// DAS DRECKIGE DREIECK

Aus sechs mach drei. Bislang kontrollierten die Konzerne Monsanto, Bayer, Syngenta, DuPont, Dow Chemical und BASF drei Viertel des globalen Agrarchemiemarktes und knapp zwei Drittel des weltweiten Saatgutmarktes. Mit der Übernahme von Monsanto durch Bayer hat die vorerst letzte Konzentrationswelle ihren Abschluss gefunden: Erst schluckte ChemChina Syngenta, dann schlossen sich DuPont und Dow Chemical zusammen und nun kam Bayer bei Monsanto BASF zuvor. Ein Triopol beherrscht nun den Markt, während BASF als Verlierer beim Milliarden-Monopoly statt des Opernplatzes nur die Badstraße bleibt.

Bayer vergrößert damit gerade in Lateinamerika seinen Marktanteil deutlich. 21 Prozent von Monsantos weltweitem Gewinn 2015 kamen aus Argentinien, Brasilien und Mexiko. Die Auswirkungen einer immer stärkeren Konzentration der Saatgutproduktion lassen sich bei einem Blick auf die Zahlen erahnen: Mitte der 1990er Jahre hielten die damals zehn größten Unternehmen der Saatgutindustrie noch einen Marktanteil von unter einem Drittel – das schafft Bayer nach der Monsanto-Übernahme für 66 Milliarden US-Dollar fast alleine. Die Leverkusener katapultieren sich damit weltweit auf Platz 1 bei Pflanzenschutzmitteln und beim Saatgut, mit jeweils einem Drittel Marktanteil. Bei gentechnisch veränderten Pflanzen hat Bayer-Monsanto mit einem Schlag über 90 Prozent Marktanteil. Bayer-Monsanto wird damit zum zentralen Player bei der Frage nach der Ernährung von sieben Milliarden Menschen: ein Pillendreher-Konzern, dessen Fußballtruppe noch in den 1990er Jahren mit dem Schlachtruf geschichtsbewusster Fans begrüßt wurde: „Giftgas, Krieg und Völkermord – das ist Bayers Lieblingssport!“

„Wenn das erste Glied der Saatgutkette von fünf Konzernen kontrolliert wird, bedeutet das, dass der grundlegendste Teil, nämlich unser Essen, kontrolliert wird. Das ist eine Diktatur“, meint die indische Menschenrechtsaktivistin Vandana Shiva. Angesichts einer bis zum Jahr 2050 auf zehn Milliarden Menschen steigenden Weltbevölkerung ist es keine sehr demokratiekompatible Aussicht, wenn nur noch drei Konzerne den Ursprung der Ernährung kontrollieren. Und dass diese zum Wohle der 800 Millionen Hungernden in der Welt fusionieren, kann ebenso bezweifelt werden, wie dass sie aus Menschlichkeit den Bäuerinnen und Bauern das Saatgut zum Vorzugspreis zur Verfügung stellen werden. Die Baumwoll-Kleinbäuerin in Indien wird es wie der ghanaische Tomaten-Bauer oder die auf den ejidos Mais anbauenden mexikanischen Gemeinschaften spüren, was es bedeutet, wenn geballte Konzernmacht auf noch mehr Profit aus ist. Mehr denn je droht nun die Ernährungssouveränität gänzlich verloren zu gehen – also die Fähigkeit, die Landwirtschafts- und Ernährungspolitik selbst zu bestimmen. Staaten werden stärker beeinflussbar und schlicht erpressbar, wenn sie marktbeherrschenden Konzernen gegenüberstehen, die Amok laufen, wenn sie ihre Profite in Gefahr sehen. Wenn Staaten versuchen sollten, durch regulatorische Bestimmungen den Schutz von Mensch und Umwelt zu garantieren oder bei drohenden Hungerkrisen Patente und Gebühren auf Nachbau infrage zu stellen, haben die neuen Megakonzerne nun noch bessere Karten, um das zu verhindern.

Die Kontrollwut des Agrobusiness ist global. Wer glaubt, Europa sei eine davon ausgenommene Insel der Glückseligkeit, geht fehl. In der EU wird der Saatgutmarkt bei Gemüsen zu 95 Prozent von fünf Firmen kontrolliert. Allein Monsanto hat nach einer Erhebung aus dem Jahr 2014 einen Anteil von einem Viertel. Bei Mais sind es fünf Konzerne, die drei Viertel des Saatguts kontrollieren, bei der Zuckerrübe kontrollieren nur vier Firmen 86 Prozent. „Wer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert das Leben, nicht nur die Menschen“, urteilt Vandana Shiva. Dieser Entwicklung gilt es, entschieden entgegenzutreten. Umso mehr, wenn The Bad jetzt The Ugly schluckt und The Good auf dem pestizidverseuchten Acker steht, den er wegen Überschuldung bald los sein wird. „Si es Bayer, es bueno“ („Wenn es von Bayer kommt, ist es gut“) lautet der historische Werbespruch Bayers in Südamerika – eine profitable Lüge.

„DAS PASST MONSANTO ÜBERHAUPT NICHT“

VÍCTOR SÁNCHEZ
Er ist Agraringenieur und koordiniert bei der Organisation Procomes ein vom INKOTA-netzwerk gefördertes Projekt in 17 ländlichen und drei städtischen Gemeinden der Landkreise Berlín und Alegría im Osten El Salvadors. Weitere Informationen zum Projekt unter www.inkota.de/procomes.
(Foto: Michael Krämer_)

Welche Bedeutung hat das Konzept der Ernährungssouveränität in El Salvador?
Das Konzept ist der Gegenentwurf zu einer verfehlten Landwirtschaftspolitik, die in El Salvador und ganz Zentralamerika vor 50 Jahren begonnen hat. Unter dem Stichwort der „Grünen Revolution“ wurden die zentralamerikanischen Länder damals zu einem Experimentierfeld, auf dem verschiedene Agrarkonzerne die unterschiedlichsten Agrarchemikalien ausprobierten. Bis heute werden in Zentralamerika gefährliche Pestizide eingesetzt, die im Globalen Norden schon seit 30 Jahren verboten sind. Für die Landwirte war die Grüne Revolution eine Täuschung. Ihnen wurde gesagt, mit neuem Saatgut, Kunstdünger und anderen Inputs würden sie mehr produzieren. Heute aber sind die Böden ausgelaugt, die Produktionskosten höher und die Erträge oft geringer als zuvor. Auch deshalb hat das Konzept der Ernährungssouveränität für uns eine große Bedeutung: Es steht für eine andere Landwirtschaft, eine, in der die Vormacht der Agrarkonzerne gebrochen ist.

Wie kann dies gelingen?
Die vielleicht zentrale Herausforderung in El Salvador ist, wieder eigenes Saatgut herzustellen und nicht mehr von Monsanto abhängig zu sein. 2008 kaufte Monsanto das größte zentralamerikanische Saatgutunternehmen Semillas Cristiani Burkard, das in El Salvador fast ein Monopol auf Saatgut hatte. Nur drei Monate später veränderte das Parlament El Salvadors das Saatgutgesetz und erlaubte den Handel und Anbau von gentechnisch verändertem Saatgut. Das war ein schwerer Rückschlag. Seit einigen Jahren verbessert sich die Situation in El Salvador aber. Es sind nun nicht mehr nur Nichtregierungsorganisationen und soziale Bewegungen, die eine Umkehr fordern: Heute fördert auch die FMLN-Regierung (ehemalige Guerillabewegung, die seit 2009 den Präsidenten stellt; Anm. d. Red.) den Anbau einheimischen Saatguts.

Wie hoch ist denn der Anteil einheimischen Saatguts am salvadorianischen Markt?
Nachdem dieser Anteil vor wenigen Jahren noch minimal war, werden heute mindestens 70 Prozent des Saatguts von einheimischen Bauern oder Kooperativen hergestellt. Die Regierung möchte nur Saatgut aus El Salvador kaufen, das sie Kleinbauern zur Verfügung stellt, um diese zu unterstützen. Das passt Monsanto natürlich überhaupt nicht, weil sie dadurch nicht nur weniger Saatgut verkaufen können: Monsanto verkauft vor allem Hybridsaatgut, das auch mehr Agrarchemikalien benötigt. Die US-Regierung hat großen Druck ausgeübt, um zu verhindern, dass die Regierung El Salvadors ausschließlich einheimisches Saatgut kauft.

Wie wirkt sich die neue Politik der Regierung auf die Bäuerinnen und Bauern in El Salvador aus?
Im Gegensatz zu früheren Regierungen unterstützt die FMLN-Regierung die Kleinbauern in unserem Land. Saatgut ist dabei sehr wichtig, aber das ist nicht das einzige. Die Bauern bekommen Kredite, um überhaupt erzeugen zu können. Auch ist die Regierung sehr offen für die Zusammenarbeit mit Bauernorganisationen, Kooperativen und Nichtregierungsorganisationen.

Welche Rolle spielt das Konzept der Ernährungssouveränität dabei?
Verschiedene Organisationen haben schon vor einigen Jahren einen Vorschlag eingebracht, um das Recht auf Ernährungssouveränität in der Verfassung zu verankern. Dafür gibt es bis heute keine Mehrheit. Gleiches gilt für einen Gesetzesvorschlag zur Förderung der Ernährungssouveränität, der bereits mehrfach abgeändert wurde, über den das Parlament aber bis heute noch nicht abgestimmt hat.

Was wäre der Nutzen von so einem Gesetz?
Darin könnte zum Beispiel der Handel mit und der Anbau von gentechnisch verändertem Saatgut verboten werden. Oder eine Landwirtschaftspolitik verankert werden, die darauf abzielt, die Abhängigkeit von Importen zu verringern – von Nahrungsmitteln, aber auch von Inputs wie Dünger oder Pestiziden, indem ökologische Alternativen im Land gefördert werden. Es geht also um Souveränität.
Wie stehen die Chancen, dass das Gesetz verabschiedet wird?
Die nächsten Wahlen sind 2018. Ich hoffe sehr, dass es bis dahin noch zu einer Abstimmung kommt und wir dann auch eine Mehrheit dafür finden. Noch haben wir diese aber nicht.

Wie steht die Regierung denn zum Konzept der Ernährungssouveränität?
Auf der politischen Ebene ist sie für dieses Konzept. In ihrer praktischen Arbeit spricht sie aber meist von Ernährungssicherheit, einem eher technischen Ansatz, bei dem es um die Förderung der ländlichen Produktion geht, um Kredite, Saatgut und Weiterbildungen.

Sind das auch die Themen, die für Procomes wichtig sind? Zum Beispiel bei dem von INKOTA geförderten Projekt in den beiden Landkreisen Berlín und Alegría.
Ganz praktisch geht es auch in diesem Projekt zunächst um Ernährungssicherheit, also darum, dass die Menschen genug zu essen haben. Aber auch darum, dass die Nahrungsmittel eine gute Qualität haben und gesund sind. Zu unserem Projekt gehört daher die Diversifizierung des Anbaus – dass also die Bauern nicht mehr nur die Grundnahrungsmittel Mais und Bohnen anbauen, sondern auch Gemüse und Obst. Und auch, und da sind wir wieder beim Thema der Ernährungssouveränität, dass sie ihr Saatgut selbst herstellen und so unabhängiger davon werden, was es gerade auf dem Markt gibt. Es gibt aber noch eine weitere Herausforderung, die jedes Jahr größer wird.

Und die wäre?
In El Salvador hat der Klimawandel längst begonnen. Immer häufiger kommt es zu Dürren oder aber es regnet zu viel. Auch dafür ist es wichtig, eigenes Saatgut herzustellen, das widerstandsfähiger ist und besser an die regionalen und klimatischen Bedingungen angepasst ist. Genau deswegen gibt es im Rahmen des Projekts auch eine Saatgutbank. Außerdem benötigt dieses Saatgut weniger Dünger.