Linker Lichtblick in Lateinamerika

Kandidat des Pacto Histórico Iván Cepeda beim kolumbianischen Treffen in Madrid am 7. Januar 2026 ( Foto: Diana Sepúlveda)

Kolumbien hob sich in letzter Zeit immer wieder von der voranschreitenden Faschisierung der Gesellschaft (nicht nur) in Lateinamerika ab und stellte sich wiederholt der Einflussnahme von US-Präsident Trump auf die Region entgegen. Anfang des Jahres, nach dem völkerrechtswidrigen Überfall auf Venezuela und der Entführung des venezolanischen Präsidenten und seiner Frau durch US-Streitkräfte, verurteilte Kolumbiens Präsident Petro dies scharf. Obwohl den anfänglichen Spannungen zwischen den USA und Kolumbien versöhnlichere Töne folgten, ist Gustavo Petro einer der wenigen Staatsoberhäupter, die Trump diskursiv Einhalt gebieten und ihm widersprechen.

Ein Lichtblick in der aktuellen politischen Landschaft. Auch deshalb sind die Hoffnungen auf den Wahlsieg des linken Präsidentschaftskandidaten Iván Cepeda groß, um die progressive Politik der letzten Jahre fortzuführen. Am 8. März fanden in Kolumbien Parlamentswahlen sowie Vorwahlen zur Präsidentschaftswahl statt. Über 20 Millionen Kolumbianer*innen nahmen daran teil, mehr als bei den Parlamentswahlen 2022. Die eindeutige Gewinnerin ist das linke Regierungsbündnis Pacto Histórico. Damit stellt eine linke Partei erstmals in der Geschichte des Landes die stärkste Fraktion im Parlament. Allerdings verfügt keine der Parteien über die Mehrheit im Senat, die für die Regierungsfähigkeit notwendig ist. Daher werden auch in dieser Legislaturperiode wieder Allianzen und Koalitionen mit den traditionellen Parteien notwendig sein.

In den Umfragen zur Präsidentschaftswahl am 31.Mai liegt der linke Kandidat Iván Cepeda klar vorne. Der nationale Wahlrat, die oberste Wahlbehörde Kolumbiens, hatte Cepeda kurzfristig aus den Mitte-links Vorwahlen ausgeschlossen. Dies führte zu heftiger Kritik linker Organisationen, die daraufhin als Zeichen der Unterstützung einzelner Kandidat*innen die Vorwahl boykottierten. Lediglich 595.000 Personen nahmen daraufhin an diesen Vorwahlen teil, aus denen Roy Barreras mit 257.000 Wahlstimmen als Sieger hervorging. Cepeda geht nun direkt als Kandidat in den ersten Wahlgang, muss dort aber auch gegen Barreras antreten. Die Folge ist eine Schwächung des linken Lagers im ersten Wahlgang.

Linker Kandidat Cepeda führt in den Umfragen

Aber auch die Rechte erlangte am 8. März wichtige Wahlsiege. Die Partei Centro Democrático ist nach dem Pacto Histórico die zweitstärkste Kraft im Parlament. Zeitgleich fanden auch die Vorwahlen der Rechten statt. Daran nahmen viele gemäßigte bis extrem rechte Kandidat*innen teil, darunter Paloma Valencia vom Centro Democrático, die politische Favoritin von Ex-Präsident Álvaro Uribe, die über drei Millionen Stimmen bekam. Sie geht als Frontfrau der Rechten in die erste Wahlrunde.

Ihr folgte in den Vorwahlen auf Platz zwei der Mitte-rechts Kandidat Juan Daniel Oviedo. Oviedo punktete mit seinen vermeintlich gemäßigten Positionen aus der „Mitte der Gesellschaft“. In Fernsehdebatten zwischen den verschiedenen Präkandidat*innen vertrat er gemäßigtere Positionen als seine Kontrahent*innen. So beschrieb er etwa als Einziger Israels Vorgehen in Gaza als Genozid und erkannte „gewisse Errungenschaften der Petro-Regierung“ an. Dennoch wurde er vielfach für seine Teilnahme an der Vorwahl der Rechten kritisiert, behauptet er doch von sich selbst, ein Teil der Mitte zu sein. Oviedo erlebte in der letzten Woche vor den Wahlen einen großen Aufschwung, nachdem er von Abelardo de la Espriella, Kandidat der extremen Rechten, öffentlich homophob beleidigt wurde. Nun tritt Oviedo als Vizepräsidentschaftskandidat von Valencia an. Das Duo inszeniert sich als progressive Rechte und Vertretung der politischen Mitte. „Ein Witz“, nannte das Kandidat Cepeda in einem Interview mit dem Journalisten Daniel Coronell: „Dass Paloma Valencia von einem Tag auf den anderen Teil der Mitte geworden sein soll, ist ein politischer Betrug. Sie steht für Álvaro Uribe“.

Im Interview mit der Journalistin Maria Jimena Duzán sagte Juan Daniel Oviedo, er wolle „die Unterschiede in eine Strategie umwandeln“. Und die Unterschiede stechen ins Auge: Oviedo ist schwul, Valencia greift seit Jahren die vermeintliche „Genderideologie“ an. Auch in Bezug auf andere Themen, wie die Umsetzung des Friedensabkommens von 2016, Reformen der Sonderjustiz für den Frieden, die Legalisierung von Marihuana, gleichgeschlechtliche Ehe und Adoption, sind sie gespalten. Dabei stilisiert sich Oviedo progressiver, als er tatsächlich ist. Seit Jahren arbeitet er mit verschiedenen rechten Regierungen des Landes zusammen. Auch ist fraglich, inwiefern er seine Ansichten im Fall einer Regierungsbildung überhaupt durchsetzen könnte.

Deutlich wird, dass die Rechte eine zweigleisige Strategie fährt: Auf der einen Seite versucht sie den rhetorischen und bisher erfolgreichen Spagat, die rechte Paloma Valencia als gemäßigte Kandidatin zu inszenieren, um so die Stimmen des weniger konservativen Teils des Mitte-rechts Lagers für sich zu gewinnen. Zumindest einige rechte Gruppen wird sie dadurch aber nicht erreichen: Kolumbien ist weiterhin ein sehr religiös-konservatives und machistisches Land, und es ist fraglich, ob die rechte Wähler*innenschaft eine Frau als Präsidentin und einen schwulen Mann als Vizepräsidenten wählen würde. Für diesen Fall steht auf der anderen Seite der Anwalt Abelardo de la Espriella bereit. Dieser äußerte 2025 in einem Radiointerview, er würde im Fall seines Wahlsiegs „die Linke ausweiden“. In den letzten Monaten stand der offen rechtsextreme Kandidat in Umfragen stabil an zweiter Stelle hinter Cepeda. Nach Valencias vorübergehendem Aufschwung in den letzten Wochen kämpfen de la Espriella und Valencia nun um Platz zwei in den Umfragen. Dies wird die Rechte voraussichtlich im ersten Wahlgang spalten. Dennoch: Iván Cepeda muss nun gegen zwei starke (extrem) rechte Kandidat*innen antreten. „Wir werden im ersten Wahlgang siegen!“ ist deshalb der viel beschworene Wahlkampfaufruf von Cepeda – wenig realistisch, doch notwendig, denn im zweiten Wahlgang wird das rechte Lager geschlossen hinter einer Kandidatur stehen. Dies würde dann einen linken Wahlsieg erheblich erschweren.

Rechtes Lager gespalten, aber weiterhin stark

Dennoch steht fest: Die Rechte im Land ist besorgt. Der kontinuierliche Aufstieg der Linken seit der Wahl von Gustavo Petro im Jahr 2022 zeugt von einem gesellschaftlichen Wandel. Diese Sorgen der Rechten erkennt man an den Schmierkampagnen gegen Cepeda. Er wird von Valencia und dem Centro Democrático als Guerillero dargestellt, als „Architekt des gescheiterten totalen Friedens“, als Kommunist – eine Bezeichnung, die historisch in Kolumbien einem Todesurteil gleichkommt. Tatsächlich kommt Cepeda aus einer kommunistischen Tradition. Seine Mutter Yira Castro gehörte der kommunistischen Partei an, und sein Vater Manuel Cepeda war Senator der linken Partei Unión Patriótica und wurde 1994 im Rahmen der Ausrottung der Partei von Seiten des Paramilitarismus ermordet. Seitdem kämpft Iván Cepeda für Frieden, Gerechtigkeit und für die Opfer des Konflikts. Er ist Mitgründer des MOVICE, der Bewegung für Opfer von Staatsverbrechen. In seiner langjährigen Laufbahn als Senator hat er stets Menschenrechtsverbrechen und den Paramilitarismus angeprangert – sowie die Verstrickungen Álvaro Uribes mit Paramilitärs. Cepeda macht aus seiner linken Gesinnung keinen Hehl, spart aber auch nicht an Kritik an den Verbrechen der ehemaligen FARC-Guerilla.

Im Interview mit dem Journalisten Daniel Coronell sagte er kürzlich, er arbeite seit Jahren „dezidiert für den Frieden“, und das sei „ein Recht und eine Pflicht, aber keine kriminelle Handlung, wie Álvaro Uribe und seine Kandidat*innen es darstellen“. Auch prangerte er die Doppelmoral der Rechten an: „Die extreme Rechte wirft uns vor, das venezolanische, kubanische oder nicaraguanische Modell in Kolumbien einführen zu wollen“. Dabei seien es „die Sprecher*innen der extremen Rechten, die ins Ausland reisen und in Washington oder Miami versuchen, ausländische Einflüsse in unseren Wahlkampf einzubringen. Sie sind es, die eine ausländische Intervention anstreben“, präzisiert Cepeda. Die Vizepräsidentschaftskandidatin von Iván Cepeda ist die indigene Politikerin Aída Quilcué. Quilcué ist Teil des Nasa-Volkes und führt den Vorsitz im Regionalen Indigenenrat des Cauca (CRIC). Sie ist eine der bekanntesten Indigenen Führungspersönlichkeiten des Landes. Ihre Kandidatur steht, so Cepeda, für „das Beste aus Traditionen, Widerstand, sozialem Kampf und dem Aufbau eines gerechten und demokratischen Landes“. Mit ihrer Nominierung setzt Cepeda ein wichtiges Signal und würdigt den jahrhundertelangen Kampf Indigener Bewegungen in Kolumbien. Im Fall eines Wahlsiegs wäre Quilcué die erste Indigene Vizepräsidentin des Landes.

Die Senatorinnen Quilcué und Valencia kommen beide aus der Region Cauca, könnten aber nicht unterschiedlicher sein. Valencia kommt aus einer aristokratischen weißen Familie von Großgrundbesitzern aus Popayán. 2015 äußerte sie den rassistischen Vorschlag, den Bundesstaat Cauca wegen „ethnischer Konflikte“ in zwei zu teilen: ein Indigenes Gebiet und ein Gebiet für die mestizische Bevölkerung. Auch danach äußerte sie sich immer wieder in rassistischer Manier über die Indigenen des Cauca und ihre Kämpfe um den Schutz ihrer Territorien. 2025 schlug sie vor, den Indigenen Reservaten, deren Mitglieder sich an Straßenblockaden beteiligen, die Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln sowie staatliche Transferzahlungen zu entziehen. Auch die Indigenen Völker seien Teil Kolumbiens, konterte Quilcué Mitte März in einer Plenarsitzung des Senats. Valencia solle die Indigenen nicht für den Wahlkampf instrumentalisieren und dürfe nicht „die jahrtausendealte Präsenz unserer Indigenen Völker in Frage stellen. Historisch von der Rechten regiert und mit den USA alliiert, könnte Kolumbien nun auch in den kommenden vier Jahren für eine starke linke Bewegung in Lateinamerika stehen.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

NEUE POLITISCHE LANDSCHAFT IM KONGRESS

Es war ein Erdrutschsieg. Zum ersten Mal in der kolumbianischen Geschichte ist die Linke die meistgewählte Kraft im Kongress. Allein das Linksbündnis Pacto Histórico gewann 48 der 295 Sitze und damit 16 Prozent der Stimmen (letzter Stand 1. April, Anm. der Red.). Der Zusammenschluss wird somit in den nächsten vier Jahren eine ernstzunehmende Rolle spielen.

Als Präsidentschaftskandidatin des linken Bündnisses landete die Umweltaktivistin Francia Márquez (LN 534) mit über 700.000 Stimmen auf dem zweiten Platz. Márquez wird nun als erste Afrokolumbianerin für die Vizepräsidentschaft neben dem meistgewählten Gustavo Petro kandidieren.

Der Erfolg des Bündnisses Pacto Histórico ist zwar eng mit Francia Márquez, doch vor allem mit Gustavo Petro verbunden. Der ehemalige Bürgermeister von Bogotá hatte bereits bei den Präsidentschaftswahlen von 2018 einen Meilenstein erreicht, indem er als erster linker Kandidat in der zweiten Runde gegen den jetzigen Präsidenten Iván Duque antrat. Als Oppositionsführer galt er seitdem als wichtiger Verbündeter jener Teile der kolumbianischen Gesellschaft, die die massiven Proteste von 2019 und 2021 angeführt haben. Nun hat sich Petro der Vereinigung der kolumbianischen Linken verschrieben. Diese neue Linke steht für eine seit langem bestehende Unzufriedenheit mit dem Uribismo und prangert die schlechte Umsetzung des Friedensabkommens an. Petro plant, das Friedensabkommen mit der FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) tatsächlich umzusetzen und die Gespräche mit der ELN-Guerilla (Nationale Befreiungsarmee) wieder aufzunehmen.

Das linke Bündnis strebt außerdem die Abkehr vom extraktivistischen Wirtschaftsmodell an. Stattdessen soll das zukünftige Wirtschaftsmodell auf einer nachhaltigen industriellen und landwirtschaftlichen Produktion beruhen: „Die erste Entscheidung, die ich als Präsident treffen werde, ist die Einstellung der Auftragsvergabe für die Ölgewinnung in Kolumbien. Es ist eine klare Botschaft: Wir bewegen uns auf eine produktive Wirtschaft zu, nicht auf eine extraktivistische“, so Präsidentschaftskandidat Petro im Interview mit El Tiempo. Die Entprivatisierung des Bildungs-, Renten- und Gesundheitssystems sind zentrale Punkte des Wahlprogramms, um die ökonomische Ungleichheit im Land zu bekämpfen.

Die Hoffnung der Mitte, das Bündnis Centro Esperanza, erhielt neun Prozent der Sitze im Kongress. Es handelt sich dabei um ein Bündnis von kleinen sozialdemokratischen Bewegungen. Dessen Zugpferd ist die Mitte-links-orientierte Alianza Verde, die Partei der derzeitigen Bürger-
meisterin von Bogotá, Claudia López. Die Liste für den Kongress führte Humberto de La Calle, Chefunterhändler des FARC-Friedensabkommens. De La Calle genießt unter Akademiker*innen und der progressiven Elite zwar große Sympathien. Die meisten Stimmen für seine Koalition erhielt jedoch ein junger YouTuber namens Jota Pe Hernández, der mit seiner hohen Stimmenzahl sogar die eigene Partei überraschte.

Das Ergebnis der Mitte-Koalition ist auch für die künftige Regierungsbildung relevant. Denn sollte der linke Kandidat Petro die Präsidentschaftswahl am 29. Mai gewinnen, kann sein Bündnis Pacto Histórico trotz des Erfolgs bei den Wahlen keine absolute Mehrheit im Kongress bilden und daher nicht allein regieren. Es gilt also als sehr wahrscheinlich, dass Petros Pacto Histórico zusammen mit Centro Esperanza und anderen Minderheiten ein Mitte-links-Bündnis bilden müsste. Dazu gehört auch die Ex-FARC-Partei Comunes, die, ungeachtet ihrer Wahlergebnisse, bis 2026 zehn Sitze im Kongress erhält. Zusammen würde dieses Bündnis jedoch höchstens ein Drittel des Kongresses ausmachen – nicht ausreichend also, um eine absolute Mehrheit zu erreichen.

Fajardo als Präsidentschaftskandidat der Mitte gilt als wenig 
erfolgversprechend

Auch das Spektrum der politischen Mitte wählte am 13. März einen Präsidentschaftskandidaten: Sergio Fajardo, ehemaliger Bürgermeister von Medellín und Dritter bei den Präsidentschaftswahlen von 2018. Obgleich Fajardo die Wahl zur Kandidatur gewann, kann er sich des Rückhalts seines eigenen politischen Lagers längst nicht sicher sein, da ein Teil der Alianza Verde Petro unterstützt. Fajardo erhielt sechsmal weniger Stimmen als Petro. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die Präsidentschaft zwischen Gustavo Petro und dem Kandidaten der derzeit regierenden politischen Rechten entschieden wird.

Die aktuelle Regierungskoalition musste jedoch bei der Kongresswahl schwere Einbußen hinnehmen. Das Fehlen einer politischen Identität, die katastrophale Arbeit der Regierung Iván Duques und die zunehmende Abneigung gegen ihre Klientelpolitik haben die rechten Parteien Unidad Nacional, Cambio Radical und Centro Democrático stark geschwächt. Tot, wie manch einer vorausgesagt hatte, ist der rechtsextreme Uribismo trotz der erlittenen Verluste aber nicht.

Die Rechte erleidet Verluste, doch ein Königsmacher ist geboren

Zwischen den beiden rechten Parteien Cambio Radical und der Unidad Nacional gibt es so gut wie keine ideologischen Unterschiede. Sie verteidigen den freien Markt, ausländische Investitionen sowie die Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Sie waren die führenden Kräfte während der Regierung von Juan Manuel Santos, als 2016 der Frieden mit der FARC-EP unterzeichnet wurde. Zwei Jahre später koalierten sie jedoch mit der Partei Centro Democrático, die das Friedensabkommen ablehnte. Einer der Gründe für ihre Verluste im Kongress ist, dass einige ihrer bekanntesten Anführer, wie Roy Barreras und Armando Benedetti, die Seiten gewechselt und sich dem Pacto Histórico angeschlossen haben. Hinzu kommt, dass große Namen in diesen Parteien, wie der Char-Clan (Cambio Radical), wegen Korruption und Vetternwirtschaft großen Image-Schaden verursacht haben. Viele der Politiker*innen, die in den vergangenen Jahren wegen Korruption verurteilt wurden, gehörten der Unidad Nacional oder der Cambio Radical an. Gemeinsam fielen beide Parteien nun von 32 auf 18 Prozent der Sitze im Kongress.

Der größte Verlierer indes ist die rechte Partei Centro Democrático, die vom umstrittenen Ex-Präsidenten Álvaro Uribe Vélez (2002-2010) gegründet wurde und auch den derzeitigen Präsidenten stellt. Gewann die Partei 2018 noch 19 Prozent der Sitze im Kongress, sind es heute nur noch 9,5 Prozent.

Hauptverantwortlich für diese Verluste ist Uribe selbst: Der ehemalige Präsident ist aufgrund seiner Verstrickungen mit der Justiz in Verruf geraten, weshalb er 2020 aus dem Senat ausscheiden musste und momentan kein politisches Amt innehat. Doch auch das negative Image der Regierung Duques hat für große Verluste gesorgt (siehe LN 573).

Uribes Partei befürwortet eine militärische Lösung von bewaffneten Konflikten, sieht die nationale Sicherheit als Pflicht aller Bürger*innen an, ermutigt zur Selbstverteidigung und unterstützt umfassenden Landbesitz. Sie betrachtet die linke Opposition als terroristische Gefahr und war Hauptgegner des Friedensabkommens. Die meisten ihrer Wähler*innen sind Menschen, die unter der Gewalt der Guerilla gelitten haben.

Denkfabriken wie PARES hatten im Vorfeld der Wahlen das Ende des Uribismo vorhergesagt. Ganz so scheint es sich jedoch nicht bewahrheitet zu haben: Trotz der Verluste wurde etwa die der Partei angehörige Senatorin María Fernanda Cabal die meistgewählte Frau im Kongress. Cabal ist in mancher Hinsicht extremer als Uribe selbst: Sie strebt den Verkauf von Schusswaffen an die Zivilbevölkerung nach US-amerikanischem Vorbild an und plädiert offen für den Einsatz tödlicher Gewalt gegen Demonstrierende.

Die einzige Partei aus der Regierungskoalition, die ihren Anteil leicht steigern konnte, war die konservative Partido Conservardor, die sich von 12,5 auf 14 Prozent verbesserte. Ihre stärkste Figur ist die derzeitige Außenministerin Marta Lucía Ramírez. Die konservative Partei verteidigt die traditionelle heterosexuelle Familie, die katholische Religion, Sozialkonservatismus und Neoliberalismus. Trotz des Erfolgs der Konservativen fielen die derzeitigen Regierungsparteien von etwa 66 auf 44 Prozent. Damit verlieren sie die Mehrheit, die sie benötigen, um in beiden Häusern des Kongresses zu regieren (siehe Grafiken).

Die Abstimmung über die Präsidentschaftskandaditur der Rechten gewann Federico Gutiérrez, ehemaliger Bürgermeister von Medellín. Das rechte Lager, das ihn unterstützt, räumt ihm als Einzigem Chancen ein, Petro zu schlagen. Doch Gutiérrez‘ größte Schwäche ist die Unterstützung, die er durch den Uribismo erhielt. Viele sehen in ihm daher einen Nachfolger Iván Duques.

Die letzte große Partei im rechten Lager ist die liberale Partido Liberal. Ihr Anführer, Cesar Gaviria, war zwischen 1990 und 1994 Präsident. Er war derjenige, der den Neoliberalismus in Kolumbien einführte. Heute ist seine Partei mit 15 Prozent der Sitze neben dem Pacto Histórico eine der stärksten Kräfte im Kongress. Derzeit arbeitet die Partido Liberal unabhängig von Regierung und Opposition. Manchmal stimmt sie für Regierungsvorschläge, manchmal dagegen. Bislang war sie nicht von allzu großer Bedeutung, war die Regierungsmehrheit doch auch ohne sie gesichert.

Mit der neugewählten politischen Landschaft ändert sich nun alles. Die linke Mitte verfügt über 33 Prozent der Sitze im Kongress, die Rechte über 44 Prozent. Die liberale Partei könnte daher den Ausschlag in die eine oder andere Richtung geben und entweder eine knappe Mehrheit für ein mögliches Mitte-links-Bündnis oder eine sehr komfortable Mehrheit für die Rechten erzielen. Über die Ausrichtung der Partei wird in den kommenden Monaten intern debattiert, da sich die Führungspersönlichkeiten noch nicht einig sind. Sicher ist: Wer auch immer die Präsidentschaftswahl gewinnt, wird sich auf große Kompromisse einstellen müssen. Denn in einer solch privilegierten Situation wird die Partido Liberal sicherlich das Ziel verfolgen, mehrere Namen im Kabinett des nächsten Präsidenten zu bestimmen.
Im Repräsentantenhaus werden auch die kleineren Parteien für die Bildung von Mehrheiten entscheidend sein. Die meisten von ihnen sind die 16 Vertreter*innen aus Organisationen der Opfer des bewaffneten Konflikts, die dieses Jahr zum ersten Mal Sitze im Kongress bekommen haben, wie es das Friedensabkommen vorsieht.

Derweil blieben die Wahlen von Vorwürfen des Wahlbetrugs überschattet. Bereits zuvor hatten mehrere Politiker*innen der Mitte-Koalition Centro Esperanza den Direktor des kolumbianischen Wahlamts Alexander Vega dafür kritisiert, dass er keine Prüfungen der Wahlsoftware zuließ. Als Reaktion auf die Kritik entgegnete Vega, diejenigen, die dem System nicht trauten, sollten sich gar nicht erst zur Wahl stellen (siehe LN 569/570). Eine Aussage, die zu noch mehr Misstrauen und Zweifel an der Transparenz der Wahlen führte.

Das Gespenst des Wahlbetrugs bleibt

Nur Stunden nach den Wahlen wurde jenes Misstrauen erneut entfacht. Aus dem Pacto Histórico wurden Beschwerden laut, dass ein Viertel ihrer Stimmen für die Senatswahlen nicht gezählt wurde. Bei der zweiten Auszählung bekam das Linksbündnis Recht und gewann weitere vier Sitze im Senat. Anschließend beschuldigte Ex-Präsident Uribe die Opposition des massiven Betrugs, ohne jedoch Beweise dafür zu liefern. Vega und Duque griffen die Beschwerden Uribes auf und verlangten eine vollständige Neuauszählung der Stimmen – ein bislang nie dagewesener Vorgang und obendrein ohne Rechtsgrundlage, da das Ergebnis der zweiten Auszählung offiziell ist.

Aus Protest kündigte Petro anschließend an, dass er nicht länger an weiteren Präsidentschaftsdebatten teilnehmen werde, da die Transparenz nicht gewährleistet sei. Der Aufschrei war so groß, dass das Wahlamt seine Entscheidung am nächsten Tag zurückzog. Dennoch fordern Teile der Linken, der Mitte und der Rechten aufgrund des Fehlers bei der ersten Auszählung und des steigenden Misstrauens den Rücktritt von Vega. Je näher die Präsidentschaftswahlen rücken, desto mehr wächst also jener Argwohn gegenüber dem Leiter des Wahlamts.

Der Vorwurf eines möglichen Wahlbetrugs spannt die kommenden Präsidentschaftswahlen zusätzlich an, denn er kommt zu einem bereits äußerst polarisierenden Duell noch hinzu: zwischen Federico Gutiérrez als Vertreter einer geschwächten Rechten und Gustavo Petro als Anführer einer Linken, die so stark ist wie nie zuvor.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Newsletter abonnieren