Im Paradies der Schwurbler*innen

„Es ist ganz einfach: Bei uns darf jeder sagen, was er will und glauben, was er möchte“ proklamiert Erwin Annau gleich zu Beginn des Berlinale-Films Im Umkreis des Paradieses. Der Österreicher leitet eine Auswander*innenkolonie in Caazapá, einer ländlichen Kleinstadt im Süden Paraguays. Nur LGBT (sic!), Polygamie und Impfungen haben bei uns keinen Platz!“ Damit ist der Ton gesetzt in dieser Dokumentation mit ihrem etwas sperrigen deutschen Titel – der englische Around Paradise wirkt deutlich eingängiger.

© Zeno Legner / Trimafilm

Im Umkreis des Paradieses zeigt, wie sich Verschwörungstheoretiker*innen aus Deutschland und anderen Ländern des Globalen Nordens in der paraguayischen Provinz breitmachen und sich dabei wie moderne Kolonialist*innen benehmen. Trotz der räumlichen Nähe scheinen sie mental auf einem anderen Planeten zu leben als die sie umgebende Lokalbevölkerung.

Die deutsche Regisseurin Yulia Lokshina beschränkt sich filmisch auf das Stilmittel der Beobachtung. Es sprechen ausschließlich die Protagonist*innen selbst, Interviews oder Kommentare aus dem Off gibt es nicht. Dass das genau der richtige Ansatz ist, wird sehr schnell deutlich, wenn Lokshina die Beobachtung der esoterisch-verschwörungstheoretisch verklärten Zuwander*innen aus dem Globalen Norden mit dem Leben zweier lokaler Jugendlicher kontrastiert: Will und Yoha bezeichnen sich selbst als Influencer, lieben ihre Stadt und träumen davon, dort Touren für Tourist*innen anzubieten. Doch obwohl sie in den sozialen Medien für ihr Business werben, will das Geschäft nicht so richtig anlaufen. Also müssen sie sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen: Will putzt in einem Fitnessstudio, Yoha arbeitet in einem Café. Den beiden bei ihren Gesprächen über ihre Pläne und Träume zuzuhören, ist ebenso herzerwärmend wie erhellend und steht im krassen Gegensatz zu den oft völlig verqueren und teils auch rassistischen Einlassungen der Neuankömmlinge. Wer sich als Zuschauer*in dabei an den Kopf fasst, nimmt die Hand am besten gar nicht mehr weg. Sätze wie „Ich kann Krebs ohne Medikamente nur mit meinen Händen heilen“ sind eher die Regel als die Ausnahme.

Die Neokolonialist*innen glauben, in der paraguayischen Peripherie den Himmel auf Erden gefunden zu haben. In ihrer Siedlung am Rand eines Naturschutzgebietes namens El Paraiso Verde („Das grüne Paradies”) errichten sie teils imposante Häuser. Angeführt wird das Unternehmen von Erwin Annau, einem gleichermaßen überdrehten wie zwielichtigen Typen, der in seinem vorherigen Leben in Österreich als Anwalt und Finanzberater tätig war. Er lockt mit Versprechen staatlicher Kontrollfreiheit und „Schutz vor dem 3. Weltkrieg” Menschen mit meist viel Geld nach Paraguay. Was genau er mit dem eingesammelten Reichtum dann anstellt, macht er jedoch nicht wirklich transparent.

© Zeno Legner / Trimafilm

Hinzu kommt, dass sich die propagierte Basisdemokratie als Fassade erweist. Denn Demokratie heißt bei Annau, dass er sich bei allen wichtigen Fragen ein Vetorecht sichert. Entscheidungen an ihm vorbei zu treffen, ist faktisch unmöglich. Das führt im Laufe des Films zu erheblichen Spannungen der am Anfang noch so begeistert eingeschworenen Gemeinschaft der Schwurbler*innen. Einige Mitglieder werden im wahrsten Sinne des Wortes ausgeschlossen, Zurückweisung durch den bewaffneten (selbstverständlich paraguayischen) Wachdienst inklusive. Da helfen dann auch die Beschwörungen des Obergurus und seiner Familie, man werde von der CIA beobachtet, nichts mehr. Wenn es ums liebe Geld geht, ist es scheinbar schnell vorbei mit der neurechten Einigkeit.

Mit Im Umkreis des Paradieses ist Yulia Lokshina eine der bemerkenswertesten Dokumentationen der Berlinale 2026 gelungen. Ihr Film ist nicht nur eine genaue Beobachtung einer rechten Auswander*innen-Community, die deren Weltfremdheit und Menschenfeindlichkeit schonungslos bloßlegt, ohne externe Kommentare zu benötigen. Er zeigt auch koloniale Kontinuitäten auf, denn schon 100 Jahre zuvor scheiterte der Versuch der Gründung einer deutschen Siedlung fast am gleichem Ort. Und ironischerweise liegt damals wie heute ein wesentlicher Grund für das Scheitern an genau dem Punkt, den rechte Stimmen Migrant*innen in Deutschland nur allzu gerne vorwerfen: mangelnde Integration.


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Cowboys Electricos

Penjamillo, Michoacán: Eine ländliche Region in Zentralmexiko. Inmitten weiter, trockener Ebenen findet hier jährlich zu Weihnachten das traditionelle Rodeo Jaripeo statt. Ein Fest zur Schau gestellter Männlichkeit: Das Publikum feuert Wagemutige an, die auf Bullen reiten, und konsumiert dazu Alkohol in Strömen. Cowboytrachten soweit das Auge reicht. Eigentlich nicht der Ort, an dem man eine aktive queere Subkultur erwarten würde. Und doch ist sie kaum zu übersehen, wenn man weiß, wo man suchen muss. Der Dokumentarfilmer Efraín Mojica ist selbst ein Teil von ihr und hat zusammen mit seiner Regie-Kollegin Rebecca Zweig in Jaripeo einige überraschende Facetten dokumentiert.

Foto: Jaripeo

Mojica ist schwul, Rodeo-Fan und stammt aus der Region Penjamillo, doch einen Teil seines Lebens hat er auch in Kalifornien verbracht. Jaripeo ist einerseits ein Testimonial, in dem er sich auf die Suche nach seinen Wurzeln macht, andererseits aber auch eine Vorstellung unterschiedlicher queerer Lebensentwürfe, die Eingang in die vordergründig machistische Rodeo-Kultur gefunden hat. Er selbst gibt sich sehr reflektiert, kleidet und schminkt sich gerne feminin. Der Cowboy Noé fährt dagegen voll auf das hypermaskuline Image des Rodeo ab und stilisiert sich selbst als Macho, wobei auch er schwul ist. Geoutet hat er sich aber nur gegenüber einzelnen Personen und lebt seine Identität nicht offen aus. Umso erstaunlicher sind seine offenen Bekenntnisse im Gespräch mit Efraín Mojica und stellt zum Beispiel an einer Stelle fest: „Ich habe öfter etwas mit Heteros als mit offen schwulen Männern“. Die dritte Persönlichkeit im Film ist der schillernde Joseph, der fast schon zum Maskottchen des Jaripeo geworden ist, und, man glaubt es kaum, trotz seiner offenen Homosexualität auch dem Komitee der örtlichen Kirche vorsteht. Die Message des Films könnte kaum klarer sein: Auch wenn es nach wie vor nicht immer einfach ist, ist die Akzeptanz queerer Lebensformen auch in einem konservativen, ruralen Umfeld möglich.

Foto: Jaripeo

Jaripeo wechselt zwischen den Interviewgesprächen der drei Cowboys, Rodeo-Szenen und stilisierten Aufnahmen, in denen die Protagonisten fast wie Disco-Stars hin und her tanzen. Eine wichtige Rolle spielt der gut ausgewählte Soundtrack, der von Rancheras bis zu Elektro-Klängen reicht und perfekt auf die Bilder abgestimmt ist. Die knackige Laufzeit von 70 Minuten, die charismatischen Protagonisten und die interessante Bildsprache sorgen dafür, dass Jaripeonie langweilig wird, obwohl der Film keine weitergehenden Narrative oder Spannungsbögen aufbaut. Die Dokumentation versucht nicht künstlich mehr vorzugeben als sie ist und sorgt so dafür, dass man gerne zuschaut, wenn die queeren Vaqueros über ihre Coming-Outs sprechen oder sich ins Festgetümmel stürzen. Efraín Mojica und Rebecca Zweig ist hier ein erfrischendes und unterhaltsames Spotlight auf eine Subkultur gelungen, deren Präsenz man an diesem Ort nicht unbedingt erwartet hätte.


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Alle lieben Narciso

© La Babosa Cine

Am Ende ist wieder Ordnung eingekehrt, auch im Studio von Radio Capital in Asunción. Wo vorher der ekstatisch tanzende Moderator Narciso (Diro Romero) vor kreischenden Jugendlichen die neusten Rock’n’Roll Hits aus den USA präsentiert, spielt nun wieder Chinita Montiel, die Grande Dame der paraguayischen Folklore, vor einem brav sitzenden und im Takt mitklatschenden Publikum. Auf einer Brache werden Rock’n’Roll-Platten verbrannt – und Narcisos Leiche wird brennend in seinem Bett entdeckt. Narciso, der im Paraguay der späten 1950er Jahre angesiedelte zweite Langspielfilm von Marcelo Martinessi (u.a. zwei Silberne Bären für Las herederas 2018) beginnt mit dem letzten Auftritt des schnauzbärtigen, charismatischen und – wie der Name schon andeutet – sehr von sich selbst eingenommenen Narciso. In Buenos Aires hat er den Rock’n’Roll kennengelernt und ist nun in seine Heimat zurückgekehrt. Während die Unterdrückung der Militärdiktatur unter Paraguays Diktator Stroessner, im Film nur „El Rubio“ (der Blonde) genannt, in alle Bereiche des Lebens sickert, versucht Narciso, die aus den USA die Welt erobernden Hits von Chuck Berry, Little Richard, oder Bill Haley & His Comets (bei Narciso „y sus cometas“) in das noch provinzielle Asunción zu bringen.

© La Babosa Cine

Dazu muss er zunächst Radiodirektor Lulú (Manuel Cuenca) von seiner Show überzeugen. Das ist die Musik, die die Welt hört, erklärt der junge Mann Lulú. Der erwidert nur: Aber wir sind in Paraguay. Dass Lulú schließlich nachgibt, liegt nicht nur an der Intervention des charismatischen US-Botschaftsmitarbeiters Mister Wesson (Nahuel Perez Biscayart). Denn der heimlich schwule Lulú, der die Nächte auf den Straßenstrichen und Cruising Areas Asuncións verbringt, fühlt sich zu Narciso hingezogen. Und auch der dandyhafte Mr. Wesson, über dessen sexuelle Orientierung eh gemunkelt wird, kommt Narciso immer näher.

Neben queerem Begehren, das unterdrückt umso ungehemmter ausbricht, und Indigener Sichtbarkeit – ganz selbstverständlich wird in Teilen des Films Guaraní gesprochen – spielt das Radio eine große Rolle: als das Medium der Zeit, bevor das Fernsehen nach Paraguay kam. In einer Radionovela wird die Geschichte Draculas eindrücklich als Live-Hörspiel inszeniert und dient als gelungene Parabel auf die Militärdiktatur. „El Rubio“ beschwert sich persönlich über die Show: er mag keine düsteren Geschichten.

© La Babosa Cine

„In der Verzweiflung liegt eine eigene Ruhe“ bemerkt der Dracula-Darsteller (Arturo Fleitas), als von Razzien und Festnahmen  „unmoralischer“ Jugendlicher berichtet wird. Und so  dauert es nicht lange, bis schwere Fäuste auch gegen die Türe des Studios hämmern. Mister Wesson ist noch dabei, als der Diktator das neue, mit US-Hilfe aufgebaute Wasserwerk eröffnet. Doch die Protagonist*innen der Gegenkultur sind da schon alle auf Militärlastwagen abtransportiert. Narciso fängt die Brüchigkeit seiner Epoche wundervoll ein und ist gleichzeitig von beängstigender Aktualität: Wie dort gegen queere Menschen und Künstler*innen als „Invertierte“ gehetzt wird, vor denen Kinder und gute Sitten beschützt werden müssen, lässt unweigerlich an die allgegenwärtige Hetze weltweit erstarkender faschistischer Strömungen denken.

Martinessis Narziss blüht zwar nur als kurze Stichflamme auf. Dennoch beweist er, dass sich das Begehren auch von noch so autoritär agierenden Regimes nie ganz einhegen lässt. Die Reise in die Glanzzeiten des Radios, ein großartiger Soundtrack voller Rock’n’Roll-Hits und die Repräsentation queeren und Indigenen Lebens und kulturellen Widerstands gegen die Militärdiktatur machen Narciso zu einer unbedingten Empfehlung. Sollte der Film auf der  Berlinale einen der queeren Teddy-Awards gewinnen, wäre das mehr als verdient.


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Gefangen im Wald

Dröhnende Motoren durchbrechen die Stille der Nacht. Ein Scheinwerfer zuckt durch die Dunkelheit. Er gehört zu einem LKW, der sich eine bewaldete Bergstraße hochwindet. Kurz hört man noch den Flügelschlag eines Vogels, der weghuscht. Dann hält der LKW, Arbeiter steigen aus und beginnen, eine notdürftige Schutzhütte aufzubauen. Am Ende bleiben vier Personen dort: Ein Mann, eine Frau und zwei Kleinkinder. Sie sind aus Haiti geflüchtet und auf dem Weg in die USA in Zentralmexiko gestrandet. Dort sollen sie einem zwielichtigen Unternehmer beim illegalen Holzschlag in einem Waldgebiet helfen.

© Amondo Cine

Es ist trotz des idyllischen Titels ein bedrückender Stoff, den der mexikanische Regisseur Joaquín del Paso mit seinem dritten Spielfilm El jardin que soñamos (Der Garten, von dem wir träumen) auf die Leinwand bringt. Mitten im Winterquartier der berühmten Monarchenfalter im Bundesstaat Morelia angesiedelt, verfolgt der Film die unbarmherzige Ausbeutung einer haitianischen Familie durch die Holzwirtschaft. Esther (Nehemie Bastien) versucht mit ihren beiden Töchtern Flor und Aisha, beide noch im Kindergartenalter, den Verhältnissen in ihrem Heimatland zu entkommen. Der Vater hat die Familie verlassen, ihren neuen Partner Junior (Faustin Pierre) hat sie auf der Reise kennengelernt. Nun versuchen die vier gemeinsam das Beste aus ihrer Lage zu machen. Bevor es weiter nach Norden geht, will Junior versuchen, mit der Holzfällerei die Kasse aufzubessern. Das klappt zu Beginn auch noch leidlich: Die erste Zahlung kommt an und die Familie richtet sich in der ärmlichen Behausung ohne Toilette und fließend Wasser so gut es geht ein. Doch schon bald beginnen die Probleme. Der skrupellose Holzunternehmer Toño (Carlos Esquivel), von dem Junior in der Waldeinsamkeit völlig abhängig ist, fordert immer längere Arbeitszeiten. Als dann auch noch Kämpfe mit einer rivalisierenden Gruppe um Profitanteile des illegalen Geschäfts ausbrechen, gerät die Familie unverschuldet in Lebensgefahr.

El jardin que soñamos ist ein realistisches Sozialdrama, das die Ausbeutung von Geflüchteten in Mexiko schonungslos offenlegt und dabei nur wenig Raum für Hoffnung lässt. Die Situation der Familienangehörigen, darunter zwei Kleinkinder, die medizinische Hilfe benötigen, ist den unbarmherzigen Geschäftemachern spätestens dann egal, wenn ihr Gewinn auf dem Spiel steht. Nebenbei wird durch die Abholzung im Naturschutzgebiet auch der Lebensraum der gefährdeten Monarchenfalter, ein Wahrzeichen der Region, zerstört. Es ist wichtig, dass Joaquín del Paso ein Schlaglicht auf die brutale Situation Geflüchteter in Mexiko wirft und dabei mafiöse Strukturen auch einmal jenseits des omnipräsenten Drogenhandels anspricht. Die Charaktere im Film wirken zwar etwas eindimensional – entweder sind die Figuren hilflose Opfer oder rassistische Ausbeuter – und die Hoffnungslosigkeit teilweise erdrückend. Aber die Situation der Geflüchteten in der Realität gibt leider keinen Anlass zu einem Feel-Good-Movie. Wenn El jardin que soñamos dazu beiträgt, den gezeigten Problemen internationale Beachtung zu verschaffen, hätte der Film ein großes Ziel erreicht.


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Wein als Kunstform

Im Film Isabel von Gabe Klinger (Brasilien) ist Wein mehr als nur ein Getränk: Er wird zum Symbol für Träume, Identität und Erfolgserwartungen. Die Entwicklung der Protagonistin stellt das zeitgenössische Versprechen in Frage, dass die Umwandlung von Leidenschaft in ein Geschäft der sichere Weg zur persönlichen Erfüllung ist.

© Isabel Filme


Der Film spielt im Zentrum von São Paulo, zwischen Kneipen, U-Bahn-Stationen und Viadukten, und konzentriert sich auf die Mittelschicht von São Paulo und ihre kulturellen Ambitionen. Die Stadt erscheint nicht als Spektakel, sondern als alltäglicher Schauplatz für diejenigen, die inmitten des urbanen Wettbewerbs nach Anerkennung suchen.
Isabel arbeitet in einem Restaurant, in dem sie nicht einmal die Freiheit hat, Weine zu empfehlen. Dabei sind genau die ihre große Leidenschaft. Angesichts dieser Einschränkung beginnt sie, den Traum zu hegen, eine eigene Bar zu eröffnen. Die soll sich ausschließlich natürlichen Weinen widmen – einem Universum, in dem sie sich zu Hause fühlt und in dem sie auch zusammen mit ihrem Partner produziert.
Das Barprojekt, das auch „unvollkommene”, aber dennoch wertvolle Weine anbieten soll, ist nicht nur ein kommerzielles Unterfangen, sondern auch der Versuch, eine Identität zu behaupten. Die Verteidigung dieser unvollkommenen Weine spiegelt die Situation der Protagonistin wider, die sich in einem Umfeld fehl am Platz fühlt, in dem Erfolg Sicherheit, Charisma und Zielstrebigkeit zu erfordern scheint.
Isabel porträtiert die Nische der Liebhaber natürlicher Weine mit einer gewissen Ironie. Was zuvor unterschätzt wurde, wird zum Trend und zeigt, wie schnell alternative Praktiken vom Markt aufgenommen werden. In diesem Umfeld scheinen Isabels Kollegen sicher auf dem Weg zum Erfolg zu sein, während sie Herausforderungen oft mit Schweigen, Zögern und Angst vor dem Scheitern begegnet. Der Kontrast verdeutlicht den unsichtbaren Druck, unter dem die Protagonistin steht.
Obwohl der Film von einer vertrauten Prämisse ausgeht – einer Figur mittleren Alters, die beschließt, ihre Träume zu verwirklichen –, vermeidet Isabel einen triumphalen Verlauf. Der Film überrascht mit der Erkenntnis, dass Projekte nicht immer wie erwartet umgesetzt werden können. Mehr als der Erfolg selbst ist hier der Prozess der Entdeckung wichtig: zu verstehen, was man will, auch wenn das Ergebnis ungewiss bleibt.
In diesem Sinne erhält das Ideal des unvollkommenen Weins symbolische Kraft: Vielleicht geht es nicht darum, Exzellenz oder Anerkennung zu erreichen, sondern Entscheidungen zu unterstützen, die nicht ganz den Erwartungen des Marktes entsprechen.
Isabel will keine filmische Revolution, sondern findet seinen Wert darin, diskret die meritokratische Logik in Frage zu stellen, die persönliche Erfüllung mit sichtbarem Erfolg verbindet. Ohne große Wendungen setzt Regisseur Gabe Klinger bei der Erzählung auf Einfachheit und Beobachtung. Diese Zurückhaltung mag dramatische Erwartungen enttäuschen, verstärkt aber auch den Anreiz, über die Diskrepanz zwischen Traum und Realität nachzudenken. Das offene Ende bietet keine einfachen Lösungen, deutet aber an, dass das Erwachsenenleben aus ständigen Anpassungen besteht.


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Liebe von hier bis zu den Sternen

„Se eu fosse vivo… vivia“ beginnt in den 1970er Jahren in Contagem, einer kleinen Stadt im Südosten Brasiliens, mit einem verliebten Teenager-Paar: Gilberto und Jacira. Wir sehen sie in Disco-Atmosphäre mit Afro-Frisuren, wie sie zu den Funk-Rhythmen von James Brown tanzen, aber auch zur romantischen Melodie von As Dores do Mundo des legendären Hyldon, einem der Wegbereiter des brasilianischen Soul.

Fünfzig Jahre später sind Gilberto und Jacira ungeachtet der vergangenen Zeit immer noch zusammen. Wir sehen sie jetzt als älteres Paar in ihrem Alltag, voller Zärtlichkeit, Sturheit und Humor. Szenen, die den Zuschauer*innen ein schönes Erlebnis bescheren.

© Janine Moraes

Aber der Film ist auch ein Drama, das den Blick auf die Bedeutung der Paarliebe, den Lauf der Zeit und die Spuren, die sie hinterlässt, lenkt.

Die Kulisse, in der die Geschichte spielt, bieten die malerischen Straßen von Contagem, seine Architektur mit kleinen, bunten Häusern, Innenhöfen und vorderen Korridoren. Die Stadt hat eine starke klangliche und visuelle Präsenz. Das Haus der Protagonisten befindet sich in einem belebten, bürgerlichen Viertel und ist ein Ort, der Gerüche und Erinnerungen eines ganzen Lebens bewahrt.

Erwähnenswert ist, dass „Se eu fosse vivo… vivia“ auch Elemente der Science-Fiction aufgreift, die eine unerwartete Wendung bringen, sich aber sehr gut in die Haupthandlung der beiden Charaktere einfügen lassen. Gilberto ist ein Mann, der sich zu Geschichten über außerirdische Aktivitäten hingezogen fühlt, Zeitschriften liest und von der Idee fasziniert ist, Kontakt mit Wesen von einem anderen Planeten aufzunehmen. Dies ist das Ergebnis einer paranormalen Erfahrung, die er in seiner Jugend mit Jacira gemacht hat und die er nie vergessen konnte.

© Janine Moraes

Interessant an Se eu fosse vivo, vivia ist, dass der Film die Frage aufwirft, ob diese paranormale Aktivität mit der Liebe zwischen den Protagonisten zusammenhängen könnte. In diesem Sinne verwandelt die Geschichte sich in einen eher philosophischen Ansatz über die Beständigkeit der Liebe in der Zeit und wie besondere Menschen, die man bedingungslos lieben kann, auch „Wesen von einem anderen Planeten“ sein können.

Von einem Moment auf den anderen verwandeln sich die Lichter der Stadt für Gilberto in einen Sternenmantel, und die Glühwürmchen, Wesen, die seinen Weg weisen, helfen, physische und räumliche Barrieren zu überwinden. Dies scheint seine letzte Reise zu sein, bevor er sein Gedächtnis vollständig verliert und in einer anderen Dimension gefangen bleibt.Der Film wird ab Sonntag, dem 15., bis Samstag, dem 21. Februar, im Rahmen der Panorama-Auswahl der 76. Ausgabe der Berlinale in den Kinos gezeigt.


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Chronik des Unvorhersehbaren

Einfühlsame Darbietungen und fesselnder Schnitt Arame Farpado (Barbed Wire) lief im diesjährigen Berlinale-Panorama (Renato Groberman Hojda)

In einem Dorf auf dem Land in São Paulo überredet Angelina (Isabella Guido) ihren jüngeren Bruder Santiago (Gabriel Novaes), ihr dabei zu helfen, einen Stacheldraht zu befestigen, der die unbefestigte Straße durchschneidet. Dort fährt ihr Stiefvater Zé Luis (Ricardo Bagge) normalerweise mit seinem Lastwagen vorbei. Was als eine Art „kleine Rache“ dafür gedacht war, dass Zé Luis den Platz seines Vaters eingenommen hat, als dieser fortging, wird zu einer Tragödie, als die Radfahrerin Ariane (Dione Castro), ihren Weg kreuzt. So beginnt Gustavo de Carvalhos Kurzfilm Arame Farpado (Barbed Wire).

Kurz nach dem Unfall trifft die ältere Schwester Evita (Camila Botelho) die Kinder auf der Straße. Sie bittet ihren Bruder, nach Hause zu gehen, und fährt mit Angelina und Ariane in die Notaufnahme. Zé Luís folgt ihnen im Auto.  Während Ariane versorgt wird, kümmert sich Evita darum die Familie des Opfers zu finden, während Angelina und Zé Luis gemeinsam warten. In dieser Zeit des Wartens und noch immer von Schuldgefühlen wegen des tragischen Unfalls überwältigt, lässt sich das Mädchen auf ein Gespräch mit ihrem Stiefvater ein und scheint sich mit ihm zu versöhnen, indem es seine Sicht der Dinge versteht.

Mit einfühlsamen Darbietungen und fesselndem Schnitt ist der Kurzfilm eine Momentaufnahme des Alltags einer Familie auf dem Lande, die in einen Unfall verwickelt wird, der eine unerwartete Unterbrechung der Routine auslöst. Er erinnert daran, dass das Leben nicht linear verläuft und von plötzlichen Ereignissen und plötzlichen Veränderungen überrollt werden kann – von denen viele manchmal durch einen Dialog vermieden werden könnten. Ein Ereignis zieht das nächste nach sich und das „Schicksal“, falls es so etwas gibt, ist ebenso von unseren Entscheidungen wie von unkontrollierbaren Faktoren geprägt.

Arame Farpado ist eine Erinnerung daran, dass Kino nicht nur aus den fantastischen Ereignissen großer urbaner Zentren besteht, sondern dass auch alltägliche, lokale Geschichten eine Dimension im internationalen Film einnehmen können. Die 22 Minuten dieses Films sind wie die Lektüre einer Chronik: ein Ausschnitt aus der alltäglichen Realität, ohne Kontext, ohne Einleitung und ohne wirkliches Ende. Die ganze Geschichte stellt nur einige Stunden eines Ereignisses dar, das auf den geografischen Raum einer kleinen Stadt auf dem Lande beschränkt ist. Doch selbst dieser einfache Schnitt vermag die Tiefe der familiären Beziehungen und die unerwarteten Interaktionen, die sich mit Fremden ergeben können, anzudeuten.

Arame Farpado liefert keine Antworten, aber er zeigt, wie der Zufall das tägliche Leben beeinflussen und Gefühle freilegen kann, die wir manchmal zu ignorieren versuchen. Zwischen Schuldgefühlen, Bedauern und einem Gefühl der Resignation gegenüber dem, was man nicht ändern kann, zeigt uns der Kurzfilm, dass der Alltag voller Überraschungen ist.


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Das Sichtbare und Unsichtbare des Todes

Fotoquelle: A natureza das coisas invisíveis

Glória (Laura Brandão) ist es leid. Die meisten ihrer Ferien muss sie im Krankenhaus verbringen, während Antônia (Larissa Mauro), ihre Mutter, lange Schichten als Krankenschwester hat. Sie kennt das Krankenhaus bereits in- und auswendig und ist an die Gesellschaft älterer Menschen gewöhnt, die sich im Zustand der Vorbereitung auf den Tod befinden – ältere Menschen, die ihre Freunde werden, Pseudogroßeltern, die ihr Geschichten erzählen.

In Rafaela Carmelos Film A Natureza das Coisas Invisíveis (Das Wesen der unsichtbaren Dinge) hat die zehnjährige Glória deshalb in ihrer Freizeit wenig Kontakt zu anderen Kindern. Bis sie Sofia  kennenlernt, die mit ihrer Urgroßmutter Francisca im Krankenhaus gelandet ist. Aufgrund von Alzheimer hatte ihre Bisa (kurz für Bisavô, Urgroßmutter) medizinische Komplikationen und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Glória hilft Sofia, ihre blutverschmierten Kleider zu wechseln und die beiden Mädchen beginnen, ihre Umgebung zu erkunden und über den Tod, die Toten, den Glauben – oder Aberglauben – und das Leben nach dem Tod zu sprechen.

Nach ein paar Tagen, in denen Francisca relativ stabil ist, gelingt es Sofia, ihre Mutter Simone zu überreden, die Bisa zurück zu ihrem sítio (kleiner Bauernhof) zu bringen, dem Ort, an dem sie wirklich glücklich war. Glória und ihre Mutter kommen mit. In einem Dorf, das stellvertretend für jede Kleinstadt auf dem brasilianischen Land stehen könnte, stärken die Mädchen ihre Freundschaft und auch die Beziehung zu ihren Müttern. Und auf einfühlsame Weise tauschen sie sich über ihre unterschiedlichen Bedeutungen des Todes aus. Nicht nur den buchstäblichen Tod, sondern auch einen symbolischen: einen Neuanfang.

A natureza das coisas invisíveis zeigt alltägliche Porträts Brasiliens, die sich aber auch auf andere soziokulturelle und geografische Kontexte übertragen lassen, so wie Glórias Schule zu Beginn, das Krankenhaus und das Leben auf dem sítio. Davon ausgehend gelingt es dem Film, einen Dialog mit einem universellen Publikum zu führen. Nicht nur, weil er vom Tod handelt, sondern auch, weil er die Entwicklung der Familienbeziehungen und der Freundschaft zwischen zwei Mädchen aufzeichnet.

Selbst in spezifischeren und weniger universellen Szenen, wie denjenigen, in denen Gebete und traditionelle religiöse Zeremonien dargestellt werden, könnte es der Film sschaffen, ein eher distanziertes und sogar atheistisches Publikum emotional für sich zu gewinnen.

Das vielleicht Berührendste an Rafaela Carmonas Werk ist gerade die Einfachheit der beiden Kinder, wenn es um ein so komplexes Thema wie den Tod geht. Und trotz der metaphysischen Ansätze, die der Film vorschlägt – wie die Kommunikation mit denjenigen, die nicht mehr von dieser Welt sind  – ist das, was ihn dem Publikum wirklich näher bringt, das alltägliche Leben: die Routine einer Krankenschwester und Mutter, ein Kind im Urlaub, das Leben auf dem sítio.

Einige stilistische Elemente können als Rahmen für den tangentialen Charakter des Todes gedeutet werden. So wie Übergänge, die sich auf Baumblätter mit dem Himmel im Hintergrund konzentrieren, oder der unscharfe Blick aus einem Fenster, bei dem nicht das Bild in der Szene, sondern die Gespräche im Hintergrund wirklich wichtig sind. Szenen, die eine Loslösung von der irdischen Realität suggerieren.

Der 90-minütige Film erforscht das Tabu des Todes durch das Gesagte und das Ungesagte, das Sichtbare und das Unsichtbare sowie das Spirituelle. Der Tod wird sowohl durch eine alte mystisch-religiöse Weisheit als auch durch die Augen eines zehnjährigen Kindes betrachtet. Ein reiner Blick, aber nicht völlig naiv. Diese beiden Perspektiven laden uns ein, den Tod neu zu definieren. „Er ist nicht das Schlimme, von dem sie sprechen“, sagt die Urgroßmutter einmal. „Er ist nicht das Beste. Aber er ist ein Teil des Lebens.“ Es liegt in unserer Natur, einfach zu sterben. Und zu wissen, wie man mit dem Tod lebt.

A natureza das coisas invisíveis ist bewegend, da er ein schweres Thema aus der Sicht von Kindern behandelt, und es durch seine mitfühlende Betrachtung schafft, denjenigen, die sich darauf einlassen, Tränen in die Augen zu treiben. Der Film läuft auf der Berlinale in der Kinderfilmsektion Generation Kplus und dürfte dort gute Chancen auf eine Auszeichnung haben.


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Das Öffentliche ist politisch

© Avante Films, Vulcana Cinema

Matias ist sauer. Zusammen mit seinem Mitbewohner Fabio spielt er die Hauptrolle in einem Stück seines Theaterensembles im brasilianischen Porto Alegre. Nun kommt die Produktion einer großen TV-Serie in die Stadt und bietet ausgerechnet Fabio die Chance an, ihn groß herauszubringen: Er soll den Frauenschwarm der Serie spielen. Für den schwulen Matias (Gabriel Faryas) zwar kein zusätzlicher Anreiz. Trotzdem hält er sich für den besseren Schauspieler und wendet sich in der Folge gekränkt seiner Dating-App zu. Dort matcht er den geheimnisvollen Politiker und Bauunternehmer Rafael (Cirillo Luna), der ursprünglich nur auf einen One-Night-Stand aus ist. Doch schon bald wird mehr daraus und als sie beide in der Öffentlichkeit bekannter werden, müssen sie entscheiden, wie und wann sie ihre Beziehung mit ihren Karrieren in Einklang bringen können.

Ato noturno (Night Stage), der neueste Film des queeren Regisseur-Duos Marcio Reolon und Filipe Matzembacher (u.a. Tinta Bruta), bringt satte Farben und eine Handlung im schönsten Telenovela-Stil in die eher spröde Metropole des brasilianischen Südens (wer schon einmal in Porto Alegre war, weiß, dass die Suche nach pittoresken Film-Locations dort nicht einfach ist). Im Zentrum steht dabei die Frage, wie sehr offene Homosexualität für Figuren öffentlichen Interesses – seien es Politiker*innen oder Schauspieler*innen in bestimmten Rollen – auch heute noch mit Tabus belegt ist. Für Rafael und Matias, die eine sehr sexuelle Beziehung führen und die sie zudem gerne an öffentlichen Orten ausleben, wird diese Frage zur Zerreißprobe. Dabei geht es nicht nur darum, im Zeitalter von Social Media durch kompromittierende Fotos und Videos bloßgestellt zu werden, sondern auch um den Verlust von beruflichen und persönlichen Bindungen, die ein Publikmachen ihres Verhältnisses mit sich bringen würde.

Die an und für sich sehr reizvolle Geschichte leidet darunter, dass Reolon und Matzembacher sie etwas arg oberflächlich im Telenovela-Stil inszeniert haben. Den (trotz guter schauspielerischer Leistungen) klischeehaft daherkommenden Figuren hätte angesichts der differenzierten Thematik mehr Nuancierung gut getan. Vor allem der unvermeidliche Bösewicht wirkt, als hätte man die Beta-Version eines KI-Programms mit seiner Charakterisierung beauftragt. Zudem istAto Noturno etwas zu lang geraten – eine Novela-Folge trägt nun mal nicht über zwei Stunden. Und auch das überzogene Ende hilft dem Film nicht wirklich.Wenn man Ato Noturno vor allem als Statement für die Öffentlichkeit queerer Beziehungen sehen möchte und kein Problem mit unterkomplexen Plots und Figurenzeichungen hat, kann man trotzdem durchaus Spaß daran haben. Für Kinogänger*innen mit höheren Ansprüchen an dramaturgische Ambivalenz ist der Film dagegen nur eingeschränkt zu empfehlen.


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Im Hipster-Horrorland

© MUBI

1998 veröffentlichte die ecuadorianische Band Los Conquistadores ein Video zu ihrem Song „Mi conejito“ (Mein Häschen). Zu einer Cumbia mit schlüpfrigem Text (Ein Hase „ohne Unterhose“ hüpft dort des Nachts durch allerhand Betten) tanzt die Gruppe darin in lächerlichen Hasenkostümen vor einem Bergpanorama. Das Video ging viral und ist bis heute ein steter Quell der Heiterkeit vor allem im lateinamerikanischen Teil des Internets.

So weit, so gut. Wäre da nicht die argentinische Künstlerin und Regisseurin Amalia Ulman. Die scheint bis heute von „Mi conejito“ dermaßen fasziniert zu sein, dass sie diese kulturelle Meisterleistung aus den Anden zum Anlass für ihren neuesten Kinofilm Magic Farm nahm. Klingt nach einer Idee, die nur schiefgehen kann? Bingo. Magic Farm ist einer dieser Filme, bei denen man schon nach 10 Minuten weiß: In der Zeit, die nun folgt, könnte ich wahrscheinlich auch meine Steuererklärung machen oder das Bad putzen und der Erkenntnisgewinn wäre größer.  

Der Plot klingt bereits ziemlich verdächtig. Ein Hipster-Team, das Content für einen TV-Trash-Kanal produziert, soll in Lateinamerika nach einem Sänger mit Hasenmaske (na, klingelt’s?) suchen und ihn seinem Publikum als Absurdität der Woche zum Fraß vorwerfen. Stattdessen landet man aber aufgrund einer Fehlbuchung in einem völlig anderen Land (Argentinien), weil dort ein Ort den gleichen Namen hat. Dass die gringos dort über eine Ansammlung billigster und altbackenster Lateinamerika-Klischees stolpern, geschenkt. Noch schlimmer ist, dass die Geschichte nach den ersten 20 Minuten im Prinzip auch schon endet, denn im Film passiert fortan nichts mehr von Belang. Lieblose Love-Stories, vorhersehbare Enthüllungen der Filmcrew-Mitglieder und vor allem extrem unlustige Versuche im Feld Humor (sie Gags zu nennen, würde den ernsthaften Versuchen anderer Filmemacher*innen nicht gerecht) geben sich die Klinke in die Hand. Nur ein Beispiel: Vier oder fünf Mal werden spanisch/englische Missverständnisse und Verwechslungen (auf dem Niveau „My Online Friends – OnlyFans“) als Lacher herangezogen. Und als wäre das noch nicht genug, werden diese meist auch noch von einer dritten Person (zum Beispiel die selbst mitspielende Regisseurin Ulman) übersetzt – irgendwie müssen die gähnenden Lücken in der Handlung schließlich gefüllt werden.

Die „subversive“ Message des Films ist ebenfalls sehr schnell klar: Das Dorf hat ein massives Problem mit giftigen Pestiziden. Was die plan- und kulturlosen Hipster-Gringos natürlich nicht kapieren, obwohl es ihnen buchstäblich ins Gesicht springt. Und so wird der „Witz“ die restliche Laufzeit des Films noch ermüdend ausgewalzt, damit ihn auch wirklich alle Zuschauer*innen verstehen. 

Amalia Ulman kann es viel besser, wie sie mit ihrem Debütfilm El Planeta bereits bewiesen hat. Nach Magic Farm bleibt dagegen als einzige Frage, warum eine eigentlich renommierte Schauspielerin wie Chloë Sevigny sich diese Farce angetan hat. Sollte sie für einen Film mit dem gleichen Namen zugesagt haben und dann unverhofft in dieser Nummer gelandet sein, es würde zumindest thematisch ins Bild passen. Ach ja, und wer noch nach einem Wink mit dem Hasenohr gesucht hat: Im Abspann des Films läuft das Lied „Mi conejito“ von Los Conquistadores…


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Unser kleines Schloss

Die Kühe, mal wieder. Ständig läuft eine weg, verirrt sich, wird krank oder bekommt Junge. Das schafft Justina nicht allein, da muss ihre Tochter Alexia ran. Aber die sitzt wie so oft in ihrem Zimmer und spielt Autorennen am Simulator nach. Nur zum Spaß, wie man zunächst denkt, doch weit gefehlt: Schließlich will sie so bald wie möglich eine ernsthafte Karriere als Fahrerin in der argentinischen Formel 4 starten (ja, die gibt es wirklich). Aber als gute Tochter lässt sie sich irgendwann von ihrer Mutter erweichen und schon bald ist mit den Kühen auch alles wieder in der Reihe.

© Mayra Bottero / Gema Films, Sister Productions

Der argentinische Regisseur Martín Benchimol hat sich mit El Castillo (Das Schloss) an eine Doku-Fiktion gewagt, die trotz des denkbar einfachen Settings wirklich gut funktioniert. Die frühere Haushälterin Justina hat ein schlossähnliches Landhaus von der Vorbesitzerin, die sie bis zu ihrem Tod gepflegt hat, vererbt bekommen. Nun ist sie zusammen mit der halbstarken Alexia (vom Vater fehlt jede Spur) Herrscherin über ein Gebäude im Hundertwasser-Stil, mit nicht weniger als 6 Badezimmern, üppigem Grundbesitz und einem ganzen Streichelzoo süßester Tiere. Allerdings liegt das Anwesen mitten im Nirgendwo, was zumindest Alexia nicht wirklich stillsitzen lässt: Es zieht sie nach Buenos Aires. Denn eine Rennfahrerinnen-Karriere und auch ein Sozialleben abseits von Videochats mit Freund*innen oder Fernsehen mit Mama und der herumwuselnden Tierherde wird es für sie nur dort geben können.

El Castillo ist abseits seiner hochsympathischen Hauptdarstellerinnen deshalb so ein interessanter Film, weil er einen Fall von Veränderung der feudalen Besitzverhältnisse dokumentiert. Dass eine frühere Haushälterin mit indigenen Wurzeln wie Justina ein Haus mit Grundbesitz von ihrer früheren Arbeitgeberin vererbt bekommt, dürfte in Lateinamerika auch heute noch die absolute Ausnahme darstellen. Doch die Hoffnung ist trügerisch, denn das früher bestimmt schmucke Schlösschen war bereits bei der Übergabe eine ziemliche Bruchbude. Durch klaffende Löcher im Dach regnet es in die Wohnung, die vielen schönen Bäder bringen wegen defekter Wasserleitungen nicht viel und laufende Kosten und Grundsteuern fressen das kleine Budget von Justina und Alexia auf. Als Einnahmequellen sind die Vermietung von Zeltplätzen für Angler auf dem Gelände oder der Verkauf der immer weniger werdenden Kühe und Einrichtungsgegenstände nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und so ist Justina, obwohl besitzend, nach wie vor eine Gefangene ihrer früheren Arbeitgeberin. Denn die hat ihr eingeschärft, das Anwesen ja nicht zu verkaufen, sondern schön so weiterzupflegen, wie sie es zuvor auch schon ihr ganzes Leben – nur gegen Bezahlung – getan hat. Als wäre das nicht genug, lädt sich die Sippe der Verstorbenen in schöner Regelmäßigkeit auch noch selbst zu Familienfesten auf das Schlösschen ein (natürlich ohne zu bezahlen), genießt die Annehmlichkeiten in den noch vorzeigbaren Räumen und lässt sich wie eh und je von Justina bedienen. Ein weiterer Grund, warum Alexia, die eine kaum verhohlene Wut auf den unverschämten Clan schiebt, ihre Pläne vorantreibt, das Weite zu suchen. Martín Bechamel ist mit El Castillo ein höchst unterhaltsames Porträt zweier unverhoffter Grundbesitzerinnen gelungen, bei dem er Gefühl für Situationskomik und kreative Inszenierung zeigt (bei schlechtem Wetter lässt er das Schlösschen wie ein verwunschenes Geisterhaus wirken). Dabei sind die Geschichte und auch die Hauptdarstellerinnen identisch mit der Realität. Die Szenen mit der Großfamilie wurden allerdings mit Schauspieler*innen (die Familie des Regisseurs) nachgedreht. Dabei tut die Feelgood-Atmosphäre dem Filmgenuss sichtlich gut, verdeckt aber den Blick auf eine bittere Realität, die Benchimol zum Schluss etwas unter den Tisch fallen lässt: Ohne schnell eine verlässliche Einkommensquelle zu finden, steht das baufällige Schloss und mit ihm seine Besitzerinnen vor einer höchst ungewissen Zukunft.

LN-Bewertung: 4/5 Lamas


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