
Vier Stunden westlich von Santa Cruz de la Sierra, in Bolivien, leben 3.000 Personen in der abgeschiedenen Kolonie Nueva Esperanza (Neue Hoffnung). Besucher*innen kommen nur über einen kleinen Schotterweg in das Dorf. Was auf den ersten Blick wie eine einfache Agrargemeinschaft wirkt, entpuppt sich als Anhänger*innenschaft einer 600 Jahre alten, evangelischen Freikirche: Die Glaubensgemeinschaft der Mennonit*innen entstand in der Reformationszeit als Täuferbewegung. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts breitete sie sich auch zunehmend nach Lateinamerika aus, da sie in Europa und Russland verfolgt und vertrieben wurde. So gelangten Kolonist*innen auch ins Tiefland Boliviens, wo ab 1954 Kolonien gegründet wurden.
Mennonit*innen aus Belize und Mexiko errichteten Nueva Esperanza im Jahr 1975, um sich weiter in Südamerika auszubreiten. Sie rodeten das bewaldete Land und legten Höfe und Felder an, um wie in ihren Herkunftsländern landwirtschaftlich tätig werden zu können. Dafür brachten sie ihre seit Jahrhunderten unveränderten Techniken mit. Größtenteils verzichten sie bis heute auf motorisierte Maschinen. Auch Elektrizität oder Mobiltelefone sind nicht verbreitet.

Der Haushalt der Familie Neuhafen (hochdeutsche Schreibweise) besteht heute aus dem Ehepaar Pedro und Elizabeth und deren zwei jüngsten, noch zuhause lebenden Töchtern, die zwölf und 15 Jahre alt sind. Sie sprechen Plautdietsch, einen Dialekt, der sich so stark vom Hochdeutschen unterscheidet, dass wir in den Interviews ins Spanische wechseln. Im subtropisch-feuchten Klima bauen sie Soja, Yucca und Mais an. Wie jede Familie der Kolonie besitzen sie ihren Hof in Alleinlage und halten Kühe, Pferde, Hühner und kleinere Haustiere. Landwirtschaft und Haushalt nehmen so den Großteil des Arbeitsalltags ein.
Das Leben dreht sich um Glaube, Familie und Landwirtschaft
Pedro sitzt stets an der Stirnseite des Tisches, erscheint im Haus lediglich zu den Mahlzeiten und arbeitet sonst in den Ställen. Am Samstag unseres Besuchs mahlt er Mais und Stroh als Kraftfutter für die Pferde — schwere körperliche Arbeit bei rudimentärer maschineller Ausstattung. Auch auf den Feldern sind nur Männer beim Arbeiten zu sehen, die Wasserzuflüsse prüfen, Gerätschaften ordnen oder Zäune errichten. Die Mützen und Hüte schützen sie vor der starken Sonneneinstrahlung, langärmelige Hemden und dunkle Latzhosen gewährleisten Praktikabilität und schützen vor Insektenstichen. Diese vermeintliche Idylle einer traditionellen Landwirtschaft darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die Kolonien durch illegale Rodungen für erhebliche Umweltzerstörung verantwortlich sind.
Die Frauen tragen knielange Kleider, Mädchen in schlichten, hellen Farben; ältere Frauen, wie Elizabeth in schwarz, mit passender Schürze. Die bis über die Hüfte reichenden Haare sind in lange, aufgewickelte Zöpfe geflochten und unter Haarnetzen oder Kopftüchern verborgen. Einmal pro Woche werden sie erneuert, dabei flechtet die Tochter der Mutter die Haare. Diese lebt den Kindern die Aufgaben des Haushalts vor, kocht, putzt, wäscht. Mit Eigenständigkeit und Ruhe folgen auch die Töchter einem festen Ablauf, der durch diese Tätigkeiten gekennzeichnet ist. Es wird gekehrt, gewischt und es werden Empanadas gebacken. Der Alltag ist stark von der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau geprägt.

In den Gesprächen wird schnell deutlich, welchen Stellenwert die Familie einnimmt. Elizabeth hat sieben Kinder. Das sind vergleichsweise wenige: Zehn bis 15 sind keine Seltenheit. Am Tisch wirkt die Atmosphäre ungezwungen: Es wird gesprochen, gelacht, feste Regeln für Haltung oder ritualisierte Gesten sind nicht erkennbar. Auch gegenüber dem Besuch bleibt die Haltung offen. Neugierig werden Fragen gestellt, ebenso bereitwillig geantwortet.
Anders im Dorfladen. Dort begegnen andere Mennonit*innen den Fremden zurückhaltender, fast abweisend. Gleichzeitig zeigt sich gerade hier, wie eng die Kolonie wirtschaftlich mit der Umgebung verflochten ist. Viele Lebensmittel und Haushaltswaren stammen aus San José de Chiquitos, der nächstgelegenen Stadt. Umgekehrt gelangen landwirtschaftliche Erzeugnisse und Milchprodukte aus der eigenen Käserei weit über die Kolonie hinaus in den Handel des Departements Santa Cruz.
Doch nicht jedes Thema öffnet Türen. Auf Fragen nach Bildung und Freizeit folgt Zögern. Lesen, Singen oder andere Aktivitäten jenseits religiöser Praxis scheinen kaum Raum zu haben. Elizabeth weicht aus. Die 15-jährige Tochter blickt auf Fragen nach ihrer Freizeitgestaltung geradeaus, schweigt einen Moment und sagt schließlich leise: „Ich weiß nicht.“ Ein Satz, der erahnen lässt, wie stark sich das Leben trotz wirtschaftlicher Verbindungen nach außen und Spanischkenntnissen auf die Grenzen der Kolonie konzentriert. Weltweit unterscheiden sich Mennonitenkolonien in Ansichten und Ausrichtung oft maßgeblich. So auch in der Offenheit gegenüber dem Bildungswesen innerhalb der Gemeinschaft. Die vergleichbar kurze Schulzeit von fünf bis sechs Jahren konzentriert sich auf die Religion und das Lernen von Spanisch und Hochdeutsch. Weltkunde und Geschichte bleiben aus: Zumindest Pedro und Elizabeth scheinen dafür kein Interesse zu haben. Wichtig wäre dies für die heranwachsenden Generationen, denen so vielfältigere Perspektiven offen stünden.
Als das Gespräch auf religiöse Rituale kommt, hellt sich Elizabeths Gesicht auf. Sie erzählt von den Sonntagsgottesdiensten; vom gemeinsamen Singen; von Momenten, in denen die Kolonie zusammenkommt. Während die Familien im Alltag meist für sich bleiben und sich Begegnungen oft auf die Arbeit beschränken, entsteht Gemeinschaft vor allem im Religiösen. Gerade in der Weite des ländlichen Lebens sind solche Anlässe zentrale Treffpunkte. Hier wird Zugehörigkeit sichtbar, hier verdichtet sich das soziale Miteinander. Nach außen gilt Glaubens- und Gewissensfreiheit, doch im Alltag prägt Religion deutlich das Leben vieler. Die abgeschiedene Lebensweise und der begrenzte Zugang zu Bildung und nichtreligiöser Literatur setzen dabei enge Rahmen. Religiöse Symbole sind in den Häusern präsent, und auch im Gespräch mit der Familie wird klar, wie stark der Glaube den Rhythmus des Alltags bestimmt.
Was dabei heute als stark konservativ eingeordnet wird, war zu Zeiten der Abspaltung vom Katholizismus und später dem Protestantismus im 16. Jahrhundert vergleichsweise fortschrittlich. Neben strengem Pazifismus und der Verweigerung des Kriegsdienstes lehnen die Mennonit*innen die Geburtstaufe ab: Getauft werden soll nur, wer allein zum Glauben gefunden hat und es denn auch möchte. Diese radikalen Ansichten führten zu Vertreibungen aus Europa, weswegen die meisten Gemeinden heute in Amerika und Asien leben. Isolation verhinderte vor allem in den Kolonien in Lateinamerika jedoch viele Entwicklungen, die in den Gesellschaften, von denen sie nie wirklich Teil wurden, fortschritten. Ihr Weltbild blieb fast unverändert. Gemeinschaften in anderen Teilen der Welt hingegen passten sich weitestgehend der modernen Welt an und organisieren sich auch international, wie zum Beispiel in der Mennonitischen Weltkonferenz.
Geschichte religiöser Verfolgung
Die von uns besuchte Kolonie hingegen bevorzugt Autonomie. Wie in Altkolonien üblich, wählen die männlichen Familienoberhäupter intern direkte Vorstände, die alltägliche Angelegenheiten und Probleme in Schulwesen und Infrastruktur regeln. Frauen besitzen hingegen kein formelles Mitspracherecht und auch in öffentlichen Räumen sind sie selten unbegleitet anzutreffen. Auch auf der Straße und am Wegesrand spielen ausschließlich Jungs.

Obwohl es in Bolivien eine Schulpflicht von zwölf Schuljahren gibt, wird diese in mennonitischen Kolonien in den wenigsten Fällen umgesetzt. Eine Debatte um diese Problematik existiert praktisch nicht. Kinder arbeiten stattdessen schon in jungem Alter. Die Schule endet in Nueva Esperanza für Jungen im Alter von zwölf Jahren und für Mädchen mit elf Jahren. Danach wohnen sie noch bis zu einem Alter von etwa 17 Jahren im Elternhaus und helfen dort im Haushalt oder auf dem Feld. Obwohl Bolivien mit 24 Prozent im Vergleich zu anderen Ländern eine hohe Kinderarbeitsrate hat, stellen die mennonitischen Verhältnisse diese Zahlen wahrscheinlich in den Schatten. Es existieren keine offiziellen Angaben über die Kinderarbeit in den Kolonien, jedoch wird durch die Gespräche deutlich, dass, nachdem die Kinder die Schule mit elf oder zwölf Jahren beenden, fast alle anfangen zu arbeiten und auch in der Schulzeit bereits ihre Eltern unterstützen müssen.
Eine konsequente Durchsetzung der Schulpflicht in mennonitischen Kolonien bleibt in Bolivien die Ausnahme. Hinzu kommt ein grundlegender Interessenkonflikt: Die Kolonien leben überwiegend von Landwirtschaft und Milchwirtschaft, die auf viele Arbeitskräfte angewiesen sind. Längere Schulzeiten würden diese Strukturen verändern. Gleichzeitig würde Bildung neue Perspektiven eröffnen und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass junge Menschen die Kolonie verlassen.
Bildung gegen Tradition
So sichert ein begrenztes Bildungsangebot zwar die Stabilität nach innen, schränkt aber individuelle Möglichkeiten ein. Dabei garantiert die bolivianische Verfassung Zugang zu Bildung und gleiche Bedingungen für alle Kinder, ebenso wie internationale Abkommen das Recht von Kindern auf Bildung festschreiben. In der Praxis bleibt dieses Versprechen für viele unerfüllt.
Ein einheitlicheres Bildungssystem innerhalb der Kolonien, das neben religiöser Unterweisung auch natur- und gesellschaftswissenschaftliche Inhalte vermittelt, könnte hier ansetzen. In anderen südamerikanischen Ländern gibt es hierfür externe Unterstützungsmaßnahmen. In Paraguay beispielsweise leisten das MCC (Mennonite Central Comite), aber auch der deutsche Staat unterstützende Arbeit der lokalen Gemeinden. Auch wenn die Interessen des deutschen Staates in diesem Kontext kritisch hinterfragt werden müssen, kann die Unterstützung von Bildung für die Mennonit*innen in Paraguay zu mehr Offenheit und Integration in die Gesellschaft führen. Bolivien und den Mennonit*innen nahestehende Verbände könnten diese Modelle als Impuls verstehen, um auch in den bolivianisch-mennonitischen Kolonien den Zugang zu umfassender Bildung zu erweitern. Die interne Betonung von Selbstbestimmung im Glauben in den Kolonien wirft zugleich die Frage auf, warum sie nicht ebenso für Bildung und Lebenswege gilt. Ohne eine solche Öffnung droht Tradition weniger bewusste Entscheidung als vielmehr Fortsetzung begrenzter Möglichkeiten zu sein.





„Jede dieser Geschichten ist ein Ferngespräch mit der Vergangenheit“, heißt es auf dem Klappentext von Ferngespräch. Im Original ist der Bandtitel jedoch identisch mit dem der ersten Erzählung – „Eigene Dokumente“ – und spätestens der Satz „eigentlich will ich diese Datei schließen und für immer im Ordner Eigene Dokumente speichern“ lässt keinen Zweifel daran, dass es sich dabei um eine Anspielung auf einen Computerordner handelt. Jede Geschichte ist gewissermaßen ein Dokument in diesem Ordner. Ein Fragment, das sich einem persönlichen Erlebnis, einem Thema widmet und aus dem Ordner eine Art Erinnerungssammlung macht.