Sara Hebe: Schrei(b)en wie Shakespeare

24.09.2025 Berlin. Sara Hebe performig at SO36 Club in Kreuzberg. (Foto: Montecruz Foto)

Sara, wie geht es dir, wie läuft die Tour?
Ich bin richtig müde und erkältet. Wir haben mehrere Konzerte in Argentinien gespielt und eines in Kolumbien. Ich möchte alles mitnehmen, was geht, das fordert seinen Preis. Dazu kommt, dass ich mit meinem wundervollen Baby auf Tour bin. Mit einem kaum acht Monate alten Kind zu touren, ist sehr anstrengend, aber es gibt mir auch unglaublich viel. Wir wollten diese Tour unbedingt machen, seit zwei Jahren waren wir nicht mehr in Europa. Es gibt da diesen Song von Flema, einer Punkband aus Argentinien, „Más feliz que la mierda“ („Glücklicher als die ganze Scheiße“).

Ausgerechnet am 12. Oktober spielst du. Wird das also ein antikoloniales Konzert?
Ja, ich muss noch überlegen, was ich dort sage. Wir sind an einem Zeitpunkt der Geschichte, an dem es so wirkt, als würde alles immer schlimmer werden. Es ist unangenehm, auf der Bühne zu stehen und davon zu sprechen, dass in Gaza ein Genozid geschieht, oder aus Argentinien zu kommen und an einem 12. Oktober in Europa zu spielen. Was soll ich sagen – in Richtung Gaza, um humanitäre Hilfe zu liefern, oder ich sage einfach nichts. Einfach nur seine Meinung zu sagen, wird banal. Natürlich werde ich nicht schweigen, aber dieses Gefühl löst einen Konflikt in mir aus.

Von dir als politischer Künstlerin wird erwartet, dass du etwas sagst…
Klar, und gerade haben wir in Argentinien eine Regierung, die eigentlich etwas noch viel Seltsameres als ultrarechts ist und das Land ausliefert. Der Präsident ist schlimmer als Trump, er ist gestört und gewalttätig. Also, was soll ich schon an einem 12. Oktober sagen, dem Tag der Kolonisierung der Amerikas. Wir sind in einem Moment des ‚rette sich wer kann‘ und ich kann mir nicht erlauben zu sagen, nein, ich spiele nicht in Europa an einem 12. Oktober. Vor allem jetzt, da ich eine Tochter habe. Es kommt mir vor wie ein Witz, die Geschichte dreht sich und in Argentinien sind wir wieder Kolonie, wie im Jahr 1800, bevor wir unabhängig wurden. So etwas könnte ich sagen.

Wir haben das letzte Mal 2019 gesprochen, am Ende der Macri-Regierung, als es so schien, als würden die Dinge besser werden. Und heute…
… ist alles etwas schlimmer, aber danach kommt etwas Besseres.

Wie betrifft dich die Situation in Argentinien als unabhängige Künstlerin?
Es betrifft uns alle, die Wirtschaftslage ist sehr seltsam. Was größer wird, sind die Ränder: die armen Menschen werden ärmer, die Mittelschicht fährt in den Urlaub. Ich war nie arm, aber habe weniger Kaufkraft. Was Kultur, Gesundheitsversorgung und öffentliche Bildung angeht, ist die Lage schlimmer. Die Regierung möchte alle Errungenschaften transfeministischer Kämpfe zunichtemachen. Es geht gerade darum, den Femizid wieder aus dem Strafrecht zu nehmen. Nach so vielen Kämpfen diskutieren sie wieder, ob sie, wenn jemand seine Partnerin umbringt, nicht eher von einem Verbrechen aus Leidenschaft sprechen.

Ein Diskurs aus einem anderen Jahrzehnt.
Klar, sie möchten zurück… aber immer, wenn eine Kraft auf einer Seite wirkt, stellt sich dem die gleiche Kraft auf der anderen Seite entgegen. Ich glaube, dass die transfeministische Bewegung die Kraft zurückerlangen wird, die zu Zeiten der progressiveren Regierungen verloren ging, in denen wir es uns zu bequem gemacht haben.

Sprechen wir ein bisschen über Musik. Du wurdest kritisiert für den musikalischen Wechsel von Rap und Punk auf Politicalpari (LN 540) zu Pop und Elektro in Sucia Estrella (LN 575).
Ich schenke der Kritik keine Beachtung, das ist mir egal. Mein nächstes Album ist schon fertig: elektronischer Pop, Dubstep, Drum’n’Bass, Rap, vor allem aber meinen eigenen, besonderen Stil: meine Texte, meine Art zu schreiben und zu singen. Ich rappe, ohne mich selbst als Rapperin zu bezeichnen. Aber ich habe zwei sehr Hiphop-lastige Singles veröffentlicht, „Jova“ mit Santa Salud, einer großartigen katalanischen Rapperin und „FLAM“ mit KLAN, einem befreundeten Rapper aus Argentinien. Meine letzte Single „Siegas“ ist ein Indierock-Song, der sich um die Blindheit dreht, die die sozialen Medien verursachen. Ich war schwanger, als ich das Lied schrieb, und habe mir die Liebe vorgestellt, die ich empfinden würde.

Gibt es Features anderer Künstler*innen auf dem neuen Album?
Ja, da ist Flor Linyera, die heute Abend auch auftritt, Dum Chica, eine sehr gute argentinische Rockband, dann ist da noch Malcriada, eine Digital-Punkband aus Mexiko, die ein bisschen wie Crystal Castles klingt, außerdem Barbi Recanati, noch eine argentinische Künstlerin. Nächstes Jahr im März erscheint das Album.

Deine Lieder sind weniger offensichtlich politisch, aber haben immer noch viel politischen Inhalt, du sprichst von Party, vom Konsum…
Ich werde immer die gleichen Songs spielen scheint mir… zu Beginn habe ich sehr explizit über Politik, Gesellschaft und Drogen gesprochen, aber ich möchte mich nicht wiederholen. In der Essenz sind es immer die gleichen, klassischen Themen: Leben, Tod, Leidenschaft. Ich denke, dass Konsum viel mit Leidenschaft zu tun hat, Leidenschaft viel mit der Liebe… ich würde gerne wie Shakespeare schreiben, all seine Werke sind Klassiker, weil sie von Geschichten, die mit dem menschlichen Wesen zu tun haben, erzählen. Shakespeare ist lange vorbei und jetzt haben wir zum Glück eine neue Welt. Ich versuche, diese zu entziffern und in jedem Buchstaben klassische Geschichten zu erzählen. Was wir als Menschheit fühlen, wird immer das gleiche sein, traurige und glückliche Leidenschaften, Affekte, die uns hemmen, die uns stärken. Wie uns die Welt der Produktion und Industrie unterdrückt, diese Fragen werden immer in meinen Texten sein.

In Deutschland verbreiten manche neoliberalen Politiker ein positives Bild von Milei, sie sehen nur, dass die Inflation sinkt – nicht die Armut der Menschen.
Milei ist echt der Schlimmste. Aber er wird fallen. Die Medien verbreiten so viele Unwahrheiten, wen kümmert die Inflation, die gibt es seit zwei Jahren auf der ganzen Welt. In Argentinien hatten wir sie schon immer, aber wir haben eine Auseinandersetzung um Menschenrechte, die es an keinem anderen Ort der Welt gab, das ist wichtig.

Hast du noch eine letzte Botschaft an die Personen, die uns lesen und die dich hören?
Wir sollten uns nicht so sehr auf die Zukunft festlegen, wir müssen im Hier und Heute weitermachen, neue Formen erfinden, und nicht die Zeit damit verschwenden, so viel von Politikern und Regierungen erwarten. Die wichtigen Fragen sind andere, es geht um Solidarität zwischen uns – und darum, dass sie weiterhin meine Musik hören (lacht).


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TANZEN UNTER SCHMUTZIGEN STERNEN

Die seltsamste Rapperin Argentiniens, wie sich Hebe im Gespräch mit der Zeitung Clarín selbst bezeichnet, ist zurück. Sucia Estrella (schmutziger Stern) ist ein sichtlicher Bruch: War das Cover ihres letztes Albums Politicalpari (siehe LN 540) noch von punkig anmutenden Graffitis verziert, liegt die Rapperin nun dämoninnenhaft rauchend zwischen verblichenen Blumen.

Explizite Texte mit persönlicher Note über die schönsten Dinge des Lebens und Hebes kraftvolle Stimme machen das neue Album aus. Der raue Hiphop-Sound ihrer bisherigen Alben, die Anleihen von Cumbia, Reggaeton und Rock enthalten, ist harten elektronischen Klängen gewichen. Was bleibt, ist die energische Wut in Sara Hebes Stimme, auch wenn die oft von kryptischen Kürzeln bezeichneten Lieder diesmal weniger offensichtlich politische Inhalte haben. Es geht um Liebe, Sex, Feiern, Tanzen; die Texte sind persönlicher, intimer, expliziter. Sie sei einfach müde, immer das gleiche zu singen und zu sehen, wie sich doch nichts verändere, sagt Hebe im Interview mit der paraguayischen Zeitschrift Vos.

Also wehrt sie sich gegen die immer perfider wirkenden kapitalistischen Verhältnisse und die Uniformität des Musikmarktes, indem sie sich neuer Stile bedient: Trap, House, Techno oder Pop, die Sounds der jungen, aufstrebenden Musikszene Argentiniens. „Ich bin eine Marke und meine Musik ist Marketing“, rappt Hebe in „Almacén de Datos“ (Datenspeicher), gemeinsam mit der chilenischen Rapperin Ana Tijoux über einem fast erschöpft klingenden Beat. Der ständige, ermüdende Kampf um Sichtbarkeit in Playlists, auf Festivals und Konzerten verbindet die beiden kritischen Musikerinnen. In „BBY Voom“ greift sie die ihr entgegengebrachte Kritik, nun ihren eigenen Ausverkauf anzustreben, humorvoll auf: „Ich lehre euch immer noch, die Polizei zu hassen“. Mit „Yala Labaut“ geht sie zurück zu ihren Wurzeln. Der Song nimmt Bezug auf das gleichnamige Dorf in Patagonien, der Region, aus der Hebe selbst stammt. Dessen Einwohner*innen wehren sich gegen den geplanten Extraktivismus einer Minenfirma und zu ihrer Unterstützung bemüht die Rapperin dann doch wieder Demosprüche. Auch im Song „La Bronca“ (Die Wut) passt sich ihre überschlagene, Proteste hinaufbeschwörende Stimme perfekt den wild pumpenden Beats an. Dafür zeichnen insgesamt sieben Produzent*innen verantwortlich, neben ihrem Stammproduzenten Ramiro Jota etwa Río del Pari und Manu Calmet. Zusätzlich steuern neben Tijoux die argentinische Technoproduzentin Rattlesnake, DJ Sassyggirl und Sängerin The Colorated musikalische Überraschungen bei.

Eine Wiederholung würde einem Verrat gleichkommen, sagte Hebe im Interview mit dem argentinischen Radiosender Futuröck FM, und wer genau hinhört, findet zwischen den Zeilen die gleiche Haltung wie immer. Sucia Estrella ist eine Einladung zum Tanzen auf den Trümmern, unter den schmutzigen Sternen. Dazu kommt Sara Hebe nach Vorstellung ihres Albums in verschiedenen Ländern Lateinamerikas im Sommer auf Tour nach Europa.


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POETISCH POLITISCH FEIERN

Kunst gegen Rechtsruck Sara Hebe vereint Poesie mit politischer Meinung / Foto: Fotografías Emergentes

Gerade ist Ihr neues Album Politicalpari erschienen. Was möchten Sie mit diesem Titel aussagen?
Politicalpari zu machen war der Versuch, das Konzept der politischen Party neu zu erfinden. Dazu habe ich das Wort lateinamerikanisiert. Weltweit gewinnt die Rechte an Macht, dennoch entstehen viele neue Kollektive, die Partys mit politischen Inhalten veranstalten und versuchen, sich mit ihrer Kunst dem Rechtsruck entgegenzustellen. Persönlich versuche ich, Poesie zu machen und gleichzeitig eine politische Meinung zu vertreten. So entstand das Konzept der Politicalpari. Auf die Idee zu dem Titel kam ich vergangenes Jahr auf dem Fusion-Festival, als dort eine Person zu einer anderen meinte: This is a political party! Da sagte ich mir: Ja, politicalparty. Das ist, was ich machen möchte.

Sie sprechen auf Ihrem neuen Album viele verschiedene, sehr aktuelle Themen an. Welche Geschichten versuchen Sie mit Politicalpari zu erzählen? Wofür möchten Sie sensibilisieren?
Einige der Geschichten die ich erzähle, habe ich selbst erlebt. Andere habe ich zwar nicht am eigenen Leib erfahren, aber sie bewegen mich trotzdem. Es gibt manchmal „hater“, die kritisieren, dass ich über bestimmte Themen gar nicht sprechen kann. Natürlich weiß ich nicht, wie es ist, in der Haut einer Geflüchteten zu stecken. Aber die Berichte, die ich lese, bewegen mich, und darum schreibe ich darüber. Ich versuche lediglich, Lieder zu schreiben, die mir gefallen und mich einer Poesie zu nähern, die ich mag. Ich lese große Dichter, höre große Rapperinnen und versuche, Geschichten von diesem Moment in der Welt zu erzählen, der nicht der allerschlimmste ist, aber ziemlich abgefuckt.

Vor kurzem haben Sie das Video zu Ihrem Song :·: A.C.A.B veröffentlicht…
Ja, das Lied heißt :·: A.C.A.B (Cinco Puntos). Die fünf Punkte sind ein Symbol aus den Gefängnissen Lateinamerikas, der Punkt in der Mitte steht für einen Polizisten, der eingekreist ist. Die Geschichte, die das Lied erzählt, habe ich selber erlebt, als ich vor einigen Jahren auf einem Solidaritätskonzert für politische Gefangene in Galizien auftrat. Als ich dort ankam, kontrollierte mich ein Guardia Civil (spanische Militärpolizei Anm. d. Red). Er beleidigte mich und behandelte mich sehr schlecht, das habe ich in :·: A.C.A.B verarbeitet. Das Lied habe ich gemeinsam mit Sasha Satyha aufgenommen, einer großartigen argentinischen Musikerin und lesbischen trans Frau, die ich sehr bewundere. Sasha Satyha erzählt davon, was trans Personen und Migrant*innen erleben. Das Video haben wir in Constitución gedreht, wo viele Prostituierte, Trans* und Manteras (illegalisierte Straßenverkäufer*innen Anm. d. Red.) aus dem Senegal arbeiten. Wir haben uns dort viel mit deren Sprecherin, Yahaira Falcón, einer Transaktivistin, ausgetauscht. Natürlich können wir einfach nach Hause gehen, nachdem der Dreh vorbei ist, aber wir versuchen trotzdem irgendwie vor Ort zu sein und mit den Betroffenen zusammenzuarbeiten. Das Lied wurde recht bekannt in Argentinien, denn Aussagen wie „Ich würde eher abtreiben, als dass mein Kind Polizist wird“ sind ein bisschen hart (lacht). Die Zeile „los cuerpos hablan, no flotan rio arriba“ (Körper sprechen, sie treiben nicht flussaufwärts) bezieht sich auf Santiago Maldonado, der von der argentinischen Militärpolizei ermordet wurde. Der argentinische Staat versucht diese Geschichte zu vertuschen. Santiago Maldonado hat den Kampf der Indigenen in Argentinien, der Mapuche, unterstützt. Die Mapuche versuchen in Patagonien ihre Gebiete gegen Benetton und andere Firmen zu erhalten, um dort weiterhin ihre Kultur und Sprache leben zu können. Und Santiago Maldonado war dort, deswegen haben sie ihn umgebracht.

Ein weiteres Lied von Politicalpari, La Noche, ist ein Reggaetón. Oft wird dieser Musikstil ja als sehr sexistisch oder musikalisch nicht anspruchsvoll wahrgenommen und auch von links kritisiert. Diese Abwertung wiederum wird auch als klassistisch wahrgenommen – wie stehen Sie zu dieser Debatte?
Ja, es gibt viele Vorurteile, vor allem in antifaschistischen und linken Zusammenhängen. Dort wird der Reggaetón als sexistisch abgestempelt. Und der Rock? Natürlich gibt es ultra-sexistische Texte im Reggaetón, aber die gibt es auch im Rock. Im Reggaetón findet langsam ein Paradigmenwechsel statt, mittlerweile gibt es viele Frauen und trans Personen, die Reggaetón oder Trap machen, mit anderen Inhalten. Der Rock ist elitärer und kommt nicht aus den Armenvierteln und von den Rändern der Gesellschaft.

Ein großer Teil Ihrer Arbeit ist selbstverwaltet. Wie gestaltet sich das, wenn man bedenkt, dass Sie viel Musik produzieren und um die Welt touren?
Als ich begann, Musik zu machen, war das noch wesentlich leichter, weil ich nicht so viel in der Welt umhergereist bin wie heute. Da kamen Anfragen von kleinen Festivals per E-Mail oder Facebook. Heute arbeiten wir aber mit Produzentinnen in verschiedenen Ländern zusammen, weil die Anfragen sonst nicht mehr zu bewältigen wären. Zumindest in Argentinien versuche ich, das Prinzip der Selbstverwaltung aufrecht zu erhalten und so viel Arbeit wie möglich selbst zu erledigen, denn Unabhängigkeit ist für mich unbezahlbar. Wenn ich Hilfe von außen brauche, versuche ich immer mit Freundinnen und Freunden zusammenzuarbeiten, die auch politisch aktiv sind, und keine großen Unternehmen an der Produktion meiner Musik zu beteiligen. Die kennen mich aber schon und sind in der Regel eh nicht an mir interessiert! Einmal aber hat mir Nike geschrieben und angefangen, mir Schuhe zu schicken, damit ich mich auf Instagram bei ihnen bedanke. Selbstverständlich habe ich das nicht gemacht, niemals würde ich mich bei Nike öffentlich bedanken. Sie haben mir trotzdem weiter Schuhe zugeschickt, bis ich sie gebeten habe, endlich damit aufzuhören. Die großen Marken werden immer versuchen, das Widerständige aufzusaugen und zu banalisieren, so funktioniert der Kapitalismus. Trotzdem bin ich mir bewusst, dass es nichts bringt, große Unternehmen zu dämonisieren. Die nordargentinische Sängerin Suzy Qiú, die Folklore macht und eine trans Frau ist, hat etwas gesagt, was heute mein Motto ist: “Wer kann sich selbst schon außerhalb des Kapitalismus denken?” Niemand! Wir sollten aufhören, so schnell zu verurteilen, weil wir alle in diesem System stecken und uns lieber gegenseitig unterstützen.

In diesem Sinne unterstützen Sie ja auch viele soziale Bewegungen in Argentinien. Vernetzen Sie sich mit den politischen Kämpfen der Menschen an den Orten, an denen Sie Konzerte spielen?
Genau, ich singe ja nun schon seit zehn Jahren und mit der Zeit haben Menschen an immer mehr Orten meine Musik kennengelernt. Deshalb kommt es vor, dass ich auch gezielt gefragt werde, ob ich mich mit Projekten solidarisieren möchte. Im Baskenland zum Beispiel werde ich demnächst in einem von feministischen Separatistinnen besetzten Haus, das geräumt werden soll, auf einer Soliparty singen. Die Musik ist nicht nur das, wovon ich lebe, sondern auch meine Art, mich mit politischen Kämpfen zu solidarisieren. Meine Lieder bekommen ein Eigenleben, sobald sie auf die Straße treffen oder bei Demonstrationen gespielt werden. Sie bekommen einen Körper und eine Seele, und obwohl ich selbst nicht überall präsent sein kann, sind sie es.

Meinen Sie, dass Ihre eigene Identität dabei auch eine Rolle spielt, zum Beispiel in Form von Grenzen der Repräsentation bestimmter Gruppen?
Das ist eine sehr komplizierte Angelegenheit, weil jeder einzelne Mensch ja auch ein Individuum mit tausend Fehlern und Eigenheiten ist. Oft werde ich als Referenzpunkt der feministischen Musik gelesen und ich weiß nicht, was ich davon halten soll, weil ich selbst noch so viel lerne. Viele junge Menschen, Mädchen, trans Personen schreiben und produzieren Inhalte und suchen dafür Referenzpunkte. In dieser Tradition der politischen Referenzpunkte sehe ich auch meine Arbeit, weshalb es mir sehr wichtig ist, viele Lieder selbst zu produzieren und den zukünftigen Generationen politische Nachrichten mitzugeben.

Trotz der rechten Regierung Macris wird in Argentinien ein Gesetzesentwurf angenommen, der eine Frauenquote für Musikfestivals vorsieht. Inwiefern sehen Sie darin ein Beispiel dafür, dass die feministische Emanzipation nun auch die sonst so männerdominierte Musikszene erreicht?
Ich bin mir sicher, dass dieses Gesetz verabschiedet wird, weil die feministische Welle nicht mehr zu stoppen ist. Auch der Mainstream wird sich ihr beugen müssen. Durch die Abtreibungsdebatte, die noch immer intensiv geführt und aktiv vorangetrieben wird, haben die Feminismen – hier muss eigentlich immer im Plural gesprochen werden – in Argentinien viel Rückenwind bekommen. Auch Ni Una Menos und andere feministische Bewegungen sind die treibenden politischen und vor allem antifaschistischen Kräfte der Stunde. Wir brauchen sie, denn die Angriffe auf unsere Rechte und auch konkret auf homo- und transsexuelle Menschen häufen sich, nicht nur in Argentinien, sondern auch hier in Deutschland und überall sonst auf der Welt.

Was wünschen Sie sich für die politische Zukunft Argentiniens, vor allem mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen Ende dieses Jahres?
Macris Regierung mit all ihren Technokraten und Millionären ist die schlimmste Regierung seit mehr als zwanzig Jahren. Aber ich setze viel Hoffnung in die Jugend und darauf, dass sie sich nicht nur in Argentinien, sondern in ganz Lateinamerika in die Politik einmischt. Ofelia Fernández (könnte bei diesen Wahlen mit 19 Jahren die jüngste Abgeordnete der Stadt Buenos Aires werden, Anm. d. Red.) ist mit ihren politischen Diskursen und ihrem Engagement in den Schulbesetzungen in Argentinien ein gutes Beispiel dafür, denn sie setzt sich dafür ein, dass die Bildung in Argentinien nicht privatisiert wird, so wie es die Regierung gerne hätte. Ich wünsche mir für die Zukunft mehr Menschen wie Ofelia Fernández, die ihre Überzeugungen vertreten und auch in die Politik gehen, damit all die Alten, die sich an ihre Macht klammern, endlich verschwinden.

 


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DIESE WELT IST EIN HUNGRIGER MENSCH

Foto: Hebe im Cassiopeia am 22.07.2019
Politicalpari, das neue Album der argentinischen Rapperin Sara Hebe ist als empowernder Soundtrack eine Kampfansage an die Welt der alten, sich an ihre Macht klammernden Männer.
Das vierte Album der Künstlerin verschmilzt Reggaeton-Slang und Politik zu einer Party in zwölf Tracks. Das Album ist ein Aufruf zur Organisation, zur Kollektivbildung gegen die Vereinzelung und das Gefühl des Verlorenseins. „Ich möchte diesen Planeten verlassen, aber ertrage ihn weiter. Etwas muss geschehen, damit er sich ändert, diese Welt ist ein hungriger Mensch“ singt Hebe in „Urgente“ („Dringend“) um dann in „Rayan“ Kritik an der Sicherheitsgesellschaft in die Liebeserklärung an eine Stewardess zu verpacken und nebenbei das Recht auf Bewegungsfreiheit für alle Menschen einzufordern.


Seit Beginn ihrer Laufbahn bedient sich Sara Hebe Elementen verschiedener Stile

Seit über zehn Jahren ist Sara Hebe Teil der Hip-Hop-Landschaft in Argentinien. 2009 veröffentlichte die aus dem patagonischen Chubut stammende Sängerin ihr erstes, selbst produziertes Album La hija del loco („Die Tochter des Verrückten“), welche bereits einige ihrer bekannten Lieder, wie Tuve que quemar („Es musste brennen“) enthält. Die früheren Songs waren noch auf im Internet gefundenen Tracks gerappt. Seit dem zweiten Album Puentera zeichnet sich ihr Sidekick Ramiro Jota, Beatmaker und Produzent, der gelegentlich auch an Gitarre und Bass unterstützt, für die musikalische Basis verantwortlich. Gemeinsam mit dem Schlagzeuger und Perkussionist, Edu Morote, begleitet er Hebe wieder auf der aktuellen Tour.
Seit Beginn ihrer Laufbahn bedient sich Sara Hebe Elementen verschiedener Stile. Mit Leichtigkeit findet sie dabei eine den Inhalten angemessene musikalische Form: so beschwört ein antifaschistischer Cumbia eine soziale Bewegung namens El Deseo („Der Wunsch“) herauf. Im Reaggeton La noche („Die Nacht“) wird, gemeinsam mit der paraguayischen Sängerin Mi$$il, der Nacht und der in ihr zelebrierten Feste gehuldigt. Ignatia, ein rotzig-elektronischer Punkrocksong erinnert an eine gescheiterte Beziehung.
Sara Hebes Verse, von auf an Wände gesprayten Sprüchen und auf Demos skandierten Parolen inspiriert, finden wiederum den Weg zurück auf die Straße, beispielsweise auf Banner feministischer Großdemos. Sie besucht Orte sozialer Kämpfe, um mit dem Aktivist*innen und Betroffenen ins Gespräch zu kommen und sie zu unterstützen.
ACAB (Cinco puntos) beinhaltet einen der stärksten, eindrücklichsten Verse des Albums: „Niemand begeht Selbstmord in einer Polizeistation, ich würde eher abtreiben, als einen Sohn zu haben, der Polizist wird.“ Die Wut erklärt sich aus den selbst erfahrenen Demütigungen und den von der Polizei getöteten Freund*innen. Auch findet sich eine Anspielung auf den Aktivisten Santiago Maldonado, der im August 2017 während Protesten im Mapuche-Gebiet gewaltsam verschwunden gelassen worden war. Ein Teil des Songs steuert die queere Rapperin Sasha Sathya bei, die ebenfalls auf einen reichen Erfahrungsschatz schlechter Erlebnisse mit der Ordnungsmacht zurückgreifen kann.
Das Album erscheint beim katalanischen Label Propaganda Pel Fet und wurde vorab frei zugänglich auf Youtube veröffentlicht. Politicalpari schließt über den trashig angehauchten Dancehalltrack MMQTF, mit No te dejes („Hör nicht auf“) – ein letzter Aufschrei gegen die Resignation, auch wenn alles den Bach runtergeht.


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