
„Wir erleben Musik durch den Körper, in Begegnung mit anderen Körpern, und das hat eine ungeheure Kraft: die Kraft zu spüren, dass wir, die singen, und jene, die zuhören, unbesiegbar sind“, sagt Carolina Riaño an einem Donnerstag im Februar mit einem heiteren, einem unbesiegbaren Lächeln, im Interview. „Außerdem“, fügt sie hinzu, „hört das Publikum nicht nur zu, sondern wird auf gewisse Weise selbst Teil der musikalischen Erfahrung“. Zwei Tage später verstehe ich besser, was sie damit meint.
Der Club Lark in Berlin-Mitte ist am Abend des übernächsten Tages bis zum Rand mit Menschen voll. Ein dichtes Gewebe aus Gesprächen liegt über dem Raum, ein stetiges Murmeln. Doch von dem laut durcheinandersprechenden Stimmenmeer hebt sich etwas ab: Lärm verwandelt sich in Musik, der Chor erhebt sich und beginnt zu singen und tanzen. Die Stimmen von dreißig Frauen werden gemeinsam zu einer und durchdringen das Publikum mit den vollen Klängen ihres Gesangs. Der Raum füllt sich mit einer anderen Sprache, die zwar auch Wörter nutzt, aber doch auf einer anderen Ebene wirkt und Gemeinsamkeit schafft. Die Sängerinnen und Zuhörenden werden zu einer Einheit, getragen vom Rhythmus der Perkussionsinstrumente und der mal sanften und ruhigen, mal intensiven Klangfarben von Canto Diáspora. „Yo no sé si fue el destino, lo que me trajo hasta aquí; habitando mis mundos, resguardando la raíz (dt.: Ich weiß nicht, ob es das Schicksal war, das mich hierhergeführt hat, zwischen meinen beiden Welten lebend, die Wurzel behütend)“, singen die Frauen. Für ungefähr eine Stunde fühlen wir uns alle voller Freude und unbesiegbar, so, wie Carolina es einige Tage zuvor schilderte.
Ein Chor als Gemeinschaft, die trägt
Canto Diáspora wurde 2022 als Frauenchor in Berlin unter der Leitung der in Berlin lebenden kolumbianischen Musikerin, Komponistin und Sängerin Carolina Riaño gegründet. Was zunächst als Workshop begann, als Projekt für Frauen ohne musikalische Vorkenntnisse, wuchs mit der Zeit über sich hinaus und wurde zu einem migrantischen Empowerment-Projekt mit eigener Stimme. „Der Gedanke war zunächst, einen Raum zu schaffen, in dem Frauen es wagen, ihre Stimme zu erheben. Denn singen heißt, die Stimme zu erheben und auszudrücken, was uns bewegt“, so Riaño. Nach den ersten Auftritten bemerkten sie jedoch, wie tief, intensiv und partizipativ die Verbindung zum Publikum war. Ihre Darbietungen waren nie als bloße unterhaltende Performance gedacht. Auf der Bühne weitet sich die Verbindung, die der Chor untereinander lebt, auf die Zuhörenden aus: als Frauen, als Migrantinnen, als Gemeinschaft.
Auch für die Sängerinnen geht das Singen weit über das Bühnengeschehen hinaus. „Canto Diáspora ist eine Oase, ein Ort der Freude und der Heiterkeit, an dem Schwesternsolidarität, Freiheit und Genuss gelebt werden“, sagt Ana María, Philosophin und Mitglied des Ensembles. „Es ist ein Raum der fürsorglichen Praktiken im kollektiven Arbeiten, für Kollegialität und Respekt in einem schönen und vielfältigen Netz von Frauen unterschiedlicher Herkunft, Lebensgeschichten und Altersgruppen“, ergänzt Betina, Musikpädagogin und Chormitglied. Im Projekt kreuzen sich Migrationsgeschichten. Die Mtiglieder treffen sich nicht nur zum Proben, sondern finden hier auch einen Ort des Austauschs und der kollektiven Katharsis.

Lieder aus dem Alltag
Das Kollektive zeigt sich nicht nur in den Auftritten, sondern auch in der Liedauswahl selbst. Die Interpretationen von Canto Diáspora – in Text wie Musik – basieren auf populären Versen der lateinamerikanischen mündlichen Tradition, auf sogenannten músicas de labor (dt.: Lieder des Alltagswerks), traditioneller Musik, die mit den alltäglichen Verrichtungen verbunden ist: Die Frauen singen Lieder, die in der Küche, auf dem Feld, in den elementarsten Tätigkeiten entstanden sind. Und gerade dort offenbart sich Entscheidendes: Das Repertoire ist eng mit jenen alltäglichen Aufgaben verbunden, die unser aller Lebensgrundlage darstellen. Die Werke kommen aus sozialen, historischen und kulturellen Kontexten, in denen Musik nicht als Darbietung von Expert*innen oder Konsumgut für ein elitäres Publikum verstanden wird. Die traditionellen Lieder sprechen vom Alltag, vom Leben, sie sind Teil gelebter Gemeinschaft. Das Gemeinschaftliche ist ihnen eingeschrieben.
Das spürt auch das Publikum bei den Konzerten des Chors. Es wird vom Herzschlag der Perkussion ergriffen, von dieser unerwarteten Einladung, Teil von etwas zu werden. Der Rhythmus trägt selbst jene Körper, die es nicht gewohnt sind, sich viel zu Musik zu bewegen. Alle fühlen die Musik bis in die Knochen und tanzen wie verrückt. Für ein paar Stunden drücken wir uns nur mit unseren Körpern aus, begegnen uns und verstehen uns auf einer Sprache, die alle sprechen. „Zu Canto Diáspora zu gehören heißt, Teil einer Gemeinschaft zu sein, Teil eines Netzes der Unterstützung, in dem ich mich begleitet und gehalten fühle“, sagt Bea. Für die Zeit des Konzerts sind auch die Zuhörenden Teil dieser Gemeinschaft.
Die dreißig Frauen von Canto Diáspora erzählen mit ihrem Gesang poetische, manchmal harte, aber doch immer wahre Geschichten vom wirklichen Leben: “Brisa que lleva el viento, agua que no se deja coger. Riega todos los campos, y en mi casa no hay qué comer (dt.: Brise, die der Wind verweht, Wasser, das man nicht fassen kann. Es tränkt alle Felder, doch bei mir zu Hause gibt es nichts zu essen). Ein besonders prägender Aspekt der Auftritte von Canto Diáspora ist ihre Verbindung zum Politischen und zu feministischen Perspektiven. Für die Chorleiterin wie für die Chor-Sängerinnen ist dies von zentraler Bedeutung; es prägt ihre künstlerische Persönlichkeit ebenso wie ihr gesellschaftliches Engagement.
„Gemeinsam zu singen ist politisch“, sagt Ana María, „weil es uns daran erinnert, dass wir nicht allein sind. Die Kraft unserer Stimmen spiegelt die immense Macht wider, die entsteht, wenn wir uns vereinen. Wenn Canto Diáspora singt, hört man keinen Chor, man hört ein Kollektiv, das aus der Freude heraus Widerstand leistet: gegen kulturelle Homogenisierung, gegen soziale Fragmentierung“. Für viele migrantische Frauen in Deutschland ist das ein täglicher Kampf: gegen Stereotype, gegen das beharrliche Einordnen in dienende Rollen. Singen ist für sie ein politischer Akt, weil es bedeutet, einen Platz in der gesellschaftlichen Vorstellungskraft einzunehmen, der Frauen, und insbesondere migrantischen Frauen, lange verwehrt wurde. „Beim Singen werden wir von exotisierten Musen und Kunstkonsumentinnen zu Schöpferinnen. Wir beanspruchen unsere Stimme und gemeinschaftliche künstlerische Praktiken zurück“, sagt Rocío, Sozialpädagogin und Mitglied des Ensembles, mit Nachdruck.

„Die eigene Stimme erheben“
In einem der ausgewählten Lieder heißt es passend dazu: „Yo no canto por cantar, ni por tener buena voz. Canto porque no estoy sola, y así se siente mejor“ (dt.: Ich singe nicht, um bloß zu singen, nicht, weil ich eine schöne Stimme habe. Ich singe, weil ich nicht allein bin, und gemeinsam fühlt es sich besser an). Diese Haltung spiegelt sich auch in der Wahl ihrer Auftrittsorte wider.
Für die Chorleiterin ist es gleich bedeutsam, auf einer offiziellen Bühne zu stehen, in einem alternativen Kulturzentrum zu singen oder bei der Demo am 8. März, dem Internationalen Frauentag. Gerade auf politischen Veranstaltungen und Kundgebungen ist die Verbindung zum Gemeinschaftlichen unmittelbar. „Traditionelle Musik, und die Musik, die wir machen, lässt sich nicht von gesellschaftlichen Ereignissen trennen“, sagt Riaño. Ihre Musik drückt genau diese unauslöschliche Verbindung aus. Deshalb ist sie eine engagierte Kunst, eine Kunst des Widerstands von migrantischen Frauen, gegen den Strich dessen, was die deutsche Gesellschaft ihnen zuschreibt. Trotz aller strukturellen Ungerechtigkeiten, die sie als Frauen täglich am eigenen Leib spüren, wollen die Mitglieder ihren tiefen Wunsch zu lachen, zu singen und so alternative gemeinschaftliche Räume zu schaffen, nicht aufgeben.
Für Bea, Pädagogin und Chormitglied, speist sich das Politische aus ihrer eigenen Migrationserfahrung. Eine Familie außerhalb ihres Herkunftslandes zu gründen und Migrantin zu sein, hat sie für Themen sensibilisiert, die ihrer Meinung nach verteidigt und sichtbar gemacht werden müssen: den Aufstieg rechter Bewegungen und die direkten Angriffe auf FLINTA* (Akronym für Frauen, Lesben, inter* Personen, nicht-binäre Personen, trans Personen und agender Personen). Sie ist stolz, in einem Raum zu singen, der eine politische Dimension hat, in dem Geschlechterfragen und Rassismus thematisiert werden. „Für mich“, sagt Bea, „ist das Singen in solchen Momenten eine Art, politisch Position zu beziehen.“ Canto Diáspora ist eine Einladung, zu entdecken, beziehungsweise nicht zu vergessen, dass Migration eine eigene Stimme hat, dass politischer Gesang ein Genuss sein kann, dass Freude revolutionär ist, und dass wir gemeinsam unbesiegbar sind.















