EIN ORT AUS VIELEN

Ein leer stehender Turm, errichtet auf einer Mülldeponie in der fiktiven Stadt Favelada: Habe-nichtse aus den nahe gelegenen Armenvierteln besetzen das niemals fertiggestellte Gebäude, trotzen Unwettern, wilden Tieren und Plagen. Sie sind gekommen, um zu bleiben, beschaffen sich Strom und Wasser, gründen Schulen und eine Kirche, eröffnen Läden. Die Gemeinschaft ist nach Stockwerken basisdemokratisch organisiert, als strategischer Planer fungiert der hinkende Lehrer und Übersetzer Nacho Morales.
Damnificados heißt der großartige Debütroman von JJ Amaworo Wilson. Der in Deutschland geborene und in den USA lebende Autor nigerianisch-britischer Abstammung erzählt darin vom Überlebenskampf der marginalisierten Unterschichten in einem System, in dem für gewöhnlich Geld und das Recht des Stärkeren triumphieren.
Auch für den Turm deutet sich ein derartiges Schicksal an. Eines Tages taucht ein Sprössling der Familie Torres auf, die das Gebäude einst erbaut hat und es offiziell noch immer besitzt. In Begleitung zweier Soldaten fordert er sein Eigentum mit einer unmissverständlichen Drohung zurück. „Ich schlage Ihnen einen Handel vor“, sagt er in Richtung Nacho. „Sie haben eine Woche Zeit, um friedlich abzuziehen. Danach werden Sie und Ihre Bewohner massakriert, wenn Sie immer noch hier sind.“ Er beabsichtige, sich für ein politisches Amt aufstellen zu lassen, erklärt Torres, „und wie Sie wissen, macht den Wähler nichts glücklicher als eine Machtdemonstration“.
Als das Militär schließlich angreift, erhalten die Damnificados Hilfe von unerwarteter Seite, Torres flüchtet vor der Schmach in eine weit entfernte, unwirtliche Region. Erstmals scheinen Frieden und Wohlstand für die Bewohner*innen des Turms in greifbarer Nähe zu sein. Doch die Familie Torres ist groß und so steht schon bald der nächste auf der Matte. Der prophetische Nacho ahnt, dass der Frieden nicht von Dauer sein wird. „Torres wird sich den Turm holen. Er hält dies für sein angeborenes Recht.“
Inspiriert wurde Wilson durch den „Torre de David“ in der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Anfang der 1990er Jahre als Bankengebäude geplant, kam dieser nie über den Rohbau hinaus und wurde wegen des Wohnungsmangels ab 2007 nach und nach besetzt. Ganz ähnlich wie im Roman richteten sich dort mehrere tausend Personen häuslich ein. In der Wirklichkeit tolerierte die linke Regierung unter Hugo Chávez die Besetzung jahrelang. Erst ab 2014 kam es zur Umsiedlung der Bewohner*innen in neu erbaute staatliche Wohnungen.
JJ Amaworo Wilson macht daraus eine universelle Geschichte der Marginalisierten, in der nicht mehr viel konkret an Venezuela erinnert. Tatsächlich spielt sie an einem Ort, der aus vielen Orten, Kulturen, Religionen und Sprachen zusammengesetzt ist und fast überall im Globalen Süden angesiedelt sein könnte.

DAS LEBEN IM FLUSS

Bild: Klak Verlag

Manche Bücher ziehen uns durch Erzählungen von einer unbekannten Welt in den Bann. Nie derselbe Horizont, das Romandebüt von Bettina Bremme, zieht dagegen seinen Reiz auch daraus, dass trotz einer Vielzahl an Perspektiven so viel Vertrautes in den hier erzählten neun Monaten aus dem Leben zweier Menschen steckt.

Die deutsche Fotoreporterin Andrea, lateinamerikabegeisterte Tochter aus wohlbehütetem Haus, ist der Enge der elterlichen Provinz bei erster Gelegenheit entflohen und irgendwann in Berlins linksalternativer und polyglotter Szene gelandet, in Kreisen, in denen „man sich meistens entweder mit dem Fahrrad oder mit dem Flugzeug fortbewegt“ und sich immer irgend jemand im Bekanntenkreis gerade nach Übersee aufmacht – für die neue Beziehung, für ein Projekt, zum Reisen.

Der argentinische Psychologe Daniel, im Buenos Aires der Militärdiktatur mit schwierigen familiären, finanziellen und politischen Verhältnissen aufgewachsen, ist für eine verflossene Beziehung nach Berlin gekommen, was für ihn bedeutete, quasi bei Null anzufangen.

In Nie derselbe Horizont erzählt Bremme die Liebesgeschichte der beiden entlang der Frage: Wo wollen wir zusammen leben? In Berlin, wo zwar die ganze Welt zuhause ist, Daniel aber das Winterwetter und mitunter sprachliche Hindernisse zu schaffen machen? Oder im krisengeschüttelten Buenos Aires (die Handlung spielt während der Finanzkrise von 2001)? Das Buch beginnt mit der Idee, ein Kompromiss sei vielleicht das Beste: Barcelona, die mediterrane Metropole am Meer.

Die Handlung wechselt – oft in Rückblenden – zwischen allen drei Städten hin und her, die Suche nach dem richtigen Ort steht dabei symbolhaft auch für weitere Aspekte der Suche nach einer gemeinsamen Zukunft in einer in mehrfacher Hinsicht interkulturellen Beziehung: Frau und Mann, Deutschland und Argentinien, gehobene und krisengeschüttelte Mittelschicht. Hier treffen verschiedene Sozialisationen, Kommunikationsstile und Temperamente aufeinander. Was einerseits einen großen Reiz ausmacht, kann auch herausfordernd sein bei Fragen, die es in jeder Beziehung zu klären gibt wie: Wie stark kommt man den Bedürfnissen des anderen entgegen? Zu welchen Abstrichen ist man bereit, wenn das Geld knapp wird? Wie bedingungslos hilft man, wenn die (Schwieger-)mutter in Not ist?

Es fällt einem kaum auf, dass sich in manchen Aspekten der Figuren auch das eine oder andere Klischee spiegelt. Vielmehr vermittelt sich mit großer Lebendigkeit und Leichtigkeit ein Lebensgefühl in den drei Metropolen. Das hat vielleicht auch mit autobiografischen Aspekten des Buches zu tun: Bettina Bremme zog selbst Anfang des Jahrtausends – und in ähnlichem Alter wie im Buch Andrea – von Berlin nach Barcelona. Ob optische und atmosphärische Details der Schauplätze, ob Gedanken, Seelennöte oder Lebensfreuden Andreas und Daniels sowie einer ganzen Reihe ihrer für verschiedenste Lebens- und Beziehungsentwürfe stehenden Bezugspersonen – die Autorin, Freund*innen lateinamerikanischer Filme durch ihre Sachbücher zum Thema bekannt, erweist sich stets als unterhaltsame und gleichzeitig feinfühlige, genaue Beobachterin und Erzählerin.

 

DAMALS WIRD HEUTE

Die Rache der Mercedes Lima ist ein Roman, der in die Abgründe von Guatemalas Vergangenheit und Gegenwart blicken lässt. Bis 1996 tobte ein 36 Jahre dauernder Bürgerkrieg. Anhand einer Familiengeschichte beschreibt Arnoldo Gálvez Suárez den Versuch der nächsten Generation die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten.

Die Geschichte beginnt, als Alberto im Supermarkt eine Frau aus seiner Kindheit trifft. Er erkennt sie sofort: Es ist Mercedes Lima, eine ehemalige Studentin seines ermordeten Vaters. Von dem Moment an, in dem er sie anspricht, entwickelt er eine Obsession für sie. Er stellt ihr nach, weil er sie zu den Umständen des Mordes an seinem Vater Daniel Rodríguez Mena befragen will. Alberto ist sich sicher, dass sie etwas darüber weiß, denn kurz nachdem sie damals, vor 25 Jahren, auftauchte, wurde sein Vater auf offener Straße erschossen. Als wollte der Autor beweisen, dass Geschichte sich auch im Kleinen wiederholen kann, stellt sich heraus, dass auch der Vater Daniel ein zwanghaftes Verhalten gegenüber Mercedes Lima entwickelt hatte. Der Geschichtsprofessor war ein gebrochener Mann, er unterrichtete während des Bürgerkriegs an der Universität und beteiligte sich anfangs noch an studentischen Protesten, bis nach und nach alle führenden Köpfe verschwanden und umgebracht wurden. Daniel resigniert, mäandert durch die Gefahren, welchen Intellektuelle in Guatemala damals ausgesetzt waren. Als dann eine seiner Studentinnen verschwindet, mit der er eben noch geschlafen hat, macht sich eine Stimme in seinem Kopf breit: „Tun sie was, Professor!“ Doch er ist unfähig, seiner Ohnmacht etwas entgegenzusetzen oder die Stimme zum Schweigen zu bringen. Stattdessen hält er sich an der Routine fest, bis er eine Studentin kennen lernt, der er endlich einmal helfen kann, es ist Mercedes Lima.

Der Roman erzählt eine fiktive Geschichte innerhalb der harten Realität Guatemalas. Angesichts absurder Gewalterfahrungen scheinen manche Anekdoten wie Übertreibungen im Stil von Quentin Tarantino. Doch sie sind nicht übertrieben. Eine emotionale Distanz fällt deshalb schwer, weil die Schilderungen realistisch sind. Die Personen in dem Roman zu verstehen, „verlangt, eine Lupe auf den Gebrauch und die Mechanismen von Gewalt zu legen“, wie Arnoldo Gálvez Suárez in einem Interview erläuterte.

Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen miteinander. Kapitelweise springt die Erzählung zwischen den Protagonisten Vater und Sohn hin und her. Der Autor lässt die beiden durch ihre inneren Stimmen zu Wort kommen, wodurch wir ihre intimen Gedanken kennenlernen und manchmal auch aushalten müssen. Zuweilen irritiert der Roman mit emotionslosen Erzählungen von Sex, für deren Sinn in der Geschichte Fragezeichen bleiben. Doch Arnoldo Gálvez Suárez versteht es auf außerordentliche Weise, in der Abwechslung von Szenen und Zeitebenen Spannung aufzubauen und macht den Roman durch zahlreiche historische Hintergründe zusätzlich lehrreich.

 

„IN PERMANENTEM BANKROTT“

Foto: Fischer Verlag

Als Adelaida ihre Mutter beerdigt, bleibt die 38-Jährige einsam zurück. In Caracas hat sie keine Familie mehr, die Tanten wohnen abgelegen an der Karibikküste. Versorgungsmängel, Inflation und Gewalt prägen den Alltag in der venezolanischen Hauptstadt. Nachdem einige Regierungsanhänger*innen auch noch ihre Wohnung besetzen, steht Adelaida plötzlich vor dem Nichts, bis sie hinter der nicht abgeschlossenen Tür nebenan den leblosen Körper ihrer Nachbarin findet. Kurzerhand beschließt Adelaida, die Identität der Toten anzunehmen, deren spanischer Reisepass nur noch verlängert werden muss. Zwischendurch erinnert sie sich an Zeiten, in denen europäische Migrant*innen in Venezuela ein besseres Leben suchten.
Nacht in Caracas ist der Debütroman der venezolanischen Journalistin Karina Sainz Borgo, die seit mehr als zwölf Jahren in Spanien lebt. Bereits vor Erscheinen verkaufte sich das Buch in 22 Länder, das mediale Interesse ist groß. Nach der Lektüre bleibt jedoch vor allem eine Frage zurück: Warum eigentlich?
Jenseits einzelner gelungener Szenen wirkt der Plot um Adelaidas als ambivalent beschriebenen Ausweg aus der Krise arg inszeniert. Die Metaphern und Allegorien versuchen krampfhaft, das Bild einer totalitären Gesellschaft zu zeichnen, in der die Protagonistin im Laufe der Geschichte alles verliert und doch gewinnt. Aus strikt oppositioneller Sicht thematisiert Sainz Borgo allgegenwärtige Themen des polarisierten Landes wie Korruption, Klientelismus, Medikamentenmangel oder staatliche Willkür. Tatsächlich aber offenbart Adelaidas Perspektive jenen Klassismus und Rassismus, den Teile der venezolanischen Mittel- und Oberschicht gegenüber den marginalisierten Teilen der Bevölkerung seit jeher kultivieren. Nun kann ein literarisches Werk seine Kraft auch genau daraus ziehen, kompromisslos aus einer individuellen Position heraus zu erzählen. Doch geht es der Autorin offensichtlich um eine – nur ganz leicht verfremdete – Zustandsbeschreibung des heutigen Venezuelas. Zu keinem Zeitpunkt lässt Sainz Borgo dabei den Verdacht aufkommen, dass es auch andere legitime Sichtweisen als jene ihrer Hauptfigur geben könnte.

Die Anhänger*innen der Regierung werden als ungebildete, fettsüchtige und ungewaschene Horden dargestellt


Jegliche Unterstützung der Regierung basiert laut der Erzählerin auf Zwang, Gewalt oder Privilegien. Die Empfänger*innen staatlicher Lebensmittelkisten müssen in Adelaidas Worten „brav zu jeder regierungsfreundlichen Veranstaltung und Demonstration gehen oder einfache Dienste leisten, wie etwa Nachbarn anzeigen.“ Zwar weist die Lebensmittelverteilung in ihrer heutigen Form in Venezuela durchaus klientelistische Züge auf und Veruntreuung findet auf allen Ebenen statt. Doch wie überlebensnotwendig die subventionierten Lebensmittel angesichts der Hyperinflation für sechs Millionen Familien sind, die dafür keineswegs Spitzeldienste verrichten müssen, erwähnt die Autorin von Nacht in Caracas nicht. Möglicherweise mangelte es an Kontakten in die barrios (ärmere Stadtviertel). Ebenso wenig scheint ihr bewusst, dass der Chavismus als politische Identität weit über die Regierung hinausgeht und auch jenseits materieller Zuwendungen existiert. Das heißt nicht, dass die Erzählerin nicht sensibel gegenüber der Armut um sie herum wäre. „Mit Geld ging alles einfach und schnell“, stellt Adelaida fest, als sie dem Ziel des Identitätsklaus dank wiederholter Bestechung immer näher kommt, „sehr viel schlimmer war, keines zu haben. So lebte die Mehrheit. In permanentem Bankrott.“ Banaler geht es kaum.
Noch ärgerlicher sind die Beschreibungen der Regierungsanhänger*innen selbst. Diese werden zu „Bastarden der Revolution“ und ausschließlich als ungebildete, fettsüchtige und ungewaschene Horden dargestellt. Aus purer Lust und gegen Bezahlung prügeln sie auf Oppositionelle ein, um deren „Köpfe aufplatzen zu lassen wie Melonen.“ Da heben die „engen Jeans“ der korrupten Hausbesetzerinnen „ihre feisten Beine hervor, die in elefantiastische Füße ausliefen, die in Plastiktüten steckten. Sie hatten dunkle Haut und struppiges Haar, das zu einem steifen Stummel gebunden war.“ Selbstredend schwitzten die Frauen „wie die Fernfahrer“ mit einem Geruch, „säuerlich und ekelerregend.“
Die Schilderungen sind oft derart von Hass geprägt, dass sie in Rachefantasien gipfeln. „Niemandem zitterte mehr die Hand, wenn es darum ging, jemandem vom Regime aufzulauern und ihn zu lynchen.“
Dabei werden in der deutschen Übersetzung nicht einmal alle rassistischen Untertöne deutlich. Als Adelaida etwa inmitten gewalttätiger Übergriffe seitens regierungsnaher Schlägertrupps die Leiche ihrer Nachbarin verschwinden lässt, sieht sie sich im spanischsprachigen Original einer merienda de negros gegenüber. Der kolonialrassistische Begriff bezieht sich ursprünglich auf afrikanische Sklav*innen, die während ihrer seltenen Pausen eine Zwischenmahlzeit einnahmen. Im Spanischen hält er sich bis heute als Synonym für unruhige, chaotische Situationen. In der deutschen Übersetzung wurde daraus schlicht „Hexenkessel“.
Und so liegen die eigentlichen Stärken des Buches weder im Plot noch in den Allegorien auf Venezuela. In ihrem Versuch, eine universell gültige Geschichte zu schreiben, zeigt die Autorin vielmehr unfreiwillig deutlich auf, wie problematisch weit verbreitete Denkmuster der rechten Opposition in Venezuela sind.

 

GEFANGEN IM SCHLEIER AUS BLUT

Das Motiv der Blindheit spielt schon seit der Antike eine bedeutende Rolle in Kunst und Literatur. Homer war angeblich blind. Bei Max Frisch, Ingeborg Bachmann, Peter Handke und vielen anderen deutschen Nachkriegsautor*innen spielen blinde Figuren wichtige Rollen. Jorge Luis Borges malte nach seiner Erblindung gar ein Selbstportrait. In vielen Büchern sind Blinde geradezu mythologische Figuren, die ein Hauch von Weisheit, Heldenhaftigkeit und überirdischer Kraft umweht. Lina Meruane, geboren 1970 in Santiago de Chile, zerschmettert diesen Mythos mit derselben Kraft und Geschwindigkeit, mit der das Blut in die Augen der Protagonistin ihres Romans Rot vor Augen schießt.

Meruane, die momentan im Rahmen des Künstlerprogramms des DAAD in Berlin lebt, ist für die spanische Originalversion, Sangre en el ojo, bereits 2011 mit dem Anna-Seghers-Preis ausgezeich-net worden. Es ist ihr erster Roman, der nun ins Deutsche übersetzt wurde.

Eines Abends, inmitten einer Par-ty in New York, geschieht es: Die Protagonistin Lina, die genauso heißt wie ihre Autorin – nur einer von vielen autobiographischen Zügen des Romans –, erblindet. Ihr Augenarzt, ein grummeliger, älterer Herr namens Lekz, hatte sie aufgrund ihrer Diabetes schon lange davor gewarnt. Linas Verhalten nach ihrer Erblindung ist alles andere als heldenhaft. Mit medizinischer Präzision beschreibt Meruane die Besuche bei Lekz, die plötzliche Tollpatschigkeit Linas, die Verletzungen, die sie sich in der eigenen Wohnung zuzieht, weil sie sich nicht mehr zurechtfinden kann. Ihre Blindheit hat nichts Metaphorisches, wie wir es aus anderen Büchern vielleicht gewöhnt sind. Sie ist geradezu unheimlich real.
Ihrem Partner Ignacio begegnet sie bisweilen mit Boshaftigkeit, fordert ihn ständig heraus und ist vor allen Dingen besitzergreifend. „Ignacio, flüsterte ich und blies dir ins Gesicht, wiederholte deinen Namen dann lauter und drückte deinen Arm. Aber du hast nicht geantwortet, dein Wille war betäubt, du warst wie ein Toter, aber ein Toter, der ganz und gar mir gehörte.” Lina ist in ihrer Verzweiflung unberechenbar, doch sie ist auch liebevoll und verletzlich. Sie, eine Schriftstellerin, kann nun weder schreiben noch lesen, und damit kann und will sie nicht zurechtkommen. Sie ist bereit alles zu tun, um ihr Augenlicht zurück zu erlangen und erwartet, dass die Leute um sie herum, allen voran Ignacio, ebenso alles dafür tun.

Die kurzen Kapitel prasseln mit spitzer und vernichtender Sprache auf uns ein und rechnen knallhart mit einer Gesellschaft ab, in der versucht wird, Krankheit zur Privatsache zu machen. Manchmal ironisch und manchmal bitterernst konfrontiert uns Rot vor Augen mit einer Sackgasse, in der kein Raum für Neuverhandlungen der Identität geschaffen werden kann, obwohl der Versuch, genau dies zu tun für Lina die einzige Chance ist zu überleben. Sprache und Gefühle der Protagonistin sind in Meruanes Prosa eins. Ist Lina unbeholfen, ist es auch ihre Sprache, ist sie berechnend und kalt, treffen uns ihre Worte messerscharf. Nicht zuletzt deswegen ist Meruanes Stil unverkennbar und einzigartig, und das Leseerlebnis, insbesondere das fulminante Ende, eine schonungslose Konfrontation mit den dunkelsten Tiefen des menschlichen Körpers und seiner Psyche.

 

DAS MÄDCHEN MIT DEM SELTSAMEN NAMEN

Kuba in den achtziger Jahren. Die Revolution ist längst vorbei. Die Gesellschaft lebt in den starren Grenzen einer gefühlten sozialistischen Zeitlosigkeit. Nicht linientreue Gebräuche des Wortes „Freiheit“ werden nicht geduldet. „Es ist die Zeit des kalten Krieges, des Krieges jugendlichen Schweigens“.
Das ist das Kuba, in dem Nieve, die Protagonistin Wendy Guerras Roman Alle gehen fort, aufwächst.
Nieve bedeutet auf Spanisch „Schnee“ und die Inhaberin des Namens ist nicht sonderlich davon entzückt: „Schon im heißen Sand wollte ich zerfließen vor Scham. Wer kann in dieser Hitze in Kuba auf die Idee kommen, einem Mädchen diesen Namen zu geben? Nur meine Mutter.“ Ihr einziger Vertrauter ist ihr Tagebuch. Ein Vertrauter, auf den sie nicht verzichten kann, auch wenn sie mehrmals vor den Konsequenzen gewarnt wird, die entstehen würden, wenn er in die falschen Hände gerate.

Alle gehen fort ist eine Mischung aus Tagebuchfragmenten, Texten verbotener Lieder und Gedichten. Es wird mit einem Zitat aus dem Tagebuch von Anne Frank eröffnet, das dem gesamten Buch das Vorzeichen der Hoffnungslosigkeit verleiht. Basierend auf den eigenen Tagebüchern der Autorin schildert der Roman die intimen Gedanken und Erfahrungen eines Mädchens auf dem Weg in die Pubertät. Nieves Vater ist ausfällig, ihre Mutter lebt scheinbar in ihrer eigenen Hippiewelt, ihre Freund*innen und Bekannte verlassen Kuba nach und nach. Und in Nieves Kleiderschrank „liegen Ablagerungen all jener, die fortgingen und etwas zurücklassen wollten“.

Der erste Teil des Buches erzeugt ein Gefühl der Wut und Machtlosigkeit. Sowohl die kleine Nieve als auch ihre Mutter lassen sich von dem gewalttätigen Vater schikanieren und ertragen resigniert seine Ausfälle. Die Rollen der Mutter und Tochter scheinen vertauscht. Während sich die Tochter bemüht, Verantwortung zu übernehmen, ist die Mutter nicht einmal in der Lage der Gewalt des Vaters etwas entgegenzusetzen. Jedoch liefert sie eine spannende widersprüchliche Protagonistin. Obwohl sie als Elternfigur scheitert, steht sie für ihre politische Überzeugungen und allgemeine humanistische Prinzipien.

Das düstere Stimmungsbild hellt sich im Verlauf des Buches kaum auf. Der Machismus wird nicht nur vom Vater verkörpert, er verfolgt Nieve auch in ihren Jungendjahren. Ihr erster Freund ist jemand, der dominieren möchte, um das eigene Selbstwertgefühl zu stärken, jemand, der sie als ein Objekt betrachtet, das geformt werden kann, um seinen Wünschen und Vorstellungen zu entsprechen.

Ein anderes zentrales Thema des Romans ist der Hunger. Wie der bekannte kubanische Schriftsteller Leonardo Padura einst auf einem Podium sagte: „Auf Kuba ist niemand an Hunger gestorben, aber in all den Jahren hat auch nie jemand das gegessen, worauf er wirklich Lust hatte“. Nieve hungert jedoch nicht nur nach Essen. Sie wirkt wie von Zuneigung und emotionaler Nähe beraubt. Der Liebe wird eine Absage erteilt: „Wenn du jemandem erzählst, dass du jemanden liebst, fällst du in Ungnade. NO LOVE. Also lässt du dich nicht einmal je auf den ein, der dir wirklich gefällt.“

Zensur, Exil, Machismus. Und trotzdem lässt das Buch einen kleinen Schimmer Hoffnung: Nieves Stärke, die die Leser*innen glauben lässt, dass am Ende doch irgendwie alles gut wird.

 

AUF DER SUCHE NACH PAITITI

„Paititi wartet seit Jahrhunderten auf uns, und wir werden hinkommen, koste es, was es wolle.“ Der Patriarch Hans Ertl, einst Kameramann von Leni Riefenstahl und Erwin Rommel, nach dem Krieg mit seiner Familie nach Bolivien ausgewandert, ist besessen von der Idee, die seit der Conquista verlorene Inkastadt Paititi zu finden. Eine von vielen Expeditionen, im Zuge derer Hans üblicherweise monatelang verschwindet, während seine Frau und seine drei Töchter in La Paz auf ihn warten. Doch für Paititi macht er eine Ausnahme: Die beiden älteren Töchter, Monika und Heidi, sollen ihn begleiten, Kameratechniken erlernen, den Dschungel durchstreifen und überhaupt: Hans ist es wichtig, dass seine Töchter nicht wie ihre Mutter enden und ihr Leben lang auf einen Mann warten, sie sollen selber Abenteuer erleben. Die stoische Besessenheit und inneren Widersprüche des Vaters führen sein Team auf eine absurde, langwierige und gefährliche Expedition, die in einem hochexplosiven Finale endet.

Die Affekte ist der zweite Roman des bolivianischen Nachwuchsautors Rodrigo Hasbún. Er enthält dabei viel mehr als nur die tatsächlich stattfindende Suche nach Paititi. Der Mythos um die verschwundene Stadt symbolisiert eine nicht enden wollende Suche nach sozialer Gerechtigkeit und nach Rache, nach Einsamkeit und gleichzeitig nach familiärem Zusammenhalt. Nicht nur werden neben den fünfziger Jahren auch die sechziger und siebziger Jahre, sowohl in Bolivien als auch in München anekdotenhaft umrissen. Der Fokus liegt insbesondere auf dem Innenleben der verschiedenen Protagonist*innen des Romans wie der ältesten Tochter Monika, die ihrem Vater charakterlich sehr ähnlich und deren politische Radikalisierung der im wahrsten Sinne des Wortes rote Faden ist, der am Ende in einer erzählerisch spektakulären Aktion reißt.

Hasbún behandelt in Die Affekte allerdings nicht nur das Leben der beiden realhistorisch berühmten Ertls Hans und Monika. Sowohl die Perspektiven der beiden jüngeren Töchter, als auch des Guerrilleros Inti und Reinhards, eines ehemaligen Geliebten Monikas, spielen eine gleichberechtigte Rolle. Der Autor setzt für die verschiedenen Erzählperspektiven unterschiedliche sprachliche Techniken ein. So ist beispielsweise Reinhards Grabrede auf Monikas und seine Beziehung eine durch doppelte Schrägstriche verbundene Aufzählung scheinbar zusammenhangsloser Tatsachen, während Heidi, die mittlere Tochter, in ihrer Erzählung so stringent bleibt wie in ihrem Handeln. Der Tonfall bleibt jedoch immer lakonisch und gleichzeitig mitfühlend gegenüber den Figuren des Romans. Insbesondere Trixi, die jüngste Schwester, ist nach dem frühen Tod der Mutter verzweifelt darum bemüht, die Entfremdung der Familienmitglieder untereinander zu verhindern. Ihr eigenes trostloses Dasein in La Paz, geprägt von einer pathologischen Nikotinsucht, absoluter Einsamkeit und Ausgrenzung – ihre große Schwester sei schließlich eine Terroristin – präsentiert sie dabei ohne Scham und ohne Reue, lediglich nostalgisch. „Es stimmt nicht, dass die Erinnerung ein sicherer Ort ist“, so Trixi, „auch dort entfernen wir uns am Ende von den Menschen, die wir am meisten lieben.“

Hasbún hat sich einer wahren Geschichte bedient, diese meisterhaft fiktionalisiert und einen höchst persönlichen und intimen Abriss über das Schicksal einer vollständig auseinandergerissenen Familie erschaffen. Noch über die letzte Seite hinaus machen sich die Gedanken- und Aschefetzen der Roman-Ertls und dessen, was vielleicht einst Paititi war, selbstständig und schwirren in der Meditation über dem Buchrücken weiter umher.