„Es gibt keine Kohle“

Immer mit Kettensäge Das Cover des beim PapyRossa-Verlag erscheinenden Buchs

„Heute könnte es heiß werden“, sagt Nancy Yulán. Die 63-Jährige spricht nicht von den Temperaturen, die an diesem Oktobernachmittag angenehm frühlingshaft sind. Sie meint das Vorgehen der Polizei. „Ich habe immer eine Gasmaske und eine Taucherbrille dabei. Man weiß nie, was passiert“, ergänzt die Rentnerin und schiebt ihre Brille zurecht. Mittlerweile halte sie sich lieber etwas im Hintergrund, achte auf ihre Unversehrtheit, nachdem sie bereits drei Mal habe ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen. „Ich wurde von Gummigeschossen getroffen, sie haben mich mit Schlagstöcken malträtiert“, erzählt Yulán. Auf dem Kopf trägt sie einen Fahrradhelm. „Zur Sicherheit“, sagt sie.

Wenige Meter entfernt, in der ersten Reihe der Versammlung, kommt es zu lauten Wortgefechten zwischen Demonstrierenden und Einsatzkräften. Ein alter Mann, mindestens 70 Jahre alt, wird von einem Polizisten geschubst, geht zu Boden und muss behandelt werden. Yulán ist jeden Mittwoch hier, vor dem Kongressgebäude im Zentrum von Buenos Aires. „Seit fast zwei Jahren“, sagt sie. „Seit dem ersten Tag der Regierung Milei sind wir auf der Straße. Und hier bleiben wir, bis er weg ist.“ Woche für Woche protestieren die Rentnerinnen und Rentner auf dem Platz. Mittlerweile sind die Demonstrationen zu einem Symbol des Widerstands gegen den Sozialkahlschlag der Milei-Regierung und die immer schlechtere Versorgungslage der Bevölkerung geworden. Das betont auch Manuel Gutiérrez. Er ist Vorsitzender des Koordinierungstisches (Mesa de Coordinación de los Jubilados de la República Argentina), der die Rentnerproteste organisiert.

Nicht ohne Stolz sagt er: „Unser Kampf ist zu einer Bastion des Widerstands gegen die Grausamkeit dieser Regierung geworden, zu einer Bastion des Kampfes der gesamten Bevölkerung.“ Auch Yulán ist Teil der Mesa. Früher war sie im mittlerweile aufgelösten Movimiento al Socialismo (MAS) aktiv. Am Koordinierungstisch nimmt sie nun als autoconvocada teil, wie sie betont, also unabhängig von einer politischen Organisation. Andere Aktive gehören zu linken Parteien oder Gewerkschaften. Sie treffen sich in einem Lokal nur wenige Straßenblocks vom Kongress entfernt. Im ersten Stock eines alten Gebäudes, das wie so viele im Zentrum von Buenos Aires ein wenig baufällig wirkt, liegt die Kommandozentrale. Hier werden die Demonstrationen geplant, Pressemitteilungen und Positionen kontrovers diskutiert. Auch Ausstellungen organisieren sie.

Der Kürzungskurs der Regierung trifft besonders die Ärmsten, die vermeintlich Schwächsten und diejenigen, die ohnehin Tag für Tag zusehen müssen, wie sie über die Runden kommen. An den Rentnerinnen und Rentnern, so hat es den Anschein, wollen Milei und seine Regierung ein Exempel statuieren. Besonders jene, die nur die gesetzlich vereinbarte Mindestpension erhalten, leiden. Sie liegt deutlich unterhalb der Armutsgrenze. Im Oktober 2025 betrug sie weniger als 350.000 Pesos und damit etwa 200 Euro im Monat. Derweil lag der Wert eines Grundwarenkorbs (Canasta básica alimentaria) laut dem Statistikamt Indec im Monat zuvor bei mehr als 500.000 Pesos. Bezieher der Grundrente gelten, sofern sie keine weiteren Einkünfte aufweisen können, offiziell also nicht nur als arm, sondern als indigentes, bedürftig.

Nancy Yulán gehört nicht zu denen, die nur die Mindestrente beziehen. „Vor zwei Jahren bin ich in Rente gegangen“, erzählt sie. Zuvor habe sie als Lehrerin für Spanisch, Latein und Literatur gearbeitet. Doch auch wenn ihre Pension nominell etwas höher sei, „bedeutet das nicht, dass wir privilegiert sind oder gut über die Runden kommen“, sagt sie. „Seit Milei Präsident ist, haben sich alle Renten verschlechtert. Sie klagt: „In zwei Jahren habe ich fast 40 Prozent meines Einkommens verloren.“ Am kulturellen Leben könne sie überhaupt nicht mehr teilnehmen, auch neue Kleidung könne sie sich nicht mehr leisten. „Doch natürlich gibt es Rentner, die sich in einer noch viel kritischeren Lage befinden. Viele müssen bereits in Suppenküchen essen oder hausen in Pensionen, weil sie sich die Mieten einfach nicht mehr leisten können.“ Ein älterer Herr reicht der früheren Lehrerin ein Megafon.

Heute soll auch sie zu den Demonstrierenden sprechen, in wenigen Tagen stehen die Zwischenwahlen an. Während Yulán ihre Taucherbrille vom Kopf zieht und sich in Position bringt, fällt ihr eine graue Locke ins Gesicht. Letztlich bleibt es an diesem Mittwoch vergleichsweise friedlich. Das liegt eher am besonnenen Auftreten der maximal 500 Protes­tierenden, denen ein martialisches Aufgebot von 800 Polizeikräften gegenübersteht. Die sorgen penibel dafür, dass der Verkehr auf den Straßen nicht blockiert wird. Grundlage ist das sogenannte Antipiquete-Protokoll von Sicherheitsministerin Patricia Bullrich, das diese nur vier Tage nach Amtsantritt der Regierung beschlossen hatte. Um es durchzusetzen, wenden die Polizeikräfte regelmäßig präventiv Gewalt an.

Besonders rigoros gingen sie dabei im März 2025 vor. Am Rande der wöchentlichen Rentnerdemonstration traf eine Tränengaskartusche den freiberuflichen Fotojournalisten Pablo Grillo am Kopf. Später legten Video- und Fotoaufnahmen des Geschehens nahe, dass die Polizei gezielt auf ihn geschossen hatte. Grillo verbrachte mehrere Wochen im Koma. Auch wenn er letztlich überlebte: Die Folgen der Attacke werden bleiben. Von vielen der demonstrierenden Rentnerinnen und Rentner wird der Fotograf als Märtyrer gesehen. Auch Paco Olveira kommt jeden Mittwoch vor das Kongressgebäude. Und auch er wurde bereits Opfer von Polizeigewalt. Mit 23 Jahren war der Pater von Spanien nach Buenos Aires gezogen. Er ist geblieben. Heute ist er Teil der Gruppe „Priester im Einsatz für die Armen“. Ich treffe Olveira in Isla Maciel.

Von dem Viertel heißt es, es sei wie La Boca, nur ohne Menschenmassen. Ein Arbeiterviertel, geschaffen von mehrheitlich italienischen Einwanderern, die um 1900 die typischen Holzhütten erbauten, deren Fassade mit Wellblech verkleidet ist. Im Gegensatz zu La Boca, das heute ein attraktives Ziel für Touristen aus aller Welt ist, sind die Häuschen hier heruntergekommen, die Blechfassaden grau statt bunt gestrichen. Die Straßen von Isla Maciel sind holprig, Müll liegt herum. Die Armut der Bewohner ist sichtbar.

Hier hat die von Olveira ins Leben gerufene Stiftung Isla Maciel ihre Räumlichkeiten. An diesem Vormittag ist es noch ruhig, erst in einigen Stunden werden die bedürftigen Bewohner des Viertels Schlange stehen, um eine Gratismahlzeit zu bekommen. Im ersten Stock warten Jugendliche darauf, von einem Zahnarzt untersucht zu werden. Der Priester grüßt eine junge Frau, die gerade Mutter geworden ist. Er kennt sie aus einer Zeit, als sie noch ein kleines Mädchen war. Der Kontakt zu den Menschen von Isla Maciel, das wird deutlich, ist eng und väterlich. Olveira trägt einen schlabbrigen Pullover und einen bereits grauen Dreitagebart. Um seinen Hals hängt eine Kette mit dem Bild der Jungfrau von Luján, der argentinischen Schutzheiligen der Armen.

In der kleinen Bibliothek, die im Obergeschoss des Gebäudes liegt, erklärt der Priester: „Wir wollen nicht nur Dienstleistungen anbieten. Wir wollen uns organisieren, um die Lebensverhältnisse langfristig zu ändern.“ Seine Überzeugungen leitet er dabei aus dem Evangelium ab. „Dort sagt Jesus, er komme mit guten Neuigkeiten für die Armen. Und meiner Meinung nach ist die einzige gute Neuigkeit für einen Armen, nicht mehr arm zu sein.“

Der brasilianische Erzbischof Hélder Câmara habe einmal gesagt, wenn er einem Armen Brot gebe, nenne man ihn einen Heiligen. Wenn er aber frage, warum der Arme nichts zu essen habe, beschimpfe man ihn als Kommunisten. Olveira sagt: „Dieser Satz hat mich tief geprägt.“ Für ihn bedeute er: „Ich stelle mich gegen diejenigen, die dafür sorgen, dass die Armen kein Brot haben.“ In anderen Worten: „Wenn man auf der Seite der Unterdrückten steht, muss man gegen die Unterdrücker kämpfen.“
Im heutigen Argentinien bedeute das, so Olveira, sich etwa mit den demonstrierenden Rentnerinnen und Rentnern zu solidarisieren. „Besonders spürbar sind die Folgen der Grausamkeit der Milei-Regierung in den vielen Armenvierteln“, sagt er.

Der Priester lebt selbst in einer der Villas Miseria, einer Elendssiedlung. Er sagt: „Im Alltagsleben ist eine deutliche Verschlechterung bemerkbar.“ Da könne die Regierung noch so oft behaupten, die Armutsrate sei zurückgegangen, die Realität sehe anders aus. „Heute sind meine Nachbarn in der Villa nicht mehr nur arm. Sie sind bedürftig“, empört sich Olveira. „Früher hatten sie wenigstens Suppenküchen, in denen sie etwas zu essen bekamen. Heute jedoch sind 90 Prozent der Küchen geschlossen.“

Seit die Regierung Milei an der Macht ist, wurden die Suppenküchen systematisch ausgehungert. Sandra Pettovello, zuständig für das unter der Regierung neu geschaffene „Ministerium für Humankapital“,­ ­­strich ihnen die Lebensmittel­lieferungen. Statt sie auszuliefern, ließ die Regierung Nahrungsmittel in Lagerhallen im ganzen Land verrotten. In ihrer Verachtung für Arme setzte die Regierung außerdem darauf, die Organisationen zu diffamieren, die Solidarküchen betrieben. So veröffentlichte Pettovellos Minis­terium im Mai 2024 eine Liste, mit der behauptet wurde, dass gut die Hälfte der in Argentinien registrierten Küchen nicht wirklich existieren“. Organisationen, die solche betrieben, warf die Regierung Korruption und persönliche Bereicherung vor.

Die Küche, die Olveira und seine Stiftung in Isla Maciel betreiben, funktioniert noch. Dank einer Klage gegen den Staat, die mit Hilfe der Menschenrechtsorganisation CELS angestrengt und gewonnen werden konnte. In der Küche bereiten vier Frauen die heutige Mahlzeit vor, seit 8 Uhr morgens. Im Hintergrund läuft das Radio. Die Lebensmittel kommen größtenteils aus Spenden, heute wird es einen Salat aus Reis, Linsen und Karotten geben, dazu kleine selbstgebackene Brötchen. Von Montag bis Freitag werden so täglich rund 200 Personen aus dem Viertel ernährt. „Der Großteil der Suppenküchen hatte nicht die Möglichkeit, gegen die Regierung zu klagen“, erklärt der Priester. Sie sind heute geschlossen.


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