Laut dem Abkommen und den Bestimmungen der costa-ricanischen Migrationsbehörden in Zusammenarbeit mit der Internationalen Organisation für Migration (IOM) haben die Betroffenen die Möglichkeit, im Rahmen eines speziellen Asylverfahrens im Land zu bleiben oder in ihre Herkunftsländer zurückzukehren. Die Infrastruktur ist jedoch noch nicht vollständig auf diesen Prozess vorbereitet, der Übersetzungen, Kommunikation und rechtliche Vermittlung umfasst.

Zuvor hatte das deutsche Unternehmen Faber-Castell in einer ungewöhnlichen Aktion das Land öffentlich beschuldigt, eine alte, für humanitäre Zwecke gespendete Fabrik, als Haftanstalt für abgeschobene Personen zu nutzen. Die Regierung wies diese Beschuldigungen unbegründet zurück. Bis zum Redaktionsschluss sind in Costa Rica drei Flüge mit insgesamt 80 inhaftierten Personen eingetroffen, darunter mindestens acht Costa-Ricaner*innen. Laut offiziellen Mitteilungen wird die Mehrheit in ihre Herkunftsländer zurückgebracht, während die zweitgrößte Gruppe erklärt, nicht in ihre jeweiligen Länder zurückkehren zu wollen. Auch hier werden die Informationen weiterhin zurückgehalten, mit der Begründung, die Identität und die Rechte der Betroffenen zu schützen. Die Regierung verwendet dies jedoch als Vorwand, um die Haft- und Verfahrensbedingungen geheim zu halten.

Der Fall Randall Gamboa ist noch lange nicht geklärt, und fast ein Jahr nach Beginn der Ereignisse, die zu seinem Tod führten, scheinen weder die Regierung Costa Ricas noch die der USA daran interessiert zu sein, eine Lösung anzubieten. Zynischerweise unterwirft sich die costa-ricanische Regierung der Macht der USA, um Trumps von Gut und Böse geprägter Weltsicht in der Migrationspolitik zu gefallen, und öffnet damit Tür und Tor für Unregelmäßigkeiten in undurchsichtigen Einwanderungsverfahren. Darüber hinaus wurde das Abschiebeabkommen von Universitäten, Zivilgesellschaft und internationalen Organisationen heftig kritisiert. Würde und Menschenrechte treten in den Hintergrund, während Unterwürfigkeit zur Staatspolitik wird.


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KEIN DEUTSCHER TRAUM

Deutschland braucht Migrant*innen für seinen Arbeitsmarkt, so bekräftigen Unternehmensverbände und Bundesregierung es immer wieder. In Lateinamerika rühren private Akteure, deutsche Medien und Ministerien die Werbetrommel. Besonders im Gesundheitssektor sollen lateinamerikanische Fachkräfte für die Besetzung dringend benötigter Stellen sorgen – doch die Aussage von Max Frisch aus dem Jahr 1965 ist weiter aktuell: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.“ „Als Schwarze Person muss ich mich hier in Deutschland dreifach anstrengen, um genauso wahrgenommen zu werden, wie alle anderen”, sagt Hugo Mosquera. Der gebürtige Kolumbianer sitzt in einem Café in Berlin. Gerade ist seine Schicht als medizinischer Fachangestellter in der Praxis zu Ende, er wirkt glücklich. Nach sieben Jahren in Deutschland ist er endlich an einem Ort, an dem man ihn wertschätzt und hat eine Arbeit, von der er leben kann. Das war nicht immer so.

Mosquera, der in Kolumbien Architekturdesign studiert hatte, kam 2018 nach Deutschland. Hier schaffte er es nicht in diesem Beruf Fuß zu fassen. „Ich habe mich an vielen Orten beworben, eine Person sagte mir dann, ‚wenn bei gleicher Qualifikation zwischen einem blonden Deutschen und dir entschieden werden muss, dann fällt die Entscheidung auf den Blonden‘“, so Mosquera, der zunächst anfing bei McDonalds zu arbeiten. Schließlich entschied er sich für einen Neuanfang: Er wählte eine Ausbildung zum medizinischen Fachangestellten, da im Gesundheitssektor besonders viele Fachkräfte benötigt werden. So kam Mosquera über einen Umweg in den Sektor, der besonders um ausländische Fachkräfte wirbt

Knapp 50.000 Stellen blieben im Jahr 2024 im Gesundheitssektor in Deutschland unbesetzt. Diese Lücke sollen auch Fachkräfte aus Lateinamerika füllen. Im Juni 2023 war der damalige Bundesarbeitsminister Hubertus Heil selbst in Brasilien, um ein Anwerbeabkommen mit der dortigen Regierung zu schließen. Obwohl Brasiliens Regierung das Abkommen aufgrund von eigenem Fachkräftemangel im Juni 2025 wieder stoppte, zeigte es den dringenden Bedarf nach ausländischem Personal. Mosquera erinnert sich an Werbung, die ihm schon in Kolumbien auffiel. Darin beschrieben mutmaßliche zukünftige Arbeitgeber schnelle Jobeinstiege, hohe Lebensqualität und gute Löhne. Wenngleich mit kritischer Perspektive, veröffentlicht auch die spanischsprachige Version der Deutschen Welle regelmäßig Beiträge, die über Fachkräftemangel, Migrationsmöglichkeiten und nur bedingt über damit verbundene Probleme aufmerksam machen. Rückblickend sagt Mosquera, „sie haben einen ‚deutschen Traum‘ vermittelt, den es so nicht gibt“.

Nicht mangelnde Qualifikation, sondern mangelnde Anerkennung ist das Problem

Dies kritisiert auch Paula, die aus beruflichen Gründen lieber anonym bleiben will. Die Medizinerin wuchs in Kolumbien auf, studierte später Physiotherapie in Spanien, kam nach Deutschland und studierte an der Charité Medizin. Sie sagt, „viele Fachkräfte werden unter falschen Versprechen angeworben“. Paula baut derzeit ein Netzwerk aus Personen auf, die aus Kolumbien kommen und im deutschen Gesundheitssektor arbeiten. Immer wieder wenden sich Menschen an sie und ihre Kolleg*innen, denen höhere Löhne, der Nachzug von Familienangehörigen oder bessere Arbeitsbedingungen versprochen wurden. „Hier angekommen entledigen sich die Vermittler aus dem Ursprungsland ihrer Verantwortung“. Das harte Arbeitsklima führe bei vielen zu einem raschen Burnout, so Paula. „Unter den derzeitigen Bedingungen sind die Leute lediglich enttäuscht und wollen schnell wieder zurück“, resümiert die Medizinerin, die derzeit in einem Spital in Ostdeutschland arbeitet und ergänzt: „Das hilft niemanden“. Paula macht zusätzlich auf einen kulturellen Faktor aufmerksam.

„In Deutschland gibt es keine Willkommenskultur, niemanden der dich am ersten Arbeitstag an die Hand nimmt und sagt, ‚komm mit uns Mittagessen“, sagt sie. Dies sei nicht aus Boshaftigkeit so, sondern weil die Menschen es nicht anders gelernt hätten. Als Migrant*in müsse man sich zudem immer doppelt beweisen, „es bleibt der misstrauische Blick“, so Paula, „der beim ersten Fehler sagt, die Migrantin weiß es halt eben doch nicht so gut“. Es sei deshalb wichtig, mit guten Deutschkenntnissen hier anzukommen, alles andere würde die Kommunikation erschweren und Ausbeutung vereinfachen.

Mosquera ist in dieser Beschreibung direkter. „Was wir erleben, ist Rassismus“, sagt er. Dies beginne bei der geringeren Wertschätzung der Titel und komme im Alltag durch scheinbar harmlose Mechanismen des Auschlusses zum Vorschein. „In der ersten Praxis, in der ich arbeitete, wurde ich trotz meiner Qualifikation von einem Teil des Teams nicht wahrgenommen und als unwissend behandelt“, erinnert sich Mosquera. Während seiner Ausbildung arbeitete er als billige Arbeitskraft in der Praxis, erhielt zu Beginn lediglich einen Ausbildungslohn von 600€. Nach der Ausbildung, versuchte er das Miteinander in der Praxis zu verbessern. Schließlich war er nun als Fachkraft angestellt. Doch er wurde weiterhin nicht ernst genommen. Es habe lang gedauert dieses Mobbing klar zu erkennen und sich bewusst zu werden, dass er daran nichts ändern kann. „Ich bin nicht Nelson Mandela, ich kann so etwas nicht“. Mosquera suchte sich deshalb eine neue Praxis.

Strukturelle Diskriminierung prägt den weiteren Berufsweg

Laut einer Studie des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe erlebten rund 53 Prozent der befragten Fachkräfte aus dem Ausland rassistische Beleidigungen. Darüber hinaus erzählte die Mehrzahl von körperlichen Angriffen, Diskriminierung und ganze 79% davon, dass ihre Kompetenz regelmäßig in Frage gestellt wird. Das ist nicht nur kritisch, sondern auch unangemessen. Viele Pflegeberufe, die in Deutschland eine Ausbildung sind, werden in anderen Ländern an der Universität gelehrt. Wie Physiotherapie, die Paula in Spanien studierte. „In Deutschland habe ich schnell bemerkt, dass ich als Physiotherapeutin viel weniger Spielraum habe“, erzählt die Ärztin. Sie musste Erfahrungen und Weiterbildungen aus ihrem Lebenslauf streichen, um ernst genommen zu werden. „Die Praxen achten mehr darauf, nicht zu viel Geld auszugeben, als die Fähigkeiten ihrer ausländischen Fachkräfte für sich zu nutzen“. Sowohl Paula als Mosquera arbeiten nun mit deutschen Titeln. Mosquera meint abschließend, dass es viel schwieriger war, als er es sich zu Beginn vorstellte. „Ich würde den Weg noch einmal gehen“, erklärt Mosquera, aber er wünschte sich, dass besser über die Probleme kommuniziert wird und ausländische Kräfte nicht nur als billige Arbeitskraft ausgenutzt werden


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“Expulsaron a 300 policías”

Für die deutschsprachige Version hier klicken

Activistas en Los Angeles muestran fotos de sus familiares (Foto: Canek Hernández)

Las redadas ilegales de principios de junio en el Fashion District y Home Depot, así como las escenas de pobladores de Los Ángeles por centenas, haciendo retroceder policías y tanquetas, fueron para muchas personas sorprendentemente esperanzadoras. ¿En qué contexto sucedieron estas acciones?
[El movimiento] nos ha sorprendido a todos, pero no es nuevo. No es que la gente esté de la noche a la mañana saliendo a la calle. Hay una historia de autodefensa, de defensa de las mismas comunidades. De hecho, una de las organizaciones más potentes aquí en Los Ángeles es la Coalición Comunitaria de Autodefensa (Community Self Defence Coalition).
Hay capas, o diferentes dimensiones, en el movimiento: Por una parte están las organizaciones no gubernamentales, con una tarea de enlace y de cabildeo con el gobierno local o federal. Tenemos organizaciones civiles que hoy están jugando un papel muy importante con estrategias legales directas. Por ejemplo, la Coalición por los Derechos Humanos de los Inmigrantes (CHIRLA), que está abogando en términos formales y legales en diferentes casos por diferentes comunidades migrantes.
En otra capa están las organizaciones civiles que no necesariamente están registradas como organizaciones no gubernamentales. Por ejemplo, esta coalición que se formó, la Coalición Comunitaria de Autodefensa. En esta coalición están, por ejemplo, Homies Unidos, Unión del Barrio, juntos con aproximadamente 50 organizaciones de base de Los Ángeles. Son educadores, educadoras, que también han participado en el movimiento por el cese al fuego en Gaza. Este combo de organizaciones tienen una red de comunicación con las familias, con diferentes comunidades sobre todo en el este, sur y toda la periferia de Los Ángeles.

¿Cómo opera en campo esta articulación, por ejemplo, cuando se consigue impedir el secuestro de una persona migrante?
La coalición se formó tres meses antes del primer operativo [de deportación], entonces ya hay un antecedente. El primer día ocurrieron las redadas más grandes en el Fashion District, que son maquiladoras de ropa. En un principio se registraron alrededor de 60 federales, que rodearon varios edificios. Ahí había gente adentro que empieza a enviar mensajes de texto a familiares. Por ejemplo, un trabajador del pueblo zapoteca texteó a uno de sus familiares y esa persona, a una compañera, también zapoteca. Luego, estas personas se comunican con alguna de las organizaciones de la coalición, por ejemplo, con Homies Unidos con Unión del Barrio.
Eso no lo esperaban los federales: en un lapso más o menos de una hora ya había comunicación en primer lugar con familiares, amigos, vecinos y, en un segundo grado, con las organizaciones. Llegaron primero algunas como Unión del Barrio, pero también llegó gente del sindicato más importante de trabajadores quizá en todo California, y luego llegaron vecinos. Hay, más o menos, entre vecinos, activistas, defensores o incluso abogados o gente del sindicato, entre 300 y 500 personas que están como observadoras. Llevan megáfonos, están en la puerta, informando: “No den sus datos, tienen que permanecer en silencio, no pueden llevárselos de forma legal y formal sin una orden, no pueden entrar sin una orden de cateo”. Pero llegó un momento en el que no se respetó más ningún protocolo legal.
Entonces los vecinos se empezaron a colocar frente a las filas de coches de las seis agencias federales. No es una estrategia como las del sindicato, donde se sientan en filas de 5 a 8 personas, y las fuerzas federales los van retirando uno por uno, los llevan a detención y ya los está esperando ahí un abogado. No: esta fue resistencia civil espontánea. Los cerca de 300 elementos federales que iban con el objetivo de detener a alrededor de mil personas, fueron expulsados y obligados a irse con 43 detenciones. Estamos hablando de 43 familias que literalmente están destruidas por cinco, diez, quince años. Pero simultáneamente, si lo ves desde afuera, fracasaron. Es decir: 43 personas no es ni el 10 porciento de lo que ellos se habían propuesto, y de acuerdo con mi compañera Michelle, que estaba ahí, fueron los vecinos quienes “los corrieron”.

Parece que lo que describes es una victoria de la comunidad. Quizás parcial, pero sí muy importante ante las detenciones ¿Fue también significativa a nivel simbólico?
Sí, es muy importante. Yo no quiero hablar de modelos, pero creo que lo que se está replicando es llamar a los familiares, llamar a las organizaciones, ya sean no gubernamentales o civiles… Si se hace muy público, lo que pasa es que sí sale un combo de vecinos, de organizadores, de periodistas. Lo que se está diciendo en diferentes talleres que hemos participado es que tenemos que grabar todos. Esto es muy importante porque lo que estamos viendo en Gaza, respecto de cómo nos llega la información más importante, más cruel, más desgarradora, es a través de gente que tiene un celular. Por eso, la idea aquí es grabar, grabar, grabar.

¿Hay más elementos en la estrategia? ¿Se están replicando ya?
En cada lugar donde sucede un operativo, donde hay deportaciones, a la tarde ya están convocando formalmente rallies, manifestaciones, y después asambleas de las juntas de gobierno local.
Por ejemplo, hay un caso en Downey. Se detecta que hay federales, salen los vecinos, se comunican por SMS, sale en las redes sociales. Los vecinos los expulsan. No detienen las detenciones, valga la redundancia, pero lo que sí consiguen es detener ya el operativo. Luego, se convocan manifestaciones para hacer público que los vecinos no están de acuerdo, y ya hay varias en Santa Ana, en Downey, en diferentes ciudades. Después se convoca a juntas del concejo municipal, adonde van los vecinos y exponen. Allí, básicamente la solicitud es es que los concejales y jefes del gobierno local de estas ciudades tengan que, por lo menos, declarar que no están a favor y realizar alguna acción. Por ejemplo, se ha logrado en Pasadena aprobar el día de hoy (28 de junio) un lineamiento para que los agentes federales no puedan usar máscara, tienen que descubrirse el rostro.

Mencionaste que la solidaridad en el grupo zapoteco de Michelle es comunitaria, es de su pueblo, no institucional. Me interesa tu perspectiva sobre la articulación o desarticulación de distintas formas de lucha, por ejemplo la zapoteca pero también otra, como la lucha negra, que tiene sus propias particularidades.
Esta pregunta es muy importante. Te lo puedo decir de esta forma: hay diferentes bloques sociales que siempre han participado, que son por ejemplo las diversidades sexuales y un grupo muy grande que se fortalece después de Vietnam. Hay diferentes grupos, tanto civiles como organizaciones políticas, de afroamericanos, y también hay algunas organizaciones que tienen que ver con trabajadores donde confluyen todos los anteriores, los sindicatos. También hay organizaciones religiosas de diferentes denominaciones. Es muy importante saber que en este momento están confluyendo.
Históricamente ha habido diferencias, pero son diferencias construidas artificialmente. Yo te puedo decir dos cosas muy concretas: yo participo de una coalición que se llama Community Coalition, y literalmente somos Black and Brown Unity. Aquí en el sur de Los Ángeles hay muchos mexicanos, y dentro de los mexicanos hay nahuas, hay zapotecas, hay mixes. También hay gente de Belice, mucha gente de Belice que es afrodescendiente; mucha gente que yo pensaba que era de Belice, pero que son del Caribe, son mexicanos, afrodescendientes de El Salvador, de Guatemala. De México: de Nayarit, de Michoacán, de Jalisco, mixes, choles, gente que habla diferentes lenguas. Entonces esto de “latinos” también ya se ha convertido en un eufemismo cuando ves que son todos estos pueblos.
Pero pasa otra cosa muy relevante en términos antropológicos, y es que toda la ciudad de Los Angeles está siendo afectada por la filiación o parentesco. Aproximadamente la mitad de la población tenemos en primero o segundo grado un parentesco consanguíneo o político con alguien migrante.
Acabo de ir a dos reuniones familiares y resulta que en estas dos familias que son de güeros (nota de la redacción: estadounidenses blancos), como diríamos, ya tienen familiares, ya tienen nietos, ya tienen una esposa de Guerrero. La otra familia que también visité allá es judía, no es militante de nada pero que está muy afectada, porque las amigas de sus niñas de esta familia son mexicanas.
Toda esta gente diversa, sobre todo desde las organizaciones, ha empezado a ver como un problema fundamental del Estado. No es un problema que nace ahora con Trump. Desde los grandes medios de comunicación se intenta instigar lo que llaman una “guerra tribal” de diferencias, pero de nuestro lado tenemos la apuesta de disolver estas diferencias construidas.


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„300 Polizisten wurden rausgeschmissen“

Zum Originaltext hier klicken

Zerissen Aktivist*innen zeigen Bilder ihrer Familie (Foto: Canek Hernandez)

Nach den illegalen Razzien Anfang Juni im Fashion District und bei Home Depot waren die Szenen der Bewohner*innen von Los Angeles, die zu Hunderten die Straßen besetzten und Polizei und Panzer zurückdrängten, für viele Menschen überraschend hoffnungsvoll. In welchem Kontext fanden diese Aktionen statt?
Die Proteste haben uns alle überrascht, aber sie kommen dennoch nicht aus dem Nirgendwo. Die Leute gehen nicht über Nacht auf die Straße. Es gibt eine Geschichte der gemeinschaftlichen Selbstverteidigung. Eine der wichtigsten Organisationen hier in Los Angeles ist die Koalition für gemeinschaftliche Selbstverteidigung (Community Self Defence Coalition). Es gibt in der Bewegung mehrere langfristig aufgebaute Ebenen der politischen Organisierung, welche die Grundlage der aktuellen Proteste sind: Auf der einen Seite gibt es Nichtregierungsorganisationen (NGOs), deren implizite Aufgabe es ist, mit lokalen oder föderalen Regierungen in Verbindung zu treten und Lobbyarbeit zu betreiben. Dazu gehören zivile Organisationen, die heute mit direkten juristischen Strategien eine sehr wichtige Rolle für die Bewegung spielen, wie zum Beispiel die Koalition für Migrant*innenrechte (CHIRLA). Diese setzt sich in verschiedenen Fällen formal und rechtlich für Migrant*innen ein. Auf einer anderen Ebene gibt es kleinere zivile Organisationen, die nicht als NGOs registriert sind, wie zum Beispiel die gemeinschaftliche Selbstverteidigungskoalition Los Angeles. Teil dieser Koalition sind unter anderem die Gruppen Homies Unidos und Unión del Barrio, zusammen mit circa 50 weiteren Basisorganisationen. Das sind Pädagogen und andere, die sich auch an der Bewegung für einen Waffenstillstand in Gaza beteiligt haben. Diese Kombination von Organisationen verfügt über ein Kommunikationsnetzwerk mit Familien und verschiedenen communities, vor allem im Osten, im Süden und in der gesamten Peripherie von Los Angeles.

Wie funktioniert die Koalition in der Praxis, zum Beispiel in Fällen, in denen die Festnahme einers Migrantenin verhindert wurde?
Die Koalition wurde etwa drei Monate vor der ersten massiven Abschiebeaktionen gegründet, es gab also Vorbereitungszeit. Die ersten großen Razzien im Juni fanden im Fashion District in den Bekleidungsfabriken statt. Zunächst waren etwa 60 Bundesbeamte im Einsatz, die mehrere Gebäude umstellten. Dort haben die Leute angefangen, ihren Familienmitgliedern SMS mit Warnungen zu schreiben und schon zuvor bestehende Zusammengehörigkeiten und die Organisierung von communities zu nutzen. Zum Beispiel schrieb ein zapotekischer Arbeiter (Indigenes Volk aus Südmexiko, Anm. d. Red.) einem seiner Verwandten eine SMS, und dieser wiederum schrieb einem Kollegen, ebenfalls Zapoteke – was zeigt, wie wichtig von zuhause mitgebrachte, gemeinschaftliche Netzwerke als Basis sind. Dann kommunizierten diese Leute mit einigen der Koalitionsorganisationen, zum Beispiel mit Homies Unidos oder Unión del Barrio. Damit hat die Bundespolizei nicht gerechnet: Innerhalb von etwa einer Stunde gab es bereits Kommunikation mit der Familie, mit Freunden, mit Nachbarn und mit den Organisationen. Zuerst kamen einige Organisationen wie Unión del Barrio, aber auch Leute von der vielleicht wichtigsten Arbeitergewerkschaft in Kalifornien, und dann kamen Nachbarn, Aktivisten, Anwälte, insgesamt etwa 300 bis 500 Leute, die vor allem als Beobachter auftraten. Sie brachten Megafone mit, und informierten die Leute an den Gebäudeausgängen: „Geben Sie keine Auskunft, Sie dürfen schweigen, die Polizei kann Sie nicht legal und formell festnehmen, sie können Sie nicht ohne Durchsuchungsbefehl mitnehmen, sie können nicht ohne Durchsuchungsbefehl eindringen.“ Doch es kam der Moment, in dem kein rechtliches Protokoll mehr von den Beamten eingehalten wurde. Also begannen die Anwohner, sich vor die Wagenreihen der sechs Bundesbehörden zu stellen. Es handelt sich dabei nicht um eine Strategie wie die der Gewerkschaft, bei der sie in Reihen von 5 bis 8 Personen sitzen und dann von den Bundesbehörden einer nach dem anderen abgeführt werden, um sie in Gewahrsam zu nehmen. Dort wartet dann bereits ein Anwalt auf sie. Nein, dies war spontaner ziviler Widerstand. Die etwa 300 Bundespolizisten, die mit dem Ziel anreisten, etwa tausend Menschen zu verhaften, wurden vertrieben und gezwungen, mit 43 Festnahmen zu gehen. Wir sprechen hier von 43 Familien, die buchstäblich für fünf, zehn, fünfzehn Jahre zerstört sind. Aber gleichzeitig sind sie gescheitert. 43 Personen sind nicht einmal 10 Prozent dessen, was sie sich vorgenommen hatten. Und es waren die Nachbarn, die sie zusammen „verjagt“ haben.

Es scheint, dass das, was du beschreibst, ein Sieg der Gemeinschaft ist – vielleicht ein teilweiser, kein endgültiger, aber dennoch ein sehr bedeutender im Hinblick auf die Festnahmen an diesem Tag. War das auch auf symbolischer Ebene wichtig?
Ja, das ist sehr wichtig. Ich möchte nicht von Vorbild- oder Modellcharakter sprechen, aber ich denke, dass Einiges nun fortgeführt wird, weil es funktioniert hat. Dazu gehört es, die Angehörigen sofort anzurufen, die Organisationen anzurufen, egal ob es sich um NGOs oder andere zivile Organisationen handelt. Ein weiterer Punkt ist, alles zu filmen. Wir wissen, dass das essenziell ist, denn auch aus Gaza erreichen uns die grausamen und erschütternden Informationen mitunter über mit Handys gefilmten Videos. Daher werden auch wir immer alle Maßnahmen und jeden Beamten sofort aufnehmen.

Gibt es weitere Strategien? Und werden sie bereits nachgeahmt oder fortgeführt?
Überall dort, wo Abschiebemaßnahmen stattfinden sollen, werden noch am selben Tag Kundgebungen, Demonstrationen und Treffen mit den lokalen Behörden organisiert. Wenn zum Beispiel in Downey jemand bemerkt, dass Bundespolizisten in der Nachbarschaft sind, schicken die Leute SMS, verbreiten die Info über soziale Netzwerke und die Nachbar*innen kommen raus und vertreiben die Beamten. Sie stoppen die Maßnahme, noch bevor Verhaftungen beginnen. Anschließend gibt es Demonstrationen, um sichtbar zu machen, dass die Gemeinschaft das nicht akzeptiert. Es gibt inzwischen mehrere solcher Fälle, etwa in Santa Ana, Downey oder anderen Städten. Auch Stadtratssitzungen werden einberufen, bei denen die Anwohner fordern, dass sich die Lokalpolitik positioniert. In Pasadena wurde so am 28. Juni eine Richtlinie durchgesetzt: Bundesagenten dürfen keine Masken mehr tragen, sie müssen ihr Gesicht zeigen. Ein kleiner, aber symbolischer Erfolg – denn so wirken sie weniger unantastbar.

Wie werden in den Protesten und in der politischen Arbeit der Koalitionen verschiedene Kämpfe, zum Beispiel der Zapoteken, aber auch anderer, wie der Afrobevölkerung, mit ihren Besonderheiten zusammengedacht?
Das ist eine sehr wichtige Frage. Ich würde sagen: Es gibt verschiedene soziale Blöcke, die schon immer Teil der Kämpfe um soziale Gerechtigkeit waren, z.B. queere Gruppen und eine sehr große Gruppe, die im Kontext des Vietnamkriegs stärker wurde. Es gibt sowohl zivile als auch politische Organisationen von Afroamerikanern, und es gibt auch einige Arbeiterorganisationen, Gewerkschaften sowie religiöse Organisationen verschiedener Konfessionen. Historisch gab es immer Unterschiede zwischen diesen Gruppen – künstliche Trennungen, denn in Wirklichkeit überschneiden sie sich. Ich bin beispielsweise Mitglied einer Koalition, die sich Community Coalition nennt, und wir sind buchstäblich Black and Brown Unity; (dt. Schwarze und Braune Einheit, Braun als Selbstbezeichnung rassifizierter Personen, Anm. d. Red.). Wir sind eine Einheit, auch wenn wir nicht gleich sind. Damit meine ich folgendes: Hier in Süd-Los Angeles gibt es viele Mexikaner, doch unter ihnen gibt es Angehörige der Nahuas, es gibt Zapoteken, es gibt Mixes… Es gibt auch Leute aus Belize, viele davon afrikanischer Abstammung oder Afromexikaner, die aus der Karibik kommen, aus Nayarit, aus Michoacán, aus Jalisco, Choles, oder auch Afrosalvadorianer, Afroguatemalteken und so weiter. All diese Menschen sprechen unterschiedliche Sprachen. Der Begriff Latino verschleiert dies. Er ist zu einem verallgemeinernden Euphemismus geworden, wenn man sieht, dass dahinter auch all diese Völker stehen, die unsichtbar bleiben. Doch gleichzeitig ist die gesamte Stadt Los Angeles in irgendeiner Form durch familiäre Bande von der aktuellen Situation betroffen. Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung ist entweder direkt oder politisch in erstem oder zweitem Grad verwandt mit einem Migranten. Ich habe gerade an zwei Familientreffen teilgenommen, und es hat sich herausgestellt, dass es auch in diesen beiden weißen US-amerikanischen Familien mexikanische Verwandte gibt, die von den Abschiebungen betroffen sind. Eine andere Familie, die ich kürzlich besuchte, ist eine jüdische Familie, die in keiner Weise politisch aktiv ist, aber sehr bestürzt ist, weil die Freunde ihrer Kinder Mexikaner sind. Viele sehr unterschiedliche Menschen, vor allem jene, die organisiert sind, beginnen festzustellen, dass dieses Problem ein fundamentales Problem des Staats ist. Es hat auch nicht erst mit Trump begonnen. Wir setzen im Gegensatz zu den von den Medien oft aufgebauschten sogenannten „Stammeskämpfen“ verschiedener, ausdifferenzierter Identitätspositionen darauf, konstruierte Differenzen aufzulösen und an einem Strang zu ziehen.


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Monopoly carcéral: la case prison rapporte gros

Pour lire la version allemande, cliquez ici

Depuis le lancement des raids contre les migrants et les déportations massives engagées par l’administration Trump dès le 6 juin 2025, l’acronyme ICE est omniprésent. Il désigne l’ « Immigration and Customs Enforcement », autrement dit, la police migratoire des Etats-Unis. L’opération, qui vise principalement les populations latino-américaines (cf. article Protestas), a été annoncée par Donald Trump comme « la plus vaste vague de déportation de l’histoire des États-Unis ». Ce qu’il a omis de préciser en revanche, c’est que sa rhétorique du « Law and Order » cache un business lucratif. À peine deux semaines après sa réélection, les deux plus grandes entreprises carcérales du pays, CoreCivic et GEO Group, ont vu leur valeur en bourse grimper de 50 % (NBC News, 20 novembre 2024). Rien d’étonnant quand on sait que la politique migratoire trumpienne leur promet une manne colossale, avec des milliers de détenus pour des milliards de dollars de contrats fédéraux.

Un système privé

Pour comprendre comment certains acteurs parviennent à capitaliser sur les arrestations migratoires, il faut se pencher sur le système carcéral états-unien, dans lequel la privatisation joue un rôle clé. Selon une étude du centre de recherches TRAC, 86 % des personnes détenues par l’ICE en début d’année se trouvaient dans des centres privés. Pourtant, Joe Biden avait promis lors de sa campagne en 2020 de mettre fin à l’usage de centres de détention à but lucratif pour les services de l’immigration. Une promesse non tenue : en janvier 2025, les 20 plus grands centres de l’ICE sont tous gérés par des entreprises privées, en tête desquelles CoreCivic et GEO Group.

Ces deux entreprises, qui ont versé au moins un million de dollars pour la campagne de réélection de Donald Trump selon ABC News, se réjouissent de son retour au pouvoir. Si leurs bénéfices du premier semestre 2025 sont inférieurs à ceux de 2024 pour la même période, elles investissent massivement dans l’anticipation de nouveaux contrats avec ICE, et comptent sur le second semestre pour relancer leur rentabilité (source : Wall Street Journal, mai 2025). Des contrats ont déjà été signés, en attendant l’application de la « big beautiful bill », texte majeur de l’administration Trump. D’après la dernière analyse du Congressional Budget Office, cette loi prévoit de verser 46,5 milliards de dollars à la Customs and Border Protection (CBP) sur dix ans, dont près de 30 milliards à ICE.

Ces centres, qui sont donc payés par l’Etat pour remplir des fonctions carcérales, sont officiellement tenus de respecter les National Detention Standards (NDS) et les Performance-Based National Detention Standards (PB-NDS), qui encadrent les conditions de détention en établissement privé ou public.

Pourtant, en 2014, plusieurs anciens détenus ont ainsi porté plainte contre GEO Group, accusant l’entreprise de les avoir forcés à travailler, sous menace de représailles ou de privation de biens essentiels. En consultant le PB-NDS, on trouve une section 5.8 consacrée au « Voluntary Work Program ». Présenté comme une opportunité pour les détenus de travailler et « réduire les effets négatifs de l’enfermement », ce programme de travail est sans obligation. Sur le papier, une initiative presque humaniste.

Mais la réalité est bien différente : ce travail, pouvant atteindre 40 heures par semaine, est rémunéré au minimum légal de 1 dollar par jour. Le terme « voluntary » prend alors un double sens cynique : non seulement il masque le caractère quasi-obligatoire du travail dans un contexte de précarité extrême, mais il renvoie aussi à l’aspect quasi-bénévole de ces tâches.

La grande majorité des personnes concernées sont des migrants. Selon le centre de recherches The Sentencing Project, des sociétés comme CoreCivic, qui exploitent à la fois des prisons et des centres pour migrants, ne détiennent que 10 % de la population carcérale totale, mais 70 % des personnes détenues pour des raisons migratoires. En 2017, l’État de Washington a poursuivi GEO Group pour non-respect de la loi. Alors que l’entreprise est estimée à plus de 4 milliards de dollars, elle faisait travailler les détenus pour les repas, la lessive et l’entretien des sanitaires pour 1 dollar par jour dans son centre de Tacoma, qui compte 1 575 lits à Washington. Ces fonctions auraient nécessité 85 salariés à plein temps, selon l’entreprise. Le salaire minimum de l’État était alors de 11 dollars de l’heure, contre 16,66 dollars aujourd’hui. En octobre 2021, un jury fédéral a tranché à l’unanimité en faveur de l’État – décision toujours contestée par le groupe.

La précarité est en outre aggravée par des coupes drastiques dans les conditions d’accueil de base des détenus. L’avocate Nora Ahmed et son équipe ont publié un rapport en 2024 documentant les violations des droits humains et mauvaises conditions d’accueil dans les prisons d’Etat. Ce rapport fait état d’une mauvaise alimentation, d’un manque de personnel, de produits d’hygiène et de médicaments, d’un manque d’accès à l’extérieur, etc.

Une autre pratique interpelle les médias américains : depuis la fin du Covid-19, les détenus doivent payer pour appeler leur famille, alors que 520 minutes gratuites étaient allouées pendant la crise sanitaire. D’après l’ONG Call-Matters, un appel national au centre Golden State Annex coûte 7 centimes par minute – un cout multiplié par cinq pour les appels internationaux, très importants pour la plupart des détenus qui sont issus de l’immigration. Certains centres imposent aussi un dépôt minimum de 5 dollars pour activer le compte téléphonique. De quoi rendre illusoire la prétendue liberté de refuser le travail « volontaire ».

Or, le 13ème amendement de la Constitution américaine interdit l’esclavage et la servitude involontaire, sauf en cas de condamnation pour un crime – malgré les propos déshumanisants et accusateurs constants du gouvernement Trump, l’immigration ne constitue pas un crime. La chaîne CNN rappelle ainsi que moins de 10 % des quelque 185 000 personnes placées en détention par les services de l’immigration et des douanes entre le 1er octobre 2024 et le 31 mai 2025 ont été condamnées pour des crimes graves comme le meurtre, le viol, les agressions ou les vols qualifiés.

Et ce n’est peut-être qu’un début. En avril 2025, Amal Bouhabib, avocate principale de l’ONG juridique Farm STAND, et Josh Sbicca, directeur du Prison Agriculture Lab à l’Université d’État du Colorado, ont lancé une alerte dans le média Sentient. Selon eux, le travail carcéral pourrait bientôt sortir des murs des centres pour s’étendre à des fermes ou des abattoirs – lieux connus pour avoir recours à une main d’œuvre immigrée.

Sbicca redoute un recyclage cynique de la main-d’œuvre migrante : arrêtés, enfermés, puis réaffectés à leurs anciens postes — mais cette fois sans contrat, ni droits, ni salaire décent. Le contexte s’y prête : des voix s’inquiètent déjà du manque de main-d’œuvre dans des secteurs qui emploient massivement des sans-papiers, et ce, même dans le camps Républicain. L’agriculture, l’hôtellerie, et la restauration sont particulièrement touchées.

Des intérets locaux

Si les entreprises privées ont donc un grand intérêt à ces arrestations, c’est également le cas de certaines puissances régionales. Les prisons locales sont administrées par les sheriffs, dans les différents « counties » qui forment les états. Plus de 1 300 comtés ont agrandi ou construit de nouvelles prisons locales au cours des 20 dernières années, augmentant la capacité carcérale de près de 40 %. Ce développement est souvent motivé par la possibilité de revenus provenant de la location de lits de prison à d’autres comtés, aux services pénitentiaires des États, ou encore à des agences fédérales comme ICE. Le Sheriff de l’Ohio Richard Jones indique ainsi mettre à disposition de ICE ses 300 lits, pour 68 dollars par jour, ainsi que 36 dollars pour les transports.

Ce système incite les comtés à construire des prisons toujours plus grandes, non pour répondre à une urgence pénitentiaire, mais pour engranger des revenus. Dans certaines régions, l’incarcération est devenue un pilier de l’économie locale. Les budgets publics dépendent désormais du nombre de détenus, transformant l’arrestation de masse en stratégie de croissance. Dans ce Monopoly grandeur nature, les plus riches continuent de ramasser les billets pendant que d’autres perdent bien plus qu’un tour de jeu : des vies brisées, des familles éclatées, et des communautés durablement touchées.


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Das Feld „Gefängnis“ bringt Millionen

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Seit Beginn der Razzien gegen Migrant*innen und den massenhaften Abschiebungen, die am 6. Juni 2025 von der Trump-Regierung eingeleitet wurden, ist das Akronym „ICE“ allgegenwärtig. Es steht für Immigration and Customs Enforcement (dt.: Einwanderungs- und Zollbehörde), also kurz gesagt die Migrationspolizei. Hinter ihren Operation, die sich vor allem gegen lateinamerikanische Bevölkerungsgruppen richten (siehe Seite 9), verbirgt sich ein lukratives Geschäft: Nur zwei Wochen nach der Wiederwahl von Trump stieg der Börsenwert der beiden größten Gefängniskonzerne des Landes, CoreCivic und GEO Group, um 50 Prozent, wie NBC News berichtete. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass Trumps Migrationspolitik ihnen gewaltige Einnahmen durch milliardenschwere Bundesverträge sowie die Verhaftung tausender Menschen einbringt.

Ein privatisiertes System

Ein zentraler Aspekt des US-amerikanischen Gefängnisindustrie-Komplexes ist, dass privatwirtschaftliche Akteure eine essenzielle Rolle spielen. Laut einer Studie des unabhängigen Forschungszentrums Transactional Records Access Clearinghouse befanden sich am 6. Januar 2025 etwa 86 Prozent der von ICE festgehaltenen Personen in privaten Einrichtungen. Die zwei größte Unternehmen sind CoreCivic und GEO Group. Beide hatten laut ABC News mindestens eine Million Dollar für Trumps Wahlkampagne gespendet und profitieren nun von seiner Rückkehr an die Macht. Sie investieren massiv in die Vorbereitung neuer Verträge mit ICE. Die ersten wurden bereits in Erwartung der Umsetzung von Trumps neuesten migrationsfeindlichen Gesetzen abgeschlossen. Laut dem Haushaltsbüro des US-Kongresses soll durch das „big, beautiful bill“ in den nächsten zehn Jahren 46,5 Milliarden Dollar an die Zoll- und Grenzschutzbehörde (CBP) ausgezahlt werden, davon fast 30 Milliarden an ICE. Die Einrichtungen, die vom Staat für ihre Dienstleistungen bezahlt werden, sind verpflichtet, die nationalen Normen für Gewahrsam (NDS) und die leistungsabhängigen nationalen Haftnormen (PB-NDS) einzuhalten. Doch bereits 2014 reichten mehrere ehemalige Häftlinge Klage gegen GEO Group ein und warfen dem Unternehmen vor, sie unter Androhung von Repressalien und dem Entzug lebenswichtiger Güter zur Arbeit gezwungen zu haben. Beim Durchlesen der PB-NDS findet man eine Sektion 5.8, die dem „Voluntary Work Program“ gewidmet ist. Es wird dort als eine Möglichkeit für Inhaftierte dargestellt, zu arbeiten und „die negativen Auswirkungen der Inhaftierung zu verringern“ – ganz ohne Ver­pflich­tung. Auf dem Papier wirkt das fast wie eine hu­manistische Initiative.

Die Realität sieht jedoch ganz anders aus: Diese Arbeit kann bis zu 40 Stunden pro Woche umfassen und wird mit dem gesetzlichen Minimum von ein Dollar pro Tag vergütet. Der Begriff „voluntary“ (freiwillig) ist in diesem Fall letztlich irreführend: Die Arbeit ist für Insass*innen faktisch oft unausweichlich und fast unbezahlt. Zudem sind insbesondere Migrant*innen diesen Bedingungen ausgesetzt sind: Laut der Organisation Sentencing Project betreiben Unternehmen wie CoreCivic zwar nur etwa zehn Prozent der gesamten Gefängniskapazitäten, sind jedoch für 70 Prozent der Migrationshaftplätze zuständig. Im Jahr 2017 verklagte der Bundesstaat Washington die GEO Group, weil im Tacoma Center, einer Haftanstalt mit 1.575 Plätzen, Migrant*innen in Küche, Wäsche und Reinigung für ein Dollar pro Tag arbeiten mussten und dabei Tätigkeiten ausübten, die eigentlich 85 Vollzeitstellen erfordert hätten. Im Oktober 2021 entschied eine Jury einstimmig zugunsten des Staates. GEO bestreitet das Urteil bis heute.
Die prekäre Situation verschärft sich durch die massive Einsparung bei der Grundversorgung von Inhaftierten. Die Anwältin Nora Ahmed und ihr Team veröffentlichten 2024 einen Bericht, der Menschenrechtsverletzungen in US-Haftanstalten dokumentiert: schlechte Ernährung, Personalmangel, fehlende Hygieneprodukte, mangeln­der Zugang zu Medikamenten und Außen­bereichen. Auch das Telefonieren mit Angehörigen ist seit der Corona-Pandemie kostenpflichtig. Während früher 520 Freiminuten pro Monat gewährt wurden, kostet ein Inlandsgespräch Golden State Annex beispielsweise nun sieben Cent pro Minute und internationale Gespräche sind fünfmal so teuer. Einige Einrichtungen verlangen zudem eine Mindestzahlung von fünf Dollar, um ein Konto zu aktivieren. In diesem Kontext, in dem Zugang zu Geld unerlässlich ist, ist die vermeintliche „Freiwilligkeit“ der Arbeit eine Farce. Dabei verbietet der 13. Verfassungszusatz Zwang­sarbeit, mit Ausnahme strafrechtlich verurteilter Personen. Auch wenn Migration im Moment so behandelt wird, ist es wichtig, daran zu erinnern, dass sie keine Straftat ist.

Kostenlose Arbeitskräfte für prekäre Branchen


Im April 2025 warnten Amal Bouhabib, Chefjuristin der Farm STAND, und Josh Sbicca, Direktor des Prison Agriculture Lab an der Colorado State University, für der NGO Sentient Media vor einer möglichen neuen Entwicklung der Ausbeutung Inhaftierter: der Arbeit außerhalb der Haftanstalten. Inhaftierte könnten künftig auf Feldern oder in Schlachthöfen eingesetzt werden, teilweise an denselben Orten, an denen sie vor ihrer Verhaftung gearbeitet hatten, nun jedoch ohne Vertrag, Lohn oder Rechte. Denn in Sektoren wie Landwirtschaft, Gastronomie oder Hotellerie, in denen viele Personen ohne Visum oder Papiere arbeiten, herrscht bereits heute akuter Arbeitskräftemangel. Trumps aktuelle Abschiebepolitik wird dies noch verschärfen, weshalb es für ihn ein logischer nächster Schritt sein könnte, festgenommene Migrant*innen zwischenzeitlich zur komplett entrechtlichten Arbeit zu ver­donnern.
Derweil profitieren nicht nur private Unternehmen vom Haftgeschäft, sondern auch lokale Behörden. Die Sheriffs der über 3.000 US-Countys verwalten lokale Gefängnisse und haben ein wirtschaftliches Interesse an ihrem Ausbau. In den letzten 20 Jahren haben über 1.300 Countys neue Gefängnisse gebaut oder bestehende erweitert, was zu einer Steigerung der Kapazität um 40 Prozent führte. Durch die Vermietung von Haftplätzen an andere Behörden, darunter ICE, können sie Einnahmen generieren, was Gefängnisse zu einer lukrativen Investitionsmöglichkeit macht. Ein Beispiel dafür findet sich in Ohio, wo Sheriff Richard Jones der ICE-Behörde 300 Betten für je 68 Dollar pro Tag zur Verfügung stellt, zuzüglich 36 Dollar für Transportkosten.


Infolge dieser ökonomischen Logik werden zwar weiterhin neue Gefängnisse gebaut – jedoch nicht etwa, weil es an Platz für Inhaftierte mangelt, sondern für sondern wegen finanzieller Anreize. Solche aus wirtschaftlichem Interesse gebauten Einrichtungen erzeugen wiederum den Druck, sie auszulasten – also mehr Menschen zu verhaften. In manchen Regionen sind Haftanstalten so sogar zu einem zentralen, wirtschaftlichen Standbein geworden, wie die NGO More Perfect Union berichtet. Doch die Kassen klingeln auf Kosten zerrissener Familien und dauerhaft geschädigter Gemeinschaften im ganzen Land.


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// Beharrlich gegen die Grausamkeit

In Paramount, Kalifornien, gehen seit dem 7. Juni große Gruppen von Einwohner*innen auf die Straße und drängen Panzer der Einwanderungspolizei (ICE), des FBI und anderer Repressionsbehörden zurück. Zu Hunderten umzingeln sie die Einsatzfahrzeuge und verhindern zumindest, dass die Polizei einen Teil der Menschen, die sie verhaften will, mitnimmt – rund 70.000 Migrant*innen, wurden in diesem Jahr bereits abgeschoben. Vor kurzem hat die ICE in Donald Trumps verzweifeltem Bemühen, die Zahl der Abschiebungen früherer Präsidenten zu erreichen, die Strategie übernommen, Personen ohne Haftbefehl zu ergreifen. Verhaftet werden Eltern, die ihre Kinder gerade zur Schule bringen, Personen, die einen Termin in Bezug auf ihren Visumsprozess wahrnehmen, zur Arbeit erscheinen oder in die Kirche gehen. In Paramount, wo sich 80 Prozent der Bevölkerung als latino identifizieren, haben die Menschen unter dieser verschärften Verfolgung nichts mehr zu verlieren. Und sie haben genug.

Die Proteste sind zwar keine organisierte Kampagne, sondern entstanden relativ spontan, doch Zusammenhalt und Widerstand war in den migrantischen und rassifizierten communities der USA auch schon in den letzten Monaten zu beobachten. Seit Trumps Amtsantritt organisierte sich beispielsweise eine Koalition aus 60 Latino-, Schwarzen, asiatischen und jüdischen Organisationen, um ihre Gemeinden auf die Anwesenheit von ICE-Patrouillen aufmerksam zu machen und Migrant*innen ihre Rechte über Lautsprecher aus Handbüchern vorzulesen. Dem Zusammenschluss der Nachbar*innen gelang es, die Apathie zu durchbrechen, die ansonsten vielerorts um sich griff. Das steckt an: Die von Latinx Migrant*innen in Los Angeles angeführten Protestaktionen des zivilen Ungehorsams und der direkten Gegenwehr breiteten sich in wenigen Tagen auf 40 weitere Städte aus.

Auf der anderen Seite des Atlantiks wurden währenddessen die 12 Besatzungsmitglieder der Madleen Freedom Flotilla entführt. Die Flotilla ist ein Protestschiff, das die Blockade der humanitären Hilfe in der jüngsten Phase des völkermörderischen Besatzungskrieges Israels gegen Palästina durchbrechen wollte. Nachdem die israelische Armee das Schiff in internationalen Gewässern illegal gekapert hatte, wurden die Besatzungsmitglieder angeklagt, bei der Einreise gegen das Gesetz verstoßen zu haben, obwohl sie gegen ihren Willen nach Israel gebracht wurden. Nur wenige Tage später bereitete sich der Soumoud-Konvoi, eine massive Karawane von mehr als 1.500 Menschen, die von Tunis aus in Richtung der ägyptischen Grenze zum Gazastreifen startete, darauf vor, die Blockade auf dem Landweg zu durchbrechen, mit einer geplanten Ankunft am 15. Juni.

Überall auf der Welt mobilisieren sich insbesondere rassifizierte Bevölkerungsgruppen und durchbrechen die verkrusteten Schichten der Normalisierung der Grausamkeit. Die Migrant*innen in Los Angeles und im Rest der USA wissen, dass, wie in Warsan Shires Gedicht, niemand sein Zuhause verlässt, es sei denn, das Zuhause ist das Maul eines Hais. Doch was, wenn es keinen sicheren Ort mehr gibt, an den man gehen kann?

Nichts an der Gewalt, die wir dieser Tage sehen ist normal. Schiffe, Karawanen, Lautsprecheraktionen, Rechtsklagen und Mobilisierungen auf der Straße sind nur einige Arten, wie Menschen dies nach wie vor erkennen und sich dagegen in Bewegung setzen. Und wir brauchen noch viel mehr Formen der Solidarität mit widerständigen Völkern, der Kämpfe gegen die Entmenschlichung, der Gegenwehr angesichts zunehmend autoritärer Manöver. Wir müssen weiterhin beharrlich auf unser aller Menschlichkeit bestehen und angesichts von Grauen, Frustration und Schmerz Gemeinschaft organisieren.


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Wir sind hier!

Latino-Kollektive mobilisieren in Deutschland für den 8. März, hier in Frankfurt am Main (Foto: @latinas_unidas_de)

Ni unx menos red – Nürnberg

Existenzrecht jenseits von Nützlichkeitsfragen
Jetzt mehr denn je knüpfen wir Netzwerke in Deutschland. Wir müssen uns organisieren, um Hass, Rassismus und staatlicher Gewalt zu begegnen, denen wir als Migrant*innen ausgesetzt sind. Die Wahlen in Deutschland waren ein wichtiger Moment, um über die Rolle von Migrantinnen in dieser Gesellschaft nachzudenken. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass, Frauen, rassifizierte Menschen und Andersdenkende als erste leiden, wenn der Faschismus auf dem Vormarsch ist. Als Netzwerk NiUnxMenos prangern wir die strukturelle Gewalt an, der wir ausgesetzt sind: Arbeitsplatzunsicherheit, bürokratische Hürden, institutioneller Rassismus und das Fehlen einer Politik, die unsere Realitäten anerkennt. Die Bedürfnisse von Migrant*innen werden systematisch ignoriert und wir befürchten, dass die neue Koalition unsere Existenz weiter erschweren wird.
Lateinamerikanische Migrantinnen leisten einen enormen Beitrag zur Wirtschaft, sowohl in der Lohnarbeit als auch in der unbezahlten Sorgearbeit. Dennoch werden wir weiterhin in rechten Diskursen als Sündenböcke benutzt, während unser Leben abgewertet werden. Wir fordern unser Recht auf Existenz und Widerstand jenseits der Logik der Nützlichkeit, die uns auferlegt wird, um als „gute Migrant*innen“ zu gelten. Wir wollen Zugang zu Wohnraum, Bildung und reproduktiven Rechten, eine umfassende Gesundheitsversorgung und wirksame Maßnahmen gegen alle Formen von Gewalt. Wir haben nicht alle gewählt, aber wir alle leiden unter den Folgen. Redet nicht über uns ohne uns! Nicht eine weniger, nicht ein Recht weniger!

// Übersetzung: Josefina Lehnen

Colectiva Borregas Moradas – Bonn und Köln

Wir weigern uns „die guten, assimilierten Migrant*innen“ zu sein! Am 8. März spannten wir eine Wäscheleine voller migrantischen Geschichten in der Bonner Innenstadt auf. Ein lateinamerikanischer Mann kam zu uns und sagte, sexuelle Belästigung sei die Schuld der Männer, die als Geflüchtete in Deutschland leben. Wir versuchten, ihn dazu zu bringen, die schmerzhaften und komplexen Geschichten von weiblichen und queeren Migrant*innen zu lesen, aber er weigerte sich. Er sagte, er sei nicht wie andere Migranti*nnen, er arbeite und passe sich an. Dieses Gespräch geschieht vor dem Hintergrund des einwanderungsfeindlichen Diskurses, der in der Politik, in den Medien, zwischen den Menschen zu spüren ist und sich in letzter Zeit verstärkt. Als Latinxs werden wir manchmal als die „guten Migrant*innen“ beurteilt, weil viele von uns für ein Studium oder eine formale Arbeit kommen, weil wir nicht so viele sind, weil unsere Länder christlichen Religionen angehören. Wir weigern uns, diese Verkürzung zu akzeptieren. Wir glauben nicht an den Mythos der „guten Migrant*innen“. Wir erleben Rassismus und Prekarität, egal, wie wir in dieses Land gekommen sind, wie viel Deutsch wir sprechen und wie angepasst wir sind. Wenn wir auf die Straße gehen, werden wir exotisiert, gefürchtet und nur dann für gut befunden, wenn wir uns ruhig verhalten und alles, was uns von anderen unterscheidet, auslöschen. In diesem Kontext von Angst und Desillusionierung werden wir weiterhin unsere Solidarität mit anderen Gruppen stärken, die von diesem Rechtsruck betroffen sind.

// Übersetzung: Josefina Lehnen

Conuco – Leipzig

Die Angst transformieren
Conuco ist ein Kollektiv, das an die gemeinschaftliche Kooperation und den Widerstand glaubt. Unser Name („Conuco“ bedeutet kleiner Anbauplatz auf der Sprache der Taínxs. Das Wort wird in der Karibik verwendet, Anm. d. Red.) ehrt den Kampf derer, die das Land schützen und nicht nur Nahrung, sondern auch Unterstützungsnetzwerke sähen. Wir treffen uns, diskutieren, lernen und entwickeln Strategien, um Angst in Chancen zu verwandeln.
Angesichts der Wahlen in Deutschland belastet uns die Instabilität und Unsicherheit. Angst ist in den Gesprächen, im Schweigen der Unterdrückten und in der Vorsicht der über ihren Aufenthalts- und Sicherheitszustand besorgten Migrant*innen fühlbar. In der Arbeit mit Geflüchteten sehen wir, dass sie nicht mehr willkommen sind. Ihr Leben befindet sich in einem Schwebezustand zwischen einem falschen Zukunftsversprechen und einer nicht wiederherzustellenden Vergangenheit. Im Kulturbereich erfahren wir die Kürzungen, die künstlerische Ausdrucksformen ersticken und zensieren. In der Wissenschaft sehen wir, wie die Leugnung des Klimawandels Ökosysteme, Gemeinschaften und Klimagerechtigkeit gefährdet.
Aber Angst kann nicht durch Unterwerfung bekämpft werden, sondern durch Aktion, Zusammenarbeit und die Rückeroberung von Räumen, die uns fast entrissen wurden. Wir können es uns nicht leisten zu erstarren. Die aktuelle Situation ist ein Aufruf zur Stärke und Einheit, aufzustehen, die Angst in Trotz und Motivation zu verwandeln und unsere Geschichten sichtbar zu machen.

// Übersetzung: Daniel Sarmiento


Bloque latinoamericano – Berlin

Ein weiterer Schritt in Richtung Vergangenheit
Die Wahlen haben keinen Zweifel daran gelassen: Wir erleben einen Aufstieg der Rechten (CDU) und der extremen Rechten (AFD). Gleichzeitig strafte die Bevölkerung die Ampelkoalition für ihre kriegstreiberische, wirtschaftlich und sozial nachlässige Politik ab. Diese Entwicklungen kamen jedoch nicht überraschend, überraschend waren vielmehr die Ergebnisse der Partei Die Linke: Eine fast nicht mehr existierende Partei, die ihre Stimmenzahl verdoppeln konnte und Zehntausende neuer Aktivist*innen für den Wahlkampf gewinnen konnte.
Dies zeigt: Die aktuelle institutionelle und wirtschaftliche Krise wirkt sich direkt auf die „gemäßigten“ Parteien aus. Angesichts der tiefgreifenden Probleme entscheidet sich die Bevölkerung für radikale Lösungen. Zweitens war und ist die Migration das zentrale Thema, das herangezogen wird, um den Abbau sozialer Rechte und die Repression gegen die Bevölkerung zu rechtfertigen.
Gleichzeitig gelang es der CDU, in einer expliziten Demonstration von Lobbyismus und politischem Zynismus, ein Maßnahmenpaket zu verabschieden, das darauf abzielt, die Wirtschaft durch die Kriegsindustrie wiederzubeleben. Die Zukunft wird also von Kürzungen in unproduktiven Bereichen und verstärkten Investitionen in die Rüstung geprägt sein. Wie uns die Geschichte bereits gezeigt hat, werden Waffen hergestellt und auch eingesetzt. Aber die Toten werden immer von der arbeitenden Bevölkerung gestellt. Welches Land wird als nächstes die „europäischen Werte“ übernehmen sollen, koste es, was es wolle?

// Übersetzung: Carla Venneri

Unidas por la paz – Berlin

Berlin – Das letzte gallische Dorf?
Die Bundestagswahl endete ohne große Überraschungen. Wir wussten bereits, wer der nächste Kanzler sein wird und dass die Rechtsextremen abräumen werden, denn die Vorwahlkampfzeit war von einem einzigen Thema geprägt: Migration.
In Deutschland wie in der ganzen Welt verschiebt sich die Politik nach rechts. Die AFD hat erfolgreich einen rassistischen, einwanderungsfeindlichen Diskurs normalisiert, in dem jede Person, die nicht zu dem Standardaussehen der Mehrheitsbevölkerung passt, als potenzielle Gefahr für die Gesellschaft gebrandmarkt wird, ob sie nun einen deutschen Pass besitzt oder nicht. Die zugewanderte Bevölkerung muss sich nach diesem Diskurs den vermeintlichen Normen und Werten einer weißen Mehrheit unterwerfen. Wer sich nicht unterordnet, soll besser gehen. Jede*r Asylbewerber*in ist ein potenzieller Terrorist, der, da er nicht im Mittelmeer ertrunken ist, am besten an der Grenze erschossen werden sollte. Zu diesen faschistischen Tendenzen haben sich Figuren wie die einst kommunistische Wagenknecht gesellt, bei der glücklicherweise die Rechnung nicht aufging. Wir, in den migrantischen Communities, insbesondere jenen unten links, beobachten dieses Phänomen mit Sorge und Angst um unsere Zukunft in diesem Land, auf diesem Kontinent, auf diesem Planeten. Vielleicht ist es deshalb so erfreulich, ein wenig Licht im Dunkel zu sehen – wie die Tatsache, dass in Neukölln oder Kreuzberg Hunderte von deutschen Bürger*innen mit offensichtlichem Migrationshintergrund, z.B. Dutzende von Frauen mit Hidschab, für die einzige wirkliche Alternative zu dieser faschistischen Welle gestimmt haben: Die Linke. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik hat dieser Teil der Bevölkerung in so großer Zahl gewählt. In Neukölln gewann der kurdischstämmige Ferat Koçak mit 30 Prozent der Stimmen. Es ist das erste Direktmandat für den Bundestag, das Die Linke in Westdeutschland gewinnt. Noch ist nicht alles verloren, auch wenn Berlin das letzte gallische Dorf zu sein scheint.

Asamblea en Solidaridad con Argentina – Berlin

Internationale Solidarität statt Repression und rechte Hetze!
Die Wahlen haben ein alarmierendes Bild hinterlassen: Die extreme Rechte hat zugelegt, mit der AfD als zweitstärkster Kraft. Noch besorgniserregender ist jedoch, dass traditionelle Parteien wie die CDU, deren einwanderungsfeindlichen Diskurs übernehmen. Die Linke erreichte 8,77 %, teilweise mehr aus Angst, aus dem Parlament ausgeschlossen zu werden, als aufgrund eines bereits konsolidierten Wiederaufstiegs. Dennoch erzeugte dies Enthusiasmus und neue Mitgliedschaften in der Hoffnung, dass die Parteistruktur erneuert werden kann. Während die Bundesregierung die Grenzkontrollen verschärft und soziale Rechte abbaut, hat sie inmitten einer tiefen Wirtschaftskrise den Militärausgaben Vorrang eingeräumt. Dies folgt dem gleichen Muster, das wir in Argentinien unter der Regierung von Javier Milei sehen: brutale Kürzungen, Abbau des Staates und Repressionen. Wir prangern diese Politik und ihre Auswirkungen an. Der Widerstand ist nicht nur lokal, sondern international: Der Kampf gegen Austerität und Repression erfordert die Artikulation von Kämpfen überall. Die Wahlbeteiligung von 83 % zeigt, dass die Politik wieder im Mittelpunkt steht. Aber das Wachstum der extremen Rechten erfordert den Aufbau echter Alternativen. Es reicht nicht aus, sich der extremen Rechten entgegenzustellen: Wir brauchen Vorschläge, die Rechte verteidigen und soziale Gerechtigkeit garantieren. Von Berlin aus setzen wir unseren Kampf fort, in Solidarität mit Argentinien und mit allen, die sich dem reaktionären Vormarsch entgegenstellen.

// Übersetzung: Josefina Lehnen

Latinas unidas – Frankfurt

Migrantische Feminismen – eine politische Kraft!
Die Wahlergebnisse zwingen uns als Migrant*innen in Deutschland zum Nachdenken. Obwohl Migration im Mittelpunkt des Wahlkampfes stand, haben die meisten von uns kein Wahlrecht. Stattdessen sind wir mit Rassismus, prekären Arbeitsverhältnissen, fehlendem Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen und Kriminalisierung konfrontiert. Es ist an der Zeit, den Status quo in Frage zu stellen, der die Konstruktion von Bürger*innen erster, zweiter und dritter Klasse normalisiert. Der antifaschistische Schutzwall muss uns alle einschließen, denn die derzeitigen Spielregeln garantieren keine egalitäre und demokratische Gesellschaft.
Deutschland kann seinen multikulturellen Charakter nicht verleugnen. Von den Gastarbeiter*innen bis heute tragen Migrant*innen die Wirtschaft. Wir sind nicht nur Arbeitskräfte, wir sind kulturelles, akademisches und soziales Kapital. Das Narrativ eines bedrohlichen „Anderen“ weitet sich jedoch aus und lateinamerikanische Frauen und disidencias leben an der Schnittstelle von Rassismus, Patriarchat und Gewalt. Der Aufstieg der extremen Rechten bringt uns in Gefahr. Die Krise wird als Vorwand genutzt, um einwanderungsfeindliche und rüstungspolitische Maßnahmen zu verstärken und unser Leben aus einer merkantilistischen Logik heraus zu einem Druckmittel zu machen, wie es auch bei dem Völkermord in Palästina der Fall ist.
Unser Kampf ist feministisch, antirassistisch und antikapitalistisch. Wir wählen nicht, aber wir leisten Widerstand. Wir sind keine Opfer, wir sind eine politische Kraft.

// Übersetzung: Josefina Lehnen

Colombia solidaria – Hamburg

Weiße Vorherrschaft in ihren vielen Schattierungen
Deutschland hat uns in den Wahlen ein unerwünschtes Gesicht gezeigt. War dieses Potential an Gewalt schon immer unter uns? Die Antwort ist in verschiedenen Grautönen schattiert. Die AFD gewinnt an Einfluss und der politische Diskurs verschiebt sich nach rechts. Es gibt immer noch eine funktionierende und alltägliche weiße Vorherrschaft. Um sie loszuwerden, muss man nicht nur die eine oder andere Partei wählen. Es ist eine spirituelle Arbeit vonnöten, die darin besteht, den unendlich langen Faden nachzuzeichnen, der die menschlichen Beziehungen miteinander verwebt und uns alle durch die einfache Tatsache, dass wir leben, gleich macht. An diesem Punkt haben Deutschland, Europa und die weiße Gemeinschaft als solche eine unerledigte Aufgabe mit sich selbst. Dabei besteht glücklicherweise ein großes Potenzial, die koloniale Brutalität, die seit mindestens 500 Jahren fortbesteht, zu beenden und wiedergutzumachen.
Diese alltägliche, verinnerlichte rassistische Vorherrschaft hält den Großteil der Bevölkerung relativ gefügig, trotz grober Menschenrechtsverletzungen innerhalb, außerhalb und an den Grenzen dieses Landes. Ich möchte glauben, dass die Mehrheit der (weißen) Deutschen mit der herrschaftlichen Dynamik von Unterdrückung und Herrschaft nicht einverstanden ist. Aber was sie tun werden, um eine weitere Radikalisierung einer rassistischen Politik zu verhindern, bleibt offen. Deshalb ist die Frage, was wir als Migrant*innen tun können. ColSol organisiert Veranstaltungen, die sich mit dem Kampf gegen Rechts und Rassismus auseinandersetzen. Denn: Nie wieder ist heute!

// Übersetzung: Carla Venneri

Las Cayenas – Marburg

Mit erhobener Faust auf der Straße
Nach den Wahlen stehen wir aufrecht, mit brennenden Erinnerungen und erhobenen Fäusten. Der feministische Kampf ist vielfältig und vereint alle, die Widerstand leisten: feminisierte Körper, Dissidenten, Migrantinnen. Unsere Stärke liegt in der Vielfalt.
Der Feminismus im Süden ruft zum Streik auf, um die Welt daran zu erinnern, dass ohne uns nichts geht. Wir sind eine Flut, die Angst vertreibt und patriarchale sowie koloniale Macht herausfordert. Die Rechte erstarkt weltweit, mit ihrer hasserfüllten Rhetorik und ihren tödlichen Projekten. In Deutschland stellen rechte Kräfte Errungenschaften wie das Selbstbestimmungsgesetz in Frage und verweigern uns unsere Rechte, in dem sie den Paragraf 218 nicht streichen. Sie bedrohen unsere Existenz.
Migrant*innen erleben Prekarität und Ausgrenzung. Hohe finanzielle Hürden für Visa treiben uns in unsichere Arbeit, während wir Steuern zahlen, aber nicht mitbestimmen dürfen. Dazu kommen Sexismus und Gewalt in Alltag und Beruf. Die Rechte errichtet Mauern, schließt Grenzen und verweigert uns Dokumente. Sie können versuchen, uns auszulöschen, aber nicht von der Straße holen. Wir sind da, schreien, kämpfen und gehen vorwärts. Wir sind Wut, wir sind Protest und Widerstand. Unsere Stimmen brechen die Stille. Wir sind hier – und wir bleiben.


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Zwischen Erwachen und Erwachsenwerden

Foto: Plan B Entertainment

Eines Nachmittags vertraut Cecilia (Andrea Suárez Paz) ihrem Sohn Olmo an, sich um seinen Vater Néstor (Gustavo Sánchez Parra) zu kümmern. Der ist mit Multipler Sklerose bettlägerig und zum Überleben auf seine Familienmitglieder angewiesen. Auch sonst geht es der Familie nicht wirklich gut: Sie sind drei Monatsmieten schuldig, es gibt weder Zeit noch Geld für selbstgekochtes Essen (außer der Tiefkühl-Lasagne, die der Vater nicht essen will) und die Stereoanlage ist kaputt. All das hält den 14-jährigen Olmo aber nicht davon ab, sich für seine Nachbarin Nina (Melanie Frometa) zu interessieren. Seiner älteren Schwester Ana (Rosa Armendáriz) geht es ähnlich wie ihm: Sie will ihre Jugend abseits von Verpflichtungen erleben. Währenddessen versucht ihre überforderte Mutter, ihren häuslichen und finanziellen Verpflichtungen nachzukommen, indem sie Doppelschichten in einem Restaurant arbeitet.

Fernando Eimbckes Film Olmo wurde in der Sektion Panorama der Internationalen Filmfestspiele Berlin 2025 uraufgeführt. Es ist Eimbckes vierter Film und das zweite Mal, dass der mexikanische Regisseur an der Berlinale teilnimmt. Das erste Mal war er 2008 mit Lake Tahoe vertreten, einem Film, der mit dem Silbernen Bären für den Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet wurde. Sein Regiedebüt gab er 2004 mit Temporada de Patos, der in Cannes uraufgeführt wurde und in seinem Heimatland mehrere Preise gewann. Im Jahr 2013 präsentierte er Club Sandwich, seinen dritten Spielfilm, der beim 61. Internationalen Filmfestival von San Sebastian unter anderem mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde.

Olmo spielt 1979 in New Mexico und schildert auf humorvolle Weise den komplexen Übergang vom Heranwachsen zum Erwachsenwerden in einem von Unsicherheit geprägten Umfeld. Aivan Uttapa spielt darin den Protagonisten: Olmo ist ein junger Mann, der versucht, den Härten seines Zuhauses zu entkommen, indem er sich in seine Freundschaft mit Miguel (Diego Olmedo) und seine romantischen Träume zurückzieht.Sein Freund nimmt dabei im Laufe des Films die Rolle des treuen Helfers für ihn ein, fast wie Sam Gamdschie für den Helden Frodo in der Fantasy-Saga Herr der Ringe. Unter anderem unterstützt er ihn dabei, seinen Schwarm Nina dazu zu bringen, ihn zu einer Party einzuladen. Aber die Sache hat einen Haken: Die Eintrittskarte dafür ist, sich die Stereoanlage der Familie auszuleihen. So muss sich Olmo zwischen der Verantwortung für seine Angehörigen und dem Wunsch, seine Jugend zu leben, entscheiden. Auf diese Weise zeigt der Film eine unausweichliche Wahrheit: Erwachsenwerden bedeutet, schwierige Entscheidungen zu treffen.

Doch Olmo ist mehr als nur eine Coming-of-Age-Geschichte, sondern auch ein intimes Porträt einer Migrant*innenfamilie, in der die Eltern auf Spanisch kommunizieren und die Kinder auf Englisch antworten. Einer Familie, die durch die Krankheit von Néstor zerbrochen ist, der als Vater, obwohl körperlich eingeschränkt, immer noch versucht, seiner Rolle mit Anekdoten und Ratschlägen gerecht zu werden, auf die seine Kinder nicht immer hören wollen. Das fehlende Gleichgewicht in seiner Familie hinterlässt Olmo in einem großen Dilemma: Inwieweit soll er mit Aufgaben belastet werden, die seinem Alter nicht entsprechen? Während seine Mutter und seine Schwester versuchen, auf ihre Weise zu entkommen, sehnt auch er sich nach einer solchen Pause. So erinnert uns der Film daran, dass das Erwachsenwerden nicht nur ein Prozess der Selbstfindung ist, sondern auch ein Akzeptieren der familiären Bindungen, mit all der Last, die sie mit sich bringen.

Olmo ist kein effekthascherischer Film, aber wenn er erst einmal angefangen hat, überzeugt er mit seinen Charakteren, einer soliden Geschichte und einem sorgfältigen Setting. Er handelt vom Aufwachsen und von Beziehungen in einer unvollkommenen Familie und erinnert uns daran, dass das Leben wie ein Film sein kann. In dieser Geschichte ist die Familie kein idealisierter Zufluchtsort, sondern ein komplexes Band, das von Opfern und kleinen täglichen Kämpfen aufrechterhalten wird. Jede Figur geht auf ihre eigene Weise mit der Realität um, aber alle sind durch eine gemeinsame Wahrheit verbunden: Trotz ihrer Brüche bleiben sie ein Team, in dem Verantwortung und Zuneigung in einem fragilen Gleichgewicht koexistieren.



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MENSCHENWÜRDE IM MITTELPUNKT

Bei einem Spaziergang über die Hauptstraße Alameda in der chilenischen Hauptstadt Santiago lässt sich eine gewisse Ähnlichkeit mit europäischen Städten nicht leugnen – zumindest auf den ersten Blick. Doch ein zweiter Blick in die Seitengassen und rund um die Metrostationen offenbarte lange ein anderes Bild: ein buntes Treiben von Straßenverkäufer*innen aus verschiedenen lateinamerikanischen Ländern – das Herz der Stadt war bunt und lebendig. Die Zeiten haben sich in den vergangenen zwei Jahren drastisch geändert. Viele der Parolen und bunten Graffitis der Revolte von 2019 wurden grau überstrichen, die einst lebendige Alameda wirkt wieder eintönig und kalt. Die Straßenverkäufer*innen wurden vertrieben und liefern sich ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel mit den anrückenden Carabineros.

Das Bild wird zusätzlich durch eine wachsende Zahl von Zelten getrübt, die entlang der Alameda aufgeschlagen sind. Die Zelte stehen dicht beieinander, in denen Migrant*innen aller Altersgruppen Schutz suchen –im kalten Winter wie in der drückenden Sommerhitze der Hauptstadt. Seit einigen Jahren zeigen sich in Santiago Bilder, an die viele Chilen*innen nicht gewöhnt sind: Familien, die im öffentlichen Raum campen oder Eltern, die mit ihren Kindern auf der Straße um Geld bitten oder kleine Dienstleistungen anbieten, um ein paar Münzen zu verdienen.

„Das hat bei den Einheimischen große Empörung ausgelöst“, erklärt die Sozialarbeiterin Perla Scappini. Dieser traurige Zustand verdeutliche, dass die Migrationspolitik im Vorzeigeland Lateinamerikas endgültig versagt hat. Chile zählt zu den Ländern mit der größten sozialen Ungleichheit, was insbesondere auf geflüchtete Menschen erhebliche Auswirkungen hat.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Migrant*innen aus verschiedenen Ländern Lateinamerikas stark gestiegen. Zwischen 2006 und 2022 hat sich der Anteil von Migrant*innen an der Gesamtgesellschaft in Chile nahezu verneunfacht, von einem auf fast neun Prozent. Derzeit stellen Menschen aus Venezuela mit etwa einem Drittel die größte Gruppe unter Migrant*innen in Chile, gefolgt von Peru mit 15,4 Prozent und Kolumbien mit 11,7 Prozent.

Die in Santiago gestrandeten Familien leben in wachsender Unsicherheit und sozialer Verwundbarkeit – ein Problem, das sich während der COVID-19-Pandemie weiter verschärft hat. Viele Familien leben unter prekären Bedingungen wie Obdachlosigkeit, Unterernährung und einem eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung. Das stark privatisierte Gesundheitssystem Chiles verschärft diese Situation zusätzlich.

Speziell Migrant*innen aus Haiti haben Chile nach kürzerem oder längerem Aufenthalt wieder verlassen, da sie aufgrund von Sprachbarrieren, Diskriminierung und fehlenden Perspektiven keine Möglichkeit für ein besseres Leben sahen. Die haitianische Gemeinschaft, die in Chile geblieben ist, lebt überwiegend im Stadtteil Quilicura, der in der Öffentlichkeit oft als „Mini-Haiti“ bezeichnet wird. Diese Bezeichnung spiegelt die Stigmatisierung wider, die auch in anderen Stadtteilen Santiagos verbreitet ist. So wird die Umgebung der Estación Central aufgrund der hohen Anzahl venezolanischer Migrant*innen abwertend als „Pequeña Caracas“ bezeichnet.

„Leider ist die Diskriminierung von Migrant*innen in Chile Realität“, erklärt Scappini. Ein großer Teil dieses Problems hänge ihrer Meinung nach mit der Berichterstattung in der Presse zusammen. Dort werden häufig Stereotype verstärkt und negative Vorurteile über Migrant*innen verbreitet. Die Diskriminierung zeigt sich im Alltag – sei es in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf dem Markt oder bei Wohnungsanzeigen wie „nur an Chilenen zu vermieten“. An anderen Stellen werde ausgenutzt, dass Migrant*innen, die die zahlreichen Anforderungen nicht erfüllen können, überhöhte Mietpreise in Kauf nehmen. „Das ist ein klares Zeichen für Diskriminierung“, betont die Sozialarbeiterin.

Präsident Boric als Hardliner in Sachen Migration

Auch die vermeintlich linke Regierung unter Präsident Gabriel Boric unternimmt wenig dagegen. Nach Druck aus der rechten Opposition zeigt sich Boric bereits seit 2023 eher als Hardliner in Sachen Migration und zieht klare Grenzen bei der Aufnahme von Geflüchteten, etwa aus Venezuela. Zudem wird derzeit eine Neufassung des Migrationsgesetzes Ley de Migraciones in zweiter Runde im Senat verhandelt, die eine erhebliche Verschärfung der bisherigen Rechtslage vorsieht. So soll sich in Chile zukünftig nur einbürgern können, wer bereits seit zehn Jahren – nicht wie bislang fünf – im Land lebt. Außerdem soll ein sogenanntes Ausländerregister mit biometrischen Daten von Migrant*innen eingerichtet werden. Unbegleitete Minderjährige aus anderen Ländern sollen zukünftig nicht nach Chile einreisen können, außerdem sind höhere Haftstrafen für Schleuser vorgesehen. Kritik am neuen Gesetzesentwurf, insbesondere zum Thema Einbürgerung, kam unter anderem von Rebeca Cenalmor-Rejas, Vertreterin des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR): „Die Staatsangehörigkeit ist ein unverzichtbares Menschenrecht“, so Cenalmor-Rejas und erinnerte an internationale Abkommen, die Chile unterzeichnet hat.

Um die schwierigen Lebensumstände von Migrant*innen zu verbessern, gibt es in Chile verschiedene Initiativen und Organisationen, die humanitäre Hilfe leisten und die soziale Integration fördern. Eine davon ist die Corporación El Arca, die seit 2018 in der Gemeinde Macul, einem Stadtteil von Santiago, tätig ist. El Arca dient als erste Anlaufstelle für Familien, die oft monatelange und belastende Fluchtwege hinter sich haben. Migrant*innen erhalten hier Unterstützung in Form von Lebensmitteln, Kleidung, rechtlicher Beratung und psychosozialer Betreuung.

Die Einrichtung bietet bis zu zehn Familien gleichzeitig Unterkunft und Verpflegung für maximal zwei Monate. Zusätzlich versorgt sie regelmäßig etwa 60 weitere bedürftige Haushalte mit Lebensmittelpaketen, Hygieneartikeln und Kleidung aus Spendenaktionen. Die Arbeit der Organisation beschränkt sich jedoch nicht nur auf materielle Hilfe, sondern verfolgt das Ziel, Geflüchtete bestmöglich in die chilenische Gesellschaft zu integrieren.  „Wir wollen auch den Geschichten und Beweggründen hinter der Migration Namen und Gesichter geben. Eine wichtige Mission unserer Organisation ist es, migrantische Familien der chilenischen Bevölkerung näherzubringen und ihre enorme Resilienz sichtbar zu machen“, erklärt Scappini, die die Einrichtung seit vielen Jahren leitet.

Immer wieder werde die große Resilienz vieler Migrant*innen deutlich: „Trotz vieler Schwierigkeiten – emotionaler, psychologischer, wirtschaftlicher, sozialer –, geben sie nicht auf. Wir sehen das bei Erwachsenen, die zwei oder drei Jobs haben, die bereit sind, alles zu tun, was nötig ist, um ihren Familien zu helfen, weiterzukommen“, betont Scappini. „Die Migrant*innen haben eine unglaubliche Arbeitskraft nach Chile gebracht, die jedoch leider wirtschaftlich nicht gewürdigt wird und die – es muss gesagt werden – oft zu Missbrauch und Ungerechtigkeiten durch viele Arbeitgeber geführt hat“, erklärt Scappini.

Neben der grundlegenden Versorgung leistet El Arca gezielte Sozialarbeit, indem Migrant*innen bei der Wohnungssuche, der Vermittlung von Arbeits- und Schulplätzen sowie bei rechtlichen Fragen unterstützt werden. Für traumatisierte Geflüchtete steht eine psychosoziale und therapeutische Betreuung zur Verfügung. Besonders wichtig sind diese Angebote für Kinder, die unter den Belastungen der Flucht besonders leiden.

Die Finanzierung von El Arca erfolgt größtenteils durch Spenden, wobei wichtige Beiträge von Kirchen, Privatpersonen und dem Lebensmittelnetzwerk kommen. Der zunehmende rassistische Diskurs in Teilen der chilenischen Gesellschaft hat die Arbeit der Organisation bislang noch nicht erschwert. Vor allem die Unterstützung von Familien mit Kindern rufe eine besondere Empathie hervor, die die Barriere der Ablehnung überwinde, meint Perla Scappini.

Durch gezielte Kommunikation und die Weitergabe von Erfolgs- und Integrationsgeschichten der Migrant*innen konnte El Arca Unterstützer*innen und Förderer*innen für seine Projekte gewinnen. Dennoch ist sich die Organisation bewusst, dass dies keine repräsentative Erfahrung unter Initiativen ist, die mit Migrant*innen arbeiten. Es zeigt jedoch, dass letztlich die Menschenwürde im Mittelpunkt steht – eine Erkenntnis, die viele Menschen gewinnen, wenn sie die Geschichten derjenigen hören, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden.

Raus aus dem Prekariat

Nach Ansicht von Perla Scappini ist die Regularisierung des Aufenthaltsstatus der Schlüssel zu einer besseren Zukunft für Migrant*innen in Chile. „Der Zugang zu grundlegenden Rechten setzt die RUT (staatliche Identifikationsnummer, Anm. der Red.) voraus. Der irreguläre Status Hunderttausender Migrant*innen führt dazu, dass sie sich in einer Situation völliger sozialer Verwundbarkeit befinden, da sie sowohl ungerechten Arbeitsbedingungen als auch überhöhten Mietpreisen ausgesetzt sind.“ Ebenso sieht es die landesweite Koordination von Migrant*innen, die Präsident Boric Mitte Januar einen offenen Brief überreichte. Darin fordern 177 Migrant*innen, die in Chile registriert sind, ihre schnellstmögliche Regularisierung in Chile, um das Leben in Prekarisierung beenden zu können.

Langfristig braucht es ein umfassendes Umdenken und, dass die Migrationspolitik an die tatsächlichen Gegebenheiten angepasst wird. Scappini betont, dass dafür regionale Maßnahmen zur Migration erforderlich sind – nicht nur auf nationaler Ebene. „Solange die Länder der Region keine gemeinsamen Lösungen für die sozialen Probleme hinter der Migration finden, reguläre Einreisemöglichkeiten schaffen und Maßnahmen einführen, um problematische Aspekte der Migration zu bewältigen, wird die gesellschaftliche Ablehnung dieser Gruppe weiterhin bestehen bleiben.“


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Eine Insel, zwei Realitäten

Harte Hand gegen die haitianische Migration – das war eines der zentralen Elemente des Wahlkampfes. Doch damit ist der 56-Jährige Luis Rodolfo Abinader Corona nicht alleine. Auch seine Widersacher teilen diesen Diskurs. Staatschef Abinader sagte öffentlich, dass die Krise in Haiti eine direkte Bedrohung der Stabilität und Sicherheit für die Dominikanische Republik darstelle. Die Angst, dass die Krise des Nachbarn in die eigene, prosperierende Nation herüberschwappt – alle drei Kandidaten nutzten sie.
Überraschend kommt Abinaders Sieg daher nicht. Umfragen vor der Wahl sahen ihn als klaren Favoriten. Er gewann mit deutlichem Abstand zu seinen Kontrahenten. Abinader erreichte mit seiner Mitte-links-Partei Partido Revolucionario Moderno (PRM) 57,4 Prozent. Sein Widersacher Leonel Fernández, der in der Vergangenheit bereits zweimal Präsident war, kam auf 29 Prozent der Stimmen. Ein weiterer Herausforderer war Abel Martínez, einst Bürgermeister von Santiago, der zweitgrößten Stadt des Inselstaates.

Im Fernsehen kam es zum Schlagabtausch zwischen den drei favorisierten Amtsanwärtern. Es ging um Bildung, Kriminalität und geschlechtsspezifische Gewalt. Knapp zehn Prozent der Wähler*innen sind Teil der dominikanischen Diaspora im Ausland. Beim Schlagabtausch gingen die Meinungen auseinander – doch beim Umgang mit Migrant*innen sprachen alle drei mit derselben Stimme. Derzeit leben etwa eine halbe Million Menschen aus Haiti in der Dominikanischen Republik, mit oder ohne legalen Aufenthaltsstatus. In seiner ersten Amtszeit begann Abinader damit, eine Mauer an der Grenze zur Dominikanischen Republik zu bauen – ganz im Trump‘schen Stile der Abschottung.

Abinader verkörpert Wandel. Er kam 2020 nach einer Welle von Anti-Korruptionsprotesten an die Macht. Zuvor war die Mitte-links-Partei PLD (Partido de la Liberación Dominicana) 16 Jahre ununterbrochen an der Macht. Abinader hat Abschlüsse in Harvard und dem Darmouth College, eigene Firmen – die in den sogenannten Pandora Papers auftauchen, in denen Steueroasen geleakt wurden – und gilt als der wohlhabendste politische Funktionär der ganzen Nation. Dennoch ist der Betriebswirt kein politisch Unbefleckter: Sein Vater José Rafael Abinader, mit libanesischer Migrationsgeschichte, war in der PRD (Partido Revolucionario Dominicano) aktiv und kämpfte gegen die Diktatur Rafael Trujillos. Auch Luis Abinader war Mitglied der PRD, bis er 2014 die PRM gründete.

Bildung, Kriminalität und Gewalt

Der Umgang mit der Pandemie und die stetig wachsende Wirtschaft werden Abinader hoch angerechnet. Die Dominikanische Republik hat eine der höchsten Wachstumsraten in ganz Lateinamerika. In einem Länderfokus-Bericht hob der Internationale Währungsfonds (IWF) hervor, dass 2022 das Bruttoinlandsprodukt deutlich über dem anderer Länder der Region lag.

Noch in den 1960ern war die Dominikanische Republik ein Agrarstaat, einer der ärmsten der westlichen Hemisphäre. Besonders relevant für die dominikanische Wirtschaft ist der Tourismus. Kurz vor Jahresende 2023 wurde die zehntmillionste Touristin, eine US-Amerikanerin, vom dominikanischen Tourismusminister David Collado persönlich am Flughafen Punta Cana in Empfang genommen. Ein neuer Rekord – das bisher beste Jahr für den Tourismus in der „DomRep“.

In der Wahlnacht trat Abinader vors Mikrofon: „Das Volk hat mit Klarheit gesprochen: Die Dominikanerinnen und Dominikaner wollen den Wandel weiter vorantreiben.“ Das Beste für die Dominikanische Republik werde erst noch kommen. „Die Botschaft, die heute von den Urnen ausging, ist deutlich: Die Veränderungen, die wir hervorgerufen haben, sind für immer. Es gibt keinen Weg zurück“, führte er weiter aus.

Die ungleichen Nachbarn

Die Realitäten der beiden Inselstaaten Dominikanische Republik und Haiti könnten unterschiedlicher nicht sein. Auf der Westseite Hispaniolas: Dauerkrise, extreme Gewalt, Exodus der Bevölkerung. Im östlichen Teil dagegen: Urlaubsparadies, üppige Landschaften, relative Sicherheit, rasantes Wirtschaftswachstum. Dabei ist die haitianische Migration kein neues Phänomen. Haitianer*innen arbeiten im Nachbarland im Tourismus, etwa als Kellner*innen, für Dumping-Löhne auf dem Bau, auf den Zuckerrohrfeldern und, auch ein Kernelement der dominikanischen Schattenwirtschaft: Haitianische Frauen verdingen sich als Sexarbeiterinnen im florierenden Sextourismus der Dominikanischen Republik. Während also Ressentiments gegen die Menschen aus dem Nachbarstaat geschürt werden, würde das dominikanische Wirtschaftswunder ohne die haitianische Migration schlicht nicht funktionieren.

Dabei ist Rassismus und Diskriminierung der Haitianer*innen kein neues Phänomen im dominikanischen Staat. Im Streben nach einer weißen, „aufgehellten“ Gesellschaft ordnete der Hitler verehrende Diktator Rafael Trujillo an, Abertausende Schwarze haitianische Bürger*innen in seinem Land zu ermorden. Im Jahr 1937 ermordete der Staatsapparat Trujillos je nach Schätzung zwischen 18-25.000 Haitianer*innen. Das Vorgehen zur Bestimmung, ob es sich um Menschen aus Haiti handelt, brachte dem Massenmord seinen Namen ein: das „Petersilien-Massaker“. Dominikanische Soldaten führten einen Zweig Petersilie mit sich. Sie zwangen Menschen, allen voran Arbeiter*innen der Zuckerrohrfelder, das spanische Wort für Petersilie („perejil“) korrekt auszusprechen. Die, die den Begriff des Gemüses nicht angemessen aussprechen konnten, wurden als Menschen haitianischer Herkunft abgestempelt und ermordet. Denn Haitis Landesprachen sind Kreolisch und zu einem kleinen Teil Französisch.

Die rassistische Rhetorik, der Bau der Mauer: All das hat dennoch nicht bewirkt, dass der Zustrom an haitianischen Migrant*innen signifikant abebbt. Zum einen sind Grenzbehörden oft korrupt, zum anderen werden die Haitianer*innen als billige Arbeitskräfte benötigt. Das dürfte sich zudem so schnell nicht ändern. Denn die extreme Gewalt und die Staatskrise in Haiti sind Fluchtursachen, die noch lange andauern werden. Ende Februar dieses Jahres eskalierte die Gewalt im Nachbarland, als sich der – nie demokratisch gewählte – Regierungschef Ariel Henry auf einer Auslandsreise befand. Leichen blieben auf der Straße liegen, Polizei und Justiz ließen kriminellen Banden freie Hand.

Der Erfolg von Luis Abinader ist kein Zufall, und auch kein neues Phänomen in Lateinamerika. Rosario Espinal konstatiert in einem Fernsehinterview mit El Día RD, dass das „Parteiensystem in vielen Ländern Lateinamerikas kollabiert“ sei. Die Soziologin schlussfolgert, dass „Figuren“ die traditionellen Großparteien ersetzt haben. Beispiele finden sich dieser Tage zuhauf: Bukele in El Salvador, Milei in Argentinien und eben Abinader in der Dominikanischen Republik. Diese Figuren sind keine Politiker im klassischen Sinne. Doch sie ziehen die Wähler*innen an und können Massen mobilisieren. Laut Soziologin Espinal haben die Bürger*innen Lateinamerikas heutzutage eine „instrumentelle“ Beziehung zu Parteien entwickelt. Das zeigt sich auch in der dominikanischen Republik.


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