STIMMEN VOM REFERENDUM

Foto: Diego Reyes Vilma

Für die Volksabstimmung, die am 4. September in unserem Land stattfinden wird, ist meine Option die Annahme der neuen Verfassung wegen der historischen und sozio-politischen Entwicklung Chiles, die von Ungleichheit und Gewalt in allen Bereichen der Gesellschaft geprägt ist. Ich sehe dies als politischen Meilenstein. Als die Möglichkeit struktureller Veränderungen und ein endgültiges Ende des Erbes der Diktatur, um Platz zu schaffen für eine neue, pluralistischere Gesellschaft, die sich auf Rechte und Chancen konzentriert. Mit anderen Worten, ich glaube, dass wir mit diesem Verfassungsprojekt die Rechnung mit unserer Vergangenheit begleichen. Gleichzeitig ist es ein Text, der unsere Gegenwart repräsentiert, der den Menschen in all seinen Dimensionen anspricht – sexuell, affektiv, politisch, spirituell, wirtschaftlich, gemeinschaftlich, ökologisch – und den Weg für eine vielversprechendere Zukunft für alle öffnet. Als Frau, als Lehrerin und als Bürgerin eines Chiles des 21. Jahrhunderts befürworte ich die neue Verfassung.
// Paz (31), Lehrerin für Sprache und Literatur an einer ländlichen Schule, Region Los Ríos

Nachdem ich Gelegenheit hatte, den Verfassungsentwurf in aller Ruhe zu analysieren – zumindest die Artikel, die mich unmittelbar betreffen wie die Beziehungen zu den indigenen Völkern, Bildung, Justiz, soziale Absicherung und Gesundheit – habe ich den Eindruck, dass einige dieser Artikel, wenn nicht zweideutig, so doch zumindest sehr allgemein gehalten sind. Was je nach Couleur der amtierenden Regierung zu unterschiedlichen Auslegungen führen würde.
Obwohl die Mitglieder der Gruppe, die mit der Ausarbeitung des Vorschlags beauftragt war, eine Vielzahl von Standpunkten vertraten, überwogen in den meisten Artikeln die Vorstellungen der linksextremen Parteien. Der Staat ist meist derjenige, der alles bündelt, entscheidet und verteilt. Mit anderen Worten: Wir wären von der regierenden Partei abhängig. Das bedeutet nicht, dass der gesamte Entwurf negativ ist. Ich glaube, dass es Artikel gibt, die direkt darauf abzielen, diejenigen zu unterstützen, die gesellschaftlich, kulturell und wirtschaftlich benachteiligt sind. Dies sollte sicherlich anerkannt werden, aber es ist unethisch, Erwartungen zu wecken, deren Erfüllung von Faktoren abhängt, die sich der Kontrolle eines Landes, geschweige denn einer Regierung, entziehen. Insgesamt glaube ich, dass ich für den Vorschlag stimmen werde, wenn alle Parteien bereit sind, einige Änderungen vorzunehmen.
// Héctor (70), Rentner, Region Araucanía

Ich stimme für die neue Verfassung, weil zum ersten Mal in einer Verfassung das Wort Frau und sexuelle Dissidenz erwähnt wird, die Rechte der indigenen Gemeinschaften anerkannt werden und sie zum Teil des Landes gemacht werden. Sie begründet soziale Rechte wie Bildung, Gesundheit, angemessenes Wohnen, ein Leben in einer Umgebung frei von Umweltmissbrauch und die Achtung von Flora und Fauna. Die Verfassung wird unsere Probleme nicht lösen, aber sie ist eine Navigationskarte, die es uns ermöglicht, den Raum zu erweitern, in dem wir uns bewegen können, um ein besseres Leben für alle Chilen*innen zu gewährleisten.
// María (31), Rechtsanwältin, Antofagasta

Fahnen schwenken Anhänger*innen des Rechazo feiern das Wahlergebnis (Foto: Diego Reyes Vilma)

Ich stimme am 4. September zu, weil ich der Meinung bin, dass diese Verfassung die Menschenrechte, einschließlich der sexuellen und reproduktiven Rechte, wirksam schützt. Als Aktivistin in diesem Bereich ist es für mich sehr wichtig, dass beispielsweise das Recht auf umfassende Sexualerziehung, die Anerkennung verschiedener Identitäten, Ausdrucksformen und sexueller Orientierungen sowie der Schutz und die Gewährleistung des Rechts aller auf Bildung, Wohnung und Gesundheit einbezogen werden. Das sind historische Kämpfe gewesen, die wir von verschiedenen sozialen Bewegungen aus geführt haben, insbesondere für das Recht auf Bildung durch die Studentenbewegung, bei der ich 2011 aktiv war. Deshalb ist es für mich sehr wichtig, dass die neue Verfassung angenommen wird und wir dadurch mit dem Erbe der Diktatur fertig werden.
// Mar (29), Psychologin, Coquimbo

Mein Hauptgrund, mit „Ja” zu stimmen ist, dass unsere erste Verfassung von fünf Personen verfasst wurde, denen es nur darum ging, die Interessen einiger Weniger, vor allem der wohlhabenderen Klasse, zu wahren. Die Verfassung, die im letzten Jahr geschrieben wurde, wurde von einer Versammlung formuliert, in der die Geschlechter paritätisch vertreten waren, die gleiche Anzahl von Männern und Frauen, und sie wurde von mehr als 150 Personen geschrieben, die auf nationaler Ebene gewählt wurden. Daher scheint es mir ein viel demokratischerer und repräsentativerer Mechanismus zu sein, als es beim ersten Mal der Fall war.
// Juan García (35), Englischlehrer, Region Valparaíso

Für mich ist der Hauptgrund, mit „Nein” zu stimmen, die Gesundheit und der Wohnraum. Ich bin nicht damit einverstanden, dass Menschen ihr Haus weggenommen wird, nachdem sie dafür gekämpft und einen Zuschuss abbezahlt haben, ihr Haus repariert haben und alles getan haben, damit es für ihre Kinder erhalten bleibt, und jetzt wird es ihnen weggenommen.
Und die Gesundheit, das Gesundheitssystem hier ist schrecklich. Auch die Bildung ist hier äußerst schlecht, aber das ist sie überall. Ich denke, dass sie nur in entwickelten Ländern gut ist. Aber Gesundheit und Wohnen sind die wichtigsten Punkte, um mit „Nein” zu stimmen.
// Sofía (55), Serviceassistentin im Krankenhaus, Großraum Santiago de Chile

Heute kein Fußball Das Estadio nacional in Santiago dient beim Referendum als Wahllokal (Foto: Diego Reyes Vilma)

Ich werde mit „Nein” stimmen, weil ich kein geteiltes Land will, sondern ein freies Land. Ich habe den Militärputsch im Jahr 73 miterlebt und weiß, wie es ist so etwas zu erleben. Ich weiß, dass die Kriminalität in Chile sehr hoch ist, und ich sehe, dass die Regierung sehr besorgt ist, aber nicht unparteiisch. Eine Regierung, ob rechts oder links, muss angesichts dessen, was wir als Land durchmachen, unparteiisch sein. Doch dieser Präsident macht Werbung für die Zustimmung und das ist nicht richtig. Er hält uns für dumm, er hält uns für unwissende Menschen. Und er liegt ziemlich falsch, denn wir informieren uns. Man hat uns gesagt, dass wir die Verfassung lesen müssen. Wir haben sie gesehen, aber die Verfassung muss als Rechtsform verstanden werden. Punkt − eine juristisch superwichtige Sache. Zum Beispiel Wohnen. Da heißt es, dass alle Wohnraum haben werden, ein anständiges Haus haben, aber kein eigenes Haus. Das wird kein Vergnügen sein, nie wirst du ein anständiges Haus haben, weil man eine Miete an den Staat zahlen muss. Und das bedeutet, dass die Menschen, die in diesem Haus leben, immer für die Regierung sein müssen. Für mich ist das daher diktatorisch.
// María (66), evangelische Pastorin, Santiago

Der Verfassungsentwurf wurde von einem Teil der Bürger unter Ausschluss der Befindlichkeit von Millionen von Chilenen ausgearbeitet, und von diesem Zeitpunkt an war der Prozess verfälscht. Viele Menschen vertrauten dem mit der Ausarbeitung der Verfassung betrauten Gremium, fühlten sich aber enttäuscht. Ich persönlich habe mich enttäuscht gefühlt, weil Entscheidungen getroffen wurden, ohne dass alle angehört wurden und weil eine ständige Atmosphäre des Streits und der Konflikte herrschte, die die Chilenen nicht vereinte, sondern tief spaltete.
Ich finde, dass die politische Verfassung innerhalb der normativen Hierarchie eine breitere und allgemeinere Norm sein sollte. Im Entwurf der neuen Verfassung wurde vielmehr versucht, bestimmte Situationen zu regeln, die in einem Gesetz behandelt werden können. So wurde beispielsweise versucht, geschlechtsspezifischen Dissens oder historisch ausgegrenzte Gruppen zu verankern, obwohl dies aus normativer Sicht bereits in der bestehenden Verfassung mit dem Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz gelöst ist.
Außerdem wurde der Senat abgeschafft, was mir undemokratisch erscheint, denn der Zweck eines Kongresses mit zwei Kammern (Abgeordnete und Senat) setzt voraus, dass eine gegenseitige Kontrolle ausgeübt wird. Mit dem neuen Verfassungsentwurf würde dies nicht mehr der Fall sein. Außerdem bin ich mit der angestrebten regionalen Autonomie nicht einverstanden, da es in Chile Regionen mit hohem Einkommen und Regionen mit niedrigem Einkommen gibt. Dies könnte zu Problemen bei der Regierungsführung und ungleichem Wachstum in den Regionen führen.
Bei den Grundrechten, insbesondere den sozialen Rechten wie Wohnen, Gesundheit und Bildung, ist nicht klar, wie sie finanziert werden sollen, und der Textentwurf beschränkt sich auf die Feststellung, dass die Finanzierung schrittweise erfolgen soll. Dies ist angesichts der Sensibilität des Themas nicht ausreichend. Ich denke also, dass der Text einmal mehr eine gute Absicht ist, die in der Praxis nicht unbedingt erfüllt wird. Es gibt ein Problem bei der Erfüllung von Erwartungen.
In Bezug auf das Recht auf Gesundheit wird die Möglichkeit, zwischen einem privaten und einem öffentlichen System zu wählen, ausgeschlossen. Es wird nur öffentlich, wobei bekannt ist, dass der Staat keine vollständige Deckung in diesem Sinne bieten kann. Auch das Eigentum an den Pensionsfonds geht verloren.
Kurz gesagt, ich denke, die neue Verfassung war zu lang, mehr als 450 Artikel im Vergleich zu den 143 der aktuellen Verfassung. Viele Grundsatzerklärungen, aber wenig praktisch, ohne Garantie für ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell, das eine optimale Entwicklung des Landes ermöglichen würde − eines südamerikanischen Landes, das vergleichbare Beispiele wie Venezuela oder Argentinien beachten sollte.
// Nicolás (33), Rechtsanwalt, Santiago

DIE RUHE VOR DEM STURM

Foto: Frente Fotográfico

Wie jedes Jahr richten sich Ende Februar die Augen der Chilen*innen nach Viña del Mar, wo sechs Tage lang das internationale Songfestival stattfindet, eines der meist beachteten Musikereignisse Lateinamerikas. Doch dieses Mal ist alles anders: #SinJusticiaNoHayFestival, „Ohne Gerechtigkeit kein Festival“, meinen viele und fordern zunächst erfolglos die Absage des kommerziellen Großereignisses. Tausende protestieren, doch von Beginn an kontrollieren Sicherheitskräfte den Eingang zum Festivalgelände Quinta Vergara streng und weisen mutmaßlich Protestwillige ab. Einige Plakate schmuggeln sie dennoch hinein, und Künstler*innen wie Mon Laferte oder Ricky Martin solidarisieren sich von der Bühne aus mit den Protesten. Ein Rückschlag für die Regierung, die mit dem Festival Normalität demonstrieren möchte. In der chilenischen Presse wird anschließend besonders über Ausschreitungen abseits des eigentlichen Festivals berichtet: Auf das Nobelhotel O’Higgins in der Nähe werden Steine geworfen, Scheiben zerbrechen und Tränengas gelangt nach drinnen, Gäste werden evakuiert und mehrere Autos in Brand gesetzt. „Dies ist nicht die beste Art des Protestes“, sagt eine Frau hinterher Efe TV gegenüber, „aber die Leute sind müde, denn für das Festival wird sehr viel Geld ausgegeben, das eigentlich in das Gesundheitssystem und in die Bildung gesteckt werden müsste.“

Viele rechtfertigen den Einsatz von Gewalt gegen Gegenstände als Antwort auf die staatliche Repression, die weiterhin wahrnehmbar ist. Über die sozialen Medien werden immer wieder neue Aggressionen der Sicherheitskräfte bekannt, vor allem im Großraum Santiago. Da ist zum Beispiel das Video, in dem man sieht, wie sieben Carabineros – einige davon in Zivil – aus einem Polizeifahrzeug aussteigen, um brutal auf den Studenten Matías Soto einzuprügeln und zu -treten. Oder die Berichte von Matías Pérez, der nach Faustschlägen in einem Polizeifahrzeug einen Nasen- und Augenhöhlenbruch erlitt. Seine Verletzungen wurden in dem Polizeibericht darüber jedoch nicht erwähnt. Die Liste ließe sich fortsetzen. Laut nationalem Menschenrechtsinstitut (INDH) sind in der Hauptstadtregion bisher etwa 90 Prozent solcher Angriffe von den Carabineros verübt worden, die restlichen von der zivilen Polizei PDI und vom Militär, welches nur während des neuntägigen Ausnahmezustands im Oktober 2019 eingesetzt wurde.

Mitte Februar forderten die Menschen bei den Protesten auf der Plaza de la Dignidad daher unter dem Motto „Un San Valentín Sin Rozas“ („Valentinstag ohne Rozas/Rosen“) den Rücktritt von Mario Rozas, dem Generaldirektor der Carabineros. Während auf dem Platz nach wie vor Tausende zusammenkommen, sind es doch keine riesigen Massen mehr wie anfangs – allerdings ist im Februar auch Ferien- und Urlaubszeit in Chile. Größere Proteste finden mittlerweile nur noch an Freitagen statt, dem Wochentag, an dem am 18. Oktober alles begann. Noch stehen laut der Umfrage Plaza Pública 56 Prozent der Chilen*innen hinter den Protesten – ein Rückgang um 16 Punkte seit Oktober. Beginnen die Proteste sich also totzulaufen, wie der rechtsgerichtete Präsident Sebastián Piñera zweifellos hofft?

„Noch haben wir nichts erreicht!“, ist ein Satz, den man auch nach vier Monaten unter den Protestierenden oft hört – es ist das Gefühl, dass immer noch alles vergeben gewesen sein kann. „Ich lade die Leute dazu ein, mobilisiert zu bleiben“, sagte im November vorausahnend ein Spitzenpolitiker, „wenn sie nicht aufpassen, werden viele die Veränderungen nicht umsetzen.“ Der Politiker war nicht etwa ein Linker, sondern Mario Desbordes, Präsident der Nationalen Erneuerung (RN), einer der Regierungsparteien aus dem rechten Spektrum. Er wird es wohl wissen.

Die Polizeigewalt könnte noch ein Fall für die internationale Justiz werden

Die handfesten Folgen der Proteste sind bisher eher traurig: über 10.000 Verhaftungen hat das INDH seit Oktober gezählt, von denen knapp 2.000 illegal waren (ein Anstieg von 77,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum) und mehr als 3.700 Verletzte durch Polizeigewalt, davon mehr als 2.000 durch Schüsse. 445 Menschen haben Augenverletzungen davongetragen, davon erlitten 34 schwerste Verletzungen oder einen Sehverlust. In mehr als 1.300 Fällen wurden bereits rechtliche Schritte seitens der Opfer eingeleitet, davon in 195 Fällen wegen Gewalt mit sexualisiertem Charakter wie erzwungenem Ausziehen, Begrapschen oder Vergewaltigungen, in 951 Fällen wegen Folter und Misshandlungen, in fünf wegen Mordes. Zur weitergehenden juristischen Aufarbeitung gibt es noch keine systematische Erfassung. Eine zumindest zweistellige Zahl von Polizist*innen ist inzwischen wegen Folter und sexualisierter Gewalt in verschiedenen Fällen von der Staatsanwaltschaft angeklagt und daraufhin in Untersuchungshaft genommen worden.

Gleichzeitig hat die Justiz begonnen, die übergeordnete Verantwortung von Präsident Sebastián Piñera und weiterer Autoritäten, wie Innenminister Gonzalo Blumel, seinem Vorgänger Andrés Chadwick sowie dem Generaldirektor der Carabineros, Mario Rozas, zu untersuchen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sie aufgrund von 30 Anzeigen wegen des Todes von Mauricio Fredes, der auf der Flucht vor der Polizei in ein Loch stürzte, des Einquetschens von Óscar Pérez zwischen zwei Polizeifahrzeugen (siehe LN 548) sowie weiterer schwerer Verletzungen von Demonstrant*innen. Ein Gericht hat bereits die Vernehmung von Mario Rozas genehmigt. Aufgrund der drohenden hohen Strafen von bis zu 20 Jahren für Verbrechen gegen die Menschlichkeit haben die Carabineros bereits mehrere Anwälte für die Verteidigung abgestellt. Weitere Anwälte aus renommierten Kanzleien des Landes boten sogleich ihre (zum Teil unentgeltliche) Hilfe an und gründeten die NGO Nos Importan („Ihr bedeutet uns etwas“), die für angeklagte Mitglieder der Sicherheitskräfte juristische Hilfe organisiert und finanziert. Viele Mitglieder dieser NGO haben geschäftliche Verbindungen zu großen Unternehmen, die ihre Interessen durch die Proteste bedroht sehen. Darunter ist etwa der Anwalt Juan Francisco Gutiérrez Irarrázaval, der als Berater der Luksic-Unternehmensgruppe und der Reorganisation der Energiefirma Enersis 2015 gewirkt hat (die Nachfolgefirma Enel wird heute von einem Cousin Piñeras geleitet).

Auf den begonnenen Ermittlungen gegen die Verantwortlichen ruhen hohe Erwartungen. Der derzeit suspendierte spanische Richter Baltasar Garzón, für die Verhaftung Pinochets im Jahr 1998 verantwortlich, hat die Polizeigewalt in Chile kürzlich als ein nach dem internationalen Strafrecht relevantes Verbrechen eingeschätzt, das auch vor einem internationalen Gericht verhandelt werden könnte, falls in Chile keine adäquate Aufarbeitung erfolge.

Während die Regierung einerseits besorgt auf die Anklagen blickt, setzt sie an anderer Stelle Hoffnungen in die Justiz: Gleich am Tag des Inkrafttretens des mit Hilfe von Teilen der Opposition verabschiedeten „Anti-Plünderungs-Gesetzes“ erfolgten Ende Januar auf dessen Basis 12 Festnahmen von Demonstrant*innen. „Dieses beschämende neue Gesetz versucht, die Gefängnisse mit Demonstranten in Untersuchungshaft zu füllen und den gleichen Carabineros, die die Menschenrechte verletzen, zu ermöglichen, ihre Opfer ohne Beweise zu beschuldigen“, erklärte daraufhin der grüne Abgeordnete Félix González.

Doch die Protestierenden kritisieren nicht nur die jüngst verabschiedeten Gesetze: Ihre wichtigste Forderung nach einer neuen Verfassung bleibt auch vier Monate nach dem Ausbruch der Proteste bestehen. Die Vorbereitungen für die Kampagne zum Verfassungsreferendum am 26. April haben bereits begonnen. Die Chilen*innen sind dann aufgerufen zu entscheiden, ob es eine neue Verfassung geben soll und wie sich die Versammlung bilden soll, die diese im Falle einer Zustimmung ab Oktober ausarbeiten wird: mit 50 Prozent Parlamentsabgeordneten oder mit ausschließlich neu gewählten Delegierten. Das nahende Plebiszit hat im Februar nun auch die Gegenseite auf die Straße gebracht, es demonstrierten bis zu 2.000 Gegner*innen einer neuen Verfassung – nicht auf der Plaza de la Dignidad, sondern im Reichenviertel Las Condes, hochgehaltene Pinochet-Porträts inklusive.

Vom 27. März bis 23. April wird es eine Fernsehkampagne mit täglich zwei 15-minütigen Blöcken zu je einer der beiden Fragen des Referendums geben, beiden Antwortoptionen steht jeweils die Hälfte der Zeit zur Verfügung. Anders als im Referendum 1988, das zur Abwahl Pinochets führte, wird es jedoch nicht jeweils einen Pro- und einen Contra-Beitrag geben, sondern mehrere. Politische Parteien oder Parteienkoalitionen sowie unabhängige Abgeordnete bekamen in beiden Sendeblöcken auf Antrag Sendezeit für eine oder beide Antwortoptionen zugeteilt, insgesamt proportional zu ihrer parlamentarischen Repräsentanz. Dies führte allerdings dazu, dass in einigen Fällen extrem kurze Sendezeiten zugeteilt wurden. Eine Abgeordnetengruppe um den ehemaligen Mitte-Links-Präsidentschaftskandidaten Alejandro Guillier bekam etwa eine halbe Sekunde bzw. 17 „Bilder“. Für die Optionen „Pro neue Verfassung“ sowie „Pro 100 Prozent gewählte Versammlung“ registrierten sich zudem mehr Parteien und Abgeordnete als für die jeweilige Gegenposition, was dazu führte, dass die einzelnen progressiven Gruppen weniger Zeit zugeteilt bekamen als die konservativen, am meisten Zeit bekam mit ca. vier Minuten die ultrarechte Unabhängige Demokratische Union (UDI). Ein Drittel ihrer zugeteilten Zeit müssen die Parteien zudem an zivilgesellschaftliche Gruppierungen abgeben, die mit ihnen an der Kampagne teilnehmen wollen.

75 Prozent der Chilen*innen wollen eine neue Verfassung

Während eine vielstimmige Fernsehkampagne absehbar ist, scheint das Ergebnis schon längere Zeit festzustehen. Die Umfrage Data Influye ermittelte zuletzt eine nochmals gestiegene Zustimmung von 75 Prozent für das „Ja“ zu einer neuen Verfassung. Auch bei der Frage der Zusammensetzung der Verfassungsversammlung gibt es eine Tendenz: 44,1 Prozent der Wahlberechtigten sind für eine vollständig neu gewählte Verfassungsversammlung, nur 27,2 Prozent für eine Versammlung, die zur Hälfte aus Abgeordneten besteht (Pulso Ciudadano). Die Gegner einer neuen Verfassung dürfen mit über diese Frage abstimmen, was der gemischten Versammlung de facto einen strukturellen Vorteil verschafft, ansonsten würde das Ergebnis hier vermutlich ebenfalls bereits feststehen.

Demgegenüber bleiben die Umfragewerte für die Regierung schlecht: Nur noch sieben Prozent der Chilen*innen sind mit Präsident Piñera zufrieden, 4,6 Punkte weniger als im Januar, hinter Piñeras Kabinett stehen sogar nicht einmal sechs Prozent (Pulso Ciudadano).

Zumindest die Umfragen lassen derzeit also Grund zur Hoffnung. Mit dem Ende der Sommerferien und mehreren Anlässen mit hohem Mobilisierungspotenzial im März – Frauen*kampftag, der zweite Jahrestag von Piñeras Amtsantritt und ein Gedenktag für die Opfer der Militärdiktatur – kann außerdem erwartet werden, dass es vor dem Plebiszit Ende April noch richtig rund geht.