Queere Themen haben mit der Realität der Menschen in Lateinamerika doch reichlich wenig zu tun. Die sind bei LN total überrepräsentiert“, etwa so lautete eine Rückmeldung eines ehemaligen LN-Lesers vergangenes Jahr nach dem Pride-Heft. Doch warum gibt es auch ein Jahr später wieder ein Heft mit dem Schwerpunktthema Queerness? Zunächst, weil die Behauptung, es gäbe kaum queere Menschen in Lateinamerika, natürlich nicht stimmt. Zum Anderen, weil das Leben und die politische Arbeit dieser Menschen einen Gegenentwurf zur heteronormativen, zweigeschlechtlich-patriarchalen Gesellschaftsordnung und ihren kolonialen und kapitalistischen Grundsätzen darstellt.
Am lateinamerikanischen Kontext lässt sich besonders gut sehen, dass die binäre Geschlechterordnung aus Mann und Frau konstruiert ist. Vor der Kolonisierung gab es eine größere Vielfalt an Auffassungen über die soziale Bedeutung von Geschlecht. Die weltweite Ausbreitung der Geschlechterordnung, die wir heute kennen, ist ein Produkt der Kolonialzeit. Queere Menschen stehen mit ihrer Art zu leben, zu lieben und mit ihren Körpern in Dissidenz zu dieser kolonialen Ordnung.
In den vergangenen Jahren vollzieht sich dabei an vielen Orten der Welt ein Wandel, der uns als Zeitschrift, die sich solidarisch mit Sozialen Bewegungen auseinandersetzt, beschäftigt. Während über einige Jahrzehnte liberale Tendenzen dafür sorgten, dass Regierungen queeren Menschen bis zu einem gewissen Grad Rechte zugestanden haben – eine Tendenz, die in Ländern mit eher progressiven Regierungen noch nicht ganz unterbrochen ist –, dreht sich der Wind nun: Konservative und ultrarechte Politik wird an vielen Orten wieder zur Norm, Unterdrückung nimmt auch in der Gesellschaft rohere Züge an.
Doch Queers haben historisch selbst unter diktatorischen Systemen überlebt und Wege gefunden, trotz Repression politisch aktiv zu bleiben. „Wir LGBT-Personen waren schon immer überall präsent, sogar unter dem Somocismo“, so der nicaraguanische Forscher David Rocha Cortez. Daher ist der Backlash zwar erschreckend, für Queers aber keine neue Situation. Sie sind ganz vorn dabei im Aufbau von Alternativen, ob direkt gegen den Faschismus und das Gespenst der Geschlechterideologie, oder unter (vermeintlich) positiver gesinnten Regierungen wie in Mexiko.
Die Frage, inwiefern die Integration in gesellschaftliche Normen oder die Anerkennung durch den Staat das Ziel queerer oder anderer Sozialer Bewegungen sein sollte, war dabei schon immer strittig. Manche haben klare Meinungen: „Wir sehen den Staat nicht mehr als funktional an. Wir glauben an niemanden, nur an Taten!“, sagt die Sexarbeiterin Elvira Madrid provokant im Interview.
Was über die großen Metadiskussionen, die alle Sozialen Bewegungen immer wieder führen, hinaus jedoch deutlich wird, ist, dass queere Aktivist*innen, eine zentrale Schnittstelle sind und wichtige Kommunikationsrollen mit anderen Bewegungen einnehmen. Sie machen weiter – mit historischen und neuen Allianzen. Ein Beispiel dafür ist die queere Gruppe der Landlosenbewegung in Brasilien, für die klar ist: Die Agrarreform und die Befreiung queerer Menschen gehören zusammen.
Queers kämpfen weltweit zwar wieder unter prekäreren Umständen um ihr Überleben, wenn die Regierungen immer weiter nach rechts wandern, aber sie belassen es nicht dabei: Sie wollen ein glückliches, würdevolles Leben, außerhalb der bestehenden Systemlogik. Darüber und über die vielen anderen politischen Beiträge von Queers werden die LN auch weiterhin berichten. Denn Queers gehören zu Abya Yala wie zu anderen Orten der Welt. Sie waren schon immer ein Teil von uns und werden es auch bleiben!



























