Aufwachen mitten in der Nacht

Das Unbehagen, das mit der Gewissheit einhergeht, das unter all dem, was wir Alltag nennen, etwas schlägt, hat Samanta Schweblin in ihren Erzählungen schon immer gut zu fassen gewusst. Ihr neues Buch Das gute Übel versammelt sechs Geschichten; jede eine faszinierende, unheimliche Welt für sich. Da ist etwa die Frau, die mit Gewichten beschwert zum Grund eines Sees sinkt, um dann doch wieder aufzutauchen und zu ihrer Familie zurückzukehren, als sei nichts gewesen. Oder ist sie unter Wasser geblieben?
Wie in den berühmten cuentos von Julio Cortázar sind auch hier oft die letzten Sätze wie Messer, die den Atem rauben. Sie lassen uns die Welt mit anderen Augen betrachten, in dem Bewusstsein um die Abgründe, die überall lauern – vor allem in uns selbst. Schweblin versteht es, ihre Figuren und Szenen derart lebendig und gleichzeitig düster zu zeichnen, dass sie bleiben, wenn die Erzählung vorbei ist; dass die Geschichte vielleicht erst anfängt, wenn sie zu Ende erzählt ist.
Besonders unmittelbar wird das durch die, außer bei der letzten Erzählung, konsequente Ich-Perspektive. Schweblin gelingt es, aus der Sicht eines zweijährigen Kindes zu erzählen, das – der Elternalbtraum schlechthin – eine Lithiumbatterie verschluckt und nach verzögerter Behandlung fortan mit einem Luftröhrenstoma lebt. Das Kind kann zwar sprechen, sich aber nicht artikulieren. Das überfordert besonders den Vater. Er weigert sich, Gebärdensprache zu lernen – im Buch fälschlicherweise als Zeichensprache übersetzt – und ist aus Sorge um sein Kind unfähig, es zu lieben. Gerade in diesen fein gezeichneten Familienkonstellationen und ihren Routinen liegt eine ganz eigene Art von Horror.
Großartig ist es auch, wenn Schweblin über Schriftsteller*innen schreibt. In „William am Fenster“, ihrer laut Nachwort „autobiographischsten Erzählung“, vernetzt sich die Erzählerin – eine argentinische Schriftstellerin auf Schreibaufenthalt in Schanghai – mit einer irischen Kollegin, deren über alles geliebte Katze in Irland vergiftet wird. In „Die Frau von Atlántida“ dringen zwei gelangweilte Mädchen im Sommerurlaub an der uruguayischen Atlantikküste in das Haus einer alkoholabhängigen und suizidären Dichterin ein. Sie wollen sie wieder zum Schreiben bringen, aber das kindliche Spiel findet ein abruptes Ende.
Die Erzählungen leben davon, dass Grenzen verschwimmen und überschritten werden. Oft wird nicht klar, was eigentlich alles passiert. Schwer zu lesen ist dabei das Übergriffige, die Figuren respektieren die Grenzen anderer nicht, dringen in geschützte Räume ein. Sie kommen den Erzählenden unerträglich nah.
Leider wirkt die Übertragung von Marianne Gareid stellenweise zu nah am spanischsprachigen Original übersetzt: etwa, wenn die Tochter „in einen anderen Kontinent zieht“ oder die Angehörigen im Pflegeheim „interniert“ sind. Das sind Details, die eine Form der Unschärfe in die präzise Sprache Schweblins bringen – eine Sprache, die trotzdem alle Möglichkeiten offen hält. Denn „das Seltsame ist immer wahrer“, zitiert Schweblin einleitend die argentinische Dichterin Silvina Ocampo. Und dem Seltsamen kommen wir in Das gute Übel ziemlich nah.


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SIEBEN LEERE SEELEN

Nichts ist sicher, nicht die Vergangenheit oder die Erinnerung, nicht die Gegenwart, erst recht nicht die Zukunft. Und schon gar nicht das eigene Zuhause. Sieben leere Häuser heißt Samanta Schweblins Band mit sieben Erzählungen, doch es geht auf den ersten Blick gar nicht so sehr um die Häuser selber, sondern darum, wie ihre Protagonist*innen die Häuser verlassen, einem unerklärlichen Drang folgend, dem sie sich nicht widersetzen können.

Schweblin, 1978 in Buenos Aires geboren, lebt zurzeit in Berlin. Nach dem Erzählband Die Wahrheit über die Zukunft (2010) und dem Roman Das Gift (2016; s. LN 503) ist Sieben leere Häuser nun ihr drittes Buch in deutscher Übersetzung. Die Erzählstimmen sind die von sechs Frauen unterschiedlichen Alters und eines Mannes. Da ist zum Beispiel die offenbar demente Lola, die auf der Suche nach dem Tod ist und ihn nicht finden kann, weil sie glaubt, von dem Nachbarsjungen terrorisiert zu werden. Da ist der Mann, der sich vor seiner Ex-Frau für seine nackt durch den Garten tanzenden Eltern rechtfertigen muss, und die Frau, die nur mit einem Bademantel bekleidet ihre Wohnung verlässt, um einem Gespräch mit ihrem Partner aus dem Weg zu gehen und schließlich im Wagen des Hausmeisters eine Spazierfahrt durch Buenos Aires beginnt. Und da ist ein achtjähriges Mädchen, das sich an seinem Geburtstag die Aufmerksamkeit der mit dem Notfall der kleinen Schwester beschäftigten Eltern zurückerkämpft, indem es mit einem fremden Mann ausbüxt, um eine Unterhose zu kaufen.

Einige Figuren suchen die Grenzüberschreitung, um sich lebendig fühlen zu können. Andere wiederum klammern sich auf der Suche nach dem Sinn ihres Daseins an irgendeine Art von Ordnung – wie die der Lebensmittel im Kühlschrank oder des perfekten Zuschnitts der Pinien im Garten – oder legen repetitive Verhaltensmuster an den Tag, werfen zum Beispiel regelmäßig die Klamotten des verstorbenen Sohnes in den Nachbargarten oder fahren in reichen Vierteln herum, um sich dort die Häuser anzusehen und wertvolle persönliche Dinge zu stehlen, nur um diese dann im eigenen bescheidenen Garten vergraben zu können.

Manche der Erzählungen eskalieren am Ende, andere lassen uns im Ungewissen. Die Sprache, im Einklang mit der unterschwelligen Spannung, ist auch in der Übersetzung lakonisch, schlicht und geradlinig. Die Gefahr lauert in allen Ecken, doch wir wissen meistens gar nicht, worin sie besteht oder warum sie überhaupt gefährlich ist. Wir wissen nur, dass alle Figuren etwas verloren haben oder etwas zu verlieren glauben, dass sie trotz der Gesellschaft der Familie oder der Partnerschaft, in der sie sich allesamt befinden, schonungsloser Einsamkeit ausgesetzt sind und dieser zu entkommen versuchen, indem sie durch die Straßen ziehen und sich Fremden anvertrauen, ohne jedoch je wirklich etwas preiszugeben. Namenlos die meisten Erzählstimmen, namenlos die Fremden. Er, sie, die Frau, mein Mann, meine Mutter. Schweblin führt uns rücksichtslos in die Hölle der zwischenmenschlichen Beziehungen des 21. Jahrhunderts und lässt nichts als leere Häuser und leere Seelen zurück. Und das auf äußerst virtuose Art und Weise.


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