Das Dilemma mit der Solidarität

Am Anfang war es einfach, mit Nicaragua solidarisch zu sein. Nach den Grauen der Somoza-Diktatur und des Bürgerkrieges wurde Nicaraguas Entwicklung unter sandinistischer Führung weitgehend wohlwollend, enthusiastisch und voller Hoffnung verfolgt. KritikerInnen und SkeptikerInnen wurden als „ewige Unken“ verdammt. Komplizierter wurde es, als der Alltag einkehrte und die Sandinisten, von der US-Blockade und dem Contra-Krieg in die Enge getrieben, anders reagierten, als wir von ihnen erwartet hatten oder schlichtweg andere Vorstellungen hatten, ihre politischen Ziele zu verwirklichen, als wir hofften. Die Probleme mit den Misquitos an der Atlantikküste und Gerüchte über Menschenrechtsverletzungen zum Beispiel wollten viele von uns nicht wahrnehmen. Sie paßten nicht in unser Idealbild der sandinistischen Politik.
Die Solidaritätsbewegung reagierte verunsichert. Einige wandten sich enttäuscht ab. Andere ignorierten die Kritik oder taten sie als CIA-Propaganda ab. Wieder andere entschuldigten wohlwollend unpopuläre Entscheidungen mit dem Lernprozeß der Sandinisten (Demokratie will gelernt sein) und riefen zur Geduld auf. Vorwürfe über Zensur wurde (gleich dem Nica-Originalton) mit der politischen Unmündigkeit der Bevölkerung entschuldigt, die der Gefahr der Verhetzung ausgesetzt würden. Wir EuropäerInnen hätten keine Ahnung und kein Recht, uns einzumischen und unsere Visionen von Revolution auf Nicaragua zu übertragen. KritikerInnen liefen Gefahr, als Contras beschimpft zu werden und dem schwierigen Prozeß der sandinistischen Politik in Nicaragua zu schaden.
Für solidarisch-kritische BeobachterInnen wurde es Mitte der achtziger Jahre immer schwieriger, über die geschmacklosen Witze in der Barricada und die überwiegend sexistischen Anspielungen auf die Vertreter der Kirche zu lachen. Die endlosen Diskussionen über die Vorzüge der DDR (und die Rechtfertigung, im kapitalistischen Teil Deutschlands zu leben) konnten einem angesichts der blinden Unterstützung und schwarz-weiß-Malerei auf die Nerven gehen. (Aus welchem Deutschland kommst du? Aus dem guten oder dem bösen?)
Fruchtbare Diskussionen darüber, daß die Welt komplexer ist, waren kaum möglich. Spätestens nach der Tschernobyl-Katastrophe im April 1986, als die Barricada behauptete, die kommunistischen Atomkraftwerke seien nicht so gefährlich wie die kapitalistischen, und die westlichen Warnungen als hysterisch abtat, bekamen mehr und mehr Solimenschen Zweifel an der Glaubwürdigkeit einiger sandinistischer Führer. Interviews mit sandinistischen Politikern oder Experten wurden immer frustrierender. Unisono wurden interne Probleme oder Unmut in der Bevölkerung ignoriert. Selbstkritische Analysen gab es kaum. Sündenböcke waren der CIA und die USA.
Veranstaltungen wie die mit Ernesto Cardenal in der Berliner Kunstakademie 1987, auf der er vor einem wohlinformierten Publikum, das Nicaragua und die prekäre Wirtschaftslage des Landes und den Unmut der Bevölkerung kennengelernt hatte, in einem Gedicht die Bevölkerung seines Landes pries, die angesichts der leeren Regale in den Supermärkten trotzdem stolz auf die Fortschritte der Revolution sind, waren eher peinlich und machten das Klima der Verunsicherung in der Solibewegung nicht besser.
Was war politisch korrekt zu veröffentlichen und was nicht? Solidarität um jeden Preis? Mit wem? Ist Kritik Verrat, Eurozentrismus oder wichtig und lehrreich? Heißt Kritik üben, den Rechten in die Hände zu arbeiten und den Nicas zu schaden?
In diesem Solidaritätskonflikt war die Redaktion der LN für mich sehr wichtig. Hier war Raum für offene Diskussionen und die geheimsten Kritiken und Befürchtungen konnten geäußert werden. Den meisten Redaktionsmitgliedern waren diese Probleme aus eigener Erfahrung bekannt. Die Auseinandersetzung mit anderen Ländern des Kontinents relativierten die Probleme und ließen sie mit mehr Abstand und in einem historischen Gesamtkontext sehen. Die Lernprozesse aus der Geschichte des Kontinents (zum Beispiel die teilweise bitteren Erfahrungen aus der Chilebewegung mit tiefen Gräben zwischen verschiedenen Fraktionen) waren hilfreich in der Suche nach dem richtigen Maß an Solidarität.
Die LN war nie ein Sprachrohr der FSLN oder irgendeiner Partei oder Organisation. Ihre Philosophie ist die der Unabhängigkeit und kritischen Solidarität. Sie hat die Verpflichtung ihren LeserInnen gegenüber, ausgewogen zu informieren. Nachlässige Recherchen, Ignorieren von wesentlichen Fakten, überoptimistische Artikel (zumal in einer Zeit, in der viele LeserInnen selbst das Land bereist und die Realität erlebt hatten) kann sich die Zeitschrift nicht leisten, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.
Was also tun mit Informationen, die kritisches Licht auf die Politik der ohnehin von Problemen gebeutelten Sandinisten werfen und vielleicht den reaktionären Kräften in die Hände arbeiten? Ignorieren, weglassen? Den Finger auf die Wunde legen? Diplomatisch verschönern? Kritisch dokumentieren? Die LN hat immer einen Mittelweg gefunden und ihre Unabhängigkeit und Integrität behalten.
Die LN wird neben aktuellen Ereignissen auch von den Menschen, die in der Redaktion mitarbeiten, geprägt. Mit dem Wechsel von Redaktionsmitgliedern ändert sich auch der Blickwinkel.

Mucho Machismo

Das Thema „Frauen“ zum Beispiel war lange Zeit unterrepräsentiert. Mit der Nicabewegung Anfang der Achtziger wurden mehr Artikel über Frauen aus Nicaragua, aber auch aus Chile, Peru und anderen Ländern abgedruckt. Anfangs war bei vielen Redaktionsmitgliedern eine gewisse Zurückhaltung zu spüren, neben den wesentlichen Themen aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaft Platz zu machen für banalere Themen von Frauen, wie Gewalt und Machismus. Aber diese Widersprüche sind uns hinreichend bekannt. Wer kennt schon Jenny von Westphalen?
Doch nachdem sogar Tomás Borge die Frauenfrage auf seine Fahnen schrieb: „Wir werden niemanden als revolutionär ansehen, der nicht bereit ist, gegen die Unterdrückung der Frau zu kämpfen“, schien es politisch korrekt und zeitgemäß zu sein, sich auch diesen Themen zu widmen.
Doch damit gab es ein weiteres Problem mit der Solidarität. Wer gibt schon gerne zu, daß ein geschätzter Politiker, der vielleicht eine clevere, fortschrittliche Politik betreibt und wesentliche gesellschaftliche Veränderungen eingeleitet hat, privat ein „hijo de puta“ sein könnte, der seine Frau hintergeht, nicht respektiert, unterdrückt oder gar übelst schlägt – und damit an Glaubwürdigkeit verliert? Andererseits, auch wenn viele Politiker die Frauenfrage aufgriffen, beweist das nicht viel. „Participación de la mujer“ ist leicht zu fordern. Schwierig wird es dann, wenn es um die eigene Frau geht.
Auch wir Frauen hatten unsere Probleme mit der Solidarität mit einigen unserer nicaraguanischen Schwestern. Das Bild der kämpfenden, sich für die Revolution und ihre Kinder aufopfernden Mutter, die noch am Grab ihres gefallenen Sohnes eine Lobeshymne auf die Sandinisten anstimmt und zum Kampf gegen die Contra aufruft, ist schwierig nachzuvollziehen. Wir mögen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen angesichts einer gestandenen Frau, die selbstbewußt ihr Leben meistert und ihre fünf Kinder alleine aufzieht, hart arbeitet, finanziell unabhängig ist, nebenbei vielleicht noch eine Ausbildung macht, sich dann doch wieder auf den (nach unserer Sicht) nächstbesten hoffnungslosen Trunkenbold einläßt, in der Hoffnung, ihn durch ein gemeinsames Kind an sich zu binden, um endlich die gewünschte gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen, die ihr als ledige Mutter verwehrt wird, obwohl mehr als siebzig Prozent der Nica-Frauen alleinerziehende Mütter sind.

Probleme mit der Solidarität

Dann noch das Bild, das die Nicaraguanerinnen von uns Europäerinnen haben. Da ist die Angst vor Konkurrenz, daß wir ihr ihren Mann wegschnappen, vielleicht auch insgeheim Bewunderung, daß wir frei und unabhängig sind, zu gehen, wohin wir wollen, meist jedoch Unverständnis, wenn wir mit 30 noch keine Kinder haben (was sich in Mitleid verwandelt ab Mitte 30, wenn Unfruchtbarkeit als die Ursache vermutet wird).
Zwei Welten stoßen hier aufeinander und begegnen sich mit viel Unverständnis und wenig Toleranz für das Andere auf beiden Seiten. Eine ausgewogene solidarische Berichterstattung ist auch hier schwierig.

Sich treu bleiben und zur Wandlung fähig zu sein

Auch hier hatte die LN eine wichtige Funktion inne. Die bunte Mischung der Redaktion in Alter, Geschlecht, Erfahrung und Meinung hat interessante Diskussionen und Entwicklungen ermöglicht, die gleichzeitig die gesellschaftlichen Diskussionen und Entwicklungen widerspiegeln. Sind Anfang der achtziger Jahre Artikel über Frauen nur zögerlich veröffentlicht und als unwesentlich abgetan worden, sind Genderfragen jetzt integraler und unbestrittener Bestandteil der Berichterstattung. Eine Sondernummer zu Bevölkerungspolitik wie im Jahr 1993 wäre früher kaum möglich gewesen.
Die Entwicklung der LN zeigt, daß sie fähig ist, flexibel auf die aktuellen gesellschaftlichen Erfordernisse zu reagieren, ohne sich selbst untreu zu werden und sich in einem permanenten Veränderungsprozeß befindet, was sich nicht zuletzt an ihrem Outfit zeigt. Ich bin stolz darauf, zehn Jahre lang in der LN mitgearbeitet zu haben. In diesem Sinne „Feliz cumpleaños“und ein Hoch auf die nächsten 25 Jahre!!


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Die Gringos gehen – der Weihnachtsmann kommt

In Albrook, einer der bereits verlassenen Kasernen des Kommando Süd der US-Streitkräfte am Kanal von Panama, hat in einem der zurückgelassenen Verwaltungsgebäude die City of Knowledge Einzug gehalten, panamaisches Prestige-Projekt unter besonderer Fürsorge des Staatspräsidenten Ernesto Perez Balladares. In der Werbebroschüre wirbt die Stiftung für sich als „einzigartiges Projekt“, unter dessen Dach die Koordination internationaler Lehr- und Forschungsinstitutionen betrieben werden soll, mit dem Ziel, Panama als internationalen Forschungsstandort zu etablieren. Zugpferd ist der US-Forschungskoloß Smithsonian Institute, der seit Jahren schon in den tropischen Wäldern Panamas Biodiversitäts-Studien durchführt.
Kürzlich beschloß die EU, innerhalb der City of Knowledge einen Technologie-Park mit 1,1 Mio US-Dollar zu unterstützen. Die Zugangskriterien zur Ciudad del Saber, wie sie wahlweise genannt wird, scheinen zwar hoch (Internationalität, Renomée und Erfahrung, Interdisziplinarität, Kompatibilität, Innovation, etc.), in der Praxis aber reduziert sich die Sache auf das Zur-Verfügung-Stellen von Infrastruktur für jedwedes Unternehmen, das die Standortvorteile Panamas für seine Zwecke, seien es akademische oder privatwirtschaftliche, nutzen will. Im Dezember vom Parlament ins Leben gerufen, wird nun mächtig die Werbetrommel gerührt. Wenn die City of Knowledge Ende nächsten Jahres nach Fort Clayton, zur Zeit noch von US-Amerikanern besetzt, umziehen wird, „hat sie sich“, so hofft Direktor Prof. Jorge Arosemena, Ex-Chef der Universidad de Panama, „international als First-Class-Forschungszentrum etabliert“.

Rückgabe bis zum Jahr 2000

Die City of Knowledge ist das Vorzeigeobjekt Panamas innerhalb der nicht ganz einfachen Aufgabe, die Territorien der nach und nach an die Staatssouveränität übergebenen US-Kasernen an den Ufern des Kanals in den urbanen und ökonomischen Großraum Panama-Stadt zu integrieren. Viel mehr an städteplanerischen Ideen hat sich die Autoridad de la Region Interoceanica (ARI), die für die Verwaltung, Planung und Nutzung der übergebenen Kasernen-Areale zuständig ist, für die zum Teil ziemlich heruntergekommenen Grundstücke und Immobilien noch nicht einfallen lassen.
Auf dem Gelände des ehemaligen Militärflughafens Albrook wird der Regionalflughafen Paitilla, der zur Zeit noch im Herzen der Stadt die Bankentürme säumt, angesiedelt, hier und da hat man sich eine Altenwohnanlage oder ein Ärztezentrum ausgedacht, verschiedene Regierungsinstitutionen sollen hierher umziehen. Der Großteil der Freizeitanlagen, Sozialzentren, Supermärkte, Verwaltungs-, Büro- und Wohnhäuser aber wird schlicht verkauft. Ursprünglich wollte man eine Quote für InländerInnen freihalten, mangels städteplanerischer Visionen wurde dies dann aber obsolet und schließlich vergessen.
Die Kanal-Verträge zwischen Panama und den USA, 1977 von den Präsidenten Torrijos und Carter unterzeichnet, sehen den vollständigen Abzug der US-Truppen aus Panama bis zum 31.12.1999 vor. Nun ist er im vollen Gange, nach und nach werden unter zeremonienschweren Gedenkfeiern die einzelnen Territorien übergeben und die US-Flaggen eingeholt. Im September 1997 begann der offizielle Abzug, zur Zeit verbleiben noch rund 4000 Soldaten mit ihren Familien in den Basen Davis und Espinar an der Atlantikküste, sowie Amador und Albrook am Pazifik.
Von der Mehrheit der panamaischen Bevölkerung wird der Abzug der Gringos begrüßt, in bestimmten Kreisen erzeugt er allerdings durchaus auch Unbehagen. Die Präsenz der US-Armee bedeutete nämlich in dreierlei Hinsicht einen bedeutenden Faktor für die nationale Ökonomie: Sie steigerte den direkten und indirekten Konsum, sei es in Form von Konstruktionen und Reparaturen oder aller Arten von Dienstleistungen. Außerdem ließ Washington sich die Gastfreundschaft Panamas Ausgleichszahlungen von etlichen Millionen US-Dollar kosten, die jährlich direkt in die Staatskassen flossen. Und nicht zuletzt sind der Kanal und die Freihandelszone das wichtigste Standbein der panamaischen Ökonomie.
Die Einnahmen aus dem Export von landwirtschaftlichen Gütern oder Tourismus sind gering, als internationaler Finanzstandort hat Panama in den letzten zehn Jahren stark an Bedeutung verloren. Die US-Amerikaner waren Garant für die „Stabilität“ im Land und die Offenhaltung des Kanals. Was, wenn sie nun weg sind?, fragen sich nicht wenige. Werden wir in der Lage sein, die Sicherheit und Zukunft des Kanals zu schützen?

Das Centro Multilateral Antidrogas (CMA)

So liegt die Idee nahe, nach einer Möglichkeit zu suchen, unter Umgehung der Torrijos-Carter-Verträge weiterhin die Anwesenheit amerikanischer Streit- und Sicherheitskräfte im Land zu gewährleisten – eine Idee, die im State Department schon zu genüge erörtert worden sein dürfte. Folgerichtig hatte man von US-Seite aus schon frühzeitig das Interesse an einer „reduzierten militärischen Präsenz“ auch nach der Erfüllung der Torrijos-Carter-Verträge angekündigt.
1995 begannen die Regierungen Panamas und der Vereinigten Staaten diesbezüglich informelle Gespräche. Rasch war die Idee eines multilateralen Zentrums zum Anti-Drogen-Kampf geboren, das Centro Multilateral Antidrogas (CMA). Der verstorbene Außenminister Panamas, Gabriel Lewis Galindo, bot in nobler und uneigenütziger Geste panamaisches Territorium zur Initiierung des internationalen Anti-Drogen-Kampfes feil, die Vereinigten Staaten brauchten nur noch, ebenso nobel und uneigennützig, die Geste anzunehmen. Wenngleich als ziviles Projekt konzipiert, war die militärische Komponente von Beginn an fundamental. Aufgabe der US-Streitkräfte und Sicherheitsdienste wäre die Überwachung des Luft- und Seeraumes. Das Gespenst des Drogenhandels tat seine Dienste. Am 23. Dezember des vergangenen Jahres kamen die Unterhändler der beiden Staaten zu einer vorläufigen Übereinkunft. Obschon geheim gehalten, veröffentlichte die mexikanische Presse Ende Januar die wesentlichen Inhalte: 2500 (US-)Soldaten sollen vom 1. Januar 2000 an ihre Arbeit aufnehmen, insgesamt spricht man von einem Personalstock von bis zu 3500 Personen. 53,5 Millionen Dollar jährlich werden die USA dem südlichsten Staat Mittelamerikas für die ersten zwölf Jahre zahlen, danach soll der Vertrag alle fünf Jahre neu ausgehandelt werden. 33 Gebäude auf der 1914 erbauten Howard Base stehen für das CMA zur Verfügung. Um die Multilateralität (und Legitimität) des Zentrums zu garantieren, sieht der Vor-Vertrag vor, die Unterstützung und Mitwirkung von mindestens vier weiteren lateinamerikanischen Staaten zu erreichen.

Quarry Heights – Abschied und Kontinuität

Politisch koordiniert werden soll das CMA von einer Außenstelle des Ministerio de Relaciones Exteriores auf der Quarry Heights Base, jener Base, die 84 Jahre lang das logistische Nervenzentrum der Aktivitäten des Kommando Süd der US-amerikanischen Streit- und Sicherheitskräfte darstellte. Unzählige Operationen und militärische Eingriffe in etlichen Staaten Lateinamerikas wurden von hier aus geplant und geleitet. Auch die Invasion im Dezember 1989 gegen das Regime des General Manuel Antonio Noriega, der jahrelang auf der Gehaltsliste der CIA gestanden und eng mit der Reagan-Administration gegen die sandinistische Revolution in Nicaragua gearbeitet hatte, wurde von hier aus durchgeführt. Noriega verbüßt nun in den USA eine Haftstrafe von 40 Jahren. Hunderte von Zivilisten wurden bei der nur wenige Tage andauernden Invasion getötet.
Im vergangenen September wurde die Kommandantur nach Miami verlegt. Am 8. Januar diesen Jahres übergab der Botschafter der Vereinigten Staaten, William Hughes, dem Außenminister Ricardo Alberto Arias offiziell die Verwaltung von Quarry Heights. Der US-Repräsentant hatte es sich bei dieser Gelegenheit nicht nehmen lassen, eine glorienreiche Rede zu halten über den Sieg der Freiheit über totalitäre Ideologien in der Hemisphäre, dank der würdevollen Arbeit tausender Männer und Frauen, die stets vor Ort waren, „wann und wo auch immer sie gerufen waren“.

Anlaß zur Sorge – Beispiel I

Ein nicht unwichtiger Teil der strategischen Arbeit des Comando Sur der USA wird zu Hause erledigt. Georgia, Fort Benning: Escuela de las Americas. Hunderte lateinamerikanischer Militärs erhielten hier Ausbildung in Kriegsstrategie, Aufklärung, Anti-Guerilla-Kampf, Terror, Zensur und Folter. Heute bekleiden sie, wenn sie nicht gerade zufällig im Gefängnis sitzen wie Noriega, hohe Posten innerhalb ihrer Armeen.
Vor wenigen Wochen wurden Friedensrechtler in den USA zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie es gewagt hatten, die Einfahrt der Escuela de las Americas für einige Stunden zu blockieren und die Militärs Mörder zu schimpfen. Es ist somit ein äußerst heikler Punkt, daß eine Aufgabe des CMA laut Vertragstext „Anti-Drogen-Training für Militärs und Polizisten“ sein wird. Panama hatte nach der Invasion 1989 seine Armee offiziell abgeschafft. Entsprechend wurden seitdem keine Personen mehr nach Georgia gesandt. Nun besteht durchaus Anlaß zur Befürchtung, daß zwar Panamaer nicht mehr nach Fort Benning, Fort Benning aber nach Panama kommen wird.

Anlaß zur Sorge – Beispiel II

Ende des vergangenen Jahres ging ein Kooperationsvorschlag bei der City of Knowledge ein mit dem Ziel, das Tropic Test Center (TTC), ein angeblich ziviles Forschungszentrum, in die Akademie zu integrieren. In der Beschreibung seiner Tätigkeiten wird man dann stutzig. 60 Prozent seiner Arbeit bestehe aus Munitionstests, die man auf speziellem Gelände in Gamboa, Nuevo Emperador oder Fort Sherman durchführe.
Die Friedensorganisation Fellowship of Reconciliation (FOR) gibt Aufschluß über das TTC. Es handele sich um eine militärische Agentur, die seit 30 Jahren Tests mit aller Art von Geschossen, darunter Nervengas und radioaktive Munition, im Auftrag des Pentagons durchführe. „Das TTC versucht in Geheimverhandlungen, auf panamaischem Boden verbleiben zu können“, gibt FOR zu wissen. Da das TTC keine Möglichkeit mehr für eine Angliederung an das multilaterale Drogenzentrum sehe, versuche man nun die Variante über die City of Knowledge (man erinnere sich an den hübschen Euphemismus jener in Klassenzimmer umgerüsteten Baracken und durch Studenten ausgetauschten Soldaten). „Mein Eindruck ist, daß alles (was in Vietnam benutzt wurde)“, so Rick Stauber, Autor eines Pentagon-Berichts über uranhaltige Projektile, „vorher hier in Panama vom TTC unter tropischen Bedingungen an verschiedenen Orten getestet wurde.“ Balladares scheint eine weitere Präsenz des TTC unter bestimmten Bedingungen gewährleisten zu wollen, die Verhandlungen werden auch hier geheim geführt.

Internationale Unterstützung

Für das CMA sucht man nun dringend internationale Unterstützung, sei es zu Zwecken der Legitimation, sei es der Funktionalität des CMA wegen. Die Regierungen El Salvadors und Boliviens haben Zustimmung und Interesse signalisiert, am CMA mitzuwirken.
Bei seinem Staatsbesuch im November des vergangenen Jahres erkundigte sich der spanische Staatspräsident José María Aznar nach dem Stand der Verhandlungen und setzte ebenfalls schon den ersten Fuß in die Tür des High-Tech-Zentrums: „Wir werden die Sache mit höchstem Interesse verfolgen, und in dem Maße, in dem die Gespräche und Verhandlungen fortschreiten, sehen wir die mögliche Beteiligung Spaniens und anderer Staaten der Europäischen Union“. Im Hinblick auf die Dominanz der Vereinigten Staaten in den Anfangsverhandlungen betonte er allerdings die Notwendigkeit, „die Multilateralität des CMA“ zu garantieren. José Ignacio Salafranca, Präsident der Europäischen Volkspartei, versicherte anläßlich einer Delegationsreise von Abgeordneten des Europäischen Parlaments, die EU sei durchaus in der Lage, das CMA zu unterstützen, sobald denn erstmal seine Parameter definiert seien. Er wies auf die „wichtigen finanziellen Mittel hin“, die die EU in der Vergangenheit „im Subkontinent“ mobilisiert habe, „um dieses Problem zu bekämpfen“ und betonte, die EU könne sich “des Anti-Drogen-Kampfes nicht entziehen“, darum ihr „positiver und aktiver Beitrag“ zum CMA. Es gilt als sicher, daß Kolumbien zu den ersten gehören wird, die sich am CMA beteiligen – zu verlockend ist die Aussicht für die vom Guerillakampf geschundene Armee, Training und Militärhilfe zu ergattern.

Internationale Skepsis

Doch die internationale Zustimmung ist reichlich beschränkt. Die Mehrheit der lateinamerikanischen Staaten steht der Verlängerung US-amerikanischer Präsenz in Mittelamerika eher skeptisch gegenüber.
Mexikanische Sicherheitskreise drücken ihre Ablehnung aus gegen ein „verkleidetes Projekt, das die Vergewaltigung regionaler Souveränitäten legitimiert“. Sergio Gonzales Galvez, bis Februar Außenminister Mexikos (seine Nachfolgerin, Rosario Green, hält gleichwohl nun schon moderatere Töne für das Projekt bereit), bekräftigte die Opposition seines Landes gegen das Projekt, solange sein ziviler und multilateraler Charakter nicht gewährleistet sei und damit die Möglichkeit für die USA ausgeschlossen sei, von dort aus militärische Operationen gegen andere Nationen des Kontinents durchzuführen. Der Vertragstext aber hält sich über die konkreten Aktivitäten des CMA relativ bedeckt. Vom „Einholen und Verarbeiten von Primärinformationen über Wege des Drogenhandels“ ist die Rede, der Koordinierung von Überwachung und Kontrolle in der Region, von humanitären Rettungsaktionen sowie von „weiteren Missionen“ – und hier liegt der Hase im Pfeffer. Als US-Chefunterhändler Thomas McNamara im Februar nach Panama reiste, um die offensichtlich ins Stocken geratenen Verhandlungen wieder aufleben zu lassen, wurde er zu jeder Gelegenheit nach der Bedeutung dieser Formulierung gefragt – und blieb eine Antwort schuldig. Und dies, obwohl seitens der USA bzw. des Pentagons darauf beharrt wird, daß jene Textpassage „unentbehrlich und nicht verhandelbar“ sei: „Ohne das bringt das ganze Projekt nichts“, erklärte ein Pentagon-Funktionär lapidar.
Um was es bei „weiteren Missionen“ letztendlich gehen könnte, läßt das Beispiel Kolumbiens ahnen. Das Bekanntwerden wiederholter Menschenrechtsverletzungen der kolumbianischen Armee, Foltercamps, Massenermordungen und die Zusammenarbeit mit guardias blancas hatten deren Unterstützung im internationalen Rahmen problematisch werden lassen. So war in den letzten zehn Jahren die US-Militärhilfe für die berüchtigte Armee stark zurückgeschraubt worden.
Da es den USA aber mit der Zeit gelungen war, ihrer Militärhilfe durch die strategische Anwendung von Begriffen wie Menschenrechte, Humanismus und eben Drogenhandel ein neues Outfit zu verleihen, konnte im letzten Jahr militärisches Gerät im Wert von mehr als 100 Millionen US-Dollar übergeben werden. Kolumbien ließ sich natürlich nicht lange bitten und beantragte sogleich den Kauf von zwölf Kampfhubschraubern Cobra. (Sollte der Handel von US-Seite genehmigt werden, wäre Kolumbien das erste Land Lateinamerikas, das nach der Aufhebung des US-Embargos gegen den Verkauf von High-Tech-Waffen in die Hemisphäre durch Präsident Clinton Ende vergangenen Jahres solch hochentwickeltes Gerät erhielte.) Ist der Anti-Drogen-Kampf aber erst einmal institutionalisiert und legitimiert, läßt er sich beliebig mit anderen, allzu bekannten Interessen verbinden. „Wir sehen das Problem des Drogenhandels als vorrangig an“, zitiert Ende März die Washington Post einen hohen Pentagon-Funktionär, „aber wir sind sehr sensibel gegenüber der Tatsache, daß es eine Verbindung gibt zwischen Drogenhändlern und den Aufständischen“ (gemeint sind FARC- und ELN-Guerilla). Dann wird er deutlich: Obschon seine Regierung noch (!) nicht „präpariert“ sei, einen militärischen Schlagabtausch direkt zu unterstützen, der nicht mit dem Thema Drogen zu tun hätte, so herrsche doch große Besorgnis angesichts jüngster Niederlagen der Armee und einer wachsenden Feuerkraft der Guerilla.

Nationaler Widerstand

Zur gleichen Zeit regt sich Widerspruch innerhalb des Landes gegen eine verlängerte Präsenz der US-Streitkräfte. „Die Übereinkünfte zwischen Panama und USA, ein Anti-Drogen-Zentrum am Kanal zu installieren“, so Ex-Präsident Guillermo Endara, „sind ein teuflisches Geschenk an die Clinton-Administration“. Kurioserweise ist es eben jener Politiker, den die USA nach ihrer Invasion 1989 als Präsidenten der Republik einsetzten, der heute als einer der vehementesten Wortführer gegen das CMA Front zu machen sucht. Gewerkschaftliche, religiöse und studentische Gruppen rufen zum Widerstand auf gegen das CMA, welches nichts mehr sei als „ein neuer Mechanismus der Kontrolle über die Region“, mit dessen Hilfe und „dem Vorwand des Drogenhandels die USA ihre üblen hegemonialen Interessen im neuen Jahrhundert weiterführen werden“.
Selbst innerhalb der Regierungspartei Panamas, der revolutionären demokratischen PRD, wird das Unternehmen mit verhaltener Kritik begutachtet, war es doch der Gründer der Partei selbst, General Omar Torrijos, der zu seiner Zeit meinte, seine Heimat sei nicht eher souverän, bevor die USA nicht gänzlich das Land verlassen hätten.
Als Staatspräsident Balladares im Februar seine Absicht verkündete, bei den Wahlen 1999 erneut als Kandidat anzutreten, stellte er ein Volksreferendum in Aussicht, bei dem gleichzeitig über eine dazu notwendige Verfassungsänderung und über das CMA-Projekt abgestimmt werden solle. Die Chancen, in beiden Punkten erfolgreich zu sein, stehen nicht allzu schlecht. Obschon eine Mehrheit der Bevölkerung der ökonomischen Situation des Landes und der Außenpolitik der Vereinigten Staaten eher kritisch gegenübersteht und trotz des autokratischen Regierungsstils von Balladares, befürwortet doch eine große Anzahl die weitere Präsenz US-amerikanischer Streitkräfte im Land, und genießt die Opposition des Landes keine große Popularität.
In einer am 23. März veröffentlichten Umfrage (Dichter & Nerira; http/www.prensa.com/encuesta) sprachen sich 60 Prozent der Befragten für das CMA aus. Auf die Frage, ob man zufrieden sei mit der Weise, wie die Regierung die Verhandlungen führe, antworteten allerdings 31 Prozent mit Ja, 48 Prozent mit Nein, 21 Prozent beantworteten die Frage gar nicht. Befragt nach der Erfüllung seines Amtes waren 63 Prozent der Meinung, Balladares erfülle dies gut bis exzellent, bei der Sonntagsfrage schneidet er mit rund 30 Prozent als eindeutiger Sieger ab. Der Regierung stellen 58 Prozent der Befragten ein gutes Zeugnis aus, in Kontrast zum Parlament, dessen Arbeit 64 Prozent mit schlecht oder miserabel bewerten. 58 Prozent der Befragten hält die Opposition des Landes für nicht vorbereitet, ab 1999 die Regierungsgeschäfte zu übernehmen.

Stillstand der Verhandlungen

Doch auch mit diesem demographischen Rückhalt ist die Zukunft des CMA noch ungewiß. Nicht nur inländische Opposition und auswärtige Kritik blasen der endgültigen Verabschiedung eines CMA-Vertrages zwischen Panama und den USA Wind ins Gesicht. Die Verhandlungsbasis der Panamaer ist weder politisch noch ökonomisch souverän, und so hat die Regierung durchaus etwas zu verlieren – bzw. zu gewinnen. Offensichtlich sind sich Balladares und sein Chef-Unterhändler Jorge Eduardo Ritter dessen sehr bewußt, und man ist nicht bereit, sich zu billig zu verkaufen.
Ein Punkt, der die Geister scheidet, ist die Eigentumsfrage über die Einrichtungen des CMA. Panama weigert sich strikt, der Forderung der USA nachzukommen, ihr juristische Verfügung über das Zentrum zu überlassen. In den letzten drei Monaten sind die Verhandlungen praktisch keinen Schritt weiter gekommen. „Ich bin sicher, daß die Vereinigten Staaten ihre Überwachung von einem anderen Ort aus fortführen werden, sollte Panama nicht zu einer Übereinkunft kommen“, meinte spitzfindig Außenminister Ricardo Alberto Arias im vergangenen November. Und im gleichen Ton, befragt nach dem Verhandlungsstand mit den USA, bekräftigte am 26. März Präsident Balladares, daß sein Land keinerlei Eile habe, das Thema einer möglichen Einrichtung eines CMA zu definieren. „Sollte sich dies hinauszögern und kein Referendum vor Ende des Jahres möglich sein, nun dann lassen wir das halt offen“. In jedem Fall dürften die Verhandlungen die Wahlen, die im Mai 1999 abgehalten werden, nicht stören. Und er wurde noch deutlicher: „Wir werden nicht akzeptieren, daß das CMA als Vorwand für die Errichtung einer Militärbasis benutzt wird.“ Es sei nicht einfach, mit den USA zu verhandeln. „Die Geschichte der Beziehungen unseres Landes mit den Vereinigten Staaten ist geprägt von dem Versuch, sich von vornherein unseren Konditionen zu entledigen.“ Während das State Department schon zufrieden sei, daß es eine gewisse US-amerikanische Präsenz in Panama gebe, „hätten die im Pentagon am liebsten, daß das ganze Land eine Militärbasis sei“.
Es bleibt also abzuwarten, wann und unter welchen Konditionen das CMA seine Arbeit aufnehmen wird. Panama, soviel scheint jedenfalls sicher, wird ohne die Mitwirkung anderer Staaten keinen offiziellen Startschuß geben. Und den USA läuft die Zeit davon, nachdem der Versuch, über die Drohung mit Ausweichstandorten wie Miami oder Honduras Druck zu machen, nicht aufgegangen ist.
Nachtrag: Am 29.März erklärte der Botschafter Panamas in Washington, Eloy Aljaro, die Verhandlungen seien bis auf weiteres ausgesetzt, und man warte nun auf den nächsten Schritt, der von Washington kommen müsse.


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“Es lebe die internationale Solidarität“

Die Akte DDR wurde vor acht Jahren geschlossen und seither verstaubt sie im Archiv der Geschichte. Hin und wieder wird sie nochmal aufgeschlagen, um darin zu lesen und Rechtfertigungen für ihre restlose Einäscherung zu suchen. In dieser Ausgabe soll ein relativ kleiner und ganz spezieller Ausschnitt der DDR-Geschichte aus der Versenkung geholt, entstaubt und mit dem Licht der fast ein Jahrzehnt alten Distanz beleuchtet werden. Es geht nicht um Geschichtsbewältigung oder -aufarbeitung. Auch soll es kein Ostalgietrip in eine Vergangenheit ohne Zukunft werden. Der Anspruch liegt einzig darin, Momentaufnahmen aus der DDR-Beziehungskiste aufzuzeichnen und dabei persönliche Erfahrungen ebenso wie offiziell verordnete Richtlinien einzubeziehen.
In der Tat war Lateinamerika, von Kuba und Nicaragua abgesehen, für die DDR politisch eher zweitrangig, in wirtschaftlicher Hinsicht sogar drittrangig. Beim näheren Hinsehen aber fördert das Thema sowohl spannungsgeladene Ost-West und deutsch-deutsche Konflikte als auch Konflikte innerhalb der DDR zutage und blendet Teile (gelebter) DDR-Geschichte ein. Und gerade für jene, die die 40 Jahre westlich der „großen Mauer“ verbrachten, enthalten die anschließenden Beiträge einiges Unbekanntes, aber durchaus Erfahrenswertes.
Wie kann man die jüngste Geschichte Lateinamerikas entschlüsseln, wenn man den Ost-West-Konflikt – den die DDR mitprägte – ausklammert? Wenn wir uns bezüglich lateinamerikanischer Außenbeziehungen immer nur auf die USA oder die Bundesrepublik stürzen, unterschlagen wir den wichtigen Einfluß, den ein untergegangenes System über Jahrzehnte hinweg in Lateinamerika ausübte, ein Einfluß, der noch immer nachwirkt.
Die acht Beiträge zeigen ein komplexes Gebilde ostdeutscher Beziehungen zu Lateinamerika. Bis auf die Analyse der 40jährigen Story der DDR Außenpolitik aus der Sicht von Raimund Krämer, eines ehemaligen Mitarbeiters der kubanischen Botschaft, spiegeln die Artikel eher kurze, aber prägnante Momente dieses Kapitels der DDR-Geschichte wieder.
So wirft Sabine Zimmermann einen Blick auf und hinter die Kulisse des Prestige-Entwicklungsprojekts Krankenhaus „Carlos Marx“ in Managua. Erfahrungen vor Ort, gepaart mit SED-Rhetorik, malen ein sehr differenziertes Bild von offizieller Entwicklungshilfe. Von „unten,“ aus der Perspektive inoffizieller Solidaritätsarbeit in Kirchengruppen, erzählt Willi Volks die Geschichte unabhängigen Engagements und der Schwierigkeiten in einem von Kontrolle besessenen Staat eigene Projekte, übers „Päckchenpacken“ hinaus, zu entwickeln. Christoph Links beschreibt seine ganz persönlichen Erinnerungen an die Vor- und Nachwendezeit – und wie diese sich auf sein Interesse für Lateinamerika auswirkten.
„Tania – la guerrillera“ zeichnet das Porträt der berühmten Nachkriegspartisanin, die nach Lateinamerika ging, „um den unterdrückten Völkern den Sozialismus zu bringen“ und wie Che Guevara zur Märtyrerin wurde. Daran anschließend schwenkt die Kamera vom letzten Schauplatz DDR-Politbüro nur einige Meter weiter in die Friedrichstraße. Dort überquerten zwischen 1973 und 1975 hunderte politische Flüchtlinge aus Chile die Westberliner Grenze Richtung Osten, um sich in der DDR – so gut es ging – erstmal ein neues zu Hause einzurichten. Der Artikel beleuchtet Ängste, Freude und Alltagsprobleme des Exils aus Perspektive der ChilenInnen und das Funktionieren staatlicher Solidaritätspolitik in diesem speziellen Fall.
Wer hat schon einmal von der Existenz eines Lateinamerikainstituts im Osten gehört? Nun, mittlerweile ist es mitsamt der DDR und mit der energischen Hilfe einiger Politiker eingeäschert worden. „Lichter aus!“ beschreibt Aufstieg und Fall des Lateinamerika-Instituts in Rostock. Und für Literaturfreunde, die wissen wollen, welche lateinamerikanischen Bücher die staatliche Zensur passierten und in der DDR gelesen werden durften, bringt der Beitrag von Hans Otto Dill abschließend das eine oder andere Licht ins Dunkel.


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Ein wenig Befreiung von unten

Nicht nur mit Worten die SandinistInnen verteidigen, sondern „konkret etwas für Nicaragua tun“ – so lautete die Quintessenz dieser Auseinandersetzung. Der Anlaß mag zufällig sein, die Motivation für unabhängige Gerechtigkeit war es nicht, meist hatte sie zwei Aspekte: Das Wissen von Elend in unserer Welt läßt Untätigkeit nicht zu. Und: Nur wer „etwas Sinnvolles tut“, konnte der Apathie und den vorgefertigten Strickmustern der gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR entgehen.
Wie andere Basisinitiativen auch, standen die Mitglieder der IHN in einem generellen Spannungsfeld, denn charakteristisch und tragisch war, wie in fast allen Bereichen der ehemaligen DDR, die Trennung von staatlich bzw. gesellschaftlich kontrolliertem Vorgehen und dem innovativen, unabhängigen Engagement nicht weniger Bürgerinnen und Bürger. Nichts fürchtete das alte System mehr als klarblickende, nicht erpreßbare Menschen, die nicht aufgaben.

Engagement gegen den Staat

In dieses gesellschaftliche, besser noch Partei- und Staatsumfeld, pflanzte sich die Arbeit der IHN, deren Mitglieder mit durch das unabhängige Engagement für Nicaragua geschärftem Blick auch die gesellschaftliche Realität in der ehemaligen DDR kritisch reflektierten. Kunst und Kultur des Volkes, Befreiungstheologie und Dialog zwischen SandinistInnen und ChristInnen blieben somit nicht nur Begriffe aus einer fernen Welt, sondern wurden zu Instrumentarien für unser eigenes Handeln. Karim Saab, einer der Mitbegründer der IHN, brachte dies in einigen Thesen wie folgt zum Ausdruck:
– „Die Theologie der Befreiung verweist uns auf die Armen im eigenen Lebensbereich. … Christen in der DDR, die sich von der Theologie der Befreiung inspirieren lassen, müssen sich daher in ihrem eigenen Lebensbereich den Armen (Deformierten, Benachteiligten, Leidtragenden) zuwenden.
– Die Auseinandersetzung mit dem Elend in der Zweidrittelwelt provoziert Rückfragen an uns und unsere Gewohnheiten. … Hören wir von der Beteiligung salvadorianischer Christen am bewaffneten Befreiungskampf, sollten wir es nicht versäumen, unsere Haltung zur Gewaltfrage zu differenzieren….
– Wenn uns ein Mosambikaner von der Hoffnung erzählt, daß die neuen Verhältnisse in seinem Land einen „Neuen Menschen“ prägen werden, sollte uns das anregen, über die Verwirklichung dieses sozialistischen Ideals in der DDR nachzudenken….“
Diese Ausführungen spiegeln etwas vom Selbstverständnis der IHN-Arbeit wider. Innerhalb der quantitativ recht kleinen Gruppe der „unabhängigen“ Zweidrittelwelt-Engagierten waren Selbstverständnisdiskussionen eher die Ausnahme denn die Regel. Man war froh, sich überhaupt gefunden zu haben, kommunizieren und arbeiten zu können – möglicherweise „trennende“ Diskussionen wurden vermieden.
Aber klar war: Gruppen wie die IHN verstanden sich auch als entwicklungspolitisch Wirkende, die bewußt und gezielt das gesellschaftliche Konzept in der DDR, Normen und Wertvorstellungen mit Hilfe von Systemdiskussionen in den Zweidrittelweltländern in Frage stellten. Zugleich waren diese Gruppen Praxis- und Erprobungsfelder für Demokratieverhalten und alternative Ansätze für kommunikative und partizipatorische Strukturen. Neben der konkreten Zweidrittelwelt-Arbeit stellten sie ganz bewußt ein Stück Gegenöffentlichkeit in der DDR dar.

Zwischen Opposition und Anpassung

Eine solche Arbeit war ohne die Unterstützung der Kirche nicht möglich, da sich der realsozialistische Staatsapparat bekanntermaßen und paradoxerweise dem Bedürfnis nach echter Basisinitiative verschloß (was zweifelsohne auch zu seinem beschleunigten Verfall beitrug) und den bestehenden Gruppen das Leben schwer machte. Der Staat überließ sowohl die Legitimation der Gruppen als auch die Reglementierung in den meisten Fällen der Kirche, deren hierarchische Organisation er als Pendant zu sich (Staat im Staate) ansah und geradezu herausforderte.
Die Kirche nahm diese Rolle an – in Form einer Gratwanderung zwischen Opposition und Anpassung, als Konfliktvermittler und Stellvertreter. Mitunter war dabei die innere Zensur fast größer als die äußere staatliche. Diese politische Selbstbeschränkung stieß bei aktiven Basisgruppen zum Teil auf erhebliche Kritik. Dieser, im Verhältnis zwischen Kirchenleitung und Basisgruppen immer latent oder offen vorhandene Konflikt, verschärfte sich in den achtziger Jahren durch veränderte politische Rahmenbedingungen.
Die IHN war der Superintendentur Leipzig an der Nikolaikirche angegliedert. Dies bildete zum einen den Rahmen und die Voraussetzungen ihrer Arbeit, zum anderen aber befand sie sich damit auch in dem komplexen Spannungs-, Abhängigkeits- und Entsprechungsgefüge zwischen Kirche und Staat. Letztlich wurden viele Initiativen der Gruppen durch den Synodalausschuß bei der Superintendentur Leipzig mehr behindert denn gefördert, wie man heute aufgrund von Stasimit- und zuarbeit einzelner Mitglieder weiß. Auch die IHN war lange Jahre im Visier der Stasi. Mehrmals versuchte sie, Inoffizielle Mitarbeiter in die Gruppe einzuschleusen – manchmal mit Erfolg.
Unabhängig aber vom ambivalenten Verhältnis zwischen Basisgruppen und Kirchenleitung ermöglichte dieser Bezug der IHN eine Arbeit, die tatsächlich in die Öffentlichkeit getragen werden konnte und den vom Staat zuerkannten Rahmen sprengte. So zum Beispiel mit einer dreitägigen Veranstaltung zugunsten des Projektes der Gruppe, dem Landschulzentrum Monte Fresco in Nicaragua, an der sich eine ganze Reihe bekannter KünstlerInnen beteiligte, einschließlich einiger, die mit Auftrittsverbot belegt waren, oder durch die Veranstaltungsreihe „Hoffnung und Politik“, die zu einem Podium des Austausches über Innenansichten zur DDR wurde.
Auch nach außen, über die Ländergrenzen hinweg, wurde die staatliche Abschottung durchbrochen. So konnte jahrelang das Landschulzentrum Monte Fresco unterstützt werden, auch mittels des Erlöses aus einer mail-art-Ausstellung „Hoffnung Nicaragua“, an der sich KünstlerInnen aus etwa 20 Ländern mit ihren Arbeiten beteiligten und die in zahlreichen Kirchen zu sehen war.
Diese und andere Initiativgruppen wurden natürlich staatlicherseits nicht einfach hingenommen, sondern beständig behindert. So wurde eine Lichterkette der IHN vor dem Leipziger Capitol während der Internationalen Dokumentar- und Kurzfilmwoche 1983 zum Anlaß genommen, über die Botschaft den nicaraguanischen StudentInnen den Kontakt zur Gruppe zu untersagen, da diese vom CIA (!) unterwandert sei. An dieser Legende hatte die Gruppe jahrelang zu tragen, bis sie mit Hilfe eines neuen nicaraguanischen Botschafters ausgeräumt werden konnte.
Ähnlichen Behinderungen waren auch die anderen unabhängigen Gruppen ausgesetzt. Dies änderte jedoch nichts daran, daß die Nicaragua-Solidaritätsarbeit sich stark entwickelte. Wie im Westen, so im Osten: In der Soli-Szene war das „Modell Nicaragua“ Beispiel eines alternativen Gesellschaftsentwurfes. Anders aber als im Westen „strickte“ in der DDR der Staat selbst an diesem „leuchtenden Bild“ mit. Dies aber offenbarte die Absurdität nur um so offensichtlicher: Offizielle Solidarität mit Nicaragua war “in”, ließ sich davon aber eine Gruppe anstecken und initiierte ihrerseits Aktivitäten, so wurden diese argwöhnisch beäugt.
Die Nicaragua-Solidarität bildete nicht zuletzt wegen des „Modellcharakters“ den Schwerpunkt der Arbeit von unabhängigen Gruppen in der DDR. Aber es war nicht nur der Schwerpunkt, es war auch der einzige zu Lateinamerika: es gab nur Nicaragua. Es arbeiteten in den achtziger Jahren etwa zehn Basisgruppen und -initiativen zu diesem Land. Deren Aktivitäten waren sehr unterschiedlich akzentuiert und motiviert. Die IHN war eine der politischsten, andere hatten eher einen karitativen Ansatz und waren mehr durch eine „Paketpackmentalität“ geprägt. Zentren der Arbeit waren Leipzig, Jena, Berlin und Magdeburg.

Solidarität zwischen Ost und West

Manche Projekte waren eigentlich „Dreiecksbeziehungen“ Ost-West-Süd. Es waren nämlich West-Gruppen, die diese beiden (Vor)-Schulprojekte wesentlich förderten (Auf- und Ausbau der Infrastruktur, Gehälter für Kindergärtnerinnen etc.) während die Ost-Gruppen vor allem didaktisches und Schulmaterial beisteuerten. Vor allem über diese (verbotenen) Westkontakte gelangten dann auch die Informationen, Dias und sonstige Medien zu uns, mit denen wir unsere konkrete Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit bestritten. Man brauchte für dieses Engagement also verläßliche Verbündete und schuf sich gleichzeitig selbst größere – und damit wirkungsvollere – Arbeitszusammenhänge und -strukturen.
Eine der wichtigsten war INKOTA (Information, Koordination und Tagungen zu Problemen der Zweidrittelwelt). Der Name war Programm: es wurden die in der Regel schwer zu beschaffenden Informationen besorgt, koordinierte Aktionen gestartet und zentrale und dezentrale Tagungen durchgeführt. Wenn dann zu einer solchen Tagung zum Beispiel Bernd Päschke aus Mainz auftauchte, einen Stapel seines El Salvador-Buches „Befreiung von unten lernen“ über die Grenze geschmuggelt hatte und wir mit ihm gemeinsam eine „lateinamerikanische Bibelstunde“ durchführten, dann war dies ein ganz besonderes Highlight und die TagungsteilnehmerInnen fühlten sich danach selbst ein wenig „von unten befreit“.
INKOTA hatte es sich in der DDR zur Aufgabe gemacht, die Kluft zwischen Basisinitiativen und Administration zu überbrücken. Dabei kam uns zugute, daß zumindest einige Leute beim damaligen „Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR“ die Arbeit unterstützten, so daß wir als ökumenischer Arbeitskreis unter seinem Dach arbeiten konnten. Dies eröffnete die Möglichkeiten für Verhandlungen mit dem Staat „auf höherer Ebene“, die für eine Basisgruppe allein nicht möglich gewesen wären. Dadurch wurde einiges ermöglicht, daß auch der Nica-Arbeit zugute kam und deren AkteurInnen motivierte, weiterzuarbeiten. So wurde beispielsweise erreicht, daß über das staatliche Solidaritätskomitee einmal im Jahr unentgeltlich ein Sammelcontainer unabhängiger Nicaragua-Gruppen zu ihren Partnern transportiert wurde. Das war ein „unheimlicher Erfolg“, ebenso das Zustandekommen einer Studiendelegation der Evangelischen Studentengemeinde und INKOTA 1986 oder mein halbjähriger Aufenthalt in Nicaragua 1989.
So wie INKOTA vor der Wende die Grundlage für die Arbeit der unabhängigen Nica-Gruppen war, gingen von dem Netzwerk nach der Wende wesentliche Impulse für den Auf- und Ausbau dieser Arbeit aus.
Paradoxerweise hatte die Mehrzahl der Nica-Engagierten erst nach der Niederlage der Sandinisten 1990 die Möglichkeit, dieses Land und seine Leute von „Angesicht zu Angesicht“ kennenzulernen. Diese Möglichkeit führte zu einem Motivationsschub im Osten just in dem Moment, in dem sich Soli-Engagierte aus dem Westen wegen des fracasos der Sandinisten aus der Arbeit zurückzogen.

Nach der Wende

Die Wende brachte den unabhängigen Soli-Gruppen im Osten zudem einen unverhofften Geldregen. Von den rund 16 Millionen Mark Soligeldern, die der FDGB veruntreut hatte, zahlte dieser, das schlechte Gewissen wog schwer, eine Million Mark auf das Konto von INKOTA. Über den „Nicaragua-Verteilerrat“ der unabhängigen Soligruppen wurde dieses Geld – nach der Währungsreform noch eine halbe Million DM – für Projekte vor allem in Zentralamerika zur Verfügung gestellt. Heute ist die 1994 gegründete Stiftung Nord-Süd-Brücken von großer Bedeutung für die Arbeit in den Neuen Bundesländern. Diese entstand aus übriggebliebenen Geldern des staatlichen „Solidaritätskomitees“ auf Intervention des „Entwicklungspolitischen Runden Tisches“, dem es gelang, diese Mittel der Treuhandgesellschaft zu entreißen – Theo Waigel wollte mit dem Geld Haushaltslöcher stopfen.
1990 führte INKOTA das erste und gleichzeitig letzte Workcamp zu DDR-Zeiten in Nicaragua durch. Das war der Ausgangspunkt für Kontakte, die über Nicaragua hinaus gingen, denn ein Teil der Gruppe besuchte auf Einladung des Lutherischen Bischofs Medardo Gómez auch El Salvador. Aus diesen Workcamps heraus – die bis heute Bestandteil der INKOTA-Arbeit sind – entstanden neue Projekt- und Partnerbeziehungen.
So haben heute INKOTA-Mitgliedsgruppen zahlreiche Kontakte nach Zentralamerika. Der „Eine Welt Laden am Dom“ in Brandenburg hat Projektbeziehungen nach El Paisnal, die Berliner Segensgemeinde pflegt eine Gemeindepartnerschaft mit der Gemeinde am Vulkan von San Miguel (beides in El Salvador) und das „Eine Welt Haus“ in Jena hat erreicht, daß es heute eine Städtepartnerschaft mit San Marcos in Nicaragua gibt.
Die Geschäftsstelle von INKOTA in Berlin begleitet heute Projekte in Nicaragua, El Salvador und Guatemala. Schwerpunkte sind die Menschenrechts- und Versöhnungsarbeit, Kommunalentwicklung und Frauenprojekte. Damit werden die Ansätze weiter verfolgt, die durch INKOTA noch zu Zeiten der DDR initiiert worden sind.

Willi Volks war in den achtziger Jahren Mitglied der „Initiativgruppe Hoffnung Nikaragua“ und ist seit 1994 Geschäftsführer des INKOTA-netzwerks.


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Ostdeutsche Fluchten in ferne Wirklichkeiten

Daß meine langjährige Beschäftigung mit Lateinamerika zu einem guten Teil Ersatzfunktion hatte, wurde mir schlagartig im Herbst 1989 bewußt. Von meinem Schreibtisch aus, an den ich mich zurückgezogen hatte, um die Schlußthesen meiner Dissertation über den Sandinismus zu verfassen, blickte ich direkt auf die Gethsemane-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg, eben jenem Ort, an dem gerade so etwas wie eine Revolution stattfand, eine Revolution, wie ich sie bis dahin nur aus den Nicaragua-Studien kannte. Fortan war ich mehr auf den Straßen und Plätzen, in Versammlungssälen und Kirchen als am Schreibtisch bei meiner Arbeit. Wir verfaßten radikale Forderungskataloge, trugen Transparente durch die Stadt, bildeten neue Parteien, diskutierten Umgestaltungskonzepte. Als dann auch noch die Zensur abgeschafft wurde, gründete ich quasi über Nacht einen Verlag für Politik und Zeitgeschichte. Sein Gegenstand war überraschend klar: Aufarbeitung der tabuisierten DDR-Geschichte, kritische Begleitung der laufenden Umgestaltung. Von Lateinamerika, das bisher mein berufliches Leben als Journalist und Literaturwissenschaftler bestimmt hatte, weit und breit keine Spur.
Erst zwei Jahre später fragte mich mein Freund Helmut Schaaf von der Nicaragua-Koordination Köln, was denn eigentlich aus meiner Arbeit geworden sei. Sie lag völlig unberührt im Regal, so wie ich sie im Oktober 1989 verlassen hatte: fertig geschrieben, doch niemals eingereicht. Er erbot sich daraufhin, sie an seinem Computer zu setzen und in einem kleinen Kölner Verlag zu publizieren, damit die vier Jahre Arbeit nicht ganz umsonst gewesen seien. So dann auch 1992 geschehen. Das war zugleich der Schlußpunkt unter mein erstes Leben. Erst heute, neun Jahre später, werde ich wieder darauf gestoßen. Meine großen Töchter (18 und 15) kommen mit Che-Plakaten nach Hause und wollen wissen, warum ich mich nicht mehr mit Lateinamerika beschäftigte und in unserem Verlag nur Bücher zur deutschen Geschichte erscheinen. Inzwischen ist mir bewußt geworden, daß Lateinamerika für mich wie für viele meiner Freunde aus der damaligen Soli-Szene nicht nur Gegenstand ehrlichen Engagements war, sondern zugleich auch eine gewisse Ersatzfunktion hatte. Dort spielte sich für uns das eigentliche Leben ab, denn da geschah tatsächlich etwas: es wurden Streiks organisiert, Basis-Initiativen gegründet, linke Parteien aufgebaut, Guerilla-Gruppen gebildet. Bei uns dagegen stagnierte alles in der Spät-Honecker-Ära, nahezu jeder Bereich des gesellschaftlichen Lebens war vordefiniert, der Bewegungsraum weitgehend eingeengt. Insofern sogen wir begeistert die Berichte südamerikanischer Emigranten und mittelamerikanischer Rebellen in uns auf, versuchten, ihren Kampf mit einigen Produkten aus der DDR wie optischen Geräten, Medikamenten und Unterrichtsmaterialien zu unterstützen, denn unser Geld war ja in diesem Teil der Welt nichts wert. Doch selbst unsere kleinen Solidaritäts-Aktionen, egal ob von kirchlichen Gruppen, privaten Freundeskreisen oder einzelnen Zeitungsredaktionen ausgehend, wurden von der zentralplanerischen Staatsmacht mißtrauisch beäugt, obwohl sie eigentlich dem erklärten außenpolitischen Ziel der DDR entsprachen. Es sollte nur ins Ausland gehen, was offiziell gewollt und mit sogenannten Bilanzanteilen in der Mangelwirtschaft auch abgesichert war. Sonst befürchtete man „Versorgungsengpässe“ und weiter wachsenden Unmut der Bevölkerung. Insofern war unser Streiten für „die gute Sache“ zugleich ein Stückchen Rebellion gegen die unbeweglichen Verhältnisse im Lande, ohne daß man uns vom Ansatz her staatsfeindliches Handeln hätte unterstellen können. Wir rieben uns über den Umweg Lateinamerika am eigenen Staat.
Mit dem Ende der DDR entfiel auch diese Ersatzfunktion, waren keine fremden Projektionsflächen mehr vonnöten. Man konnte sich in die unmittelbaren Auseinandersetzungen vor der Haustür einbringen. Die Erkenntnis allerdings, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse der Bundesrepublik bei aller äußeren Beweglichkeit letztlich verdammt zäh sind und sich viel weniger verändern lassen, als aus der Ferne einst gedacht, haben einzelne meiner Freunde auf einen neuen Trip geführt, diesmal allerdings eher in Richtung Tibet. Bei mir hat es dagegen eine neue Annäherung an Lateinamerika bewirkt. Ich lese wieder mehr aus dieser Region. Und das nicht nur in den nach wie vor abonnierten Lateinamerika Nachrichten, sondern vor allem in der Belletristik, und ich werde in diesem Sommer mit meinen Töchtern nach Nicaragua fahren, um Freunde zu besuchen und an einem neuen Projekt mitzuarbeiten, dem Aufbau einer mittelamerikanischen Verleger-Union.


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Macht Literatur Politik?

Was hat Literatur mit Politik zu tun? Nicht viel, möchte man auf den ersten Blick meinen, denn für das politische Geschäft sind diejenigen zuständig, die es betreiben – eben die Politiker, von der Regierungschefin bis zum Demonstranten. Bestenfalls sind alle aufgefordert, sich für Politik zuständig zu fühlen, aber eine Sonderrolle für Literaten anzunehmen, liegt zunächst nicht auf der Hand. Dafür bleibt deren Arbeitsfeld gleichfalls weitgehend unbehelligt.
Auf den zweiten Blick stimmt dieses Bild mit der Realität nicht überein. Natürlich greifen Mächtige immer wieder und bis heute durch Zensur in die Arbeit von Schriftstellern ein – und es ist nicht ungewöhnlich, daß sich Schriftsteller direkt, also nicht über den Umweg des Schreibens, politisch betätigen. Aber um dieses direkte Engagement für politische Ziele soll es in der Debatte, die wir mit dieser Ausgabe beginnen, nicht gehen. Wir wollen uns auf das geschriebene Wort beschränken.
„Literatur, jede, ist ganz sicher politisch“, behauptete Günter Kunert kürzlich in einem Artikel (moosbrand 5 / März 1997) – und meinte damit den „Widerstand der literarischen Sprache gegen die Einvernahme der Gehirne durch öffentliche und offizielle Sprachregelungen“. Politisch sei Literatur also nicht im Sinne von „politischem Bekennertum“, sondern indem sie aus der Unterwerfung unter vorherrschende Mechanismen befreit (soweit Kunert).
Darüber hinaus sind Bezüge zu politischen Themen – ob nun direkte oder nur sehr mittelbare – aus literarischen Texten kaum wegzudenken. Mag man „Politik“ weiter oder enger fassen, Teil der Lebenswirklichkeit ist sie allemal. Aber nicht alle Schriftsteller behandeln politische Fragen lediglich als literarische Sujets wie andere Sujets auch. Sie verstehen – so eine sehr spitze, aber bezeichnende Metapher – Kunst als „Waffe“ (Friedrich Wolf) und sich selbst als Krieger. Dafür hat sich der Begriff „Engagierte Literatur“ eingebürgert, auf spanisch literatura comprometida. Literatur dient hier nicht mehr nur dazu, die Welt zu beschreiben und zu deuten, sondern sie zu verändern. Engagierte Literatur hatte die Aufgabe, Menschen von der Notwendigkeit einer Handlung zu überzeugen – etwa indem eine sozial miserable Lage, das Funktionieren eines Unterdrückungsapparates, die Brutalität eines Krieges geschildert werden – und sie zum Handeln selbst zu bewegen. Häufig steht engagierte Literatur im Kontext klarer parteilicher Abgrenzungen, so für die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg, gegen Pinochets Diktatur in Chile, für Solidarität mit dem unterdrückten Volk und so weiter.
In Lateinamerika hat engagierte Literatur eine wichtige Rolle gespielt. Erstaunlich viele namhafte Autoren (Miguel Ángel Asturias, Jorge Icaza, Miguel Otero Silva, Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa, César Vallejo, Pablo Neruda, Jorge Amado, Carlos Monsiváis, Elena Poniatowska, Sergio Ramírez, Roque Dalton…) haben in ihren Werken zumeist explizit Partei ergriffen, haben politische Verhältnisse als veränderungsbedürftig beschrieben und sich selbst als engagierte Schriftsteller betrachtet. Vor allem gegen den „US-amerikanischen Imperialismus“ sah man sich in vorderster Front kämpfen.
Selbstverständlich läßt sich vielen lateinamerikanischen Schriftstellern das Prädikat „engagiert“ nicht antragen. Dennoch, und ohne ungerechtfertigt zu pauschalisieren, hat das Engagement in der lateinamerikanischen Literatur einen besonders guten Stand.
Seit etwa zehn Jahren bahnt sich jedoch ein Wandel an, ja ein radikaler Bruch ist zu bemerken: engagiert im herkömmlichen Sinne schreibt kaum noch jemand. Wohl kritisiert García Márquez in „Nachricht von einer Entführung“ kolumbianische Verhältnisse, wohl rechnet Vargas Llosa in „Tod in den Anden“ unmißverständlich mit der Guerilla Sendero Luminoso ab. Aber die Zeiten, in denen Schriftsteller für oder gegen politische Projekte oder Organisationen dezidiert Partei ergriffen hätten, und zwar mittels ihrer Literatur, diese Zeiten scheinen trotz mancher Ausnahme vorbei.
Zwei Vermutungen stellen wir der Debatte voran, wie dieser sich vollziehende Wandel erklärt werden könnte.
Erstens: Vielleicht ist mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten und – für Lateinamerika besonders einschneidend – mit der Wahlniederlage der FSLN in Nicaragua 1990 diejenige Seite einer bipolaren Realität weggefallen, die zum Engagement besonders ermuntert hatte. Die Totalopposition zum „Yankee-Imperialismus“ ist damit gleichfalls nicht mehr möglich. Wenn in einem Land wie Bolivien oder (beinahe) Guatemala frühere Militärdiktatoren als Präsidenten gewählt werden, kann vom unterdrückten Volk, auf dessen Seite sich Schriftsteller und Leser zu schlagen hätten, nicht mehr problemlos gesprochen werden.
Zweitens: Es geht wieder ein Gespenst um, diesmal ein postmodernes. Das 1978 proklamierte Ende der „Großen Erzählungen“ hat mittlerweile den Zeitgeist ergriffen. Utopien, egal welcher Couleur, sind out. Subjekte, ganz gleich ob als Held, Klasse oder Volk, spielen in diesem Denken keine Rolle mehr. Die Geschichte hat ihr Ende erreicht. Zudem verwischen die nationalen Grenzen, und überhaupt wird allenthalben von hybriden Identitäten geredet. Wofür sollte man sich als Schriftsteller, auch in Lateinamerika, noch engagieren?
Wenn die junge Starautorin Zoé Valdés Fidel Castro diskreditiert, dann ruft sie niemanden zum Widerstand gegen ihn auf, sondern sie plädiert für den Rückzug ins Private. Themen wie Liebe, Erotik, auch Esoterik haben in den Verlagsprogrammen Konjunktur, und Isabel Allende schreibt Kochbücher.
Täuscht dieser Eindruck? Ist die literarische Beschäftigung mit politischen Fragestellungen subtiler geworden? Oder gehen ihr Schriftsteller von heute tatsächlich aus dem Weg? Ist an die Stelle von Engagement ein Bemühen um – unparteiliche? objektive? – Analyse, um Aufklärung getreten?
Es soll also in der Debatte darum gehen, einen Prozeß zu beschreiben und Vorschläge zu seiner Deutung anzubieten, einen Prozeß, der sich in den letzten zehn Jahren vollzogen hat und der besonders für Lateinamerika einige Relevanz besitzen dürfte, eben wegen der vormals starken Prägung der lateinamerikanischen Literatur durch ihren engagierten Impetus.
Eine Art Zusatzfrage könnte sein, ob die Unterscheidung in engagierte und nichtengagierte Literatur überhaupt noch sinnvoll aufrechtzuerhalten ist. Denn die Grenze zwischen beiden ist mitunter außerordentlich schwer zu ziehen und dürfte, wenn sie zu einer Entweder-Oder-Entscheidung auffordert, die Komplexität vieler literarischer Werke stark unterschätzen.
In diesem Heft beginnen wir mit einem historischen Überblick, in dem auch Begriffe näher bestimmt werden, und einem Interview zum Thema mit dem mexikanischen Intellektuellen Carlos Monsiváis.


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Aus der Not eine Tugend machen

Roberto Oliveira hat es sich in seiner Badewanne gemütlich gemacht. Ab und zu prüft er nach, ob der Tauchsieder noch im Wasser hängt. Seine Halbglatze glänzt im Scheinwerferlicht, sein grauer Dreitagesbart ist naß geworden. Er hat begonnen Kartoffeln zu schälen, um sie anschließend genüßlich zu verspeisen. Seine Wanne steht inmitten eines mit Büchern und allen nur denkbaren Utensilien gefüllten, schwach beleuchteten Kellerraumes. Das Zimmer gleicht einem Refugium, in das niemand sonst Zutritt hat und in dem die Zeit stillgestanden zu sein scheint. Roberto Oliveira ist Herr Paul in Tankred Dorsts gleichnamigen Stück.
Die Inszenierung von O estranho Senhor Paulo, so der portugiesische Titel des deutschen Theaterstücks, erregte so großes Aufsehen, daß sogar der Autor höchstpersönlich nach Porto Alegre kam. Die Geschichte des Lebenskünstlers Paul, der seine Wohnung in einer alten Fabrik partout nicht räumen will und zur Verteidigung seiner vier Wände sämtliche Register des zivilen Ungehorsams zieht, war schon auf den deutschen Bühnen ein Erfolg bei Kritikern und Publikum. Hatte man damals allerdings mit einem Sofa als letzte Fluchtburg des schrulligen Helden vorliebgenommen, dient ihm in Porto Alegre eine Badewanne als letzte Bastion. Das Stück über den stark an Iwan Gontscharows Oblomow erinnernden Individualisten ist nicht nur als Aufruf zur Zivilcourage gegen Immobilienhaie und als Hymne an den passiven Widerstand zu sehen. Im deutschen Kontext spielte es darüber hinaus auf das Verhältnis von Ost- und Westdeutschen an. Auf südamerikanische Verhältnisse übertragen, wird vor allem eines deutlich: der heimliche Sieg von Phantasie und Individualismus über die von Habgier und Ausbeutung bestimmte soziale Realität. Parallelen zu dem kolumbianischen Film La Estrategia del Caracol (Die Strategie der Schnecke) von Sergio Cabrera werden deutlich, und der Einbruch jener oft zitierten „magischen“ Dimension in den gesellschaftlichen Alltag darf auch nicht fehlen.
In den Personen der Gegner von Senhor Paulo, des nur an den Verkauf des Hauses und an den Profit denkenden Helm und des skrupellosen, mit Nadelstreifenanzug und cooler Sonnenbrille ausstaffierten Schwarzenbeck, sind unschwer die klassischen Vertreter der zeitgenössischen brasilianischen Gesellschaft zu erkennen. Helm repräsentiert den einheimischen Politiker, der einerseits mit beschwichtigenden Reden um Zustimmung bettelt und andererseits sein Land zum Ausverkauf an internationale Konzerne anbietet, während Immobilienmakler Schwarzenbeck einen sinistren Manager undefinierbarer Herkunft darstellt. Das Schicksal der Hausbewohner läßt sie kalt. Während die Freundin Helms, eine modisch gekleidete Schauspielerin namens Lilo, kurzzeitig mit dem schillernden Außenseiter und verschrobenen Intellektuellen Paulo liebäugelt, um anschließend doch die Geborgenheit der brasilianischen High Society vorzuziehen, versammelt sich hinter Paulo das gesamte Personal von Opfern des neoliberalen Sparkurses der Regierung. Paulo erscheint wie ein auferstandener Gandhi des Movimento sem Terra, während sein Schützling, die geistig zurückgebliebene Nachbarstochter Anita, die Straßenkinder der brasilianischen Großstädte repräsentiert.
Camilo de Lelis’ Inszenierung im kleinen Teatro de Arena von Porto Alegre wurde mit einem der wichtigsten Theaterpreise der Region, dem Premio Acorianos, ausgezeichnet. Roberto Oliveira erhielt den Preis für die beste Hauptrolle, und die erst 18jährige Tochter des Regisseurs, Renata de Lelis, wurde als beste Nebendarstellerin prämiert. Dies war auch ein großer Erfolg für das 1967 in der südbrasilianischen Gaúcho-Metropole gegründete Theater, das während der Militärdiktatur lange Zeit als eines der wenigen oppositionellen Theater in Brasilien galt, bis es 1979 aus offiziell wirtschaftlichen Gründen geschlossen wurde. Erst 1991 konnte die Bühne auf Initiative einer Schauspielgruppe wiedereröffnet werden. Doch hat es das kleine, renovierte Theater, das unscheinbar zwischen den Häuserschluchten der Innenstadt von Porto Alegre liegt, schwer, sich finanziell über Wasser zu halten. Es wird zum Teil vom südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul getragen. O estranho Senhor Paulo wurde darüber hinaus unter Mithilfe des Goethe-Instituts von Porto Alegre verwirklicht.

Kultureller Kahlschlag

Auch in weiterer Hinsicht bildet das Teatro de Arena eine Ausnahme. Staatliche Kultursubventionen sind in Brasilien eine Seltenheit. Bis 1990 hatten private Firmen ihre Unterstützung von Aufführungen von der Steuer absetzen können. Zu Beginn der 90er Jahre strich der damalige Präsident Collor de Mello diese Steuerbefreiung. Sein kultureller Kahlschlag legte auch die Theaterszene trocken. Erst unter Fernando Henrique Cardoso verbesserte sich die Situation wieder ein wenig, so daß auch künstlerisch anspruchsvolle Theater wieder Stücke zeigen können. Es hängt jedoch meistens von der Regierung der jeweiligen Region oder Stadt ab. So kam es besonders in den südlichen Bundesstaaten durch regionale oder kommunale Unterstützung zu einem Aufschwung für die Theater. Inzwischen gibt es nicht nur das traditionelle Theatertreffen in Canela, sondern auch das immer mehr an Bedeutung gewinnende internationale Festival von Porto Alegre sowie das Treffen der brasilianischen Bühnen von Curitiba im Bundesstaat Paraná.
Vor allem der starke Einfluß von Pantomime und Commedia dell’ arte lassen erkennen, daß die Wurzeln des brasilianischen Theaters unter anderem im Straßentheater und der freien Theaterszene liegen. Besonders die Gruppe Terreira da Tribu mit ihren gesellschaftskritischen Aufführungen und politischen Ansprüchen belegen diesen Ursprung. Ebenso eine freie Gruppe ist das Teatro de Straganza, das mit der Inszenierung von sechs Episoden aus Boccaccios Decamerone in den letzten sechs Monaten einen enormen Publikumsrenner landete. Auch hier trat Roberto Oliveira wieder in einer Hauptrolle auf. Der 50jährige Schauspieler hat inzwischen den Durchbruch geschafft. Vor ein paar Jahren mußte er noch zwischen den Proben und Vorstellungen seinen Lebensunterhalt als Taxifahrer und Kellner verdienen. Inzwischen hat er selbst Regie geführt in einem Projekt des Teatro de Arena, das gleich drei Stücke des brasilianischen Dramatikers Plinio Marcos vereinigt. Im ersten Teil, Navalha na carne (Messer im Fleisch), werden Szenen einer Familie zwischen Prostitution und Gewalt in den Favelas einer brasilianischen Großstadt dargestellt. Der Einakter spielt in einer als Käfig dargestellten Hütte, in der ein grobschlächtiger Patriarch seine Frau zum Anschaffen zwingt und seinen Sohn, einen Transvestiten, vor den Augen seiner Mutter demütigt. Das Stück strotzt geradezu vor brutaler Aggression und zeigt eindrucksvoll das Katz- und Mausspiel zwischen Mann und Frau, das zwischen Zärtlichkeit und plötzlichen Gewaltausbrüchen pendelt und in dem die Frau nicht die Kraft besitzt, dem Machismo ihres Mannes durch eine finale Kastration ein Ende zu bereiten. Die Aufführung fokusiert die ganze Problematik der brasilianischen Gesellschaft auf ein Geschehen von nur dreißig Minuten: eine halbe Stunde, die mehr Aussagekraft besitzt als die gesamten Reality-TV-Shows von TV Globo in einem Jahr. Die siebzig Zuschauer müssen dabei hinter Bretterverschlägen Platz nehmen und verfolgen das Geschehen auf der kleinen Bühne durch enge Sehschlitze, die an die Sklaventransporte der Kolonialzeit erinnern. Parallel dazu arbeitet Oliveira an einem Kindertheater-Projekt, indem er Italo Calvinos fantastisches Märchen Der Baron auf den Bäumen im Parque da Redençao unter freiem Himmel aufführt. Der fünfzigjährige Schauspieler will mit der Darstellung des Baron Cosimo – der als kleiner Junge beschloß, die Erde für immer zu verlassen, um in seiner eigenen (Traum-) Welt aus Bäumen zu leben – ein Stück des „Magischen Realismus“ in den Alltag einer Großstadt holen. Dafür nimmt er auch in Kauf, sich wie ein junger Tarzan von Ast zu Ast zu schwingen.
„Der Wechsel vom Schauspieler zum Regisseur ist oft fließend. Das im Vergleich zum deutschen Theater mehr körper- und tanzbetonte brasilianische Theater orientiert sich mehr am Schauspieler. Die Regisseure spielen meistens noch selbst, und die Schauspieler führen nicht selten einzeln oder im Kollektiv Regie,“ stellt die Schauspielerin Leticia Liesenfeld fest, die das letztjährige Berliner Theatertreffen besuchte. „Dies ist nicht zuletzt auf die schlechte finanzielle Situation der Theater zurückzuführen. Europäische und besonders deutsche Verhältnisse sind für uns ein Traum. Wir sind zumeist abhängig von privaten Sponsoren.“
In den wenigen großen, teilweise mit privaten Geldern finanzierten Häusern, wo Stars aus dem Fernsehen auftreten oder renommierte Regisseure wie Gerald Thomas arbeiten, sind die Eintrittspreise für den Durchschnittsverdiener unerschwinglich. „Entweder man geht inhaltliche Kompromisse ein, spielt seichtes Unterhaltungstheater und verdient sein Geld hauptsächlich beim Fernsehen, oder man bleibt idealistisch am Rande und wartet, bis sich einmal einer der wenigen brasilianischen Theaterkritiker in eine Vorstellung verirrt,“ bedauert Lutti Pereira, der ehemalige Direktor des Teatro de Arena. „Letztendlich lebt man in ständiger materieller Unsicherheit.“ Lutti Pereira kann ein Lied davon singen. Er sah sich nach der Rückkehr von der Tournee kurzerhand aufgrund politischer und künstlerischer Differenzen seines Amtes enthoben.

Hoffen auf eigene Stücke

Inzwischen steht er wieder selbst auf der Bühne. In Camilo de Lelis’ neuer Inszenierung von Herbert Achternbuschs Der Stiefel und sein Socken, die ebenfalls wieder mit Preisen überhäuft wurde, spielt er die Hauptrolle. Neben Achternbusch und Dorst werden auch Stücke von Beckett, Ionesco, Tabori und Heiner Müller gespielt. Werke aktueller brasilianischer Autoren findet man dagegen seltener. In den letzten Jahren fand die Renaissance eines Klassikers des modernen brasilianischen Theaters, Nelson Rodrigues, statt. Dies bedeutet auch eine wiedergewonnene Orientierung an sozialkritischen Themen. Rodrigues stellte in seinen Stücken die Auswirkungen des materiellen Elends schonungslos dar und prangerte moralische Heuchelei, die Unterdrückung der Frau und den in Brasilien gern verschwiegenen Rassismus an. Der Autor, dessen Stücke während der Militärdiktatur verboten waren, beeinflußte eine ganze Generation junger Dramatiker. Doch eine derart ungeschönte Anklage hat es heute schwer beim Publikum. Deshalb setzen viele junge Regisseure auf die Verbindung von Unterhaltung und politischer Kritik. Und sie hoffen auf neue brasilianische Stücke. „Die Stoffe liegen ja gewissermaßen auf der Straße. Aber es mangelt heute an brasilianischen Dramatikern, die wirklich Erfolg haben,“ stellt Lutti Pereira fest. „Viele schriftstellerische Talente ernähren sich mit dem Schreiben von Telenovelas.“
Die Rückkehr zu politischen und gesellschaftskritischen Themen, verbunden mit einem fast schon sprichwörtlich gewordenen Mut zur Improvisation und Innovation, lassen auf eine bessere Zukunft des brasilianischen Theaters hoffen. Was oft noch fehlt, sind die Zuschauer. Während in jeder Favela über zahlreiche Bildschirme Fußballübertragungen und die zum Exportschlager avancierten Endlosserien flimmern, bleiben den ambitionierten Theatern die Zuschauer weg. Lutti Pereira findet, daß „heute keine politische Zensur mehr herrscht, aber eine Zensur des Geldes.“ Besitzen die Theater heute die Freiheit, ein kritisches Stück auf die Bühne zu bringen, fehlt es ihnen oft an Finanzkraft. „Außerdem ist eine gewisse Lethargie bei den Leuten festzustellen,“ so Pereira. „Sie glauben einfach nicht mehr an irgendeinen Zweck politischen Denkens und stumpfen lieber vor dem Fernseher ab.“ „Brasilien ist bekannt für die Produktion erstklassiger Fernsehwerbung, aber nur wenige wissen, daß wir auch erstklassiges Theater machen“, stellt der Pianist Mario Trilha do Neto fest und fügt hinzu: „Alle kennen Xuxa, den weiblichen TV-Superstar, aber wenige waren schon einmal in einer Schauspielvorführung.“
„Wir müssen uns selbst an den Kopf fassen“, sagt Camilo de Lelis. „Gegen die Militärdiktatur bildeten wir eine oppositionelle Einheit. Besonders hier in Porto Alegre. Aber nun kocht jeder sein eigenes Süppchen. Jeder will nur schnelles Geld machen. Was uns im brasilianischen Theater noch fehlt, ist eine engere Zusammenarbeit. Denn das Potential haben wir.“ Der Philosoph Luiciano Corato aus São Paulo sieht dies als großes Problem der gesamten jüngeren Generation: „Was uns fehlt, ist ein großer Plan, ein gemeinsames Projekt, vielleicht sogar eine Utopie.“ Camilo entgegnet, „es sei frustrierend, wenn man noch so viele Ideen haben kann, sie aber wegen fehlender finanzieller Mittel nicht zu realisieren sind.“
Der 44jährige Regisseur ist zur Zeit als Gast des Goethe-Instituts in Berlin. Camilo de Lelis ist erfahren in der Bearbeitung von Stücken zeitgenössischer deutscher Autoren. Nach dem Erfolg seiner letzten Inszenierungen will er sich wieder einem Autor seiner Heimat Rio Grande do Sul, Ivo Bender, zuwenden. Im Zentrum des Stücks soll die Kultur des Gaúchos stehen. Außerdem arbeitet er an einem Projekt über einen legendären Massenmörder aus Porto Alegre: „Hier liegt unsere Chance, indem wir uns den Themen zuwenden, die die Leute hier kennen. Keine abgehobenen Stücke, sondern Geschichten, die jeder versteht.“ Er spricht einer Hinwendung zu regionalen und lokalen Fragestellungen das Wort: „Brasilien ist zu groß, um es in seiner Gesamtheit zu verstehen. Das sollte auch die Politik beherzigen.“
Im Gespräch verweist er auf die vorbildliche Kommunalpolitik der PT (Partido dos Trabalhadores), der Partei des zweimaligen Präsidentschaftskandidaten Lula da Silva, die in Porto Alegre schon in der dritten Legislaturperiode den Bürgermeister stellt und nicht nur im sozialen Bereich erfolgreich gearbeitet hat, sondern auch mit der Gründung und Förderung von Kulturzentren einen kulturpolitischen Riecher bewies. Ein Beispiel ist die Casa Cultural Mario Quintana, ein ehemaliges Luxushotel, das zum Kulturzentrum mit Bibliothek, Kino, Ausstellungs- und Theaterräumen umgebaut wurde. Der Stiefel und sein Socken hatte darin eine triumphale Premiere.
Die Linke kann in der Stadt einen großen Zulauf verzeichnen. Bei den letzten Kommunalwahlen errang man stolze 54 Prozent. Der sich auch als politischer Künstler verstehende Camilo findet, daß „diese Entwicklung nicht nur ein positives Zeichen für Kulturschaffende ist, sondern daß auf diesem Wege die PT Bürgernähe zeigt und eine echte Alternative zur von Korruption zerfressenen brasilianischen Parteienlandschaft ist.“

Einmal nach Deutschland

Abgesehen vom praktizierten Kommunitarismus auf dem Weg zu einer südbrasilianischen Zivilgesellschaft, fördert die PT mehrere kulturelle Städtepartnerschaften. „Gastspiele sind oft die einzige Möglichkeit, in einem so großen Land wie Brasilien oder auf dem ganzen Kontinent Wirkung zu erzielen. Oft sind die Theaterszenen der einzelnen Städte wie fensterlose Monaden, die einen Austausch bitter notwendig haben. Das gilt auch für die brasilianische Kulturmetropole São Paulo mit seinen über sechzig Theatern,“ findet Isabella Maria Schwab, Kulturfunktionärin aus Porto Alegre. Eines dieser Gastspiele fand letztes Jahr im Juli statt, als mehrere uruguayische Theater anläßlich der ersten Mostra do Teatro Uruguayo in Porto Alegre gastierten. Der Eintritt war frei und die Spielstätten bis auf den letzten Platz besetzt. Die Schlangen vor dem Kartenschalter, die sich schon morgens bildeten, reichten fast um den gesamten Häuserblock. Ein weiterer Austausch von Theatergruppen, Musikbands und anderen Künstlern findet seit einigen Jahren zwischen Porto Alegre und Buenos Aires statt.
Herr Paul ging auf Tournee nach Nord- und Nordostbrasilien. Man gastierte nicht nur in Manaus, sondern trat in mehreren Städten im Bundesstaat Minas Gerais auf. Danach war Camilo de Lelis mit seiner Truppe in Buenos Aires beim wichtigsten südamerikanischen Theaterfestival eingeladen, wo Senhor Paulo vor internationalem Publikum wieder in die Badewanne stieg und wo im März die brasilianische Version von Achternbuschs Drama Der Stiefel und sein Socken im Teatro General San Martín zu sehen sein wird. Auf dem Reiseweg kann so nicht nur die unermeßliche Vielfalt Brasiliens mit den Mitteln der Schauspielkunst verstanden werden, sondern vielleicht auch der Mercosur einen nicht nur ökonomischen, sondern auch kulturellen Zweck erfüllen. Ein Traum von Camilo de Lelis ist aber immer noch, einmal ein Gastspiel auf einem Festival in Deutschland zu bekommen.


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Chico Total!

Es wurde ja auch mal Zeit. Nach über 30 Jahren erhält nun auch das deutsche Publikum die Gelegenheit, einen der wichtigsten brasilianischen Liedautoren und Sänger kennenzulernen. Immerhin die beiden letzten Alben standen auch in deutschen CD-Regalen, aber frühere Werke waren hierzulande – anders als etwa in Frankreich oder Italien – kaum zu bekommen. Doch halt: Kommt uns die Melodie von „A Banda“ nicht irgendwie bekannt vor? Richtig: Ende der sechziger Jahre landete France Gall mit diesem Titel einen Riesenerfolg in Deutschland. Allerdings war der Originaltext – einer von Buarques bravsten – damals offenbar immer noch zu nachdenklich und wurde durch ein blödsinniges Aneinandergereime vermeintlicher Exotikklischees ersetzt: „Zwei Apfelsinen im Haar…“
Chico Total ist eine Zusammenstellung von 24 Liedern, angefangen mit eben diesem „A Banda“, mit dem Chico Buarque den TV-Liederwettbewerb 1966 gewann und damit den Grundstein für seine Karriere legte, bis hin zu „A Volta do Malandro“ aus dem Jahr 1985. Natürlich sind es keineswegs „alle wichtigen Songs“, wie uns der Klappentext weismachen will – aus dem simplen Grund, daß dafür eine CD nicht ausreicht. Jedoch ist angesichts der fast unlösbaren Aufgabe, zwei Jahrzehnte Karriere auf einer CD zusammenzufassen, ein recht repräsentativer Überblick entstanden.
Auf musikalischer Ebene lassen Chico Buarques Kompositionen zwei Hauptwurzeln erkennen: Einerseits der samba-canção seiner Heimatstadt Rio de Janeiro, in der Tradition der alten sambistas wie Noel Rosa, andererseits die raffinierte Melodik und komplexe Harmonik der zu Beginn seiner Karriere äußerst populären bossa nova. Diese beiden Elemente verschmilzt Chico Buarque zu seinem unverwechselbaren Stil, der jedoch andere brasilianische Rhythmen wie marcha-rancho („A Banda“) oder choro („Meu Caro Amigo“) nicht ausschließt. Sogar die einzige Fremdkomposition „O malandro“, eine freie Nachdichtung des Dreigroschenoper-Hits „Die Moritat von Mackie Messer“, klingt, als sei sie nie etwas anderes als ein samba gewesen. Musikalische Revolutionen indes hat Chico Buarque – anders als etwa seine Kollegen Caetano Veloso und Gilberto Gil mit ihrem Konzept des tropicalismo – nie angestrebt, und progressive Arrangements wie „Deus lhe Pague“, das seine düstere Grundstimmung bis ins Unerträgliche steigert, bleiben die Ausnahme.
Dank der hervorragenden Übersetzungen von Karin von Schweder-Schreiner sind erstmals auch die Texte den deutschen Hörern zugänglich. Meist handelt es sich – ähnlich wie zum Beispiel bei Noel Rosa – um Geschichten aus dem brasilianischen Alltag, poetisch, sozialkritisch, oft ironisch bis sarkastisch und in ihrer sprachlichen Kraft am ehesten zu vergleichen mit Vinícius de Moraes, dem großen Dichter der bossa nova. Aber Chico Buarque vermag auch wunderschöne Liebeslieder zu schreiben, verzweifelte wie „Desalento“, ein zusammen mit Vinícius de Moraes geschriebener bossa nova, melancholische wie das gemeinsam mit Tom Jobim verfaßte „Eu te Amo“.
Oft steht der Inhalt der Texte in krassem Gegensatz zur Melodie, etwa bei „Homenagem ao Malandro“, einer ironischen Anklage der Korruption und Wirtschaftskriminalität, die als flotter samba daherkommt, oder bei dem ebenso fröhlichen „Meu Caro Amigo“, das in Form eines Briefes an einen Freund den alltäglichen Frust schildert. In „O meu Guri“ unterstreicht die liebliche Melodie die Naivität einer Mutter, die sich darüber wundert, daß in den Handtaschen, die ihr ihr Kleiner schenkt, immer schon alles drin ist…
Auch das jahrelange Katz-und-Maus-Spiel mit der Zensur spiegelt sich in Chico Buarques Texten. 1970 nach kurzem italienischem Exil in sein Heimatland zurückgekehrt, ließ sich Chico Buarque immer findigere Tricks einfallen, um seine Botschaften zu verbreiten, bis hin zu einem Pseudonym, unter dem er 1974 ein eigenes Lied auf ein Album mit Fremdkompositionen schmuggelte. „Corrente“ etwa kommentiert die damalige Parole des Militärregimes „Este é um país que vai pra frente – Dieses ist ein Land, das voranmarschiert“, indem es nach der Anfangszeile „Eu hoje fiz um samba bem pra frente – Heute habe ich einen richtig fortschrittlichen samba geschrieben“ mit einer raffinierten Verschiebung der Verse in Bezug zur Melodie wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt.
Fazit: Eine rundum empfehlenswerte Zusammenstellung, die sicherlich den HörerInnen Appetit und hoffentlich den ProduzentInnen Mut macht auf eine Fortsetzung!
Im Gegensatz zu Chico Buarque, dem cantor, der mit einem ausgeprägten Personalstil hauptsächlich eigene Titel vorträgt, betrachtet sich Ney Matogrosso als intérprete, also eine Art musikalischen Schauspieler. Eine in Brasilien übliche Unterscheidung, die keine Wertung beinhaltet. Auch er blickt auf eine jahrzehntelange Karriere zurück, die 1973 mit der legendären Formation Secos e Molhados begann. Berühmt war der androgyne Sänger mit der hohen Stimme vor allem wegen seiner exaltierten Bühnenshows.
Auf seinem neuesten Album Um Brasileiro interpretiert er ausschließlich Kompositionen von Chico Buarque. Vier davon sind auch auf Chico Total zu finden und ermöglichen so den direkten Vergleich; auf „Até o Fim“ hören wir Komponist und Interpret im Duett. Einige der Titel sind deutlich langsamer gehalten als die Originalversion, was in Verbindung mit den sparsamen, transparenten Arrangements des Pianisten Leandro Braga die stimmlichen Qualitäten Ney Matogrossos sehr gut zur Geltung kommen läßt (allerdings unterstreicht zuweilen gerade der leidenschaftslose Gesangsstil Chico Buarques besser die Ironie seiner Texte, so etwa in „Mil Perdões“, bei Ney Matogrosso ein ausdrucksvoll vorgetragener langsamer Blues, in dem es heißt: „Ich verzeihe dir, daß ich dich betrogen habe.“). Es gelingt den Musikern hervorragend, in den Liedern Chico Buarques neue Facetten zum Vorschein zu bringen, sie gewissermaßen aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Das arg strapazierte „A Banda“ gewinnt hier in einer getragenen und reharmonisierten Version deutlich an Frische, und „Soneto“- lediglich begleitet von Klavier, Sopransaxophon (Zé Nogueira) und Cello (Jacques Morelenbaum) – gerät zu einem intimen Bekenntnis (warum nur wurde das Zwiegespräch zwischen Nogueira und Morelenbaum so früh ausgeblendet?). Dennoch: ebenfalls eine ausgezeichnete CD, gleichzeitig traditionsbewußt und modern. Sie sei nicht nur Chico Buarque-Fans empfohlen.

Chico Buarque: Chico Total, Polygram, 536364-2
Ney Matogrosso: Um Brasileiro, Polygram, 528077-2


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Farbige Rivalität

Schon kurz nach dem Amtsantritt Basdeo Pandays kam es zu einem heftigen Disput mit der Tageszeitung Trinidad Guardian. Panday schloß das Blatt kurzerhand von Regierungsveranstaltungen aus und bezeichnete den Chefredakteur Jones Madeira als rassistisch, boshaft und gehässig. Sicher hatte der Trinidad Guardian wie auch diverse andere Printmedien und Radiostationen unmittelbar nach der Wahl in die anti-indische Kerbe gehauen und die neuen „Masters“ an die Wand gemalt, dennoch war die Reaktion Pandays reichlich überzogen. Zu dieser Einsicht gelangte Panday nach einem Treffen mit drei Zeitungsherausgebern aus karibischen Nachbarländern schließlich selbst, so daß er den Bann gegenüber dem Guardian flugs wieder aufhob. Der als „Krieg der Worte“ bezeichnete Streit ging jedoch weiter. 17 RedakteurInnen waren schließlich derart genervt, daß sie den Guardian verließen, um sich mit der Neugründung einer Zeitung wieder auf ihre Arbeit besinnen zu können.
Mit ihrem Vorschlag zur Medienreform goß die Regierung weiter Öl ins Feuer. Sowohl von den Medien als auch von anderen Sektoren wurde der Entwurf als Versuch der Zensur und Einschränkung der Pressefreiheit zurückgewiesen. Panday versuchte einzulenken und beauftragte einen externen Ratgeber mit der Unterbreitung eines Schlichtungsvorschlags. Der Vorschlag des Kommunikationsberaters Roy Boyke verblüffte durch seine Simplizität: die Regierung solle ein „einseitiges Moratorium“ im Krieg gegen die Medien ausrufen und sich ansonsten bemühen, „schadensbegrenzende Mechanismen“ im Medienrecht zu stärken. Auch Panday selbst scheint verblüfft. Seit der Vorschlag Anfang September veröffentlicht wurde, tendieren seine öffentlichen Ausbrüche kontra MedienvertreterInnen gegen Null. Zwei neue Schwerpunkte zieren seine Medienpolitik: zum einen wendet er sich gegen die überhandnehmende Gewaltverbreitung im Fernsehen und zum anderen setzt er sich für eine Förderung des lokalen Programminhalts ein. Während sich viele JournalistInnen über den zumindest vorläufigen Waffenstillstand erleichtert zeigen, gibt es einige KritikerInnen, die Pandays geänderte Medienpolitik lediglich als neue Taktik interpretieren, sich die Kontrolle der Medien durch die Hintertür des lokalen Inhalts anzueignen. Prominentester Kritiker ist der Afrotrinidadier Patrick Manning, Vorgänger von Panday, der sich seit den Wahlen 1995 mitsamt seiner Partei, dem People´s National Movement (PNM), in der ungewohnten Oppositionsrolle befindet. Eine Rolle, die sich zumindest bis Ende 1996 hätte vermeiden lassen, denn erst zu diesem Zeitpunkt wären die Parlamentswahlen laut Verfassung fällig gewesen. Manning zeigte sich jedoch immer stärker genervt von seinen zunehmend eingeschränkteren Regierungsmöglichkeiten.
Nachwahlen von Parlamentssitzen und der Rücktritt seines Außenministers Ralf Maraj hatten die Regierungsmehrheit schwinden lassen. Ohne Einbindung der Opposition ließen sich nur noch einfache Gesetze durchsetzen. Manning war dies zu wenig. Er erhoffte sich durch vorgezogene Neuwahlen eine bequeme Mehrheit, in der Annahme, daß die Wählerinnen und Wähler den wirtschaftlichen Aufschwung unter seiner Ägide entsprechend goutieren würden. Er verkalkulierte sich und mußte so Basdeo Panday Platz machen.

Das kleine Tobago gibt den Ausschlag

Unkonventionelle Wahlergebnisse erfordern unkonventionelle Regierungsbildungen. Ein Patt auf Trinidad zwischen dem afrotrinidadischen People’s National Movement (PNM) und dem indotrinidadischen United National Congress (UNC) erbrachte das Novum: die oft vernachlässigte Kleininsel Tobago wurde zum Zünglein an der Waage. Die knapp 50.000 und zu mehr als 90 Prozent afrikanischstämmigen BewohnerInnen Tobagos werden im nationalen Parlament durch zwei Sitze repräsentiert, und diese zwei Sitze gewinnt seit ihrer Gründung 1986 mit steter Regelmäßigkeit die Parteienverbindung National Alliance for Reconstruction (NAR). Die Abneigung der afrotobagischen NAR gegen die jahrzehntelange Alleinregierung der afrotrinidadischen PNM überwiegt selbst die Differenzen zum indotrinidadischen United National Congress (UNC). Als Königsmacher für den ersten indischstämmigen Ministerpräsidenten des Inselverbunds fungierte so kurioserweise der schwarze Parteichef der NAR, Arthur Napoleon Raymond Robinson. Eine weitere Pikanterie: Bei der Koalition handelte es sich um eine Quasi-Neuauflage der Regierung von 1986, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Damals stellte die NAR den Ministerpräsidenten und konnte zum ersten Mal die Dominanz des PNM durchbrechen. In die NAR integriert und größter Stimmensammler war die United Labour Front (ULF), die Vorgängerin des UNC, die in erster Linie die trinidadischen Hindus repräsentierte. Bereits 1988 verließen jedoch die ULF-Mitglieder im Streit die Regierung von Robinson und gründeten 1989 unter Führung von Basdeo Panday den UNC. Trotz des damaligen Zwists koalierte der UNC Pandays 1995 mit der NAR. Die Koalition erwies sich indes als brüchig. Zum einen war der UNC seit dem Übertritt zweier PNM-Abgeordneter kaum noch auf die NAR angewiesen, zum anderen befindet sich die NAR in der Selbstauflösung. Zankapfel war der vakante Abgeordnetensitz von Robinson, denn der Königsmacher wurde am 19. März 1997 auf Vorschlag Pandays zum Präsidenten von Trinidad und Tobago gewählt. Die parteiinterne Auswahl eines Kandidaten für die anstehenden Nachwahlen endete in heftigem Disput. Die einzige noch verbliebene NAR-Abgeordnete Pamela Nicholson trat aus der Partei aus und erklärte die NAR für tot, womit die Koaltion de facto beendet wurde. Der UNC unterstützte bei den Nachwahlen den unabhängigen Kandidaten Winford James, ebenfalls ein Ex-NAR-Mitglied, und zeigte dadurch klar, daß er in Zukunft auf die Unterstützung der NAR nicht mehr angewiesen sein will. Die NAR lebt jedoch auf Tobago weiter, denn nicht Winford James, sondern der Kandidat der NAR, Morgan Job, gewann die Nachwahlen. Der UNC reagierte prompt. Er bot Job den Ministerposten für Tobago-Angelegenheiten an und brachte so den Interimschef der NAR, Nizam Mohammed, zur Weißglut. Er rief zu einer vereinten afrotrinidadischen Opposition gegen die Regierung auf, bisher jedoch folgenlos für den UNC, dessen indotrinidadische Ausrichtung ein koloniales Produkt ist.

Ethnische Segmentierung als koloniales Produkt

Wenngleich der UNC formal multiethnisch orientiert ist, so repräsentiert er – wie sein Vorläufer ULF – faktisch primär die trinidadischen Hindus. Die an ethnischen Trennungslinien orientierte Parteien- und Siedlungsstruktur Trinidads hat ihre Wurzeln in der kolonialen Vergangenheit der Karibik. Auf allen karibischen Inseln besteht die Bevölkerungsmehrheit aus Schwarzen und Mulatten, letztlich also aus Nachkommen afrikanischer Sklavinnen und Sklaven, wobei es auf nahezu jeder Insel kleine und oft einflußreiche Minderheiten europäischer oder asiatischer Herkunft gibt. Trinidad jedoch nimmt insofern eine Ausnahmestellung ein, da die InderInnen mit 41 Prozent fast die Hälfte der Bevölkerung stellen.
In der seit 1802 britischen Kolonie Trinidad wurde trotz der durch die Konkurrenz des Rübenzuckers bedingten Krise in den Jahren 1844 bis 1917 rund 150.000 indische KontraktarbeiterInnen im sogenannten Indentur-System (Vertragsarbeitssystem) für die Zuckerplantagen angeworben. Die Plantagenwirtschaft hatte sich auf Trinidad seit 1783 entwickelt, die Produktpalette umfaßte Kakao, Zucker und Kaffee. Die Kontrakte der indischen IndenturarbeiterInnen enthielten den kostenlosen Rücktransport nach Vertragsablauf. Die steigenden Reisekosten brachten die Kolonialverwaltung jedoch auf die Idee, den ArbeiterInnen alternativ Kronland anzubieten. Etwa drei Viertel der ArbeiterInnen griffen darauf zurück. Das soziokulturelle Gefüge wurde kräftig durcheinandergeschüttelt, und zwar nicht nur ethnisch. Zu den überwiegend christlichen Afrikanischstämmigen kamen nun indische Hindus und zu einem geringeren Teil auch Moslems. Zudem bildete sich eine Gruppe christlicher InderInnen, da die Konversion zum Christentum den Zugang zu christlichen Bildungseinrichtungen erleichterte.
Seit der Indentur ziehen sich ethnische Gesichtspunkte wie ein roter Faden durch die trinidadische Geschichte. Während sich bis heute die Landbevölkerung überwiegend aus indischen Nachfahren konstituiert, haben die Schwarzen und Mulatten sich vorwiegend in den Städten niedergelassen und stellen das Gros der Industriearbeiterschaft und der öffentlichen Angestellten. Von den 300.000 Einwohnerinnen und Einwohnern der Hauptstadt Port of Spain sind gerade mal zehn Prozent indischer Abstammung. Die Afro-TrinidadierInnen konnten nach der Unabhängigkeit bis 1995 die umkämpfte politische Hegemonie in ihren Händen halten. Der Ausdruck der Hegemonie bildete die jahrzehntelange Alleinregierung der ersten modernen Partei Trinidads, des People´s National Movement (PNM).

The Fête is over: Die schwarze Vormacht bekommt Risse

Erst Anfang der fünfziger Jahre tauchten in Trinidad Parteien moderner Prägung auf, allen voran das People’s National Movement (PNM), das von Angehörigen der schwarzen Bildungselite aus der Mittelschicht gegründet wurde.
Zum Vorsitzenden wurde der Oxford-Absolvent, renommierte Historiker und Afrotrinidadier Eric Williams gewählt, der bis zu seinem Tode 1981 die Entwicklung der Insel nachhaltig prägen sollte. Nach dem Sieg des PNM bei den Wahlen von 1956 erodierte die Macht der weißen Bevölkerungsgruppe zunehmend. Die Schlüsselstellungen von Verwaltung und Justiz wurden nun durch Angehörige der afrotrinidadischen Mittelschicht besetzt. Ein Großteil der Weißen emigrierte, viele andere wechselten in die Privatwirtschaft.
Eric Williams betonte zwar immer den multiethnischen Charakter des PNM, dennoch entwickelte es sich zu einer antikolonialen, sozialdemokratischen Partei der schwarzen Mittelschicht mit proletarischer Massenbasis. Die indische Kultur wurde als ein im Assimilierungsprozeß befindliches, der Kreolisierung unterworfenes Phänomen betrachtet. Kein Wunder, daß ob solcher Politik Bewegung in die bis dato recht passive indische Bevölkerung kam. Ein erster Erfolg wurde bei den Wahlen zum regionalen Parlament der British West Indies Federation erreicht, als eine breite, vor allem von mehreren indotrinidadischen Parteien getragene Allianz das PNM knapp besiegen konnte. Das politische Klima zwischen afrikanisch- und indischstämmigen TrinidadierInnen verschärfte sich abrupt.
Williams beschimpfte die Indischstämmigen offen als feindliche Minderheit Trinidads. „Masters“ hatten die Schwarzen Trinidads schließlich lange genug gehabt. Die gerade erklommene Macht sollte nun auf keinen Fall preisgegeben werden, die Narben aus der Sklaverei waren noch allzu frisch.
Auch in Sachen Unabhängigkeit differierten die Positionen anhand der ethnischen Trennungslinie. Mit dem Austritt Jamaicas sowie Trinidad und Tobagos brach die westindische Föderation auseinander. Beide Länder forcierten nun die nationale Unabhängigkeit von der Kolonialmacht, am 6. August 1962 wurde Jamaica als Staat unabhängig, am 31. August 1962 Trinidad und Tobago. Während hier das PNM als Motor der Unabhängigkeit fungierte, verhielten sich die indotrinidadisch geprägten Parteien reserviert. Zu groß waren die Bedenken gegen ein unabhängiges Trinidad unter Führung des PNM, hatten die Afrikanischstämmigen sich doch schon Verwaltung, Militär und Polizei unter den Nagel gerissen. Nach der Unabhängigkeit profitierte das PNM bis zum Tode von Eric Williams 1981 in starkem Maße von der explosionsartigen Entwicklung der Ölpreise. So hatten sich 1980 die Devisenerlöse aus dem Ölexport gegenüber 1970 verzehnfacht, womit sich eine massive Erweiterung des Patronagesystems finanzieren ließ. Der Nachfolger von Williams, George Chambers, hatte mit der Ölpreisentwicklung weniger Glück. Bereits in seinem ersten Amtsjahr mußte er 1982 verkünden: „The Fête is over“. Bis 1986 fiel der Barrelpreis von 34 auf 13,14 US-Dollar. Eine schwere Finanz- und Wirtschaftskrise folgte. Kein Wunder, daß auch für das PNM die „Fête“ vorerst zu Ende ging. Sie unterlag bei den Wahlen 1986 dem ethnisch und ideologisch disparaten Parteienbündnis der National Alliance for Reconstruction (NAR), die Dominanz des PNM auf nationaler Ebene war erstmals durchbrochen.
Neuer Ministerpräsident wurde der schwarze Arthur Napoleon Jonathan Robinson, obwohl schon damals die indotrinidadische United Labor Front (ULF) um Basdeo Panday die meisten Stimmen zum Wahlsieg beigetragen hatte. Aber die Zeit schien damals noch nicht reif für einen indischen Minsterpräsidenten. Seit zwei Jahren ist ein indischstämmiger Regierungschef in Trinidad und Tobago nun Realität. Die afrotrinidadische Dominanz ist angeknackst, aber nicht gebrochen. Der Kampf um die Hegemonie geht weiter, verläuft aber bei allen Spannungen in gewaltfreien Bahnen, zumindest eine bemerkenswerte Tatsache.

Ein ausführlicher Artikel über Trinidad und Tobago vom selben Autor erschien kürzlich in: Lateinamerika. Analysen und Berichte 21, Land und Freiheit, Horlemann Verlag 1997.


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Das Regime Vladimori

Die Unzufriedenheit und Kritik gegenüber der Regierung, die seit einigen Monaten in der Bevölkerung vorherrscht, weist auf ein spätes politisches Erwachen hin, nachdem hohe Popularitätsraten Fujimori jahrelang bescheinigt hatten, daß sein autoritärer Stil vom Volk begrüßt wurde. Nachdem er sich im MRTA-Geiseldrama noch einmal als Retter präsentieren konnte, schnellte seine Popularität kurzfristig auf etwa 70 Prozent hoch, um dann nach einer Anhäufung von Skandalen rapide bis auf ein Tief von etwa 25 Prozent abzusinken. Der wichtigste Grund für die Unzufriedenheit mit der Regierung ist sicherlich die hohe Arbeitslosigkeit. Aber auch die beharrliche Zerrüttung der demokratischen Institutionen, die mit dem autogolpe 1992 begann (siehe LN 215) – damals hatte Fujimori den von der Opposition dominierten Kongreß aufgelöst und behauptet, die korrupte Justiz säubern zu wollen – wird von der Bevölkerung zunehmend als Bedrohung wahrgenommen.

Das Triumvirat der militärisch-zivilen Macht

Eine im Juli veröffentlichte Umfrage der Zeitschrift Debate zur Machtverteilung in Peru zeigt, daß sich die PeruanerInnen des Triumvirats der militärisch-zivilen Macht gewahr werden, das sie regiert. Intellektuelle und der politischen Szene zugehörige Persönlichkeiten halten zwar mehrheitlich Fujimori für den mächtigsten Peruaner, doch ganz dicht folgt dessen Berater, der dem Militär entstammende und dem Geheimdienst (SIN) angehörende Vladimiro Montesinos. An dritter Stelle rangiert der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, General Nicolás Hermoza Ríos. Kritiker sprechen deshalb auch vom Regime Vladimori.
In der Wahrnehmung der DurchschnittsperuanerInnen erscheint Montesinos gar noch vor Fujimori: 46 Prozent glauben, daß er die größte Machtkonzentration in Händen hält, während nur 37 Prozent diese Position Fujimori zuschreiben. Zugleich ist Montesinos eine der unpopulärsten Figuren des Regimes, insbesondere seit undurchsichtige Einkommensquellen dieser grauen Eminenz ruchbar wurden.
Die Judikative steht seit dem autogolpe zunehmend unter Kontrolle der Exekutive, was unter dem Euphemismus einer “Justizreform” verkauft wird. Doch auch hier scheint der Blick der Bevölkerung nicht allzusehr getrübt zu sein. In einer anderen Umfrage gaben 63 Prozent der Befragten an, die Justiz sei heute stärker von Fujimori und Montesinos beeinflußt als vor der Reform; nur 13 Prozent verneinten diese Ansicht. Die einzigen noch unabhängigen Organe im Bereich der Justiz sind der “Generalanwalt der Nation” und der “Ombudsmann des Volkes”. Beide äußern zwar in der Presse grundlegende Kritik an den autoritären Exzessen, was jedoch keine weiteren Konsequenzen zeitigt. Dagegen nutzt die Regierung sogenannte Exekutivkommissionen, die den Prozess der vermeintlichen Justizreform vorantreiben sollen. Diese besetzten jedoch nach Belieben Richterstühle um oder richteten ad-hoc-Kammern ein, die in den Fällen zu urteilen haben, die die Regierung kompromittieren könnten oder die Privatinteressen Fujimoris berühren.
Abgesetzt und zudem unter Anklage befinden sich auch drei ehemalige Richter des inzwischen faktisch aufgelösten Verfassungsgerichts. Diese hatten ihre Funktion ernstgenommen und Fujimoris Wiederwahlgesetz als verfassungswidrig erklärt.
Wegen der annähernd gleichgeschalteten oder geknebelten staatlichen Gewalten kommt der “vierten Gewalt”, den Massenmedien, eine überragende Bedeutung und Verantwortung zu.
So waren sie es, die wesentlich zur Aufdeckung der Verantwortung von Militärs im Fall La Cantuta beitrugen, in dem 1992 zehn Studenten mit einem Professor “verschwanden” und dann in einem Massengrab gefunden wurden. Bald darauf mußten sie freilich auch von einem für die Schuldigen maßgeschneiderten Amnestiegesetz berichten.
Einer der wenigen TV-Sender, die Themen so anpacken, daß sie nicht auf Regierungslinie liegen, ist Frecuencia Latina. In einer Sendung wurde Anfang April der Fall einer Agentin des Militärgeheimdienstes SIE bekannt, die von ihren Kollegen gefoltert worden war, weil diese sie verdächtigten, die Existenz des paramilitärischen Kommandos Colina verraten zu haben. Auch hier ist es der Militärgerichtsbarkeit gelungen, den Fall an sich zu reißen, obwohl dies gegen grundlegende Rechtsprinzipien und internationale Abkommen zur Verhinderung der Folter verstößt, in denen unabhängige Gerichte verlangt werden. Perverserweise muß das Opfer nun damit rechnen, selbst von den Militärs angeklagt zu werden. Ein ähnliches Beispiel ist die Entführung des ehemaligen Generals Rodolfo Robles Espinoza. Dieser hatte zur Aufdeckung des Falles La Cantuta beigetragen, und als dieser den zivilen Gerichten zugewiesen wurde, hat der SIE Robles entführt, weil sich die Militärs dieser richterlichen Entscheidung nicht fügen wollten.
Die zuständigen Richter sind inzwischen abgesetzt und stehen nun zum Teil selbst unter Anklage.
Über den gleichen Sender erfuhr die Öffentlichkeit am 13. Juli von den systematischen Abhorchpraktiken der Geheimdienste, von denen vor allem Journalisten und Oppositionspolitiker betroffen waren, wobei nur bestätigt wurde, wovon viele Oppositionelle längst ausgingen. Dennoch veranlaßte dieser Skandal die einzige noch respektable Figur im näheren Umfeld Fujimoris, den Außenminister Francisco Tudela, der sich selbst unter den Betroffenen befand, am Tag darauf von seinem Amt zurückzutreten. Mit der Untersuchung des Falles wurden aber wiederum Repräsentanten des Regimes betraut, so daß hier keine weiteren Konsequenzen zu erwarten sind.

Den Rechtsstaat ausgehebelt

Die Militärs, die sich von solcher journalistischen Unabhängigkeit auf die Stiefel getreten fühlten, starteten daraufhin eine Verleumdungskampagne gegen den Hauptaktionär von Frecuencia Latina, den Unternehmer israelischer Herkunft Baruch Ivcher Bronstein, und unterstellten diesem Waffengeschäfte mit dem Erzfeind Ecuador. Als dieses Konstrukt zusammenzubrechen drohte, begannen sie, dessen peruanische Staatsbürgerschaft infragezustellen, denn Nicht-Peruanern ist der Besitz von Fernseh- und Radiosendern untersagt. Wie auf Befehl erklärte die Migrationsabteilung des Innenministeriums die über zehn Jahre zurückliegende Nationalisierung Ivchers für nichtig. Ivcher habe “Unregelmäßigkeiten” zu verantworten, doch die Akte, die dies belegen soll, ist innerhalb des Ministeriums verschollen. Dieser Willkürakt kann Ivcher gemäß allgemein anerkannter Rechtsdoktrin nicht seiner Staatsbürgerschaft berauben, doch absurderweise scheint die Justiz vom Entzug derselben auszugehen. Ivcher droht nämlich trotz der offensichtlich verfassungswidrigen administrativen Entscheidung der Verlust der inhaltlichen Kontrolle über den Sender. Diese solle dann den Minderheitsaktionären Samuel und Mendel Winter übertragen werden. Wie dessen politische Linie dann aussehen dürfte, kann man sich ausrechnen, seit ein Treffen der Brüder Winter mit der militärischen Führung bekannt wurde.
Sollte die Regierung im Fall Ivcher letzten Endes dennoch einlenken, wofür es seit Ende August Anzeichen gibt, dürfte das auf die Beunruhigung zurückzuführen sein, die diese Mißachtung der Garantie des Eigentums unter Investoren ausgelöst hat. Selbst die ansonsten dem Regime verbundenen Unternehmerverbände haben sich öffentlich gegen diesen Angriff auf die Rechtssicherheit ausgesprochen.
Die Regierung jedoch schreibt die sich häufenden Repressalien gegen Jounalisten der allgemeinen Kriminalität zu, für das massive Abhorchen von Telefonen sollen Privatpersonen verantwortlich sein, und “Irrtümer” der Verwaltung oder der “unabhängigen” Justiz wie im Falle Ivcher seien nun einmal der Preis der “Demokratie”.
Statt der von Oppositionellen geforderten Anhörung des Innenministers und des Vorsitzenden des Ministerrates im Kongreß setzten die Militärs eine geheime Sitzung durch, in der sie angeblich zu erklären beabsichtigten, inwiefern Ivcher ein Risiko für die nationale Sicherheit sei. Der tatsächliche Zweck dieser Sitzung, zu der am 22. Juli 36 Militärs aufmarschierten, schien eher eine Machtdemonstration gegenüber den Parlamentariern zu sein, damit diese nicht vergäßen, wer faktisch die Macht innehat.
Als sich der Nationalfeiertag, der 28. Juli, näherte, richteten sich noch einmal Hoffnungen auf die traditionelle Rede des Präsidenten, in der dieser womöglich eine Kurskorrektur ankündigen würde. Doch wie schon Fujimoris Umgang mit dem Rücktritt Tudelas ahnen ließ – es folgte eine partielle Kabinettsumbildung, die den Einfluß der Montesinos-Fraktion eher noch stärkte -, bestätigte sich auch am 28. Juli die Arroganz des Regimes. Fujimori beteuerte, es herrsche unbeschränkte Pressefreiheit, und die Militärs stünden unter ziviler Kontrolle. Darüberhinaus kündigte er einige “Geschenke” an, wie die Steigerung der Bezüge der Angestellten im öffentlichen Dienst um fünfzehn Prozent – womit diese miserabel bleiben – oder staatliche Wohnungsbauprojekte. Diese populistischen Elemente konnten den Volkszorn tatsächlich etwas besänftigen.

Das Trauma des Terrorismus

Dennoch bewog der Fall Ivcher immerhin 3.000 Menschen dazu, sich spontan vor dem Sender von Frecuencia Latina zu einer Solidaritätskundgebung einzufinden, wenige Tage darauf zogen zehntausende Demonstranten, unter ihnen auch einige Gruppen von Studenten, vor den Regierungspalast. Die nüchtern betrachtet geringe Beteiligung läßt sich unter anderem darauf zurückführen, daß der Gewerkschaft des Baugewerbes, die neben der Lehrergewerkschaft zur Demonstration aufgerufen hatte, ein Ruf des Radikalismus anhaftet, der viele potentiell Protestgeneigte abschreckte.
Der Protest bleibt privat, solange die durch zehn Jahre bürgerkriegsähnlicher Zustände hervorgerufene Traumatisierung der Bevölkerung anhält. Doch auch ohne das Trauma des Terrorismus zu bemühen, wird die politische Apathie durch das Fehlen einer Alternative verständlich, denn es ist keine oppositionelle Führungsfigur in Sicht, und der frühere UNO-Generalsekretär und Präsidentschaftskandidat Javier Pérez de Cuellar – letztes Jahr noch als einflußreichster Oppositionspolitiker gehandelt, ist auf Rang sechs in dieser Kategorie abgerutscht.

Fujimorismo ohne Fujimori?

Als derzeit aussichtsreichster Kandidat für die nächsten Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000 gilt der derzeitige Bürgermeister Limas, Alberto Andrade. Der aber verspricht außer einem neuen Gesicht vor allem Kontinuität. In Lima hat er sich nicht zuletzt als Saubermann eine breite Popularität gesichert. Ihm ist gelungen, woran sich seine Vorgänger die Zähne ausgebissen hatten: die Verbannung der unzähligen informellen Händler aus dem heruntergewirtschafteten historischen Kern Limas, der so wieder zu einem attraktiven Zentrum werden könnte. Abgesehen von solchen punktuellen Erfolgen hat er aber kein alternatives Regierungsprogramm zu bieten. Auch Andrades Kritik an der derzeitigen Regierung angesichts der Verstöße gegen den Rechtsstaat bleibt auffallend verhalten.


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“Weil ich Teil dieser Geschichte bin”

Schon lange bevor das Konzert losgeht, spüre ich ein Vibrieren in der Luft. Eine fröhliche Spannung nimmt sich meiner an. Bald schon sieht man nicht mehr einzeln zusammenstehende Grüppchen, sondern eine wogende Menschenmasse. Überall Gelächter. Teenager haben sich herausgemacht und lassen erwartungsvoll ihre Blicke umherschweifen. Eine Omi neben mir hakt sich bei ihrem Enkel unter. Und ein kleiner Junge spielt Verstecken zwischen den Beinen der Großen. Ich bin erstaunt über dieses Miteinander von Jung und Alt, was ich aus Deutschland nicht kenne.
Plötzlich geht ein Ruck durch die Menge. Trommelrhythmen erklingen, und auf die große, abgedunkelte Bühne treten nacheinander die Musiker von Illapu. Es dauert Minuten, bis sich ihr erstes Lied gegen den tosenden Beifall, das Klatschen, die Sprechchöre und die Zurufe durchsetzen kann.
Zu den Konzerten der Gruppe Illapu strömen in ganz Chile jedes Mal tausende von Menschen. Ihre Lieder kann man an jeder Straßenecke hören. Die Musik von Illapu ist eine mitreißende Mischung aus chilenischer Folklore mit ihren typischen Instrumenten Quena (Flöte), Charango (Saiteninstrument) und Panflöte und modernen Elementen. Sie kennt ausgelassene Töne genauso wie Trauer und Nachdenklichkeit.
Seit Illapu sich Anfang der 70-er Jahre gegründet haben, sind sie ein Symbol für aufrechte Haltung geworden. Sie sprechen die Probleme an, die sonst ignoriert werden, besingen ihre Liebe zu Chile und schrecken vor allem nicht davor zurück, immer wieder auf die nach wie vor nicht gesühnten Verbrechen der jüngsten Vergangenheit des Landes aufmerksam zu machen, deren Opfer sie selbst geworden sind. Die Gruppe verbrachte mehr als zehn Jahre im französischen Exil, weil sie Chile nicht mehr betreten durfte.
In einem Interview sprach José-Miguel Márquez, einer der Márquez-Brüder, die Illapu ins Leben gerufen haben, über seine Erfahrungen während der Diktatur und im Exil und vor allem über die kulturelle Entwicklung im heutigen Chile.

Illapu gibt es seit 1971. Warum spielt ihr andine Folklore?

Seit Anfang der 70-er Jahre gibt es in Chile eine musikalische Bewegung, die “Nueva Canción Chilena”, deren Hauptanliegen die Folklore und die Suche nach unserer nationalen Identität war. Unter Allende entstanden viele Programme zur Entwicklung unserer Kultur. Diese Bewegung war für unseren Weg ausschlaggebend.

Habt ihr deshalb Chile verlassen müssen? Eure alten Lieder sind doch überwiegend rein traditionell. Reichte es denn schon aus, als Gruppe in der Allendezeit entstanden zu sein und sich in der Bewegung “Nueva Canción Chilena” engagiert zu haben?

Wir sind die letzte Gruppe, die in diese Bewegung eingetreten ist. Das war unter der Diktatur schon gefährlich. Der Grund, weshalb wir aber ins Exil mußten, waren die vielen Solidaritätskonzerte, die wir für Organisationen der Pobladores (Vereinigungen in Armenvierteln), die Essensstellen für Kinder), die Arbeitslosenvereinigungen oder der Vereinigung für verschwundene Gefangene gegeben haben. Wir waren unter der Diktatur Opposition.

Ihr seid also nicht sofort nach dem Putsch ins Ausland gegangen?

Nein, aber wir mußten erstmal eine Zwangspause machen. Ein Jahr nach dem Putsch, ab Ende 1974, traten wir als Illapu wieder in Santiago auf. Als wir 1980 von einer Europatournee nach Chile zurückkamen, wurden wir am Flughafen verhaftet und innerhalb von drei Stunden ausgewiesen und zwar als Gruppe und als Einzelpersonen. Das bedeutete, daß keiner von uns zurück konnte, auch wenn er nicht mehr zur Gruppe gehörte.

Welche Macht hatte denn ein Lied? Konnte es Pinochet wirklich gefährlich werden?

Viele Lieder klagten an, was in Chile passierte. Das wichtigste war, die Musik und die Instrumente wie das Charango oder die Quena am Leben zu erhalten, denn sie waren nach dem Putsch verboten worden. Sie erinnerten zu sehr an die Zeit unter Allende. Was die Militärs aber am meisten störte, waren die Solidaritätskonzerte, weil hier die Menschen anfingen, ihre Angst zu verlieren und sich wieder trafen und versammelten.

Und wie sieht es heute aus?

Lieder sind auch heute noch sehr wichtig. Sie sprechen von den vielen Problemen wie der Armut, wo die Verschwundenen sind, der Zensur, den Drogen usw., für die immer noch keine Antworten oder Lösungen gefunden wurden.

Was geschah mit dem offiziellen kulturellen Leben unter Pinochet? Erstarb es?

Bis 1976 erlebten wir unter Pinochet den sogenannten kulturellen Stromausfall. Es waren die schweren Jahre, und viele Künstler hatten Angst. Aber ab Mitte 1976 erschienen, zunächst nur schüchtern, verschiedene Gruppen und SolistInnen und begannen, wieder aktiv zu werden. Es eröffneten einige Peñas, und ein Lied von uns, “Cadombe para José”, das Ende 1975 aufgenommen wurde, kam auf Platz eins in den “Charts”. Es war das erste Mal, daß wir vom Fernsehen eingeladen wurden. Dieses Lied und unsere Gruppe selbst motivierten viele KünstlerInnen, und es entstand eine neue Bewegung. Zuerst hieß sie “Boom de la Música Andina”, später dann “Canto Nuevo”. Außerdem wurde die Plattenfirma “Alerce” gegründet, die viele dieser neuen Gruppen veröffentlichte. Die Radiostationen, vor allem Radio Chilena mit seiner Sendung “Nuestro Canto” (Unser Gesang), fingen wieder an, unsere Musik zu spielen.

“Kultureller Stromausfall”

Es war eine Form alternativen Lebens innerhalb der Möglichkeiten, die die Junta bot. Dieses Leben spielte sich vor allem in Theatern und Konzertsälen ab und wurde in der Presse veröffentlicht. Die Gruppen waren große Könner. Nur so konnten sie die Freiräume nutzen und für sich vereinnahmen, die noch nicht verboten waren. Man mußte sehr aufpassen, mit dem, was man sagte und sehr gewitzt sein.

Wart ihr auf der “Schwarzen Liste”, vermerkt?

Ja, seit 1978 standen wir auf der Schwarzen Liste. Das bedeutete, daß man nicht im Fernsehen auftreten durfte, daß die Radiosender unsere Lieder nicht sendeten, daß man keine Verträge abschließen konnte und daß man, um Konzerte durchführen zu können, eine spezielle Erlaubnis der Polizei benötigte.

Warum seid ihr ausgerechnet nach Frankreich gegangen?

Wir kamen gerade aus Paris, als wir ausgewiesen wurden. Dort hatten wir auch Freunde und Bekannte. Außerdem glaubten wir, in Frankreich gute Entwicklungsmöglichkeiten zu haben.

Wie wurdet ihr dort empfangen? Interessierte man sich in Frankreich für eure Musik und euer Schicksal? Half man euch? Gab es Solidaritätsbewegungen?

Naja, man hat uns Asyl gegeben, und das war für uns schon sehr viel. Unsere Freunde, egal ob FranzösInnen oder andere ChilenInnen im Exil, haben uns sehr geholfen. Unsere Musik wurde gut angenommen, aber es kostete viel Arbeit, sich einen Platz zu verschaffen. Unser Asylstatus war dabei nicht das Entscheidende, sondern die Qualität der Musik.

Welchen Einfluß hatte die Zeit im Exil auf eure Musik?

Der europäische Einfluß auf unsere Musik war nicht groß. Wir wollten nach Chile zurück, identifizierten uns noch stärker mit unserem Land. Unsere Lieder waren für Chile gedacht. Aber die Konfrontation mit dieser anderen Kultur hat uns veranlaßt, unserer Musik einen modernen Klang zu geben.

Ja, das hört man. Ihr verwendet immer noch so wie früher typisch
lateinamerikanische Instrumente, Rhythmen und Melodien, greift aber verstärkt auch zu Elementen aus dem Rock und anderen Stilen. Warum eigentlich?

Das hat mit unserem persönlichen Geschmack als Komponisten zu tun. Wir wollten unseren eigenen Klang entwickeln. Folklore ja, aber von uns gemacht, beeinflußt vom alltäglichen modernen Leben. Vielleicht wird die Musik, die wir heute machen, die Folklore von morgen sein.

Sind Lieder oder Kassetten von euch bis nach Chile vorgedrungen? Wußten die Menschen, daß ihr weiterspielt und öffentlich macht, was in Chile passiert?

Viele unserer Auftritte wurden in Chile bekannt. Unsere Platten und Kassetten konnte man fast täglich hören, Videos wurden kopiert. Zwar durfte das Radio uns nicht senden, aber in Peñas, Clubs und in Versammlungen in Armutsvierteln wurden unsere Lieder gespielt.

Nach so vielen Jahren und einer so tiefgreifenden Erfahrung hat sich Chile sicherlich geändert. Welche drei Veränderungen sind dir am meisten aufgefallen?

Chile erlebte unter Pinochet eine bedeutenden ökonomischen Aufschwung. Aber der Preis dafür waren der Ausverkauf der nationalen Industrie und fast vier Millionen. Arme, viele Verschwundene und Arbeitslose. Chile wurde zu einem Versuchslabor.

Folklore von morgen

Zum zweiten gibt es eine große Selbstzensur und Selbstbeschränkung der Menschen und einen Verlust an Solidarität.
Und was mich drittens sehr bedrückt, sind die Probleme mit Drogen und Alkohol. Und auch, daß die jungen Leute an Politik kein Interesse mehr haben.

Heute hört man kaum noch etwas von Gruppen wie Inti Illimani oder Quilapayún, die vor der Diktatur ja bekannter und bedeutender waren als ihr. Wie erklärst du dir das?

Quilapayún sind in Frankreich geblieben und hier kaum noch bekannt. Inti Illimani leben in Chile, aber machen viele Tourneen im Ausland. Ich denke, sie haben nicht wieder die richtige Verbindung zu den Leuten in Chile gefunden. Mit den Themen ihrer Lieder können sich die Jugendlichen von heute nicht identifizieren. Deshalb haben sie nicht den Platz erreicht, den sie in Chile verdient hätten.

Es scheint, als habe sich die Folklore, die unter Allende ja eine so herausragende Rolle spielte, wieder verloren.

Folklore hat heute nur wenig Einfluß auf das tägliche Leben. Die Massenmedien folgen dem “freien Markt”. Die Charts und cool zu sein ist wichtiger als Kultur. In vielen TV-Programmen sieht man ein Chile, das nichts mit der Realität zu tun hat. Musikläden führen keine Folklore, da sich ihrer Meinung nach diese Musik nicht verkauft. Heute ist fast nichts mehr vom kulturellen Leben unter Allende übrig, weil niemand in Kulturhäuser, Clubs, Plattenfirmen, in unsere Kultur investiert. Chile verliert nicht nur seine Folklore, sondern seine Identität.

In eurem Konzert sah ich vom Baby bis zur Oma einen Querschnitt durch alle Bevölkerungsschichten. Die Mehrheit waren aber Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren, die ja die Diktatur nicht mehr miterlebt haben. Wie erklärst du dir diese “Fans”?

Das hat mit unserer Haltung zu tun. Wir stehen vielen Dingen kritisch gegenüber und versuchen, die Gedanken der Jugendlichen in unsere Texte miteinzubeziehen. Die Jugendlichen finden, daß wir uns in vielen Sachen einig sind. Sie identifizieren sich mit unseren Liedern.

Habt ihr heute noch irgendwelche Probleme mit offizieller oder inoffizieller Zensur?

Es existiert noch eine starke Zensur in den Köpfen der Menschen. Aber auch in den Medien. Es gibt den Nationalen Fernsehrat, der damit beschäftigt ist, was das Fernsehen so zeigt. Dann gibt es noch den Nationalen Kinorat, der auch ein Element der Zensur ist. Gerade beschloß ein Gericht, in Chile den Film “Die letzte Versuchung Christi” zu verbieten. Sie zensieren Viedeoclips, Lieder, Fernsehspots über Aids, Kabelfernsehen und, und, und. Wir sind noch weit ab von einer wirklichen Meinungsfreiheit.

Vermißt du irgendetwas aus Deutschland oder Frankreich? Besitzt die europäische Kultur etwas, was du gerne mitgenommen hättest?

Es würde mir gefallen, wenn in Chile eine bessere, gesündere Beziehung zwischen den Menschen entstehen würde, weniger Lügen, weniger Zensur, weniger Vorurteile, weniger Komplexe, weniger Neid. Daß wir eine wirkliche Freiheit hätten, mehr Bildung, bessere medizinische Versorgung, eine größere kulturelle Entwicklung. Daß der Unterschied zwischen arm und reich nicht mehr der zwischen sterben und leben ist. Ich denke, daß vieles von dem in Europa existiert, und ich vermisse das sehr.

CD-Tips: Illapu: “En estos días”, “Multitudes”


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Madagaskar statt Miami!

“Wenn ich etwas im Kopf habe, was ich nie ver­lieren werde, sind das meine Illu­sionen”, meint Juventino, Bankräuber im Ruhestand, in dem kuba­nischen Film “Quiéreme y verás”. Vor mehr als dreißig Jahren hatte er, dem Orakel einer Wahrsa­gerin folgend, versucht, in der Silvester­nacht eine Bank auszurauben. Tragi­scherweise wurden die Safeknacker nach sechsstündiger harter Ar­beit im Morgen­grauen vom Ausbruch der kubanischen Revolution überrumpelt. Aus der Traum vom schnel­len Geld. Nun sitzen die er­grauten Ex-Ganoven auf einer Parkbank in der Altstadt von Havanna und hängen den Zeiten nach, als sich Bankraub auf Kuba noch lohnte. Heute hat die Wanduhr in der Schal­terhalle, die ihnen damals die Schicksalsstunde schlug, längst die Zeiger verloren, fungiert die ehemalige Börse Havannas als Speisesaal für alte Leute, vor dem ver­witterten Bankportal blüht der Schwarzmarkt. Da fällt Juventino durch Zufall die Beute eines Straßenräubers in die Hände: ein Bündel mit dicken Geld­scheinen. Die Frau, der das Geld geklaut wurde, erinnert Juventino an seine ver­schollene Jugendliebe. So stellt das Schicksal ihn vor eine schwere Ent­schei­dung…
“Quiéreme y verás” – “Liebe mich und du wirst schon sehen” ist der Titel einer alten Schnulze und eines neuen Films von Daniel Díaz Torres. Dessen surreale Satire “Alice im Wunderland” wurde vor drei Jahren auf der Berlinale zum Publikums­erfolg und in seinem Heimatland Kuba zum politischen Skandal.
Sein neuestes Werk hat dagegen einen wesentlich milderen Unterton. Die Bilder sprechen allerdings für sich: Während die Außenaufnahmen die Alt­stadt von Ha­vanna zeigen, wie sie in einer Mischung aus morbider Schönheit und profaner Kleinkriminalität verfällt, sind die Rück­blenden aus der Zeit vor der Revolution von no­stalgischer, plüschiger Eleganz.
An der Wahrsagerin, die Juventino nach Jahrzehnten wieder aufsucht, um sie um Rat zu fragen, scheint der Zahn der Zeit kaum genagt zu haben: Sie war da­mals zwar diejenige, die als erste die re­volutionäre Flagge vom Balkon hängte. Ihr eigentliches Universum war und ist je­doch ihre von Räucherstäbchen umne­belte und mit Kitsch­figuren, Groschenromanen und Kristallkugeln voll­gestopfte Woh­nung – ein Mikrokosmos, der ein wenig an das Refugium von Diego erinnert, dem schwulen Bohemien aus Tomás Gu­tiérrez Aleas “Erdbeer und Schokolade”.

Der kubanische Regisseur Fernando Pérez entwirft in dem Film “Madagascar” ebenfalls das Bild eines Kubas zwischen realsozi­alistischer Tristesse und der Flucht ins Esoterisch-Abgedrehte. Laura, Phy­sikprofessorin und al­leinerziehende Mut­ter, beklagt sich beim Arzt, daß sie nur noch in der Lage ist, vom alltäglichen Le­ben zu träumen, welches sich eintönig da­hin­schleppt. Die KollegInnen an der Uni­versität scheinen von Lähmung und Apa­thie ergriffen zu sein, hängen Tag für Tag im Lesesaal der Uni­versität herum, lesen sich mit teilnahmsloser Mimik die neue­sten Zeitungs­meldungen vor oder putzen ihre Brillengläser, die “so halbblind sind wie dieses Land”. Manchmal packt die nach außen so diszipliniert agierende Laura die Lust, eine Bombe hochgehen zu lassen.
Währenddessen vertreibt sich Lauras greise Mutter den Lebensabend mit “Mo­nopoly”-Spielen. Ihre halb­wüchsige Toch­ter Laurita klettert mit Walkman auf den Ohren wie eine Schlafwandlerin aufs Dach, schwankt zwischen puber­tärer Schwer­mut, reli­gi­öser Abgehobenheit und dem Fernweh nach einem Ort namens Madagaskar.
Der “Magische Rea­lismus”, das selbst­ver­ständliche Gleiten zwi­schen schnöder Realität und alltäglichen Wundern, was jahrelang fast zum Klischee für das latein­amerikanische Kino wurde, hat sich in diesem Film verflüchtigt. Traum und Wirklichkeit sind schmerz­haft voneinan­der getrennt.
Die Sehnsucht nach “Ma­dagascar” wird zur eso­terischen Massenbewegung, die Realitätsflüchtlinge auf die Dächer treibt. – Tatsächlich nur auf die Dächer? “Ich kann jede Interpretation akzeptieren, mit einer Ausnahme: daß jemand bei­spiels­weise behauptet, Ma­dagaskar stünde für Miami, Laura verkörpere Kuba und Lau­rita die kommunistische Jugend,” wehrt sich Fernando Pérez gegen Beifall von der falschen Seite. “Ich will ein Gefühl zum Ausdruck bringen, das sich nicht in kon­krete Worte fassen läßt, in dem sich vie­lerlei vermischt: der Zweifel, die Desori­en­tierung, die Enttäuschung und vor allem ein Gefühl der Unbeweglich­keit.”
Pérez weiß, wovon er redet, denn auch Kubas FilmemacherInnen leiden in den Zeiten des “período especial” unter gravie­renden Hemmnissen. Sowohl “Quiéreme y verás” als auch “Madagascar” sind nur ungefähr 50 Minuten lang – für mehr reichten die finanziellen Mittel nicht. Trotz verstärkter Bestre­bungen des staatli­chen Filminstitutes ICAIC, sich durch Serviceleistungen für und Koproduktionen mit dem Ausland neue Ein­nahmequellen zu verschaf­fen, ist die Situation un­verän­dert desolat: Die Dokumentarfilmproduk­tion wurde weitgehend einge­stellt, und statt wie frü­her acht werden jetzt höchstens drei Spielfilme pro Jahr reali­siert.
Hinzu kommen Probleme mit der staat­lichen Zen­sur, unter der ja gerade “Alice im Wunderland”, Daniel Díaz Torres’ letz­ter Film, zu leiden hatte. Was die jet­zige Ar­beitssituation angeht, be­tonte der Regisseur auf der Berlinale: “Die Pro­bleme liegen nicht in­nerhalb, sondern außerhalb des ICAIC. Was Zensur an­geht, hängt dies auch mit der individuellen Ri­si­kobereitschaft des Regis­seurs zusam­men. Es kann Po­lemik bis hin zur Zen­sur geben. Die gravie­rendsten Probleme sind al­lerdings im Moment ökonomischer Art.”
Angesichts der Knappheit der Mittel entwickelten Fernando Pérez, Daniel Díaz Torres und Rolando Díaz die Idee, einen dreiteiligen Episoden­streifen zu drehen. Ge­meinsames Thema: das Kuba von heute im Spiegel kleiner, metaphernreicher Ge­schichten. “Wir woll­ten”, so Fernando Pérez. “keine Chronik der lau­fenden Er­eignisse, der Stromsperren, der Schlan­gen vor den Geschäften, der nicht funktionie­ren­den Omnibusse schaffen.” Bei dem Kurzfilm von Ro­lando Díaz, der noch nicht abgedreht ist, soll es sich laut Fer­nando Pérez um eine “furiose Komödie” namens “Melodrama” han­deln, “deren Hauptfigur eine Fernsehansagerin ist, die den Wetterbericht vorliest”. Entsprechend soll auch das Gesamtwerk den vieldeuti­gen Titel “Wettervorhersage” tragen.
Wettervorhersagen und Kartenlesen sind risi­koreiche Methoden der Zu­kunfts­deutung: “Wenn der Hahn kräht auf dem Mist…” Bei “Quiéreme y verás” schaut die Wahr­sagerin tief in die Kri­stallkugel und prophezeit dem Bankräuber: “Ich sehe Frustration und Rettung. Aber Letzeres kommt erst langfristig. Wie lange, hängt von dir ab.” – Womit wir doch wieder beim Menschen als historischem Subjekt wären.

“Madagascar”
Kuba, 1994, 50 Minuten
Regie: Fernando Pérez
“Quiéreme y veras”
Kuba, 1995, 47 Min.
Regie: Daniel Díaz Torres


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Wasmosy in Bedrängnis

In den 35 Jahren seiner Herrschaft hatte Stroessner seine Getreuen fest im Griff. Durch Einschüchterungen, öffentliche Exekutionen, drakonische Strafen und ein unüberschaubares Herr von Spitzeln, die Pyragués (was in der Indianersprache Guaraní diejenigen bezeichnet, die sich zum Anschleichen Fell an die Fußsohlen kleben), machte er Paraguay in kürzester Zeit zur Tierra de paz y sol, zu seinem “Land des Friedens und der Sonne”.
Doch auf einmal waren der Karaí Guazú, der große Herrscher und sein Par­teiapparat, deren Liebe offiziell nur dem einfachen Volk galt, verschwunden, ver­trieben von anderen Militärs, über deren Lippen ein neues Zauberwort kam: De­mokratie.
Nach der Interimspräsidentschaft des Generals Rodriguez wurde im Mai 1993 der erste zivile Präsident des Landes ge­wählt, der Ingenieur Juan Carlos Was­mosy, Mitglied der Colorado-Partei, die seit fünfzig Jahren die Regierung stellt. Doch schnell schwand seine Popularität, besonders bei seinen eigenen Parteigenos­sen. Wasmosy habe, so wird heute offen behauptet, bei den internen Wahlen um die Präsidentschaftskandidatur der Partei Wahlfälschung zu seinen Gunsten betrie­ben. Sein Gegner, der ehemalige Chef des Justizapparates Luis Argaña, der mit seinen populistischen Reden und seinem Wunsch nach der Rückkehr Stroessners große Teile der Landbevölkerung hinter sich wußte, führt nun verärgert die Riege der Stronistas an, deren Herzenswunsch die Herstellung alter Verhältnisse ist.
Wasmosy, der durch den Bau des Stau­dammes Itaipú vermögend wurde, ist für die meisten Paraguayos ziemlich un­glaub­würdig, wenn es um die Demokrati­sierung des Staates und die Reform des Jus­tiz­wesens geht. Wasmosy ist sicherlich der fal­sche Mann, um den Schmuggel, von dem ein Großteil der Volkswirtschaft lebt, und die Korruption zu unterbinden. Seine Lip­pen­bekenntnisse verhallen un­be­ach­tet.
Positive Veränderungen gibt es den­noch: Neben der Justiz- und Verfassungs­reform ist die Zensur abgeschafft. Mutige JournalistInnen werden allerdings immer wieder Opfer von Verfolgungen. Plötzlich ist der so lange geheimgehaltene Drogen­handel ein Thema: Dutzende von kokain­beladenen Flugzeugen, die von den An­denländern nach Rio und Sâo Paulo un­terwegs sind, landen angeblich täglich auf entlegenen Militärflugplätzen in Paraguay und werden hier gegen Entgelt gewartet und aufgetankt.
Da unter Stroessner Korruption und Schmuggel als Mittel zur Sicherung des sozialen Friedens gebilligt wurden, haben viele Großgrundbesitzer, Kaufleute und Militärs durch undurchsichtige Transak­tionen unermeßliche Reichtümer ange­häuft und öffentliche Posten besetzt. Die riesigen Villen der Nobelviertel zeugen davon. Ein besonders krasses Beispiel ist da der Ex-Präsident selber. Im Viertel Las Carmelitas hat sich General Rodríguez ein Loire-Schloß nachbauen lassen, das von mehreren Hundertschaften Soldaten be­wacht wird. Im Bad des Ex-Präsidenten sind alle Armaturen angeblich aus purem Gold, wie die Gerüchteküche auf dem Pettirossimarkt zu berichten weiß. Auf die erwirtschafteten Pfründe will verständli­cherweise kein Nutznießer der Diktatur freiwillig verzichten, eine wirksame Trans­formation der ungleichen paraguayi­schen Gesellschaft wird von vielen wis­sentlich verhindert.
Neoliberalismus all überall
Die Wirtschaftspolitik Wasmosys schwimmt voll auf der neoliberalen Woge, die in Südamerika um sich greift. Staats­betriebe sollen privatisiert werden und die Wirtschaft wird nicht zuletzt durch den Mercosur seit dem 1. Januar weiter geöff­net. Die möglichen Auswirkungen des Mercosur sind noch nicht klar abzusehen. Paraguay steuert zum gesamten Brutto­sozialpodukt der vier Länder nur ein Pro­zent bei. Bestenfalls, so hofft man, kommt es durch den Mercosur zu einer Entkrimi­nalisierung des Schmuggels und zur Ver­ringerung des Autodiebstahls in den Mit­gliedstaaten, für den Paraguay in den letzten zwanzig Jahren hauptsächlich ver­antwortlich war, und der generalstabs­mäßig vom Militär organisiert wurde. Im schlimmsten Fall aber wird durch die in­dustrielle Übermacht Argentiniens und Brasiliens auch der letzte Keim industri­eller Eigenproduktion erstickt.
Die politische und ökonomische Reali­tät nach anderthalb Jahren Wasmosy ist ernüchternd: Die Reallöhne fallen kon­stant, die Inflation ist mit über zwanzig Prozent im internationalen Vergleich zu hoch, Arbeit gibt es immer weniger. Laut Economist benehmen sich die Politiker Paraguays, die sich seit fünf Jahren in der Demokratie üben, wie im Kindergarten. Die ganze Situation sei a great mess, ein großes Durcheinander.
In dieses Durcheinander und in die schwierige wirtschaftliche Situation des durchschnittlichen Paraguayos mischt sich eine weitere Sorge. Die starke Zunahme von Raubüberfällen und Einbrüchen ver­unsichert die BewohnerInnen Asuncións zusehends, obwohl die Kriminalitätsrate auch im Vergleich zu europäischen Maß­stäben immer noch gering ist. Es sind Boulevardblätter wie La Crónica, die mit unappetitlichen Farbfotos jedes Ermorde­ten die Angst noch weiter schüren.
Und immer wieder: Putschgerüchte
Rufe nach einem neuen starken Mann im Staat werden immer lauter. Für viele ist dieser Mann General Lino Oviedo. Als Chef des ersten Heereskorps ist er der mächtigste Offizier im Staat, untersteht ihm doch die einzig wirklich kampffähige Einheit der Streitkräfte. Putschgerüchte in Asunción gibt es immer wieder, und die politischen Ambitionen Oviedos sind seit langem bekannt. Öffentlich beteuerte Oviedo beim Amsantritt Wasmosys, es sei seine Pflicht, “als Soldat und Bürger der Demokratie und der Freiheit” loyal zu sei­nem Präsidenten zu stehen. So bleibt für Paraguay zu hoffen, daß Oviedo eine Tra­dition der paraguayischen Militärs bricht und sein Wort hält. Einen Putsch könnte er sich aufgrund der folgenden internatio­nalen Isolation kaum leisten. Er hätte ihn auch gar nicht nötig, seine Wahl zum nächsten Präsidenten gilt als sicher.

Kasten:

Der Präsident und der Staudamm
Die Fische bereiteten den Ingenieuren von Yasyretá, dem zweitgrößten Staudamm Süd­amerikas am Rio Paraná an der Grenze zwischen Argentinien und Paraguay, be­sonderes Kopfzerbrechen. Um ihnen das Überwinden des neuen Höhen­unterschiedes zu ermögli­chen, ersann mensch etwas sehr Skurilles: einen Fischaufzug. An­scheinend waren tau­sende Surubís, Dorados und andere Tropen­fische aber von der Technik hilflos überfodert. Tot trieben sie kurz vor der feierlichen Ein­weihung des Staudam­mes am 2. September letzten Jahres auf dem Paraná.
Drei­zehn Jahre nach dem geplanten Fertigstellungstermin ging nun die erste von insge­samt zwanzig Turbinen des Wasserkraftwerkes endlich ans Netz, alle 72 Tage soll eine weitere folgen. Yasyretá erreicht jedoch im Durchschnitt mit 3080 Megawatt nur ein Viertel der Kapazität des Itaipú-Staudammes, des größten Wasserkraftwerks der Erde, das ebenfalls am Paraná von Paraguay und Brasilien betrieben wird.
Als 1973 der Vertrag von Itaipú zwischen Brasilia und Asunción unterschrieben war, er­wachte die alte Rivalität zwischen den Giganten Argentinien und Brasilien. Der be­reits schwer erkrankte argentinische Präsident Perón schickte umgehend seine Frau Isabel in die paraguayische Hauptstadt, wo sie mit dem Diktator Stroessner den Ver­trag über die hydroelektrische Nutzung des Paraná nahe der Insel Yasyretá abschloß.
Das paraguayische Volk nimmt die Existenz des neuen Staudamms außerordentlich ge­lassen hin. Mit der ökologischen Katastrophe, die eine künstliche Anhäufung sol­cher ge­waltiger Wassermassen verursacht, hat mensch ja Erfahrung, schließlich hat das Auf­stauen des Paraná durch Itaipú ab 1982 das gesamte Klima Paraguays durcheinander­gebracht. Der Regenkalender des Forschers Moises Bertoni, der Anfang dieses Jahrhun­derts durch intensive Wetterbeobachtung eine Tabelle entwickelte, mit deren Hilfe man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Regentage vor­ausberechnen konnte und die in keinem paraguayischen Haushalt fehlt, ist unbrauch­bar geworden. “El tiempo hace lo que quiere”, das Wetter macht was es will, sagt Carolina Acosta, eine junge Verkäuferin aus dem immerschwülen Asunción und zeigt belustigt auf einen dicken wollenen Strampelanzug: “So etwas trugen die Babies frü­her, als es im Juli noch kalt wurde”, lacht sie.
Daß die Anrainer des angestauten Beckens von Itaipú ein erhöhtes Auftreten von Leis­hmaniose und anderen durch Stechmücken übertragbare Krankheiten beobachten, bringt niemanden aus der Ruhe. Eher schon die Tatsache, daß durch Itaipú die angeb­lich schön­sten Wasserfälle der Erde, die Sete Quedas, für immer verschwunden sind.
Für Yasyretá erwartet man ähnliche Folgen: 800 Quadratkilometer des paraguayi­schen Territoriums werden in den nächsten Monaten für immer überschwemmt, aber “nur” 200 Quadratkilometer auf der argentinischen Seite. 27 paraguayische Inseln werden unter den Wassermassen verschwinden, darunter auch diejenige, die dem Damm den Namen gab und die als eines der letzten Refugien subtropischer Flora und Fauna gilt. Auch die Men­schen sind betroffen: 3.974 Familien müssen allein in Para­guay umge­siedelt werden, und ein ganzer Stadtteil der drittgrößten paraguayischen Stadt Encar­nación wird evakuiert.
12 Milliarden US-Dollar wird Yasyretá bei seiner endgültigen Fertigstellung verschlun­gen haben. Die Finanzierung teilen sich die Weltbank, die Interamerican Development Bank, die argentinische Regierung und einige private Investoren. Bei der Finanzierung von Yasyretá wird analog wie bei dem Kreditmodell Itaipús vorge­gangen: Argentinien gibt das Geld, Paraguay das Wasser seiner Flüsse. Die dadurch entstandene Geldschuld Paraguays wird mit dem Strom des neuen Kraftwerks abbe­zahlt. Im Klartext heißt das, daß Paraguay in den nächsten zwanzig Jahren so gut wie keine einzige Kilowattstunde von Yasyretá beziehen wird. Einen dringenden Bedarf Paraguays an Strom gibt es ohne­hin nicht. Durch Itaipú erhält das kleine Land mit sei­nen fünf Millionen EinwohnerInnen mehr Elektrizität als es jemals verbrauchen könnte, so daß über 80 Prozent des Stroms nach Brasilien exportiert wird.
Kritik an dem Projekt Yasyretá kommt dem Präsidenten sehr ungelegen. Die mutige Zeitung ABC Color wies in einem Editorial unmißverständlich daraufhin, daß Para­guay den neuen Staudamm nicht benötige. Den Strom brauche man sowieso nicht, der sei schließlich für Buenos Aires, aber der ökologische Preis, den Paraguay zahlt, sei, wie die Redakteure befanden, einfach zu hoch.
Offizielle Stellen, allen voran Wasmosy selber, reagieren gereizt auf solche unpatrioti­schen Meinungen. Die Hauptsache sei schließlich, daß das technische Wun­der der hydro­elektischen Energieerzeugung mit paraguayischem Wasser zustande komme. Darauf könne doch jeder Paraguayo und jede Paraguaya stolz sein, heißt es.
Auf den Präsidenten hört das paraguayische Volk jedoch kaum. Wasmosy, so sagt man in Asunción, sei bola, ein Mensch, der meist die Unwahrheit erzählt. Der Staats­mann besitzt die größten Baufirmen des Landes und wurde durch den Bau von Itaipú vermögend. Sein argentinischer Kollege Menem provozierte vor fünf Jahren, als die Fer­tigstellung Yasyretás noch in den Sternen stand, eine diplomatische Krise zwischen bei­den Ländern. Yasyretá, so sagte er damals, sei nichts anderes als ein Betondenkmal der Korruption.
Philipp Lepenies


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“Kinder der Enttäuschung unter Alfonsín”

Ernesto Semán: Wie erklären Sie sich den Erfolg der Frente Grande?
Chacho Alvarez: Wir haben aus drei Gründen gewonnen. Erstens wegen des Paktes von Olivos, der hier in der Haupt­stadt einen negativen Effekt hatte: Ein ganzer Bereich im Radikalismus stand dem Pakt zutiefst ablehnend gegenüber. Zweitens wegen des Wunsches nach einer Opposition hier in der Stadt, um den Machtmißbrauch des Menemismus zu stoppen, und drittens, weil ein ideolo­gisch breites Spektrum von Menschen, Liberale eingeschlossen, des Machtmiß­brauchs aus moralischen Gründen müde ist und jetzt freier abgestimmt hat als zu anderen Gelegenheiten, wo es mehr um die Verteidigung der wirtschaftlichen Sta­bilität ging. Unser Sieg ist ein deutliches Zeichen für die Regierung, die dachte, daß die Leute auch in einer institutionellen Frage nach dem Geldbeutel abstimmen.

Nichtsdestotrotz hat die PJ ja eine be­trächtliche Stimmenzahl erhalten.
Ja, aus zwei Gründen: Einmal sind die Wähler enorm treu, und zweitens vergleichen sie die heutige Stabilität mit den Zeiten der Hyperinflation. Aber wenn es uns, die wir daran keine Verantwortung tragen, weil wir nicht regierten, gelingt, eine andere Perspektive anzubieten, dann können wir dem Peronismus Stimmen ab­ziehen, zugunsten eines politischen Pro­jekts, das mehr mit den Schwierigkeiten des Alltags zu tun hat.

Ändert sich das politische System durch dieses Ergebnis?
Der Wahlkampf hat gezeigt, daß die Re­gierung in dem PAMI-Bestechungsskandal um jeden Preis hart geblieben ist, mit dem Ziel, die ganze Problematik des “schwarzen Geldes”, der illegalen Finanzierung von Politik und des Systems von Beste­chungsgeldern zuzudecken. Wir haben angefangen, über Themen zu reden, die vorher der Zensur zum Opfer gefallen wa­ren, haben die offiziellen Spielregeln zwi­schen Regierung und Opposition verletzt. Ich glaube, daß zur Utopie der 90er Jahre gehört, den faulen Absprachen, Tauschge­schäften und der Korruption ein Ende zu bereiten.

Dieses Ergebnis hält Sie im Rennen um das Bürgermeisteramt von Buenos Aires.
Das stimmt so nicht. Von morgen an wer­den wir uns mit der Unidad Socialista an einen Tisch setzen, die uns am nächsten steht, und mit der zusammen wir ein glänzendes Wahlergebnis erzielt hätten. Wir werden Pläne für ’95 diskutieren, in denen das Bürgemeisteramt eine Rolle spielt. Da ist meine Kandidatur aber keine Bedingung.

Aber sie wissen doch schließlich, daß Sie mit dieser Abstimmung ihre Vor­teile gegenüber anderen Mitte-Links-Kandidaten erhöht haben.
Ja, aber wir wollen ernsthaft die politische Kultur Argentiniens verändern. Als wir der Unidad Socialista den ersten Listen­platz angeboten haben, war das kein Witz. Und jetzt sag’ ich wieder dasselbe: Man muß sich hinsetzen, um zu diskutieren, ohne irgendeine Kandidatur als Vorbedin­gung. Zusammen mit den Sozialisten kön­nen wir auch mit anderen Kandidaten die Bürgermeisterwahl gewinnen. Ich denke, wir können diese Apathie brechen, die da­von ausgeht, daß die Wiederwahl Menems beschlossene Sache ist. Und außerdem hätten wir gemeinsam auch schon in Santa Fe die Mehrheit haben können und ein noch besseres Ergebnis in der Provinz Bu­enos Aires.

Die Frente Grande gewinnt in den großen Städten an Boden. Aber in den Provinzen mit großen sozialen Proble­men, im Nordwesten zum Beispiel, hat sie Schwierigkeiten.
Ja, aber Sympathieströme sind nicht vorher­sehbar. Das kann von der Mittelschicht abwärts gehen, wie damals ’83 bei Alfon­sín oder wie bei Menem ’89, der unten an­fing, bei den Ärmsten, und später erreichte, daß ihm die Leute von den Bal­konen der Avenidas zuwinkten.

Sie vergleichen sich mit Alfonsín 1983?
Wir sind Kinder der Enttäuschung unter Alfonsín, des Scheiterns eines pluralisti­schen, progressiven, volksnahen Projekts. Für die Radikalen wird es schwierig sein, noch einmal ein ähnliches Programm zu entwerfen.

Wenn Sie an so etwas denken…
Ohne die Besonderheiten der Situation damals. Ich glaube, daß wir erreichen können, daß verschiedene soziale Grup­pen mehr politische Verantwortung über­nehmen. Schon jetzt verlagert sich die Zu­stimmung, jedenfalls nach dem, was ich im Wahlkampf gesehen habe, von der Mittel­schicht nach unten. Es gibt ähnliche Pro­bleme, Bildung zum Beispiel oder der schlechte Zustand der Stadt. Ich glaube, es gibt Forderungen, die deutlich gestellt werden müssen, besonders in einem Ka­pitalismus, der gesellschaftlich viele aus­schließt, aber auch von den politischen Märkten und in kultureller Hinsicht. Wenn wir das er­reichen, haben wir die Möglichkeit, eine neue politische Kraft mit Zukunft auf die Beine zu stellen.

Aber selbst mit diesem Ergebnis scheint es, daß die Frente sehr stark von Ihrer Figur abhängt.
Das glaube ich nicht. Die Frente Grande hat drei der zehn bestangesehensten Poli­tiker der Hauptstadt in ihren Reihen. Wenn wir ein Abkommen mit der Unidad Socialista erreichen, können wir eine Füh­rung etablieren, die wichtiger als der Ap­parat ist, und die hohe Erwartungen hervorrufen wird.

Aber trotzdem fehlt der Frente die Ba­sis.
Das ist wie bei Erundina in Brasilien. Ich habe mir angeschaut, was der PT pas­sierte, als Erundina in Sao Paulo gewann. Sie selbst sagt, daß ihr Sieg gefährlich war, und daß die Struktur der PT ein Hindernis für ihre Regierung war. Insgesamt hat ihre Struktur der PT eher Probleme bereitet als Lösungen erleichtert. Wir sollten uns also keine großartige politische Struktur vor­nehmen. In bezug auf die Basis wünsche ich mir, daß wir von der Vielzahl der Farbtöne ausgehend ein politisches Pro­jekt der Zukunft aufbauen.

Das soll reichen, um beispielsweise die Stadtverwaltung von Buenos Aires zu übernehmen?
Erundinas größtes Problem war die Ge­werkschaft der öffentlichen Angestellten, die ihr das Leben schwer gemacht hat. Das andere große Problem war die PT selbst. Erundina sagte einmal: “Man kann nicht gegen die Partei regieren, aber mit ihr auch nicht.”

Kann es sein, daß innerhalb der Frente Grande nicht alle so denken?
Das ist eine Spannung innerhalb aller pro­gressiven Kräfte. Die muß ich auch aus­halten. Viele Sektoren kritisieren, ich sei übermäßig light. Gut, dann sollen sie mir erklären, wie man die Dinge anders regeln kann. Man kann doch keinen Diskurs entwickeln, der niemanden erreicht, egal wie hart er ist. Ich habe keine Probleme, light zu sein. Das bedeutet nicht, schwä­cher oder weniger kritisch zu sein. Light zu sein, hat damit zu tun, daß man alles zur Diskussion stellt. Ich selbst habe den Peronismus in Frage gestellt, meine ei­gene politische Tradition. Warum kann ich dann nicht verlangen, daß auch andere das machen?


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Freiheit statt Coca-Cola

Natürlich geht es in materieller Hinsicht, wie auch dem ‘Tagesspiegel’ klar sein dürfte, nicht um koffeinhaltige Erfrischungsgetränke, sondern um einen verzweifelten Aufschrei gegen Hunger und Verelendung. Natürlich geht es um den Kampf gegen Landraub und Massenarmut. Schon im Landesdurchschnitt lebt die Hälfte der MexikanerInnen unterhalb der Armutsgrenze. In Chiapas, einem bedeutenden Rohstofflager des Landes, ist es aufgrund von Rassismus, Flüchtlingselend und einem perfekt geschmierten Kazikensystem ein bedeutend höherer Anteil der Bevölkerung, der um das tägliche Überleben bangen muß. Und natürlich war das neoliberale Schockprogramm der 80er Jahre, inklusive der Reprivatisierung von Gemeinschafts- und ejido-Land, nicht nur die Eintrittskarte zu NAFTA, sondern außerdem Ursache von verstärkter Ausbeutung und Unterdrückung des indigenen Teils der Bevölkerung.
Eine rein ökonomische Betrachtungsweise jedoch versperrt den Blick auf das Freiheitsbedürfnis der Aufständischen. Der Schlachtruf “Tierra y Libertad” ist weder nur aus revolutionärer Tradition heraus gewählt worden, noch als alleiniger Protest gegen die Raffgier von Großgrundbesitzern, Viehzüchtern und Holzunternehmen. Der Schrei nach Freiheit richtet sich gegen die Menschenrechtsverletzungen in Mexiko und gerade in Chiapas, gegen die Repression organisierten Protests, gegen Bevormundung, illegale Verhaftungen, Folter und Morde. Da diese Verbrechen erst mit der Duldung oder Förderung durch lokale und regionale PRI-PolitikerInnen möglich sind, ist der Aufstand zugleich eine Herausforderung des politischen Systems, eines Herrschaftsapparates, dessen Funktion die organisierte Unterdrückung freier Meinungsäußerung ist. Jede Bombe auf ZivilistInnen und jede Exekution von gefangenen Zapatistas legitimiert diesen Aufstand aufs Neue.

Der Verrat des revolutionären Erbes

Als im November 1991 der Artikel 27 der mexikanischen Verfassung über Landverteilung und Eigentumsrechte modifiziert wurde, um eine Privatisierung von Gemeinschaftsland und damit eine Ausdehnung von Großgrundbesitz zu ermöglichen, fiel eine zentrale rechtliche Säule des sozialen Teils der Verfassung von 1917. Vergebens appellierte der Vorsitzende der Linksopposition PRD, Cuauhtémoc Cárdenas, an das revolutionäre Erbe und folgerte: “Es ist wieder an der Zeit, sich mit den Fahnen von Emiliano Zapata zu erheben, für wirtschaftliche Unabhängigkeit und nationale Souveränität”. Der Erfolg von Cárdenas bei den Präsidentschaftswahlen von 1988 war ein deutliches Zeichen an die PRI, daß weite Teile der Bevölkerung das einfordern, was die Verfassung aus der Revolutionszeit vorschreibt: Soziale Gerechtigkeit, nationale Unabhängigkeit und ein Vorgehen des Staates gegen die Privilegien der Eliten. Daß die PRI, wie ihr Name vorgibt, die Revolution ‘institutionalisiert’ habe, wollte eine stetig steigende Zahl von MexikanerInnen nicht mehr glauben. Die Dominanz von ausländischem, besonders US-amerikanischem Kapital, die Verquikkung von Wirtschaftselite und politischer Führung und der undemokratische Charakter des Systems sprechen eine andere Sprache.
Die Erhebung mit den Fahnen Zapatas, die Cárdenas gefordert hatte, findet nun statt, allerdings anders, als sich das die linkspopulistischen Neocardenistas vorgestellt hatten. Tiefgreifende Veränderungen, so das Signal aus Chiapas, lassen sich nicht über Wahlen erreichen, sondern nur über eine Erhebung des Volkes, in dessen Namen, aber gegen dessen Interessen, regiert wird. Zu tief sitzt das Mißtrauen gegenüber dem politischen System. Dieser militante Widerstand, so betonen die Zapatistas, ist nicht nur notwendig, sondern entspricht dem eigentlichen Geist der Verfassung. So wird im ersten Aufruf der EZLN die Verfassung zitiert: “Das Volk hat zu jeder Zeit das unveräußerliche Recht, die Form seiner Regierung zu wechseln oder zu ändern”. Der PRI wird somit das Recht abgesprochen, als Treuhänderin der Revolution zu regieren, als deren legitime VertreterInnen sich die Zapatistas betrachten. Die Revolte von Chiapas ist somit ein Fanal, das die PRI innenpolitisch weiter schwächt und außenpolitisch diskreditiert. Von der EZLN wird Salinas in einem Atemzug mit General Porfirio Díaz genannt, dem Diktator, gegen den sich Zapata vor 80 Jahren erhob. Die Parallelen zu dessen Aufstand sind so offenkundig, daß das Emblem ‘Verräter der Revolution’ nun dauerhaft an der PRI kleben bleiben wird.

“An das Volk von Mexiko”

Das Berufen auf revolutionäre Traditionen gilt seit fünf Jahren im internationalen politischen Diskurs als äußerst unfein. Von daher hat Mario Vargas Llosa in seinem Kommentar zum Aufstand in ‘El Pais’ aus seiner Sichtweise heraus natürlich völlig recht, wenn er von der EZLN als einer “anachronistischen Bewegung” spricht. Es ist in der Tat kaum anzunehmen, daß ein ‘Marsch auf Mexiko-Stadt’ die Regierung Salinas stürzt und im Gegenteil zu befürchten, daß das brutale Vorgehen der Militärs noch zahlreiche Opfer fordern wird, bis Chiapas ‘befriedet’ ist und der Repressionsapparat mit gesteigerter Gründlichkeit wieder arbeiten kann. Mit dem “ideologischen Salto rückwärts” (der ultimativen Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und radikaler Demokratisierung), den Llosa anprangert, müssen sich die Verfechter der ‘Strukturanpassungsprogramme’, zu denen der peruanische Schriftsteller gehört, schon auseinandersetzen. Offensichtlich ist der Ruf nach Freiheit und Gerechtigkeit zu populär, um ihn noch glaubwürdig in die Mottenkiste der Geschichte verbannen zu können.
Wie also kann eine Wirtschaftspolitik gerechtfertigt werden, die nur einer dünnen Oberschicht zugute kommt? Llosas Argumentation schwankt zwischen der Alternativlosigkeit nationaler Wirtschaftspolitik angesichts der Rahmenbedingungen des Weltmarkts (was auf staatlicher Ebene schwer zu bestreiten ist) und den auf lange Sicht wohltätigen Auswirkungen neoliberaler Wirtschaftspolitik für alle. Der Anspruch der PRI, die ganze Nation zu vertreten, kann nur dann aufrechterhalten werden, wenn der proklamierte Sprung des Landes in die ‘Erste Welt’ allen Bevölkerungsschichten Vorteile bringt. Die sozioökonomischen Realitäten Mexikos widersprechen dieser Lesart neoliberaler Schockprogramme grundlegend, und diesen Widerspruch betonen die Aufständischen. Der PRI wird nicht nur abgesprochen, legitime Vertreterin des revolutionären Erbes zu sein, sondern ebenso, ‘nationale’ Politik zu betreiben.
Die EZLN prangert in ihrem Aufruf nicht nur die “Abhängigkeit von ausländischen Mächten” und die Politik der Regierungskreise an, die “bereit sind, unsere Heimat zu verkaufen”. Dieser Vorwurf wurde zwar medienwirksam durch das zeitgleiche Inkrafttreten von NAFTA und dem Beginn des Aufstandes unterstrichen, doch die Zielrichtung ist eine andere, innenpolitische. Warum sonst, wenn die Mobilisierung der EZLN bereits seit Jahren läuft, fand die Revolte nicht vor der Abstimmung des US-amerikanischen Senats über NAFTA statt? Der Aufruf der Zapatistas wendet sich bewußt “an das Volk von Mexiko”, und, so betonen die Kämpfer, “wir haben ein Vaterland, und die Trikolore wird geliebt und respektiert”. In einem Interview führt Commandante Marcos explizit aus: “Wir sind MexikanerInnen, das eint uns, außerdem die Forderung nach Freiheit und Demokratie. Wir wollen unsere wirklichen RepräsentantInnen wählen”. Die EZLN besetzt auf diese Weise den Begriff ‘Nation’, und prangert zugleich die politische Elite als ‘Verräter’ und ‘unpatriotische’ Vertreter von Partikularinteressen an. Mehr als alles andere greift dieser Vorwurf die ideologische Hegemonie der PRI an.
NAFTA gewinnt durch diese Lesart eine andere Bedeutung: Über Jahrzehnte ist der ‘Antiimperialismus’ gegen die ‘Gringos’ aus dem Norden ein zentraler Bestandteil der nationalen Ideologie Mexikos gewesen. Durch die Öffnung der Grenzen ist diese Haltung von seiten der Regierung nicht mehr aufrechtzuerhalten. Durch das Brandmarken des ‘Ausverkaufs’ des Landes erhält so die Opposition ein wirkungsvolles propagandistisches Instrument in die Hand, um generell die Defizite der PRI-Politik aufzuzeigen.

Internationaler Imageverlust

Fortwährend hatte die liberale Presse in den USA für die Annahme von NAFTA getrommelt. Zwar wurde in Kommentaren von Zeit zu Zeit auch die Wahrung der Menschenrechte in Mexiko gefordert, aber grundsätzlich war dies eine zu vernachlässigende Größe. Nunmehr finden endlich die progressiven Kräfte in den Medien Widerhall, die von jeher ein Überdenken des Freihandelsabkommens mit einem repressiven Regime gefordert haben, und die relativ wenig mit dem Nationalpopulismus eines Ross Perot gemeinsam haben. Das Konzept von Salinas, sein Regime als aufstrebende Demokratie auf dem Sprung in die ‘Erste Welt’ auszugeben, wird durch den Aufstand empfindlich geschwächt. Mehr als alle Wirtschaftsdaten zeigt der militante Protest der Ausgebeuteten, daß die Ungleichheit in Mexiko strukturell ist, und nicht etwa ein unbedeutender Schönheitsfleck einer im wesentlichen erfolgreichen ‘Modernisierung’. Die Massaker durch Militärs, die Bombardierung der Zivilbevölkerung, die Verletzungen von Pressefreiheit und Genfer Konvention zeigen auch dem blauäugigsten Freihandelsenthusiasten auf, mit was für einem Regime hier Handel getrieben wird. Dies wird aller Voraussicht nach NAFTA nicht kippen. Aber die mexikanische Regierung kann den internationalen Druck nicht ignorieren, und sei es auch nur, um InvestorInnen nicht zu verschrecken.
Die Legitimität der PRI-Dominanz ist durch den Aufstand in Chiapas ein weiteres Mal und in unübersehbarer Form in Frage gestellt worden. Noch ist nicht absehbar, ob die Vorherrschaft der PRI so stark geschwächt wurde, daß die Tage der ‘Demokratur’ bereits gezählt sind. Aber die Parteibonzen sind durch den Aufruf der EZLN gewarnt: “Heute haben wir gesagt: Basta!”


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