WIE VIEL DIEGO DARF ES SEIN?

Unsterblich  Maradona ist in Argentinien auf vielen Wänden verewigt  (Foto: Wagner Fontoura via flickr.com, CC BY 2.0)

„Argentinien ging es schlecht, und unsere Aufgabe war es, ein bisschen Glück zu verbreiten. Das war immer mein Ziel auf dem Spielfeld. Nicht dass die Leute vergessen sollen, was sie durchmachen müssen oder was mit ihnen geschieht, das nicht … sondern um ihnen etwas zu schenken, ein Lachen, etwas Abwechslung.“ Mit diesem Credo aus dem Jahre 1988 ging Diego Maradona laut seiner Biografie „El Diego“ immer auf den Platz. Wegen dieses Credos unternahm er Wahnsinnstrips von Neapel via Rom nach Buenos Aires und zurück binnen einer Woche, um Neapels Spielplan und Argentiniens Begehren, den berühmtesten Fußballexilanten im Trikot des Nationalteams, der Albiceleste zu sehen, gleichermaßen gerecht zu werden. Fitspritzen ließ er sich für beide, der Drogenkonsum kam aus freien Stücken obendrauf – wovon Weltmeistertrainer Carlos „Narigón“ Bilardo allerdings nichts mitkriegen durfte. Clean blieb Maradona nach eigenen Angaben dagegen bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko, als er Argentinien quasi alleine mit Hilfe der „Hand Gottes“ und seinem linken Zauberfuß zum Weltmeister machte, was dem fußballverrückten Land seitdem verwehrt blieb. Vieles spricht dafür, dass er sich in Mexiko wirklich nur an seinem Spielwitz berauschte. Denn Maradona selbst warf nach dem Ende seiner Karriere die Frage auf: „Ich war krank, drogenabhängig. Ich frage mich immer: Hätte ich keine Drogen genommen, wie gut hätte ich dann erst gespielt?” In Mexiko 1986 spielte er so überragend wie nie zuvor und danach. Auch wenn Neapolitaner*innen das anders sehen mögen. Jenseits des Fußballplatzes hatte er ein klares Selbstverständnis: „Ich bin vom Kopf bis zu den Fü­ßen links“, sag­te er 1986 dem Play­boy. „Aber nicht in dem Sinn, den ihr in Eu­ro­pa die­sem po­li­ti­schen Aus­druck ver­leiht. Ich bin links für den Fort­schritt mei­nes Lan­des, um das Le­ben der Ar­men zu ver­bes­sern, da­mit wir alle Frie­den und Frei­heit ha­ben.“ Im Sep­tem­ber, bei ei­ner sei­ner letz­ten Ak­ti­vi­tä­ten in den so­zia­len Me­di­en, pos­te­te er ein Foto des Hauses im marginalisierten Viertel Villa Fiorito, in dem er auf­ge­wach­sen war – um eine von der Re­gie­rung ge­plan­te Rei­chen­steu­er zu un­ter­stüt­zen.

„Er kam aus dem Schlamm und vergaß seine Herkunft nie“


Es ist dieses Selbstverständnis, an das die Feminist*innen anknüpfen, die Maradona verehren, ohne ihn auch nur im Entferntesten als progressives männliches Rollenmodell für das 21. Jahrhundert oder Vorkämpfer für Frauenrechte zu sehen. Warum auch? „Wir vergessen die Gewalt nicht, die er gegen viele Frauen ausgeübt hat, wir sind uns darüber im Klaren, und wir wissen, was Teil der Gesellschaft und der Zukunft ist, für die wir kämpfen: Dass männlich sein nicht bedeutet, Privilegien zu haben oder Gewalt gegen den Körper von Frauen auszuüben. Dass männlich sein keine Frage von Macht oder körperlicher Stärke ist. Aber inmitten von so viel Lärm, der die Stimmen der Armen übertönt, vergessen wir nicht, dass Diego und sein Fußball immer gen Süden ausgerichtet waren. Er war seit seiner Geburt durch diesen Stern gezeichnet und wusste immer genau, woher er kam und wohin er zielen wollte: Er kam aus dem Schlamm und vergaß seine Herkunft nie.“ So würdigte ihn das feministische Medienkollektiv marcha aus Anlass seines 60. Geburtstages am 30. Oktober.

„Er war ein spektakulärer Fußballer, aber als Mensch ließ er vieles zu wünschen übrig“


Eine andere feministische Position machte Paula Dapena deutlich. Die 24-jährige Argentinierin spielt in Spanien in der dritten Liga der Frauen bei dem kleinen galizischen Verein Viajes InterRías. Statt wie bei allen Fußballspielen in den Tagen nach Maradonas Ableben an der Gedenkminute teilzunehmen, setzte sich die bekennende Feministin vor dem Freundschaftsspiel gegen Deportivo Abanca mit dem Rücken zu ihren stehenden Mitspielerinnen auf den Boden, um gegen die Ehrung von Diego Maradona zu protestieren. „Ich kann ihm nicht für all die schlimmen Dinge vergeben, die er getan hat. Für mich war er ein spektakulärer Fußballer, aber als Mensch ließ er vieles zu wünschen übrig. Ich denke, es braucht auch Werte, nicht nur Können“, begründete sie ihre Aktion am 25. November, dem internationalen Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen. In Maradonas Vita stehen unter anderem Medienberichte über häusliche Gewalt und ein Vaterschaftsprozess, der ihn zu Anerkennung einer Tochter zwang. Sechs weitere Vaterschaftklagen sind noch nicht entschieden.

Paula Dapenas Aktion ging um die Welt und aus Mexiko, den USA und Brasilien kommen inzwischen Anfragen nach dem käuflichen Erwerb ihres Trikots, wovon sie vorher sicher nicht zu träumen gewagt hätte. Damit, dass ihr in den sozialen Medien Hass und Mord-drohungen entgegenschlagen würden, war schon eher zu rechnen. „Sie sagten mir, sie würden nach meiner Adresse suchen, um mir die Beine zu brechen“, erzählt sie und bereut dennoch nichts: „Ich würde es tausend Mal wieder tun.“

Paradoxerweise mussten sich auch die Feminist*innen, die öffentlich um Maradona trauerten, unzähliger Hasskommentare erwehren. Dapena dagegen wirft ihren Mitspielerinnen nicht deren Gedenken vor. Sie hat alles Recht der Welt, Maradona ihre Würdigung zu verweigern. Genau wie andere Feminist*innen das Recht haben, ihm zu gedenken, ohne dafür in unfairer Weise angegriffen zu werden. Oder wie es eine von ihnen, die Schauspielerin Thelma Fardin zusammenfasst: „Leute, Feminismus ist Befreiung, nicht Rechenschaftspflicht!“

So kontrovers wie Maradonas Leben und Karriere war, verläuft auch nach seinem Tod noch die Diskussion über ihn. Dabei stand Diego auch immer für den Teamgedanken, worauf Maia Moreira, eine bekennende Maradoneana und Feministin auf dem Portal La pelota siempre al Diez (Den Ball immer auf die zehn) hinwies: „Und er stellt immer ­– hoffentlich für immer – ein Team zusammen und bereitet uns Freude. Wir machen Fehler, und manchmal bezahlen wir für sie und manchmal nicht. Ein bisschen wie er selbst, der die Verantwortung für Fehler übernimmt. Und wir teilen diese Ideen, weil unser Feminismus auf Schlamm und Widerspruch, auf Kollektivität und Feiern, auf Weinen und täglichem Schmerz über Ungerechtigkeiten aufgebaut ist. Wir wollen alles jeden Tag ändern, und in der Zwischenzeit schreien wir ‚Tor’ und umarmen uns gegenseitig.“ Es wäre im Sinne Maradonas, der sich als Grabinschrift wünschte: „Gracias a la pelota“. Danke dem Ball.

 

IMMER GEGEN DENSELBEN FEIND


Isidoro Bustos Valderrama
(Foto: Privat)

Wenn ich mich an Don Isidoro erinnere, denke ich an die Telefonate, die wir geführt haben, und ich erinnere mich, wie sie immer mit „Don“ begannen. Von denen gab es sehr viele, nachdem wir uns in Berlin wieder getroffen hatten, in dieser Stadt, in der die Erinnerungen an die harten Jahre der Militärdiktatur immer präsent waren. Wir waren gebrandmarkt durch den 11. September 1973, durch die Erfahrung, die 1.000 Tage unseres Präsidenten Salvador Allende, welcher eine nie vorher da gewesene politische Bewegung für Frauen und Studierende, Arbeiter*innen und Intellektuelle, Landarbeiter*innen und das Volk anführte. Es waren diese Erinnerungen, die uns immer wieder überkamen.
Ich hatte die Ehre, Isidoro Bustos Valderrama kennen zu lernen, in einem der vielen Gefangenenlager, durch die mich mein Weg nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 führen würde. Es war im Lager Chacabuco, dem zweitgrößten nach dem Fußballstadion „Estadio Nacional de Chile“, das von der Diktatur als Gefangenenlager benutzt wurde. Wir waren damals keine besonders engen Freunde, wohl aber Gefährten in der Gefangenschaft und irgendwie kannte man sich immer auf die eine oder andere Weise. Man wusste, wer wer war und Isidoro war damals schon Jurist und militanter Sozialist, ein Mann mit starkem Charakter, der konsequent seinen Idealen und Prinzipien folgte. Während seiner Zeit im Gefangenenlager hatte er, zusammen mit seinen Kolleg*innen, von denen er einer der jüngsten war, immer geheime Aufgaben. Einiges von dem, was sie dort aufschrieben, wurde an internationale Organe wie die Menschenrechtsabteilung der Vereinten Nationen oder das Internationale Rote Kreuz übergeben, während andere Schriften und Dokumente noch immer versteckt überdauern zwischen den Balken und Trümmern des Konzentrationslagers – als stumme Zeugen dieser Zeit der Zwangsinternierung, an die sich Isidoro immer mit innerlicher Bewegung erinnerte.
Nach vier Jahren, 1978, trafen wir uns in dieser Stadt wieder, in Berlin. Endlich frei, wenngleich ich noch zwei Jahre länger in politischer Gefangenschaft als Isidoro gewesen war, konnte ich Isidoro in die Arme schließen. Wie groß war die Freude des Wiedersehens und unsere ersten Gespräche handelten natürlich von den langen Monaten, die wir im lebensfeindlichen Konzentrationslager Chacabuco eingesperrt waren. Inmitten der Atacama-Wüste, bei Temperaturen, die tagsüber 45 Grad erreichten und nachts auf 8 oder 10 Grad unter Null fielen. Isidoro lebte bei unserem Wiedersehen bereits seit vier Jahren in Berlin, war an der Freien Universität Berlin und promovierte in Politikwissenschaft. Nach meiner Ankunft im Jahr 1978 entwickelte sich eine Freundschaft und ich schloss mich ihm in der Gewerkschaftsarbeit an. Dabei behielten wir immer unsere politischen Differenzen bei und respektierten sie, da wir in unterschiedlichen politischen Lagern kämpften, aber immer gegen denselben Feind: die Militärdiktatur in Chile, die durch Feuer und Blutvergießen über das Land gekommen war und von Augusto Pinochet Ugarte angeführt wurde.
Isidoro war Gewerkschaftsvertreter der „Central Única de Trabajadores de Chilenos“ in Deutschland mit Sitz in Berlin, unsere Hauptaufgabe war es, Verbindungen mit der deutschen Gewerkschaftsbewegung, insbesondere dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), aufzubauen. Wir arbeiteten auch direkt mit der Bildungsgewerkschaft (GEW), der IG-Metall und anderen Metallarbeiter*innengewerkschaften zusammen. Es gab eine große Anstrengung ihrerseits, den Kampf des chilenischen Volkes zu unterstützen. Isidoro war sehr solidarisch und arbeitete für die Einheit des Widerstandes. Er hielt Kontakt zu allen chilenischen politischen Strömungen gegen die Diktatur, die es in Deutschland und in Berlin gab.
Wie die meisten Chilen*innen, die ins Exil gingen, hatte auch die Familie von Don Isidoro sich hier in Berlin wieder zusammengefunden. Ich durfte sie kennen lernen und so wie er, war auch seine Frau und Gefährtin Mireya. Wir, die engsten Freund*innen der Familie nannten sie liebevoll Mireyita. Sie war eine Person mit großem politischem Interesse, die sich mit anderen Frauen in der Chile-Solidarität engagierte. Isidoro und Mireya haben zwei Söhne, Rodrigo und Gonzalo, die sich ebenfalls auf die eine oder andere Weise an den Aktionen gegen Pinochet beteiligten. Isidoro, der große Bewunderung und großen Respekt für seine Gefährtin hegte, sagte mir einmal, dass er gern ein Buch schreiben würde, in dem die Hauptfigur Mireya sein würde. Er schrieb 1987 tatsächlich ein Buch, allerdings eines, das sich mit Aspekten der Verfassung Pinochets beschäftigte. Ein Buch, das heute einen ganz besonderen Wert als Dokument bei der Diskussion über eine neue Verfassung für Chile hat: Die Verfassung der Diktatur. Die Entwicklung der Grundrechte in Chile.
Es fällt mir schwer, diese Chronologie über meinen Freund und Mitkämpfer hier zu schließen. Dank seiner beiden Söhne, die einer Liste von Personen außerhalb des unmittelbaren Familienkreises ermöglichte, ihren geliebten Vater zu sehen, konnte ich Isidoro in seinem Pflegeheim bis zuletzt besuchen. Ich bin persönlich dankbar für dieses großartige und wunderbare Entgegenkommen gegenüber seinen engsten Freund*innen, zu denen ich mich selbst und auch José Lagos und seine Frau zähle. Ich spreche hier auch im Namen der Familie Lagos-Miranda und meiner eigenen, Struve-Mardones, wenn ich sage, dass die Zeit, in der wir uns wegen der Pandemie nicht sehen konnten, sehr lang war. Nachdem Besuche wieder erlaubt waren, begannen wir, diese wieder in einem wöchentlichen Rhythmus aufzunehmen. Die fünf Monate, in denen ihn nicht einmal die Familie sehen konnte, waren zu viel für ihn. Als ich ihn das erste Mal nach diesen langen fünf Monaten besuchte, war die Veränderung, die in ihm stattgefunden hatte, schwer zu ertragen. Er war mürrisch und sehr verschlossen. Mich überkam eine große Traurigkeit und ich dachte bei mir, ob Einsamkeit töten kann? Ich fragte mich, ob die letzten Wochen wohl nicht mehr die gleichen gewesen waren wie früher. Die Nachricht von seinem Tod erreichte mich, als ich ihm gerade seine letzte Empanada aufwärmte, gemacht von unserem Genossen Pablo Jeldres, denn an diesem Tag wollte ich ihn noch besuchen! Es war traurig und schmerzvoll mit anzusehen, wie unser lieber Freund Monat für Monat mehr und mehr dahinwelkte und sich auf den Weg zu seiner schon verstorbenen Gefährtin machte, die er sein Leben lang so sehr geliebt hatte und die ihn nun vielleicht an einem anderen Ort im Universum erwarten würde?
Ich kann diese Worte über meinen Freund und Gefährten, Isidoro, aber nicht beenden, ohne vorher auf diese Verse nach Heinrich Heine zu verweisen, die Isidoro selbst geschrieben hat – in einem zehnseitigen Manuskript, das er mir, mit der Bitte um meine Meinung, gegeben hatte. Sie lauten folgendermaßen:

Ihr, Wächter, die ihr in meinem Koffer sucht,
nichts werdet ihr hier finden
die Schmuggelware, die mit mir reist
beschloss ich in meinem Kopf zu verwahren …
… und viele Bücher trag‘ ich im Kopf!
Ich darf es Euch versichern,
mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest
von konfiszierlichen Büchern.
Insel Moabit, 25/06/2014

ADIÓS, RÍO PARANÁ

                     Foto: Flickr, Tractatus Fotogalería, CC BY-NC 2.0

Adiós, adiós, me voy („Leb wohl, ich gehe“), singt Rosario Bléfari im dem Fluss Rio Paraná gewidmeten Lied, das dessen Namen trägt. Nun ist Bléfari, die in zahlreichen Nachrufen als emblematische Figur, Ikone oder gar Königin des Indie-Rocks charakterisiert wird, selbst gegangen – viel zu früh. Das Lied über den Rio Paraná veröffentlichte sie mit der avantgardistischen Alternative-Rock / Noise-Pop-Band Suárez, als deren Frontfrau sie in den 90er Jahren bekannt wurde. 1965 in Mar del Plata geboren, wuchs die Künstlerin zwischen den eisigen Winden Bariloches, denen sie mit „Viento Helado“ einen ihrer bekanntesten Songs schrieb, auf.
Zahlreiche Weggefährt*innen, Musiker*innen und Schriftsteller*innen erinnern sich an Bléfari als immer offene und nahbare Person, die unermüdlich unabhängige Projekte vorantrieb und in entfernten Provinzen des Landes auftrat, fernab aller Klischees der Rockmusikerin oder Schauspielerin. Schon bei Suárez vermischten ihre Texte die ausgefeilten Beobachtungen von Alltagsszenen zwischen Pop und Philosophie, so erinnert sich die Schriftstellerin Cecila Pavón. Eben dies – den kleinen Szenen des Alltags so viel abzugewinnen und in nicht immer einfach zugängliche, aber eindringliche Songs zu fassen – charakterisiert ihr kreatives Schaffen. Im Jahr 2001 dann löste sich Suárez nach vier Alben auf. Bléfari veröffentlichte zunächst unter eigenem Namen fünf Alben, ehe sie die Gruppen Sué Mon Mont und Los Mundos Posibles gründete.
Zur gleichen Zeit begann sie, Bücher, Gedicht- und Erzählbände und Tagebücher zu veröffentlichen. Ihr erster Gedichtband Poemas en Prosa vereint poetische Möglichkeiten, Buenos Aires zu sehen und zu beschreiben. Ihre weiteren Werke La música equivocada (2009), Las reuniones (2018), Antes del rio (2016) und Poemas de los 20 en los 80 (2019) versammeln unter anderem auch Liedtexte, die nie Musik geworden waren. Ihr letztes Werk Diario del Dinero wurde erst posthum veröffentlicht. Es ist eine Sammlung von Tagebucheinträgen, veröffentlicht in zufälliger Reihenfolge, als sei „ein Wind durch das Fenster gekommen und hätte die Blätter durcheinandergewirbelt“, so Bléfari im Vorwort. Wie der Titel „Tagebücher des Geldes“ erahnen lässt, spielt das Geld und das Leben in der so oft und vor allem für eine unabhängige Künstlerin wie Bléfari chaotischen wirtschaftlichen Situation Argentiniens eine wichtige Rolle. Doch geht es in den Tagebucheinträgen nicht nur um das schnöde Überleben: Die zwischen den 80er Jahren bis 2019 gesammelten Einträge zeichnen Rosario Bléfaris künstlerische Laufbahn nach, ihren Blick auf die Details des täglichen Lebens und Reflexionen über die Liebe und das Land.
Bekannter jedoch wurde Bléfari als Schauspielerin: Im Film Silvia Prieto von Martín Rejtmann (siehe LN 296 & 308), der 1999 in die Kinos kam, spielt sie die gleichnamige Protagonistin. Diese beschließt, mit 27 Jahren ihr Leben zu ändern und sich einen Job zu suchen. Als sie jedoch erfährt, dass es in Buenos Aires eine weitere Frau gleichen Namens gibt, wird sie davon besessen. Der minimalistisch gehaltene Film ist gleichzeitig eine subtile Kritik auf den Menemismus und nimmt in gewisser Weise die katastrophale Wirtschaftskrise von 2001 vorweg. Silvia Prieto gilt als einer der wichtigsten Filme des nuevo cine argentino, des neuen argentinischen Kinos. Die Bewegung fand in den 90er Jahren ihren Höhepunkt und entwickelte eine sich von der Last der Diktaturjahre und der Zensur zu befreien beginnende Art des Filmemachens. Silvia Prieto thematisiert so auch Identitätskonflikte in einer Gesellschaft, in der sich wegen der Verschwundengelassenen der Diktatur niemand mehr seiner Identität wirklich sicher sein kann. Weitere Rollen hatte Bléfari beispielsweise in Los dueños (2013) von Ezequiel Raduzky und Agustín Toscana aus Tucumán. Dort spielt sie eine der Hausangestellten, die in der Abwesenheit der Eigentümer*innen das Haus besetzen und eine Art Klassenwechselszenario erträumen. Auch im zweiten und bisher unveröffentlichten Film von Raduzky, Plante Permanente, spielt sie an der Seite ihrer Tochter Nina Suárez Bléfari eine der Hauptrollen.
Ihre schauspielerische Tätigkeit blieb jedoch nicht nur auf das Kino beschränkt. So arbeitete sie auch an einigen Theaterproduktionen mit und mit namhaften Regisseur*innen wie Raúl de la Torre, María Luisa Bemberg und Albertina Carri zusammen. Ein anderes multiartistisches Projekt, Los Cartógrafos, schuf Bléfari gemeinsam mit der Journalistin Romina Zanellato und dem audiovisuellen Künstler Nahuel Ugazi. Dabei las ein*e Schauspieler*in einen Auszug eines zeitgenössischen Werkes argentinischer Autor*innen vor, ein*e Musiker*in schuf zu der Geschichte passende oder auch mit ihr konkurrierende Klanglandschaften. Das zunächst als Podcast begonnene und auf Soundcloud kostenlos nachzuhörende Projekt mündete in eine Tour, in der die drei gleich einer Rockgruppe auf die Bühnen stiegen, um dann statt Musik Literatur zu präsentieren.
Rosario Bléfari starb an den Folgen einer Krebserkrankung in Santa Rosa, wohin sie gereist war, um ihren ebenfalls kranken Vater zu pflegen. Ihr aus der Hauptstadt angereister Partner und ihre Tochter waren da noch in Quarantäne. Pandemiebedingt konnte auch keine Trauerfeier stattfinden. Am 6. August, einen Monat nach Bléfaris Tod, schufen Freund*innen, Kolleg*innen und Fans unter dem Hashtag #CelebramosARosario der Künstlerin ein virtuelles Andenken. Sie spielten ihre Lieder, lasen Gedichte oder teilten Anekdoten. Losgelöst vom Schock über ihren dann doch plötzlichen Tod verbreiteten sie so ihr Werk und damit ihr Vermächtnis weiter, welches sich wirklich zu entdecken lohnt.

IGEL, BERGBAU UND LAYOUT

Es gab Zeiten, da konnte man sich fast sicher sein, auf der Büroetage der Lateinamerika Nachrichten auf Mathias Hohmann zu treffen. Und dies galt für nahezu jede Uhrzeit. Damals, in den 2000er Jahren, war er der unermüdlichste Layouter des Redaktionskollektivs und hat regelmäßig die Sonntagsschichten der Umbrüche gemacht. Nicht nur für LN layoutete Mathias, auch für befreundete Nichtregierungsorganisationen wie das Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika e.V. (FDCL) und GegenStrömung, die auch auf der Etage angesiedelt sind, besorgte er den Satz von Broschüren und anderen Veröffent-*lichungen. Für ihn, so wirkte das Geheimnis seines Layouts oft für uns, war dies ein Leichtes. Doch sein großes Engagement ist nicht der wichtigste Grund, warum sich viele Menschen sehr gerne an Mathias erinnern.
Vor allem war Mathias ein sehr humorvoller Mensch. Mit ihm zusammen am Heft zu arbeiten, war nicht nur ein Genuss, weil er so professionell beim Layout war, sondern weil man auch immer was zu lachen und spaßen hatte.
Dass er auch streitbar und streitlustig war, gehört dazu – eine journalistische Redaktion zieht naturgemäß solche Persönlichkeiten an. Und so hat er auch inhaltlich viel zu den LN beigetragen. Als studierter Bergmann und Umwelttechniker konnte er sehr kenntnisreich die Konflikte um Bergbau und die durch ihn verursachten Umweltzerstörungen, die es überall in Lateinamerika gibt, detailreich erläutern. Insbesondere zu Peru, wo er sich mehrmals auch länger aufgehalten hatte, hatte er viel zu sagen – und zu schreiben, was nicht nur einige Artikel für LN, sondern auch Beiträge für das FDCL zeigen. Eine Zeitlang war es allein ihm zu verdanken, dass Peru überhaupt im Heft vertreten war.
Vor allem war Mathias aber ein liebenswerter, großzügiger und hilfsbereiter Mensch. Wenn er helfen konnte, tat er es. Und die Bulettenberge, die er manches Mal von seiner Mutter aus Sachsen mitbrachte, verteilte er großzügig auf der Etage. Mit einigen Leuten auf der Etage ist er gemeinsam in den Urlaub gefahren, wo er sich zudem als sehr kinderlieb zeigte.
Zum ersten Mal kam er über ein Filmfestival in Kontakt mit LN und dem FDCL und schon bald war er nicht mehr von der Etage wegzudenken. Unvergessen unsere Ungläubigkeit als Mathias gleich auf seiner ersten Heftsitzung anbot, die Heftleitung zu übernehmen. Das gab es so nie. Und die Ausgabe wurde wunderbar! Filme waren eine seiner großen Leidenschaften, insbesondere solche aus der Tschechoslowakei/Tschechien, ein Land, zu dem er eine tiefe Zuneigung empfand. Doch nach einer Zeit in der stressigen Großstadt Berlin zog es ihn wieder ins Sächsische, in die Nähe von Leipzig. Von dort war es dann auch nicht so weit zu fahren zu seinen Wandertouren im Böhmerwald. Und er konnte seine Liebe zur Natur auch ausleben, indem er sich als rührender Igel-Helfer betätigte. Es bereitete immer Freude, wenn er Fotos seiner niedlichen Schützlinge verschickte.
Der Kontakt war in den letzten Jahren etwas eingeschlafen. Umso überraschender und erschütternder kam für uns deshalb die Nachricht, dass Mathias Hohmann am 10. Mai dieses Jahres im Alter von 48 Jahren viel zu früh aus dem Leben geschieden ist.

 

DIE STIMME DER VERGESSENEN IST VERSTUMMT

Schriftsteller, Regisseur, Journalist, politischer und Umweltaktivist, Revolutionär, Guerrillero, Fernfahrer, Küchengehilfe – Luis Sepúlveda, von seinen zahlreichen Freund*innen liebevoll “Lucho” genannt, war so vieles in seinem Leben. Nun ist der vielseitige chilenische Autor im Alter von 70 Jahren in Folge seiner COVID-19-Erkrankung gestorben. Er und seine Frau, die Dichterin Carmen Yañez, gehörten im Februar zu den ersten Chilen*innen, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten. Während sie jedoch nach kurzer Zeit wieder genesen war, erlag Sepúlveda am 16. April nach mehreren Wochen der Beatmung im künstlichen Koma der Krankheit.

Sepúlveda war seinen Idealen zeitlebens treu geblieben: „Ich dachte immer, es gibt bereits Leute, deren Aufgabe es ist, die Geschichte der Gewinner zu schreiben. Ich habe mich immer den Verlierern näher gefühlt. Unsere Aufgabe als Schriftsteller ist es, die Stimme der Vergessenen zu sein”, sagte er, „der Schriftsteller ist das Sprachrohr derjenigen, die keine Stimme haben.” So verfuhr er nicht nur in seiner Literatur, sondern auch im Leben. Trotz großen Erfolgs bescheiden geblieben, behielt er diesen nicht für sich, sondern teilte ihn, nutzte ihn, um zu helfen. Junge Autor*innen, kulturelle oder soziale Projekte und Bewegungen unterstützte er
mit seinem Namen, mit Kontakten und zum Teil
auch finanziell.

Der Durchbruch als Autor kam für Luis Sepúlveda 1989 mit dem später in über 50 Sprachen übersetzten Kurzroman Der Alte, der Liebesromane las, der einem breiten Publikum den vom Extraktivismus – hier in Gestalt von Goldsuchern und Ölfirmen – bedrohten Amazonas-Regenwald nahe brachte. Die titelgebende Hauptperson Antonio José Bolívar Proaño ist wie Sepúlveda selbst ein Exilant im doppelten Sinne: Ohne Möglichkeit, in sein Dorf in den Anden oder in die Gemeinschaft der Shuar im Urwaldgebiet Ecuadors zurückzukehren, die ihm eine zweite Heimat geworden war, blieben ihm am Ende nur die Bücher. Auch Sepúlveda blieben nur seine Bücher und das Schreiben, nur dass die Welten, in die er nicht zurückkehren konnte, Chile und die Revolution waren.

Nach eigenen Angaben „tiefrot geboren”, begann er sein politisches Engagement bereits mit 15 Jahren bei der Kommunistischen Jugend, wechselte dann zu den Sozialist*innen und reiste nach Bolivien, um die ELN-Guerrilla zu unterstützen. Er gehörte zur Leibgarde von Salvador Allende, war nach dem Militärputsch erst im Untergrund und später über zwei Jahre lang im Gefängnis, wo er gefoltert wurde. Auf Druck von Amnesty International wurde seine lange Haftstrafe schließlich in Exil umgewandelt, worauf er sich nacheinander in Uruguay, Brasilien, Paraguay und schließlich in Ecuador aufhielt, wo er auch die Kultur der Shuar kennenlernte. Als Brigadist kämpfte er in Nicaragua für die Sandinistische Revolution.
Anschließend ließ er sich für mehr als 10 Jahre in Hamburg nieder. Während dieser Zeit fuhr er als Besatzungsmitglied auf einem Schiff von Greenpeace über die Weltmeere, um gegen den Walfang zu kämpfen. Er könne sich nicht vorstellen, vom Meer entfernt zu leben, meinte er später einmal.

Sepúlveda wollte „eine gute Geschichte gut erzählen, ohne die Wirklichkeit zu verändern”

Reisen und Abenteuer waren überhaupt ein wichtiger Teil seines Lebens – kein Zufall also, dass er auch über die Reise- und Abenteuerliteratur zum Schriftsteller wurde. „Irgendwann sind mir die Bücher der Autoren ausgegangen, die ich liebte: Jules Vernes, Emilio Salgari, Robert Louis Stevenson oder Francisco Coloane hatten nichts Neues mehr für mich. Da habe ich angefangen, selbst Geschichten zu schreiben von der Art, wie ich sie gerne las.” Patagonien war dabei ein Ort, der seine Phantasie im besonderen Maße beflügelt hat, erst in den Büchern des von ihm bewunderten Coloane und später auf eigenen Reisen. So spielt es auch in mehreren seiner Werke eine Rolle, wie etwa in seinem Reisebuch Patagonia Express.

Sein Schreibstil war schnörkellos und konzentrierte sich darauf, „eine gute Geschichte gut zu erzählen, ohne die Wirklichkeit zu verändern, denn die Bücher verändern die Welt nicht, das machen die Bürger.” Antonio José Bolívar Proaño blieb dabei nicht seine einzige Hauptperson mit autobiografischen Elementen, mit dem desillusionierten ehemaligen Guerillero und Allende-Leibwächter Juan Belmonte aus Sepúlvedas Krimis kam ein weiteres Alter Ego hinzu.

Sepúlveda schrieb außerdem Kinderbücher, in denen es oft um ungewöhnliche Freundschaften (Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte, Wie der Kater und die Maus trotzdem Freunde wurden) und Werte wie Respekt und Toleranz geht. Durchdrungen ist sein ganzes Werk von der Solidarität, die Sepúlveda auch selbst lebte, sowie einer starken Sensibilität für die Bedrohung der Natur.

Neben dem Schreiben wirkte Sepúlveda zuweilen auch im Film, so drehte er selbst Nowhere, einen den Opfern der chilenischen Diktatur gewidmeten Spielfilm mit Harvey Keitel in einer der Hauptrollen. Als Sepúlveda im Jahr 2002 hörte, dass in Patagonien ein großes Aluminiumwerk gebaut werden sollte, das ganze Ökosysteme zu vernichten drohte und die chilenische Regierung so tat, als gäbe es die Menschen vor Ort und ihre Proteste nicht, kam er mit einem Filmteam und drehte die Reportage Corazón Verde darüber, die später sogar den Preis für den besten Dokumentarfilm auf dem Filmfestival von Venedig gewann.

Eine neue Verfassung hätte ihn zur Rückkehr nach Chile veranlassen können

In seinen Jahren in Deutschland als Reporter etwa für den Spiegel tätig, wirkte Sepúlveda bis zuletzt auch journalistisch und äußerste sich insbesondere in seiner Kolumne für die chilenische Ausgabe der Le Monde Diplomatique immer wieder politisch, manchmal zu seiner Wahlheimat Spanien, oft zu Chile. Dort hatte ihn die Zerstörung des Sozialgefüges durch die Diktatur einst sehr betroffen gemacht, entsprechend engagiert verfolgte und unterstützte er dessen Wiederbelebung in den Protesten der letzten Jahre und insbesondere der letzten Monate. Als er, längst in Europa verwurzelt, einmal gefragt wurde, was sich ändern müsste, damit eine Rückkehr nach Chile für ihn infrage käme, sagte er: „die Verfassung”. Noch Ende 2019 schrieb er, der ehemalige Revolutionär: „Es gibt keine Rebellion, die gerechter und demokratischer sein könnte als die Rebellion heute in Chile. Und es gibt keine Unterdrückung, so hart und verbrecherisch sie auch sein mag, die ein Volk im Aufbruch aufzuhalten vermag.”

Illustration: Joan Farías Luan / Cuaderno Imaginario

 

NICHT EINMAL DER TOD

Aufmerksame Kritikerin Echeverría verstarb am 03. Januar 2020 (Foto: Gilberto Robles)


Ich kam im Jahr 1920 zur Welt, zu einer Zeit, als die Frauen in Chile weder das Recht hatten zu wählen, noch die Möglichkeit an einer Universität zu studieren. Chile war als Land damals absolut abhängig von Europa und den USA. Es verkaufte Salpeter, später Kupfer. Es war eine koloniale Realität. Mir war väterlicherseits ein oligarchisches Erbe in die Wiege gelegt worden, mütterlicherseits gab es Facharbeiter und Intellektuelle.

Ihr Großvater, Eliodoro Yáñez, erlangt in den 1920er Jahren einen Ruf als fortschrittlicher Senatspräsident, wird Ende der 1930er jedoch ins europäische Exil gezwungen. Echeverría verbringt große Teile ihrer Kindheit in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Ihre Mutter erinnert sich ihrer in Tagebüchern als anstrengendes Kind: „Sie ist ein unausstehlicher Schreihals, so intelligent und stolz sie auch sein mag.“ Die Mutter müht sich, dieses Temperament unter Kontrolle zu bekommen und sie auf den „gesellschaftlichen Einstand“ in Chile vorzubereiten.

Natürlich fügte ich mich erstmal den Normen meiner sozialen Klasse. Ich heiratete und bekam Kinder. Und dennoch zeigte ich immer auch Symptome einer Rebellion gegen all die Vorschriften, denen ich unterworfen war.

1950 reicht es Echeverría. Sie stellt ihren Ehemann und die drei gemeinsamen Kinder vor vollendete Tatsachen und geht als Stipendiatin für ein Jahr nach Spanien. Ihre Rolle als Ehefrau und Mutter interpretiert sie fortan selbstbestimmter, arbeitet als Lehrerin und gründet ein Theater. Nach dem Wahlsieg Salvador Allendes 1970 steigert Echeverría ihr künstlerisches Engagement weiter.

In diesen Jahren blühte die Kultur hundertprozentig auf. Es ging darum, die gesamte Bevölkerung zu erreichen und einzubeziehen. Überall waren für wenig Geld gute Bücher des staatlichen Verlags Quimantú zu kaufen. Überall wurde eifrig produziert. Folklore. Theaterstücke. Eine Explosion. Die Wände Santiagos waren voller Wandbilder, auch die Mauern entlang des Flussbettes des Rio Mapocho, der durch die Stadt fließt. Ich glaube, das war intellektuell die wachste Zeit Chiles, nie zuvor oder danach wurde so viel gelesen. Es war ein kreatives Fieber das sehr abrupt und tragisch endete.
Richard Nixon begriff schnell, dass er den sozialen Wandel in Chile aufhalten musste, denn sonst hätte dieser Weg in Lateinamerika weitere Nachahmer finden können. Sie begannen mit einem Embargo und organisierten viele weitere verdeckte Aktionen in Chile, an denen sich alle Kapitalisten der chilenischen Rechten beteiligten, besonders auch der Herausgeber der Tageszeitung El Mercurio, Augustín Edwards. Unglaublich, was für eine Hommage nach seinem Tod inszeniert wurde, und das für eine der unheilvollsten Gestalten der chilenischen Geschichte.

Unheilvoll ist auch der Putsch 1973. Echeverría nutzt den relativen Schutz ihrer privilegierten Herkunft und engagiert sich in der Fluchthilfe verfolgter Personen. Ihre Bemühungen, auch einflussreiche Frauen der deutsch-chilenischen Community für diese Aktionen zu gewinnen, schlagen fehl. In einem geheimen Treffen…
entgegneten die ehrenwerten Damen auf meinen Vorschlag, international Hilfe zu organisieren: ‚Weiß denn Lucía Pinochet [die Ehefrau des Diktators] von dieser Idee?‘ und ich sagte nur: ‚Na hoffentlich nicht! Auch die deutschen Nonnen aus der Oberschule Colegio Santa Ursula [wo Echeverría bis 1973 unterrichtete] hatten, gebildet wie sie waren, nichts verstanden. Ich wollte, dass sie eine ehemalige Schülerin verstecken, doch sie ließen mich abblitzen. Im Philosophieren waren sie stark, aber politisch gesehen absolute Faschistinnen.
Aus Sorge um zwei meiner eigenen Kinder, die nach dem Putsch im Untergrund weiterhin bei der MIR
[Bewegungen der Revolutionären Linken] aktiv waren, suchte ich Hilfe bei einem deutschen Bischof [eigentlich Probst] der Lutherischen Kirche, Helmut Frenz. Ich war kurz davor, ins Exil zu gehen und meine Kinder mussten auch aus Chile raus. Noch von Cambridge aus [wo Echeverría und ihr Mann von 1974 bis 1979 lebten] hielten wir Kontakt mit ihm. Er hat so vielen geholfen und es war sicher nicht leicht für ihn, mit all den Nazis in Chile.

Ende der 1970er kehrt Echeverría nach Chile zurück. Gemeinsam mit einigen Eingeweihten gründet sie die Gruppe Mujeres por la vida (Frauen für das Leben).

Während der Diktatur begannen wir Dinge zu tun, die die Männer nicht zu tun wagten. Die hatte man nach dem Putsch zum Schweigen gebracht.

Echeverría und ihre Mitstreiterinnen zetteln mal szenische Tumulte in Supermärkten an, mal werfen sie Fußbälle mit der Aufschrift „Tretet Pinochet“ von den Dächern Santiagos. Oder sie protestieren gegen die unerträgliche parteiische Justiz.

Zu fünft schlichen wir uns in den Gerichtshof. Fünf Frauen, die Taschen gefüllt mit verfaultem Fisch und Muscheln. Mit eleganten Schritten liefen wir in den zweiten Stock und warfen von dort auf ein Kommando alle Fische und Muscheln in den Innenhof, wo die Richter herumliefen. Dann entrollten wir ein Transparent auf dem stand ‚In Chile ist die Gerechtigkeit verboten‘. Wir wurden alle festgenommen, aber was sollten sie machen? Wir hatten ja niemanden umgebracht. Also kamen wir nach zwei Tagen wieder frei. Und den Gerichtshof, den konnten sie zwei Wochen lang nicht benutzen, weil es so stank.

Auch nach dem Ende der Diktatur bleibt Echeverría eine wache Kritikerin der unvollendeten Redemokratisierung Chiles. So verfolgt sie die Lebensläufe prominenter Parteigänger Allendes, die sich nach der Diktatur als wirtschaftliche Berater, Geschäftsmänner und Politiker auf obszöne Weise bereicherten.

Diese unverschämten Scheißtypen, wie konnten sie, intelligent und gebildet wie sie sind, sich so einer perversen Mission verschreiben? Warum verlief mein Leben so anders? Ich, aus aristokratischen Kreisen, geprägt von einer elitären Bildung, ich machte mich zu einer Anderen, abseits des Wohlstands der für mich in einer glorreichen oligarchischen Zukunft reserviert war. Denn die Utopie einer anderen möglichen Welt, von einer menschlichen Gesellschaft, mit Würde und Solidarität, das ist die meine.

 

STICHWORTGEBER UND VERMITTLER

Aníbal Quijano 2015 auf einem Kongress in Quito // Quelle: Cancillería del Ecuador (CC BY-SA 2.0)

Als „Erkenntnisperspektive“ bezeichnete der peruanische Soziologe Aníbal Quijano den Eurozentrismus. Er sei nicht nur eine bestimmte Weltsicht, sondern beziehe sich auf das Denken schlechthin. Der Wissenschaftler starb 90-jährig am 31. März 2018 in Lima.
Das eurozentristische Denken wurde im Kontext des Kolonialismus geprägt, aber es wirkt bis heute fort. Mit diesem Fortwirken hat sich Quijano zeit seines Lebens beschäftigt und dafür einen der einflussreichsten Begriffe der gegenwärtigen sozialwissenschaftlichen Diskurse geprägt: den der „Kolonialität der Macht“.
Quijano ist aber nicht nur der wichtigste Stichwortgeber für Debatten, die unter der Sammelbezeichnung „dekolonialistische Theorie“ seit vielen Jahren eine ebenso akademische wie aktivistische Hochkonjunktur erleben – und in denen die Kolonialität der Macht in vielen Aspekten untersucht und angegriffen wird. Er ist auch eine Art Vermittler zwischen den dependenztheoretischen Ansätzen der 1960er und 70er Jahre, die die ökonomische Abhängigkeit fokussierten, und der dekolonialistischen Sozial- und Kulturtheorie mit ihrem Blick auf kulturelle Abhängigkeitsverhältnisse. Bevor die Moderne und die Globalisierung zum zentralen Gegenstand seiner Arbeiten wurden, hat sich Quijano den ökonomischen Problemen der ländlichen Entwicklung in Peru, der Urbanisierung und ganz allgemein den Klassenverhältnissen gewidmet.

Für ihn stand nicht weniger als die “Vergesellschaftung der Macht” auf der Agenda

Soziale Klassen sah er dabei nicht bloß als quasi automatische Effekte der Produktionsverhältnisse an. In seiner Theorie sind sie eingelassen in die sich wandelnden Machtverhältnisse, sie gehen ihnen nicht voraus. Die Klassen „sind keine Strukturen oder Kategorien, sondern historische Beziehungen“ und das Ergebnis von Klassifizierungen. Die Einteilung der Menschen – etwa in ethnische Gruppen – entsteht im Kampf um die Kontrolle der Arbeit.

Erst der koloniale Kapitalismus hat Indigene und Weiße geschaffen. Die gewaltsam etablierte Beziehung von Über- und Unterordnung schuf die Rechtfertigung dafür, dass sich Indigene in den Minen zu Tode arbeiteten. Diese kulturell etablierten, also in den Denk- und Lebensweisen eingeprägten Hierarchien, wirken bis in die Gegenwart: Indigensein ist bis heute nur selten gleichbedeutend mit Einfluss, Macht und Reichtum.
Quijano verbindet mit dem Begriff der Klassifizierung auf anspruchsvolle Weise kapitalismus- und rassismuskritische Positionen. Dass auch Geschlechterverhältnisse Effekte solcher Klassifizierungsarbeit sind, kam ihm dabei allerdings nicht in den Sinn – wie etwa die argentinische Philosophin María Lugones zu Recht kritisierte. Die feministische Einsicht, dass Geschlecht sozial konstruiert ist, sollte sich jedenfalls in Quijanos Ansatz integrieren lassen.

Um die Kolonialität zu überwinden, ist es laut Quijano mit einer bürgerlich-demokratischen Revolution ebenso wenig getan wie mit einer staatssozialistischen. Politisch stand für ihn nicht weniger als die „Vergesellschaftung der Macht“ auf der Agenda. Quijano war Ehrendoktor an Universitäten in Peru, Venezuela, Costa Rica und Mexiko sowie Gastprofessor an verschiedenen anderen Hochschulen. Auf Deutsch ist nur ein einziges seiner Bücher erhältlich: Kolonialität der Macht. Eurozentrismus und Lateinamerika erschien 2016.

HOFFNUNG AUF EINE HUMANITÄRE GESELLSCHAFT

Paul Singer war ein Weltbürger auf der Suche nach dem Aufbau einer humanitären Wirtschaft und Gesellschaft. Diese Suche hatte er mit uns Gründer*innen der LN gemeinsam. So hatten wir uns verbündet, und der Austausch stärkte beide Seiten. Paul kannte Urs Müller-Plantenberg – einen der Gründer der LN – seit langem von unseren Besuchen bei ihm im Rahmen von Lateinamerika-Forschungsreisen. Ende der 70er hatte er dann eine Gastprofessur am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Jahre inne, zu der Urs ihn im Auftrag des Institutsrates einlud.

Urs unterstützte und übersetzte Pauls Beiträge im Lateinamerika Jahrbuch, das eine Gruppe von Theoretiker*innen und Praktiker*innen hier in Deutschland herausgab. Da gab es Beiträge von ihm zu der gemeinsamen Debatte über Verstädterung, über Arbeitslosigkeit, darüber, wie wir heute den Sozialismus zu verstehen haben und wie Inklusion durch eine solidarische Wirtschaft vorangetrieben werden könne. Paul bezog die Lateinamerika Nachrichten außerdem von Anfang an und betonte, wie wichtig es für ihn sei, diese Quelle der kritischen Aufarbeitung der Bewegungen in Lateinamerika lesen zu können, weil man in Regierungsjobs nicht immer hinreichend Tuchfühlung mit ihnen halten könne.

Paul wandte sich kritisch grundlegenden Fragen des Jahrhunderts zu, rechnete zu Beginn der 1980er Jahre im 5. Lateinamerika Jahrbuch mit einem Begriff des „real existierenden Sozialismus“ ab, der hierarchisch strukturiert und von oben definiert worden sei: Erst wenn die Produktivkräfte die Produktionsverhältnisse sprengen würden, könne der Sozialismus aufgebaut werden. Hatte Marx das nicht geschrieben?
Dagegen postulierte Singer, hier läge eine Fehlinterpretation von Marx vor. Vielmehr müsse der Sozialismus für jede einzelne Person attraktiver sein im Vergleich zu ihrer bestehenden Situation, sonst werde man sich ihm nicht zuwenden. Weiterhin könne die Kluft zwischen „vermeintlichen Avantgarden“ und „Arbeiter*innen“ nur geschlossen werden, wenn die Trennung zwischen manueller und intellektueller Arbeit aufgehoben werde. Nur so könne „die Schlagseite“ überwunden werden, die im Wirtschaftsleben herrsche, in dem zu viel Hierarchie eine demokratische Selbstverwaltung behindere.

Für ihn war eine wirklich sozialistische Bewegung immer eine, die die Bedürfnisse und Interessen der Arbeiter*innen aufnimmt. Somit seien Freiheit und Gleichheit nicht nur Ziele, sondern auch Mittel, damit der Sozialismus wirklich Sozialismus sei, das heißt, die bestmögliche Antwort auf die Forderungen der Arbeiter*innen.

Er gehörte 1980 zum Kreis derer, die die brasilianische Arbeiterpartei (PT) gründeten. Mit seiner kritischen und radikalen Analyse legte er bereits die Grundlage dafür, dass nach dem Zerfall der Sowjetunion 1989 in seiner Partei (PT) eine Neuinterpretation der Ziele eingeleitet wurde. 1993 trafen sich dazu Vertreter*innen der Landlosenbewegung (MST), der Caritas und Intellektuelle, darunter auch Paul Singer. Sie wollten hierarchische Strukturen abbauen, stalinistische Definitionen der zu erreichenden Ziele kritisieren und abschaffen. Eine breite Debatte der Bewegungen und Intellektuellen begann, die in diesem Sinne Demokratisierung und die Inklusion derer, die aus der Wirtschaft herausgefallen waren, auf die Tagesordnung setzten. Der Respekt vor den Rechten der Minderheiten und ein am Gemeinwohl orientiertes Wirtschaften wurden als Bedingungen einer humanitären Wirtschaft und Gesellschaft gesehen.

Nur eine Gesellschaft, die Kooperation der bedingungslosen Konkurrenz vorzieht, sei in der Lage, die Natur als Subjekt in jede gemeinsame Entscheidung über Eingriffe in die Natur einzubeziehen. Nur so könne auch die Solidarität zwischen Generationen gewährleistet und die kulturelle und natürliche Vielfalt gewahrt werden. Hier wurde die Solidarische Ökonomie bereits zum Thema der Arbeiterpartei und der ihr nahestehenden Bewegungen.

Hiermit verbunden gestaltete sich Paul Singers Auffassung von der Macht. Dies hängt möglicherweise damit zusammen, dass er viele ganz unterschiedliche Berufe mit verschieden großen Einflussbereichen innehatte. Als junger Elektriker war er in der Metallarbeitergewerkschaft organisiert und 1953 einer der Anführer des Metallarbeiterstreiks von über 300.000 Arbeiter*innen, der São Paulo über einen Monat lahm legte. Aus ihm wurde der Ökonom (Studium 1956-59) und Soziologe (Promotion 1966, Studium der Demographie), der an verschiedenen Universitäten des In-und Auslands lehrte. 1968 belegte die Militärjunta (1964-1985) ihn mit einem Berufsverbot, woraufhin er mit anderen Diktaturgegner*innen das Forschungsinstitut Centro Brasileiro de Análise e Planejamento (CEBRAP) gründete. Ab 1979 wurde er wieder Professor, diesmal an der Katholischen Universität. 1989 wurde er Planungssenator der Millionen-Metropole São Paulo unter der Bürgermeisterin Luiza Erundina und 2003 schließlich dann zum Staatssekretär für Solidarische Ökonomie im Ministerium für Arbeit und Beschäftigung (2003-2016) ernannt. Auf dem Weltsozialforum 2002 hatte die soziale Bewegung entschieden, Paul Singer als Staatssekretär für Solidarische Ökonomie der Regierung zu benennen, sollte Lula siegreich aus der Wahl 2002 hervorgehen. Der setzte den Vorschlag in die Tat um.

Sein Leben lehrte ihn, was es bedeutet, mit Macht bescheiden und solidarisch umzugehen. Er sprach immer davon, dass Herausforderungen es verlangten, gemeinsam erörtert zu werden, und dass Reziprozität einen Lernprozess beider Seiten einschließen könne. Das Brasilianische Forum für Solidarische Ökonomie und das Staatssekretariat seien Zwillinge. Die Regierung sei dazu da, das umzusetzen, was von unten, also von den solidarischen Wirtschaftsunternehmen, Netzen und ihren Unterstützer*innen geplant worden sei. Dazu nahm er Verhandlungen mit 23 Ministerien auf, mit denen zum Teil wesentliche Programme der Solidarischen Ökonomie zugunsten der Ärmsten entstanden. Auf Basis der sehr gründlichen Analyse der Probleme und Überarbeitung der Konzepte wurde Brasilien so mit einer intensiven Theorie-Praxis Arbeit zum ersten Staat der Welt mit einem Programm der Solidarischen Ökonomie für das ganze Land. Mit ca. 30.000 solidarischen Wirtschaftsunternehmen, die rund drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts erstellten, wurde von unten nach oben geplant.

Vielleicht waren diese so unterschiedlichen Lebenserfahrungen auch eine wichtige Vorbedingung dafür, eine dezidierte Position über die Frage der Macht in unserer Epoche zu beziehen. Die gesellschaftlichen Hierarchien müssten abgebaut werden, so schrieb er. Dabei gehe es nicht nur um die Forderungen des Proletariats, sondern auch um die der Frauen, Jugendlichen, ethnischen Minderheiten, Homosexuellen etc., die gegen ihre Unterdrückung kämpften. Anstatt die politische Macht zu „erobern“, gehe es also darum, sie so zu teilen, dass die endgültigen Entscheidungen direkt oder indirekt von der arbeitenden Klasse getroffen würden.

Hiermit war er sich mit seinem Freund, Paulo Freire, einig, dem Vordenker der befreienden Pädagogik. Reziprozität in jeder Begegnung, in der Bildung und beim Aufbau der Solidarischen Ökonomie wurde zum Leitfaden der Inkubatoren – Gründungsberatungsteams – an über 100 Universitäten. Dort wurden fortgeschrittene Studenten von Gründer*innengruppen Solidarischer Wirtschaftsunternehmen aufgesucht, die sie dann begleiteten. Dies erforderte starke Lernprozesse auf beiden Seiten, gerade auch im multikulturellen Brasilien. Singers Nationales Sekretariat setzte sich für die Abschaffung der extremen Armut in den Städten ein. Doch Paul und sein Sekretariat waren ebenfalls bei der Arbeit mit Gemeinschaften der Minderheiten des Landes aktiv. Die hohe kulturelle Vielfalt bereicherte und erweiterte die Arbeit.

Als 2013 Nachfahren der geflohenen Sklav*innen (Quilombolas), Indigene und Caiçaras (Fischer) an der Ostküste – unterstützt von den Bürgermeistern der drei Küstenstädte Ubatuba, Angra dos Reis und Paraty – die Genossenschaft „Cooperativa do Azul Marinho“ gründeten, meinte Paul, die traditionellen Gemeinschaften mit ihrem Naturbezug und ihrem Gemeinschaftssinn seien Lehrmeister*innen, deren Unterstützung eine langfristige strategische Bedeutung habe.

Die permanente Auseinandersetzung mit den Lebensfragen von Minderheiten und Armen und die mutige Praxis der Bewegung Brasiliens waren dann auch Voraussetzungen dafür, dass er grundlegende Einsichten auf den internationalen Kongressen des Forums Solidarische Ökonomie 2006 und 2015 in Berlin weitergeben konnte.

Melanie Berezovsky, seine aktive und lebhafte Frau, war Paul eine Partnerin, die sich mit seinen Thesen kritisch auseinandersetzte. Sie starb 2012. Er war Vater von drei Kindern, einem Politikwissenschaftler, einer Soziologin und einer Journalistin. Der gebürtige Österreicher, der mit acht Jahren vor den Nazis floh, bleibt uns ein Verbündeter, einer, der auf dem Weg zu einer humanitären Gesellschaft ermutigt, gerade heute.

 

VON UND MIT AMAZONIEN LERNEN

„Zu welchem Ende betreiben wir Kapitalismuskritik?“, fragte Elmar Altvater in seiner Abschlussvorlesung am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. „Wir betreiben sie in praktischer Absicht, weil wir die Welt verändern müssen, wenn wir wollen, dass sie bleibt. Die Geschichte ist nicht am Ende. Es gibt Alternativen.“ Das ist jetzt über 14 Jahre her. Und man kann es wie das Motto eines ganzen Lebens lesen.

Mit Elmar Altvater ist einer der großen kritischen Marxist*innen Europas gestorben. Sein Werk wurde in vielen Nachrufen gewürdigt, wenig beachtet blieb aber die Rolle, die Brasilien in seinem Werk und die er für Brasilien spielte. Insbesondere die Amazonasregion war für die Entwicklung seines globalisierungskritischen Ansatzes von großer Bedeutung.

Altvater hat viele Monate seines Lebens in Brasilien verbracht, zunächst als Gastprofessor in Belém, dann durch zahlreiche Einladungen zu Vorträgen und Symposien. Er sprach gut Portugiesisch. Gerne wird von denen, die während seines ersten Brasilienaufenthalts mit ihm zusammentrafen, folgende Anekdote kolportiert: Nachdem er am Vorabend seines ersten Vortrags darauf hingewiesen wurde, dass er seine Rede doch besser auf Portugiesisch halten solle, wurde er kurz bleich, verabschiedete sich höflich in den frühen Abend – und hielt am nächsten Tag seinen Vortrag in durchaus verständlichem Portugiesisch.

Wie so oft widmete er sich dabei Amazonien. Dabei stellte er die Kategorie der „Inwertsetzung“ in den Mittelpunkt seiner Analyse. Er verließ damit die traditionelle Perspektive auf „Entwicklung“, um dergestalt einen kritischen Blick auf das Verhältnis von Weltmarkt und einer peripheren Region zu werfen. Wichtig ist, dass sich Altvater nicht auf den abstrakten Sachzwang Weltmarkt – so der Titel seines Buches mit der Fallstudie zu Amazonien – beschränkte, sondern die konkreten Auswirkungen auf die Region Grande Carajás in den Blick nahm. Dort wurde 1967 das weltgrößte Eisenerzvorkommen entdeckt, dessen generalstabsmäßige Ausbeutung ab den 1980ern in die Wege geleitet wurde – mit allen sozialen und ökologischen Konsequenzen. Altvaters Verbindung von territorialer Analyse mit den Mechanismen des Weltmarkts macht das Buch noch heute lesenswert, vor allem in Zeiten, in denen sich die Debatte um Amazonien oftmals auf das Problem Entwaldung reduziert.

Altvater stellte die Frage nach den „gesellschaftlichen Naturverhältnissen“ neu: Die stoffliche Basis und das Energiemodell des Kapita­lismus waren für sein Werk zentral. Er sah damit die Grenzen des Kapitalismus nicht nur in der krisenhaften Kapitalakkumulation, sondern in dessen Verhältnis zur Natur. Aber als Marxist ging er viel weiter, als nur die Naturzerstörung zu beklagen, vielmehr insistierte er auf der Analyse der ökonomischen Logik, die dieser Zerstörung zugrunde liegt. Und er hörte auch nie damit auf, den Kapitalismus zu kritisieren und diesen als Ursache für die Zerstörung der natürlichen Grundlagen zu benennen – und nicht etwa verkürzt nur den Fleischkonsum oder die Rinderzucht.

Ebenso kritisierte er die extraktivistische Illusion, die Inwertsetzung durch Ausbeutung und Export von Rohstoffen betreibt. Dies produziere nur eine periphere Integration in den Weltmarkt und erzeuge Elend und Ausgrenzung. In den aktuellen Debatten in Lateinamerika bleiben Altvaters Analysen hochaktuell und in ihrem integrierten Blick auf ökonomische, soziale und territoriale Entwicklungen beispielhaft. Elmar Altvater ist am 1. Mai 79-jährig in Berlin verstorben. Ein großer Verlust, auch und nicht zuletzt für Amazonien.

 

LANGJÄHRIGES ENGAGEMENT FÜR CHILE

Es war eine traurige Nachricht, die die Redaktion der Lateinamerika Nachrichten Anfang März erreichte. Elfriede Irrall, die bei den LN und bei deren Schwesterorganisation, dem FDCL, den meisten noch unter dem Namen Elfriede Kohut bekannt war, war am 26. Februar dieses Jahres im Alter von 80 Jahren in Wien verstorben.

Der Öffentlichkeit war sie vor allem als Schauspielerin bekannt. Sie trat auf vielen Bühnen auf, vor allem in Wien im Theater in der Josefstadt und im Wiener Volkstheater und in Berlin im Renaissance-Theater, in der Freien Volksbühne und in der Schaubühne in Berlin unter der Leitung Peter Steins. Dazu kamen zahlreiche Auftritte in Rundfunk, Film und Fernsehen.

Elfriede gehörte aber auch zur allerersten Generation der in der Chile-Solidarität Aktiven. Noch vor dem Putsch trafen sich diejenigen, die in Chile gewesen waren und die Volkseinheit (Unidad Popular) von hier aus unterstützen wollten, in Hessen, und organisierten diese Unterstützung – die kurz danach wegen des Putsches ganz andere Aufgaben bekam. Elfriede übernahm die Aufgabe, das „Chile-Solidaritätskonto“ zu führen. Das hat sie lange Jahre mit viel Engagement getan. Auf diese Weise war es möglich, den chilenischen Widerstand gegen die Pinochet-Diktatur über Mittelsmänner und –frauen mit wesentlichen finanziellen Mitteln zu unterstützen.

Elfriede gehörte auch zu der ersten Lateinamerika-Nachrichten-Redaktion, die sich zuerst seit Mai 1973 noch vor dem Putsch gegen die Unidad Popular 14-tägig in Berlin traf, damals noch unter dem Namen Chile Nachrichten.

Menschen wie Elfriede gehören, wie Bertolt Brecht einst schrieb, zu den Unentbehrlichen. Auch im Namen derjenigen, denen ihre solidarische Arbeit in Chile geholfen hat, denken wir mit Respekt und Zuneigung an sie.