NEUE ARCHITEKTUR DER POLITISCHEN INTERVENTION

Hondurasgate bezeichnet eine Reihe von angeblichen Audioaufnahmen, die von anonymen honduranischen Journalist*innen in Zusammenarbeit mit Canal Red veröffentlicht wurden. Der Besitzer des Mediums ist Pablo Iglesias Turrión, ehemaliger Politiker der linken spanischen Partei Podemos. Die 37 Audioaufnahmen und darauf basierende Berichte wurden Anfang Mai auf der Website hondurasgate.ch veröffentlicht und enthalten angeblich Gespräche aus den ersten Monaten des Jahres. Der Name ist ein Wortspiel, das auf Watergate anspielt, den berühmten Politikskandal, der Washington in den 1970er Jahren erschütterte und die Präsidentschaft von Richard Nixon beendete.

Auf den Aufnahmen ist eine Stimme zu hören, bei der es sich offenbar um Juan Orlando Hernández (JOH) handelt. Dieser erklärt, dass der Sieg des Präsidenten Nasry Asfura von der Nationalen Partei dazu diene, seine eigene Rückkehr an die Macht zu ermöglichen. JOH, der derselben Partei angehört, regierte Honduras von 2014 bis 2022 und wurde von einem US-Gericht wegen Drogenhandels zu 45 Jahren Haft verurteilt. Seit Juni 2024 befand er sich in den USA in Haft, bis er kürzlich von Präsident Donald Trump begnadigt wurde. Asfura seinerseits gewann mit Hilfe der expliziten Einmischung Washingtons überraschenden die Präsidentschaftswahlen im Oktober 2025. Trump hatte nicht nur seine Unterstützung für den Kandidaten der Nationalen Partei bekundet, sondern auch damit gedroht, die Wirtschaftshilfe für Honduras einzustellen, sollte dieser nicht an die Macht kommen (siehe LN 619).

Achse rechter internationaler Akteure


Den Aufnahmen zufolge sollen Akteure aus dem israelischen politischen Umfeld, darunter auch Benjamin Netanjahu, an Bemühungen im Zusammenhang mit der Begnadigung von JOH beteiligt gewesen sein. Anscheinend geschah dies im Gegenzug für die Umsetzung der militärischen und wirtschaftlichen Pläne der USA und Israels in der Region. Die Audioaufnahmen deuten darauf hin, dass dazu die Errichtung von US-Militärbasen und deren Ausbau, die Ausweitung der Zonen für Beschäftigung und wirtschaftliche Entwicklung (ZEDE) sowie die vorgezogene Vergabe von Verträgen an US-Unternehmen gehören. Die ZEDE, eine Art „Privatstädte“, stoßen bei der honduranischen Bevölkerung auf Ablehnung, da es sich um Orte handelt, die rechtliche und steuerliche Souveränität an ausländische Investor*innen abtreten (siehe LN 559). Zudem würden die Audios die Strategie der honduranischen Rechten zur Ausschaltung politischer Gegner*innen aufdecken. Als Strategien werden Lawfare – also die Einflussnahme auf ausländische Politik über institutionelle Wege – und Gewalt genannt.

Den Audioaufnahmen zufolge ist das deutlichste Beispiel die Bedrohung, die Marlon Ochoa erlebte, der bis vor Kurzem Berater des Nationalen Wahlrats (CNE) und Mitglied der progressiven Partei LIBRE war. Ochoa hatte während der letzten Präsidentschaftswahlen Wahlbetrug angeprangert und verließ Honduras im April aus Angst um sein Leben. „Wenn man Menschen töten muss, damit wir unsere Ruhe haben,“ hört man in einer Audioaufnahme jemanden sagen, der offenbar JOH ist, „dann wird das getan“. „Erst Gefängnis oder Tod. Ich sage es ganz klar: Gefängnis oder Tod“, so mutmaßlich die CNE-Beraterin Cossette López-Osorio in Bezug auf Ochoa.

Über Honduras hinaus würden die Audionachrichten den Aufbau einer in den USA ansässigen Desinformationszelle aufdecken, die darauf abzielen soll, progressive Regierungen und Parteien in Lateinamerika anzugreifen. Den Audioaufnahmen zufolge stamme die Finanzierung für das Projekt aus honduranischen öffentlichen Mitteln, Beiträgen der israelischen Regierung sowie vom argentinischen Präsidenten Javier Milei. Das Portal hondurasgate.ch veröffentlichte den forensischen Bericht zur Audioüberprüfung, die es mit Phonexia Voice Inspector, einer in der Tschechischen Republik entwickelten Analysesoftware, durchgeführt hatte. Darin wurde mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 80 Prozent festgestellt, dass die Aufnahmen nicht mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt worden sind. Die Überprüfung konnte jedoch nicht nachweisen, dass es sich bei den Sprechenden tatsächlich um die Personen handelt, denen honduras­gate.ch die Stimmen zuschreibt.


Das honduranische Medium ContraCorriente (CC) veröffentlichte wenige Wochen nachdem hondurasgate.ch online ging einen Bericht, in dem es fragwürdige Aspekte der Publikation aufdeckte. Unter anderem, dass der YouTube-Kanal, der heute „Hondurasgate“ heißt, zuvor unter dem Namen „Noti Bloom“ betrieben wurde. Im November 2025, kurz vor den Präsidentschaftswahlen in Honduras, veröffentlichte der Kanal unbestätigte Audioaufnahmen mit angeblichen Gesprächen zwischen honduranischen Politikern. Bevor der Kanal „Noti Bloom“ hieß, trug er den Namen „Elon Musk Noticias“ und veröffentlichte unterschiedliche nicht journalistische Videos, um hohe Zuschauer*innenzahlen zu erzielen. Darüber hinaus kontaktierte CC das Unternehmen Phonexia, das erklärte, dass sein Analysetool nicht verwendet worden sei.

Phonexia forderte die Entfernung seines Logos vom Portal honduragate. Letzteres reagierte darauf, indem es die Verweise entfernte und klarstellte, dass die Audio-Verifizierungssoftware nicht in formeller Zusammenarbeit mit Phonexia, sondern mit standard­mäßigem, kommerziellem Zugang zum Tool genutzt worden sei. Vor Kurzem beauftragte das US-amerikanische Medium Drop Site News jedoch Ear Shot mit einer unabhängigen Analyse. Die NGO, die „akustische Untersuchungen für Gemeinschaften durchführt, die von unternehmerischer, staatlicher und Umweltungerechtigkeiten betroffen sind“, untersuchte zwei Aufnahmen von Hernández und eine von Asfura. Dabei wurde festgestellt, dass es sich um die authentischen Stimmen beider Personen handelt und dass diese wahrscheinlich nicht durch künstliche Intelligenz erzeugt wurden. Angesichts der schlechten Qualität der Audioaufnahmen gibt die NGO jedoch selbst an, dass ihre Schlussfolgerungen nur mit mäßiger Sicherheit zu bewerten sind.


Honduras als Schauplatz der überregionalen Aufstandsbekämpfung

Sollten sich die Audios als wahr erweisen, fügen sie sich in die aktuelle Logik des geopolitischen Wettbewerbs zwischen den Großmächten ein, die um die Kontrolle über verschiedene Regionen, deren Arbeitskräfte und Rohstoffe ringen. Sie stehen aber auch im Zusammenhang mit der Geschichte Honduras’ als historischer Stützpunkt für die US-amerikanische Aufstandsbekämpfung in Mittelamerika.
Im Jahr 1980 errichtete die Regierung Ronald Reagans den Militärstützpunkt Soto Cano in Comayagua, Honduras. Es waren wichtige Jahre für die revolutionären Bewegungen in Mittelamerika: 1979 hatte die sandinistische Revolution in Nicaragua gesiegt. Zudem befand sich die revolutionäre Bewegung in Guatemala kurz vor der Operation Scorched Earth – einer militärischen Strategie, die in einem Völkermord mündete –, die salvadorianische Guerilla hatte Anfang 1981 ihre erste Offensive gegen die Regierung gestartet. Soto Cano war ein wichtiger Operationsstützpunkt der Contras, die nicaraguanischen paramilitärischen Kräfte, die von der CIA ausgebildet und finanziert wurden, um das sandinistische Nicaragua zu stürzen. Ende der 1970er Jahre verhängten die USA aufgrund der gut dokumentierten Menschenrechtsverletzungen und dank internationalen Drucks Embargos gegen die Militär­diktaturen in Mittelamerika. Daraufhin wurde Israel zu einem wichtigen Geldgeber, Berater und Waffenlieferanten für die guatemaltekische und salvadorianische Armee sowie für die Operationen der nicaraguanischen Contras.


Evangelikale Kirchen gegen
Befreiungstheologie

Damit trifft Hondurasgate zwei weitere wunde Punkte: die politisch-militärischen Beziehungen der Region zu Israel und die Geschichte der evangelikalen Kirchen als Instrument der Kulturpolitik. In den 1970er und 1980er Jahren förderten US-Geheimdienste und zentralameri­kanische Diktaturen das Wachstum neo-pente­kostaler evangelikaler Kirchen. Aufgrund ihres ultra­konservativen Charakters und ihrer Ausrichtung auf die individuelle Erlösung dienten sie als Taktik zur Aufstandsbekämpfung, die dem wachsenden Einfluss der Befreiungstheologie entgegenwirkten. Die in den 1960er Jahren entstandene katholische Bewegung setzte sich für soziale Gerechtigkeit ein und stand daher den revolutionären Organisationen nahe. In diesem Zusammenhang entstand eine politische Verbindung zwischen den evangelikalen Neo-Pfingstkirchen und dem Staat Israel, bekannt als christlicher Zionismus. Dieser vertritt die Auffassung, dass es eine religiöse Pflicht sei, den Staat Israel zu unterstützen. Heute verzeichnen die Pfingstkirchen in Mittelamerika ein kontinuierliches Wachstum. In einer der Audioaufnahmen ist zu hören, wie JOH offenbar Tomás Zambrano – den derzeitigen Präsidenten des Kongresses – anweist, die evangelikalen Kirchen zu nutzen, um dafür zu sorgen, dass „die Menschen die Vergangenheit vergessen“.

Reactionary International, ein Forschungskonsortium, das sich mit der neuen Rechten befasst, sieht die angebliche israelische Beteiligung am Hondurasgate als kleinen Teil der nationalen Strategie für Öffentlichkeitsarbeit. Nach dem durch den Völkermord an den Palästinenser*innen verursachten Imageverlust soll so geopolitischer Einfluss gewonnen werden. Dies spiegelt sich im diesjährigen Budget für die Hasbara – Israels öffentliche Diplomatie – wider. Dieses ist fünfmal so hoch wie das Budget des Vorjahres und umfasst laut dem Onlinemagazin Responsible Statecraft eine millionenschwere Kampagne, um US-amerikanische evangelikale Pastoren für pro-israelische Propaganda zu bezahlen.
Auch wenn die jüngste Analyse von Ear Shot die Echtheit der untersuchten Audioaufnahmen zu bestätigen scheint, bleiben Zweifel hinsichtlich der Nutzung von YouTube-Kanälen bestehen, die weit weg vom seriösen investigativen Journalismus sind, den Canal Red verspricht.

Andererseits ist der Inhalt der Audioaufnahmen zwar empörend, aber nicht überraschend: Sie erinnern daran, dass Einmischungsoperationen weder der Vergangenheit angehören noch ausschließlich militärischer Natur sind. Die Aufnahmen scheinen einen Einblick in die Funktionsweise reaktionärer Netzwerke, ihrer politischen Akteure, ihrer Reichweite, Finanzierung und ihres Umgangs mit Informationen zu bieten. Diesmal mit einem zentralamerikanischen Land als Schlüsselakteur in der Region.


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Durchgesickerte Audioaufnahmen werfen neues Licht auf Trumps Interventionismus

Das spanische Medium Diario Red veröffentlichte exklusive Audioaufnahmen, in denen der derzeitige Präsident von Honduras, Nasry Asfura, der ehemalige Präsident Juan Orlando Hernández – dem Verbindungen zum Drogenhandel vorgeworfen werden und der im Jahr 2025 von Donald Trump begnadigt wurde – sowie weitere honduranische Regierungsvertreter zu hören sind. Die Aufnahmen legen die Existenz einer Kooperations­plattform zwischen Javier Milei, Donald Trump und anderen Persönlichkeiten der Region offen, deren Ziel darin bestehen soll, progressive Regierungen in Lateinamerika, darunter jene Mexikos und Kolumbiens, medial anzugreifen.

Die Audioaufnahmen offenbaren zudem den Einfluss Israels auf die Begnadigung des ehemaligen Präsidenten Hernández, der lediglich vier der insgesamt 45 Jahre Haft verbüßt hatte, zu denen er verurteilt worden war. Dies eröffnet neue Perspektiven auf mögliche Formen politischer Einflussnahme der Vereinigten Staaten in Lateinamerika. Zugleich verfügt die Öffentlichkeit nun über mehr Instrumente, um diese Formen des politischen Vorgehens genauer zu beobachten und nachzuvollziehen.


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