
Die MST ist eine Landarbeiter*innenbewegung, die seit über vierzig Jahren für drei Grundsätze kämpft: die Agrarreform des Volkes, den Zugang zu Land für den Anbau von biologischen und gesunden Lebensmitteln sowie den sozialen Wandel. Die Bewegung ist in 24 der 27 Bundesstaaten Brasiliens organisiert und umfasst 450.000 Familien. Ihre Organisationsform gliedert sich in Zeltlager und Siedlungen. Das Lager ist die erste Phase, in der ein Land, das seine soziale Funktion nicht erfüllt, besetzt wird. Die nachfolgende Phase, die Siedlung, tritt ein, wenn das Land von dem Nationalen Institut für Kolonisierung und Agrarreform (Instituto Nacional de Colonização e Reforma Agrária, Incra) anerkannt und offiziell als Gebiet der Agrarreform ausgewiesen wird. Zu den 14 Sektoren der MST gehört auch die Gruppe LGBTIQ* Sem Terra, die sich dafür einsetzt, Queerfeindlichkeit in den eigenen Reihen und in der Gesellschaft zu bekämpfen. Nach Angaben der Organisation selbst „führt die MST einen antikapitalistischen, antipatriarchalen und antirassistischen Kampf und versteht, dass ihre Siedlungen und Lager Orte ohne Queerfeindlichkeit sein müssen“.
Sie waren schon immer dabei
Die 1984 gegründete MST hat erst 2018 offiziell ein LGBTIQ*-Kollektiv ins Leben gerufen – drei Jahre nach dem Seminar „Die MST und sexuelle Vielfalt“, das 2015 an der Escola Nacional Florestan Fernandes in der Metropolregion São Paulo stattfand. Doch die LGBTIQ*-Personen „waren schon immer präsent, waren schon immer Teil des Aufbaus dieser Organisation“, betont Kelvin Nicolas, Mitglied der nationalen Koordination der MST für das LGBTIQ*-Kollektiv. Früher, so sagt er, waren die LGBTIQ*-Personen in anderen Bereichen der MST tätig, vor allem in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Pflege. Kelvin beschreibt sich selbst als „einen jungen Schwarzen mit dunkler Hautfarbe, einen homosexuellen cis Mann. In dieser Reihenfolge“. Er ist kam in seinem elften Lebensjahr zur MST, nachdem seine Mutter in einer Zeitung der Stadt Piracicaba, im Bundesstaat São Paulo, einen Artikel über ein Lager der MST gelesen und beschlossen hatte, Teil davon zu werden. Es war das Lager Nelson Mandela. Heute lebt er im Lager Marielle Vive in der Stadt Campinas, ebenfalls im Bundesstaat São Paulo.
Er berichtet, dass auf dem 6. Nationalen Kongress der MST im Jahr 2014 das Thema der Volksagrarreform diskutiert wurde, wobei man den Kampf um Land historisch und aus der Perspektive des Klassenkampfes betrachtete und zu dem Schluss kam, dass die klassische Agrarreform nicht mehr möglich sei. Im Seminar von 2015 wurde dann diskutiert, wer das Subjekt der Agrarreform sei und unter welchen Bedingungen sie sich verwirklichen lasse. In dieser Diskussion wurde der Begriff der Familie hinterfragt, denn er umfasste nur die heteronormative Familie. Hier wurden oft feministische Leitlinien befolgt, zum Beispiel in Fällen von Ehescheidungen, in denen der Frau der Vorrang beim Behalten des Grundstücks gegeben wurde. Doch gleichgeschlechtliche Paare wurden selten mitgedacht; „Wie stellen wir uns zwei Männer auf dem Grundstück vor? Oder zwei Frauen? Oder wie stellen wir uns andere Familienformen vor, denn diese gibt es auch auf dem Land?“, fragt Kelvin. Eine der Schlussfolgerungen der Diskussion war der Slogan: „Das Patriarchat zerstört, der Kapitalismus führt Krieg, das Blut der LGBTIQ* ist auch das Blut der Landlosen“.
Heute gibt es einen konkreten Fortschritt: Das Incra, die zuständige Bundesbehörde für die Demarkierung von Agrarreformgebieten, erkennt im Grundbuch bereits die eingetragene Partnerschaft zwischen zwei Männern und zwei Frauen an, was nur durch den Kampf der Landlosen erreicht wurde. Der LGBTIQ*-Sektor der Bewegung versucht dabei nicht nur, die queere Agenda sichtbar zu machen, sondern auch die LGBTIQ*-Feindlichkeit direkt zu bekämpfen – und das vor allem durch Bildung.

Vorurteile bekämpft man durch Bildung
Marcelo Mattos ist ein Schwarzer, queerer Mann aus dem Nordosten Brasiliens und seit über 30 Jahren bei der MST aktiv, wo er sich in den LGBTIQ*- und Kulturkollektiven engagiert. Er lebt im Lager 25 de Maio in der Stadt Madalena im Bundesstaat Ceará. Da er in einer von Vorurteilen geprägten Gesellschaft wie der brasilianischen mit so vielen Stigmatisierungen zu kämpfen hat, ist er davon überzeugt, dass Homo- und Transfeindlichkeit nur durch breite Bildung bekämpft werden können. Er schloss sein Journalismusstudium an der Universidade Federal do Ceará (Bundesuniversität von Ceará) im Rahmen des Pronera (Programa Nacional de Educação na Reforma Agrária), eines landesweiten Bildungsprogramms für die Agrarreform ab, das aus dem Kampf der Landarbeiter*innenbewegungen, insbesondere der MST, für die Ausbildung junger Menschen hervorgegangen ist. Für Marcelo gilt: „Wenn wir ein Land besetzen, bauen wir nicht nur Zelte, sondern auch eine Schule.
Das Recht auf Bildung ist ebenfalls ein Kampf.“ Wenn eine Siedlung oder ein Lager errichtet wird, sind die Menschen, die dort leben, genau wie andere Personen von Vorurteilen, die sie aus der Gesellschaft mitbringen, geprägt. Eine Aufgabe, die sich die MST selbst stellt, ist es, diese Menschen aufzuklären, damit sie in Vielfalt und ohne Vorurteile zusammenleben können. „Die Siedlungen und Lager befinden sich inmitten dieser kapitalistischen, sexistischen Gesellschaft. Daher sind dort auch die Laster dieser Gesellschaft präsent“, erzählt Marcelo. Und von da an beginnt ein sozialer Wandel: „Wenn die Menschen ankommen, durchlaufen sie einen Bildungsprozess; sie verändern ihre Weltanschauung durch die Erfahrungen des Zusammenlebens. Wir LGBTIQ*-Personen sind Teil davon. Man kann uns nicht unsichtbar machen.“ Selbst in einer ländlichen Umgebung, in der queere Menschen stärker stigmatisiert werden, erzählt Marcelo, dass er sich von den anderen Landarbeiter*innen nicht nur akzeptiert, sondern auch respektiert fühle. „Sie lernen, Respekt zu zeigen. Sie lernen zu erkennen, dass wir Menschen sind, die auch Rechte haben.“ Für die Landarbeiter*innen der MST ist das Endziel ihres Kampfes der Sturz des Kapitals. Das Kapital, so sagt Marcelo, zerstöre Leben und Natur, und deshalb müsse man es bekämpfen. Und in diesem Kampf gegen das Kapital darf man nicht diejenigen übersehen, die an vorderster Front stehen: Frauen, Schwarze, queere Menschen.
„Es kann keinen sozialen Wandel geben, es kann keine Volksagrarreform geben, ohne das Patriarchat auf dem Land zu bekämpfen. Es kann keine gesellschaftliche Transformation geben, ohne die Queerfeindlichkeit zu bekämpfen, die untrennbar mit diesem kapitalistischen Gesellschaftssystem verbunden ist und als Weltanschauung, vor allem als konservative Weltanschauung, verinnerlicht ist“, meint Marcelo.
Denn die Ungleichheit in Brasilien, vor allem wenn wir an den Zugang zu Land und an Rassismus denken, hat einen historischen Ursprung: die mehr als 300 Jahre Sklaverei, in denen Schwarze Menschen afrikanischer Herkunft an Großgrundbesitzer verkauft wurden. Das Hauptproblem besteht darin, dass es nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1888 keine Entschädigungsmaßnahmen oder Landzuteilungen für die ehemals Versklavten gab, die am Rande der Gesellschaft zurückblieben – ohne Land, ohne Arbeit und stigmatisiert. Dies ist auch ein Diskussionsthema innerhalb der MST. Wie Kelvin betont, ist es wichtig, „den Rassismus innerhalb der Organisation zu thematisieren, der untrennbar mit der Agrarfrage in Brasilien verbunden ist“.
Der Kapitalismus wird als Wurzelsystem der Unterdrückung dissidenter Körper verstanden, also derjenigen, die nicht in die patriarchale, cis-heteronormative Logik passen. Marcelo erinnert daran, dass gerade „die drei Ziele“ der MST – Land, Agrarreform und Sozialismus – „dazu führen, dass LGBTIQ*-Subjekte die Möglichkeit eines besseren Lebens aufbauen. Denn die wird es nur dann geben, wenn wir alle Teil dieser Weltvision sind“. In dem Land, das weltweit die höchste Mordrate an queeren Menschen aufweist, geht der Widerstand auch von Basisorganisationen aus. „Wir erleben gerade eine Welle des Konservatismus in der brasilianischen Gesellschaft, eine Polarisierung, in der sich Rechtsextremisten das Recht anmaßen, anderen Menschen ihre Rechte zu nehmen“, skandalisiert Marcelo. „Diese LGBTQI*-Personen in der MST, in den Bewegungen der Via Campesina, sind eingebunden in den Kampf ums Überleben.“ Tatsächlich erlebt Brasilien eine Gewaltwelle gegen LGBTIQ*-Menschen. Im Jahr 2025 wurden laut der Grupo Gay da Bahia (GGB) 257 gewaltsame Todesfälle registriert, was einem Todesfall alle 34 Stunden entspricht. In diesem Kontext hebt Kelvin eines der Hauptziele der queeren Gruppe hervor: „Uns am Leben zu erhalten“. Und genau deshalb strebt die MST danach, einen Ort ohne Gewalt zu schaffen, an dem der Kampf um Land und die Achtung der Vielfalt Leitlinien sind.
„Einfach machen“
Kelvins Meinung nach hat das Kollektiv anderen queeren Kollektiven in Lateinamerika viel beizubringen. Vor allem aufgrund des internationalistischen Charakters der MST, die bestrebt ist, Kämpfe auch über die nationale Grenze hinaus zu unterstützen: „Wenn wir darüber nachdenken, welchen Beitrag das LGBTIQ*-Kollektiv der MST für andere Organisationen in Lateinamerika leisten kann, dann denke ich, dass es der Mut und die Kreativität beim Handeln sind. Ich glaube, es gibt Dinge, die wir erst kennenlernen und ausprobieren werden, wenn wir sie einfach machen. Natürlich ist der erste Schritt, sicherzustellen, dass wir am Leben bleiben, denn tote Menschen ändern nichts. Sie dienen als Inspiration, als Symbol, aber man muss am Leben sein, um die Realität zu verändern.








