
Auf dem zentralen Platz von Guatemala-Stadt hat sich eine Gruppe Menschen versammelt. Sie wollen Aufmerksamkeit wecken für das Schicksal von Migrant*innen. In den vergangenen Monaten wurden Zehntausende aus den USA nach Guatemala abgeschoben.
Ein junger Mann in weißem Gewand trägt ein schweres Holzkreuz mit der Aufschrift: „Der Leidensweg des Migranten.“ Hinter ihm geht Pater Percy Cervera, der Koordinator der Migrations-Kommission der guatemaltekischen Bischofskonferenz. Der gebürtige Peruaner ist selbst erst vor fünf Jahren nach Guatemala gekommen: „Ich wünsche mir, dass die Menschen den Migranten als ihren Bruder erkennen, und nicht als Kriminellen und Bedrohung.“
Guatemala, ein „sicherer Drittstaat“
Jahrzehntelang war Guatemala ein Transitland der Migration in Richtung Norden. Millionen Menschen aus aller Welt – aber vor allem aus den mittelamerikanischen Nachbarstaaten – durchquerten das Land in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den USA. Doch seit Donald Trump im Januar 2025 wieder Präsident wurde, hat sich das geändert. Schon kurz nach seinem Amtsantritt kam US-Außenminister Marco Rubio zu Besuch nach Guatemala. Unter Androhung von Zöllen überzeugte er den sozialdemokratischen Präsidenten Bernardo Arévalo, für sein Land den Status des „sicheren Drittstaats“ anzuerkennen. Seither sollen durchreisende Migrant*innen in Guatemala Asyl beantragen, und so ihr Recht verlieren, dies auch in den USA zu tun. Zudem musste sich Arévalo bereiterklären, Zehntausende Migrant*innen anderer Nationalitäten aufzunehmen, die aus Mexiko und den USA abgeschoben werden. Die Zahl der Migrant*innen aus dem Süden habe sich in Guatemala halbiert, vermutet Pater Percy Cervera: „Fünfzig Prozent der Menschen, die in einem der sieben katholischen Migrantenhäuser in Guatemala Unterstützung suchen, sind Rückkehrer. Wir nennen das ‚umgekehrte Migration.’“
Doch die wenigsten Rückkehrer*innen kommen freiwillig. Fast täglich erreichen Busse und Flugzeuge mit Deportierten aus den USA die Landesgrenze zu Mexiko oder den Flughafen der guatemaltekischen Hauptstadt. In den Flügen des US-Militärs sitzen vor allem Guatemaltek*innen, aber auch Menschen aus Honduras, Nicaragua, Venezuela und anderen Ländern. Während des Flugs ist ihnen das Sprechen verboten. Viele der Passagiere müssen bis zum Ausstieg Handschellen und Fußfesseln tragen – egal, ob sie wegen einer Straftat verurteilt wurden oder nicht, klagt Pater Percy Cervera: „Es handelt sich um Personen, die fünf, zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre lang in den USA gelebt haben: Plötzlich werden sie zurückgeschickt oder deportiert. Heute ist die Situation in ihren Herkunftsländern für sie eine völlig andere. Viele haben sich in den USA ein neues Leben aufgebaut, mit Familie und Kindern.“

Keine Heimat in Honduras
Donald Trump hat versprochen, „Millionen“ Migrant*innen auszuweisen. Nach Angaben des US-Heimatschutzministeriums wurden seit Beginn seiner zweiten Amtszeit mehr als 600.000 Menschen abgeschoben. Einer von ihnen ist José García, geboren in Honduras. Im Alter von drei Jahren haben ihn seine Eltern in die USA gebracht. Heute ist er 33 Jahre alt. „Ich bin in Nashville, Tennessee aufgewachsen. Im Jahr 2009 habe ich an der McGavock High School meinen Abschluss gemacht. Während der vergangenen Jahre habe ich als Schweißer gearbeitet.“
30 Jahre lang war er gut integriert. Trotzdem ist es ihm nie gelungen, seinen Aufenthaltsstatus zu legalisieren. „Man hat ständig Angst. Wenn Du einen Polizisten siehst, gerätst Du in Panik. Als ich an jenem Tag den Polizeiwagen hinter mir sah, begann ich zu zittern.“ Er fuhr zu schnell, weil er auf dem Weg zur Arbeit zu spät dran war. „Als das Blaulicht und die Sirenen angingen, dachte ich: ‚Jetzt ist es vorbei.‘ Ich hielt an der Straßenseite und hoffte auf einen netten Polizisten. Aber er war ein Arschloch.“ Der Polizist wollte die Sozialversicherungsnummer von José García sehen. „Aber ich hatte keine. Früher war das kein Problem, aber jetzt – unter der Trump-Regierung – ist das anders. Sie haben mir nicht einmal mehr erlaubt, irgendetwas aus dem Auto zu holen. Ich habe alles verloren, auch mein Handy.“
Von einem Moment auf den anderen José Garcías Leben war – so wie er es kannte – vorbei. Zuerst landete er in dem lokalen Gefängnis, dann in einem Migrationszentrum. Viele Deportierte berichten, dass Psychoterror und körperliche Gewalt in diesen Zentren zum Alltag gehören.
Im Durchschnitt haben drei Viertel der Abschiebehäftlinge keinerlei Vorstrafen. Sie werden nicht wegen einer Straftat eingesperrt, sondern wegen eines zivilrechtlichen Verstoßes gegen das Einwanderungsgesetz. Dennoch bezeichnet Präsident Trump lateinamerikanische Migrant*innen immer wieder als Kriminelle und Vergewaltiger. José García wurde nach drei Monaten Haft nach Honduras abgeschoben, blieb aber nicht lange. „Ich habe dort fast keine Angehörigen. Die meisten meiner Verwandten leben schon lange in den USA. Nun sitze ich hier im Park von Guatemala-Stadt und versuche, einen Job zu finden. Ich brauche Geld für Essen und den Bus nach Mexiko.“ Eigentlich darf José García 15 Jahre lang nicht wieder in die USA einreisen. „Wenn ich zurückkehre und erwischt werde, kriege ich wahrscheinlich die volle Gefängnisstrafe. Aber das Risiko muss ich eingehen. Ich habe eine 13-jährige Tochter. Deshalb muss ich auf jeden Fall einen Weg zurück finden. Seit ein paar Wochen konnte ich nicht mehr mit ihr sprechen. Ich habe ja kein Telefon. Es ist verdammt schwer, keinen Kontakt zu deinem Kind zu haben, wirklich verdammt schwer.“
Die meisten Abschiebungen haben schwerwiegende Folgen für die Psyche der Betroffenen. Viele leiden unter Ängsten, Depressionen, Misstrauen und einem Gefühl der Entwurzelung. Pater Percy Cervera kennt viele solche Schicksale: „Diese Menschen durchleben Situationen, die ihre Menschenwürde verletzen. Sie erleiden Gewalt, entmenschlichende Behandlung und den Bruch ihrer familiären Bindungen. Ihre Rückkehr nach Mittelamerika bringt ihnen keine Sicherheit oder neue Lebenschancen. Stattdessen treffen sie auf dieselbe Armut, Gewalt und Ausgrenzung, die sie einst zum Auswandern getrieben hat.“ José García setzt sich auf eine Bank im Schatten. Hinter ihm liegen mehrere Männer auf einer kleinen Wiese. „Hier im zentralen Park sind viele Deportierte aus verschiedenen Ländern. Manche suchen Arbeit, andere versuchen einfach nur zu überleben.“

Diktatur in Nicaragua
Neben Venezuela ist Nicaragua ein weiteres Herkunftsland von Migrant*innen in besonders schwieriger Lage. Der Diktator Daniel Ortega fürchtet, dass Oppositionelle ins Land kommen könnten, die in den USA trainiert wurden, um einen Aufstand anzuzetteln. Deshalb werden Rückkehrende wie gefährliche Eindringlinge behandelt. Kritik kann schnell zu einer willkürlichen Verhaftung führen. Otilia Xoc berichtet von einem Mann, der keine Möglichkeit hat, nach Nicaragua zurückzukehren: „Er besitzt dort ein Haus. Außerdem hat er ein Haus in den USA. Trotzdem lebt er hier in Guatemala obdachlos auf der Straße. Er ist 70 Jahre alt.“ Der schicksalsgeschlagene Mann hatte mehrere Jahre lang in den USA gelebt und von dort aus die Opposition in Nicaragua unterstützt. An deren Kampf war auch Fred Gonzales beteiligt. Der junge Mann gehört einer Generation von Nicaraguaner*innen an, die gelernt haben, sich vor den eigenen Gedanken zu fürchten, wenn sie nicht der offiziellen Linie entsprechen. „Ich habe es nur bis Mexiko geschafft. Vor der Grenze zu Texas wurde ich abgefangen und nach Guatemala gebracht. Jetzt kann ich nicht zurück nach Nicaragua, weil es dort keine Organisation gibt, die die Einhaltung der Menschenrechte garantiert.“
Fred Gonzales ist 23 Jahre alt. Er hofft, in Guatemala ein besseres Leben als in Nicaragua führen zu können, mit einer guten Arbeit und in Freiheit. „Aber das ist eine Illusion“, meint Otilia Xoc. „Diese Menschen landen auf der Straße. Viele verfallen den Drogen. Wir sehen immer häufiger, dass die abgeschobenen Migranten hier in Guatemala verelenden, anstatt in ihre Länder zurückzukehren.“
Viele dieser Menschen in extrem prekären Verhältnissen kämpfen zudem mit schweren seelischen Problemen. In der Psyche von Fred Gonzales mischt sich die in Nicaragua erlebte Gewalt mit der Enttäuschung über die Deportation aus Mexiko und der Aussichtslosigkeit in Guatemala. Das Ergebnis: eine tief sitzende Verunsicherung, die ein heftiges Stottern ausgelöst hat. „Als ich noch Teenager war, habe ich nicht gestottert. Das kam erst mit den Todesdrohungen. In Nicaragua wurde ich misshandelt, weil ich meine eigene Meinung nicht verschweigen wollte. Nicaragua leidet furchtbar. Das Land ist völlig am Boden.“
Abgeschoben in die Armut
Doch auch in Guatemala lebt eine Mehrheit der Bevölkerung in Armut. In keinem anderen mittelamerikanischen Land ist ein so hoher Anteil der Kinder unterernährt. Die Gesundheitsversorgung der meisten Familien ist schlecht, ihre Bildungschancen sind gering und die Wohnbedingungen oft erbärmlich. Die Ankunft der vielen desillusionierten Menschen, die aus den USA und Mexiko deportiert wurden, verschärft die psychosoziale Krise weiter, meint Otilia Xoc: „Durch die Deportationen nimmt das Elend und der Schmerz der Gesellschaft weiter zu. So wird das Land noch labiler, als es ohnehin schon ist.“
Die Deportationspolitik der USA brandmarkt Migrant*innen als Bedrohung. Sie werden verfolgt und in Länder gebracht, die selbst mit tiefen sozialen Problemen kämpfen. Doch für die meisten deportierten Ausländer*innen ist Guatemala nur eine weitere Station auf ihrer Reise von Süd nach Nord und zurück. Sobald sie sich ausgeruht und ein wenig Geld zusammen bekommen haben, machen sie sich wieder auf den Weg.















