Wenn die Toilette zum Argument wird

Der Weg zur Gleichberechtigung Trans* Menschen in Peru müssen weiterhin dafür kämpfen (Foto: Connie France)

Das neue Gesetz soll das Recht von Kindern und Jugendlichen auf sexuelle Unversehrtheit stärken und verbietet den Zutritt zu Toilettenräumen für „jede Person, deren biologisches Geschlecht nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, für die der Service vorgesehen ist“. Im Angesicht der Verabschiedung des Gesetzes signalisiert Cath Candela von der Organisation Féminas Perú, einer selbstorganisierten NGO von trans* Frauen: „Wieso macht man ein Gesetz ohne wissenschaftliche Grundlage, ohne Beweise? Keine öffentliche Politik (in unserem Land) verhindert unsere Marginalisierung.”

Der Gesetzesvorschlag entstand am 31. März als reaktionäre Antwort auf eine Kampagne von Susel Paredes, Abgeordnete des peruanischen Parlaments und LGBTIQ+ Aktivistin. Diese Kampagne zum peruanischen Tag für die Sichtbarmachung von trans Identitäten lautete „Diversität und Rechte: Kämpfen für die Gleichheit und Gerechtigkeit” und gewährte den freien Zugang zu Toilettenräumen für alle Teilnehmenden je nach geschlechtlicher Identität. Die Veranstaltung wurde jedoch durch die Abgeordnete Pastorin Milagros Jaúregui vor dem Ethikkommittee des peruanischen Kongresses angezeigt, mit dem Argument: „Wieder wurde ein inakzeptabler Akt und eine Respektlosigkeit gegen die Rechte der Frauen begangen. (…) Es wurde zugelassen, dass Männer in Toiletten eintraten, die exklusiv für Arbeiterinnen designiert sind. Diese Veranstaltung stellt eine klare Verletzung der Privatsphäre und der Würde der Frauen dar, die in dieser Institution arbeiten…”. Der Anklage wurde stattgegeben und Susel Paredes vom Kongress suspendiert.

Als Antwort auf eine Inklusionskampagne wurde das Gesetz über die sexuelle Unversehrtheit von Minderjährigen durch die konservative Abgeordnetenbank im Kongress durchgesetzt und von der Präsidentin Boluarte am 13. Mai verabschiedet. Dabei stützen die betroffenen staatlichen Institutionen die Verabschiedung nicht, wie das unabhängige peruanische Kommunikationsmedium Wayka. Das Ministerium für Justiz und Menschenrechte, das Bildungsministerium und das Ministerium für Wohnen, Bau und sanitäre Versorgung sprachen allesamt kritische Hinweise über die Umsetzbarkeit des Gesetzes aus und verlangten seine erneute Evaluierung – trotzdem wurde es ohne Revisionen freigegeben. Außerdem präsentierte das Lobby-Kommittee der Travesti-Vereinigung (Asociación de Travestis) einen Bericht, der die Rechtsverletzungen offenlegt, die das Gesetz in Bezug auf das in der Verfassung verankerte Prinzip der Gleichheit und des Verbots von Diskriminierung darstellt. Ebenso verweisen sie auf Artikel 1 der Amerikanischen Menschenrechtskonvention: „Es ist fundamental, sich über die Reichweite dieser transphoben Verordnung auszusprechen. Manch einer könnte meinen, dass er sogar strafrechtliche Sanktionen vorsieht, aber das ist nicht der Fall: Das Strafgesetzbuch wurde nicht geändert”, kommentierte Manuel Siccha, Vertreter des Comité de Incidencia Política.

Das Gesetz über die sexuelle Unversehrtheit von Minderjährigen offenbart die Unklarheit der Regierung was den Schutz geschlechtlicher Diversität angeht. Die fehlende Priorisierung zeigt sich unabhängig von der konservativen Agenda auch in der Inexistenz von vorherigen Gesetzen für den Schutz der Rechte sexuell diverser Identitäten. Die einzigen Maßnahmen, welche die trans* community einbeziehen und aktuell in Kraft sind, sind die Identifikation von trans* Frauen im Bereich Gesundheit – aufgrund ihrer ‘Inzidenz’ unter HIV-Erkrankungen sowie an öffentlichen Orten mit der Kommunalverordnung: „In diesem Lokal ist Diskriminierung jeder Art verboten”. In letzterer wird durch die Gleichsetzung jeder Art von Diskriminierung die Intersektionalität der gewaltvollen Handlungen übergangen, und eine generische Definition dessen propagiert, was als Diskriminierung gilt. Der Respekt für verschiedene geschlechtliche Identitäten und das Recht auf die Nutzung von Toilettenräumen sind nicht ausdrücklich benannt, weswegen diese Art von Verordnungen ihre Schutzfunktion verlieren. Mehr noch, wenn soziopolitische Kräfte – Polizei, Geschworene, Bürgerinnen – nicht die Existenz der trans community legitimieren, können sie stattdessen diskriminierende Handlungen fortsetzen, ohne dass sie als Verstoß gegen die kommunalen Vorschriften gelten. In anderen Worten, sie genießen Straffreiheit und die Rückendeckung der Autoritäten. Das Gesetz zur sexuellen Unversehrtheit von Minderjährigen macht also ein System der Straffreiheit für diskriminierende Handlungen sichtbar und zeigt die Nutzlosigkeit der Politik zum Schutz von Diversitäten.

Foto: Connie France

In diesem konservativen Kontext halten sich stereotypisierende Diskurse über das ‘Risiko’, das die Nutzung von Toiletten durch trans* Personen darstelle. Es ist eines der meistgenutzten Argumente gegen die trans* community in Peru. Kürzlich erhielt der internationale Flughafen Jorge Chávez eine Beschwerde einer Bürgerin wegen seiner Beschilderung, die die Toiletten zu ihrer Unterscheidung auswies für „Personen femininer Identität” und „Personen maskuliner Identität”. Daraufhin änderte der Flughafenbetreiber Lima Airport Partners die Beschilderung zu „Frauen in ihrer Diversität” und „Männer in ihrer Diversität”. Dennoch hielt sich die Unzufriedenheit in den konservativen Sektoren, die mit dem Risiko für Frauen und Mädchen argumentierten. Durch den externen Druck steht auf den Toilettentüren jetzt wieder „Frauen” und „Männer“. Diese Art von Kampagnen versuchen, die Verantwortung für Übergriffe auf Frauen und Mädchen in Toiletteneinrichtungen auf die trans* community zu projizieren.
Es existieren jedoch nur Belege für Übergriffe auf trans* Personen in Peru, aber keine repräsentativen Belege für Übergriffe durch diese. Laut Presentes, einem unabhängigen journalistischen Medium, das die Themen gender und sexuelle Diversität behandelt, wurden von den 54 zwischen 2020 und 2023 begangenen Verbrechen gegen die LGBTIW+ Community über die Hälfte (30) gegen trans* Personen begangen. Gleichzeitig werden in Peru auf verschiedenen Ebenen transphobe politische Handlungen durchgesetzt – so ordnet ein Dekret von 2024 über die Einbindung von Diagnostik ‘Transsexualität’ als psychische Störung ein. Zynischerweise wird im Angesicht von Diskriminierungsfällen gegenüber trans* Personen bei der Nutzung von Toiletten empfohlen, einfach den Geschlechtseintrag auf dem Ausweis anzupassen. Diese Antwort erhielt die Transfrau Valensue, als sie Beschwerde bei der internationalen Fitnessstudio-Kette Smart Fit einreichte, nachdem ihr der Zugang zur Frauentoilette verwehrt worden war. Das Unternehmen antwortete, dass sich die Zuordnung der Toiletten auf den Eintrag im Ausweisdokument beziehe, was durch die Verbraucherschutzorganisation INDECOPI gestützt wurde, welche den Ausweis als einzige „objektive” Quelle für die Bestimmung des Geschlechts einer Person festsetzte.

Der Prozess zur Änderung des Geschlechtseintrag in Ausweisdokumenten ist in Peru von großen Hürden geprägt: die finanziellen Kosten, die komplexe Bürokratie und die Reviktimisierung durch Gerichte, die entscheiden, ob einer Änderung stattgegeben wird. Einer Reportage von Elizabeth Salazar und Carla Díaz zufolge, die 203 Akten zur Geschlechtsänderung analysierte, belegt, dass die Rechtsprechung einen gewaltvollen Diskurs reproduziere, der in legalem Unwissen und diskriminierenden Stereotypen verankert ist. So fordert dieser Nachweise über chirurgische Eingriffe und Hormonbehandlungen als notwendig für den Änderungsantrag: Dokumente also, die die Pathologisierung und biologistische Ideen davon aufrechterhalten, was es bedeutet, trans* zu sein und so die Einhaltung traditioneller Geschlechterrollen einfordert. Die rechtlichen Restriktionen basierend auf einem biologischen Geschlecht kriminalisieren die trans* community. So erwähnt die Aktivistin und Journalistin Gianna Camacho: „Sie nutzen dieses Stigma, dieses Vorurteil über uns”, und weiter: „Dieses Gesetz reproduziert falsche Ideen über trans* Personen und hat keinen Vorgänger in anderen Ländern der Region.” Mit diesem Gesetz wird erwartet, dass der Körper gemäß von traditionellen Geschlechterrollen funktioniert, welche die Erfahrung von Geschlecht jeder trans* Person einschränkt.

Die Straffreiheit im Angesicht von Hassverbrechen, Diskriminierung und Gewalt gegen die trans* community ist Verantwortung des Staates, da dieser die Transphobie anhand von Regierungshandlungen wie dem Gesetz zur sexuellen Unversehrtheit Minderjähriger institutionalisiert. Der Diskurs des Risikos durch die Toilettennutzung durch trans* Personen ist somit letztlich durch Autoritäten validiert, durch die Zivilgesellschaft aufrechterhalten und durch Rechtsmittel des Staates legitimiert. Mehr noch, die Institutionalisierung fördert die Schutzlosigkeit und Unsichtbarmachung der trans* community. Deswegen braucht es dringend politische Schutzmaßnahmen, die die politische, rechtliche und zivile Integrität von trans* Identitäten sicherstellen. Die generischen Verordnungen öffnen Gesetzeslücken für ihre freie Interpretation und Nutzung, aber eine öffentliche Politik könnte Handlungsmacht geben und die soziopolitische Existenz der trans* community anerkennen. Wir können diskriminierende Handlungen mit Rechtsnormen korrigieren, die die Vielfalt schützen, anstatt mit Gesetzen, die mit vermeintlichen Schutzabsichten ihre Verletzung verursachen.


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Pride-Monat in Lateinamerika

Foto: Kellys Portillo @alharaca_sv

In Gedenken an die Stonewall Riots 1969 in New York finden jährlich im Juni und Juli Pride-Veranstaltungen („Stolz“) und Demonstrationen für die Rechte von Personen aus der LGBTIQCommunity statt – so auch in der großen Mehrheit der lateinamerikanischen Länder.

Mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten wurden am 24. Juni und an einigen anderen Tagen die Straßen vieler Städte des Kontinents von den Regenbogenflaggen der marchas de orgullo geschmückt. Mancherorts wurde mit lauter Musik und Tanz auf thematischen Wägen gefeiert, im Zentrum sollten jedoch die jeweiligen politischen Forderungen der Organisator*innen und Teilnehmer*innen stehen.

Demoschild in Santiago de Chile Vielen Dank allen, die Wege geöffnet haben! (Foto: Diego Reyes Vielma)

Der Pride-Tag in Santiago de Chile, der wegen Regenwetters einen Tag verschoben werden musste, erreichte laut den Organisator*innen mit über 180.000 Teilnehmenden historische Größe. Diese Protestierenden forderten insbesondere die Reform des Antidiskriminierungsgesetzes Zamudio sowie den Aufbau einer Antidiskriminierungsstelle.

Kings and Queens and everone in between Demoteilnehmende in Santiago de Chile (Foto: Diego Reyes Vielma)

Unter dem Motto ¡Libertad, justicia, dignidad. ¡A nosotres jamás nos borrarán! („Freiheit, Gerechtigkeit, Würde. Sie werden uns niemals ausradieren!“) wurde in Mexiko-Stadt als Hauptforderung die Sichtbarkeit der auch innerhalb der LGBTIQCommunity am meisten marginalisierten Gruppen ins Zentrum gesetzt. Außerdem forderten die Demoteilnehmer*innen die legale und gesellschaftliche Anerkennung von trans* und nicht-binären Identitäten. Die Rechte und Selbstbestimmung von trans* Personen standen auch in Bogotá im Fokus (Ley integral trans ¡Ya!, übersetzt: „Integrales Trans-Gesetz, jetzt!“). Mit über 100.000 Personen nahmen auch hier mehr Menschen als jemals zuvor am Demozug teil.

Weniger Hass Mehr Hunde (Foto: Diego Reyes Vielma)

São Paulo feiert jährlich eine der weltweit größten Pride-Demonstrationen. Auch dieses Jahr kamen am 11. Juni große Mengen an Menschen zusammen, um das Ende der desaströsen Regierung Bolsonaro zu feiern und Forderungen an die neue Regierung zu formulieren. „Soziale Politiken für LGBT: Wir wollen sie komplett, nicht nur die Hälfte“, lautete das dazu passende Leitmotiv.

Feiern und Fordern In Santiago de Chile (oben) und São Paulo (unten, Foto: Lilian Lopes)

Auch in Venezuela, Bolivien, Ecuador, Peru und Paraguay fanden Pride-Veranstaltungen mit Forderungen nach Gesetzesänderungen im Antidiskriminierungsbereich, Gleichberechtigung (zum Beispiel durch die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen) und für den Kampf gegen Hassrede und Hassverbrechen statt.

Feiern und Fordern Demoteilnehmende in São Paulo (Fotos oben und unten: Lilian Lopes)

In Zentralamerika legte das Pride-Fest in El Salvador mit dem Motto Mi identidad, mi orgullo („Meine Identität, mein Stolz“) den Fokus auf das Thema Identität. Wie auch in anderen Ländern bezogen sich die Organisator*innen dabei nicht nur auf sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität, sondern schlossen andere Identitätsaspekte intersektional mit ein. Panama-Stadt schloss mit dem Thema diverse Familien und Ehe für alle an aktuelle Entscheidungen des höchsten Gerichts des Landes an, das vor einigen Monaten gegen die Ehe für alle als Menschenrecht entschied.

Marcha de Orgullo in San Salvador Liebe ohne Angst – auch im öffentlichen Raum (Fotos: Kellys Portillo)

In weiteren Städten und Ländern wurden ebenfalls Demonstrationen organisiert, in manchen, wie Guatemala, Uruguay und Argentinien, stehen diese noch aus. So unterschiedlich die Bedingungen in den verschiedenen Ländern für die queere Bevölkerung sind, so divers sind auch deren Forderungen. Eines teilen sie jedoch alle – sie kämpfen weiter!


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SICHTBAR, ENGAGIERT UND HARTNÄCKIG

Wettbewerb Miss America Continental in Tegucigalpa, Honduras // Fotos: Markus Dorfmüller

Die Regenbogenfahne ist natürlich dabei, wenn es am 17. Mai wieder auf die Straße geht. Sie hängt im Aufenthaltsraum von Arcoíris (Regenbogen) an der Wand. Im Zentrum von Tegucigalpa, nur ein paar Steinwürfe vom Busbahnhof, hat die 2003 gegründete LGBTI*-Organisation ihr Büro, zu dem auch Aufenthaltsräume gehören. Hier trifft sich die queere Szene der honduranischen Hauptstadt, organisiert Kampagnen, tritt für die eigenen Rechte ein und feiert hin und wieder auch Partys. „Bei unserem ersten Marsch gegen die Homophobie und für die Rechte unserer queeren Community waren wir gerade zwanzig, im letzten Mai immerhin rund tausend Personen“, erinnert sich Donny Reyes.
Der stämmige Mann Ende 40 ist Gründungsmitglied und Koordinator von Arcoíris, einer Organisation, die sich für die Menschenrechte der queeren Gemeinde engagiert. Um die ist es mies bestellt, denn Honduras gehört weltweit zu den gefährlichsten Ländern für LBGTI*-Aktivist*innen. 38 Morde wurden von den LGBTI*-Organisationen des Landes im Laufe des letzten Jahres registriert – ein Mord weniger als 2017. Alle anderen Angriffe summieren sich zu Hunderten. „Am sichtbarsten und am verwundbarsten sind trans Frauen“, so Donny Reyes. Die organisieren sich bei Arcoíris als Muñecas de Arcoíris, auf deutsch übersetzt Regenbogenpüppchen. Ein sarkastischer Titel, den die Frauen bewusst gewählt haben. Jeden Dienstag treffen sie sich im Büro in der dritten Avenida des Concepción, einem Handwerkerviertel am Rande des Zentralmarkts von Tegucigalpa. „Nur ein paar Blocks entfernt, rund um den Parque El Obelisco, befindet sich der trans Strich von Tegucigalpa“, so Donny Reyes. Viele der trans Frauen, die dort ihren Lebensunterhalt verdienen, haben keine Ahnung von ihren Rechten und das versuchen Reyes und seine Kolleg*innen zu ändern – mit Workshops, aufklärender Informationsarbeit und Beratung in den Räumen der Nichtregierungs­organisation.

Mit einem Musterprozess soll die Straflosigkeit beendet werden


Die beiden trans Frauen Bessy Ferrera und Paola Flores leiten und koordinieren die Arbeit der Muñecas de Arcoíris und haben selbst einschlägige Erfahrungen mit Diskriminierungen gemacht. Bessy Ferrera fährt sich mit dem Daumen über die Kehle. Dann deutet sie auf die wulstige rund fünfzehn Zentimeter lange Narbe unterhalb ihres Schlüsselbeins. „Ein Freier wollte nach dem Sex nicht zahlen und hat mir von hinten versucht die Kehle durchzuschneiden“, sagt die Frau von Mitte dreißig. „Nur weil er das Messer zu tief angesetzt hat, sitze ich noch hier“, sagt sie mit einem bitteren, rauen Lachen. Fast verblutet ist sie damals, konnte sich aus dem Hinterhof gerade so auf die Straße schleppen, wo jemand einen Krankenwagen rief. Die mit groben Stichen genähte Narbe erinnert sie bei jedem Blick in den Spiegel an den Angriff vor ein paar Jahren. In einem der Hinterhöfe rund um den „Parque El Obelisco“ im Zentrum von Tegucigalpa fand er statt, nur ein paar Steinwürfe von den Markthallen entfernt. Handwerksbetriebe und mobile Verkaufsstände dominieren das Ambiente tagsüber, nachts dreht sich alles um Sex. Trans- und Homosexuelle gehen mitten in der honduranischen Hauptstadt der Sexarbeit nach. Bessy Ferrera ist eine von ihnen. „In Honduras hat man als trans Frau keine Chance auf einen regulären Job. Was bleibt ist für viele von uns nur die Prostitution“, meint sie und streicht sich eine rotblondgefärbte Strähne aus der Stirn. Abfinden will sich Bessy Ferrera mit der alltäglichen Diskriminierung und Verfolgung aber nicht und deshalb engagiert sie sich bei Arcoíris.

Bessy Ferrera…

und Paola Flores leiten die Arbeit von Muñecas de Arcoíris

„Ein großes Problem ist, dass kaum jemand von uns genau weiß, was für Rechte wir eigentlich haben. Worüber frau nichts weiß, kann sie auch nicht verteidigen“, erklärt Bessy Ferrera mit einem koketten Grinsen. Daran will sie etwas ändern und ist deshalb bei Arcoíris eingestiegen . Erst als Freiwillige, mittlerweile als Stellvertreterin von Paola Flores. Die schmale trans Frau ist das Gesicht der Muñecas de Arcoíris. Vor ein paar Jahren hat sie angefangen rund um den „Parque El Obelisco“ trans Frauen anzusprechen, sie über ihre Rechte im Umgang mit Freiern, aber auch der Polizei aufzuklären. Die eigenen Rechte sind zentrales Thema bei den wöchentlichen Treffen, aber auch die Probleme, denen sich Trans- Bi-, Homosexuelle und die restliche Queer-Szene in Honduras gegenübersieht.

„Wir werden ausgegrenzt, diskriminiert, gedemütigt, vergewaltigt und ermordet“, zählt Paola mit leiser Stimme auf. „Honduras ist eine christlich verbrämte Macho-Gesellschaft in der Rechte der Anderen nicht geachtet werden“, schildert sie das Grundproblem. Hinzu kommt ein nicht funktionierendes Justizsystem. Straftaten gegen LGBTI*-Personen werden nicht geahndet, das monierte auch die Menschenrechtskommission der OAS (Organisation für Amerikanischer Staaten) bei ihrer letzten Visite im August 2018. Laut der Kommission habe es in den letzten fünf Jahren 177 Morde gegeben, von denen kaum einer aufgeklärt worden sei.
Das hat viele Gründe. Einer ist aber laut Paola Flores, dass bei den Verbrechen aus Hass nicht richtig ermittelt werde. „Das beginnt bei der Spurensicherung und endet im Gerichtssaal – wenn es denn überhaupt so weit kommt“, klagt Flores. Wie ein Musterprozess laufen sollte, worauf bei der Spurensicherung, bei der Gerichtsmedizin, aber auch bei der Zeug*innen­vernehmung und im Gerichtssaal geachtet werden muss, wollen die Muñecas anhand eines realen Falles aufzeigen. „Eines Kapitaldeliktes wie Vergewaltigung oder Mord“, so Flores, die derzeit mit Jurist*innen, Ermittler*innen und Gerichts­mediziner*innen im Gespräch ist, um das beispielgebende Tribunal vorzubereiten. Demnächst soll es in Tegucigalpa stattfinden, gefilmt und ins Netz gestellt werden, um so etwas wie einen Leitfaden für den Umgang mit Verbrechen gegen LGBTI*-Personen zu liefern. „Das ist überfällig und positiv ist, dass wir die Zusage über die Finanzierung aus einem EU-Justizfonds haben“, erklärt Flores. Weniger positiv ist allerdings, dass das Geld immer noch nicht eingegangen ist und die Vorbereitungen zum symbolischen Gerichtsprozess deshalb auf Sparflamme laufen. Nichts Neues für die Aktivist*innen von Arcoíris, die nur punktuell Spenden aus dem Ausland erhalten und bei ihren Bemühungen Vorurteile aufzubrechen oft auf sich allein gestellt sind. Journalist*innen, die Fotos rund um den „Parque El Obelisco“ machen, und sich nicht nur privat, sondern auch öffentlich über sie lustig machen, sind, so Bessy Ferrera, alles andere als selten. Oft werden Homo- genauso wie Bi- und Transsexuelle von ihren Familien verstoßen, ergänzt Paola Flores und reibt sich die narbige Wange. Sie hat seit ein paar Jahren die Unterstützung ihrer Familie, während ihre Kollegin Bessy Ferrera Waise ist und nach ihrem Outing von den Pflegeltern vor die Tür gesetzt wurde. So landete sie in der Prostitution und für sie ist Arcoíris so etwas wie ein zweites Zuhause.

Eine der schönsten Drag-Queens des Landes auf dem Laufsteg

Vor allem ihrer Mutter hat es hingegen Paola Flores zu verdanken, dass der Kontakt zur eigenen Familie nicht abriss, obwohl mehrere Familienangehörige evangelikalen Kirchen sowie der katholischen Kirche angehören. Die verteidigen die Heterosexualität als das Non plus Ultra und machen gemeinsam mobil gegen alle Anläufe die gleichgeschlechtliche Ehe in Honduras auf den Weg zu bringen. Folge dieser rigiden Positionierung sind tiefe Gräben, die sich durch viele Familien ziehen. So auch bei den Flores, wo die sexuelle Orientierung des jüngsten Kindes von den Älteren mit Unverständnis und Ablehnung quittiert wurde. „Nur meine Mutter hielt zu mir. Doch das änderte sich mit dem Überfall“. Der ereignete sich im Juni 2009 und Paola Flores hat ihn nur knapp überlebt. „Drei Männer haben mich in meiner eigenen Wohnung, dort wo ich mich sicher fühlte, überfallen. Mich zusammengeschlagen und mit Benzin übergossen und angezündet“, erinnert sich Flores und deutet auf die Transplantate die rechts und links vom Kinn zu sehen sind. Sie hat um ihr Leben gekämpft, sich gewehrt, geschrien und überlebt. Zwei Monate im Koma, neun Monate im Krankenhaus und schließlich ein Jahr im Exil in Mexiko. „Was mir passiert ist, kann auch allen anderen passieren. Dagegen kämpfe ich und deshalb bin ich zurückgekommen“, sagt sie mit fester Stimme und zupft das Halstuch zurück, welches die Narben am Hals verbirgt. Die drei Männer gingen genauso wie der Freier, der Bessy Ferrera umbringen wollte, bisher straffrei aus. Ein häufiges Geschehen in Honduras, wo deutlich über 90 Prozent der Gewaltdelikte gegen LGBTI* nicht geahndet werden. Die Fotos von ermordeten Arcoíris-Aktivist*nnen, die im Treppenhaus neben denjenigen hängen, die sich engagieren, zeugen davon.

Plakat gegen die Diskriminierung von Lesben in Tagucigalpa/Honduras // Foto: Knut Henkel

Die Straflosigkeit soll beendet und der Musterprozess der Muñecas de Arcoíris soll dazu beitragen. „Wir wollen einen Leitfaden publizieren, den Prozess mit der Kamera dokumentieren und zumindest Teile davon auf YouTube oder Facebook posten. Die Justiz darf nicht mehr weggucken“, fordern die beiden Frauen mit ernster Mine.
Dafür engagiert sich auch Donny Reyes, der im Rat der Menschenrechtsorganisationen mitarbeitet, den Kontakt zu Botschaften und Nichtregierungsorganisationen hält und die Events der LGBTI*-Szene vorbereitet. Nicht nur den für den 17. Mai anstehenden bunten Marsch durch die Hauptstadt von Honduras, sondern auch die Parties wie den alljährlich im Februar stattfinden Wettbewerb zur „Königin meiner Heimat“ (La Reina de mis Tierras). Dort laufen dann die schönsten Drag-Queens aus dem Land über den Laufsteg und werden prämiert. „Das ist Party und Polit-Event in einem, denn die Drag-Queens sind auch Botschafter*innen der Szene, engagieren sich für die Menschenrechte und haben eine Aufgabe.“
Doch nun steht als nächstes erst einmal die 17. Mai-Parade im Kalender. Ziel ist es mehr als die 1000 Menschen vom letzten Jahr auf die Straße zu bringen – in einem Ambiente, das alles andere als einfach ist.

 


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