„FRAUENSTIMMEN STEHEN IM VORDERGRUND“

Sie sind gerade auf Europatournee. Welche Nachricht möchten Sie mit Ihrer Musik transportieren, was möchten Sie hier bewirken?
Was mich antreibt, ist die Idee der Vernetzung zwischen Menschen aus verschiedenen Ländern. Berlin als Stadt der Multikulturalität ist dabei eine meiner Lieblingsstädte. Ich habe das Gefühl, dass ein Großteil der Jugendlichen in Berlin Offenheit für Dinge zeigt, die nicht dem Mainstream entsprechen, vor allem auch in der Musik. Dies wird allein durch die Tatsache sichtbar, dass in Berlin so viele Menschen neben Englisch auch Spanisch lernen. Mit meiner Musik erzähle ich Geschichten darüber, was ich persönlich erlebt habe, aber auch welche gemeinsame Vergangenheit ganz Südamerika verbindet und prägt. Oft ist das, was von „latino“-Musik in Europa ankommt, geprägt von Künstler*innen ohne besonderes Erkennungsmerkmal und von einem bestimmten Rhythmus, trivialen Texten und einem Publikum, das nur tanzen will. Mehr nicht. Ich suche eine andere Verbindung, meine Texte haben eine Aussage. Aus Lateinamerika kommt eine kraftvolle Kunst, die mehr ist als die Trivialität des Tanzes und es gibt viele Gruppen, die mit der gleichen Intention Musik machen, wie ich es tue. Das sollen Menschen in Europa und auf der ganzen Welt wissen und spüren.

Ist es ein politisches Statement, dass Sie nie auf Englisch singen?
Nein nein, ich würde sogar gerne auf Englisch singen und habe auch schon einige Texte auf Englisch geschrieben. Nur bin ich ziemlich perfektionistisch. Wenn ich etwas schreibe oder übersetze, möchte ich, dass es so nah wie möglich an die Aussagen im Spanischen herankommt und das ist ziemlich schwierig mit meinen Texten.

Wenn Sie betonen, „latino“ zu sein, persönlich wie auch politisch, wie ist es dann für Sie, in New York zu leben? Wie gehen Sie damit um, an einem Ort zu leben, von welchem so viel Ungerechtigkeit gegenüber Puerto Rico ausgeht, so viel Rassismus gegenüber Menschen aus Lateinamerika geschürt wird?
Zunächst einmal lebe ich ja nicht nur in New York, sondern auch in Argentinien und vor allem in Puerto Rico. Doch es ist spektakulär, in diesen Zeiten in New York zu sein. Aus Armut und Unsicherheit entstehen soziale Bewegungen, täglich gibt es Demonstrationen und Migrant*innen organisieren sich. Das alles gab es schon vorher, aber jetzt werden diese Bewegungen sichtbarer. New York ist eine multikulturelle Stadt, voll von Menschen aus Puerto Rico, Mexiko, generell „latinxs“ und natürlich auch Menschen aus Europa, Afrika, von überall her. Und alle sind gegen die Republikaner, gegen Trump. Diese Tendenz ist spürbar und wirkt sich besonders auch auf die Kunst aus, nicht nur auf die Musik, ich spreche auch von Theater oder Film. In Spanien zum Beispiel wurde durch die „Bewegung des 15. Mai“ (Protestbewegung in Spanien in den Jahren 2011/2012 gegen die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Missständen aufgrund der Finanzkrise, Anm. d. Red.) die Schaffenskraft der Kunstszene unglaublich angefacht und ich glaube, Ähnliches passiert auch gerade in New York oder in Berlin.

In Lateinamerika beobachten wir gerade eher einen allgemeinen Rechtsruck innerhalb der Regierungen. Besonders kompliziert scheint die Situation in Venezuela. Welche Perspektiven und Chancen sehen Sie momentan für den Subkontinent?
In Bezug auf die rechten Regierungen habe ich das Gefühl, dass es da einen ständigen Wechsel gibt. Eine Zeit lang regieren Linke, dann gewinnen wieder Rechte, dann werden die Menschen müde von der Rechten und wählen wieder die Linke. Oder die Rechte benutzt Gewalt und die Linke (in Anführungszeichen) praktiziert ebenfalls Schwachsinn. Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass gerade ein größeres politisches Verständnis entsteht, dass nicht nur Politiker*innen unsere politischen Ideale prägen, sondern viele junge linke Menschen kritisch sind gegenüber ihren eigenen linken Regierungen. Vielleicht gibt es ein ähnliches Phänomen sogar auch innerhalb der Rechten. Früher habe ich diese Art von Selbstreflexion nicht so stark wahrgenommen und heute kann es uns vielleicht zu interessanten politischen Alternativen führen.

Um auf Ihr neues Album zu sprechen zu kommen: In DNA eröffnen Sie globale Perspektiven, und behandeln Themen, die Menschen auf der ganzen Welt, nicht nur explizit in Südamerika, berühren. Zum Beispiel in dem Lied „Guerra“ („Krieg“), das Sie in Armenien aufgenommen haben. Was haben Sie von den Realitäten und Kämpfen von Menschen in anderen Regionen gelernt, was nehmen Sie daraus mit nach Puerto Rico?
Mehr als Dinge nach Puerto Rico zurückzutragen, ging es mir darum, Einblicke in die Situation auf der Insel in die Welt hinauszutragen, damit Menschen anderswo verstehen, was los ist, sich solidarisieren und uns auf die eine oder andere Art auch helfen. Zum Beispiel spreche ich immer, vor jedem Konzert, über Oscar López, einen puertoricanischen Aktivisten der FALN (Nationale Befreiungsarmee), der 35 Jahre in US-Haft verbrachte und im Mai 2017 freigelassen wurde. Es ist wichtig, dass wir selbst, die Puertoriqueñxs, als auch Menschen überall auf der Welt wissen, was in Puerto Rico passiert.

Gibt es eine bestimmte Geschichte von der Reise, die Sie besonders geprägt hat oder ein Zusammentreffen mit einer bestimmten Person, das Sie an dieser Stelle teilen möchten?
Alle Begegnungen dieser Reise waren unglaublich intensiv. Zum Beispiel entstand das Lied „Guerra“ in Armenien und ich traf einen Jungen, der mit seiner Familie vor dem Krieg flüchten musste. Sein Vater blieb jedoch zurück, um zu kämpfen. Diese Geschichte, verbunden mit dem Gefühl, diesem Jungen gegenüberzustehen, war hart für mich und natürlich halfen mir diese Begegnungen, die Songtexte zu schreiben. In Tuwa, Sibirien, lernte ich Frauen kennen, die im Oberton singen, das heißt gleichzeitig zwei Töne, einen hohen und einen tiefen, produzieren. Diese Momente zu erleben, unter diesen Frauen zu sein, mitten im Nichts und gleichzeitig inmitten von allem, das war großartig. Auch meine Zeit in Afrika, in Burkina Faso war einzigartig. Jede Person, jede Musik, die ich kennenlernte, war speziell. Deshalb ist dieses Album so besonders, jeder Ton real, aufgenommen an unterschiedlichen Orten unter verschiedenen sozialen Bedingungen. Das wird in jedem Lied spürbar. Alle Menschen, die die Musik hören, werden all das entdecken und verstehen können.

In der Vergangenheit wurden Sie häufig dafür kritisiert, in Texten und Videos sexistische Stereotype zu reproduzieren. Davon haben Sie sich bereits mehrfach öffentlich distanziert und ich möchte keine alten Diskurse reproduzieren, nur um Sie erneut zu degradieren. Doch fällt mir auf, dass Sie sich auf Ihrer Website und in Songtexten mit verschiedenen sozialen Bewegungen und Studierenden-Netzwerken solidarisieren, nie aber explizit mit feministischen Gruppen. Zum Beispiel gab es mit der feministischen Großdemonstration in Rosario im vergangenen Jahr, oder 2015 mit der Entstehung der Bewegung „Ni una menos“ viele Anschlussmöglichkeiten.
Im neuen Album gab es auf ganz natürliche Art eine Verbindung zu diesem Thema. Im Album wie auch im Dokumentarfilm spielen Frauen eine zentrale Rolle. Frauenstimmen stehen im Vordergrund, in allen Liedern. Es sind Frauen, die den Chor singen, in „Guerra“, in „Apocalíptico“ – beides heftige Lieder und Ausdruck davon, wie Frauen kämpfen, zum Beispiel in Sibirien inmitten des Krieges friedlichen Widerstand zeigen mit ihrem Gesang. Ich weiß, dass es in Lateinamerika nach wie vor einen super starken Machismus gibt, aber ich habe immer versucht, mich mit feministischen Gruppen zu vernetzen, auch mit der LGBTQ*-Bewegung.

Eine letzte Frage in Bezug auf Ihre politische Vernetzung in Deutschland. Ihr Konzert findet am 30. Juni statt, kurz darauf, am 8. Juli, versammeln sich in Hamburg die 20 mächtigsten Staatsoberhäupter, unter anderem auch Donald Trump als Repräsentant für Ihr Land, zum G20-Gipfel. Es gibt viel Mobilisierung gegen dieses Event, haben Sie davon etwas mitbekommen?
Leider nicht, aber ich würde mich gerne vernetzen. Ich kenne viele interessante Menschen in Deutschland, vor allem in Berlin, aber mehr in Verbindung mit Kunst oder sozialen Projekten. Jedoch weiß ich weniger, was politisch passiert. Es gibt so viele Menschen in Berlin, die sich für die Geschehnisse in Südamerika interessieren und damit es alle wissen, möchte ich zum Schluss noch sagen, dass auf dem Konzert im Juni auch die Calle 13 Lieder gespielt werden, nicht nur die Songs des neuen Albums als Residente. Ich habe alle Lieder für Calle 13 selbst geschrieben und sehe sie als Teil des Prozesses, der mich zu den jetzigen Projekten brachte. Calle 13 wird erstmal nicht mehr auftreten und ich denke das wird auch für eine lange Zeit so bleiben. Die einzige Möglichkeit, diese Musik weiterhin zu hören, ist nun bei Residente-Konzerten.


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MARÉ ROCKT

Freitagabend, Vila do Pinheiro. Harte Gitarrenklänge erklingen im Favela-Komplex Maré. Eine Straße ist gesperrt. Vor einer kleinen Bar steht eine improvisierte Bühne. Auf dieser geben heute drei Bands ihre selbstkomponierten Rocksongs zum besten.

Seit mehreren Jahren finden im Favela-Komplex Maré unabhängige und kostenlose Rockkonzerte statt. Organisiert werden die Events von der Gruppe „Rock in Bewegung“, die im Jahr 2009 von Bewohner*innen der Maré gegründet wurde. Stein des Anstoßes war der große Erfolg der Veranstaltung „Rock in Maré“. Damals fanden in der Gemeinde Konzerte und politische Veranstaltungen auf zahlreichen öffentlichen Plätzen statt. Heute lässt sich der Erfolg von „Rock in Bewegung“ auch an Zahlen ablesen: mehr als 200 Bands sind in den letzten Jahren in Maré und anderen Favelas im Norden von Rio de Janeiro aufgetreten. Erst kürzlich spielten 18 Bands aus allen Teilen der Stadt bei einem Festival in Maré.

Ziel der Veranstalter*innen ist es, die unabhängige Musikszene weiter zu demokratisieren. Zwischen den Konzerten ist das Mikrophon offen für Reden. Produzent*innen und Musiker*innen können auf der Bühne ihre Konzerte und CDs bewerben. DJs spielen in den Pausen Klassiker der Rockgeschichte.

Marcos Vinicius studiert Design und kommt seit einem Jahr zu den Konzerten. Er glaubt an die mobilisierende Kraft der Musik: „Rock in Bewegung gibt den lokalen Bands die Möglichkeit, gesehen und gehört zu werden.“ Mit seinen Freund*innen besucht Vinicius mindestens einmal im Monat die Rockkonzerte in Maré. „Brasilianische Künstler haben mehr Anerkennung verdient“, findet Vinicius. Der Favela-Komplex ist musikalisch ein diverser Ort. Auch andere Stilrichtungen, wie Rap, Forró oder Baile Funk, sind hier stark vertreten. „Ich glaube, dass jedes Musikevent dazu beiträgt, die heimische Kultur zu stärken“, meint Vinicius.

Lange Zeit stellte „Rock in Bewegung“ die Events ganz alleine auf die Beine. So wurde bei den Konzerten die eigene Ausrüstung benutzt. In den letzten Jahren hat sich die Rockszene jedoch professionalisiert. Zentraler Grund dafür ist, dass die Gruppe „Rock in Bewegung“ im Jahr 2015 einen Preis des Kultursekretariats von Rio de Janeiro gewann und so als „lokale Kultur“ anerkannt wurde. Dadurch erweiterten sich die Möglichkeiten für die Gruppe. Seitdem finden immer mehr Konzerte mit immer besserer Technik statt. Kürzlich veranstaltete „Rock in Bewegung“ Festivals in der Bundesuniversität Fluminese (UFF) und in einer Bibliothek. Auch ist es heute möglich, Ton- und Videoaufnahmen der Konzerte zu machen. Die Veranstalter*innen, die vorher komplett unentgeltlich arbeiteten, können sich mittlerweile einen kleinen Lohn auszahlen.

Auch ohne große finanzielle Unterstützung  sollen in Zukunft weiterhin Konzerte stattfinden.

Reginaldo Costa ist Musiker und Koordinator von Rock in Bewegung. Der 35-Jährige betont, dass das Projekt durch den Preis gewachsen ist: „Uns ist es gelungen, eine höhere Stabilität und bessere technische Qualität zu erreichen. Das ist sonst sehr schwierig für die unabhängige Musikszene.“ Neben den Veranstalter*innen stemmt eine Vielzahl von Freiwilligen das Projekt. Auch der lokale Handel helfe, die Veranstaltungen durchzuführen, sagt Costa. So verkaufen lokale Gewerbetreiber*innen Getränke und Lebensmittel am Rande der Konzerte und machen im Vorfeld Werbung für die Rockevents.

Neben den Konzerten versucht „Rock in Bewegung“ auch eine Bestandsaufnahme der Szene durchzuführen. So werden Probleme und Bedürfnisse der alternativen Musikszene diskutiert. Im Moment wird außerdem ein Dokumentarfilm über die Szene gedreht, der die Entwicklung des Projekts zeigen soll. Zudem organisierte die Gruppe Workshops für die Bewohner*innen von Maré, um zu zeigen, wie man mit professioneller technischer Ausrüstung umgeht. Auch ohne große finanzielle Unterstützung sollen in Zukunft weiterhin Konzerte stattfinden.

Costa stellt fest: „Unsere Konzerte sind aus zwei Gründen immer voll: Es gibt hier einfach viele Rockfans und einen Mangel an öffentlichen Räumen“. Zwar gebe es zahlreiche kulturelle Projekte in Maré, diese seien aber immer noch nicht ausreichend, um der hohen Nachfrage und dem kreativen Potenzial der Gemeinde nachzukommen. Viele Bewohner*innen können sich nicht die teuren Eintrittskarten für die Konzerte von internationalen Bands leisten, die fast ausschließlich in der reichen Südzone stattfinden. „Für mich sind die Events so wichtig, da sie von uns Bewohnern gemacht werden“, sagt Costa. „Wir kriegen keine Sichtbarkeit von außen, aber die Aufmerksamkeit in unserem Territorium macht einen großen Unterschied.“ So hat sich in Maré eine lebendige Rockszene entwickelt: Immer mehr Bewohner*innen kleiden sich in der szenetypischen schwarzen Kleidung und wo früher fast ausschließlich Baile Funks-Rhythmen den Ton angaben, dröhnen heute auch immer mehr harte Gitarrensounds durch die engen Gassen der Gemeinde.


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