„Die Militärpolizei existiert nicht, um Bürger zu schützen”

Gegen Repression und Rassismus Sandra Bello wünscht sich Widerstnd in den Favelas (Fotos: Laura Pacheco)

Was passierte mit Herus an jenem Morgen auf der Festa Junina?
Mehr als hundert Menschen feierten in der Gemeinde die Festa Junina, als es plötzlich zu einer Invasion durch die Spezialeinheit BOPE kam – eine Situation, die inzwischen zum Normalfall geworden ist. Herus, das Opfer, war mit seiner Familie unterwegs, um in der Nähe einen Snack zu kaufen. Er kehrte nicht zurück. Die BOPE schoss auf ihn und holte nicht einmal Hilfe.
Dies ist eine gängige Praxis der Militärpolizei bei ihrem Vorgehen in den Gemeinden. Es hat sich die Vorstellung verfestigt, dass jeder in der Favela ein Krimineller ist. Selbst wenn dies der Fall wäre – wenn jemand also etwas tut, was in der brasilianischen Verfassung, im brasilianischen Staat, nicht als legal angesehen wird – die Todesstrafe ist abgeschafft. Allerdings nur auf dem Papier. In der Realität wird sie tagtäglich praktisch angewendet.
Wir müssen den Kampf aufnehmen, um dieser Vorstellung und der damit verbundenen tödlichen Repression entgegenzuwirken.
Die öffentliche Sicherheit muss diskutiert werden. Die Linke muss über den „Krieg gegen die Drogen“ diskutieren. Sie muss die Dringlichkeit einer ernsthaften und tiefgreifenden Debatte über die öffentliche Sicherheit aufgreifen.

Und wie zerstören Sie die Vorstellung, dass die Favela nur von Kriminellen bewohnt wird? Was ist Ihre Vision der Favela?
Man braucht viel Mut, eine Haltung und eine sehr kritische Vision, um der Repression entgegentreten zu können. Denn heute ist die Favela gefährlich, es gibt die Miliz, den Drogenhandel und den repressiven Staat. Verschiedene Kräfte arbeiten gegen eine Entwicklung der Favela, aber trotzdem reagieren die Menschen. Heute gibt es eine Bewegung, zum Beispiel auch durch Musikgenres wie Rap und Trap. Die Menschen leisten Widerstand.
Die Favela ist ein täglicher Kampf. Das alltägliche Leben in der Gemeinde besteht aus Aufbau. Wir gehen raus, um zu arbeiten, um zu studieren, und wir fordern dabei konsequent unsere Rechte ein. Wir schließen uns in Nachbarschaftsvereinen zusammen und lernen, mit Unterschieden umzugehen. Es gibt nicht nur Schwarze in der Gemeinschaft, es gibt nicht nur Heteros. Wir leben mit LGBT-Leuten, weißen, Menschen aus dem Nordosten des Landes, Menschen, die mehr Geld haben, und anderen, die weniger haben. Es ist gleichzeitig ein freudiges Leben, in dem wir unsere Freundschaften aufbauen, weil wir Kultur mitbringen. Diejenigen, die Schwarz sind, bringen die afrikanische Kultur mit; Samba, Capoeira. Die Menschen aus dem Nordosten des Landes bringen Forró (Tanz aus dem Nordosten Brasiliens, Anm. d. Red.) mit. Diese Vielfalt macht die Favela aus.

Hatte die Polizei schon immer eine solche Haltung gegenüber den Favelas?
Ja, das war schon immer so. Die Militärpolizei wurde nicht geschaffen, um die Bürger zu schützen, sondern die gesellschaftliche Elite. Das ist so, seit der brasilianische Staat gegründet wurde. So wurde Capoeira anfangs verboten. Und wer machte Capoeira? Ehemals versklavte Schwarze. Samba wurde verboten, weil es als Landstreicherei galt.
Heute sind Samba und Capoeira ist nicht mehr verboten, aber der Krieg ist jetzt ein anderer. Die Polizei und der Staat wollen diesen Mythos vom Krieg gegen die Drogen aufrechterhalten. Die Favelas wurden schon immer überwacht, um revolutionäre und transformative Aktionen zu verhindern.
Doch selbst in dieser angespannten Situation schaffen wir es, uns zu bewegen. Die Favela wird sich nicht selbst verändern. Sie ist Teil der Gesellschaft, des Staates, der Stadt. Wenn wir also keinen Staat haben, der sich wirklich für das Wohlergehen der brasilianischen Bevölkerung einsetzt, werden wir keine Veränderung erleben.

Fotos: Laura Pacheco

Und welche Art von öffentlicher Politik ist Ihrer Meinung nach wichtig, um diesen Wandel herbeizuführen? Was muss getan werden, um ein menschenwürdiges Leben in der Favela zu garantieren?
Wir brauchen Würde, die volle Staatsbürgerschaft und das Recht, den Mund aufzumachen ohne dabei Gefahr zu laufen, verprügelt oder abgeknallt zu werden. Wir brauchen eine öffentliche Gesundheitsversorgung, die für alle da ist. Eine wirklich gute Bildung, die nicht nur eine leere Versprechung bleibt. Wir haben eine Schule, schön und gut, aber welche Ausstattung hat sie? Wie hoch ist das Gehalt der Lehrer? Wie hoch ist das Gehalt der Eltern der Kinder? All das hängt zusammen.
Die Menschen in den Favelas werden diesen Wandel nicht allein schaffen. Das Weißsein – und damit meine ich nicht die weißen Personen, sondern das Weißsein als Machtverhältnis – muss mitsamt seiner Privilegien diskutiert werden und ein kritisches Bewusstsein etabliert werden.
Wenn wir in der Linken das Thema Ethnie, Sexualität oder Geschlecht zur Sprache bringen, wird gesagt, das sei Identitarismus (politische Ideologie, die kollektive Identität über kulturelle Vielfalt stellt, Anm. d. Red.). Sie sehen nicht, dass ich als Frau aus der Arbeiterklasse schwarz und lesbisch bin und mich in meinem Job als schwarze lesbische Arbeitnehmerin wohlfühlen möchte.
Die Linke kann das nicht ganz begreifen, sie ist da sehr traditionell und sehr eurozentrisch. Sie stützt sich immer noch auf Marx, Engels oder Gramsci. Ihnen zufolge kann nichts die Welt bewegen, wenn es nicht aus der Perspektive dieser Denker geschieht. Und dann schaue ich mir die Quilombola (Nachfahr*innen von Gemeinschaften geflohener versklavter Menschen, Anm. d. Red.) und die Kosmovisionen der Indigenen Völker an. Hier finden sich soziale Artikulationen, Lebensweisen. Warum können wir also nicht etwas anderes neu erfinden? Das soll nicht heißen, dass die linken europäischen Denker nicht wichtig waren, das ist es nicht. Aber sie funktionieren nicht mehr.

Was erhoffen Sie sich für die Favela? Welche Zukunft würden Sie sich wünschen?
Ich wünsche mir für die Favela, dass sie sich organisiert. Dass sie ihren Geist, der auf der Achtung der Vielfalt beruht, immer beibehält und weiterkämpft. Wir werden Erfolg haben, wenn wir kämpfen. Aber nicht allein. Ich hoffe, dass die Zivilgesellschaft als Ganzes Verantwortung übernimmt und gemeinsam und organisiert einen Ort schaffen kann, an dem man sich wohlfühlen kann.
Ich bin eine Optimistin. Ich hoffe, dass wir die Dinge umkehren können. Aber heute leben wir in der Favela unter militarisierten Verhältnissen. Auch haben wir – ich nenne es mal Linke –, die gegen all diese Formen der Unterdrückung sind, keine Utopie mehr. Doch auch die Kritik muss mit einem Traum einhergehen. Wir müssen für uns selbst eine Utopie schaffen.
Ich glaube nicht mehr an die Demokratie. Sie ist eine Lüge. Die Demokratie, wie sie in der heutigen Welt besteht, begünstigt einige wenige Menschen, einige wenige Gruppen. Ich mache meinen Mund nicht auf, um zu sagen, dass ich Demokratie will. Ich will nicht sterben, ich will ein Leben haben. Ich weiß nicht, wie es genannt werden wird, aber ein Leben in Würde, wo die Menschen gesund sind, wo der Staat handelt, wo es eine soziale Perspektive gibt.
Ich weiß nicht, wie wir unsere Utopie nennen werden, welchen „Ismus“ wir ihr geben werden, aber heute hat das blutgetränkte Tuch der Demokratie seine Kraft verloren. Wir müssen es sehr deutlich, sehr gründlich und sehr ernsthaft überprüfen. Und wir müssen den Mantel des Eurozentrismus aus unserem Leben entfernen. Wir müssen uns davon befreien, um eine andere Weltsicht, eine andere Perspektive zu schaffen.


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Wenn die Toilette zum Argument wird

Der Weg zur Gleichberechtigung Trans* Menschen in Peru müssen weiterhin dafür kämpfen (Foto: Connie France)

Das neue Gesetz soll das Recht von Kindern und Jugendlichen auf sexuelle Unversehrtheit stärken und verbietet den Zutritt zu Toilettenräumen für „jede Person, deren biologisches Geschlecht nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, für die der Service vorgesehen ist“. Im Angesicht der Verabschiedung des Gesetzes signalisiert Cath Candela von der Organisation Féminas Perú, einer selbstorganisierten NGO von trans* Frauen: „Wieso macht man ein Gesetz ohne wissenschaftliche Grundlage, ohne Beweise? Keine öffentliche Politik (in unserem Land) verhindert unsere Marginalisierung.”

Der Gesetzesvorschlag entstand am 31. März als reaktionäre Antwort auf eine Kampagne von Susel Paredes, Abgeordnete des peruanischen Parlaments und LGBTIQ+ Aktivistin. Diese Kampagne zum peruanischen Tag für die Sichtbarmachung von trans Identitäten lautete „Diversität und Rechte: Kämpfen für die Gleichheit und Gerechtigkeit” und gewährte den freien Zugang zu Toilettenräumen für alle Teilnehmenden je nach geschlechtlicher Identität. Die Veranstaltung wurde jedoch durch die Abgeordnete Pastorin Milagros Jaúregui vor dem Ethikkommittee des peruanischen Kongresses angezeigt, mit dem Argument: „Wieder wurde ein inakzeptabler Akt und eine Respektlosigkeit gegen die Rechte der Frauen begangen. (…) Es wurde zugelassen, dass Männer in Toiletten eintraten, die exklusiv für Arbeiterinnen designiert sind. Diese Veranstaltung stellt eine klare Verletzung der Privatsphäre und der Würde der Frauen dar, die in dieser Institution arbeiten…”. Der Anklage wurde stattgegeben und Susel Paredes vom Kongress suspendiert.

Als Antwort auf eine Inklusionskampagne wurde das Gesetz über die sexuelle Unversehrtheit von Minderjährigen durch die konservative Abgeordnetenbank im Kongress durchgesetzt und von der Präsidentin Boluarte am 13. Mai verabschiedet. Dabei stützen die betroffenen staatlichen Institutionen die Verabschiedung nicht, wie das unabhängige peruanische Kommunikationsmedium Wayka. Das Ministerium für Justiz und Menschenrechte, das Bildungsministerium und das Ministerium für Wohnen, Bau und sanitäre Versorgung sprachen allesamt kritische Hinweise über die Umsetzbarkeit des Gesetzes aus und verlangten seine erneute Evaluierung – trotzdem wurde es ohne Revisionen freigegeben. Außerdem präsentierte das Lobby-Kommittee der Travesti-Vereinigung (Asociación de Travestis) einen Bericht, der die Rechtsverletzungen offenlegt, die das Gesetz in Bezug auf das in der Verfassung verankerte Prinzip der Gleichheit und des Verbots von Diskriminierung darstellt. Ebenso verweisen sie auf Artikel 1 der Amerikanischen Menschenrechtskonvention: „Es ist fundamental, sich über die Reichweite dieser transphoben Verordnung auszusprechen. Manch einer könnte meinen, dass er sogar strafrechtliche Sanktionen vorsieht, aber das ist nicht der Fall: Das Strafgesetzbuch wurde nicht geändert”, kommentierte Manuel Siccha, Vertreter des Comité de Incidencia Política.

Das Gesetz über die sexuelle Unversehrtheit von Minderjährigen offenbart die Unklarheit der Regierung was den Schutz geschlechtlicher Diversität angeht. Die fehlende Priorisierung zeigt sich unabhängig von der konservativen Agenda auch in der Inexistenz von vorherigen Gesetzen für den Schutz der Rechte sexuell diverser Identitäten. Die einzigen Maßnahmen, welche die trans* community einbeziehen und aktuell in Kraft sind, sind die Identifikation von trans* Frauen im Bereich Gesundheit – aufgrund ihrer ‘Inzidenz’ unter HIV-Erkrankungen sowie an öffentlichen Orten mit der Kommunalverordnung: „In diesem Lokal ist Diskriminierung jeder Art verboten”. In letzterer wird durch die Gleichsetzung jeder Art von Diskriminierung die Intersektionalität der gewaltvollen Handlungen übergangen, und eine generische Definition dessen propagiert, was als Diskriminierung gilt. Der Respekt für verschiedene geschlechtliche Identitäten und das Recht auf die Nutzung von Toilettenräumen sind nicht ausdrücklich benannt, weswegen diese Art von Verordnungen ihre Schutzfunktion verlieren. Mehr noch, wenn soziopolitische Kräfte – Polizei, Geschworene, Bürgerinnen – nicht die Existenz der trans community legitimieren, können sie stattdessen diskriminierende Handlungen fortsetzen, ohne dass sie als Verstoß gegen die kommunalen Vorschriften gelten. In anderen Worten, sie genießen Straffreiheit und die Rückendeckung der Autoritäten. Das Gesetz zur sexuellen Unversehrtheit von Minderjährigen macht also ein System der Straffreiheit für diskriminierende Handlungen sichtbar und zeigt die Nutzlosigkeit der Politik zum Schutz von Diversitäten.

Foto: Connie France

In diesem konservativen Kontext halten sich stereotypisierende Diskurse über das ‘Risiko’, das die Nutzung von Toiletten durch trans* Personen darstelle. Es ist eines der meistgenutzten Argumente gegen die trans* community in Peru. Kürzlich erhielt der internationale Flughafen Jorge Chávez eine Beschwerde einer Bürgerin wegen seiner Beschilderung, die die Toiletten zu ihrer Unterscheidung auswies für „Personen femininer Identität” und „Personen maskuliner Identität”. Daraufhin änderte der Flughafenbetreiber Lima Airport Partners die Beschilderung zu „Frauen in ihrer Diversität” und „Männer in ihrer Diversität”. Dennoch hielt sich die Unzufriedenheit in den konservativen Sektoren, die mit dem Risiko für Frauen und Mädchen argumentierten. Durch den externen Druck steht auf den Toilettentüren jetzt wieder „Frauen” und „Männer“. Diese Art von Kampagnen versuchen, die Verantwortung für Übergriffe auf Frauen und Mädchen in Toiletteneinrichtungen auf die trans* community zu projizieren.
Es existieren jedoch nur Belege für Übergriffe auf trans* Personen in Peru, aber keine repräsentativen Belege für Übergriffe durch diese. Laut Presentes, einem unabhängigen journalistischen Medium, das die Themen gender und sexuelle Diversität behandelt, wurden von den 54 zwischen 2020 und 2023 begangenen Verbrechen gegen die LGBTIW+ Community über die Hälfte (30) gegen trans* Personen begangen. Gleichzeitig werden in Peru auf verschiedenen Ebenen transphobe politische Handlungen durchgesetzt – so ordnet ein Dekret von 2024 über die Einbindung von Diagnostik ‘Transsexualität’ als psychische Störung ein. Zynischerweise wird im Angesicht von Diskriminierungsfällen gegenüber trans* Personen bei der Nutzung von Toiletten empfohlen, einfach den Geschlechtseintrag auf dem Ausweis anzupassen. Diese Antwort erhielt die Transfrau Valensue, als sie Beschwerde bei der internationalen Fitnessstudio-Kette Smart Fit einreichte, nachdem ihr der Zugang zur Frauentoilette verwehrt worden war. Das Unternehmen antwortete, dass sich die Zuordnung der Toiletten auf den Eintrag im Ausweisdokument beziehe, was durch die Verbraucherschutzorganisation INDECOPI gestützt wurde, welche den Ausweis als einzige „objektive” Quelle für die Bestimmung des Geschlechts einer Person festsetzte.

Der Prozess zur Änderung des Geschlechtseintrag in Ausweisdokumenten ist in Peru von großen Hürden geprägt: die finanziellen Kosten, die komplexe Bürokratie und die Reviktimisierung durch Gerichte, die entscheiden, ob einer Änderung stattgegeben wird. Einer Reportage von Elizabeth Salazar und Carla Díaz zufolge, die 203 Akten zur Geschlechtsänderung analysierte, belegt, dass die Rechtsprechung einen gewaltvollen Diskurs reproduziere, der in legalem Unwissen und diskriminierenden Stereotypen verankert ist. So fordert dieser Nachweise über chirurgische Eingriffe und Hormonbehandlungen als notwendig für den Änderungsantrag: Dokumente also, die die Pathologisierung und biologistische Ideen davon aufrechterhalten, was es bedeutet, trans* zu sein und so die Einhaltung traditioneller Geschlechterrollen einfordert. Die rechtlichen Restriktionen basierend auf einem biologischen Geschlecht kriminalisieren die trans* community. So erwähnt die Aktivistin und Journalistin Gianna Camacho: „Sie nutzen dieses Stigma, dieses Vorurteil über uns”, und weiter: „Dieses Gesetz reproduziert falsche Ideen über trans* Personen und hat keinen Vorgänger in anderen Ländern der Region.” Mit diesem Gesetz wird erwartet, dass der Körper gemäß von traditionellen Geschlechterrollen funktioniert, welche die Erfahrung von Geschlecht jeder trans* Person einschränkt.

Die Straffreiheit im Angesicht von Hassverbrechen, Diskriminierung und Gewalt gegen die trans* community ist Verantwortung des Staates, da dieser die Transphobie anhand von Regierungshandlungen wie dem Gesetz zur sexuellen Unversehrtheit Minderjähriger institutionalisiert. Der Diskurs des Risikos durch die Toilettennutzung durch trans* Personen ist somit letztlich durch Autoritäten validiert, durch die Zivilgesellschaft aufrechterhalten und durch Rechtsmittel des Staates legitimiert. Mehr noch, die Institutionalisierung fördert die Schutzlosigkeit und Unsichtbarmachung der trans* community. Deswegen braucht es dringend politische Schutzmaßnahmen, die die politische, rechtliche und zivile Integrität von trans* Identitäten sicherstellen. Die generischen Verordnungen öffnen Gesetzeslücken für ihre freie Interpretation und Nutzung, aber eine öffentliche Politik könnte Handlungsmacht geben und die soziopolitische Existenz der trans* community anerkennen. Wir können diskriminierende Handlungen mit Rechtsnormen korrigieren, die die Vielfalt schützen, anstatt mit Gesetzen, die mit vermeintlichen Schutzabsichten ihre Verletzung verursachen.


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Zwischen Erwachen und Erwachsenwerden

Foto: Plan B Entertainment

Eines Nachmittags vertraut Cecilia (Andrea Suárez Paz) ihrem Sohn Olmo an, sich um seinen Vater Néstor (Gustavo Sánchez Parra) zu kümmern. Der ist mit Multipler Sklerose bettlägerig und zum Überleben auf seine Familienmitglieder angewiesen. Auch sonst geht es der Familie nicht wirklich gut: Sie sind drei Monatsmieten schuldig, es gibt weder Zeit noch Geld für selbstgekochtes Essen (außer der Tiefkühl-Lasagne, die der Vater nicht essen will) und die Stereoanlage ist kaputt. All das hält den 14-jährigen Olmo aber nicht davon ab, sich für seine Nachbarin Nina (Melanie Frometa) zu interessieren. Seiner älteren Schwester Ana (Rosa Armendáriz) geht es ähnlich wie ihm: Sie will ihre Jugend abseits von Verpflichtungen erleben. Währenddessen versucht ihre überforderte Mutter, ihren häuslichen und finanziellen Verpflichtungen nachzukommen, indem sie Doppelschichten in einem Restaurant arbeitet.

Fernando Eimbckes Film Olmo wurde in der Sektion Panorama der Internationalen Filmfestspiele Berlin 2025 uraufgeführt. Es ist Eimbckes vierter Film und das zweite Mal, dass der mexikanische Regisseur an der Berlinale teilnimmt. Das erste Mal war er 2008 mit Lake Tahoe vertreten, einem Film, der mit dem Silbernen Bären für den Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet wurde. Sein Regiedebüt gab er 2004 mit Temporada de Patos, der in Cannes uraufgeführt wurde und in seinem Heimatland mehrere Preise gewann. Im Jahr 2013 präsentierte er Club Sandwich, seinen dritten Spielfilm, der beim 61. Internationalen Filmfestival von San Sebastian unter anderem mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde.

Olmo spielt 1979 in New Mexico und schildert auf humorvolle Weise den komplexen Übergang vom Heranwachsen zum Erwachsenwerden in einem von Unsicherheit geprägten Umfeld. Aivan Uttapa spielt darin den Protagonisten: Olmo ist ein junger Mann, der versucht, den Härten seines Zuhauses zu entkommen, indem er sich in seine Freundschaft mit Miguel (Diego Olmedo) und seine romantischen Träume zurückzieht.Sein Freund nimmt dabei im Laufe des Films die Rolle des treuen Helfers für ihn ein, fast wie Sam Gamdschie für den Helden Frodo in der Fantasy-Saga Herr der Ringe. Unter anderem unterstützt er ihn dabei, seinen Schwarm Nina dazu zu bringen, ihn zu einer Party einzuladen. Aber die Sache hat einen Haken: Die Eintrittskarte dafür ist, sich die Stereoanlage der Familie auszuleihen. So muss sich Olmo zwischen der Verantwortung für seine Angehörigen und dem Wunsch, seine Jugend zu leben, entscheiden. Auf diese Weise zeigt der Film eine unausweichliche Wahrheit: Erwachsenwerden bedeutet, schwierige Entscheidungen zu treffen.

Doch Olmo ist mehr als nur eine Coming-of-Age-Geschichte, sondern auch ein intimes Porträt einer Migrant*innenfamilie, in der die Eltern auf Spanisch kommunizieren und die Kinder auf Englisch antworten. Einer Familie, die durch die Krankheit von Néstor zerbrochen ist, der als Vater, obwohl körperlich eingeschränkt, immer noch versucht, seiner Rolle mit Anekdoten und Ratschlägen gerecht zu werden, auf die seine Kinder nicht immer hören wollen. Das fehlende Gleichgewicht in seiner Familie hinterlässt Olmo in einem großen Dilemma: Inwieweit soll er mit Aufgaben belastet werden, die seinem Alter nicht entsprechen? Während seine Mutter und seine Schwester versuchen, auf ihre Weise zu entkommen, sehnt auch er sich nach einer solchen Pause. So erinnert uns der Film daran, dass das Erwachsenwerden nicht nur ein Prozess der Selbstfindung ist, sondern auch ein Akzeptieren der familiären Bindungen, mit all der Last, die sie mit sich bringen.

Olmo ist kein effekthascherischer Film, aber wenn er erst einmal angefangen hat, überzeugt er mit seinen Charakteren, einer soliden Geschichte und einem sorgfältigen Setting. Er handelt vom Aufwachsen und von Beziehungen in einer unvollkommenen Familie und erinnert uns daran, dass das Leben wie ein Film sein kann. In dieser Geschichte ist die Familie kein idealisierter Zufluchtsort, sondern ein komplexes Band, das von Opfern und kleinen täglichen Kämpfen aufrechterhalten wird. Jede Figur geht auf ihre eigene Weise mit der Realität um, aber alle sind durch eine gemeinsame Wahrheit verbunden: Trotz ihrer Brüche bleiben sie ein Team, in dem Verantwortung und Zuneigung in einem fragilen Gleichgewicht koexistieren.



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Das Leben ist nicht immer schön

Rihanna und Benin, zwei Kinder sitzen auf einem Wagen, sie haben den Mund offen, als ob sie singen oder schreien würden. Das kleine Mädchen hält einen Ball in der Hand. Der kleine Junge hat eine Mütze auf. Vor dem Wagen befindet sich eine Lautsprecherbox.
© Aline Arruda

Von oben gesehen sieht oft alles viel schöner aus. So auch der Müllwagen von Gal, den sie zu Fuß über das Labyrinth der Stadtautobahnen von São Paulo zieht. Doch als die Kamera in Anna Muylaerts Film A melhor mãe do mundo (Die beste Mutter der Welt) von der furiosen Drohnenaufnahme auf das Straßenlevel wechselt, wird klar: Müllsammler*in zu sein, ist eine schweißtreibende, staubige Knochenarbeit. Die zweifache Mutter Gal (stark: Shirley Cruz) steuert ihr Gefährt dennoch mit scheinbar unerschütterlicher Energie und Fröhlichkeit durch die Peripherie. Ohne Jammern und Klagen werden vor allem recycelbare Plastikflaschen auf den Wagen geladen und später sortiert und gewogen. Die Bezahlung reicht zum Leben, aber nicht für eine Mietwohnung für drei. Und hier beginnt Gals Problem: Denn wer dafür zahlt, ist ihr Partner Leandro (Seu Jorge), ein gewalttätiger Alkoholiker, der sie regelmäßig schlägt. Als auch die Sozialberatung, bei der Gal ihn anzeigt, keine schnelle Hilfe bietet, packt sie kurzerhand ihre beiden Kinder auf den Wagen. Los geht es auf eine mehrtägige Fahrt zum Haus ihrer Cousine, die am anderen Ende der Megalopolis lebt.

Regisseurin Anna Muylaert hat ein großes Herz für die Außenseiter*innen der Gesellschaft.  Que horas ela volta (Der Sommer mit Mamá) gewann 2015 mit einer Geschichte über eine Hausangestellte den Panorama Publikumspreis auf der Berlinale. Nun ist sie mit A melhor mãe do mundo zurück auf dem Festival. Im Zentrum ihres Films steht wieder eine Frau in einem Job, der trotz seiner Relevanz für die Gesellschaft nicht ausreichend gewürdigt wird. Muylaert zeigt vor allem zu Beginn Gals Alltag, die verschiedenen Schritte des Müllsammelns, Sortierens und Recyclings, was zu Verständnis und Respekt für ihre Tätigkeit beiträgt. Daneben kommt in kleinen Szenen und Dialogen immer wieder Solidarität in der Working Class zum Vorschein: Unter anderem leihen die Müllarbeiter*innen sich gegenseitig Kleidung oder es wird ein Essen für die Kinder spendiert. So entsteht ein warmherziges Porträt der Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes täglich die Drecksarbeit für die Zwölfmillionenstadt  São Paulo erledigen.

Für Gals Flucht vor den Schlägen ihres Ehemanns hat sich Muylaert dann am Drehbuch von Roberto Benignis Oscar-prämiertem Film „Das Leben ist schön“ von 1997 orientiert. Denn die beste Mutter der Welt verkauft ihren Kindern die Obdachlosigkeit während ihrer Fahrt durch São Paulo als großes Abenteuer: Schlafen im Park labelt sie als Camping, in der Fußgängerzone wird getanzt und ein Brunnen kurzerhand zum Schwimmbecken. Während der junge Benin mit herzerwärmender Begeisterung bei allen Aktivitäten voll dabei ist, beginnt die ältere Tochter Rihanna irgendwann, Fragen zu stellen. Denn auf dem Weg lauern Gefahren und selbst manche vertrauten Personen sind plötzlich nicht so liebenswürdig, wie sie vorher schienen.

Der Plot von A melhor mãe do mundo verliert durch die Benigni-Vorlage natürlich ein wenig an Originalität und auch das Ende ist schon weit vor der Hälfte der Laufzeit absehbar. Dafür ist der Film aber nicht nur unterhaltsam, sondern erfüllt auch als Empowerment für Frauen aus der Arbeiter*innenklasse, die gegenüber häuslicher und struktureller Gewalt besonders vulnerabel sind,  eine wichtige Funktion. Schicksale wie das von Gal sind in Brasilien und anderswo leider immer noch viel zu normal und haben es deshalb verdient, auf der großen Bühne Aufmerksamkeit zu erhalten.


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