
Was gehört zu einem würdevollen Leben? Für Mora Dreszman von der Berliner Kampagne „Anmeldung für alle“ zählt dazu ein unbefristeter, legaler Wohnsitz. Die Grafikdesignerin ist eine von vielen Migrant*innen, die beim Umzug nach Berlin teilweise frustrierende Erfahrungen bei der Wohnungssuche gemacht haben. „Wenn dir das nicht passt, kannst du ja ausziehen“, habe einer ihrer ersten Vermieter ihr entgegengeschleudert, als er die Miete ohne einen ihr ersichtlichen Grund erhöhte. „Aber man kann in Berlin nicht so schnell umziehen“, sagt die Argentinierin. Nach mehreren befristeten Wohnsitzen ohne offizielle Anmeldung fand sie schließlich eine unbefristete Bleibe mit Anmeldung. Und machte dadurch einen grundlegenden Schritt, um richtig in Berlin anzukommen.
Nur mit offizieller Anmeldung können Menschen in Deutschland wichtige Transaktionen erledigen, wie ein Bankkonto eröffnen, eine Steuernummer beantragen und eine Krankenversicherung abschließen. Und nur dann ist es auch möglich, einen formellen Job zu finden. „Ein Teufelskreis, wenn die Grundlage nicht gegeben ist“, erklärt Jasón Bustos aus Mexiko. Weil der Wohnungsmarkt zudem zunehmend umkämpfter wird und viele Zimmer und Wohnungen zur Zwischen- und Untermiete ohne Anmeldung angeboten werden, ist die Kampagne „Anmeldung für Alle“ entstanden. Sie ist das Ergebnis von Ideen verschiedener Gruppierungen, wie Derecho a la Ciudad (Recht auf Stadt) und Ciudad Migrante (migrantische Stadt), in denen hauptsächlich spanisch- und portugiesischsprachige Menschen vertreten waren und sind.
Jasón Bustos kam 2019 nach Deutschland und erzählt ebenfalls von frustrierenden ersten Wohnerfahrungen. Nach einer Kündigung in einer Wohnung ohne Anmeldung lebte er mehrere Monate bei Freund*innen. Auf den damals wöchentlichen Treffen der Gruppe Derecho a la Ciudad merkte er, dass seine Probleme nicht individuell sind, sondern es vielen anderen auch so geht.
„Viele sind frustriert, weil sie sich nicht integrieren können, sie schämen sich für ihre Wohnsituation und trauen sich nicht, darüber zu sprechen“, fasst Mora zusammen. „Die Leute wollten auch kein Sprachrohr für ihre Probleme aus Angst vor ihren Vermieter*innen“, fügt Jasón hinzu. Doch im Laufe der Zeit entstanden Strukturen, die immer mehr Migrant*innen zusammenbrachten, geeint durch das gleiche Problem: keinen Wohnsitz mit Anmeldung zu finden und deshalb stark in ihrem Leben in Berlin eingeschränkt zu werden. „Es ist uns bewusst geworden, dass es eine strukturelle Lösung braucht“, beschreibt Jasón den Prozess.
Nach längerer Recherche entstand im Dezember 2023 die Kampagne „Anmeldung für Alle“, die darauf abzielt, eine City-ID in Berlin einzuführen. Ähnliche Konzepte gibt es bereits in Barcelona, New York und anderen Städten auf der Welt. Die gewohnte Anmeldung solle dadurch nicht ersetzt werden, sondern lediglich ein weiterer legaler Zugang zu Behörden geschaffen werden. Es gebe bereits ein Gutachten von 2024 für eine ähnliche Idee, einer ID-Karte für Obdachlose, die einfach um die Personengruppe der Migrant*innen erweitert werden könnte, finden Mora und Jasón. Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft würden zwar ebenfalls teilweise unter einer fehlenden Anmeldemöglichkeit leiden, hätten aber oft ihr Elternhaus als alternative Meldeadresse.
Mehr als 40 Organisationen unterstützen die Forderung von „Anmeldung für Alle“. Zunächst soll Ende Mai beim Petitionsausschuss des Berliner Senats eine Unterschriftensammlung eingereicht werden, mit symbolischem Zweck. „Wir wollen zeigen, dass dieses Problem nicht nur Migrant*innen beschäftigt, sondern für alle wichtig ist“, erläutert Mora. Sollte das Vorhaben erfolgreich sein, könnte es als Modell für andere deutsche Städte dienen, denn das Problem existiert nicht nur in Berlin. Die Regelung allerdings direkt auf nationaler Ebene zu ändern, sei schwierig, denn Anmeldungen gehören zum Gemeinderecht und sind föderal verwaltet.
Die Aktivist*innen haben sich bereits national und europaweit vernetzt. Auch mit Politiker*innen sind sie im Gespräch. Sie erhoffen sich dadurch politischen Rückenwind: „Die Berlin-Wahl im September steht im Zeichen des Wohnens, da passt unsere Kampagne dazu“, sagt Jasón. Er ist auf mehreren Ebenen politisch aktiv, unter anderem koordiniert er den Kieztreff in Berlin-Hellersdorf. Ihn motiviert zur Kampagne, politisch etwas verändern zu können. Mora verspricht sich durch den Erfolg ihres Engagements einen kleinen Schritt hin zu besserer Lebensqualität vieler Menschen und raus aus einer gefühlten Handlungsunfähigkeit: „Wenn wir keinen sicheren Wohnraum haben, haben wir auch keine Kapazität, uns politisch für andere Dinge einzusetzen und die Welt zu verändern.“

















