Linker Lichtblick in Lateinamerika

Kandidat des Pacto Histórico Iván Cepeda beim kolumbianischen Treffen in Madrid am 7. Januar 2026 ( Foto: Diana Sepúlveda)

Kolumbien hob sich in letzter Zeit immer wieder von der voranschreitenden Faschisierung der Gesellschaft (nicht nur) in Lateinamerika ab und stellte sich wiederholt der Einflussnahme von US-Präsident Trump auf die Region entgegen. Anfang des Jahres, nach dem völkerrechtswidrigen Überfall auf Venezuela und der Entführung des venezolanischen Präsidenten und seiner Frau durch US-Streitkräfte, verurteilte Kolumbiens Präsident Petro dies scharf. Obwohl den anfänglichen Spannungen zwischen den USA und Kolumbien versöhnlichere Töne folgten, ist Gustavo Petro einer der wenigen Staatsoberhäupter, die Trump diskursiv Einhalt gebieten und ihm widersprechen.

Ein Lichtblick in der aktuellen politischen Landschaft. Auch deshalb sind die Hoffnungen auf den Wahlsieg des linken Präsidentschaftskandidaten Iván Cepeda groß, um die progressive Politik der letzten Jahre fortzuführen. Am 8. März fanden in Kolumbien Parlamentswahlen sowie Vorwahlen zur Präsidentschaftswahl statt. Über 20 Millionen Kolumbianer*innen nahmen daran teil, mehr als bei den Parlamentswahlen 2022. Die eindeutige Gewinnerin ist das linke Regierungsbündnis Pacto Histórico. Damit stellt eine linke Partei erstmals in der Geschichte des Landes die stärkste Fraktion im Parlament. Allerdings verfügt keine der Parteien über die Mehrheit im Senat, die für die Regierungsfähigkeit notwendig ist. Daher werden auch in dieser Legislaturperiode wieder Allianzen und Koalitionen mit den traditionellen Parteien notwendig sein.

In den Umfragen zur Präsidentschaftswahl am 31.Mai liegt der linke Kandidat Iván Cepeda klar vorne. Der nationale Wahlrat, die oberste Wahlbehörde Kolumbiens, hatte Cepeda kurzfristig aus den Mitte-links Vorwahlen ausgeschlossen. Dies führte zu heftiger Kritik linker Organisationen, die daraufhin als Zeichen der Unterstützung einzelner Kandidat*innen die Vorwahl boykottierten. Lediglich 595.000 Personen nahmen daraufhin an diesen Vorwahlen teil, aus denen Roy Barreras mit 257.000 Wahlstimmen als Sieger hervorging. Cepeda geht nun direkt als Kandidat in den ersten Wahlgang, muss dort aber auch gegen Barreras antreten. Die Folge ist eine Schwächung des linken Lagers im ersten Wahlgang.

Linker Kandidat Cepeda führt in den Umfragen

Aber auch die Rechte erlangte am 8. März wichtige Wahlsiege. Die Partei Centro Democrático ist nach dem Pacto Histórico die zweitstärkste Kraft im Parlament. Zeitgleich fanden auch die Vorwahlen der Rechten statt. Daran nahmen viele gemäßigte bis extrem rechte Kandidat*innen teil, darunter Paloma Valencia vom Centro Democrático, die politische Favoritin von Ex-Präsident Álvaro Uribe, die über drei Millionen Stimmen bekam. Sie geht als Frontfrau der Rechten in die erste Wahlrunde.

Ihr folgte in den Vorwahlen auf Platz zwei der Mitte-rechts Kandidat Juan Daniel Oviedo. Oviedo punktete mit seinen vermeintlich gemäßigten Positionen aus der „Mitte der Gesellschaft“. In Fernsehdebatten zwischen den verschiedenen Präkandidat*innen vertrat er gemäßigtere Positionen als seine Kontrahent*innen. So beschrieb er etwa als Einziger Israels Vorgehen in Gaza als Genozid und erkannte „gewisse Errungenschaften der Petro-Regierung“ an. Dennoch wurde er vielfach für seine Teilnahme an der Vorwahl der Rechten kritisiert, behauptet er doch von sich selbst, ein Teil der Mitte zu sein. Oviedo erlebte in der letzten Woche vor den Wahlen einen großen Aufschwung, nachdem er von Abelardo de la Espriella, Kandidat der extremen Rechten, öffentlich homophob beleidigt wurde. Nun tritt Oviedo als Vizepräsidentschaftskandidat von Valencia an. Das Duo inszeniert sich als progressive Rechte und Vertretung der politischen Mitte. „Ein Witz“, nannte das Kandidat Cepeda in einem Interview mit dem Journalisten Daniel Coronell: „Dass Paloma Valencia von einem Tag auf den anderen Teil der Mitte geworden sein soll, ist ein politischer Betrug. Sie steht für Álvaro Uribe“.

Im Interview mit der Journalistin Maria Jimena Duzán sagte Juan Daniel Oviedo, er wolle „die Unterschiede in eine Strategie umwandeln“. Und die Unterschiede stechen ins Auge: Oviedo ist schwul, Valencia greift seit Jahren die vermeintliche „Genderideologie“ an. Auch in Bezug auf andere Themen, wie die Umsetzung des Friedensabkommens von 2016, Reformen der Sonderjustiz für den Frieden, die Legalisierung von Marihuana, gleichgeschlechtliche Ehe und Adoption, sind sie gespalten. Dabei stilisiert sich Oviedo progressiver, als er tatsächlich ist. Seit Jahren arbeitet er mit verschiedenen rechten Regierungen des Landes zusammen. Auch ist fraglich, inwiefern er seine Ansichten im Fall einer Regierungsbildung überhaupt durchsetzen könnte.

Deutlich wird, dass die Rechte eine zweigleisige Strategie fährt: Auf der einen Seite versucht sie den rhetorischen und bisher erfolgreichen Spagat, die rechte Paloma Valencia als gemäßigte Kandidatin zu inszenieren, um so die Stimmen des weniger konservativen Teils des Mitte-rechts Lagers für sich zu gewinnen. Zumindest einige rechte Gruppen wird sie dadurch aber nicht erreichen: Kolumbien ist weiterhin ein sehr religiös-konservatives und machistisches Land, und es ist fraglich, ob die rechte Wähler*innenschaft eine Frau als Präsidentin und einen schwulen Mann als Vizepräsidenten wählen würde. Für diesen Fall steht auf der anderen Seite der Anwalt Abelardo de la Espriella bereit. Dieser äußerte 2025 in einem Radiointerview, er würde im Fall seines Wahlsiegs „die Linke ausweiden“. In den letzten Monaten stand der offen rechtsextreme Kandidat in Umfragen stabil an zweiter Stelle hinter Cepeda. Nach Valencias vorübergehendem Aufschwung in den letzten Wochen kämpfen de la Espriella und Valencia nun um Platz zwei in den Umfragen. Dies wird die Rechte voraussichtlich im ersten Wahlgang spalten. Dennoch: Iván Cepeda muss nun gegen zwei starke (extrem) rechte Kandidat*innen antreten. „Wir werden im ersten Wahlgang siegen!“ ist deshalb der viel beschworene Wahlkampfaufruf von Cepeda – wenig realistisch, doch notwendig, denn im zweiten Wahlgang wird das rechte Lager geschlossen hinter einer Kandidatur stehen. Dies würde dann einen linken Wahlsieg erheblich erschweren.

Rechtes Lager gespalten, aber weiterhin stark

Dennoch steht fest: Die Rechte im Land ist besorgt. Der kontinuierliche Aufstieg der Linken seit der Wahl von Gustavo Petro im Jahr 2022 zeugt von einem gesellschaftlichen Wandel. Diese Sorgen der Rechten erkennt man an den Schmierkampagnen gegen Cepeda. Er wird von Valencia und dem Centro Democrático als Guerillero dargestellt, als „Architekt des gescheiterten totalen Friedens“, als Kommunist – eine Bezeichnung, die historisch in Kolumbien einem Todesurteil gleichkommt. Tatsächlich kommt Cepeda aus einer kommunistischen Tradition. Seine Mutter Yira Castro gehörte der kommunistischen Partei an, und sein Vater Manuel Cepeda war Senator der linken Partei Unión Patriótica und wurde 1994 im Rahmen der Ausrottung der Partei von Seiten des Paramilitarismus ermordet. Seitdem kämpft Iván Cepeda für Frieden, Gerechtigkeit und für die Opfer des Konflikts. Er ist Mitgründer des MOVICE, der Bewegung für Opfer von Staatsverbrechen. In seiner langjährigen Laufbahn als Senator hat er stets Menschenrechtsverbrechen und den Paramilitarismus angeprangert – sowie die Verstrickungen Álvaro Uribes mit Paramilitärs. Cepeda macht aus seiner linken Gesinnung keinen Hehl, spart aber auch nicht an Kritik an den Verbrechen der ehemaligen FARC-Guerilla.

Im Interview mit dem Journalisten Daniel Coronell sagte er kürzlich, er arbeite seit Jahren „dezidiert für den Frieden“, und das sei „ein Recht und eine Pflicht, aber keine kriminelle Handlung, wie Álvaro Uribe und seine Kandidat*innen es darstellen“. Auch prangerte er die Doppelmoral der Rechten an: „Die extreme Rechte wirft uns vor, das venezolanische, kubanische oder nicaraguanische Modell in Kolumbien einführen zu wollen“. Dabei seien es „die Sprecher*innen der extremen Rechten, die ins Ausland reisen und in Washington oder Miami versuchen, ausländische Einflüsse in unseren Wahlkampf einzubringen. Sie sind es, die eine ausländische Intervention anstreben“, präzisiert Cepeda. Die Vizepräsidentschaftskandidatin von Iván Cepeda ist die indigene Politikerin Aída Quilcué. Quilcué ist Teil des Nasa-Volkes und führt den Vorsitz im Regionalen Indigenenrat des Cauca (CRIC). Sie ist eine der bekanntesten Indigenen Führungspersönlichkeiten des Landes. Ihre Kandidatur steht, so Cepeda, für „das Beste aus Traditionen, Widerstand, sozialem Kampf und dem Aufbau eines gerechten und demokratischen Landes“. Mit ihrer Nominierung setzt Cepeda ein wichtiges Signal und würdigt den jahrhundertelangen Kampf Indigener Bewegungen in Kolumbien. Im Fall eines Wahlsiegs wäre Quilcué die erste Indigene Vizepräsidentin des Landes.

Die Senatorinnen Quilcué und Valencia kommen beide aus der Region Cauca, könnten aber nicht unterschiedlicher sein. Valencia kommt aus einer aristokratischen weißen Familie von Großgrundbesitzern aus Popayán. 2015 äußerte sie den rassistischen Vorschlag, den Bundesstaat Cauca wegen „ethnischer Konflikte“ in zwei zu teilen: ein Indigenes Gebiet und ein Gebiet für die mestizische Bevölkerung. Auch danach äußerte sie sich immer wieder in rassistischer Manier über die Indigenen des Cauca und ihre Kämpfe um den Schutz ihrer Territorien. 2025 schlug sie vor, den Indigenen Reservaten, deren Mitglieder sich an Straßenblockaden beteiligen, die Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln sowie staatliche Transferzahlungen zu entziehen. Auch die Indigenen Völker seien Teil Kolumbiens, konterte Quilcué Mitte März in einer Plenarsitzung des Senats. Valencia solle die Indigenen nicht für den Wahlkampf instrumentalisieren und dürfe nicht „die jahrtausendealte Präsenz unserer Indigenen Völker in Frage stellen. Historisch von der Rechten regiert und mit den USA alliiert, könnte Kolumbien nun auch in den kommenden vier Jahren für eine starke linke Bewegung in Lateinamerika stehen.


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Der Hinterhof der USA rebelliert

Keine Angst vor Imperialisten: Ob in Kuba – wie hier auf dem Foto – oder in Kolumbien (Foto: Kida.kida via flickr (CC BY-NC-SA 2.0))

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Über Jahrzehnte hinweg pflegten die Vereinigten Staaten und Kolumbien eine enge strategische Partnerschaft, getragen vom gemeinsamen Kampf gegen den Drogenhandel, von Wirtschafts- und von Sicherheitsinteressen. Zu Beginn der 2000er Jahre wurde Washington mit dem Plan Colombia zum Hauptfinanzier des Krieges gegen Drogen und bewaffnete Gruppen in Kolumbien – mit militärischer Unterstützung in Milliardenhöhe. Im Jahr 2012 wurde ein Freihandelsabkommen unterzeichnet, das die wirtschaftliche Zusammenarbeit weiter vertiefte und im Jahr 2024 war Kolumbien das südamerikanische Land, das am meisten finanzielle Hilfe aus den USA erhielt. Obwohl der Plan Colombia von vielen Seiten kritisiert wurde, wurde er weitgehend unter den Richtlinien Washingtons ausgeführt und festigte eine strukturelle Abhängigkeit, die Kolumbien in den „Hinterhof“ der Vereinigten Staaten verwandelte – in einen politischen, strategischen und wirtschaftlichen Schlüsselverbündeten amerikanischer Interessen in der Region.


Dieses Szenario wirft eine entscheidende Frage auf: Was geschieht, wenn der treueste Verbündete Washingtons in Südamerika beschließt, seinen einstigen Patron herauszufordern? Trumps Außenpolitik hat wiederholt seine Bereitschaft gezeigt, Regierungen zu bestrafen, die sich nicht seinen Interessen unterordnen. Die Haltung von Petro, der kritisch zur US-Hegemonie steht und dem lateinamerikanischen progressiven Block nahesteht, stellt eine historische und riskante Wende dar. Petro verteidigt die Souveränität und hinterfragt den von Trump angeführten neoliberalen Interventionismus, sieht sich jedoch interner Kritik ausgesetzt, weil er „nach außen hin regiert“, während der Friedensprozess schwächelt und der Kampf gegen den Drogenhandel im Land keine Fortschritte macht. Die Spannungen zwischen beiden Staatschefs sind längst nicht mehr nur persönliche Beschimpfungen: Sie drohen, eine über fünf Jahrzehnte alte Allianz zu zerbrechen und bestehende Abkommen zur Zusammenarbeit und Drogenbekämpfung aufzulösen. Kolumbien, das bis vor Kurzem als verlässlicher Partner der USA angesehen wurde, scheint sich nun in einen unberechenbaren Partner verwandelt zu haben – und aus Washingtons Sicht in einen unbequemen Nachbarn.


Von Beginn an war das Verhältnis zwischen Petro und Trump von Spannungen geprägt. Im September 2024 bezeichnete Petro Trump als „Terroristen“ und verglich dessen Rhetorik mit der Adolf Hitlers – ein diplomatischer Eklat, der sich nach Trumps Wiederwahl weiter zuspitzte. Im Januar 2025 blockierte Petro US-amerikanische Militärmaschinen mit abgeschobenen Migrantinnen – eine symbolische Geste des Respekts gegenüber den Migrantinnen und der nationale Souveränität. Die Reaktion Trump folgte sofort: 25 Prozent Strafzölle auf kolumbianische Exporte, Visasperren und Einreisebeschränkungen für Regierungsbeamte. Obwohl die Flüge schließlich doch landeten, zeigte der Vorfall die zunehmende Verschlechterung der einst engen Allianz.


Ein weiterer Wendepunkt war Petros Rede vor den Vereinten Nationen am 26. September 2025. Darin warf er den USA vor, Migrationspolitik und den „Krieg gegen die Drogen“ als Instrumente zur Beherrschung des Globalen Südens zu benutzen. Er warnte, das Schicksal Palästinas könne sich „im kolumbianischen Karibikraum wiederholen“, und bezeichnete US-Angriffe auf mutmaßliche Drogenschiffe als „Akte der Tyrannei“. In New York organisierte er eine pro-palästinensische Demonstration und rief US-Soldat*innen dazu auf, „ihre Waffen gegen die Tyrannen zu richten“, was zur sofortigen Aufhebung seines Visums führte. Gleichzeitig setzte Kolumbien den Kauf von Waffen aus den USA und Israel aus und kündigte an, den Status eines globalen NATO-Partners aufzugeben – ein deutliches Signal einer zunehmend rebellischen Außenpolitik gegenüber Washington.

Distanzierung und Spannung im Karibikraum

Die Spannungen verlagerten sich schließlich aufs Karibische Meer. Dort intensivierten die USA ihre Militäroperationen gegen venezolanische Schiffe, die mit dem Drogenhandel in Verbindung stehen sollen – Einsätze, bei denen laut Berichten über 30 Menschen ums Leben kamen. Petro verurteilte diese Operationen als Verletzung der nationalen Souveränität, bekundete Solidarität mit Caracas und schlug eine koordinierte lateinamerikanische Antwort auf eine mögliche US-Intervention vor.

Trumps Reaktion fiel scharf und persönlich aus: Am 19. Oktober beschuldigte er Petro öffentlich, ein „Anführer des Drogenhandels“ zu sein – ein Wendepunkt in der Krise. Zugleich verkündete er nicht nur die Aussetzung der Gelder für den Kampf gegen die Drogen, sondern auch das Ende aller finanziellen Unterstützungszahlungen an Kolumbien. In einer über Truth Social verbreiteten Erklärung beschrieb Trump Petro als „Anführer des Drogenhandels, der die massive Drogenproduktion in ganz Kolumbien fördert, sowohl auf großen wie kleinen Feldern“. Er behauptete, dass der Drogenhandel zum größten Geschäft des Landes geworden sei und dass Petro nichts dagegen unternehme, trotz der von den USA bereitgestellten Subventionen. Schließlich warnte er, dass, falls der kolumbianische Präsident nicht das schließe, was Trump als „Vernichtungslager“ bezeichnet, seine Regierung selbst eingreifen werde.

Petro reagierte, indem er betonte, er habe während seines gesamten öffentlichen Lebens versucht, die Verbindungen zwischen Macht und illegalen Organisationen aufzudecken. Seine Regierung habe die USA stets respektvoll behandelt, während Trumps Administration „respektlos und ignorant gegenüber Kolumbien“ agiere. Von Bogotá aus wies das kolumbianische Außenministerium die Äußerungen von Trump als „beleidigend und eine direkte Bedrohung der nationalen Souveränität“ zurück und kündigte an, „alle internationalen Instanzen“ anzurufen, um die Anschuldigungen anzuzeigen. Der Generalstaatsanwalt Gregorio Eljach forderte die US-Regierung zudem auf, konkrete Beweise für ihre Behauptungen vorzulegen und warnte, dass ihre Anschuldigungen andernfalls einen Mangel an Respekt gegenüber den demokratischen Institutionen Kolumbiens darstellen würden.

Der Bruch mit Washington bedeutet zweifellos einen schweren wirtschaftlichen Schlag. Analyst*innen und Politolog*innen wie Alejandro Echeverry Gómez schrieben in El País jedoch, dass er vorhersehbar war. Bereits Monate zuvor habe die ausgesetzte militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit einen fortschreitenden Verfall der bilateralen Beziehungen signalisiert. Die politischen Folgen waren nichtsdestotrotz gravierender: Die kolumbianische Opposition nutzte den Konflikt mit Trump, um Petro weiter unter Druck zu setzen. Führungsfiguren der rechtskonservativen Partei Centro Democrático und konservative Politikerinnen stellten sich offen hinter Trump und gaben Petro die Schuld an der internationalen Isolation des Landes. Die Journalistin und Präsidentschaftskandidatin Vicky Dávila erklärte, Trumps Anschuldigungen spiegelten „die weltweite Wahrnehmung einer Regierung wider, die den Drogenhandel duldet“. Senatorin María Fernanda Cabal, ebenfalls Anwärterin auf die Präsidentschaft, sprach von einem „aufsteigenden Narco-Staat“ und versprach, im Falle eines Wahlsiegs 2026 die aktuelle Anti-Drogenpolitik abzuschaffen. Ex-Präsident Álvaro Uribe forderte seinerseits die „Wiederherstellung der Allianzen mit den USA, Israel und England, um den Terrorismus zu besiegen“ – ein klarer Gegensatz zur Außenpolitik Petros.


Petro rechtfertigt seine Außenpolitik als einen Versuch, die Allianzen Kolumbiens zu diversifizieren und die Unabhängigkeit gegenüber den Vereinigten Staaten zu stärken. Doch viele Beobachterinnen sind der Ansicht, er habe die strategische Bedeutung der Beziehung mit den USA unterschätzt, die über ein halbes Jahrhundert lang der wichtigste Garant und Finanzierer der politischen und wirtschaftlichen Stabilität des Landes war. Petros intensive internationale Agenda – mit mehr als 70 Auslandsreisen in gut zwei Jahren – steht sinnbildlich für eine rebellische, mutige, aber zugleich riskante Haltung. Er betont, Trumps Angriffe richteten sich nicht gegen Kolumbien, sondern gegen ihn persönlich und spricht von einer „medialen und politischen Offensive“, die darauf abziele, seine Amtszeit zu schwächen. Wie der ehemalige Außenminister Luis Gilberto Murillo mahnt: „Unser Volk verliert, wenn wir so weitermachen. Der Ausweg liegt nicht in gegenseitiger Herabsetzung, sondern in Diplomatie.“

Die Krise mit Trump ist kein vorübergehendes Ereignis mehr, sondern ein Symptom einer tieferliegenden strukturellen Spaltung. Die Aussetzung der Antidrogenhilfe und die Wirtschaftssanktionen sind kein plötzlicher Bruch, sondern ein Ausdruck der globalen Zwangspolitik der USA gegenüber Ländern, die sie nicht als ideologische Verbündete betrachten. Kolumbien steht nun auf der Liste jener Staaten, mit denen Washington seine Beziehungen „neu aushandeln“ will – unter härteren Bedingungen. Hinter den gegenseitigen Beleidigungen und Provokationen in sozialen Netzwerken verbirgt sich ein tiefergehender Streit über Kolumbiens Rolle in der neuen hemisphärischen Ordnung.

Kolumbiens geopolitische Neuorientierung

In diesem Kontext hat Kolumbien seine Beziehungen zu China durch den Beitritt zur „Neuen Seidenstraße“ vertieft und sucht verstärkt Annäherungen an Afrika, der arabischen Welt und Venezuela. Für einige Beobachter*innen markiert diese Diversifizierung das Ende der historischen Abhängigkeit von Washington; für andere stellt sie ein riskantes Unterfangen dar, dass das Land in einer polarisierten Welt ohne festen Anker zurücklassen könnte. Die Krise, verstärkt durch die sozialen Medien und persönliche Egos, treibt beide Seiten an einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Weder Trump noch Petro scheinen zum Einlenken bereit und beide nutzen die Konfrontation, um ihre innenpolitische Position zu stärken. Hinter den hitzigen Worten steht jedoch eine einfache Wahrheit: Keines der beiden Länder gewinnt durch diese Krise. Unabhängig von politischen Differenzen betreffen die Angriffe Trumps auf Petro und umgekehrt die Institutionen, die Souveränität und die Würde Kolumbiens und verstärken historische Stigmas, unter denen das Land seit Jahrzehnten leidet.


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„Totaler Frieden“ – nur ein leeres Versprechen?

Am 29. Juni veröffentlichte die spanische Zeitung El País eine Tonaufnahme eines Plans zum Sturz von Präsident Gustavo Petro. In dem Audio ist die Stimme von Álvaro Leyva zu hören, die heimlich aufgenommen wurde. Der bis 2024 amtierende Außenminister unter Petro soll kürzlich in die Vereinigten Staaten gereist sein, um sich mit Beratern zu treffen, die dem US=Außenminister Marco Rubio nahestehen. Leyva erklärt in der Aufnahme, sein Ziel sei es, Petro zu stürzen. Als Begründung führt er die Eskalation der Gewalt an und klagt: „Die öffentliche Ordnung ist aus dem Ruder gelaufen … der Typ (Petro) muss gehen.“

Leyva schlägt ein Bündnis mit Oppositionskandidaten und bewaffneten Gruppen wie der ELN und dem Clan del Golfo vor und sagt, Petro solle durch Vizepräsidentin Francia Márquez ersetzt werden. El País berichtet, dass Petro bereits vor mehreren Wochen Márquez zur Rede stellte, nachdem sie von Leyva als seine mögliche Nachfolgerin ins Spiel gebracht worden war. Petro soll von Márquez verlangt haben, öffentlich zu bestreiten, von Leyvas Plan gewusst zu haben. Francia Márquez habe sich geweigert, was der Präsident als Verrat empfunden habe. Nachdem El País die Audios veröffentlicht hatte, bestritten alle Genannten – einschließlich Márquez – ihre Beteiligung. Der Vorfall könnte das Verhältnis zwischen Präsidenten und Vizepräsidentin dennoch nachhaltig geschädigt haben.

Eskalierende Gewalt und der Zusammenbruch
der öffentlichen Ordnung

Es ist noch nicht lange her, dass die „öffentliche Ordnung“ die kolumbianische Politik erschütterte. Der im Juni verübte Anschlag auf den konservativen Senator Miguel Uribe hallt noch immer nach. Uribe, der 2026 als Präsidentschaftskandidat der rechten Partei Centro Democrático antreten wollte, wurde bei einer öffentlichen Veranstaltung in Bogotá von einem 14-jährigen Auftragsmörder mit mindestens sechs Schüssen attackiert. Drei Kugeln trafen ihn – zwei davon am Kopf – und brachten ihn in akute Lebensgefahr. Die Drahtzieher*innen hinter dem Verbrechen sind bislang nicht identifiziert worden, und viele schließen nicht aus, dass die Tat ungeklärt bleiben könnte. Präsidentschaftsinteressierte wie die Journalistin Vicky Dávila sowie rechtskonservative und rechtsliberale Parteien nutzten den Vorfall, um die Friedenspolitik der Regierung und Petros aggressive Kommunikation in den sozialen Netzwerken zu kritisieren und diesen Mordversuch mit seiner Politik in Verbindung zu bringen. In Abwesenheit jeglicher Beweise für eine tatsächliche Beteiligung des Präsidenten an dem Anschlag wird seine scharfe Rhetorik auf X (ehem. Twitter) als möglicher Brandbeschleuniger politischer Gewalt dargestellt. Ob Ablenkung oder indirekte Ursache – Analyst*innen und Medien diskutieren seither breit über die Verwendung gewaltgeladener Sprache in den sozialen Medien. Petro bedauerte das Attentat und versprach, seinen Ton in den sozialen Medien zu mäßigen. Innenminister Benedetti bezeichnete das Attentat als Zäsur im jüngsten Konflikt Kolumbiens.

Politische Machtkämpfe,
Polarisierung und ein
neuer Zyklus bewaffneter Gewalt



Jenseits dieser einzigartigen Ereignisse lohnt sich ein tieferer Blick auf die bewaffnete Gewalt in Kolumbien – und dieser zeigt, dass sich die Lage tatsächlich verschlechtert hat. Anerkannte Konfliktforscher wie Francisco Gutiérrez Sanín warnen sogar davor, dass das Land in einen dritten Zyklus bewaffneter Gewalt verfällt. Dieser neue Zyklus unterscheidet sich laut Sanin von dem als La Violencia bekannten Bürgerkrieg (1948-1958) und dem bewaffneten Konflikt (1964–2016) und ist durch neue Akteure gekennzeichnet – Splittergruppen der Paramilitärs, wie der Clan del Golfo, sowie der Guerilla, wie der Estado Mayor und die Segunda Marquetalia. In diesem Szenario erscheint die ELN einerseits als Überbleibsel des vorherigen Zyklus und andererseits als mafiöse Gruppe, die kaum noch politische Motivation erkennen lässt. Die neuen Gruppen sind lose organisiert und alliiert, weitgehend entideologisiert und haben wenig Interesse an einer Änderung des politischen Regimes in Kolumbien, wohl aber daran, ihre Einnahmen aus illegalen Wirtschaftszweigen wie Kokainhandel, Goldabbau und Erpressung zu sichern und zu steigern – unter anderem durch die Ermordung politischer Gegnerinnen und Einschüchterung. Laut Gutiérrez Sanín folgt die aktuelle Ermordung sozialer Anführerinnen, ehemaliger FARC-Kämpfer*innen und lokaler politischer Führungspersonen einer anderen Logik als in früheren Phasen des Konflikts: Die Opfer heute sind vor allem diejenigen Menschen, die Hindernisse für den Profit der bewaffneten Gruppen aus ihren illegalen Geschäften darstellen. Diese aktuelle Gewalt unterscheidet sich somit von der Ermordungswelle der 1980er und 1990er Jahre, die einen klar politischen Charakter hatte. Heute töten die bewaffneten Akteure in erster Linie, um ihre wirtschaftliche Stellung zu bewahren, während sie früher töteten, um politische Gegner*innen einzuschüchtern oder auszuschalten.

“Totaler Frieden” – eine gescheiterte Vision

Dieses komplexe Panorama ist der Regierung nicht unbekannt. Die 2022 gestartete Friedenspolitik unter Präsident Petro verfolgt das Ziel, mit bewaffneten Gruppen wie der ELN politische Verhandlungen zu führen und gleichzeitig Gespräche mit kriminellen Organisationen aufzunehmen – mit dem übergeordneten Ziel eines „totalen Friedens“. Nach mehr als zehn parallelen Gesprächsprozessen haben jedoch bislang nur zwei kleinere Gruppierungen im Departement Cauca spürbare Fortschritte erzielt. Im Mai 2025 passte die Regierung ihre Strategie an: Mit dem Frente 33 und der Coordinadora Nacional Ejército Bolivariano (CNEB) – beides FARC-Splittergruppen – wurden Abkommen über drei temporäre Aufenthaltszonen (Zonas de Ubicación Temporal, ZUT) in Tibú (Norte de Santander), Roberto Payán (Nariño) und Putumayo unterzeichnet.
Im Gesamtbild hat Petros Friedenspolitik jedoch bislang keine nennenswerten Fortschritte im Umgang mit den großen bewaffneten Akteuren erzielt. Das ELN hat deutlich gemacht, dass für die Organisation die Kontrolle über Territorien – und damit die Einnahmen aus illegalen Wirtschaftszweigen – Vorrang vor einem politischen Dialog mit der Regierung hat. Dies wurde Anfang 2025 offensichtlich, als das ELN bei einem massiven Angriff auf die Zivilbevölkerung in Catatumbo mehr als 50 000 Menschen in die Flucht trieb und Dutzende Zivilist*innen ums Leben kamen.
Auch die Gespräche mit der derzeit größten bewaffneten Gruppierung mit weitreichender territorialer Kontrolle, dem Clan del Golfo – der in einem Drittel der kolumbianischen Departments präsent ist – haben keinerlei Fortschritte gebracht. Der Trend wachsender Gewalt und einer zunehmenden Verschlechterung der Sicherheitslage war bereits unter der Regierung von Iván Duque erkennbar, der auf eine Politik der harten Hand gegenüber bewaffneten Gruppen setzte.
Laut einem Bericht des Internationalen Roten Kreuzes erreichte die humanitäre Krise 2024 ihren Höhepunkt seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens mit den FARC im Jahr 2016: Es wurden 382 mutmaßliche Verstöße gegen das Völkerrecht registriert. Auch Human Rights Watch meldete eine stärkere Präsenz bewaffneter Gruppen: Bis Mitte 2024 breitete sich der paramilitärähnliche Clan del Golfo im Vergleich zu 2022 um 55 % aus, das ELN um 23 % und die Segunda Marquetalia sowie das Comando Central – zwei Abspaltungen der aufgelösten FARC – jeweils um 30 %.
Vor diesem Hintergrund ist festzuhalten, dass Petros Plan eines „totalen Friedens“ drei Jahre nach seinem Start enttäuschend bleibt. Nun ist es Aufgabe des neuen Justizministers Eduardo Montealegre, ein umfassendes Statut für den totalen Frieden zu entwerfen – ein Instrument, mit dem er der Friedenspolitik im letzten Jahr der Amtszeit neuen Schwung verleihen will. Montealegre betont, es werde keine Straffreiheit für irgendeine Gruppe geben; dies werde kein Prozess der blinden Vergebung, sondern ein Ausgleich zwischen Frieden und Gerechtigkeit. Ob es dem neuen Minister gelingt, drei Jahre festgefahrener Verhandlungen wiederzubeleben, bleibt abzuwarten.


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