Bitte nicht so viel Kritik!

Berta Belmar, die Regierungsbeauftragte der 9. Region in Chile, ist in das Iberoamerikanische Institut Berlin gekommen, um die frohe Kunde der Indígena-freundlichen Politik Chiles zu verbreiten. Selbstbewusst, klar strukturiert und in gut verständlichem Spanisch trägt sie ihren Vortrag über die Mapuche in der 9. Region vor. Begleitet wird er von einer professionell gestalteten Powerpoint-Präsentation. Man habe Schulden beim Volk der Mapuche, beginnt sie, und die müsse man nun bezahlen. Gut gesagt. Klick, klick, klick – auf der Leinwand jagt ein buntes Bild das Nächste. Musizierende, spielende, lächelnde, rundum glückliche Indígenas sind da zu sehen. Eine überwältigende Menge von Prozentzahlen sollen einen Eindruck von Bevölkerungsdichte, Armut und Bildungsstand der Mapuche vermitteln, gefolgt von der Aufzählung zahlreicher Projekte, die die Situation der Indígenas ganz bestimmt verbessern: Mehr Partizipation, bessere Rechtsprechung, bessere Bildungschancen, Anerkennung ihrer Philosophie und Religion. Um konkret zu werden: Am Lago Budi wurde eine Versammlung von Mapuchevertretern gegründet, die demokratisch legitimiert ist und Einfluss auf die Regionalpolitik haben soll. Auch wurde ein Schutzprogramm für dort siedelnde Schwäne ins Leben gerufen. Schilder im öffentlichen Raum sollen auf Spanisch und mapudungún zu lesen sein, und es gibt jetzt ein Netzwerk von Frauen, die Früchte anbauen. Das hilft, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Bei den Frauen anzusetzen, so fügt Belmar augenzwinkernd hinzu, sei einfacher. Schließlich erschienen die Männer montags nie zur Arbeit. Außerdem soll eine „Kommission der historischen Wahrheit” untersuchen, was in den letzten dreihundert Jahren geschehen ist.
So weit, so glücklich. Noch Fragen? Siegessicher blickt Belmar in die Runde, offensichtlich davon überzeugt, das Publikum begeistert zu haben. Ein junges Mädchen meldet sich zu Wort. Sie sei Mapuche, sagt sie, und sie lebe in Deutschland, da sie in Chile nicht leben könne. Doch nach Belmars Vortrag müsse sie ernsthaft überlegen, ob sie nicht schnell in ihre Heimat zurückkehren solle. Wenn da jetzt alles so schön sei… Sie spricht vom Staudammprojekt Ralco und den damit verbundenen Umsiedlungen, von Straßensperren, von Verhaftungen. Die Regierungsvertreterin bleibt gelassen. Ja, vereinzelt gebe es natürlich Probleme. „Aber wo gibt es die nicht?“ Und ob die junge Dame vielleicht eine etwas konkretere Frage habe?
Schon die Gesetzgebung sei ungerecht, wirft ein junger Mann ein. Er habe gehört, dass in einzelnen Fällen gefoltert worden sei. Außerdem sei Rassismus in Chile noch immer ein weit verbreitetes Problem. So etwas, erwidert Belmar, noch immer die Ruhe in Person, werde sie nicht zulassen, solange sie im Amt ist. „Gibt es noch eine konkrete Frage?“
Jetzt ergreift ein Deutscher das Wort. Belmar lächelt. Das wird wohl weniger kritisch werden. Weit gefehlt. Er spricht das Problem der Kulturen an und beklagt die fehlende Anerkennung der Kosmovision der Mapuche. Auch er solle doch bitte eine konkrete Frage stellen. Etwas verwirrt fragt er, wieso nicht mehr Geld in all diese Projekte gesteckt wird. Belmar erwidert mit Verweis auf die vielen zuvor erwähnten Zahlen, es sei eben nicht einfach und außerdem sei ja schon sehr viel erreicht worden. Eine spanische Journalistin erinnert daran, dass der Staudamm Ralco viel mehr zerstört, als am Lago Budi durch Schutzmaßnahmen für Schwäne je erhalten werden kann. Sie sagt vorsichtshalber gleich dazu, dass es sich nicht um eine konkrete Frage, sondern um eine Anmerkung handelt. Daher enthält sich Belmar auch jeglichen Kommentars.
Nach einer Weile schaltet sich der chilenische Botschafter Skármeta ein und bittet mit Blick auf die „leider schon fortgeschrittene Zeit“, in den letzten zehn Minuten doch bitte das Thema noch zu wechseln. Und man möge doch bitte bedenken, dass Frau Belmar da sei, weil sie sich ganz besonders für die Belange der Mapuche einsetze.
Ein älterer Herr im Anzug hebt die Hand. Seine etwas umständlichen Sätze lassen die Anwesenden eine Weile im Unklaren, in welche Richtung sein Kommentar verweisen wird. Vielleicht diesmal etwas Positives? Doch mit jedem Wort nähert er sich seinem Hauptargument: In Chile existiere ein ernsthaftes Rassismus-Problem, das durch alle bisherigen Maßnahmen nicht gelöst werden konnte. Arme Belmar! Er spricht, bis die knapp bemessene Zeit zu Ende ist, und der Applaus, der nach einer sehr förmlichen Verabschiedung Skármetas einsetzt, gilt wohl eher ihm und den anderen RednerInnen als Berta Belmar.

KASTEN

Es gibt genug zu kritisieren

Mittagszeit in Temuko. Auf der Plaza de Armas im Zentrum der Hauptstadt der Araucanía scheint alles seinen gewohnten Gang zu gehen. Nur an der Kathedrale sind heute mehr Menschen versammelt als sonst um diese Zeit. Etwa fünfzig Mapuchestudenten warten hier auf die Ankunft ihrer Sprecher. Mit ihnen wartet an jeder Ecke der Plaza eine Formation von Spezialeinsatzkräften der Polizei, ein Wasserwerfer steht auch schon bereit. Die Straßen rund um die Plaza sind gesperrt.
Grund: Neun Studenten indigener Herkunftf besetzen bereits fünf Tage lang die Kathedrale. Seit 100 Stunden befinden sie sich dort im Hungerstreik, um so die Schließung des Studentenheims „La Ercilla“ zu verhindern.
Für die Mapuche, die vorwiegend aus ländlichen Regionen nach Temuko zum Studieren kommen, ist dieses Wohnheim nicht nur ein erschwingliches Dach über dem Kopf. Vielmehr ist „La Ercilla“ ein Treffpunkt, ein Ort der Bildung und des Austauschs zur Geschichte, Kultur, Sprache und Politik der Mapuche. Lokale Autoritäten sehen das Heim als ein „Mapucheghetto“, in dem Drogen und chaotische Verhältnisse herrschen und haben deshalb dessen Schließung beschlossen. Ein neues Heim steht schon zur Eröffnung bereit, weshalb der Protest als nicht gerechtfertigt abgestempelt wird.
Vor der Kathedrale finden sich unterdessen immer mehr Protestierende ein, Sprechchöre fordern lautstark Tierra, Hogar, Justicia y Libertad (Land, Heim, Gerechtigkeit und Freiheit). Plötzlich fliegt ein Stein in Richtung eines Polizisten und die Zuschauer des Geschehens weichen für einen Moment zurück.
Die vor vier Monaten begonnenen Proteste finden im gegenwärtigen Hungerstreik ihren Höhepunkt. Die Mapuchestudenten protestieren nicht nur für den Erhalt des Wohnheims, sondern fordern eine breitere Unterstützung der Regierung für ihre Ausbildung. Die aktuellen Proteste reihen sich in den umfassenden Kampf der Mapuches um die Anerkenung ihrer Rechte in Chile ein.
Mit Jubel werden schließlich die voceros, ihre Sprecher, empfangen, die erneut ihre Bereitschaft zum Dialog mit den verantwortlichen Instanzen bekunden. Die Vertreter der Regierung sind zu diesem nur bereit, wenn die Mapuchestudenten die Kathedrale verlassen. Pedro Sanchez, einer der Sprecher, erklärt, dass diese erst verlassen wird, wenn konkrete Lösungen für den Konflikt vorliegen, ebenso würde erst dann der Hungerstreik beendet.
In Lumako, nicht weit von Temuko mobilisieren sich dieser Tage ebenfalls Mapuche verschiedener Gemeinden: gegen das Forstunternehmen Minincu, deren Ländereien die Mapuche für sich beanspruchen. Wie bei den Studenten in Temuko geht es auch hier um die Eroberung oder Rückgewinnung lang geschuldeter Lebensräume. Auch hier steht drastischen Mitteln zur Durchsetzung der Forderungen nichts mehr im Wege. Wenn es notwendig ist, „sind wir bereit unser Leben zu opfern“, sagt Carlos Maril, Präsident der Kommission der Gemeinden, die sich im Konflikt befinden.

Tanja Rother

Millionen für den Bío Bío

Die Bagger schaufeln schon eifrig, Techniker laufen geschäftig umher und Männer in feinen Anzügen geben Anweisungen. An einem zweiten einer Reihe geplanter Megastaudämme am Bío Bío wird gebaut. Der Staudamm Ralco soll helfen, der steigenden Nachfrage nach Elektrizität gerecht zu werden. Rund 500 Millionen US-Dollar soll er kosten.
Die wirklichen Kosten dieses Projekts im Namen der Entwicklung sind jedoch in Zahlen nicht auszudrücken. Denn das Tal des Bío Bío und seiner hinauf in die Andenkordillere führenden Terrassen ist, 550 km südlich der Hauptstadt Santiago, der traditionelle Lebensraum der zum Volk der Mapuche gehörenden Pehuenche, die sich seit Jahrhunderten auf außergewöhnliche Weise an die schwierigen natürlichen Verhältnisse der Region angepasst haben. Die Überflutung von 3400 Hektar Land am Oberlauf des Bío Bío würde ein einzigartiges Ökosystem zerstören und die Vertreibung von insgesamt sechshundert Menschen bedeuten, darunter vierhundert Pehuenche, die damit nicht nur ihre natürliche Lebensgrundlage, sondern auch ihre kulturelle und religiöse Basis auf unwiderrufliche Weise verlieren würden.Für die Planung, Durchführung und das Geschäft des Staudammbaus sind die private Firma Endesa (Empresa Nacional de Electricidad, S. A.), Spanien bzw. die chilenische Tochterfirma Enersis verantwortlich. Der transnationale Energiekonzern besitzt 90 Prozent der Wasserrechte Chiles, kontrolliert 80 Prozent der chilenischen und weite Teile der lateinamerikanischen Energiewirtschaft und ist auf dem besten Wege, allen Fragen um Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit seiner Großvorhaben zum Trotz, dieses Monopol weiter auszubauen. Unterstützt wurde Endesa dabei bisher von zahlreichen europäischen Geldgebern, u.a. der Dresdner Bank, dem BMZ und der schwedischen Regierung sowie bis vor kurzem von der Weltbank. Das politische O.K. für die Durchführung des Geschäftes gab der chilenische Präsident Frei unter Missachtung des geltenden Rechts noch kurz vor der Amtsübergabe an Ricardo Lagos im März letzten Jahres.

Der Widerstand steht auf wackligen Beinen

Viele Pehuenche haben durch den Staudammbau, wenn auch nur vorübergehend, Arbeit gefunden. Armut und fehlende Alternativen in der durch den Staat vernachlässigten Region haben sie dazu gezwungen. Stoff für Konflikte in den indigenen Gemeinschaften und innerhalb der Familien gibt es seit dem Auftreten von Endesa deshalb ständig. Kein Wunder also, dass es derzeit nur fünf Pehuenchefrauen sind, die sich aktiv gegen Ralco zur Wehr setzen und die zu der Minderheit gehören, die der Umsiedlung mit ihrer Unterschrift noch nicht zugestimmt haben. Die meisten Pehuenche haben dem Druck von Endesa nicht Stand gehalten, deren erpresserische Methoden zu Angst und Resignation geführt haben. Die mangelnde Aufklärung über ihre Rechte, der fehlende Beistand für die zum Teil analphabetischen Familien durch die staatlichen Behörden und nicht zuletzt die Entschädigungsangebote von Endesa spielten dabei eine Rolle. Einige Familien haben die mit allen westlichen Standards ausgestatteten Blockhäuser bereits bezogen, die Waschmaschine und auch die Fahrräder für die Kinder freudig entgegengenommen. Doch der Unmut über die künstlich von Endesa geschaffene Siedlung El Barco und die dazugehörenden Ländereien griff schnell um sich, liegt sie doch auf der Höhe der Sommerweiden, was bedeutet, dass im Winter hier alles im Schnee versinkt, und so Tiere und Menschen nicht überleben können. Der traditionelle Wechsel zwischen den niedrigeren Winter- und den höher in den Bergen gelegenen Sommerplätzen, der zentraler Bestandteil der Pehuenchekultur ist, wurde schlicht ignoriert. Und so handelt es sich wohl bei El Barco um ein sinkendes Schiff. Endesa begann damit nicht nur, das innere Funktionieren der indigenen Gemeinschaften zu zerstören, sondern spaltet durch die persönliche Druckausübung, besonders auf die bei Ralco angestellten Pehuenchemänner, ganze Familien.

Prinzip Hoffnung

Aussichtslos scheint der Kampf gegen den Energiekonzern dennoch nicht zu sein. Einerseits stehen hinter den fünf Frauen, die von der Organisation Mapu Domo Che Nehuen (Frauen mit der Kraft der Erde) noch übrig geblieben sind, zahlreiche in- und ausländische Menschenrechts- und Umweltgruppen wie die chilenische Nichtregierungsorganisation GABB (Aktionsgruppe für den Bío Bío) mit dem Ökologen Juan Pablo Orego an der Spitze oder auch die chilenische grüne Partei unter dem Vorsitz von Sara Larrain. Außerdem gibt es, im Gegensatz zur Situation von vor acht Jahren während des Baus von Pangue, heute sowohl festgeschriebene indigene Rechte (Ley indígena, 1993) als auch ein Umweltrecht (Ley del medio ambiente, 1994) in Chile, die einforderbar sind und konkrete Schritte möglich machen. Jedoch liegen in der noch jungen Demokratie des Landes genau hier die Schwierigkeiten. Einmal mehr spiegeln die Ereignisse am Bío Bío den anhaltenden Einfluss der Militärs wider, wurde doch Endesa während der Militärdiktatur privatisiert und die Planung der Staudämme im Territorium der Pehuenche vorangetrieben.
Für Ende Dezember erwarten die StaudammgegnerInnen die Entscheidung der chilenischen Justiz zum Indigenen- und Energiegesetz und deren widersprüchlichen Gesetzestexten. Letzteres wurde noch unter der Militärdiktatur formuliert und sieht für die indigene Bevölkerung keine „Sonderregelungen“ vor, da diese gemäß Pinochets Ausspruch „Wir sind alle Chilenen. Es gibt keine Indianer“ ja auch gar nicht relevant gewesen wären. Allerdings will die aktuelle ley indígena die indigenen Kulturen schützen und fördern und verbietet den Kauf und Verkauf indigener Ländereien sowie deren wirtschaftliche Ausbeutung.
Ricardo Lagos ließ zu Beginn seiner Amtszeit im März letzten Jahres verlauten, dass er die Bedeutung von Ralco für Chile zwar anerkenne, den Rechten der Indígenas aber Rechnung zu tragen sei. Leider scheint der Präsident damit ziemlich allein innerhalb der Regierung zu stehen. Heute, ein halbes Jahr später, wurde der Bau des Staudamms zwar mehrmals durch richterliche Verfügungen gestoppt, eine endgültige Absage an das Projekt, das in der chilenischen Gesellschaft und auf internationaler Ebene auf zunehmende Ablehnung stößt, jedoch nicht erteilt.
Da im eigenen Land bereits fast alle rechtlichen Mittel erschöpft sind, um Ralco noch zu stoppen, möchte Orego (GABB) den Konflikt über Chile hinaus publik machen und zusammen mit zwei der Betroffenen, Nicolasa und Berta Quintreman Calpán, den Fall in Spanien zur Anzeige gegen Endesa bringen. Der Versuch des Genozids am Volk der Pehuenche wird dabei Hauptbestandteil der Begründung bilden.
Die Schwestern Quintreman, die z. Zt. in Europa um Unterstützung für ihr Volk werben, wurden während der vergangenen zehn Jahre zum Symbol der Widerstandsbewegung gegen den Bau der Staudämme am Bío Bío. Anfang Dezember nahmen sie in Berlin für ihren gewaltfreien Einsatz gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen den mit 20.000 DM dotierten Petra Kelly Preis der Heinrich Böll Stiftung (Bündnis 90/DIE GRÜNEN) entgegen. In der Begründung der internationalen Jury hieß es, dass die beiden Frauen und ihre Organisation Mapu Domo Che Nehuen (Frauen mit der Kraft der Erde) für ihr couragiertes Handeln gewürdigt werden sollen, durch das sie auf die Nichteinhaltung indigener Rechte weltweit und die kritische Situation der chilenischen Demokratie aufmerksam machen.

„Lebendig holen sie mich nicht weg“

Heute wird Ihnen, zusammen mit Ihrer Schwester Berta Quintreman C. der Petra Kelly Preis der Heinrich Böll Stiftung übergeben. Was bedeutet dieser Preis für Sie persönlich und für Ihren Widerstand gegen die Pläne von ENDESA?

N.Q.: Ich denke, dass wir diesen Preis für die Verteidigung unserer Mutter Erde erhalten. Weil wir nicht aufhören zu kämpfen, wir kämpfen seit elf Jahren und werden immer kämpfen! Bis zum Ende werden wir kämpfen, denn es gibt keinen Grund, nicht für die Mutter Erde zu kämpfen. Wir müssen zusammen mit der Mutter Erde sterben. Wir sind in ganz Chile für unseren Widerstand bekannt, und auch international waren wir bereits an vielen verschiedenen Orten. Der Preis und unsere Präsenz hier sind besser als jede Zeitungsnotiz.
S.I.: Ich möchte mich zunächst für den Preis bedanken. Ich glaube, dass dieser Preis eine Art Vitamin für die wenigen kämpfenden Frauen sein wird.

Seit einem Jahrzehnt bedroht der Konflikt um die Staudämme am Bío Bío das Volk der Pehuenche. Der erste Staudamm, Pangue, ist bereits fertig gestellt, aber fünf weitere Staudämme sind geplant. Können Sie die aktuelle Situation am Bío Bío und am zweiten sich im Aufbau befindenden Staudamm Ralco kurz erläutern?

S.I.: Die aktuelle Situation ist sehr konfus, sowohl seitens ENDESA und der Regierung sowie innerhalb der Pehuenche. Für den 22. Dezember erwarten wir die gerichtliche Entscheidung zu den Widersprüchen von Energie- und des Indigenengesetz. Dies ist unsere letzte Chance, auf legalem Weg etwas zu erreichen. Danach würden wir in den tatsächlichen Konflikt treten, d.h. Mobilisierungen und andere Mittel einsetzen. Leider haben wir bisher nichts auf legalem Wege erreicht. Ich finde es sehr traurig, sagen zu müssen, dass in einem Land wo es eine Gesetzgebung gibt, diese nicht respektiert wird. Dieselben, die heute von Demokratie sprechen, haben diese Gesetze geschrieben, nur respektieren sie sie nicht.

Nur eine Minderheit der 400 betroffenen Pehuenche beteiligt sich am Widerstand gegen die Überflutung ihres Landes und die Umsiedlungsmaßnahmen im Zusammenhang mit dem Bau von Ralco. Wie erklären Sie sich diese Situation?

S.I.: Ja, das ist so, weil sich die Männer für die Arbeit (bei ENDESA, d. Red.) verkauft haben. Als ich anfing, mit dieser Organisation zu arbeiten, waren wir vierzig Frauen. Mit der Zeit gaben viele Frauen wegen des starken Drucks von ENDESA gegen ihre Männer und Söhne auf. Die betroffenen Ehemänner und Söhne fingen schließlich selbst an, ihre Mütter oder Ehefrauen von den Protesten abzubringen, denn es gibt keine alternativen Arbeitsangebote seitens der Regierung.

Wie verhält sich ENDESA konkret gegenüber den noch nicht umgesiedelten Anwohnern?

S.I.: Vor kurzem erst kamen sie zu Berta Quintreman C., um sich ihr Land anzuschauen, und sie zur Unterschrift des Umsiedlungsvertrages zu bringen. Endesa wendet inhumane Methoden an, sie haben sogar analphabete Leute zum Unterschreiben gebracht. Sie machen Versprechungen und halten sie dann nicht ein. Zum Beispiel haben sie den Leuten, die nach El Barco umgezogen sind, gesagt, man könne dort gut überleben, aber das ist nicht so. Dort schneit es viel und die Tiere werden keine Chance zum Überleben haben. Außerdem gehen die Leute von Endesa umher und versuchen die Leute durch Lügen auseinander zu bringen. Das führt so weit, dass sogar einige Pehuenche, von Endesa bestochen, ihre eigenen Nachbarn belügen und sie zur Unterschrift bewegen wollen.
N.Q.: Ja, es sind vor allem die Söhne, die Druck auslösen. Wer weiß was wieder passiert während wir hier in Deutschland sind.

Die Küstenautobahn von Temuco bis Chiloé und der so genannte By Pass um die Stadt Temuco sind zwei andere Megaprojekte, die die Lebensgrundlagen der Mapuche bedrohen. Gibt es eine Kooperation mit den indigenen Organisationen dieser Regionen?

S.I.: Ja, dazu gehört auch die Bedrohung, die von der Forstwirtschaft ausgeht. Ein Teil der Küstenautobahn ist schon fertig gestellt, das ist der Abschnitt bei Temuco, dort kann man nichts mehr machen. Aber ich leite eine andere Mapuchefrauengruppe in Osorno, wo wir uns auf Aktionen gegen die Küstenautobahn vorbereiten, die jetzt schon durch indigene Gemeinschaften führt und heilige Orte zerstört hat. Ich bin aus Osorno, denn ich bin Huilliche (Mapuche des Südens, d. Red.) und bin zu Nikolasa und Berta gekommen, weil ich gesehen habe, dass es notwendig ist für den Alto Bío Bío zu arbeiten. Aber es wird nicht mit vielen Mapucheorganisationen zusammengearbeitet, weil es an Geld fehlt. Deshalb kam es auch zu der großen Spaltung der indigenen Organisationen – wegen des mangelnden Geldes und wegen der CONADI (staatl. Indianerbehörde, d. Red.), die die communidades auseinander gebracht hat. Mit kleinen „Trost“-Projekten „kauft“ die CONADI die Menschen. Das ist ihre Form, die Mapuchegemeinschaften zu spalten, so können sie sie besser regieren, denn die Mapuche haben dann keine Stimme mehr, um sich gegen die illegalen Machenschaften aufzulehnen.

Wie reagiert die chilenische Öffentlichkeit auf den Staudammbau am Bío Bío?

S.I.: Es gibt viele Chilenen, die den Widerstand gegen Ralco unterstützen und einzelne Organisationen sind ebenfalls sensibler geworden. Aber da man keinen konstanten Kampf erkennen konnte, glaubt man eben mehr an Formen des organisierten Kampfes wie der von Arauco-Malleco (radikale Mapucheorganisation, d. Red.). Deshalb glaubt man, dass Nicolasa und Berta, die sehr pazifistisch eingestellt sind, damit nichts erreichen werden. Aber das ist nicht wahr, jeder Ort hat seine Form des Kampfes und es ist nicht einfach für diese Frauen, die durch das Schicksal dazu gekommen sind; sie konnten sich nicht darauf vorbereiten.

Seit mehr als einem halben Jahr hat Chile eine neue Regierung. Haben Sie die Perspektive, dass es eine andere Politik hinsichtlich der indigenen Völker Chiles geben wird?

S.I.: Es gibt nur die eine Hoffnung, dass die indigenen Völker sich zum Kampf vereinigen, denn die Regierung denkt wie der alte Präsident. Das einzige was die Regierung heute tut, ist zu verhandeln, nichts weiter. Die Regierung ist einverstanden mit dem Staudammbau.

Glauben Sie, dass es möglich ist den Bau des Staudamms Ralco aufzuhalten?

N.Q. Ich glaube ja. Das Projekt muss gestoppt werden, denn sie (Endesa, d. Red.) sind nicht von dort! Ich werde nicht weggehen, und wenn sie kommen wollen, sollen sie kommen, ich werde im Wasser stehen, für meine Mutter Erde! Und dort wird mein Geist bleiben, dass sage ich immer! Der Präsident sollte zu uns kommen und die Situation kennen lernen oder wir werden ihm weitere Botschaften schicken, denn er öffnet den Mapuche die Türen. Deshalb habe ich den Glauben. Ich habe Vertrauen in Füta Chao (den großen Gott), aber ich habe nicht die geringste Hoffnung bei Endesa, mein Glaube ist oben und unten. Mein Land hat keinen Preis und Schluss!
S.I.: Ich denke, unser Erfolg hängt auch von den europäischen, skandinavischen Ländern ab. Ich bitte im Namen der Mapuchefrauen, nicht nur der vom Bío Bío, dass sie uns unterstützen. Wenn wir unsere Kräfte zusammen bringen, glaube ich, dass wir gewinnen können!

Interview: Tanja Rother

Information und Unterstützungsmöglichkeiten unter http://riap.de5.de; www.irn.org

Aluminium hat einen matten Glanz

Strom ist neben Bauxit der wichtigste „Rohstoff“ der Aluminiumproduktion. Knapp tausend Kilometer südöstlich von Trombetas liegt Tucuruí, das weltweit erste große Wasserkraftwerk in den Tropen. Es liefert die Energie für die Aluminiumgewinnung in Amazonien.
In den sechziger und frühen siebziger Jahren hatte die brasilianische Militärregierung mit Amazonien vor allem ein Problem: Das riesige Territorium war ihrer Ansicht nach zu leer und zu schlecht ins brasilianische Staatsgebiet integriert. Das könnte, so befürchteten die Strategen, die Gier der Nachbarn oder Industrieländer im Norden wecken. Amazonien sollte deshalb erschlossen und besiedelt werden, womit auch gleich noch die sozialen Spannungen im übrigen Brasilien gelöst werden könnten. Die ersten Pläne für ein Kraftwerk am Rio Tocantins bei Tucuruí stammen aus dieser Zeit. Es sollte Strom für die neuen Siedlungen entlang der Transamazônica und für Belém, die 300 Kilometer entfernte Hauptstadt des Bundesstaates Pará, liefern.
Nach der Ölpreiskrise von 1973 setzten die Technokraten in der Regierung neue Prioritäten. Mit der Energie von Tucuruí wollten sie die reichlich vorhandenen Erze in der Region verarbeiten und als Grundstoffe für die weitere Industrialisierung Brasiliens verwenden. Die internationalen Banken boten damals günstige Kredite für solche Großprojekte.

Vertreibung durch den Stausee

Als die Zinsen anzogen, änderten die Planer ihre Konzepte erneut. Die Ressourcen Amazoniens sollten nun exportiert werden, um vom Erlös die Kredite zu bedienen und die Auslandschulden zurückzuzahlen. Weil dem Staat das Geld fehlte, um die geplanten Fabriken selbst zu bauen, wurden Multis ins Land geholt. Nach diesem Plan wurde das Kraftwerk Tucuruí in Angriff genommen. Der Bau des Dammes lockte Zehntausende in die Gegend. 1970 lebten in der Gemeinde Tucuruí 8500 Menschen, zehn Jahre später waren es mehr als 60.000. Als die 78 Meter hohe und 6,5 Kilometer lange Staumauer 1984 geschlossen wurde, bildete sich ein See von 170 Kilometer Länge mit einer durchschnittlichen Breite von 17,3 Kilometern. Das Wasser überschwemmte ein Gebiet von 2875 Quadratkilometern, also die fünffache Fläche des Bodensees.
“Ich bin mit meiner Familie auf der Suche nach Land aus dem Nordosten Brasiliens gekommen. Wir erhielten eine Parzelle an der Transamazônica“, erzählt Maria Josefa de Lima, genannt Sefina. „Die ersten Jahre waren schrecklich. Es gab nichts. Keine Zufahrtsstraßen, keine Schulen, keine Gesundheitsposten, nur wilde Tiere und Malaria. Als wir nach Jahren harter Arbeit ein Haus gebaut und dem Wald unsere Pflanzungen abgerungen hatten, kam das Wasser“. Nach einem offiziellen Bericht wurden 4407 Familien umgesiedelt, mindestens 20.000 Personen. Betroffen waren vermutlich noch sehr viel mehr Menschen, denn viele hatten keinen Besitztitel und damit auch kein Anrecht auf Entschädigung.
Der klapprige Geländewagen biegt von der neuen Transamazônica (auch ein Stück dieser Straße verschwand in den Fluten) in eine kleine Dreckstraße voller Schlaglöcher ein. Während der nächsten zwanzig Kilometer durchquert die Straße die Viehweiden der Großgrundbesitzer. Erst dann erreichen wir das Gebiet, in das Sefina und viele andere Familien gebracht wurden. „Manche Böden waren für die Landwirtschaft unbrauchbar. An anderen Orten gab es nicht einmal Wasser auf den Parzellen“, sagt Sefina. Auch heute gibt es lediglich einen schlecht ausgestatteten Gesundheitsposten und eine Baracke mit einem Loch in der Wand, die als Schule dient. Ihr Dach ist aus Faserzement. “Eigentlich dürften Schulen gar keine solchen Dächer haben. Über Mittag wird es so heiß darin, dass die Kinder reihenweise in Ohnmacht fallen.“
Bis heute haben Sefina und ihre NachbarInnen in ihren Hütten keinen elektrischen Strom. „Viele Familien gaben auf und verkauften ihr Land“, sagt Sefina. „Meine Parzelle ist heute rundum von Großgrundbesitz eingeschlossen.“
Nicht nur die Umsiedelung der Menschen war chaotisch. Der Zeitplan und das Budget des Kraftwerks Tucuruí waren bereits überzogen, als die Verschuldung die Baukosten explodieren ließ. Der Bau allein kostete eine Milliarde US-Dollar mehr als geplant, hinzu kamen zwei Milliarden US-Dollar für Zinsen während des Baus. Insgesamt war Tucuruí mit 7,5 Milliarden US-Dollar fast doppelt so teuer wie geplant.
Seit dem Ausbruch der Verschuldungskrise Lateinamerikas 1982 ging es nur noch darum, die Stromproduktion so schnell wie möglich aufzunehmen. Dem Geldmangel wurde eine Schleuse im Staudamm geopfert, die den Schiffsverkehr auf dem Tocantins sichergestellt hätte. Die Rodungen im zukünftigen Seebecken wurden eingestellt, nur gerade fünfzehn Prozent des Waldes war abgeholzt.
Auf dem Grund des Sees blieben auch die Edelhölzer. Das brachte einen findigen Kopf auf die Idee, eine Motorsäge an eine Druckflasche zu hängen: Die Unterwasserholzfäller waren geboren. Heute haben sie Hightech-Konkurrenz erhalten: ein kanadisches Unternehmen bekam von der Eletronorte die Lizenz, auf dem See ein Floß mit einem ferngesteuerten Greifarm zu betreiben. Mahagoni und andere Edelholzstämme werden in einem Griff gepflückt. Das Holz blieb unter Wasser so gut konserviert, dass es sich immer noch teuer verkaufen lässt.
„Die ersten Jahre waren die schlimmsten, das Wasser stank grässlich, und die Moskitos quälten uns“, sagt Raimundo Nonato Silva, den hier alle Raimundinho (kleiner Raimundo) nennen. Er ist Koordinator des Centro Agroecológico de Assessoria e Educaçâo Popular (Agroökologisches Zentrum für Beratung und Volksbildung) in Tucuruí. Die Überflutung intakter Regenwaldgebiete bewirkte die schlechte Wasserqualität. Blätter und kleine Pflanzenteile verfaulten; in dem von der Biomasse überdüngten Wasser gediehen Algen, die wiederum den Moskitolarven optimale Lebensbedingungen boten. Auf dem Höhepunkt der Mückenplage zählten WissenschaftlerInnen in einem Umsiedlungsgebiet am geplagten Westufer des Sees am frühen Abend in einer Stunde 500 Einstiche pro Mensch.
Heute ist die Wasserqualität deutlich besser geworden. Für viele der Umgesiedelten sind die Auseinandersetzungen mit der Eletronorte nicht zu Ende. Wie viel die finanzielle Entschädigung, die damals bezahlt wurde, heute wert wäre, kann niemand mehr genau sagen, denn Brasilien hat in den letzten fünfzehn Jahren sechs verschiedene Währungen und über zehntausend Prozent Inflation erlebt. Die Auszahlung der Entschädigungen fiel in eine Hochinflationszeit. In der unsicheren Situation, in der die Menschen während der Umsiedlung lebten, konnten sie das Geld aber nicht gleich investieren, so dass sie hilflos mitansehen mussten, wie ihr Geld immer mehr an Wert verlor. Raimundinho stößt sich vor allem daran, dass die Regierung heute viel großzügiger ist, wenn sie Entschädigungen an Großgrundbesitzer bezahlt, deren Land für die Agrarreform enteignet wird. Zudem haben einige Umgesiedelte nur halb so viel Land erhalten, wie sie zuvor besaßen.“Die Parzellen, die die Familien bei der Kolonisierung entlang der Transamazônica erhielten, waren 21 Alqueires (zirka 100 Hektar) groß“, sagt Raimundinho. „Die Eletronorte hielt sich bei der Entschädigung an das Maß der Agrarreformbehörde und gab uns nur zehn Alqueires. Sie schuldet uns immer noch elf Alqueires.“

500 Moskitostiche pro Stunde

Tenysson de Matos Andrade, der Sprecher der Eletronorte in Tucuruí, sieht das anders. Die Eletronorte habe mit der finanziellen Entschädigung alle Ansprüche erfüllt, sie wäre rechtlich gar nicht verpflichtet gewesen, den Umgesiedelten auch Grundstücke zu geben. Nicht etwa untaugliche Böden oder fehlendes Wasser seien die Ursache der anhaltenden Proteste: „Der Brasilianer ist einfach nie zufrieden, er will immer etwas anderes als das, was er hat. Die Rückständigkeit der Menschen hier führt zu einer Abhängigkeit vom Staat, deshalb erwarten sie alles von der Eletronorte.“ Und einigen Führungsfiguren gehe es ohnehin nur um die persönliche Bereicherung.
Der Staudamm schadete auch den Menschen am Unterlauf des Tocantins. Im Unterschied zu den Umgesiedelten erkannte die Eletronorte aber hier gar keine Ansprüche an.
Als der Damm fertig war, starben die Fische, einige Sorten sind bis heute verschwunden. Auch die Crevettenbestände im Mündungsbereich des Tocantins haben sich nicht wieder erholt. Die Erträge der Landwirtschaft an den Flussufern gingen zurück, weil diese Gebiete nicht mehr regelmäßig überschwemmt werden. Schließlich ist auch Açai selten geworden – die Früchte dieser Palmenart sind ein Grundnahrungsmittel der Bevölkerung Amazoniens.

Ökotourismus für Sportfischer

Im Stausee passierte dagegen etwas Überraschendes: Als sich die Wasserqualität besserte, erwies sich der See als ausgesprochen fischreich. Die Algen hatten eine Nahrungskette genährt, an dessen Ende der Tucunaré, ein beliebter Speisefisch, steht. Wenn die Fischer vom Unterlauf des Tocantins ihre Netze und Haken im Stausee auswarfen, fingen sie mehr als im Fluss. Zuerst kamen sie nur zum Fischen hoch, doch irgendwann baute der Erste eine Hütte und nahm seine Familie mit. Ohne jemanden zu fragen, nahmen die Fischer vom Unterlauf die Inseln im Stausee in Besitz. Die Eletronorte mischte sich nicht ein, aber die Umweltbehörde griff manchmal durch, wenn die Fischerfamilien für ihren Eigenbedarf ein kleines Feld rodeten. „Wenn wir aber dagegen protestierten, dass Holzfäller das Edelholz von den Inseln holten, dann reagierten sie nicht“, beschwert sich der Fischer Joel Machado Rodrigues. Die Gemeinden leben von den Steuern auf den Holzexport, und der Bürgermeister von Tucuruí ist Besitzer eines Sägewerks.
Ein anderes Projekt des Bürgermeisters macht den Fischerfamilien auf den Inseln in der Nähe von Tucuruí Sorgen. „Ökotourismus“ soll Sportfischer nach Tucuruí bringen. „Davon profitieren doch nur die Reisebüros und die Hotels in Tucuruí“, meint Joel. „Letztes Jahr haben sie hier einen großen Wettkampf organisiert, und wir durften sechs Tage lang unsere Netze nicht ausbringen, um die Sportfischer nicht zu stören.“ Der Bürgermeister will den improvisierten Hafen der Fischer weitab aufs andere Ufer verlegen, um den TouristInnen den hässlichen Anblick zu ersparen. Das ganze Gebiet der Inseln will er zum Naturschutzgebiet erklären. „Wenn sie das durchsetzen, ist alles verboten, und wir können hier nicht mehr leben“, befürchtet der Fischer Joel.
Nur etwas ist für alle AnwohnerInnen des Stausees von Tucuruí noch bedrohlicher: Gegenwärtig wird in Tucuruí wieder gebaut, um die Leistung von 4000 Megawatt auf 8125 Megawatt zu verdoppeln. Trotz wiederholter Dementis der Eletronorte hält sich in der Region hartnäckig das Gerücht, dass nach dem Ende der Bauarbeiten der Spiegel des Sees angehoben wird. Die gesetzlich vorgeschriebene Umweltverträglichkeitsprüfung hat die Eletronorte nicht durchgeführt.
„Das ist heute der große Konflikt. Die Regierung und die Eletronorte behaupten, sie würden die Region entwickeln. Auf der anderen Seite sind die Basisorganisationen, die dies bestreiten. Hier glaubt niemand mehr, dass es reicht, einen Staudamm zu bauen und Strom zu produzieren“, sagt Raimundinho. Regionalentwicklung ist für die sozialen Bewegungen nicht einfach ein abstraktes Konzept, sondern es bedeutet Gesundheitsversorgung, Schulen, Zufahrtsstraßen, öffentlicher Verkehr und Kredite für die Produktion auf den landwirtschaftlichen Klein- und Familienbetrieben. Der jahrzehntelange Kampf um Lebenschancen wird am Verhandlungstisch und auf der Straße geführt, mal schickte die Eletronorte Unterhändler, mal die Militärpolizei und scharfe Hunde.
Die brasilianische Verfassung von 1988 verpflichtet die Betreiber von Wasserkraftwerken, an die betroffenen Gemeinden und Bundesstaaten Wasserzinsen zu zahlen. Für die Gemeinden um Tucuruí gab das jährlich ungefähr sieben Millionen US-Dollar. Raimundinho beklagt jedoch, dass die über sechzig Basisorganisationen der Region kaum Einfluss auf die Verwendung dieser Gelder haben. In den abgelegenen Landgebieten, wo viele der Umgesiedelten leben, ist vom Geldsegen jedenfalls nichts zu spüren.
In einem besonderen Fall zeigte sich die Eletronorte großzügig gegenüber der Lokalbevölkerung. Das traditionelle Gebiet der Parakanâ, eines Indianervolkes, dessen Lebensweise sich durch den Kontakt mit den Weißen schon stark verändert hatte, geriet durch den Stausee und die Umsiedelungen weiter unter Druck. Die Parakanâ erhielten deshalb ein neues Reservat zugewiesen, das mit 350.000 Hektar größer war als das alte. Die Eletronorte übernahm in Zusammenarbeit mit der staatlichen Indianerbehörde Funai für 25 Jahre die Verantwortung für ein Programm zur Unterstützung und Stärkung der Parakanâ. Gesundheitswesen, zweisprachige Schule, Überwachung der Grenzen des Reservats, Förderung der traditionellen Produktion und Unterstützung bei der Verwaltung gehört zu diesem Programm. Die Parakanâ haben heute die geringste Rate von Malariaerkrankungen in der ganzen Region zu verzeichnen. Die Großzügigkeit der Eletronorte hat neben den schönen Bildern, die die Parakanâ für den Geschäftsbericht hergeben, einen einfachen Grund: Es gab lediglich 247 Menschen zu unterstützen.

Dritter und letzter Teil
in der nächsten Ausgabe

Solidarische Zähne

In eurer Partnergemeinde hat es vor kurzer Zeit verheerende Regenfälle gegeben. Kannst Du die Situation vor Ort beschreiben?

Dieter Radde: Die Niederschläge dort waren größer als während des Hurrikans Mitch im letzten Jahr. Die Gemeinde hat 40 000 Einwohner. Es gibt 8 000 Personen, deren Häuser beschädigt wurden. 1 000 Personen mußten sogar evakuiert werden, so daß vier Notaufnahmelager aufgemacht wurden. Bei meinem Besuch im Oktober war ein großer Teil der Gemeinden noch immer nicht per Fahrzeug erreichbar. Außerdem wurde ein Staudamm zerstört, wodurch auch die gravierendsten Überschwemmungen verursacht wurden. In diesem Teil der Gemeinde sind die meisten Häuser und ein großer Teil der Ernte zerstört worden. Das betrifft zu 80 Prozent das dort frisch ausgesäte Gemüse, dessen Anbau wir gefördert haben und 50 Prozent der Grundnahrungsmittel.

Bedeutet dies, daß jetzt Ansätze einer strukturellen Verbesserung im Bereich der Agrarwirtschaft zerstört wurden und Ihr wieder von vorne anfangen müßt?

Nicht ganz. Unsere beiden Gesundheitszentren und die bessere Trinkwasserversorgung haben die Ausbreitung von Cholera verhindert. Aber insgesamt ist es sicherlich ein Rückschlag. Der beschränkt sich jedoch auf den materiellen Bereich. Wir haben nach Mitch ein Gemüseanbauprojekt gemacht, und dort sind die Ernten verlorengegangen. Außerdem konnten keine Rücklagen gebildet werden. Aber von einem wirklichen Entwicklungsrückschritt kann man nicht sprechen.

Kann man also sagen, daß nach Mitch punktuell sogar ein Neuanfang möglich war?

Das wäre zu weitgehend. Aber es gibt eine höhere Bereitschaft unter den Kleinbauern, alternative Anbaumethoden auszuprobieren. Wir hatten im Sommer mit relativ hohem Erfolg den ersten Bauernmarkt veranstaltet. Dort steigt die Nachfrage. Dieses Programm haben wir kontinuierlich mit Fortbildungen für Agrartechniker und Veterinärmedizinern begleitet. Der Erfolg war so groß, daß wir jetzt auch nationale Mittel akquirieren können.

Bedeutet dies, daß ihr mit der Regierung zusammenarbeitet?

Nein, das sind Gelder, die von der Interamerikanischen Entwicklungsbank für Nicaragua bereitgestellt werden und an Nichtregierungsorganisationen verteilt werden. Dort wird jetzt ein Ausbildungszentrum aufgebaut, wo alternative Techniken des Landbaus, natürliche Formen der Schädlingsbekämpfung, Maßnahmen zum Erosionsschutz et cetera vermittelt werden.

Wenn es sich um eine Städtepartnerschaft handelt, wie funktioniert denn dann die Zusammenarbeit mit der lokalen Regierung?

Der größte Konflikt ist, daß sie uns in Ruhe lassen. Zum andern führen die häufigen Wechsel in der Gemeindeverwaltung jedoch dazu, daß dort niemand über die logistischen Strukturen verfügt, um irgendwelche Projekte durchzuführen. Die einzige handlungsfähige Institution vor Ort ist unser Partner. Deswegen wollen die unsere Strukturen mit nutzen.

Die wollen Euch also vereinnahmen?

Genau. Aber das hat auch seine positiven Seiten. Wir haben jetzt ein großes Wasserprojekt eingeweiht. Damit die Bevölkerung dabei aktiv mitarbeitet, arbeiten wir mit Komiteestrukturen. Der Chef des Komitees ist ein Liberaler, und der streitet sich massiv und öffentlich mit der Gemeindeverwaltung, die ebenfalls liberal ist. Wir haben ja früh damit angefangen, die Eigenbeteiligung der Bevölkerung bei gemeinsamen Aktivitäten vorauszusetzen, und dabei merkt man, daß in der konkreten Situation die großen ideologischen Konflikte überhaupt keine Rolle spielen.

Was habt Ihr denn sonst noch für Projekte?

Wir haben ein großes Trinkwasserprojekt, von dem 10 000 Leute profitieren sollen. Ein weiterer Schwerpunkt ist Ressourcenschutz und einkommensverbessernde Maßnahmen für Kleinbauern. Dann ein Wiederaufforstungsprojekt in Kombination mit der Pflanzung von 20 Prozent Obstbäumen. Ziel ist also, nichttraditionelle Anbauprodukte einzuführen, das heißt vor allem Gemüse wie Rettich, Gurken et cetera.

Und wie werden die neuen Produkte angenommen?

Gut. Das Hauptproblem ist, daß die Kleinbauern Schwierigkeiten haben, die Sachen selbst zu verkaufen. Die haben sich zum Teil nicht getraut, richtig Geld zu verlangen, haben sich an den alten Zwischenhändlerpreisen orientiert und dann alles viel zu billig verkauft. Aber ihre Sachen waren sie los. Dieser Aspekt ist total unterschätzt worden. Aber dennoch war der Verkauf für die beteiligten Familien ein voller Erfolg. Dieses Projekt soll weiter ausgebaut werden, und wir wollen ein ähnliches Projekt im Viehzuchtbereich starten. Dazu läuft ein umfangreiches Schulungsprogramm. Acht Lehrer werden von hier aus mit Schulpatenschaften finanziert. Im Gesundheitssektor hat jetzt vor kurzem der Bau eines neuen Zentrums begonnen. Wir unterstützen Impf- und Hygiene-Kampagnen.

Wie kommt Ihr zu eurem Geld?

Tilo Baillen: Für die kostenintensiven Projekte wie das Krankenhausprojekt oder das Wasserprojekt bekommen wir das Geld von der Europäischen Union oder vom Entwicklungshilfeministerium, von der Senatsstelle für Entwicklungszusammenarbeit aber auch vom Bezirk Kreuzberg oder von Stiftungen. Die für diese Unterstützung notwendigen Eigenmittel erwirtschaften wir aus Mitgliedsbeiträgen, die für die laufenden Kosten hier in Berlin verwendet werden, und aus Spendeneinnahmen. Das sind im Schnitt pro Jahr ungefähr 100 000 DM. Außerdem veranstalten wir kleinere Ausstellungen in Arztpraxen und Betrieben und stellen Spendenbüchsen daneben. Wir werben bei Zahnärzten dafür, daß sie verschlissenes Zahngold für uns sammeln. Das haben wir schon zweimal gemacht, und dabei sind das letzte Mal 1,7 kg Gold oder 18 000 DM zusammengekommen.

Dieter, wie bist du zu der Arbeit hier gekommen?

Als die Bundesregierung ihre Entwicklungshilfe an die Sandinisten einstellte, reagierten diese damit, den Aufbau von Partnergemeinden zu fördern. Also schlossen sich einige Gruppen mit dem Ziel zusammen, eine Region konkret und dauerhaft zu unterstützen. Aber bis wir schließlich die Partnerschaft stehen hatten, dauerte es noch. Die Grünen und die SPD unterstützten die Partnerschaft, aber die CDU hat eineinhalb Jahre lang blockiert. Als der CDU-Bürgermeister einmal im Urlaub war und wir gleichzeitig den sandinistischen Bürgermeister nach Berlin eingeladen hatten, unterschrieb der Vizebürgermeister von der SPD die Urkunde. Als wir diese dann vor der Bezirksversammlung mitsamt dem Grundgesetz aushändigten, ist die CDU-Fraktion aus dem Rathaus ausgezogen. Der letzte Gag war bei der 750-Jahr-Feier 1987. Damals hatten wir durchgesetzt, daß auch der sandinistische Bürgermeister und ein Stadtrat nach Berlin kamen. Dann gab es dieses berühmte Fest hier in Kreuzberg im Verkehrsmuseum. Aber da Kreuzberg im amerikanischer Sektor lag, waren auch die amerikanischen Offiziere eingeladen. Und der Staatsschutz hielt unsere Gäste für so gefährlich, daß wir mit einer Menge Zivilbeamten umgeben wurden. Auf der offiziellen Feier hat eine Band aus Nicaragua dann die sandinistischen Lieder gespielt. Da gab es natürlich Auseinandersetzungen. Das heißt, wir haben die Auseinandersetzung auch hier auf die kommunale Ebene geholt, und das war ja eines unserer Ziele.

Siggi, seit wann bist denn Du hier dabei?

Sigrid Picker: Ich bin seit vier Jahren im Verein und seit zwei Jahren im Vorstand. Das kam damals so, daß ich mich zwar schon immer für Lateinamerika interessiert habe, aber erst vor vier Jahren, als meine Schwester in Nicaragua auf Brigade war, habe ich sie dort besucht. Und die Begegnung mit den Leuten in diesem Dorf, das Leben zwischen Schweinen, Hühnern und kleinen Kindern hat so einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen, daß ich dort mein Herz verloren habe. Daraus sind dann ganz intensive Freundschaften geworden. Ich habe dann noch ein paar Tage an einem Schulprojekt mitgearbeitet. Als ich zurück nach Berlin kam, bin ich mit offenen Armen von dem Verein aufgenommen worden und habe, für welche Aktivitäten auch immer, meine Dienste angeboten. Ich wollte endlich etwas tun im entwicklungspolitischen Bereich. Und heute macht es vor allem Spaß.
Dein Engagement hatte also weniger mit revolutionärem Impetus zu tun?

Nicht ganz. Ich hatte die aktuelle Situation in Nicaragua schon immer verfolgt. Aber ich wäre damals nicht aufgrund von politischer Motivation hingefahren. Es hätte jedes x-beliebige Land sein können.

Welche Auswirkungen hatte denn die Wahlniederlage der Sandinisten auf den Verein?

Dieter Radde: Noch in der gleichen Nacht gingen die Auseinandersetzungen los. Einige aus dem besonders revolutionären Flügel sind dann ziemlich schnell ausgetreten. Aber insgesamt war das Konzept des Vereines sowieso ein anderes. Wir sind ja nicht in eine der sandinistischen Hochburgen gegangen, um dort die siebte Städtepartnerschaft aufzubauen, sondern wir haben gefragt: „Wo ist Solidarität notwendig?“ San Rafael del Sur war eine konservative Stadt ohne Frente-Basis, die keinerlei Unterstützung hatte, und da wollte auch keine revolutionäre Soli-Gruppe hin. Diese Entscheidung hat natürlich dann schon auch mitgeprägt, wer im Verein mitgearbeitet hat.

Wie ist denn heute die Beziehung zur Frente, Siggi? Hast Du Kontakte zu ihr?

Sigrid Picker: Die meisten der Leute, die ich dort kenne, wählen zwar die Frente, aber ich habe keinen Kontakt dahin.

Und wie ist das mit dem Verein insgesamt?

Dieter Radde: Die Entwicklung in San Rafael del Sur ist katastrophal. Wir hatten schon vor Jahren einen Konflikt zwischen der ländlichen und der eher städtischen Basis. Der städtische Flügel hat sich durchgesetzt. Und mit denen hatte ich ich jetzt ein Gespräch über die Bevölkerungsbeteiligung an der Projektdurchführung. Deren Position war aber noch ablehnender als die der Liberalen. Die politische Linie steht also dem, was wir wollen, mehr als entgegen. Auf kommunaler Ebene ist die Frente für uns also weggefallen.

Indígenas zwischen allen Fronten

Die bisherigen Verhandlungen zwischen Unternehmen und Betroffenen konnten die grundsätzlichen Probleme nicht klären. Die Indigenen vom Volk der Embera-Katío wollen sich in ihrer Mehrheit nicht mit einer bloßen finanziellen Entschädigung zufrieden geben. Sie fordern Unterstützung für die unausweichliche Umstellung ihrer gesamten Lebens- und Arbeitsweise. Trotz seiner Zusage, sich für die BewohnerInnen des Gebietes einzusetzen, genehmigte Umweltminister Juan Mayr am 8. Oktober die Flutung des Staubeckens. Der kolumbianische Vizepräsident Bell, der sich zu dem Zeitpunkt gerade in Europa aufhielt, kündigte an, Mayr zur Klärung der Hintergründe des Sachverhalts zu einer Reise auf den Alten Kontinent zu veranlassen.
Wer in Kolumbien für seine Rechte eintritt, lebt gefährlich. Sechs führende VertreterInnen des Indianervolkes der Embera-Katío wurden allein in den letzten Monaten ermordet. Paramilitärische Gruppen bedrohen die Menschen, die sich gegen die Inbetriebnahme des Wasserkraftwerkes im nordkolumbianischen Department Córdoba zu Wehr setzen, zerstören ihre Hütten und Boote oder bringen sie mit gezielten Kopfschüssen um. Auf diese Weise versuchen sie, nicht nur den Widerstand gegen das Stromprojekt, sondern auch herrschendes Recht zu brechen.
Das Oberste Verfassungsgericht des Andenstaates gab den klagenden Embera-Katío im November 1998 recht: Die Betreiber und der Staat hätten verfassungswidrig gehandelt, indem sie den Betroffenen das Mitspracherecht vorenthielten. Die Richter hatten den Kraftwerksbetreibern die Fertigstellung nur unter der Auflage erlaubt, daß sie sich mit den Embera-Katío einvernehmlich auf eine angemessene Entschädigung und Starthilfen bei der Umsiedlung einigen. Das ist bisher nicht geschehen, trotzdem hat der nordkolumbiansche Stromlieferant CORELCA die Staumauer und die Turbinen fertiggebaut und Umweltminister Mayr nunmehr die Flutung des Staubeckens genehmigt.

Wunderwerk der Moderne?

Gebaut wurde das 340 Megawatt-Kraftwerk Urrá I am Oberlauf des Sinú-Flusses seit 1994 für knapp 200 Millionen US-Dollar von einem schwedischen Konsortium unter Federführung von Skanska Cementgjuteriet. Den Auftrag hatte CORELCA erteilt, der 1,2 Millionen Menschen an der Karibikküste mit Elektrizität versorgt. Im vergangenen Jahr übernahm die Houston Industries Enegery Inc. mit ihrer venezolanischen Tochter Electricidad de Caracas 65 Prozent der Anteile.
Der 7 400 Hektar große Stausee wird überwiegend Land der Embera-Katío sowie einen Teil des Paramillo-Nationalparks überfluten. Die betroffenen Menschen hat niemand befragt, geschweige denn über die anstehenden Veränderungen unterrichtet. „Wir hatten nie einen Staudamm gesehen und konnten uns gar nicht vorstellen, wie so etwas aussehen würde“, erinnert sich ein Indianer-Vetreter in der Gemeinde Tierra Alta in unmittelbarer Nähe der Staumauer. Die Informationen von Seiten der Investoren waren ebenso spärlich wie unverständlich für die UreinwohnerInnen des Gebietes, die zwar reichhaltige Erfahrungen über die schonende Nutzung des Regenwaldes und der Flüsse vorweisen können, den High-Tech-Neuerungen der westlichen Welt jedoch mit Unwissen und Unverständnis gegenüberstehen.

Strom statt Fische

Erschwert wird die Lage in dem Emberagebiet durch den Konflikt zwischen der linken Guerilla FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) und den rechten Paramilitärs. In den letzten Jahren terrorisieren die von Offizieren, Großgrundbesitzern, Drogenbossen und lokalen Machthabern unterhaltenen paramilitärischen Milizen die Zivilbevölkerung. Ihr Anführer Carlos Castaño verkündete letztes Jahr, ein riesiges Gebiet im Nordwesten Kolumbiens, in dem auch das Wasserkraftwerk Urrá I liegt, von Guerilleros zu säubern. In dieser Region, wo die Macht aus den Gewehrläufen kommt und Gewalt zum Alltag gehört, zählen Gesetz und Recht so gut wie nichts. Die kolumbianische Verfassung von 1991 räumt den UreinwohnerInnen des Landes zwar das Recht ein, sich in unabhängigen Reservaten zu organisieren und über ihr Land zu verfügen. Doch wenn dieses Land wirtschaftlichen Interessen im Wege steht, werden die Bewohner bedroht, vertrieben und ermordet. Selbst das Urteil des Obersten Verfassungsgerichts scheint kaum das Papier wert zu sein, auf dem es niedergeschrieben ist.
Die Embera-Katío am Oberlauf des Sinú-Flusses leben überwiegend von Landwirtschaft und Fischfang. Das Staudammprojekt bedroht ihre Lebensgrundlagen. Heftig widersprechen sie den Aussagen von Kraftwerksbetreibern und Regierungsstellen, der Fischfang hätte nach Errichtung der Staumauer deutlich zugenommen. „Seitdem der Fluß für den Bau des Damms umgeleitet wurde, gab es immer weniger Fische“, beklagt ein Bewohner des Tals. Wenn das Kraftwerk erst einmal in Betrieb genommen wird, drohen am unteren Flußlauf weitere Gefährdungen für Mensch und Tier. Da in Urrá I die Turbinen mit Wasser aus den tiefen, nicht belüfteten Schichten angetrieben werden, wird der Sinú mit übelriechenden und teilweise giftigen organischen Abfällen belastet, die beim Absterben der Pflanzen auf dem Grund des Stausees entstehen. An geeigneten Filteranlagen wurde gespart. Die Betroffenen ahnen immer mehr die Konsequenzen des Großprojekts. Doch wer sich gegen das Wasserkraftwerk wehrt, lebt gefährlich und gerät in die Schußlinie der Paramilitärs.

„Herkules-Quasimodo“ im Hinterland Bahias

Die Broschüre erschien 1993. Hundert Jahre zuvor kam die Pilgerschaft des Antonio Vicente Mendes Maciel im Sertâo von Bahia zum Stehen. Der frühere Kaufmannsgehilfe aus Quixeramobim in der Provinz Ceará war seit etwa 20 Jahren in den trockenen Inlandsgebieten des brasilianischen Nordostens bekannt als ein wandernder Eremit und Prediger. Durch seine Taten wie sein Auftreten – er baute verfallene Friedhöfe und Kirchlein wieder auf und predigte von Sünde und Erlösung – erwarb er sich den Respekt vieler der bäuerlichen sertanejos und den Ehrentitel Conselheiro – der Ratgeber. Ebenso erwarb er sich den Zorn der Amtskirche und das Mißtrauen der Behörden. 1893 zog sich Antonio mit einer noch kleinen Schar von Anhängern in einen Winkel des Sertâo Bahias zurück. Seine Wahl fiel auf den Weiler Canudos, etwa 400 km nordöstlich der Hauptstadt des Bundesstaates Bahia, Salvador gelegen, zwar im Fadenkreuz einiger regionaler Straßen, doch in unwegsamem, bergigem Gelände und abseits der einzigen Eisenbahn- und Telegraphenlinie im Nordwesten des Bundesstaates. Daß in Rio vier Jahre zuvor eine Koalition von Politikern und Militärs die Monarchie zu Fall gebracht und die Republik auf den Thron gesetzt hatte, hatten im Sertâo wahrscheinlich noch nicht einmal alle mitbekommen. Gesellschaftliche Veränderungen dort brachte der staatspolitische Umsturz nicht mit sich.
Die Bewegung von Canudos wurde bald zur regionalen und überregionalen Attraktion. Ein steter Strom armen Landvolks bewegte sich durch die Caatinga, die dornig-struppige Vegetation des Sertâo, auf den Ort zu. Innerhalb von drei Jahren schwoll Canudos auf viele tausend Bewohner an, eine Großstadt inmitten des von extensiver Viehwirtschaft und spärlicher Besiedelung gekennzeichneten Sertâo. So abgelegen und uninteressant die Gegend auch immer für die Eliten gewesen sein mochte, dieses Phänomen konnten sie nicht länger ignorieren. Nicht nur, weil der Conselheiro und sein Gefolge längst als kriminelle Vereinigung stigmatisiert waren, in die sich viele der gefürchtetsten Banditen der Region geflüchtet hätten (und sich, Zeitzeugen zufolge, alsbald vom Conselheiro bekehren ließen, ihre Sünden bereuten und hinfort dem Rauben und Morden abschwörten).

Canudos gegen die Großgrundbesitzer

Nicht nur, weil Canudos als „Unruhestifter“ zur strategischen Masse eines inneroligarchischen Konflikts um die Macht im Bundesstaat Bahia geworden war. Sondern vor allem, weil Canudos in der Tat den regionalen Eliten ein echtes Problem bereitete: Den Fazendeiros, den Großgrundbesitzern, liefen in Scharen die Arbeitskräfte weg, vor allem Menschen, die als Tagelöhner oder als kleine Viehhirten wenig zu verlieren hatten. Es machten sich aber auch solche nach Canudos auf, die über Besitz und Auskommen verfügten, Einzelne und ganze Familien, die Haus und Garten verkauften, um sich der Bewegung anzuschließen. Messianische Strömungen und religiöse Führer, die sie lenken, hat der Sertâo immer wieder gekannt; in dieser Region, die nach ihrer Kolonisierung und der „Pazifierung“, sprich Ausrottung der indianischen Ursprungsbevölkerung über Jahrhunderte kaum sozialen Wandel kannte, hat das „Mittelalter“ in der feudalen Besitz- und Machtstruktur ebenso wie in der mentalen Disposition noch lange nachgewirkt. Und manche dieser Bewegungen brachten die politisch-ökonomische Ordnung des Coronelismo durcheinander. Diese basiert darauf, daß die wenigen mit viel Land die vielen ohne Land nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch und juristisch kontrollieren, d.h. sie durch feudale Arbeitsverhältnisse und klientelistische Beziehungen an sich binden, die Gerichtsbarkeit über sie ausüben und sie als „Stimmvieh“ auf sich verpflichteten – sofern sie wählen durften, was in der Ersten Republik in Brasilien Analphabeten und damit 90 Prozent der Bevölkerung verwehrt war.
Die Repression konnte nicht ausbleiben. Auf „ordnungswidrige“ Massenbewegungen der einfachen Bevölkerung hatte der Sklavenhalterstaat Brasilien nie anders als repressive Antworten gegeben; „das Volk“ war formal-rhetorische Referenz, aber kein Gegenüber, mit dem man etwa verhandelt hätte.
Ein Polizeibataillon wird Ende 1896 ausgesandt, mit Canudos aufzuräumen. Ohne den Ort selbst zu erreichen, muß der Trupp bewaffneten Widerstand vergegenwärtigen, der sie zum Rückzug zwingt. Tote bleiben zurück, die meisten sind Conselheiristas, doch auch zehn Polizisten sind darunter. Einer zweiten, größeren Expedition, widerfährt das gleiche Schicksal. Die Aufregung ist groß, auch in der 2.000 Kilometer entfernten Bundeshauptstadt Rio de Janeiro. Ein Heer wird aufgestellt unter Führung eines berüchtigten Kriegshelden aus dem Krieg gegen Paraguay mit weit über tausend Soldaten und Polizisten, die dieses Mal auch Kanonen aus Kruppschen Schmieden mit sich führten. Canudos verteidigt sich mit Mitteln, die Jahrzehnte später unter dem Namen „Guerilla“ auf dem Kontinent berühmt werden. Die Arroganz der Küste gegenüber dem Hinterland mündet in einer erstaunlichen Ignoranz, und die Armee macht ungefähr alles falsch, was man für einen Krieg unter den logistisch-topographischen Gegebenheiten des Sertâo falsch machen konnte. Es gelingt den Soldaten nicht, den Verteidigungsring zu knacken. Als der berühmte Befehlshaber César höchst unnötigerweise ums Leben kommt, ist die Moral der Truppe gebrochen. Zum Schluß fliehen sie in Panik durch die Caatinga, verfolgt von den Conselheiristas. Der Rückzug gelingt nur mit Mühe.
Canudos, mittlerweile ein nationaler „Skandal“ erster Ordnung, forderte die Republik als selbsternannte brasilianische Moderne, existentiell heraus. „Canudos“ geriet zum diskursiven Ereignis, das die veröffentlichte Meinung vor allem im Jahr 1897 durchgängig beschäftigte. Das Gemeinwesen im Sertâo wurde spätestens nach der Niederlage der dritten Expedition diskursiv zum „von ausländischen Mächten unterstützten monarchistischen Aufstand“ aufgeblasen. Die Barbarei habe sich gegen die Zivilisation aufgelehnt, der Atavismus gegen die Moderne. Der Diskurs zu Canudos setzte sich in solchen Fundamentaloppositionen seinen Rahmen.

Vom „Sieg der Republik“ am 5. Oktober 1897…

Aus dem ganzen Land wurden Soldaten zusammengekratzt; Über 10.000 von ihnen, weit über die Hälfte der brasilianischen Streitkräfte, wurden zwischen April und Oktober 1897 in Canudos eingesetzt, dazu Unmengen an Waffen und Munition. Die „Niederschlagung des Aufstands“ übersetzte sich in einen Vernichtungskrieg, ein wochenlanges Massaker. Als Canudos am 5. Oktober, nach dreimonatiger Belagerung endlich fiel, waren nicht nur in den Ruinen der Stadt keine Überlebenden mehr zu finden. Auch von den männlichen Gefangenen sollte kaum einer überleben. Ihnen wurde, einer im kürzlichen beendeten Bürgerkrieg im südlichsten Bundesstaat Rio Grande do Sul aufgekommenen Mode folgend, die Kehle durchgeschnitten; passar gravata vermelha, die rote Krawatte anlegen, hieß es im Soldatenjargon.
Der „Sieg der Republik“ wurde enthusiastisch gefeiert. Es dauerte Monate, bis kritische Stimmen laut wurden, die die Grausamkeiten des Massakers und die Rolle der Sertanejos für Brasilien anfragten. Doch es dauerte fünf Jahre, bis das Bild von der Armee als heldenhafter Retterin der Nation einen den Diskurs drehenden Schlag erhielt. 1902 erschien „Os Sertôes“ des Ingenieurs Euclides da Cunha, der die Schlußphase des Krieges (allerdings nicht die allerletzten Tage) als Kriegsberichterstatter des O Estado de Sâo Paulo miterlebt hatte. Das Werk ging schon kurze Zeit nach seinem Erscheinen in die Liste der brasilianischen Literaturklassiker ein. Berthold Zilly, Dozent am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin, hat 1994 seine hervorragende Übersetzung („Krieg im Sertâo“) fertiggestellt. Os Sertôes beschreibt ausführlich in einer Mischung aus wissenschaftlicher Analyse und fiktionaler Erzählung die Region, ihre Bewohner und den Krieg von Canudos. Stark beeinflußt von positivistischen und darwinistischen Theorien, schildert da Cunha die Sertanejos von Canudos als Produkt ihrer Rassenmischung und ihrer geologischen, klimatischen und sozialen Umwelt. Das Ergebnis sei „Herkules-Quasimodo“, eine eigene Rasse geistig minderbemittelter und der Modernisierung letztlich unfähiger Menschen, rückständiges Volk im rückständigen Hinterland und dennoch stark, weil homogen, und deshalb wertvoll für die Entwicklung der brasilianischen Nation zum Besseren. Die Zukunft der Nation angesichts ihrer „gemischtrassigen“ Zusammensetzung war um die Jahrhundertwende eine Hauptsorge vieler brasilianischer Intellektueller, die sich beständig den europäischen Spiegel vorhielten. Das Buch endet mit einer Grossen Anklage an die Armee. Da Cunha bezichtigt sie des Verbrechens an den Sertanejos. Ausführlich schildert er die Degolamentos, die Abkehlungen der Gefangenen. Die Soldaten, resümiert er, hätten eine größere Barbarei begangen als die angeblichen Barbaren.
Canudos gehört zweifelsohne, wie der Präsident des Abgeordnetenhauses in Brasília bei der Eröffnung der Sondersitzung zum Zentenarium von Canudos am 21. Oktober 1993 feststellte, zu den „umstrittensten Episoden der ganzen Geschichte unseres Vaterlandes“.

…zum nationalen Trauma

Os Sertôes hat in Brasilien eine bis auf den heutigen Tag nachhaltige Wirkung verbreitet. Das Militär haßte es über Jahrzehnte, weil es die Kriegsverbrechen (und die Unfähigkeit) des Militärs anprangerte. Dutzende von Schriften aus der Feder von Offizieren sind erschienen, die alle belegen wollen, warum die „Fanatiker“ von Canudos damals die Republik bedrohten und deshalb mit Krieg überzogen werden mußten.
Die Historiker und Sozialwissenschafter liebten es, weil es ihnen scheinbar die Arbeit einer eigenen Forschung abnahm und sie über Generationen hinweg ihre Interpretationen zu Canudos immer wieder und immer nur mit Os Sertôes unterfütterten, statt die Quellen zu studieren.
Canudos ist eines der großen Traumata der Geschichte der brasilianischen Republik und einer der großen Mythen vor allem der brasilianischen Linken. In der Auseinandersetzung „Küste versus Hinterland“ gleich „Modernität versus Anachronismus“ sehen konservative Gruppen bis heute einen Fanatismus am Werk, der die Republik bedroht habe. Von anderer Seite ist Canudos als verwirklichte sozialrevolutionäre Utopie gekennzeichnet worden, die auf die Brechung der Macht des Großgrundbesitzes gezielt und in urkommunistischer Manier in reinem Gemeineigentum gelebt habe. Auch die linken Interpretationen gehen wohl an der Realität vorbei, ohne daß bis heute Klarheit herrschte über den Charakter der Gemeinde von Canudos. Die Quellenlage zum Internen von Canudos ist mehr als dürftig. Viel spricht jedoch dafür, daß das Leben in Canudos sich von dem anderer Orte im Sertâo nicht wesentlich unterschied. Nicht alle nahmen beständig am religiösen Leben teil. Nicht alle blieben bis zum Schluß, viele flohen vor dem Krieg. Ob der Ratgeber tatsächlich unumschränkte Autorität besaß oder nicht zunehmend die militärischen Führer die Zügel in die Hand nahmen, ist ungewiß. Gewißlich war Canudos nicht „demokratisch“ verfaßt. Es gab Privateigentum; auch die Häuser durften verkauft werden. Es gab einen regen Handel mit umliegenden Orten und Fazendeiros, deren Eigentum nicht angetastet wurde. Das Acker- und Weideland nutzten die Conselheiristas gemeinsam. Weideland in Gemeineigentum ist eine Tradition des Sertâo, und der Landkonflikt in der Region von Canudos heute besteht weniger darin, daß die einzelnen Familien Parzellen für sich fordern als darin, daß der Fundo de Pasto von Großgrundbesitzern nach und nach als Privateigentum reklamiert, eingezäunt und von Pistoleiros verteidigt wird. Dieses seit Generationen gemeinsam genutzte Weideland ist existentiell wichtig für die Haupteinnahmequelle der Gegend, die Ziegenzucht.
Religiöse Motive und nicht die Landfrage bewegten den Conselheiro und sein Gefolge. Dennoch war Canudos eine auch wirtschaftliche und gesellschaftlich Alternative. Die Bewegung wird heute in der Forschung als „sozio-religiös“ gekennzeichnet: Canudos, obwohl vom Conselheiro als religiöse Gemeinschaft gegründet, deren konservative Sündentheologie nichts „Befreiendes“ aufwies, prägte Züge eines gesellschaftlichen Gegenmodells aus. In Canudos wohnten viele ehemalige Sklaven; der Conselheiro war immer ein Gegner der Sklaverei gewesen. Es gibt Hinweise darauf, daß Indios in Canudos wohnten und mitkämpften. Es gab in der Tat keinen Großgrundbesitzer, keine Abgaben, keine Unterstellung unter seine Gerichtsbarkeit. Es gab ein System des Ausgleichs bei Gütern des Bedarfs; wer nicht selbst genug Nahrungsmittel produzieren konnte, dem wurde geholfen. Canudos, aus und auf Religion gegründet, verursachte erhebliche sozio-ökonomische Turbulenzen in der Gesellschaftsformation des Sertâo und repräsentierte für die gesamte brasilianische Elite ein Mikromodell einer politisch-ökonomischen Autarkie jenseits des elitär-autoritären Gesellschaft, das nicht hinzunehmen war.
Hinzu kommt: Im Krieg von Canudos kristallieren sich Grundkonflikte der brasilianischen Gesellschaft bis heute: Der zwischen den Großstädten an der Küste und den Dörfern des Hinterlands; die enorme Diskrepanz von Arm und Reich, die sich bis heute ungebrochen an der Frage der Verfügung über Land offenbart und Konflikte entzündet. Brasilien hat – aller Rhetorik zum Hohn – bis heute keine Agrarreform erlebt. Es kann daher nicht verwundern, wenn sich der MST, der Gewerkschaftsverband CUT oder die befreiungstheologisch orientierten Pastoralinstitutionen der katholischen Kirche schon seit vielen Jahren auf das vermeintlich sozialrevolutionäre Erbe des Conselheiro beziehen. Dieser wäre heute vermutlich kein Führungsmitglied, aber ein Sympathisant des MST.

„Canudos“ im Aufschwung

In Brasilien erlebt „Canudos“, immer verknüpft mit Euclides da Cunha und seinem Buch, im Zusammenhang des Doppeljubiläums 1893/97-1993/97 (Gründung/Zerstörung von Canudos) einen Aufschwung in der öffentlichen Aufmerksamkeit. Vor allem in diesem Jahr jagen sich die wissenschaftlichen Symposien, Debatten, Videovorführungen. Ein Kinofilm – die teuerste brasilianische Produktion aller Zeiten – ist gedreht worden. Im Sertâo hat die Landesuniversität von Bahia einen archäologischen Park angelegt, in dem die wichtigsten Kampfstätten in der Caatinga besichtigt werden können. Die Ruinen von Canudos selbst und das in ihnen neuentstandene, zweite Canudos sind hingegen Ende der 1960er Jahre in einem Staudamm versunken, den die Militärregierung anlegen ließ – ob aus rein topographischen Gründen oder um das kollektive Gedächtnis der Region zu ertränken, sei dahingestellt. Das dritte Canudos ist 1985 in den Rang einer Kommune aufgestiegen. Auf deren 3.000 Quadratkilometer wohnen etwa 14.000 Menschen. Dort verdient eine Schullehrerin oft weniger als einen Mindestlohn (ca. 180 DM monatlich). Außerhalb der Stadt Canudos haben viele der Bewohner weder Strom noch fließend Wasser. Die Straßen sind nicht asphaltiert, bei Regen sind die entlegeneren Weiler im Munizip abgeschnitten. In der Sozialindikatoren-Tabelle des nicht gerade hochentwickelten Bundesstaates Bahia rangiert die Kommune zwischen Platz 200 und Platz 360 – von 415 Munizipien. Der Park ist nur eine der Unternehmungen des „Centro de Estudos Euclides da Cunha“ der Landesuniversität, mit denen in Canudos die aktuelle soziale Situation verbessert und die Erinnerung an den Krieg und seine Bedeutung für die brasilianische Geschichte wachgehalten werden soll, zum Beispiel durch die Einrichung eines „Canudos-Hauses“ mit Bibliothek im heutigen Canudos. Lange Zeit redete im Sertâo aus Angst vor Repressalien niemand über den Krieg – eine Schwierigkeit, auf die die wenigen interessierten Forscher noch in den 50er und 60er Jahren stießen. Heute sind die, die als Kinder oder Enkel von überlebenden Conselheiristas noch die Geschichte erzählten, nahezu alle weggestorben. Die Jugend hört nicht mehr zu. Fernsehen und Videogame sind heute auch im Sertâo vitale Absauger oraler Traditionen. Nicht zur Pflege des steingewordenen kollektiven Gedächtnisses, sondern in der Hoffnung auf Touristen wird die Bar „Zum Conselheiro“ in Bendegó gerade renoviert. Dennoch ist die Existenz dieser – und anderer, ähnlich benannter- Kneipen ein Beleg für die Lebendigkeit des Mythos Canudos. Daß dieser Mythos unmittelbar anschlußfähig ist, stellten im Jubiläumsjahr 1993 zwei Spitzenpolitiker unter Beweis. Im Wahlkampf für die Präsidentenwahl zog der Spitzenkandidat der Arbeiterpartei PT, Lula da Silva, mit einer Karawane durchs Hinterland. In Canudos teilte Lula eigenhändig Brot unter den Menschen aus. Gebete wurden gesprochen und Lula rief, in überraschender Abwandlung des üblichen materialistischen Diskurses seiner sozialistischen Partei, den Menschen zu: „Das Rot der Fahne der PT ist das Blut von Jesus Christus am Kreuz.“ Auch der Soziologe Fernando Henrique Cardoso wußte, was der Mythos wert ist, und ließ es sich nicht nehmen, seine Wahlkampf tour durch Bahia in Canudos zu eröffnen. Er brachte kein Brot mit, sondern das Versprechen, auf der von Salvador kommenden Bundesstraße ein 80 km langes Teilstück bis nach Canudos zu asphaltieren. Das Versprechen auf Modernisierung gewann die Wahl gegen das Versprechen auf mehr soziale Gerechtigkeit. Canudos erhält – die Straße ist jetzt tatsächlich im Bau – seinen Asphalt und wartet weiter auf Landreform, eine funktionierende Justiz und Ärzte.

Krieg im Sertâo

Jenseits der politischen Konjunkturzyklen sind es vor allem Intellektuelle und Wissenschaftler, die sich für Canudos interessieren. Dieses Interesse ist nicht mehr auf Brasilien beschränkt. In den USA, wo bereits 1947 eine Übersetzung von Os Sertôes erschien, steht das Ereignis zumindest für die Studierenden der Latin American Studies auf dem Lehrplan. Vargas Llosas Canudos-Roman La Guerra del Fin del Mundo, 1981 erschienen1, sorgte auch anderswo für erste Kenntnisnahme. In Deutschland errang „Krieg im Sertâo“, passend zur Frankfurter „Brasilien“-Buchmesse 1994 erschienen, eine erstaunliche Aufmerksamkeit und viele Spalten in allen großen deutschsprachigen Feuilletons. 1995 wurde Canudos auf zwei Symposien im Berliner Haus der Kulturen thematisiert. Im Mai diesen Jahres schließlich veranstaltete das Zentrum Portugiesischsprachige Welt an der Kölner Universität den wohl bisher in Europa größten wissenschaftlichen Kongreß zu Canudos, mit 20 geladenenen Referentinnen und Referenten aus Brasilien, dazu aus Italien und Frankreich. Dieses Interesse ist zum einen sicherlich konjunkturell erzeugt von Buchmesse und Zentenarien. Doch hat dieses Interesse am Ereignis und seiner Interpretation durch Euclides wohl auch zu tun mit dem heutigen Faible für die Auflösung von Gattungsgrenzen, für die Genrewanderung zwischen Literatur und Wissenschaft, die da Cunha ja unternimmt.

Canudos ist überall

Es hat auch zu tun mit der erschreckenden Aktualität von Kriegen, die im Namen von „Rassen“ oder wie wir heute sagen „Ethnien“ geführt werden. Das hat zu tun mit der ambivalenten Modernitätseuphorie und Modernitätskritik, die da Cunhas Werk kennzeichnete und heute wieder den Zeitgeist. Die Frage etwa, ob die Barbarei als Entartung oder Wesensmerkmal der Moderne zu betrachten ist, führt – im Zusammenhang mit der Shoah – fortgesetzt zu erregten Debatten. Die Frage „Sind die Sertanejos Brasilianer und was heißt das für unsere Nation?“ stellt sich heute als die Frage nach der sogenannten „Identität“ Europas. Und sie stellt sich mit Vehemenz, wenn an den Hauptbahnhöfen Kerneuropas massenhaft zerlumpte Gestalten auftauchen, die fatal an die Bilder aus der Dritten Welt erinnern, aber darauf pochen, als Rumänen oder Ukrainer zu „uns“ zu gehören. Der jugoslawische Bürgerkrieg schließlich hat endgültig die Illusion zerstört, im Herzen der europäischen Zivilisation sei die Barbarei besiegt. Über den europäischen Rand hinausgespäht, geraten, während alles über Globalisierung redet, unentwegt Retribalisierungen in den Blick, politisch-geographische Sezessionen, ethnisch begründet, ökonomisch schwachsinnig, fundamentalistisch verteidigt. Und schon heben jene den Finger, die vom Kampf der Kulturen als dem Konfliktmuster der Zukunft reden.
Ähnlich wie die irritierten Beobachter heute fragte da Cunha Ende des letzten Jahrhunderts, ob die Bewegung von Canudos unter die Opfer eines Modernisierungsprojektes zu zählen sei. Canudos repräsentierte eine fragmentierte Identität, die sich religiös begriff und sich gesellschaftlich vollzog. Damit geriet sie in Gegensatz zur in Konstruktion befindlichen „nationalen Identität“ Brasiliens. Diese wurde den Leuten in Canudos deshalb auch konsequent verweigert; sie galten auf dem Höhepunkt des Krieges der öffentlichen Meinung nicht als „Brasilianer“, sondern irgendwie als „Ausländer“. Im Hirngespinst der ausländischen Kriegsberater und Wafffenlieferanten, die Canudos gehabt haben soll, fand dieser Diskurs sein Spielbein.
Euclides da Cunha analysierte ein Ereignis, das er in den Zusammenhang des Konfliktes Zivilisation versus Barbarei eingestellt sah. Und er entdeckte, daß die Barbarei auch auf Seiten der Zivilisation heftig wuchert. Die Europäer sind mit der Erkenntnis konfrontiert, daß ihre Barbarei nicht zu den historischen Akten gezählt werden kann. Tatsächlich helfen die Kategorien Zivilisation und Barbarei weder heute noch damals sonderlich weiter. Aber Canudos liefert uns Europäern des späten zwanzigsten Jahrhunderts ein Beispiel dafür, daß die Bestrebungen des modernen Nationalstaats zur Standardisierung und Homogenisierung nicht nur von Gesetzen und Industrienormen, sondern auch von „Identitäten“ als Zuschreibungen, von gesellschaftlichen Verhaltens- und politischen Sichtweisen ein universelles Phänomen ist, das den Sertâo Bahias mit Berlin verbindet.

1 Euclides da Cunha, „Krieg im Sertâo“. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Berthold Zilly, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1994.
2 Auf Deutsch erschienen als Mario Vargas Llosa, „Der Krieg am Ende der Welt“, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1987

Yacyretá auf dem Prüfstand?

Der Yacyretá-Staudamm ist mit 2700 Megawatt geplanter Stromleistung einer der größten Staudämme der Welt. In den siebziger Jahren entworfen und seit 1983 im Bau sollte das Projekt am Rio Paraná mit der argentinischen Stadt Posadas auf der einen Seite des Flusses und dem paraguayischen Ort En­car­nación auf der anderen 2,6 Mil­liarden US-Dollar kosten. Mitt­ler­weile liegen die Kosten des als „Denkmal der Kor­rup­tion“ be­kannt gewor­denen Dam­mes bei über acht Mil­liar­den US-Dol­lar.
Ginge es nach den beiden Regierungen, würden Damm und Kraftwerk privatisiert und der Wasserspiegel auf das geplante Endniveau von 83 Meter über dem Meeresspiegel angehoben – in den Augen der NROs eine Katastrophe. Die Umsiedlung von über 34.000 der 50.000 Menschen droht dann endgültig. Betroffene des Projektes und NRO hatten sich in den vergan­genen Jahren immer wieder an die beiden Banken, die Be­trei­bergesellschaft Entidad Bina­cio­nal Yacyretá und die Re­gie­run­gen gewandt und auf fehlende Kom­pensationen, Ver­treibung und ökologische Folgen auf­merk­sam gemacht.
Nachdem die Weltbank 1993 ihr Beschwerdepanel eingerichtet hatte, und die IDB mit einem so­ge­nannten Beschwer­de­me­cha­nis­mus folgte, war im September 1994 der Zeitpunkt gekommen. So­bre­vi­vencia legte den Banken in Vertretung mehrerer Be­trof­fe­ner eine ausführliche Be­schwer­de vor, in der sie auf­zeigte, wel­che Richtlinien die Banken bei der Durchführung des Pro­jek­tes verletzt haben.

Land unter

Die Liste ist lang und umfaßt die Bereiche Zwangs­um­sied­lun­gen, Umweltverträglichkeit, In­di­gene Völker, Kultur und nicht zu­letzt Beobachtung und Prü­fung des Projektes. So hatte bei­spiels­weise das mangelnde Ab­räumen der Vegetation vor der er­sten Flutung und ungeklärte Ab­wässer das See- und Grund­wasser verseucht.
Obwohl die Um­sied­lungs­richt­linie der Welt­bank vorsieht, daß Zwangs­um­sied­lerInnen nach der Maßnahme min­destens das glei­che Ein­kom­mens­niveau er­rei­chen wie vor­her, haben Tau­sende ihre Jobs ver­loren oder Ein­kommens­ein­ bu­ßen erlitten, ganz abgesehen von den zer­stör­ten Sozial­struk­tu­ren. Die über tau­send Kera­mik­ar­beiter der Ge­gend verloren ihr Arbeits­ma­te­rial, den Ton: im Was­ser ver­sun­ken. Andere verlo­ren Kunden oder hatten durch grö­ßere Entfer­nun­gen zu Ar­beits­platz und Schul­ort unvor­hergesehene Ko­sten, so daß auch mal der Schul­be­such eines Kin­des eingestellt werden mußte.
Während auf der Seite der Entschädigung offensichtlich ge­knausert wurde, investierten die Banken auf der anderen Seite aberwitzige Summen für frag­wür­dige Einrichtungen. Eine Fisch­leiter, die den aufwärts wan­dernden Fischen eine Hilfe sein sollte, kostete 30 Millionen US-Dollar und hat laut So­bre­vi­ven­cia kaum etwas be­wirkt. Erstens wurde die Leiter nur be­trieben, wenn Bankbesuch an­stand, zweitens erfassen solche Lei­tern nur Bruchteile der Fischmengen und drittens mi­grieren viele Fischarten den Paraná nicht nur hinauf, sondern auch hinunter – im Gegensatz zu den Fischen des nordamerikani­schen Columbia River, der als Vorbild gedient hatte. Strö­mungs­veränderungen, Was­ser­ver­schmutzung und man­geln­de Wan­dermöglichkeiten zeigten Wir­kung:
Die Anzahl der Fisch­arten und ihr Reichtum gingen zurück. In ihrer Schlußfolgerung for­der­ten die Kläger die Banken auf, die Verantwortlichen zu iden­ti­fi­zie­ren und einen Wei­ter­bau bzw. die Privatisierung so­lan­ge zu stop­pen, bis die Not­wen­digkeit nach­gewiesen und ein verant­wor­tungsvoller Um­gang mit Mensch und Natur ge­währ­leistet ist.

Beschwerde auf Umwegen

Die Weltbank reagierte unge­halten: Das Projekt sei ökono­misch sinnvoll und man habe sich kaum etwas vorzuwerfen. Wie in dem Beschwerdeprozeß bei der Weltbank üblich, wurden Klage, Verteidigung und erste Un­tersuchung mit einer Em­pfeh­lung des Beschwerdepanels dem Exe­kutivdirektorium zur Ent­schei­dung vorgelegt.
Erst lange Dis­kussionen und viel Über­zeu­gungs­arbeit brach­ten die hier ge­bil­deten klas­si­schen Lager der nörd­lichen und süd­lichen Re­gie­rungs­ver­tre­te­rIn­nen zu ei­nem Kon­sens. Im Fe­bru­ar 1997 haben die Exe­ku­tiv­di­rektoren der Welt­bank eine Prü­fung des Yacyretá-Stau­damm durch das welt­bank­ei­ge­ne In­spec­tion Pa­nel be­für­wor­tet, und da­mit auch die Inter­ame­ri­ka­ni­sche Ent­wick­lungs­bank massiv un­ter Druck gesetzt. Die­se hatte zwar nach der Ein­rich­tung des Welt­bank-Be­schwerdepanels 1993 flugs nach­ge­zogen, aber daß dieser nun tat­sächlich gefor­dert wurde, traf auf Un­willen.
Mit der end­gültigen Ein­wil­li­gung zu einer Unter­su­chung wird das erste Mal ein Mega­projekt der Ent­wick­lungs­hil­fe, an dem zwei Länder und zwei Banken be­tei­ligt sind, kurz vor seiner Fer­tigstellung un­ter­sucht. Damit, daß die Be­schwer­de­kommission die kleinen und großen Schwä­chen der Bank, der Be­treiber und der Regierungen bei der Prüfung nicht durchge­hen­lassen wird, kann gerechnet wer­den. Bei der Prü­fung eines ge­planten Stau­dam­mes in Nepal hat­te das ver­nich­tende Urteil der Kom­mission da­zu beigetragen, daß der Damm nicht gebaut wur­de. Eine Be­suchs­mission in das Pro­jekt­ge­biet wird nun in Kürze starten.

Open end

Der Endbericht der Unter­su­chung ökologischer und so­zialer Probleme und Vorschläge für adä­quate Maßnahmen wird für den 31. August erwartet. Mit die­ser ge­schickten Formulierung bleibt allerdings offen, ob die IDB tatsächlich die Erfüllung der ei­genen Richtlinien aufs Korn nimmt, geschweige denn, in­wie­weit sie für nachweisbare feh­len­de Kompensationen die Ver­ant­wor­tung übernimmt.
Die Argumentation des Ma­nage­ments gegenüber diesem er­sten „Fall“ des Beschwerde­me­cha­nismus und der Ver­ant­wor­tung ist simpel: Als das Projekt An­fang der acht­ziger Jahre in An­griff genommen wurde, exi­stierten die meisten Richtlinien noch gar nicht, also sei man auch nicht zur Einhaltung verpflichtet. So­bre­vivencia hält dagegen, daß das allerdings kein Grund ist, nicht die Verantwortung für Feh­ler zu übernehmen und Schlim­me­res zu verhindern.
Wie die Untersuchungen nun aus­gehen werden, hängt von vielen Faktoren ab, schließlich sind die Ergebnisse der beiden Prüf­gruppen ein Politikum. Ei­ner­seits ist die IDB die größte Kreditgeberin in Lateinamerika und damit ein wichtiger Partner der Weltbank. Sie ist aber auch eine im Gegensatz zur Weltbank vom „Süden“ dominierte Bank, in der gerade Argentinien eine wich­tige Rolle spielt.
Eine ver­nichtende Kritik durch das ei­gene Panel wird die Bank nicht akzeptieren, anderer­seits muß das Ergebnis ernstzu­nehmend sein, will man hinter der Welt­bank nicht zurückste­hen. Für die­se spielen noch an­dere As­pek­te eine Rolle: Welt­bank­präsident Wol­fensohn will Leichen aus dem Keller ho­len und der Bank ein besseres Image verschaffen. Die Mitglieder der Prüfgruppen wer­den sich einer­seits pro­fi­lie­ren, anderseits wird ein zu weites Herauslehnen auch zu zukünfti­gen Knebeln führen. Viel wird also davon abhängen, wie die NROs den Prozeß be­gleiten und be­werten und wie die Öf­fent­lich­keit in Argentinien und Para­guay, aber auch in allen anderen Mit­gliedsländern beider Banken den Fall bewerten.
Für die NROs ist jetzt erst ein­mal wichtig, daß der Prüf­me­cha­nis­mus der IDB ein­mal in Gang kommt. Das Bei­spiel Ya­cy­retá, so ist zu hof­fen, wird in der Region Schule ma­chen und Be­troffenen von Ent­wick­lungs­hil­feprojekten (wie­der) Mut, sich gegen die Projekte zu weh­ren, auch wenn es spät er­scheint. Un­ter­stützung finden sie da­für bei dem Netzwerk Red Ban­cos, ei­nem Zusammenschluß von NROs al­ler Couleur in der Re­gion mit der Zielsetzung, das Ver­halten von IDB und Welt­bank in La­teinamerika zu be­o­bach­ten.
Für deutsche NROs stellt sich die Frage, obwohl oder ge­rade weil die deutschen Ver­tre­ter in den Banken (Liptau in der IDB und Schaffer in der Welt­bank) sich in schon fast vor­bild­haft zu nennender Weise für die Überprüfung eingesetzt ha­ben, wann eigentlich die bila­te­ra­le Hilfe eine unabhängige An­lauf­stelle für Beschwerden ein­rich­tet – Problemprojekte gibt es wohl genug.

Globale Kungelei am Biobío

Der Biobío-Fluß, etwa 500 Kilometer südlich von Santiago gelegen, soll durch sechs Staudämme zu einem der wichtigsten Stromlieferanten des Landes werden (vgl. LN 235). Auftraggeber der Wasserkraftwerke ist ENDESA, eine 1989 privatisierte Elektrizitätsfirma, die quasi monopolistisch die gesamte chilenische Stromerzeugung und -verteilung kontrolliert. Ihr gelang es 1991, sowohl die Genehmigung für „Central Pangue“, den ersten Staudamm, als auch die Finanzierung durch die Weltbank und europäische Geldgeber zu regeln. Von den insgesamt etwa 470 Millionen US-Dollar Baukosten übernimmt die Weltbank-Tochter IFC (International Finance Corporation) 70 Millionen. Schweden und Norwegen sind mit 28 beziehungsweise 14 Millionen dabei, zehn europäische Banken mit weiteren 100 Millionen. AEG liefert technische Ausrüstung im Wert von 7,72 Millionen. Für 6,56 Millionen davon gibt die Bundesregierung eine Hermes-Bürgschaft; das bedeutet, daß im Falle der Zahlungsunfähigkeit von ENDESA der Betrag aus dem Bundessäckel bezahlt wird.
Ohne juristische Tricks ging das Genehmigungsverfahren nicht ab. Üblicherweise sind bei Finanzierungen durch die IFC Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP) erforderlich, und zwar immer dann, wenn es sich um Großprojekte handelt. ENDESA gab jedoch „Central Pangue“ 1991 noch als Einzelprojekt aus und konnte so die hinderliche UVP umgehen. Zu diesem Zeitpunkt lagen allerdings die Pläne für fünf weitere Staudämme am Biobío schon in den Schubladen. Ein klarer Rechtsbruch, um den es jetzt bei den Aktivitäten der StaudammgegnerInnen vor allem geht.

Kungelei bei den UVPs

Die Umweltverträglichkeitsprüfungen sind keine bloße Formsache: werden einem Projekt zu scherwiegende Umweltfolgen bescheinigt, kann daran das ganze Unternehmen scheitern. Die für den zweiten Staudamm „Ralco“ nunmehr durchzuführende UVP ist zur Zeit in der Diskussion. Eine erste UVP fiel negativ aus und das Projekt schien zu scheitern. Jetzt wird allerdings eine neue UVP erstellt und zu Recht befürchten die StaudammkritikerInnen, daß diese durch die Kungelei zwischen den ausschlaggebenden wirtschaftlichen und politischen Kreisen positiv für ENDESA ausfallen wird.
675 Personen, davon 445 Indígenas, die den Pehuenche angehören, sind durch Umsiedelungen direkt vom Staudammprojekt „Ralco“ betroffen. Etwa 80 Prozent der BewohnerInnen haben ein Entschädigungsangebot von ENDESA bereits akzeptiert und entschieden, ihr Land zu verlassen. Da die Region zu den ärmsten des Landes gehört, werden die Entschädigungszusagen ein wesentliches Argument für diese Entscheidung gewesen sein. Aber von ENDESA soll auch schon behauptet worden sein, daß der Bau des zweiten Staudammes bereits beschlossen sei, was nicht der Wahrheit entspricht. Nach dem umstrittenen und nach vielen Widerständen durchgesetzten Bau des ersten Staudammes „Pangue“ sieht es nun so aus, als ob Umweltschutzgesetze und Indígena-Rechte gegen den Großkonzern nicht durchzusetzen wären. Nur noch ein Fünftel der BewohnerInnen, Tendenz fallend, ist sich sicher, daß sie ihre Rechte durchsetzen und unter allen Umständen auf ihrem Land bleiben wollen. Sie werden dabei von verschiedenen NGO’s unterstützt, vor allem vom Grupo de la acción por el Biobío (GABB), der seit 1991 gegen das Großprojekt arbeitet.

Bau trotz enormer Umweltschäden

Aber nicht nur die Pehuenche sind vom Staudammbau betroffen, sondern eben auch für die Umwelt sind gravierende Folgeschäden zu erwarten. Einige Pflanzenarten sind in dem Gebiet, das überflutet werden soll, einzigartig. Die von ENDESA versprochene Ökostation, in der alle vorkommenden Pflanzenarten dokumentiert und bewahrt werden sollen, ist kein Ersatz für die ursprüngliche Vielfalt. Aber die Folgeschäden reichen über das unmittelbare Staugebiet hinaus. Die angestauten Wassermassen werden den Fluß in ein vorwiegend stehendes Gewässer verwandeln. Der Sauerstoffgehalt nimmt dadurch ab, Sedimente und Minerale werden von den Staumauern zurückgehalten. Der Biobío mündet in den Golf von Arauco, der als Fischereigebiet für Chile von enormer Bedeutung ist. Der Nährstoffgehalt des Golfes wird durch den verminderten Eintrag des Biobío stark reduziert werden.
Ende 1995 wurde von den Pehuenche und NGO’s eine Klage beim Beschwerdebüro (Inspection Panel) der Weltbank gegen die IFC eingereicht, weil die bankinternen Vorschriften beim „Pangue“-Staudamm nicht eingehalten worden sind. Die Klage wurde zunächst mit der Begründung zurückgewiesen, daß das Inspection Panel für die IFC nicht zuständig sei, und erst bei weiterem Insistieren durch den GABB versprach Weltbank-Chef James D. Wolfensohn im Sommer 1996, sich persönlich für den Fall einzusetzen. Wolfensohn beauftragte Dr. Jay Hair als unabhängigen Berater, untersuchen zu lassen, ob Umsiedelungs- oder Umweltschutzvorschriften verletzt worden sind. Das Ergebnis ist entscheidend für die Planung und den Bau weiterer Stauelemente. Es wird jedoch noch geheimgehalten.
Bisher ist demnach auch nicht klar, welche Konsequenzen aus dem Gutachten gezogen werden. Daß Kredite für „Pangue“ durch Umgehung von Vorschriften bewilligt wurden, zeichnet sich bereits ab, auch wenn der volle Wortlaut noch nicht bekannt ist. Fakt ist hingegen, daß am Biobío gebaut wird und Tatsachen geschaffen werden, deren Ungesetzlichkeit im nachhinein lediglich festgestellt werden kann. Die Schäden werden davon nicht kleiner.
Studien (siehe Anm.) belegen, daß es zur Stromgewinnung aus den Wasserkraftwerken Alternativen gibt: Zum einen könnte Gas aus Argentinien importiert werden, zum anderen ließe sich durch Effizienzsteigerung langfristig achtmal so viel Energie einsparen, wie ein Staudamm in der Größe von „Ralco“ produzieren würde.

Anmerkung: Die erwähnten Studien stammen vom „Consejo de Defensa de los Recursos Naturales“ (NRDC, ansässig in den USA), dem „Programa de Investigaciones en Energía de la Universidad de Chile“ (PRIEN) und dem „Instituto Internacional para Conservación de Energía“ (IIEC).

Der tägliche Hindernislauf

Bei den Barrios der vene­zo­la­ni­schen Hauptstadt handelt es sich um illegale oder ge­dul­dete, in Selbst­hilfe ent­standene Spon­tan­siedlungen; aus anderen Län­dern auch als Fa­ve­las oder Barriadas bekannt. Von den schätzungs­weise fünf Millionen Ein­woh­nerInnen von Ca­racas le­ben über 70 Prozent in den Barrios, die sich vor allem an den umliegenden Hü­geln empor­zie­hen.
Das Stadtbild spie­gelt die so­ziale Entwicklung. Die seit den 80er Jahren anhaltende Wirt­schafts­re­zession sowie die Um­setzung des ri­gorosen IWF-Spar­programmes führte zu einer Verschärfung der extremen Ein­kommens­gegensätze innerhalb der ve­ne­zolanischen Ge­sell­schaft, die Massenarmut wuchs. Laut Jahres­berichtes der Men­schen­rechtsorganisation PROVEA (Programa Venezo­lana de Educación – Acción en Derechos Hu­manos) lebten 1991 79 Prozent der venezolanischen Be­völkerung in Armut, das heißt, hatten ein mo­natliches Einkom­men von weniger als 21.000 Bo­livar (1992: ca. 420 DM). Davon lebten 43 Prozent in kritischer Ar­mut mit einem Monatsein­kommen unter 12.000 Bo­livar.
Besonders in der Hauptstadt wird die rasche Ver­armung eines Groß­teils der Be­völkerung und die Zunahme der so­zialen und wirt­schaftlichen Ge­gensätze deutlich. Dies zeigt sich schon in dem äußerst kon­trastreichen Stadtbild: Während sich im durch die Tallage be­grenz­ten, geographisch günstigen Gelände vorwiegend mittelständische Ge­schäftszentren und Appartment­häu­ser der oberen Ein­kommens­schich­ten befinden, müssen die ein­kommensschwächeren Schichten auf die geographisch un­günstigen Rand­lagen auswei­chen.
Colinas de Palo Grande: Ein Barrio entsteht
Die soziale und techni­sche In­fra­struktur eines Barrios entsteht meistens in zwei Etappen: In der ersten Phase, nach der Besetzung ei­nes Grund­stückes, erfolgt der Bau proviso­rischer Hütten, in­di­viduelle Zu­gangsmöglichkeiten werden an­gelegt, Strom wird von den Lei­tungen des Nach­bar­barrios an­ge­zapft und Wasser in Be­hältern von einem Tankwagen geholt. Erst in der zweiten Phase, die mit der Gründung einer Nach­bar­schaftsorganisation und der Le­galisierung des Barrios in Form von Registrierung durch die Stadt­verwaltung be­ginnt, kommt es nach und nach zur Er­stellung ge­meinschaftsbezogener Einrichtungen, zum Beispiel den Bau einer pro­visorischen Stra­ßentrasse, so­wie zum An­schluß an die öffentliche In­fra­struktur. Theo­retisch liegt die Zuständig­keit für Errichtung, Er­haltungs- und Instandsetzungs­maßnahmen ab diesem Zeitpunkt bei der Stadt­verwaltung, be­zie­hungsweise bei den von ihr be­auftragten Pri­vatfirmen. In der Realität jedoch beschränkt sich die offizielle Unterstützung haupt­sächlich auf die aufwendi­gen Elemente der Ba­sisinfra­struktur, wie zum Beispiel den Bau von Wasser­pumpstationen und das Verlegen der Haupt­wasser- und Strom­leitungen. Der Großteil der Arbeiten muß von den BewohnerInnen selbst in Ge­meinschaftsarbeit geleistet wer­den. Dafür erhalten sie teil­weise staatliche Zu­schüsse für die Baumaterialien, in der Regel je­doch keinerlei Ar­beits­entloh­nung oder technische Un­ter­stützung. Auf diese Weise ist im Laufe von zehn Jahren das Barrio Coli­nas de Palo Grande entstanden.
Die ersten Hütten werden pro­vi­sorisch aus Ab­fallmateria­lien wie z.B. Karton und Span­platten gebaut. Sobald Geld und Bau­materialien vor­han­den sind, werden diese Pro­visorien durch Backsteine, Beton und Eisenträ­ger ersetzt und nach und nach auf­gestockt. In Colinas de Palo Grande überwiegen inzwischen solide Backsteinhäuser mit zwei bis drei Stockwerken. Lediglich an den Rändern des Barrios sind noch einfache ranchos zu sehen. Es handelt sich – wie alle älteren Barrios- um ein barrio con­solidado (gefestigtes barrio).
Die Häuser: Von Karton zu Beton
Infolge bau­technischer Fehler ergeben sich Ge­fahren für die Be­wohnerInnen. Sowohl durch den Bau auf instabilem Unter­grund, zum Beispiel auf ober- und unterirdisch verlegten Wasser­rinnen oder ero­sionsge­fährdeten Böden mit starker Hangneigung (durch­schnittlich 40 Prozent) als auch durch tech­nisch mangelhafte Baumateria­lien kann es zum Ab­rutschen und Sak­ken der Häuser kommen. De­ren Fundamente sind größtenteils weder vor Unterspülung durch unter­irdisches Hang­zugswasser oder den Wasseraustritt defekter Leitungen geschützt, noch haben sie aus­reichende Sta­bilität für eine spätere Auf­stockung. Durch die extrem ver­dichtete Bauweise potenzieren sich diese Probleme, da die Häuser direkt aneinander gebaut werden und die Stabilität der oberen Häuser oft von der Trag­fähigkeit der hang­abwärts lie­genden abhängt. Diese Bau­weise sowie der Mangel an ge­eigneten Bau­materialien sind auch die Ursachen für Licht­man­gel, Feuchtigkeit und unzurei­chende Durch­lüftung im Inneren der Häuser.
Beschwerliche Wege trotz asphaltierter Hauptstraße
Die Erschließung von Colinas de Palo Grande ist auf eine as­phal­tierte Hauptstraße be­schränkt, von der einige Stich­straßen und ring­förmige Neben­straßen abzweigen. Im Vergleich zu anderen Barrios, die größten­teils nur durch ein Treppen- und We­ge­netz erschlossen sind, ist die Situation in Colinas daher verhältnismäßig gut. Der Zu­stand der Straßen ist allerdings an ei­nigen Stellen sehr schlecht.
Hervorgerufen werden die Schäden entweder durch unterir­disch ver­laufendes Hang­zugs­wasser, undichte Wasser- oder Abwasser­leitungen, Aus­spü­lun­gen bei starken Regen­fällen oder unge­nügende Verdich­tung des Un-tergrundes beim Straßenbau.
Das Treppen- und Wegenetz erreicht durch die zahl-reichen von den BewohnerInnen selbst angelegten Zugänge zwar alle Häuser. Der Weg von der Straße aus ist jedoch für viele von ihnen lang und be­schwerlich. In an­de­ren Barrios errechnete man einen Höhen­unterschied um bis zu 50 Stockwerken eines Hochhauses.
Die Treppen befinden sich oft vollständig oder in Teilen in sehr schlechtem Zustand. Häufig fühlen sich weder die Anwohner­Innen noch die Stadt­verwaltung für die Säuberung oder Un­ter­haltung der Treppen und Wege zuständig, was im Extremfall bis zur Unbenutzbarkeit durch Müll- oder Schlammfluten nach star­ken Re­gen­fällen oder zu Schäden der We-gedecke führt.
Tägliche Warteschlangen an den Haltestellen
Die Route der Sammeltaxis in Colinas de Palo Grande bleibt auf die Hauptstraße beschränkt, da die Nebenstraßen selbst für die vierrad-an­ge­trie­benen Jeeps an vielen Stellen zu steil und kurvenreich sind. Versorgungs- und Lieferfahrzeuge erreichen höchstens die Hauptstraße, Not­fallfahrzeuge kommen nicht ins Barrio.
Da es zu wenig Jeeps gibt, kommt es besonders mor­gens und abends zu Wartezeiten von ein bis zwei Stunden. Die Warte­schlangen am Redoma de Ruiz Pineda, dem Ver­kehrsknoten­punkt am Fuße des Barrio-Hü­gels, ge­hören zum täglichen Bild und werden in der Regel mit er­staunlicher Ruhe hin­ge­nommen. Muß die Fahrt noch mit ver­schiedenen Verkehrs­mitteln bis ins Zentrum von Ca­racas fortge­setzt werden, sum­miert sich die Fahrzeit oft auf zwei bis drei Stunden. Um das Warten abzukürzen, ver­such­en einige Leute Jeeps zu chartern oder be­freundete Fahrer zu Sonder-fahr­ten zu bewegen, was oft auch gelingt, die regulären Wartezei­ten jedoch noch ver­län­gert.
Da für jedes Transportmittel extra bezahlt werden muß, ist das Verlassen des Barrios für viele BewohnerInnen nur selten mög­lich. Die Fahrt ins Zentrum er­folgt meist nur zur Arbeit, even­tuell in die Schule oder für be­sondere Ein­käufe. Veranstal­tungs­be­suche oder ähn­liches sind eher Ausnahmen.
Anzapfen des öffentlichen Stromnetzes
In einigen rela­tiv neu ent-stan­denen oder un­günstig gele-genen Gebieten von Colinas so­wie im angrenzenden Barrio Pe­dro Ca­mejo besteht bis­lang kein An­schluß an das öffentliche Strom­netz. Dort wird entweder Strom vom Nachbarhaus bezo­gen oder die nächst­gelegene Leitung am Strommasten ange­zapft. Diese Praxis führt zum Beispiel an der Grenze zu Pedro Camejo zu einem unüberschau­baren Kabelgewirr, dessen Ge­fähr­lich­keit durch Mutproben von Jugendlichen, die die Strom­masten zum Klettern be­nutzen, gesteigert wird. Von Zeit zu Zeit kappt die zuständige Firma die illegalen Leitungen. Den Be­wohnerInnen bleibt je­doch aus Mangel an Alternativen zunächst keine an­dere Wahl, als die pro­visorischen, zum Teil le­bens­gefährlichen An­schlüsse so oft wiederherzustellen, bis die Strom­versorgung durch die Stadt­ver­wal­tung ein­ge­richtet wird. Da­rauf müssen sie jedoch meist jahre­lang warten.
Die Müllabfuhr, bis 1989 von der staatlichen In­sti­tution IMAU (Instituto de Aseo Urbano para el AMC) durchgeführt, ist zwi­schen­zeitlich für das gesamte Stadt­gebiet von Caracas in die Hände von vier Privatfirmen übergegangen. In den Barrios werden auf Antrag der Bewohner­Innen zentrale Con­tainer zu Verfügung ge­stellt, die im Ge­gensatz zu den Containern in den Appartmentgebieten nicht ko­sten­pflichtig sind. Die Müll­fahr­zeuge kommen in der Regel zweimal wö­chentlich. Die An­zahl der auf­gestellten Con­tainer und deren Leerungsturnus rei­chen für das Müllaufkommen der ständig wachsenden Be­wohnerInnenzahl bei weitem nicht aus. Es ist auch zu beob­achten, daß für Kinder, die hauptsächlich zum Müllweg­brin­gen geschickt werden, die Con­tainer zu hoch sind, und von ih­nen deshalb nicht benutzt wer­den können. Oft ist an der ver­schmutzten Um­gebung der Con­tainer auch die unvollstän­dige oder un­regelmäßige Leerung schuld. Die Müllfahr­zeuge sind häufig kaputt oder schon auf halber Strecke voll. Brennende oder schwelende Container wer­den nicht geleert.
Wilde Müllkippen und Recyclingprojekte
Die Route der Wagen bleibt auf die Hauptstraße beschränkt, wo-durch der Weg bis zum öf­fentlichen Container für die Bar­rio-Leute oft extrem lang und beschwerlich ist. Hinzu kommt das mangelnde Bewußtsein der Bevölkerung für das Müllpro­blem. Beides führt dazu, daß der Abfall oft schon an der nächsten Ecke, auf einem ungenutzten Stück am Wegrand, einem Nach-bargrundstück, in der näch­sten Wasserrinne oder an einem Ab­hang entsorgt wird. Durch diese Praxis entstehen un­zählige wilde Müll­kippen.

Es kommt zur Übertragung von Krankheiten durch Herum­wühlen oder Spielen der Kinder im Müll sowie durch Hunde, Fliegen, Insekten und Ratten, die sich zahlreich vermehren. Durch angezündeten Müll entstehen starke Geruchsbelästigungen und schädliche Rauchentwicklung für die An­wohner­Innen. Bei starken Regen­fällen verstopfen Müllflu­ten die Straßen und Ab­wasser­kanäle, die dann oft unbenutzbar werden. Ver­sik­kernde flüssige Stoffe ver­schmutzen das Grund­wasser, und durch die Zer­störung der Vege­tation im Bereich der wilden Müll­kippen kommt es zu groß­flächigen Erosionen.
Andererseits gibt es aber auch einige Wieder­ver­wertungsan­sätze:
Ziemlich gut funktioniert das Sammeln von Aluminium-Do­sen, für die von einigen Unter­nehmen ein relativ hoher Preis bezahlt wird. Die Anzahl der Recycling-Firmen ist im Stadt­gebiet von Caracas jedoch noch sehr gering. In Colinas werden Aluminiumdosen re­gelmäßig von Kindern gesammelt, die da­für ein Taschengeld bekommen. Sie wer­den bei einem Barrio-Bewohner ab­gegeben und von diesem selbst zum Weiterverkauf weggefahren. Andere Ab­fall­pro­dukte wer-den von den Leuten selbst ei­ner vielseitigen und ein­fallsreichen Wieder­verwertung zugeführt: Leere Dosen dienen oft als Blumentöpfe oder Waschgefäße, Zeitungspapier er­setzt das Toilettenpapier, Holz- und Me-tallreste werden zum Bauen benutzt. Die Verwendung organischer Abfälle zur Kompo­stierung wäre sicher wün­schenswert, ist jedoch im Barrio aufgrund von Platzmangel nur bedingt möglich. Ein von einer Nichtregierungsorganisation vor-geschlagenes Altpapier­sammel­projekt erwies sich als reali­tätsfern, da das we­nige Papier, das im Barrio an­fällt, haupt­sächlich als Toiletten­papier ver­wendet wird.
Der chronische Wassernot­stand
Die Wasserversorgung ist derzeit wohl das gravierendste Problem in Colinas. Obwohl die Mehrzahl der Haushalte an die öffentliche Versorgung ange­schlossen ist, wird nur alle 8-14 Tage für einige Stunden Wasser ins Barrio gepumpt. Daher ist der Tag, an dem das Wasser kommt, stets mit einem Ausnahmezu­stand zu vergleichen. Während dieser Zeit ist das ganze Barrio auf den Beinen: Solange das Wasser läuft, wird Wäsche ge­waschen, geduscht, geputzt und das kostbare Naß in Tanks und Tonnen gespeichert – unabhängig vom normalen Tagesablauf und Zeitrhythmus. Die Bevölkerung hat vor allem während der Trok­kenzeit häufig mit Wasser­knappheit und -mangel zu kämp­fen. Am stärksten davon betrof­fen sind die oben gelege­nen Haushalte, da durch unzurei­chende Pumpleistung, starke Wasserverluste durch undichte Rohre und das Auffüllen größe­rer Tanks im unteren Siedlungs­bereich nur ein geringer Teil der Wassermenge oben ankommt.
Die Wasserversorgung für Ca­racas und die gesamte Küstenre­gion erfolgt neben einem großen Staudamm im Landesinnern le­diglich über drei Stauseen im Stadteinzugsgebiet. Daher kommt es regelmäßig zu Versor­gungsdefiziten und Rationierun­gen. Die Wasserqualität leidet trotz der Zugabe chemischer Desinfektionsmittel wie Jod und Chlor durch das Aufwirbeln von Sedimenten bei geringer Wasser­menge im Klärbecken der Auf­bereitungsanlagen. Dazu kommt, daß das System der Haupt­wasserleitungen bereits sehr ver­altet und schadhaft ist und An­zahl und Durchmesser der Rohre für eine wesentlich kleinere Einwohnerzahl bemes­sen wurde. Der Wasseraustritt aus Lei­tungslecks wiederum hat andere weitreichende Folgen, wie zum Beispiel die Unterspü­lung von unbefestigten Gebäu­den, Unter­grundsackungen und Erosion. Für Erhaltungsmaß­nahmen und Reparaturen wäre eigentlich die Wasserbehörde zuständig, wel­che sich allerdings kaum um diese Angelegenheiten kümmert. Auch in diesem Be­reich sind die BewohnerInnen also vor allem auf Selbsthilfe angewiesen.
Die Abwässer – ein unge­klärtes Problem
Ein sehr schwerwiegendes, stadt­übergreifendes Problem ist das Fehlen jeglicher Art der Ab­wasserklärung. Dies hat eine sehr starke Verschmutzung und Belastung der Flüsse mit Indu­strie- und Haushaltsabwässern zur Folge. Eines der Hauptpro­bleme im Barrio liegt darin, daß die Abwasserrohre und -kanäle trotz der für die Entsorgung gün­stigen Hanglage häufig verstopft sind. Durch austretendes Abwas­ser kommt es zu Überschwem­mungen, Geruchsbelastungen und hygienischen Problemen. Da die Abwasser- und Frischwas­serleitungen oft direkt neben- oder übereinander verlaufen, kann ein Leck des einen Rohres leicht zu Beschädigungen des benachbarten und damit zur Ver­unreinigung des Wassers führen.
Ein weiteres Problem sind die offenen Abwasserrinnen, um­funk­tionierte natürliche Wasser­läufe. Da einige von ihnen unbe­festigt sind, sickern die oftmals auch mit Problemabfällen wie Chemikalien, Farbresten und Öl vermischten Abwässer der Klein­gewerbebetriebe und Werk­stätten direkt ins Grund­wasser.
Selbsthilfe zwischen Institutionalisierung und Spontanaktionen
In Colinas de Palo Grande bildeten sich bereits mehrere Selbsthilfeorganisationen, teils aus Eigeninitiative, teils durch Anregung externer Gruppen. Es existieren zwei Nachbarschafts­organisationen (ASOVI/ Aso­cia­cion de Vecinos) als offiziell an­erkannte Ver­handlungspartner zwischen Barrio-Bevölkerung und Stadt­verwaltung. Sie unter­liegen strengen gesetzlichen Vor­schriften, sind bürokratisch ein­gebunden und hierarchisch strukturiert und damit in ihrer Eigendynamik stark einge­schränkt. Durch die starke Posi­tion der Präsidentin oder des Präsidenten ist die Organisation leicht kontrollierbar und oft par­teipolitisch unterwandert. Dies führte in Colinas bereits des öfte­ren zu Konflikten sowohl inner­halb einer Organisation als auch zwischen den beiden benach­barten ASOVI und verhinderte eine sinnvolle Zusammenarbeit. Allerdings bietet diese Organi­sationsform die einzige Mög­lichkeit, mit offiziellen Stellen zu verhandeln und Anträge zu stellen.
Die Gemeinwesenarbeit wird somit auf Mängelerfassung, An­tragstellung und Behördengänge reduziert und die Organisation manchmal mit Tätigkeiten be­auftragt, die eigentlich im Auf­gabenbereich der Stadtverwal­tung liegen. Die Entwicklung und Ausführung eigener Ideen und Projekte tritt in den Hintergrund.
Des weiteren gab es seit der Barrio-Entstehung diverse, zeit­lich begrenzte Selbsthilfeorgani­sationen. Die Handlungsmög­lichkeiten dieser Initiativen sind allerdings sehr eingeschränkt, da ihnen sowohl die gesetzliche Anerkennung als auch fi­nan­zielle Unterstützung fehlen. In der Auseinandersetzung mit öf­fentlichen Institutionen haben die Selbsthilfeorganisationen kaum reelle Durch­setzungs­chancen, da sie weder in die Pla­nungs- und Ent­schei­dungs­prozesse einbezogen werden, noch gesetzlich aner­kanntes Mit­spracherecht haben.

In Colinas bildeten sich zum einen spontan entstandene Selbsthilfeorganisationen – meist in Form von Initiativen, um ge­gen ein konkretes Problem zu protestieren. Zum anderen gab und gibt es verschiedene Versu­che seitens externer Akteure wie zum Beispiel Nichtregierungsor­ganisationen, Selbsthilfegruppen in Colinas zu initiieren. So ar­beitete die Umweltschutzorgani­sation CENDA (Centro de Desa­rollo y Ambiente) von 1988 bis 1990 an einem Forschungs- und Aktionsprojekt, in dessen Rah­men sie vor allem Gesundheits- und Umweltschutzseminare ver­anstaltete und verschiedene Gruppen in den Bereichen Kul­tur, Sport und Umweltschutz in­itiierte. Die Fortführung dieser Aktivitäten scheiterte einerseits an persönlichen Problemen der Koordinatoren, andererseits an der mangelnden Motivation der Barrio-BewohnerInnen. Einige Ge­meinschaftsaktionen wurden auch durch Nachbarschaftskon­flikte verhindert.
Seit 1990 führt die Frauen- und Umweltschutzorganisation GEMA (Grupo de Estudios sobre Mujeres y Ambiente) den Ver­such fort, eine Selbsthilfeorgani­sation für die Frauen des Barrios zu gründen. Es bildeten sich vor­übergehend Gruppen zu Themen wie Familienplanung, Heilpflan­zenverwendung und Keramik­herstellung. Eine Vorschule wurde aufgebaut, zur beruflichen Ausbildung wurden Friseur- und Nähkurse angeboten.
Den beiden Organisations­formen Nachbarschafts- und Selbst­hilfeorganisation gemein­sam ist die mangelnde Konti­nuität durch die hohe Teilneh­merInnenfluktuation. Haupt­grün­de dafür liegen vor allem im Zeit- und Finanzmangel der Leute, welcher durch die Ver­schärfung der politischen Situa­tion und die steigenden Lebens­haltungskosten noch verstärkt wird. So stehen immer mehr per­sönliche Notwendigkeiten wie Hausbau, Ernährung und Ein­kommenserwerb im Vorder­grund. Zur politischen Mobilisie­rung zur Lösung kollektiver Pro­bleme kommt es erst dann, wenn sie existenzbedrohend sind.

Der vorliegende Beitrag erscheint in voller Länge in einer Publikation zum Thema Stadtentwicklung und Umwelt in der Reihe ASA-Studien beim Breitenbach Verlag im Herbst 1995

Im Sog der Integrationswelle

WirtschaftswissenschaftlerInnen be­kom­men bei Begriffen wie Freihandels­zone, Zoll­union oder gar Ge­mein­samer Markt feu­chte Augen. Wach­sende Märkte ohne Gren­zen bedeuten stei­genden Han­del, er­höhte Binnennachfrage und intensi­vierte In­ves­titionstätigkeit, Pro­dukt­ivitätsge­winne und freien Kapital- und Personen­verkehr. Soviel zur Theorie.
Die Europäische Union (EU) hat vorge­führt, wie ein Zusammenschluß funktio­niert: Zunächst wird eine Freihandelszone ver­einbart, innerhalb der die Zölle schritt­weise abgebaut werden. Dann folgt der Über­gang zu einer Zollunion mit ge­meinsamem Außenzoll und immer mal wieder werden ein paar neue Mitglieder auf­genommen. Schließlich versucht mensch sich am Gemeinsamen Markt, also der makroökonomischen Koordinie­rung und Harmonisierung des Personen-, Ka­pi­tal-, Güter- und Technologieverkehrs und stößt dabei auf Grenzen, wie die Rück­schläge bei der angestrebten Wäh­rungs­union zeigen.
Der Trend des Sich-Zusammenschließ­ens ist also nicht neu; wohl aber hat er sich seit Anfang der 90er Jahre weltweit enorm verstärkt. Nach der jahrzehntelan­gen Binnenorientierung, die mit der Zah­lungs­unfähigkeit Mexikos 1982 ein ab­ruptes Ende nahm, kann sich auch Lateinamerika der zunehmenden Block­bildung nicht mehr entziehen, wenn es auf dem Weltmarkt bestehen will. Einzelne Länder erweisen sich gegenüber den Ko­lossen in Europa, Asien und Nordamerika als Peanuts, deren Handlungsfähigkeit und Beeinflussungsmöglichkeiten des Welt­marktes ständig weiter sinken.
Von den vielen subregionalen Freihan­delszonen, die sich im Laufe der letzten 30 Jahre in Lateinamerika gebildet haben, heben sich die beiden jüngsten – MER­COSUR und NAFTA – durch ihre Größe und das Tempo hervor, mit dem sie in Kraft traten: Der MERCOSUR hat bereits den Sprung zur Zollunion zumindest ein­beinig vollbracht.
Appetithappen Uruguay
Der MERCOSUR besteht aus äußerst ungleichen Ländern, was sich sowohl auf die geographische als auch auf die wirt­schaftliche Größe bezieht.
Brasilien dominiert den MERCOSUR wirtschaftlich und ist gleichzeitig auch das von diesem Markt unabhängigste Land, da es nur jeweils 14 Prozent seiner Ex- und Importe mit den Nachbarländern abwik­kelt. Diese Dominanz drückt sich vor al­lem in einem wettbewerbs- und damit ex­portfähigen Industriesektor, insbesondere dem Kraftfahrzeug- und Maschinenbau, aus. Brasilien hat daher seit Einrichtung der Freihandelszone 1991 am meisten pro­fitiert, indem es seine Exporte um knapp 130 Prozent steigern konnte. Seit Cardosos Wahl redet auch niemand mehr von der Instabilität des Landes in Sachen Währung und Inflation. Auch die von Mexiko ausgehende Finanzkrise wird das Land aufgrund seiner exportorientierten Technologiesektoren nicht so schwer tref­fen wie den Partner Argentinien. Brasilien ist der unangefochtene Motor des Integra­tionsprojektes MERCOSUR. Wie auch im Falle Deutschlands in der EU zeigt sich, daß das dominante Land die positivsten wirtschaftlichen Effekte aus fortschreiten­den Wirtschaftszusammenschlüssen für sich verbuchen kann.
Argentinien folgt Brasilien mit weitem Abstand, trotz des angegebenen höchsten Pro-Kopf-Einkommens. Während Brasi­lien hauptsächlich kapitalintensive Indu­st­riegüter nach Argentinien exportiert, be­wegen sich die Exporte in die andere Rich­tung vorwiegend im traditionellen Be­reich der Rohstoffe und der wenig ver­ar­beiteten Produkte. Das Land muß nach der derzeitigen mexikanischen Finanz­krise am stärksten mit dem Übergreifen die­ser Krise, dem sogenannten „Tequila-Effekt“, rechnen. Schließlich gilt Argenti­nien als Abwertungs- und Krisenkandidat Num­mer eins. Jahrelanges Festhalten am per Gesetz festgelegten 1:1-Wechselkurs zum US-Dollar haben zu einer starken Über­bewertung des Pesos geführt, da die Inflationsraten der beiden Länder weit auseinander liegen. Durch hohe Zinsen wur­den massiv Kapitalanlagen aus dem Ausland angezogen – allerdings nur kurz­fristige. Für Investitionen sind jedoch mittel- und langfristige Kredite erforder­lich, für deren Vergabe die Banken wie­derum mittel- und langfristige Einlagen von KapitalanlegerInnen benötigen. So wurde Argentinien die letzten vier Jahre stabilisiert, ohne daß starke Produktivitäts­steigerungen durch Investitionen ereicht wurden. Die Verbesserung der Wettbe­werbsfähigkeit ist zu kurz gekommen, das Handelsbilanzdefizit gestiegen. Sollte es noch vor oder kurz nach dem Ende der Amtszeit Menems zu einer Abwertung kommen, die auf bis zu 45 Prozent ge­schätzt wird, so wäre kurzfristig mit einer weiteren Verschlechterung der Handels­bilanz zu rechnen, da inbesondere Großunternehmen, die hohe Importrechnungen zu begleichen haben, in arge Zahlungs­schwierigkeiten geraten würden.
Die Einbeziehung Uruguays und Para­guays hat rein strategische Gründe. Böse Zungen behaupten, Paraguay sei nur in den MERCOSUR gekommen, weil es über genügend Wasser für die Stromver­sorgung der Nachbarländer verfügt (vgl. hierzu den Paraguay-Artikel über den Yasyretá-Staudamm in diesem Heft). Uruguay liegt als kleiner Sandwichhappen zwischen Brasilien und Argentinien. Wäh­rend in vielen Ländern der Kauf eines di­rekt am Heimatland liegenden Grund­stückes durch AusländerInnen verboten ist, ist in Uruguay der Nordosten des Lan­des mittlerweile sozusagen eine Provinz von Südbrasilien geworden: Brasiliani­sche UnternehmerInnen beschäftigen bra­silianische ArbeitnehmerInnen.
Als Trostpflaster und zur Beruhigung der Uruguayos ist in Montevideo das ständige Sekretariat des MERCOSUR eingerichtet worden, durch welches die weitere Integration koordiniert werden soll.
Die beiden kleinen Länder haben Angst davor, von den großen – zumindest wirt­schaftlich – geschluckt zu werden, können sich aber gleichzeitig nicht alleine auf dem Weltmarkt behaupten und sind daher auf eine Integration angewiesen. Sowohl Paraguay als auch Uruguay sind extrem ab­hängig von ihren Nachbarländern: Für Uruguay liegt die Exportquote in die MERCOSUR-Länder bei 42 Prozent, die Importe bei 56 Prozent, für Paraguay nur unwesentlich darunter. Beide Staaten ver­suchen, den Integrationsprozeß so weit wie möglich zu bremsen, ohne tatsächlich hin­ausgeworfen zu werden. Ihre Anpas­sungslast an zunehmende Konkurrenz soll durch Ausnahmeregelungen und Kompen­sationsmechanismen verringert werden. Viele der Ausnahmen der verkappten Zollunion, für die noch kein gemeinsamer Nenner gefunden werden konnte und die bis zum Jahre 2006 beseitigt sein sollen, beruhen auf paraguayischen und uru­guayischen Einwänden.
Die Ungleichgewichte werden sich in ab­sehbarer Zeit kaum abbauen lassen. Selbst in der EU, die über einen Regional­fonds als Kompensationsinstrument ver­fügt, kann von einer merklichen Anglei­chung kaum die Rede sein: Portugal und Grie­chen­land bilden weiterhin die Schluß­lich­ter der Gemeinschaft, und auch die üb­rigen „rückständigen“ Regionen kom­men durch die Fondszahlungen kaum an die „fortschrittlichen“ heran.
Gewissensfrage: NAFTA oder MER­COSUR?
Trotz der Schwierigkeiten bei der Ver­wirklichung der Zollunion, haben sich be­reits weitere Kandidaten für den Beitritt aus­gesprochen. Bolivien hat Interesse an einer Aufnahme angemeldet – in der Re­gion um Santa Cruz haben sich immer mehr bra­silianische Unternehmen an­ge­sie­delt und sind zu einem wichtigen Faktor der bo­livianischen Wirtschaft geworden -, even­tuell wollen auch Kolumbien und Vene­zuela beitreten. Chile ist grundsätz­lich interessiert, hat aber seinen Spagat zwi­schen NAFTA und MERCOSUR durch die Verhand­lungsaufnahme mit der NAFTA seit kurzem sogar noch vergrö­ßert.
Hat der MERCOSUR Chancen gegen die NAFTA? Das US-Angebot des NAFTA-Beitritts könnte auf der einen Seite gerade durch die Mexiko-Krise für andere Länder attraktiv werden: massive Zah­lungen des reichen Partners im Nor­den sollen ein komplettes Ausscheren Mexi­kos verhindern. Innerhalb des MER­COSURS verfügt kein Land über aus­reichende Möglichkeiten, die Krise ei­nes anderen aufzufangen: Brasilien steht noch am Anfang einer Stabilitätsphase und Ar­gentinien am Ende. Beide Länder wer­den sich hüten, kriselnde MERCOSUR-Mit­glieder durch Stüt­zung­s­käufe zu retten.
Auf der anderen Seite zeigt die Mexi­ko­krise, wie schwierig eine Integration selbst für ein im lateinamerikanischen Raum wirtschaftlich so fortschrittliches Land wie Mexiko sein kann. Eine großa­meri­kanische Gemeinschaft rückt erst einmal in weite Ferne; wer sich der NAFTA anschließt, muß sich auf eine längere Zeit der lockeren Zusammenarbeit einrichten.
Derweil hat sich der MERCOSUR schon einen Schritt weiter gewagt als die NAFTA und will zum Ende der 90er Jahre eine gewisse Eigenständigkeit vorweisen, mit der er dann geschlossen in Verhand­lun­gen mit anderen Blöcken auftreten kann, beispielsweise eben mit der NAFTA. Ein regionaler Zusammenschluß, der ausnahmsweise nicht unter der Herr­schaft Nordamerikas steht, sondern eine ei­gene Regionalmacht – Brasilien – hat, ist eine nicht zu unterschätzende Option, um den USA nicht nur als Rohstoffversorger und verlängerte Werkbank zu dienen.

Wasmosy in Bedrängnis

In den 35 Jahren seiner Herrschaft hatte Stroessner seine Getreuen fest im Griff. Durch Einschüchterungen, öffentliche Exekutionen, drakonische Strafen und ein unüberschaubares Herr von Spitzeln, die Pyragués (was in der Indianersprache Guaraní diejenigen bezeichnet, die sich zum Anschleichen Fell an die Fußsohlen kleben), machte er Paraguay in kürzester Zeit zur Tierra de paz y sol, zu seinem „Land des Friedens und der Sonne“.
Doch auf einmal waren der Karaí Guazú, der große Herrscher und sein Par­teiapparat, deren Liebe offiziell nur dem einfachen Volk galt, verschwunden, ver­trieben von anderen Militärs, über deren Lippen ein neues Zauberwort kam: De­mokratie.
Nach der Interimspräsidentschaft des Generals Rodriguez wurde im Mai 1993 der erste zivile Präsident des Landes ge­wählt, der Ingenieur Juan Carlos Was­mosy, Mitglied der Colorado-Partei, die seit fünfzig Jahren die Regierung stellt. Doch schnell schwand seine Popularität, besonders bei seinen eigenen Parteigenos­sen. Wasmosy habe, so wird heute offen behauptet, bei den internen Wahlen um die Präsidentschaftskandidatur der Partei Wahlfälschung zu seinen Gunsten betrie­ben. Sein Gegner, der ehemalige Chef des Justizapparates Luis Argaña, der mit seinen populistischen Reden und seinem Wunsch nach der Rückkehr Stroessners große Teile der Landbevölkerung hinter sich wußte, führt nun verärgert die Riege der Stronistas an, deren Herzenswunsch die Herstellung alter Verhältnisse ist.
Wasmosy, der durch den Bau des Stau­dammes Itaipú vermögend wurde, ist für die meisten Paraguayos ziemlich un­glaub­würdig, wenn es um die Demokrati­sierung des Staates und die Reform des Jus­tiz­wesens geht. Wasmosy ist sicherlich der fal­sche Mann, um den Schmuggel, von dem ein Großteil der Volkswirtschaft lebt, und die Korruption zu unterbinden. Seine Lip­pen­bekenntnisse verhallen un­be­ach­tet.
Positive Veränderungen gibt es den­noch: Neben der Justiz- und Verfassungs­reform ist die Zensur abgeschafft. Mutige JournalistInnen werden allerdings immer wieder Opfer von Verfolgungen. Plötzlich ist der so lange geheimgehaltene Drogen­handel ein Thema: Dutzende von kokain­beladenen Flugzeugen, die von den An­denländern nach Rio und Sâo Paulo un­terwegs sind, landen angeblich täglich auf entlegenen Militärflugplätzen in Paraguay und werden hier gegen Entgelt gewartet und aufgetankt.
Da unter Stroessner Korruption und Schmuggel als Mittel zur Sicherung des sozialen Friedens gebilligt wurden, haben viele Großgrundbesitzer, Kaufleute und Militärs durch undurchsichtige Transak­tionen unermeßliche Reichtümer ange­häuft und öffentliche Posten besetzt. Die riesigen Villen der Nobelviertel zeugen davon. Ein besonders krasses Beispiel ist da der Ex-Präsident selber. Im Viertel Las Carmelitas hat sich General Rodríguez ein Loire-Schloß nachbauen lassen, das von mehreren Hundertschaften Soldaten be­wacht wird. Im Bad des Ex-Präsidenten sind alle Armaturen angeblich aus purem Gold, wie die Gerüchteküche auf dem Pettirossimarkt zu berichten weiß. Auf die erwirtschafteten Pfründe will verständli­cherweise kein Nutznießer der Diktatur freiwillig verzichten, eine wirksame Trans­formation der ungleichen paraguayi­schen Gesellschaft wird von vielen wis­sentlich verhindert.
Neoliberalismus all überall
Die Wirtschaftspolitik Wasmosys schwimmt voll auf der neoliberalen Woge, die in Südamerika um sich greift. Staats­betriebe sollen privatisiert werden und die Wirtschaft wird nicht zuletzt durch den Mercosur seit dem 1. Januar weiter geöff­net. Die möglichen Auswirkungen des Mercosur sind noch nicht klar abzusehen. Paraguay steuert zum gesamten Brutto­sozialpodukt der vier Länder nur ein Pro­zent bei. Bestenfalls, so hofft man, kommt es durch den Mercosur zu einer Entkrimi­nalisierung des Schmuggels und zur Ver­ringerung des Autodiebstahls in den Mit­gliedstaaten, für den Paraguay in den letzten zwanzig Jahren hauptsächlich ver­antwortlich war, und der generalstabs­mäßig vom Militär organisiert wurde. Im schlimmsten Fall aber wird durch die in­dustrielle Übermacht Argentiniens und Brasiliens auch der letzte Keim industri­eller Eigenproduktion erstickt.
Die politische und ökonomische Reali­tät nach anderthalb Jahren Wasmosy ist ernüchternd: Die Reallöhne fallen kon­stant, die Inflation ist mit über zwanzig Prozent im internationalen Vergleich zu hoch, Arbeit gibt es immer weniger. Laut Economist benehmen sich die Politiker Paraguays, die sich seit fünf Jahren in der Demokratie üben, wie im Kindergarten. Die ganze Situation sei a great mess, ein großes Durcheinander.
In dieses Durcheinander und in die schwierige wirtschaftliche Situation des durchschnittlichen Paraguayos mischt sich eine weitere Sorge. Die starke Zunahme von Raubüberfällen und Einbrüchen ver­unsichert die BewohnerInnen Asuncións zusehends, obwohl die Kriminalitätsrate auch im Vergleich zu europäischen Maß­stäben immer noch gering ist. Es sind Boulevardblätter wie La Crónica, die mit unappetitlichen Farbfotos jedes Ermorde­ten die Angst noch weiter schüren.
Und immer wieder: Putschgerüchte
Rufe nach einem neuen starken Mann im Staat werden immer lauter. Für viele ist dieser Mann General Lino Oviedo. Als Chef des ersten Heereskorps ist er der mächtigste Offizier im Staat, untersteht ihm doch die einzig wirklich kampffähige Einheit der Streitkräfte. Putschgerüchte in Asunción gibt es immer wieder, und die politischen Ambitionen Oviedos sind seit langem bekannt. Öffentlich beteuerte Oviedo beim Amsantritt Wasmosys, es sei seine Pflicht, „als Soldat und Bürger der Demokratie und der Freiheit“ loyal zu sei­nem Präsidenten zu stehen. So bleibt für Paraguay zu hoffen, daß Oviedo eine Tra­dition der paraguayischen Militärs bricht und sein Wort hält. Einen Putsch könnte er sich aufgrund der folgenden internatio­nalen Isolation kaum leisten. Er hätte ihn auch gar nicht nötig, seine Wahl zum nächsten Präsidenten gilt als sicher.

Kasten:

Der Präsident und der Staudamm
Die Fische bereiteten den Ingenieuren von Yasyretá, dem zweitgrößten Staudamm Süd­amerikas am Rio Paraná an der Grenze zwischen Argentinien und Paraguay, be­sonderes Kopfzerbrechen. Um ihnen das Überwinden des neuen Höhen­unterschiedes zu ermögli­chen, ersann mensch etwas sehr Skurilles: einen Fischaufzug. An­scheinend waren tau­sende Surubís, Dorados und andere Tropen­fische aber von der Technik hilflos überfodert. Tot trieben sie kurz vor der feierlichen Ein­weihung des Staudam­mes am 2. September letzten Jahres auf dem Paraná.
Drei­zehn Jahre nach dem geplanten Fertigstellungstermin ging nun die erste von insge­samt zwanzig Turbinen des Wasserkraftwerkes endlich ans Netz, alle 72 Tage soll eine weitere folgen. Yasyretá erreicht jedoch im Durchschnitt mit 3080 Megawatt nur ein Viertel der Kapazität des Itaipú-Staudammes, des größten Wasserkraftwerks der Erde, das ebenfalls am Paraná von Paraguay und Brasilien betrieben wird.
Als 1973 der Vertrag von Itaipú zwischen Brasilia und Asunción unterschrieben war, er­wachte die alte Rivalität zwischen den Giganten Argentinien und Brasilien. Der be­reits schwer erkrankte argentinische Präsident Perón schickte umgehend seine Frau Isabel in die paraguayische Hauptstadt, wo sie mit dem Diktator Stroessner den Ver­trag über die hydroelektrische Nutzung des Paraná nahe der Insel Yasyretá abschloß.
Das paraguayische Volk nimmt die Existenz des neuen Staudamms außerordentlich ge­lassen hin. Mit der ökologischen Katastrophe, die eine künstliche Anhäufung sol­cher ge­waltiger Wassermassen verursacht, hat mensch ja Erfahrung, schließlich hat das Auf­stauen des Paraná durch Itaipú ab 1982 das gesamte Klima Paraguays durcheinander­gebracht. Der Regenkalender des Forschers Moises Bertoni, der Anfang dieses Jahrhun­derts durch intensive Wetterbeobachtung eine Tabelle entwickelte, mit deren Hilfe man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Regentage vor­ausberechnen konnte und die in keinem paraguayischen Haushalt fehlt, ist unbrauch­bar geworden. „El tiempo hace lo que quiere“, das Wetter macht was es will, sagt Carolina Acosta, eine junge Verkäuferin aus dem immerschwülen Asunción und zeigt belustigt auf einen dicken wollenen Strampelanzug: „So etwas trugen die Babies frü­her, als es im Juli noch kalt wurde“, lacht sie.
Daß die Anrainer des angestauten Beckens von Itaipú ein erhöhtes Auftreten von Leis­hmaniose und anderen durch Stechmücken übertragbare Krankheiten beobachten, bringt niemanden aus der Ruhe. Eher schon die Tatsache, daß durch Itaipú die angeb­lich schön­sten Wasserfälle der Erde, die Sete Quedas, für immer verschwunden sind.
Für Yasyretá erwartet man ähnliche Folgen: 800 Quadratkilometer des paraguayi­schen Territoriums werden in den nächsten Monaten für immer überschwemmt, aber „nur“ 200 Quadratkilometer auf der argentinischen Seite. 27 paraguayische Inseln werden unter den Wassermassen verschwinden, darunter auch diejenige, die dem Damm den Namen gab und die als eines der letzten Refugien subtropischer Flora und Fauna gilt. Auch die Men­schen sind betroffen: 3.974 Familien müssen allein in Para­guay umge­siedelt werden, und ein ganzer Stadtteil der drittgrößten paraguayischen Stadt Encar­nación wird evakuiert.
12 Milliarden US-Dollar wird Yasyretá bei seiner endgültigen Fertigstellung verschlun­gen haben. Die Finanzierung teilen sich die Weltbank, die Interamerican Development Bank, die argentinische Regierung und einige private Investoren. Bei der Finanzierung von Yasyretá wird analog wie bei dem Kreditmodell Itaipús vorge­gangen: Argentinien gibt das Geld, Paraguay das Wasser seiner Flüsse. Die dadurch entstandene Geldschuld Paraguays wird mit dem Strom des neuen Kraftwerks abbe­zahlt. Im Klartext heißt das, daß Paraguay in den nächsten zwanzig Jahren so gut wie keine einzige Kilowattstunde von Yasyretá beziehen wird. Einen dringenden Bedarf Paraguays an Strom gibt es ohne­hin nicht. Durch Itaipú erhält das kleine Land mit sei­nen fünf Millionen EinwohnerInnen mehr Elektrizität als es jemals verbrauchen könnte, so daß über 80 Prozent des Stroms nach Brasilien exportiert wird.
Kritik an dem Projekt Yasyretá kommt dem Präsidenten sehr ungelegen. Die mutige Zeitung ABC Color wies in einem Editorial unmißverständlich daraufhin, daß Para­guay den neuen Staudamm nicht benötige. Den Strom brauche man sowieso nicht, der sei schließlich für Buenos Aires, aber der ökologische Preis, den Paraguay zahlt, sei, wie die Redakteure befanden, einfach zu hoch.
Offizielle Stellen, allen voran Wasmosy selber, reagieren gereizt auf solche unpatrioti­schen Meinungen. Die Hauptsache sei schließlich, daß das technische Wun­der der hydro­elektischen Energieerzeugung mit paraguayischem Wasser zustande komme. Darauf könne doch jeder Paraguayo und jede Paraguaya stolz sein, heißt es.
Auf den Präsidenten hört das paraguayische Volk jedoch kaum. Wasmosy, so sagt man in Asunción, sei bola, ein Mensch, der meist die Unwahrheit erzählt. Der Staats­mann besitzt die größten Baufirmen des Landes und wurde durch den Bau von Itaipú vermögend. Sein argentinischer Kollege Menem provozierte vor fünf Jahren, als die Fer­tigstellung Yasyretás noch in den Sternen stand, eine diplomatische Krise zwischen bei­den Ländern. Yasyretá, so sagte er damals, sei nichts anderes als ein Betondenkmal der Korruption.
Philipp Lepenies

Itaparica 5 Jahre nach der Flutung

Der Pater hat zu einer Versammlung ein­berufen. Es soll ein Staudamm gebaut werden. Niemand weiß so recht, was das ist. Unser Land wollen sie überfluten? Unmöglich. Oder hat doch der alte Pro­phet recht, der vor langer Zeit weissagte: Der Sertao wird sich in ein Meer verwan­deln?
Die Versammlung fand im Jahr 1973 in Rodelas statt, einer kleinen Stadt im Bun­desstaat Bahia. Es ging um den Fluß Sao Francisco, der den heißen und trockenen „Sertao“ im Nordosten Brasili­ens wie eine Lebensader durchfließt. Bis Februar 1988, als der Staudamm Itaparica seine Pforten schloß, um den 840 Qua­dratkilometer gro­ßen Stausee aufzufüllen und Energie zu erzeugen, sind noch tau­sende von Ver­sammlungen, Streiks und Demonstratio­nen durchgeführt worden. Wie ist der Streit weitergegangen, der auch das bun­desdeutsche Parlament be­schäftigt hat? Wie sieht es fünf Jahre nach der Flutung aus?

Eine Fahrkarte nach Sao Paulo

Was ein Staudamm für die Flußbevölke­rung bedeutet, wurde den BäuerInnen klar, als sie in den 70er Jahren sahen, wie zehntau­sende von Menschen vom Sao Francisco vertrieben wurden, um dem größten Stau­see der Welt Platz zu ma­chen, dem 400 Kilometer flußaufwärts gelegenen So­bradinho. Viele hatten der verantwortlichen Energiebe­hörde CHESF keinen Glauben geschenkt und wurden von dem unaufhaltsam an­steigenden Flußwasser zur Flucht ge­drängt. Als Ent­schädigung bot die CHESF vielfach eine Fahrkarte nach Sao Paulo – ohne Rück­fahrt.
Hier in Itaparica sollte alles ganz anders kommen. Die LandarbeiterInnengewerk­schaften in den betroffenen Kommunen wurden von kämpferisch orientierten ArbeiterIn­nen übernommen, schlossen sich zum Pólo Sindical zusammen, stellten Forde­rungen: Recht auf Umsiedlung, Land gegen Land. Entschädigung für je­des Haus, jeden gepflanzten Obstbaum. Be­wässerungsland für alle, die am Fluß leb­ten und arbeiteten, auch für die, die kein eigenes Land besaßen.

Der große Sieg – vorläufig

Itaparica wurde mit Mitteln der Weltbank finanziert. Deren bundesdeutscher Ver­treter befürwortete Mitte der 80er Jahre die Freigabe weiterer Mittel, obwohl be­kannt war, daß die CHESF offensichtlich nichts tat, um einen akzeptablen und durchführbaren Umsiedlungsplan für die über 5000 betroffenen Familien vorzule­gen. Im Dezember 1986 schließlich be­setzten die BäuerInnen die Baustelle des Stau­damms für mehrere Tage. Die CHESF rief die Polizei, das Militär rückte an. Doch die Diktatur war schon zu Ende. Die Hartnäckigkeit der Bauern hatte einen bis heute unerhörten Sieg davongetragen, nationale und internationale Solidaritäts­bekundun­gen taten ihr übriges, um nach zähen Ver­handlungen zu einer Verein­ba­rung zu kommen, an die die CHESF bis heute ge­bunden ist.
Rodelas ist heute genauso wie die Städte Petrolandía, Iticuraba und Barra do Tarra­chil sowie tausende von Hektar fruchtba­res Land vom Itaparica-Stausee begra­ben. Die Städte wurden anderswo wieder auf­gebaut, doch fruchtbares Land war nicht hinreichend vorhanden, so daß etwa die Hälfte der betroffenen Bauern 250 km flußaufwärts ziehen mußten. Im Juli 1988 sollten die Bewässerungsprojekte funkti­onsfähig sein, aber erst 1993 begann mensch auf 200 ha zu beregnen – nicht einmal 2 Prozent der geplanten Fläche. Und wieder einmal rüsteten die Bauern und Bäuerinnen sich für die schwere Aus­einandersetzung mit der CHESF. Die großen Bauunternehmen, deren Machen­schaften in verschiedenen Korrupti­onsskandalen der letzten Monate aufge­deckt wurden, haben am Itaparica-Stau­damm im Auftrag der CHESF gigantische und absurde Strukturen geschaffen – die nicht funktionieren:
– Es gibt kein Drainage-System, obwohl es so wichtig wäre wie das Wasser selbst, um die Gefahr der Versalzung der Böden und damit ihre Unbenutzbarkeit zu ver­hindern. Insbesondere im semi-ariden Klima des Sertao rechnet man mit schwe­ren Versalzungserscheinungen in weniger als fünf Jahren ohne Entwässerungsanla­gen.
– Bei einem großen Teil der Anlagen be­steht der Abstand zwischen den Sprenk­lern 15 Meter, statt der gebotenen 12 Me­ter, mit der Folge, daß bis zu 50 Prozent der Fläche nicht ausreichend bewässert werden.
– Die Mehrheit der UmsiedlerInnen besit­zen Felder von 3 ha. Unter den gegebenen Bedingungen (Bodenstruktur, Anzahl der Sprenkler, tägliche Bewässerungsdauer, Klima) ist es nicht möglich, mehr als 1,5 Hektar zu bewässern; die Hälfte ihrer Fel­der kann nicht bearbeitet werden.
– Allgemein bekannt ist, daß es sich nicht rentiert, eine Beregnungsanlage zu instal­lieren, in der mehr als 80 Meter Höhen­unterschied zu überwinden sind. Die Hälfte der Umsiedlungsprojekte liegt zwi­schen 130 und 152 Meter über dem Sao Francisco.
– Der Wirkungsgrad der Bewässerung sollte bei Sprenkleranlagen zwischen 70 und 75 Prozent liegen. In den bisher funk­tionierenden Flächen liegt er weit unter 50 Prozent, was die Kosten in die Höhe treibt, die Produktivität senkt und die Ver­salzungsgefahr erhöht.

Allianz gegen die Gewerkschaftsbe­wegung

Bedauerliche Berechnungsfehler der Un­ternehmerInnen? Lässigkeit im Umgang mit technischen Daten?
Sicherlich nicht. Die Antwort ist eine zy­nische Allianz zwischen CHESF, den Bauunternehmen und der regionalen Ent­wicklungsbehörde CODEVASF. Die letz­tere wird von einigen Familien aus dem rechten Parteienspektrum dominiert. Sie ist für tausende von Hektar nicht oder schlecht funktionierender Bewässerungs­flächen verantwortlich. 80 Prozent Zah­lungsunfähigkeit bei den NutzerInnen die­ser Anlagen sind keine Seltenheit. Und wenn jetzt einfache Bauern und Bäuerin­nen zeigten, daß sie ökologischer und gut organisiert bessere wirtschaftliche Ergeb­nisse erzielen, wäre das nicht schlecht für das Ansehen der CODEVASF?
Und die Bauunternehmen? Gigantische Anlagen sind für sie allemal interessanter als kostengünstige, aber dafür angepaßte Systeme.
Die CHESF hat ein Interesse an einem schnellen Niedergang der selbstorgani­sierten Bauernprojekte, um aller Welt zu zeigen, daß eben dieses Beispiel nicht funktioniert. Sie hätte dann in der Zukunft weniger Ärger, wenn wieder einmal Land überschwemmt werden soll und zum „Nutzen der Allgemeinheit“ Menschen umgesiedelt werden müssen.

Ein Beispiel für Agrarreform

Auf der anderen Seite sind sich die entste­henden Produktions- und Vermarktungs­genossenschaften, die Gewerkschaften und der Polo Sindical eben dieser Verant­wortung bewußt. „Wenn das Ding hier schiefgeht, können wir kaum noch von Agrarreform reden. Dann ist genau das Vorurteil bestätigt, daß unsere GegnerIn­nen so pflegen. Die ArbeiterInnen machen viel Krach, aber wenn es um die Verwal­tung eines Bewässerungsprojektes geht, sind sie unfähig“, meinen viele Gewerk­schaftlerInnen grimmig.
Die CHESF will die Projekte so, wie sie sind, den UmsiedlerInnen übergeben. Al­lein die laufenden Kosten würden auf­grund der Konstruktionsmängel das drei- bis vierfache des regionalen Niveaus be­tragen, bei erhöhter Versalzungsgefahr, Degradation der Böden und schneller Verarmung und Abwanderung der Bevöl­kerung, die schon sechs Jahre darauf wartet, endlich wieder von der Landwirt­schaft zu leben. „Die CHESF täuscht sich ganz folgenschwer, wenn sie wieder mal meint, uns aufs Kreuz legen zu müssen“, lacht die Präsidentin der Gewerkschaft von Rodelas, die zu jener denkwürdigen ersten Gewerkschaftsversammlung gerade mal sieben Jahre zählte.
P.S. Die deutsche Bundesregierung hat just in dieser Zeit der CHESF knapp 30 Millionen DM zugesagt, von denen ein Teil bereits abgeflossen ist. Ist sie mögli­cherweise dabei, einen peinlichen Fehler von 1986 zu wiederholen? Der Polo Sin­dical hat bereits protestiert und fordert eine Konditionalisierung: Keine Freigabe von Geldern, solange die Frage der Be­wässerungsprojekte in den Umsiedlungen nicht befriedigend gelöst ist.

Kleines Glossar des Sao Francisco

CHESF

Companhia Hidrelétrica do Sao Francisco. Bundesorgan zur Energieerzeugung durch die Wasserkraft. Zimperlich ist sie nicht gewesen. Paulo Afonso war das erste Wasserkraftwerk, das am Sao Francisco Anfang der 50er Jahre ans Netz ging. Die Stadt Paulo Afonso und das Kraftwerk waren jahrzehntelang als „nationales Si­cherheitsgebiet“ deklariert. Der Bürger­meister wurde direkt vom Präsidenten eingesetzt. Nach Paulo Afonso folgten am Mittel- und Unterlauf des Sao Francisco, also im Nordosten Brasiliens, Moxotó, Sobradinho und Itaparica. Fast fertigge­stellt ist am Unterlauf Xingó, und weitere sind in Planung. Nirgendwo wurden Um­weltverträglichkeitsstudien angefertigt und beachtet. Für das Kraftwerk So­bradinho wurden mehr als 50.000 Menschen vertrieben, die vielfach in den Slums der großen Städte landeten; in Ita­parica waren etwa 25.000 betroffen. Poli­tisch und rechtlich ist sie verantwortlich für eklatante Fehler und Mängel der Be­wässerungsstrukturen der Itaparica-Bäue­rInnen. Ihre Behebung bzw. ihr finanziel­ler Ausgleich muß erst noch erkämpft wer­den.

CODEVASF

Companhía de Desenvolvimento do Vale do Sao Francisco. Gesellschaft zur Ent­wicklung des Sao-Francisco-Tals. Bun­desorgan. Gegründet 1974, Nachfolgerin zweier Vorläuferorganisationen, die eben­falls das Ziel hatten, das Flußtal durch Bewässerungsprojekte zu „entwickeln“. Von den derzeit etwa 200.000 ha bewäs­sertem Land werden 60.000 ha von der CODEVASF betreut. Ursprüngliche Pla­nung von Ende der 40er Jahre war, Klein­bäuerInnen in Bewässerunsprojekten anzusie­deln, um ihre Lebensbedingungen zu ver­bessern und die Marktproduktion zu ver­größern. Hauptkritikpunkte an der CODEVASF sind, daß sie ihre Koloniali­sierungpolitik nach den Interessen einiger weniger dominierender Familien richtet, daß AgrarunternehmerInnen bevorzugt werden und daß kaum ein Projekt es schafft, selbst nach 20 Jahren unabhängig zu sein. Es werden autoritär (Schein)Organisationen gegründet, denen Betrieb und Wartung der Bewässerungs­anlagen übertragen wird. Die fortdauernde Abhängigkeit der Bauern ermöglicht die Fortsetzung der paternalistischen (und er­presserischen) Tradition im Nordosten: Gehorsam und Stimmabgabe für die Mächtigen. Im vergangenen Kommunal­wahlkampf ist die CODEVASF offen für die rechte PFL eingetreten. In der Liste der wegen Unfä­higkeit aufzulösenden Or­ganisationen steht die CODEVASF ziem­lich weit oben.

Polo Sindical do Submédio Sao Francisco

Zusammenschluß von derzeit zehn Land­arbeiterInnengewerkschaften am unteren Mittellauf des Flusses. Wichtigste Organi­sation des „movimento popular“ der Re­gion und Wiege für eine Reihe von loka­len (und nationalen) PT-Karrieren. Ge­gründet 1979 aus der Notwendigkeit einer besseren Koordination, Mobilisierung, Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit ge­genüber den Vorstellungen der CHESF, die vom Staudamm Itaparica betroffenen BäuerInnen willkürlich und entschädi­gungslos zu vertreiben. Bisher größter Er­folg: Ver­einbarung mit der CHESF, die Umsied­lung, Bewässerungsprojekte, Häu­serbau, Gesundheits- und Bildungsein­richtungen in den Projekten zu garantie­ren. Nach der erfolgten Umsiedlung An­fang 1988 ermü­dender Kleinkrieg um die Erfüllung der Vereinbarung und Ver­nachlässigung an­derer Probleme in der Region: Rechte der LohnarbeiterInnen, Nachwuchsförderung, Beteiligung der Frauen, Bekämpfung der paternalistischen Ausnutzung der langan­haltenden Dürre („Wirtschaftszweig-Dürre“). Auf dem I. Kongreß des Polo Sindical im Oktober 1993 diskutierten die Delegierten diese Mängel und beschlossen weitgehende in­haltliche und organisatori­sche Verände­rungen, um die politische Verantwortung des Polo Sindical für die Entwicklung der Region besser wahrneh­men zu können.

Der Fluß Sao Francisco

Der „Alte Chico“, wie ihn die Flußanwoh­nerInnen zärtlich und ehrfurchtsvoll nen­nen, hat seine Quelle im Canastra-Gebirge im Bundesstaat Minas Gerais, fließt in nördliche Richtung durch Bahia, be­schreibt einen großen Bogen nach Osten, markiert zunächst die Grenze zwischen den Bundesstaaten Sergipe und Alagoas, bevor er nach 2.700 km in den Atlantik mündet. Durchschnittlich passiert sein Flußbett jede Sekunde ein Wasservolumen von über 3.000 Kubikmeter. Hauptnut­zung ist die Erzeugung von Energie und Bewässerung sowie die Versorgung mit Trink- und Brauchwasser. Die ersten bei­den Nutzungsrichtungen stehen im Kon­flikt. Zusammen mit dem fast fertigen Kraftwerk „Xingó“ am Unterlauf, den ge­nannten Werken am Mittellauf und „Trés Marias“ am Oberlauf wird eine Kapazität von 13.400 Megawatt erreicht sein. Die CHESF träumt jedoch von weiteren Kraftwerken um auf 17.500 Megawatt zu kommen, weil Energieverbrauch immer noch als ein zentraler Indikator für Ent­wicklung gesehen wird. Und die CODE­VASF möchte insgesamt 1,5 Mil­lionen ha bewässertes Land sehen. Allein das Pro­jekt Jaiba jedoch, das auf 100.000 ha an­gelegt ist, (von denen 8.000 instal­liert sind), würde schon 2 bis 5 Prozent der Wassermenge des Flusses konsumie­ren. Absurde Gigantomanie. Verschärfend kommen zwei Faktoren hinzu:
1. Das kurzsichtige Modell der Bodennut­zung, das die CODEVASF und das Agrarkapital anwenden, gefährdet den Fluß und alle Menschen, die an ihm und von ihm leben. Unkontrollierte Bewässe­rung, rasche Versalzung der Böden und Anreicherung des Flußwassers mit Nitra­ten und Giften durch Mineraldünger und Pestizide sind voraussehbare Folgen die­ses Modells.
2. In Minas Gerais werden im weiteren Einzugbereich des Flusses jährlich zehn­tausende Hektar Wald zur Holzkohlever­arbeitung für die Eisenverhüttung abge­holzt. Dies hat Klimaveränderungen grö­ßeren Ausmaßes zur Folge, u.a. die lang­same Vertrocknung des Sao Francisco und seiner Zuflüsse. Darüber hinaus erodieren die Böden, und der Fluß trägt die Erdmas­sen zum Sobradinho, der in kurzer Zeit verlanden wird.
Die Bauern und Bäuerinnen von den Ge­werkschaften und Genossenschaften des Polo Sindical sind sich dieser Zusammen­hänge bewußt und beauftragten den Polo Sindical, Elemente einer alternativen, ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Bodennutzung insbesondere in den Um­siedlungsprojekten zusammenzutragen und zu verbreiten. Weiterhin wird der Polo an einer überregionalen politischen Vernetzung teilnehmen, um dazu beizu­tragen, die Gefahr für den „Alten Chico“ abzuwenden.

Energiepolitik im Modelland Chile

Monopol im Energiesektor

Bereits seit Jahrzehnten erforscht EN­DESA, das nationale Stromerzeugungs-unternehmen, die Mög­lichkeiten, den Bio-Bio zur Energieversorgung Chiles nutzbar zu ma­chen. Nachdem ENDESA 1988 von staat­lichem Besitz in eine private Aktienge­sellschaft überführt worden war, wurden diese Bemühungen forciert. Hauptaktionär ENDESAs ist das private Konsortium En­ersis, das nicht nur 70 Pro-zent der ge­samten Stromerzeugung, son-dern über das Stromverteilerunternehmen Chilectra den gesamten Energiesektor des Landes mo­nopolartig kontrolliert. Enersis profitiert maßgeblich von der lückenhaf­ten chileni­schen Gesetzgebung, die staat-lichen Stel­len nur wenig Eingriffs-mög­lichkeiten bei der Steuerung privater Investitionsvorhaben gewährt. Dabei soll die 1987 gegründete Nationale Energie­kommission (CNE), die direkt dem Staats-präsidenten untersteht, eigentlich die Ener­giepolitik Chiles planen, sowie Pro­jekte zur Stromerzeugung genehmigen. Ihre einzige Möglichkeit, um steuernd ein-zugreifen, besteht darin, daß Banken und andere Finanzinstitutionen in der Re­gel nur dann Kreditzusagen machen, wenn In-vestitionsvorhaben von der CNE befür-wortet werden.
Aber auch dieser Mechanismus trägt nur wenig zur umweltpolitischen Kontrolle bei, denn die CNE zeichnet sich ins-be­sondere durch ihre Nähe zu privatwirt-schaftlichen Interessen aus. Ihr Di­rektor, Jaime Tohe, wurde nicht müde, Erhöhun­gen der Stromtarife anzukündi­gen, sollte es durch den Verzicht auf das Staudamm­projekt am Bio-Bio nicht gelin­gen, ab 1997 den auf 5,5 bis 6 Prozent geschätzten jährlichen Mehrbedarf an Strom zu decken. Außerdem hatte die CNE EN­DESA bereits 1990 die Genehmigung zur Konstruktion des Staudamms Pangue er­teilt, ohne zuvor die Ergebnisse der Um­weltverträglichkeitsstudien abzuwarten, die das Unternehmen in Auftrag gegeben hatte. Die Bauarbeiten dauerten zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Jahre an.

Die drohenden Gefahren des Staudamms

Gerade aber auf die Studien der ENDESA berufen sich die KritikerInnen von Pangue unter anderem, die sich im März 1991 in der GABB organisiert haben. Die GABB bündelt die Aktivitäten von Umwelt­schutzbewegungen und VertreterInnen der Pehuenche-Mapuche, den hauptsächlich Betroffenen des Staudammprojekts. Sogar die mangelhaft ausgearbeiteten Untersu­chungen, die ENDESA aus gutem Grund der Öffentlichkeit vorenthält, verdeutli­chen die großen ökologischen Risiken, die mit Pangue einhergehen.
Die Überflutung von 500 Hektar Land am oberen Bio-Bio würde unausweichlich, in­folge des Zersetzungsprozesses der Pflan­zen, die Wasserqualität mindern. Durch die Abnahme der im Wasser gelösten Nährstoffe würde der Fischbestand im Golf von Arauco, in den der Bio-Bio mündet, gefährdet werden und mit ihm die Existenz der dort ansässigen Fischerdör­fer.
Zudem würden durch die Regulierung des Bio-Bio die Interessen der am Oberlauf lebenden kleinbäuerlichen Familien ver­letzt, denn zum einen wäre die Bewässe­rung nicht länger gewährleistet und zum anderen hätte die gelegentliche Öffnung des Damms zur Konsequenz, daß die her­einbrechenden Wassermassen die frucht­baren oberen Erdschichten wegwaschen würden. Völlig unberücksichtigt bleibt in den von ENDESA in Auftrag gegebenen Studien das Gefährdungspotential, das von den umliegenden aktiven Vulkanen ausgeht. Sollte es tatsächlich zu einem Vulkanausbruch kommen, würden Erdrut­sche den Staudamm zerstören und unkon­trollierbare Überflutungen wären die Folge. Außerdem gehen die zitierten Stu­dien nur vom Bau des Pangue aus, obwohl bekannt ist, daß noch fünf weitere Tal­sperren geplant sind. Ende Oktober mußte dies auch die chilenische Regierung öf­fentlich eingestehen.

Folgen für die Pehuenche-Mapuche

Diese drohenden Konsequenzen hätten vor allem die 10000 Pehuenche zu tragen, die am Oberlauf des Bio-Bio leben. Be­dingt durch die schwer zugängliche Lage dieser Region ist es den Pehuenche gelun­gen, ihre traditionellen Lebensformen weitestgehend zu bewahren. Der mit dem Staudamm verbundene Straßenbau wird dieser Abgeschiedenheit ein Ende bereiten und die indigenen Gemeinschaften mit schädlichen Einflüssen der sogenannten Zivilisation konfrontieren. ENDESA hält diesen Argumenten entgegen, daß die Pe­huenche in großer Armut lebten, so daß das Angebot von 2000 Arbeitsplätzen einen wichtigen Beitrag zur Existenzsi­cherung leisten könnte. Diese 2000 Ar­beitsplätze würden jedoch allenfalls wäh­rend der Bauarbeiten existieren. Nach de­ren Abschluß werden wenige Dutzend Ar-beitskräfte ausreichen, um den Stau­damm zu betreiben.
ENDESA führt im Augenblick Verhand­lungen mit den Pehuenche, in denen sie ihnen Landbesitz in einer anderen Region anbietet. Den Pehuenche scheint keine an­dere Möglichkeit zu bleiben, als schließlich in das vorgeschlagene Tausch­geschäft einzuwilligen. Die 1979 unter der Militärdiktatur verabschiedete Indígena-Gesetzgebung erklärte gemeinschaftlichen Landbesitz für unzulässig, so daß die Pe­huenche bis vor kurzem über keinerlei juristisch abgesicherte Landrechte ver­fügten. Auch die jüngst verabschiedete neue Indígena-Gesetzgebung ändert an dieser Situation insofern sehr wenig, als daß die Pehuenche ihre vor 1993 verlore­nen Ländereien nicht zurückerhalten. Ihre VertreterInnen fordern heute neben der Einstellung der Bauarbeiten des Pangue-Staudamms die Gewährung staatlicher Finanzhilfen sowie die Anerkennung ihrer Gebietsansprüche.

Erster juristischer Erfolg für die Pangue-GegnerInnen

Im Juni 1993 erzielten die GegnerInnen des Pangue-Projekts einen ersten juristi­schen Erfolg. Das Berufungsgericht von Concepción, die zuständige richterliche Instanz für die Region um den Bio-Bio, verlangte von ENDESA die Modifizie­rung der Baupläne, um sicherzustellen, daß die Interessen Dritter nicht gefährdet würden. Die vorliegende Genehmigung erlaube nur die nichtverbrauchende Was­sernutzung und werde durch die vorgese­hene Projektkonzeption überschritten, da die Regulierung des Flusses die Bewässe­rung umliegender Felder behindere. De facto lief dieses Urteil auf die Verhängung eines Baustopps hinaus. ENDESA legte daraufhin postwendend bei dem Corte Su­prema Berufung ein.
Die Argumentation der ENDESA-Anwäl­tInnen bezog sich in erster Linie auf den drohenden Umbau aller vergleichbaren Staudämme, so daß es unweigerlich zu ei­ner etwa 25-prozentigen Anhebung der Strompreise kommen würde. Die Natio­nale Energiekommission (CNE) gab EN­DESA bei diesem Streit nach Kräften Rückendeckung und warnte immer wieder vor den negativen Folgen eines Verzichts auf Pangue.
Gestützt auf offizielle Daten der CNE wi­dersprach das staatliche Planungs-ministe­rium MIDEPLAN diesem Sze-nario. Da keinerlei Studien über Alter­nativprojekte vorlägen, sei die Entwick­lung der Strom­preise nicht abzusehen. Das größte Poten­tial liege außerdem in Ener­giespar­pro­grammen, denn immerhin geht augenblicklich rund die Hälfte des er­zeugten und transportierten Stroms verlo­ren. Durch Öffentlichkeitskampagnen ist es während der letzten Dürreperiode ge­lungen, den Energieverbrauch kurzzeitig um 15 Prozent zu senken.

Oberster Gerichtshof gibt Privatinteressen den Vorrang

Als der Oberste Gerichtshof am 5. August das Urteil von Concepción mit dem Hin­weis kassierte, Pangue verfüge über alle notwendigen Genehmigungen, wurde den privaten Gewinninteressen des Monopol­unternehmens auf dem Energiesektor Vorrang vor ökologischen Notwendigkei-ten gegeben. Die weiter gesteckten For-derungen der KritikerInnen Pangues zie-len auf die Formulierung einer natio­nalen Energiepolitik, die durch eine Ener­giegesetzgebung begleitet wird, welche Stromerzeugung und -transport nicht län­ger in den Händen eines einzigen Unter­nehmens beläßt. Darüberhinaus wurden von den der Regierungskoalition angehö­rigen Deputierten der Achten Region, in der Pangue gebaut werden soll, Anträge in das Abgeordnetenhaus eingebracht, um die Gesetzesvorhaben im Umweltbereich sowie das neue Ley Indígena zu beschleu­nigen. Außerdem setzen sich die Depu­tierten dafür ein, Pangue durch unabhän­gige ExpertInnen und den Umweltaus­schuß des Parlaments untersuchen zu las­sen. Abgesehen von dem Hinweis, über keinerlei rechtlichen Möglichkeiten zu verfügen, private Investitionsprojekte zu stoppen, hat sich die chilenische Regierung bisher bedeckt gehalten.

Dreht die Weltbank den Kredithahn zu?

Die vermutlich einzige realistische Chance, Pangue samt den geplanten Nach­folgeprojekten zu verhindern, besteht darin, auf internationaler Ebene Druck auszuüben. Pangue soll insgesamt 470 Millionen US-Dollar kosten, von denen 120 Millionen über die Weltbanktochter CFI finanziert werden, die in drei Raten ausgezahlt werden sollen. Da Weltbank-Kredite an Umweltauflagen, etwa Ver­träglichkeitsstudien, gebunden sind, hofft GABB weiterhin, das Pangue-Projekt zum Scheitern bringen zu können. ENDESA hat der Weltbank bislang noch keine Stu­die vorgelegt. Obwohl die Unternehmens­führung noch im Dezember des vergange­nen Jahres gejubelt hatte, die erste Teil­zahlung des CFI-Kredites sei erfolgt, mußte sie nach einer Stellungnahme der GABB vor kurzem eingestehen, noch kei­nen Cent erhalten zu haben.