MUSEUM DER WÜRDE

Camilo Catrillanca Porträt des 2018 ermordeten Aktivisten vom Kollektiv Serigrafía Instantánea (Fotos: Museo de la Dignidad)

„Das Team des Museums der Würde besteht aus sieben Personen. Wir wollten die Kunstwerke konservieren, damit eine Aufzeichnung der Geschichte bleibt und wir nie vergessen, warum wir im Oktober 2019 auf die Straße gingen“, erklärt Felipe.
Die Öffentlichkeit schätzt die Arbeit der Initiator*innen; die Kunstwerke sind bisher von Eingriffen verschont geblieben. „Das Einrahmen der Werke bringt die Kunst den Menschen auf eine alltägliche Art nahe. So kann sie Tag für Tag genossen werden, ungeplant, ohne eine Eintrittskarte zu kaufen oder eine Einladung haben zu müssen“, erläutert Felipe.
Aufgrund der unzählbaren Masse an Werken, muss das Team einige auswählen. Zum Redaktionsschluss verzeichnete das Museum der Würde 15 Werke, darunter Grafittis, Collagen, Digitaldrucke auf Papier und Gemälde. Waren die Künstler*innen zunächst anonym geblieben, ermittelte das Museumsteam ihre Namen, um sie für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen.
„Ein Ereignis hat uns sehr inspiriert. Ein oder zwei Tage, nachdem wir zum ersten Mal losgezogen sind, um die Rahmen anzubringen, fanden wir alle Wandgemälde innerhalb der Umgebung grün überstrichen vor. Es gab zwei deutliche Anhaltspunkte, die darauf schließen ließen, dass es die Polizei selbst gewesen sein musste. Es wurde alles in grüner Farbe überstrichen und in weißen Lettern Phrasen zur Unterstützung der Polizei geschrieben. Die Botschaft war wörtlich: „Carabineros von Chile, Vielen Dank!“ In dieser Nacht hatten sie alle Kunstinterventionen in der Zone übermalt. Die einzigen, die sie verschonten, waren jene mit dem goldenen Rahmen des Museums der Würde. Wir dachten uns danach: „Krass! Das hier hat bereits eine gewisse Bedeutung erlangt“, erzählt Felipe. Die nächste Herausforderung besteht nun darin, die Werke auf lange Sicht zu erhalten und natürlich weiterhin all jene zu rahmen, die neu erscheinen und den Anforderungen des Museums entsprechen.

 

Chiles Guernica von Miguel Ángel Kastro

Eine Hauptattraktion des Museums ist die chilenische Version von Guernica. Urheber Miguel Ángel Castro berichtet: „Ich habe mitbekommen, dass mein Guernica Teil des Museums der Würde ist, als ich an einem Tag durch die Straßen ging und es eingerahmt vorfand. Es war sehr bewegend für mich, da es eines der ersten Wandgemälde ist, das von dem Museum eingerahmt wurde.“ Der Künstler erklärt zudem, dass er seine chilenische Version von Guernica zunächst auf Instagram veröffentlichte. Einer seiner Follower nahm es und druckte es aus, sodass das Werk von heute auf morgen Teil des Museums der Würde wurde. „Guernica ist der größte künstlerische Anti-Kriegsausruf des 20. Jahrhunderts. An einem Sonntag mitten im spanischen Bürgerkrieg wurde ein spanisches Dorf bombardiert, wobei fast 3000 Menschen starben. Diese Geschichte erzählt Pablo Picasso in seinem Originalwerk. Als Appell an den Präsidenten Sebastián Piñera, der die Situation in Chile als Krieg bezeichnete, erstellte ich dann eine an die örtliche Realität angepasste Version von Guernica. Ich verfügte über so viele Informationen, dass es mir leicht fiel, für jedes Detail des Gemäldes eine passende Figur zu finden“, so Castro.

 

Santísima Dignidad von Paloma Rodríguez

Die Heilige Würde (Santísima Dignidad), symbolisch als Wächterin des Aufstandes. In dieser Darstellung finden sich einige zentrale Symbole der Proteste: Das grüne Halstuch für das Recht auf legale und sichere Abtreibung. Die hervorgehobene Figur steht für die Frauen Chiles, welche die Bewegung anführen und in ihren Armen hält sie einen Pikachu. Als Pikachu war eine Lehrerin verkleidet, die sehr viel Sichtbarkeit bei Freitagsdemonstrationen erlangt hatte.

 

Gabriela Mistral von Fabián Ciraolo

Unter den ausgewählten Werken sticht eines hervor, das die Dichterin Gabriela Mistral darstellt. „Mit jugendlichem Anmut vereint sie alle Elemente, die heute in Chile zur Diskussion stehen: Die Verfassung, über deren Änderung im April durch eine Volksabstimmung entschieden wird, das grüne Halstuch, Symbol der feministischen Bewegung und der Legalisierung der Abtreibung, die schwarze Flagge, die zum Zeichen der Revolution wurde und Gabriela Mistral, die selbst eine Botschaft darstellt.“, so Felipe. Würde Gabriela Mistral noch leben, würde sie ohne Zweifel ihr Gedicht „Wir sollten einst alle Königinnen sein“ wiederaufleben lassen.

 

Jesús von Caiozzama

Die chilenische Polizei wurde aufgrund ihrer exzessiven Anwendung von Gewalt sehr stark in Frage gestellt. Zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses zählte das Nationale Institut für Menschenrechte (INDH) 3.583 Verletzte, darunter 359 mit Augenverletzungen. Sie verloren ihr Augenlicht teilweise oder komplett auf Grund von Gummigeschossen, die direkt auf die Augen abgefeuert wurden. In einer Collage des Künstlers @caiozzama ist Jesus dargestellt, der vor Carabineros flieht: In Anlehnung an die letzte Botschaft Jesu, hält der Verfolgte ein Schild hoch mit der Aufschrift „Vergib ihnen nicht, denn sie wissen genau, was sie tun“.

„ICH HOLE MIR DIE STRASSEN ZURÜCK“

Porträt des ermordeten Komikers Jaime Garzón Das Wandbild der M.A.L. Crew ist an einer der wichtigsten Straßen Bogotás (Fotos: M.A.L. Crew)

Sie haben beide an der Kunsthochschule in Bogotá studiert und beherrschen verschiedene Kunsttechniken. Wodurch zeichnet sich Streetart im Vergleich zu anderen Techniken aus?

Ángela Atuesta: Als Künstlerin im urbanen Raum lernst du Orte und Menschen und ihre Lebensumstände kennen. Der kreative Prozess, der eigentlich etwas sehr intimes ist, wird in die Öffentlichkeit gebracht und alle können Teil davon werden. Du kannst zum Beispiel mit Kindern zusammenarbeiten, denen sonst der Zugang zu künstlerischer Arbeit verschlossen bliebe. Streetart ist weniger elitär als die Kunst aus Museen und Galerien. Nicht alle haben die Möglichkeit, dort Cocktails zu schlürfen. Wenn du möchtest, kannst du im Schlafanzug an einem Wandbild vorbeigehen und es dir ansehen.
Camilo Alfonso: Für mich bedeutet Streetart auch immer „Reclaim your City“, ich hole mir die Straßen zurück, weil sie auch mir gehören. Vielleicht bin ich gezwungen, an einem Ort zu leben, aber ich kann ihn durch mich verändern. Das ist ein ziemlich starker Prozess, der auch mit etwas sehr kleinem anfangen kann. Außerdem ermöglicht dir Streetart, Orte kennenzulernen, die du sonst nie kennenlernen würdest. Besonders nicht in einer so fragmentierten Gesellschaft wie der kolumbianischen. Es gibt Viertel oder auch Dörfer, in die du niemals gehen würdest, wenn du nicht auf der Suche nach einer Wand wärst. Das Schöne an der Malerei ist auch, dass du nicht als Tourist kommst, in gewisser Hinsicht bist du ebenso bei der Arbeit, wie alle anderen Menschen aus der Gegend. Damit hast du einen anderen Zugang zu den Menschen, die vorbeikommen und zusehen, was du gerade tust.

Ist Streetart für Sie immer politisch, ganz unabhängig von dem, was auf der Wand künstlerisch thematisiert wird?

Ángela Atuesta: Ja, auf jeden Fall.
Camilo Alfonso: Ich denke, jede Kunst ist im Kern politisch. Wenn du dich für ein bestimmtes Bild entscheidest, schließt du alle anderen möglichen Bilder aus. Ich könnte ein iPhone malen und den Menschen weismachen, dass alles gut sei. Oder ich male ein Mädchen, das stirbt. Diese Entscheidung ist sehr politisch.

Bogotá gilt als ein Zentrum der globalen Streetart-Szene. Ist es dort möglich, ohne Repression zu sprayen oder zu malen?

Ángela Atuesta: In Bogotá haben Streetart-Künstler*innen eine sehr privilegierte Stimme, vor allem, wenn es um sozialen oder politischen Protest geht.
Camilo Alfonso: Das hat seinen Ursprung 2011. In dem Jahr wurde Diego Felipe Becerra ermordet, ein 16- jähriger Sprayer. Die Polizei hat ihn beim Sprayen erwischt, er wollte fliehen und sie haben ihm in den Rücken geschossen, als ob er ein Dieb wäre. Einige Monate später kam der Popstar Justin Bieber um ein Konzert zu geben. Anschließend ist er losgezogen, um in einer der Hauptstraßen Bogotás ein Graffiti zu malen. Die Polizei hat ihm dafür Polizeischutz gegeben. Das hat einen riesigen Protest ausgelöst und 24 Stunden lang haben hunderte Leute in den Straßen von Bogotá Graffitis gemalt. Der damalige Bürgermeister Gustavo Petro musste reagieren. Er hat mehr legale Möglichkeiten geschaffen, Finanzierungsoptionen, Ausschreibungen und vieles mehr. Dabei wird aber immer noch unterschieden zwischen Streetart und vermeintlichem Graffiti-Vandalismus. Ich finde diese Trennung totalen Mist.

Ángela Atuesta, wie ist es für Sie als Frau, Kunst im urbanen Raum zu machen? Merken Sie einen Unterschied zu den männlichen Künstlern?

Ángela Atuesta: Auf jeden Fall macht es einen Unterschied, aber das zieht sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche. Camilo zum Beispiel kann super entspannt nach drei Uhr nachts in den Straßen unterwegs sein und malen, für Frauen ist das viel gefährlicher. Er hat sehr viele Freiheiten, dafür hasse ich ihn (lacht).

Die Wand, das Viertel und Jaime Das Wandbild wurde seit 2012 mehrmals umgestaltet

Sie haben gemeinsam in dem Künstler*innenkollektiv M.A.L. Crew gemalt, aber auch unabhängig voneinander. Sie waren auch schon in verschiedenen Regionen der Welt. Welches war das Projekt, das Ihnen am meisten bedeutet hat?

Ángela Atuesta: Das Wandbild von Jaime Garzón, einem Komiker, der 1999 in Kolumbien ermordet wurde, war das beste, was wir bisher gemacht haben.
Camilo Alfonso: Ja, definitiv. Die erste Version des Wandbildes haben wir 2012 in zwei Tagen gemalt, an einer 300 Meter langen Wand, an der Calle 26, einer der wichtigsten Straßen von Bogotá. Wir hatten keine Genehmigung. Neben das Porträt von Jaime Garzón haben wir „País de mierda“ (Scheißland) geschrieben. Das hatte ein Nachrichtensprecher im Fernsehen gesagt, nachdem er über die Ermordung von Jaime informierte.
Ángela Atuesta: Über die Jahre wurde das Bild von der M.A.L Crew mehrmals umgestaltet und Jaime in verschiedenen Facetten gezeigt. 2017 das bisher letzte Mal. Ich habe dieses Projekt koordiniert.

Warum haben Sie sich gerade mit Jaime Garzón so intensiv beschäftigt?

Camilo Alfonso: Jaime Garzón war eine wichtige politische Person in Kolumbien. Er hatte verschiedene politische Ämter inne, hat dann aber beschlossen, als Komiker aktiv zu werden.
Ángela Atuesta: Verkleidet interviewte er Politiker und konfrontierte sie direkt. Er sagte die Wahrheit. Er wurde in Bogotá ermordet, nachdem er mehrere Morddrohungen erhalten hatte. Er wusste, dass er sterben würde.

Camilo Alfonso: Wir waren damals noch Kinder und verstanden nicht alle seiner Witze und Anspielungen. Aber wir haben gemerkt, dass er etwas zu sagen hatte, etwas, was die Menschen bewegte.
Ángela Atuesta: Über der Wand war inzwischen eine riesige Werbetafel der Partei Centro Democrático, darauf stand: „El Centro Democrático es confianza“ („Das Centro Democrático bedeutet Vertrauen“). Die Partei sieht sich in der Tradition des ultra-rechten Ex-Präsidenten Álvaro Uribe. Viele werfen Mitgliedern der Partei vor, den Mord an Jaime Garzón in Auftrag gegeben zu haben. Wir haben erst überlegt, ob wir es irgendwie übermalen können, denn es befand sich direkt über dem Gesicht von Jaime Garzón, mit einem Gesichtsausdruck, der sagen könnte: „Das ist eine Lüge“. Wir haben überlegt, woher wir die längste Teleskopstange der Welt bekommen, um die Werbetafel zu übermalen. Dann kam ein Freund und hat mit einer Drohne ein Foto vom Plakat und dem Wandbild gemacht…

Camilo Alfonso: Das Foto ging ziemlich viral. Alle möglichen Medien wollten mit uns sprechen, es war ein echter medialer Knall und hat viele Diskussionen angestoßen.
Ángela Atuesta: Aber das Schönste und Überraschendste war…
Camilo Alfonso: …dass nach zwei Tagen das Centro Democrático die Werbetafel entfernen ließ, weil sie festgestellt haben, dass sie dort definitiv keine gute Werbung für sich machen.
Ángela Atuesta: Damit mussten wir auch nicht mehr die längste Teleskopstange der Welt finden. Es ist einfach nur zynisch, dass eine Partei, die absolut nicht vertrauenswürdig ist, sich ein solches Motto gibt. Die sollen uns nicht verarschen. Wir haben aber etwas Metaphorisches und Poetisches daraus gemacht. Es war eine ziemlich krasse Aktion, und das ganz ohne Gewalt.

Sie haben aktuell in Berlin gemeinsam ein Wandbild gestaltet, das Berta Cáceres und Marielle Franco gedenkt…

Camilo Alfonso: Ángela und ich haben das Wandbild gemeinsam mit Soma, einer anderen kolumbianischen Künstlerin, gestaltet. Zusammen haben wir eine visuelle Sprache entwickelt, die das komplexe Thema in ein Bild bringt. Es ist eine Collage, die aus mehreren Schichten besteht und verschiedene Facetten zeigt: Den Kampf der beiden Frauen und die Interessen, die sich ihnen entgegenstellen. Die gemeinsame Reflexion hat uns ermöglicht etwas zu entwickeln, was wir alleine niemals hinbekommen hätten.
Ángela Atuesta: Ich hatte das Glück, mit einer Gruppe Wandbild-Künstler*innen nach Honduras zu reisen, dort habe ich festgestellt, dass Berta überall extrem präsent ist. Sie war eine kämpferische, starke und einzigartige Frau, man kann sie in ihrer Wirkung mit Jaime Garzón in Kolumbien vergleichen. Sie haben sich beide hingestellt und „Nein!“ zu den bestehenden Verhältnissen gesagt. Genau wie Marielle Franco.

„36 MAL EIN HOCH AUF DIE, DIE KÄMPFEN“

Das Klackern der Dosen kündigt an, was wir vorhaben. Die Gruppe 3636 bespricht, welche Farben sie für ihre nächtliche Tour benutzen will. Ein, vielleicht zwei Pieces sollen entstehen, getaggt werden soll auch. Piece ist der Ausdruck für ein Graffito, kunstvolle Kalligrafie meinen die einen, Vandalismus die anderen. Santiago ist voll davon. Neben den klassischen murales, meist in Auftrag gegebenen Wandmalereien, gibt es eine riesige Graffitiszene, die die ganze Stadt bunter macht. Es ist fast keine Wand zu sehen, die nicht entweder mit Wandmalereien, Pieces oder Tags, den kunstvollen Unterschriften von Graffiti-Künstler*innen bemalt wird.

„Was wir machen ist anders als das, was viele andere machen. Wir machen Graffiti, weil es uns Spaß macht“, meint Luche*, einer der Sprayer von 3636. „Andere Crews haben auch Schlägereien, sie sind sehr territorial. Vor allem, wenn es um Züge geht. Wenn man an einem Ort Züge macht, den sie für sich beanspruchen, kann es sein, dass du verprügelt wirst. Wir haben darauf keine Lust.“
Die sechs Jungs haben sich auf eine Farbkombination geeinigt. Das heißt, es kann losgehen. Gemütlich verlassen wir die Wohnung und gehen ins nächtliche Santiago. Unser Ausflug fängt im hippen Barrio Brasil an, einem der Ausgehviertel im Zentrum Santiagos. „Es gibt sehr viele legale Arbeiten hier, vor allem um die Plaza Yungay und im Barrio Bellavista, aber die Kalligrafie, die man hier auf der Straße sieht, ist illegal.“ Es ist Mitternacht und die Straßen sind fast leer. Wir gehen erst mal ein Bier holen und setzen uns auf eine Bordsteinkante. Horrorgeschichten werden ausgetauscht. „Als ich einmal mit einem argentinischen Freund taggen war, sind auf einmal ein Haufen Männer mit Stöcken aus einem Laden rausgekommen und haben uns mit einem Pick-up verfolgt. Sie haben einen von uns erwischt, ihn dann aber gehen lassen“, erzählt Luche. Jeder der sechs Jungs wurde schon mal von der Polizei oder wütenden Anwohner*innen erwischt.
Das Bier ist alle und wir ziehen weiter in die Richtung, wo das erste Piece entstehen soll. Auf einer verlassenen Kreuzung ist ein Laden mit einem Rollladen verschlossen. Dieser soll bemalt werden. Aber entgegen aller Erwartung sind noch Leute auf der Straße, zwei Obdachlose sitzen in einer Nische und gegenüber verkauft ein Geschäft noch Bier durch eine vergitterte Tür. Ernüchterung macht sich breit und die Jungs fangen an zu diskutieren. Nach einer Weile entschließt sich die Gruppe, das Piece doch zu machen: Juan und Manu fragen die Obdachlosen, ob es in Ordnung für sie wäre. Daniel hält nach Polizeistreifen Ausschau und Luche, Gabo und Brian malen. Als Juan und Manu ihr ok geben, geht alles schnell. Die Dosen klackern erneut und innerhalb von drei Minuten entsteht, begleitet vom scharfen Zischen der Farbe, ein zwei mal drei Meter großes Gemälde auf der Wand. Routiniert werden erst Outlines, die Konturen der einzelnen Buschstaben, gezogen, dann ausgefüllt und Schicht für Schicht ein trister brauner Rollladen in ein buntes 3636 umgewandelt.
„Für uns steht 3636 für drei mal die sechs, also 666 und 36 Dinge, wie 36 tote Politiker, 36 Lieben, 36 Freundschaften, 36 mal ein Hoch auf die, die kämpfen. Wir sind sowas wie eine Protestcrew, aber jeder von uns schreibt, was er denkt.“ Ob Graffiti in Chile politisch sei? „Hier haben die Leute angefangen, die Straßen zu bemalen, um Slogans gegen die Diktatur zu verbreiten. Es gab eine kommunistische Brigade, die Ramona Parra hieß und murales gemacht hat. Während der Diktatur wurden einige von ihnen umgebracht oder ins Exil geschickt. Als dann die Exilierten zurückkamen, brachten viele von ihnen Geschichten von den Graffiti- und Street-Art-Szenen aus Europa und den USA mit. Heute gibt es Leute, die politische Botschaften sprühen oder auch einfach nur ihren Graffitinamen, alles eine individuelle Entscheidung.“
Wir ziehen weiter, die Stimmung ist gelöst, auf dem Weg zum nächsten Spot wird getaggt. Auf einmal gibt es Geschrei: „Ihr verdammten Jugendlichen! Habt ihr nichts Besseres zu tun? Verschwindet!“ Eine ältere Frau hat Manu beim Sprühen erwischt und steht schimpfend am Fenster. Wir rennen weg, um die nächste Straßenecke und ziehen weiter. Das Adrenalin spornt die Gruppe weiter an. Luche steigt auf die Schultern von Manu und Juan und malt ein kunstvolles 3636 in drei Metern Höhe an die Wand. Die brasileña, eine der Methoden um höher zu kommen und zu taggen. Auf einmal bricht Panik aus: „Schnell weg! Schnell weg! Die pacos!“ Eine Polizeistreife hat uns gesehen und angehalten. Wieder rennen wir, dieses mal bis zu einem Park und verschnaufen dort. „Wenn wir weniger gewesen wären, wären sie uns wahrscheinlich hinterhergefahren und hätten uns festgenommen“, meint Gabo. Festgenommen werden will niemand. „Wenn sie dich erwischen, verprügeln sie dich erst, bringen dich dann in die Wache und verprügeln dich dort nochmal. Das sind Schweine“ „Eigentlich sind Schweine schön, die pacos aber…“, meint Luche. Gelächter bricht aus.
Der nächste Spot steht an, dieses Mal eine Wand an einer tagsüber stark befahrenen Straße. Nachts ist hier wenig bis gar nichts los. Die Nervosität steigt. Brian und Luche halten dieses Mal Wache. Aber es läuft nicht rund. Zwei Mal wird die Arbeit unterbrochen, weil eine Streife vorbeifährt und die ganze Gruppe verschwindet in Seitenstraßen. Zu allem Überfluss macht eine Alarmanlage keine 100 Meter weiter mittendrin Radau. Nach einer nervösen viertel Stunde – viel zu lang, wie Brian versichert – ist das Bild endlich fertig. Wir teilen uns in Kleingruppen auf und laufen auf verschiedenen Wegen weiter, um uns an einem letzten Spot zu treffen.
Eine Mauer, vier auf zwei Meter, ist das nächste Ziel, dieses Mal in einer Seitenstraße ohne viele Leute. „Normalerweise würden wir zu sechst malen, aber heute sind viele pacos unterwegs“ meint Juan während er Schmiere steht. Die Anspannung und Erschöpfung nach zwei Stunden durch die Stadt laufen und rennen ist den Leuten anzumerken. Juan fängt an, lauthals zu lachen. „Was macht ihr denn da? Da steht 3366!“ Nach einer kurzen Pause wird weitergemalt, 3636 soll es sein. Als das Piece fast fertig ist, stürmt ein Mann mit einer Flasche in der Hand auf uns zu. „Was macht ihr da? Könnt ihr nicht das Eigentum von anderen Leuten respektieren? Ihr verdammten Faulenzer!“ „Beruhig dich, Mann! Ist das deine Wand? Wir machen die Stadt ein bisschen bunter, freu dich doch darüber! Das ist Kunst“ „Verschwindet von hier! Ich ruf die Polizei!“ Und wieder rennen wir weg. Manu sprintet grinsend vorbei „Das sind die Graffitimomente. Wenn du fast erwischt wirst und das Adrenalin voll da ist.“
Erschöpfung macht sich breit. Die Sprühdosen sind auch fast alle leer. Ein letztes Bier wird gekauft und wir setzen uns in einen Park. „Normalerweise machen wir nicht so viele Pieces an einem Abend“, meint Luche, „aber heute hat es gepasst.“ Der Park ist voll von jungen Leuten, die trommeln, Bier trinken und kiffen, was der Polizei anscheinend nicht passt. Vier Streifenwagen rasen auf die größte Gruppe zu. Alle rennen panisch weg, wir beobachten noch, wie die Polizist*innen die Trommeln beschlagnahmen, dann sind auch wir weg. Eine Straßenecke weiter wandern die leeren Sprühdosen in einen Mülleimer. Für 3636 ist der Abend vorbei und die Stadt ein bisschen bunter.

*alle Namen von der Redaktion geändert