Kino abseits des Latinohypes

„Cine Global bringt die Filme ins Kino, die ins Kino gehören, aber von den grösseren Verleihfirmen nicht ins Kino gebracht werden“, erklärt Daniel Ó Dochartaigh, Gründer von Cine Global. Der engagierte Lateinamerika-Liebhaber sieht sich auf der Suche nach Filmjuwelen auf internationalen Filmfestivals um.
Er hat festgestellt, dass viele kleine Produktionen es nie bis in die deutschen Kinos schaffen: „Mit ihnen lässt sich nicht genug Geld verdienen, es gibt zu wenig oder gar keine Förderung und ein Verkauf ans Fernsehen ist unmöglich.“ Hier setzt die Idee von Cine Global und der Reihe Cinespañol an. Rund fünf spanischsprachige Filme bringt der Verleih pro Jahr in die deutschen Kinos. Die Filme der ersten Edition, die in mehr als 50 Städten in Deutschland und Österreich zu sehen waren, sind nun auf einer DVD-Box vereint und bieten einen guten Einblick in das kreative Autor_innenkino Lateinamerikas – abseits des Mainstreams. „Aufgrund unserer Größe könnten wir beim Kauf mancher Filmrechte gar nicht mithalten. Aber es gibt eben auch viele kleine Produktionen, die wesentlich günstiger zu haben sind als die ein, zwei großen Latinohypes jedes Jahr”, sagt Daniel Ó Dochartaigh.
Dabei versammeln sich auf der Box keine namenlosen Regisseur_innen. Auch in Deutschland dürfte das Filmschaffen von Daniel Burman bekannt sein. In El Nido Vacío lässt er die beiden argentinischen Schauspielgrössen Cecilia Roth und Óscar Martínez in die Rolle eines in die Jahre gekommenen Ehepaars schlüpfen. Die Kinder sind erwachsen und ziehen aus. Zurück im „leeren Nest“ bleiben verlassene Eltern, die sich erst wieder kennen lernen müssen.
Ein weiterer Höhepunkt der Box ist die kubanische Liebesgeschichte Personal Belongings. Der Einzelgänger Ernesto und Ana, ebenfalls eine Einzelgängerin, lernen sich kennen. Und lieben. Doch während sich die bodenständige Ana mit dem Leben auf der Insel arrangiert hat, gibt es für Ernesto nur einen Traum: Kuba zu verlassen, so schnell wie möglich. So schließen die beiden den Pakt, sich nicht zu verlieben. Wer ihnen dabei zuschaut, weiß bald, dass ihnen das nicht gelingen wird. Dennoch bleibt der Ausgang der Geschichte bis zum Schluss ungewiss. Kann die Liebe Ernesto dazu bringen, auch sein Vaterland wieder schätzen zu lernen?
Aus Mexiko stellt Cine Global den Film Abel vor. Das Regiedebut des Schauspielers Diego Luna ist eine einfühlsame Satire über das Leben in einer mexikanischen Familie und deren Zerfall. Der neunjährige Abel hat aufgehört zu sprechen, seit sein Vater die Familie in Richtung USA verlassen hat. Zwei Jahre hat er in einer Klinik verbracht – ohne Erfolg. Jetzt darf er zurück nach Hause und merkt schon bald, dass ein männliches Familienoberhaupt fehlt. Kurzerhand übernimmt er selbst die Rolle des Vaters und Ehemanns. Schwierig wird es, als der echte Vater eines Tages wieder vor der Tür steht. Abel dreht sich aber nur vordergründig um die Psyche des Jungen. Der Film beschreibt beispielhaft die Situation vieler Kinder Lateinamerikas, die ohne Vater aufwachsen.
Ein anderes Familienporträt zeichnet Zona Sur, eine der seltenen Produktionen aus Bolivien, die es bis nach Europa geschafft haben. Erzählt wird die Geschichte einer Familie der Oberschicht, deren Leben sich durch die Machtübernahme von Evo Morales grundlegend ändert, langsam ihre Privilegien verliert, dies aber nicht wahrhaben will. Die außergewöhnliche Kameraführung erzeugt dabei bei den Zuschauer_innen eine schwindelerregende Beklemmung, die den oberflächlichen und beziehungsarmen Familienalltag charakterisiert.
Die DVD-Box ist nun die Chance für alle, die die Filmreihe Cinespañol im Kino verpasst haben. Alle Filme sind in der spanischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln versehen. Momentan tourt bereits die zweite Version der Filmreihe durch deutschsprachige Kinos. Und eine dritte Edition ist schon in Planung und soll im Dezember 2013 starten, unter anderem mit den Filmen Torrente 4, De Martes a Martes und Tiempos Menos Modernos.

Die komplette DVD-Box Cinespañol ist beim Cine Global Filmverleih direkt im Internet auf www.dvd.cinespanol.de zu einem Preis von 33 Euro erhältlich. Weitere Informationen, Termine und Kontakte auf www.cinespanol.de. Auf Wunsch können dort auch weitere Termine für Gruppen oder Organisationen gebucht oder Unterrichtsmaterialien zu den einzelnen Filmen heruntergeladen werden.


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Zweifelhafter Verhandlungserfolg

Es war die Nachricht des Tages in Kolumbien. Die Verhandlungsdelegationen konnten sich sicher sein, an einem Sonntagvormittag die mediale Aufmerksamkeit zu bekommen, die der erste greifbare Fortschritt der seit November andauernden Friedensgespräche verdient zu haben schien.
„Historisch” sei diese Einigung, jubelte nicht nur die Presse sondern auch zahlreiche Politiker_innen aller Couleur. Die internationale Staatengemeinschaft, von den lateinamerikanischen Nachbarn bis zu den USA, nahm die Botschaft nach eigenem Bekunden mit Wohlwollen bis Freude auf. Grund dazu gibt es formal allemal: Wenn sich die einst als Bauernguerilla gegründete und sich bis heute in ihrem Selbstverständnis noch immer als Verfechter der Interessen der kolumbianischen Bäuerinnen und Bauern gerierende FARC und eine kolumbianische Regierung nach 50 Jahren Krieg, wenn auch nur auf dem Papier, auf eine Agrarreform einigen, dann ist das nicht unbedeutend.
Entsprechend vollmundig und selbstbewusst verlautbarten dann auch die Verhandlungsparteien, man habe mit der Einigung den „Beginn einer radikalen Umwälzung der ländlichen und landwirtschaftlichen Realität Kolumbiens hin zu Gleichheit und Demokratie” eingeleitet.
Mit den Präzisierungen, über was genau man sich geeinigt hatte, enttäuschten beide Seiten allerdings: In einem gemeinsamen Kommuniqué erklärten FARC und Regierung die erreichten Ergebnisse. Man habe sich über den Nutzen und Zugang zu Land verständigt, wolle Eigentumsrechte formalisieren und die kleinbäuerlichen Schutzzonen ausweiten.
Über einen staatlichen Landfonds, in den, so der Plan, öffentliches Brachland und illegal angeeignete und von den Behörden zurückgewonnene Flächen einfließen werden, sollen zudem Ländereien an Kleinbäuerinnen und -bauern verteilt werden. Darüber hinaus soll es Entwicklungsprogramme geben, die Infrastruktur in ländlichen Regionen soll verbessert und die soziale Situation der Kleinbäuerinnen und -bauern durch Investitionen in Bildung, Wohnraum und Gesundheit sowie der Ausbau der solidarischen und kooperativen Wirtschaft vorangetrieben werden.
Konkreter wurde das Kommuniqué nicht. Wer die Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und FARC in den letzten Monaten aufmerksam verfolgt hatte, der hat mit der Verkündung einer Einigung inhaltlich wenig Überraschendes erfahren und wenige Antworten auf drängende Fragen erhalten: Was geschieht beispielsweise mit dem Großgrundbesitz? Wie soll die ungleiche Landverteilung beziehungsweise die Nutzung eines Großteils der Ländereien für die unproduktive und oftmals inadäquate Viehwirtschaft bekämpft werden? Inwieweit wird Landbesitz ausländischer Investoren begrenzt?
Humberto de la Calle, Verhandlungsführer der Regierung beeilte sich jedenfalls zu betonen, dass alle Maßnahmen unter vollständigem Respekt des Privateigentums und des Rechtsstaates durchgeführt würden. „Die legalen Besitzer haben nichts zu befürchten,” sagte er. Ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Großgrundbesitzer_innenelite, die die Friedensverhandlungen mit der Guerilla sehr kritisch sieht.
Wie Vertreter_innen der FARC auf einer Universitätskonferenz im südkolumbianischen Neiva am Mittwoch sagten, bestehe zu eben diesen Punkten noch Uneinigkeit mit der Regierung. Diese müssten daher bis zum Abschluss der Gespräche noch geklärt werden.
Die Vermutung liegt nahe, dass die Regierungsseite möglicherweise auf die Verkündigung einer Einigung gedrängt hatte, die Einigkeit aber tatsächlich nur partiell besteht. Nachdem sechs lange Monate kaum wahrnehmbare Fortschritte mitgeteilt worden waren und das Murren der Kritiker _innen bereits lauter geworden war, musste Präsident Santos schnellstmöglich Ergebnisse vorweisen. Je länger die Verhandlungen insgesamt dauern, um so skeptischer wird die kolumbianische Öffentlichkeit und finden die Gegner_innen des Friedensprozesses Zuspruch.
Generell bleibt der Eindruck bestehen, dass beide Seiten die Tragweite eines Friedensschlusses überschätzen beziehungsweise für ihre Zwecke nutzen. Die FARC sind bemüht zu vermitteln, dass sie in Havanna die Interessen und Forderungen aller sozial und wirtschaftlich benachteiligter Kolumbianer_innen vertreten und dabei sind, den kolumbianischen Staat dazu zu bringen, endlich für soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Dass dem nicht so ist, liegt angesichts der Ablehnung und Vorbehalte zahlreicher linker Organisationen gegenüber der FARC und dem Friedensprozess auf der Hand.
Die Regierung Santos wiederum scheint die Friedensverhandlungen und eine daraus hervorgehende „neue“ Agrarpolitik für eine Modernisierung des Staates nutzen zu wollen, das heißt bürokratische Defizite im Agrarbereich zu beheben und die fehlende Staatlichkeit durch stärkere Bürokratisierung und Institutionalisierung sowie Wohlfahrts- und Infrastrukturmaßnahmen bis in die letzten Winkel des Landes durchsetzen zu wollen. Die in Havanna beschlossene Formalisierung von kleinbäuerlichem Landbesitz (eine historische Forderung der FARC, die aus den die „Agrargrenze“ überschreitenden Kolonist_innen entstand und bei denen sie bis heute ihren stärksten ideologischen Rückhalt hat) und die Schaffung eines Landfonds sind mit anderen Maßnahmen der Regierung politisch kongruent.
Die zuständigen Behörden sind dabei, das staatliche Brachland zu erfassen und das Kataster zu aktualisieren. Zudem meldet das dem Landwirtschaftsministerium unterstellte Institut zur ländlichen Entwicklung regelmäßig die erfolgreiche Wiedergewinnung illegal angeeigneter Ländereien. Jedoch ist fraglich, ob dies in der Konsequenz zur Stärkung kleinbäuerlicher Produktionsstrukturen führt oder vielmehr zu einer Erschließung dieser Regionen für die Ausbeutung der vorhandenen Ressourcen oder die Etablierung großindustrieller Agrarprojekte.
Der Beitritt Kolumbiens zur OECD vor einigen Tagen lässt daran ebenso zweifeln wie die Tatsache, dass die Regierung Santos derzeit versucht, den großflächigen Besitz von staatlichem Brachland durch Großunternehmen mit einer Gesetzesreform neu zu regeln. Nach derzeitiger Rechtslage darf der Staat Brachland lediglich in kleinen Einheiten und nur Einzelpersonen zusprechen.

Für die vollständige Übersetzung der Kommuniqués der FARC und der Regierung ins Deutsche siehe: http://amerika21.de/blog/2013/05/83052/kommunique-farc-regierung


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Die Erben Fitzcarralds

„Die Verschmutzung hat hier weiter zugenommen, wie schon im Wald bei Urubamba. Vor einigen Monaten gab es wieder ein Leck in der Pipeline, wodurch viele Tiere und Kinder starben, unsere Alten sind erkrankt. Und die Unternehmen ignorieren uns einfach. Wir Jungen müssen unser Recht und unsere Familien verteidigen“, schreibt mir verzweifelt Tito, ein junger Machiguenga-Indigener vom Unterlauf des Urubamba-Flusses. An dem Strom im zentralen Amazonas-Tiefland liegt das größte Erdgasprojekt Perus. Es heißt Camisea, wie ein Seitenarm des Urubamba. In Peru tragen Rohstoffprojekte oft die Namen der Orte, die sie zerstört haben. Nun soll das größte Gasfeld Camiseas, Lote 88, erweitert werden. Das neue Projekt trägt den symbolischen Namen „Lote Fitzcarrald“ und wird von offiziellen Stellen in Peru wie ein Staatsgeheimnis behandelt.
Die Betreiber-Unternehmen erwarten von der peruanischen Regierung bis Anfang Mai 2013 eine Genehmigung, um seismologische Untersuchungen zur Erkundung des neuen Gasfeldes in Angriff zu nehmen. Das Betreiber-Konsortium Camisea ist ein Mischkonzern aus sechs Unternehmen. Geleitet wird es vom argentinischen Ölriesen Pluspetrol und die größten Anteilseigner sind das spanische Unternehmen Repsol sowie HuntOil aus den USA. „Peru muss konkurrenzfähig für den Weltmarkt sein. Camisea ist nur die Speerspitze für den Ausbau der peruanischen Gasproduktion und Petrochemie“, schwärmt der einflussreiche Wirtschaftslobbyist Anthony Laub in einem Interview.
Die geplante Ausweitung von Camisea stößt bei peruanischen und internationalen Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen jedoch auf heftigen Widerstand. Ende März richtete die Menschenrechtskommission der UNO einen dringenden Appell an die peruanische Regierung und forderte diese auf, den Ausbau von Camisea zu verhindern. Für den Weltmarkt opfert Peru Teile seiner eigenen kulturellen Identität und seiner Naturschätze, so die Kritik.
Lote Fitzcarrald liegt zu 73 Prozent im Reservat Kugapakori-Nahua-Nanti. In dem geschützten Gebiet leben viele indigene Völker, darunter bisher unkontaktierte Gruppen der Nahuas und Nantis. Das Reservat gehört zum Manu-Nationalpark. Mit seiner einzigartigen biologischen Vielfalt zählt das Regenwaldgebiet zum Weltnaturerbe der UNESCO. Eine Expansion von Camisea-Block 88 bedroht die Natur und somit das Leben der unkontaktierten Gemeinschaften, warnen zahlreiche Nichtregierungsorganisationen. „Wir fordern die Regierung auf, eine Politik zum Schutz der indigenen Völker Perus umzusetzen, die auf dem Respekt vor der indigenen Kultur und nicht auf der Ausbeutung natürlicher Ressourcen beruht“, schreibt AIDESEP, der Dachverband von 64 indigenen Organisationen in Peru. COMARU, FENAMAD, ORAU und andere indigene Verbände solidarisieren sich mit dem Widerstand gegen Lote Fitzcarrald.
Wenn der Namengebung zur geplanten Projekterweiterung kein Zynismus zu Grunde liegt, so symbolisiert sie dennoch eine historische Kontinuität im Naturverständnis der ökonomischen und politischen Eliten Perus. Die Natur wird ausschließlich auf ihre ökonomische Verwertbarkeit reduziert, ohne Rücksicht auf ihre ökologischen und kulturellen Funktionen. Das Kautschuk-Imperium von Carlom Fermin Fitzcarrald zu Beginn des 20. Jahrhunderts leitete die wirtschaftliche Ausbeutung des Regenwalds für den Weltmarkt ein – auf Kosten der Umwelt und der Indigenen „Wir sahen und spürten überall die Beweise für die grausame Behandlung der Ureinwohner, (…), Gewalt ist das vorrangige Mittel, um die Indianer der Region zu nötigen und zu terrorisieren“, schrieb 1912 Roger Casement. Als internationaler Berichterstatter untersuchte der Ire schon damals die Zustände auf den Plantagen des Unternehmers Fitzcarrald im peruanischen Amazonasgebiet.
„Der Amazonas ist unser wichtigster Rohstoff“, stellte 2010 Alan García in seiner Kolumne in der größten peruanischen Tageszeitung El Comercio klar. Der Amtsvorgänger des derzeitigen Präsidenten warf den indigenen Dachverbänden in Peru vor, sie verhinderten wirtschaftliche Entwicklung mit ihrer Forderung nach einem Schutzstatus für „erfundene unkontaktierte Ureinwohner“. Zu diesem Zeitpunkt waren nach Angaben des Energieministeriums bereits 70 Prozent der Fläche des peruanischen Amazonasgebiets für Erdgasförderung und andere große Wirtschaftsprojekte freigegeben. Ollanta Humala wurde 2011 auch zum neuen Präsidenten Perus gewählt, weil er mit der einseitig neoliberalen Politik brechen wollte. Sein Wahlprogamm Gran Transformación beschrieb eine Wirtschaftspolitik, die dem Rohstoffabbau soziale und ökologische Grenzen setzen sollte.
Humala legte nach seiner Wahl einerseits die vorherige Konsultation betroffener indigener Gruppen bei solchen Wirtschaftsprojekten rechtlich fest. Andererseits blieben die definierten Standards zur Umsetzung der indigenen Mitbestimmung äußerst vage. Unter Humalas Regierung ist die Zahl der sozio-ökologischen Konflikte konstant hoch geblieben und lag im März 2013 bei 167. Wenn die indigene Bevölkerung ihr Mitspracherecht bei geplanten Projekten einforderte, lehnte die Regierung Humala bisher mit der Begründung ab, dass die lokalen Umstände nicht den Bedingungen eines Konsultationsverfahrens entsprechen würden. Diese taktierende Politik ist im Interesse der großen Rohstoffkonzerne, führte aber 2012 in den Regionen Cajamarca und Cañaris zu gewaltsamen Konflikten mit der lokalen Bevölkerung (siehe LN 454 und 459/460). Auch im aktuellen Konflikt um Camisea beharren die indigenen Verbände auf ihr gesetzlich verbrieftes Mitspracherecht, da die Lebensgrundlagen der Menschen am Fluss Urubamba direkt von dem neuen Projekt bedroht sind.
Doch sowohl die Regierung als auch die beteiligten Unternehmen halten sich in ihren öffentlichen Äußerungen überaus bedeckt. Pluspetrol und das Energieministerium erklären nur, es sei kein neues Projekt geplant, sondern lediglich die Ausweitung des alten Lote 88. Vor der Kommission der indigenen Völker und Umwelt im Kongress (CPAAAAE) erklärte Energieminister Jorge Merino am 15. April 2013, dass Lote Fitzcarrald legal sei und keine Gefahr für Umwelt und die indigenen Gruppen darstelle. „Wir sagen nicht, dass es kein neues Projekt gibt. Das ist auch nicht der Punkt. Ich sage, dass es nicht gesetzwidrig ist. Das Gesetz soll nur zusätzliche Konzessionen neben Lote 88 verhindern“, ergänzte ausweichend der Vizeminister für Kultur, Iván Lanegra.
Dabei veröffentlichte sein Ministerium im Mai 2012 eine ausführliche Einschätzung, in der vor einer Erweiterung von Block 88 ausdrücklich gewarnt wurde. „Die geplanten Subprojekte liegen im Gebiet der isolierten und kontaktierten indigenen Gruppen. Die seismischen Erkundungen neuer Felder stellt eine extreme Gefährdung der unkontaktierten Gruppen dar“, heißt es in dem offiziellen Dokument des Kultusministeriums, das auf Anfrage von AIDESEP erstellt wurde. Außerdem verstoßen die Pläne gegen die nationalen Gesetze zum Schutz der Nationalparks und der indigenen Reservate, so die Analyse der Autor_innen. Weil das Projekt nun trotz dieser Einschätzung umgesetzt werden soll und bisher keine Konsultation mit indigenen Vertreter_innen stattfand, klagen AIDESEP und andere indigene Verbände gegen die Regierung und das Konsortium.
Die möglichen negativen Auswirkungen weiterer Gasprojekte sind hinlänglich bekannt. Als Shell 1984 erste Probebohrungen für Camisea durchführte, starben in dem Gebiet 60 Prozent der Nahua durch den „Erstkontakt“. Ihr Immunsystem war nicht auf eingeschleppte Krankheiten von Gasarbeiter_innen vorbereitet. Innerhalb weniger Monate erlagen viele Nahua der Grippe oder einfachen Erkältungen. Immer wieder lecken die Pipelines zur Küste und die im Flüssiggas enthaltenen Schwermetalle verseuchen großflächig die Umwelt. Das Gesundheitsministerium dokumentierte bei den Nanti Todesfälle durch Umweltgifte. Andere indigene Gemeinden verlieren durch die ökologischen Folgen der Gasförderung ihre Lebensgrundlagen. Die vergifteten Böden und Flüsse liefern keine Nahrung mehr. Erst im Januar 2013 verseuchte ausgelaufener Treibstoff eines Camisea-Transports einen Flussarm, der 2.000 Machiguengas als Lebensgrundlage diente. Das Unternehmen bestritt jede Kenntnis und Verantwortung.
„Seit Beginn der Gasförderung in Camisea gibt es nur Nachteile für die indigenen Gemeinden. Wir haben 70 Prozent unserer kulturellen Identität verloren und ein Großteil der Tierwelt ist aus dieser Gegend verschwunden. Es scheint fast so, als wollten sie die indigene Kultur auslöschen“, resümiert Rubén Binari Piñarreal, Vorsitzender des Machiguenga Rates am Urubamba Fluss.


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„Europa begeht die gleichen Fehler wie einst Lateinamerika“

Herr Präsident, hunderttausende Europäer_innen leiden derzeit unter den Folgen der Eurokrise, vor allem in den südlichen Staaten der EU: Griechenland, Zypern, Spanien. Während die EU an den alten Rezepten festhält, propagiert Ihre Regierung das Konzept des „Guten Lebens“. Diese Frage stellen sich wohl viele EU-Bürger gerade. Wie lebt man gut? Und vor allem: Wie kann eine Regierung das „Gute Leben“ garantieren?
Nun, garantieren kann es niemand, aber man kann die Grundlagen schaffen. Es ist aber übrigens kein Konzept meiner Regierung, sondern der Indigenen. Es stammt von den Aymara in Bolivien, wurde aber auch von den Angehörigen der Quichua in Ecuador angenommen. In dieser Sprache heißt es „Sumak Kawsay“. Es geht dabei darum, in Würde zu leben, ohne nach immer mehr Reichtum zu streben. Es geht darum, in Harmonie mit der Natur und den Mitmenschen zu leben. Aus dieser Position der Indigenen leitet sich die Kritik unserer Regierung am Konsummodell der westlichen Staaten ab.

Bei einer Konferenz in der Technischen Universität Berlin sagten Sie, Lateinamerika habe bereits zu Genüge erlitten, was Europa gerade durchlebt. Kann Europa von Ihnen lernen?
Es kommt darauf an, ob das Ziel darin besteht, die Krise schnell und mit minimalen Belastungen für die Menschen zu überwinden. In solch einer Situation geht es zunächst natürlich um die Fehler, die gemacht wurden. Etwa bei der Einführung des Euros oder bei der mangelnden Angleichung von Produktivität, Löhnen und Gehältern. Wenn aber der Wille besteht, diese Krise ohne große Folgen für die einfache Bevölkerung zu meistern, dann besteht die erste Lehre darin, nicht die gleichen Fehler zu begehen, die wir gemacht haben. Denn die Maßnahmen, die einst in Lateinamerika getroffen wurden, haben die Krise verlängert und verstärkt. Und eben die gleiche Politik sehen wir nun in Europa.

Haben Sie den Eindruck, dass Deutschland und Europa ein offenes Ohr für die Lehren aus Lateinamerika haben?
Wissen Sie, ich gebe in der Regel keine Ratschläge, wenn ich nicht darum gebeten werde. Von der TU Berlin aber wurde uns das Thema „Wege aus der Krise“ vorgeschlagen. Wir haben dafür also einige der Krisen in Lateinamerika mit den aktuellen Problemen in Europa verglichen. Die Ähnlichkeiten sind beeindruckend. Anfang der 1980er Jahre hatten wir auch eine Schuldenkrise. Sie rührte daher, dass das internationale Finanzkapital uns Kredite geradezu aufgezwungen hatte. Und als die Krise kam, standen wir dem Problem des over-borrowing gegenüber. In vielen Fällen war dieses überflüssige Geld der Finanzmärkte zudem an Diktaturen ohne jedwede soziale Kontrolle oder demokratische Legitimation geflossen. Als dann die Krise einsetzte, kam der Internationale Währungsfonds mit seinen sogenannten Hilfspaketen. Ging es ihnen darum, diese Krise zu überwinden? Nein, es ging allein darum, die Rückzahlung der immensen Schulden zu gewährleisten. Deswegen hat sich die Lösung der Krise über zehn Jahre hinausgezögert. Heute ist von dem verlorenen Jahrzehnt für Lateinamerika die Rede. Ecuador etwa ist in die 1990er Jahre mit dem gleichen Pro-Kopf-Einkommen gestartet wie es das Land schon 1976 hatte. Und all dies, weil die Interessen der Banken bedient und nicht die Interessen der Menschen beachtet wurden. Diesen Fehler sehen wir heute auch in Europa.

In Lateinamerika sind in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Bündnisse entstanden wie die Celac oder ALBA. Wie hat das die internationale Politik verändert?
Das kann sehr viel verändern. Wir entwickeln diese Projekte Schritt für Schritt und haben schon einiges erreicht. Etwa in der neuen regionalen Finanzarchitektur, die wir diskutieren und hoffentlich bald ausbauen. Was die Union südamerikanischer Staaten, die UNASUR, seit ihrer Gründung 2008 geleistet hat, geht weit über die Entwicklung der Europäischen Union im gleichen Zeitraum hinaus. Im Handel etwa. Es ist jedoch erstaunlich, wie sich 27 Länder mit verschiedenen Themen und politischen Kulturen, Religionen und Sprachen vereinen konnten. Und es ist ebenso erstaunlich, dass das den lateinamerikanischen Staaten mit einer einigermaßen gleichen Sprache, Kultur und einem politischen System in der Vergangenheit lange Zeit nicht gelungen ist.

Wie kann die Finanzarchitektur in Lateinamerika beeinflusst werden?
Wir schaffen ein neues System der Abrechnung. Wenn ich 500 Millionen US-Dollar aufwende und der regionale Handelspartner 400 Millionen US-Dollar, brauchen wir dann 900 Millionen? Nein, wir rechnen das gegenseitig auf und benötigen 100 Millionen. Das ist eine Sache.
Eine andere Absurdität ist die Politik der autonomen Zentralbanken, die die staatlichen Reserven außer Landes geschafft haben. In Ecuador haben wir das schon korrigiert. Wir sprechen hier von 400 Milliarden US-Dollar, mit denen wir reiche Länder finanziert haben. Für diese Reserven in ihren Banken haben wir lediglich 0,5 Prozent Zinsen bekommen, vielleicht bis zu ein Prozent. Im Gegenzug aber mussten wir uns für sechs bis sieben Prozent Zinsen Gelder leihen.

In Honduras und Paraguay wurden progressive Regierungen gestürzt. Gegen Ihre Regierung gab es einen Putschversuch, ebenso in Bolivien und Venezuela. Weshalb schaffen es die linken Regierungen in Lateinamerika nicht, einen gesellschaftlichen Konsens zu erreichen?
Wie können wir einen Konsens erreichen, wenn wir gerade Jahrhunderte währende Strukturen zerschlagen? Sie haben fünf Versuche der Destabilisierung erwähnt, zwei davon erfolgreich. Alle fünf Putschversuche und Staatsstreiche richteten sich gegen progressive Regierungen. Keine einzige rechte Regierung war davon betroffen. Das zeigt doch ganz klar, was hier geschieht. Offenbar sind wir die Gefahr. Die Demokratie ist solange gut, wie sie nichts verändert. Aber mit den neuen Demokratien und den progressiven Regierungen gibt es eine Veränderung und das ruft mächtige Feinde auf den Plan.
Wenn es ihnen genehm ist, verteidigen sie die Demokratie, aber wenn wir die Gegebenheiten auf demokratische Weise reformieren, zögern sie nicht, Präsidenten zu stürzen und zu ermorden. Diesen Kräften müssen wir uns in unseren amerikanischen Staaten stellen und sie besiegen.
Wenn ich in den USA auf Konferenzen zu Gast bin, bitte ich die Zuhörer gemeinhin, sich an den Kampf um die Bürgerrechte in den 1960er Jahren zu erinnern, um die aktuelle Lage in Lateinamerika zu verstehen. Oder an den Kampf gegen die Sklaverei, durch den die USA in einen Bürgerkrieg geraten und fast zerbrochen sind. Das ist ein guter Vergleich und Kontext, um das aktuelle Geschehen in Lateinamerika zu verstehen.

Erklärt sich durch diese massiven Differenzen in den Gesellschaften auch der Konflikt nach den jüngsten Wahlen in Venezuela?
Ja. Die venezolanische Rechte hat immer versucht, ein knappes Ergebnis zu erreichen, um ihre Pläne der Destabilisierung in Gang zu setzen. Auch in der Ära von Hugo Chávez. Zum Glück sind während seiner Regierungszeit alle Wahlergebnisse sehr deutlich ausgefallen und das hat ihre Pläne durchkreuzt. Wenn Hugo Chávez mit nur wenigen Prozentpunkten Abstand gewonnen hätte, hätte die Opposition einen solchen Sieg bis heute nicht anerkannt.
Der nun unterlegene Oppositionskandidat Henrique Capriles hat sich bei den letzten Gouverneurswahlen selbst nur mit einigen zehntausend Stimmen Vorsprung durchgesetzt. Nach dem Argument, das er nun anführt, hätte er damals das Amt nicht antreten dürfen. Nicolás Maduro hat sich am vergangenen Sonntag mit über 200.000 Stimmen durchgesetzt. Das entspricht gut einem Prozent. Und das erlaubt ihnen wieder Unruhe zu stiften, was sie ja immer angestrebt haben.
Wir als ecuadorianische Regierung haben eine sehr klare Position. Nach der Wahl soll nachgeprüft werden, was nachgeprüft werden muss. Das ist die Entscheidung der Venezolaner und ihrer staatlichen Institutionen. Für uns aber ist und bleibt Nicolás Maduro der Gewinner dieser Wahl. Und wir müssen sehr deutlich den Versuchen der Destabilisierung entgegentreten.

Sprechen wir über das Verhältnis zu den Medien. Weshalb stehen die linken Reformregierungen ausnahmslos in ständigem Konflikt mit den Medien?
Wer, denken Sie, gehört zu den Gegnern der laufenden Prozesse, über die wir eben gesprochen haben? Zu denjenigen, die Chaos schaffen und putschen? Wer war zur Zeit der Regierung Salvador Allendes der größte Verschwörer? Die Tageszeitung El Mercurio! Davon wird heute nicht mehr gesprochen, weil es gleich heißt, das sei ein Angriff auf die Meinungsfreiheit.
Wir unterscheiden sehr gut zwischen der Meinungsfreiheit und bestimmten korrupten Geschäften von Pressekonzernen, die in der Vergangenheit nichts als politische Instrumente waren, um den Status quo zu bewahren. Wie können wir die bürgerliche Presse nicht kritisieren, wenn sie zu den Vertretern der Kräfte gehört, die unser Land dominiert und ausgebeutet haben? Das ist doch nicht nur ein Problem unserer Staaten, sondern aller Menschen weltweit. Stellen Sie sich vor: Was wir wissen und was wir nicht wissen und was wir über Menschen denken, denen wir nie begegnet sind, das hängt von Privatkonzernen ab, die sich dem Geschäft mit der Information widmen. Konzernen, die sich, wenn es um das Recht auf Information und eigene Interessen geht, immer für mehr Gewinn entscheiden werden.

Sehen Sie darin einen Grund für das fehlende Verständnis für die progressiven Kräfte Lateinamerikas in der breiten Öffentlichkeit Europas?
Sicher, weil zwischen uns keine Information, sondern Propaganda steht. Und das sagen nicht nur wir. Sehen Sie, Mario Vargas Llosa, ein ausgemachter Rechter, hat seine Tätigkeit für das Blatt El Comercio in Lima während des letzten Wahlkampfes zwischen Ollanta Humala und Keiko Fujimori aus Protest beendet. Er tat das, weil die Redaktion die Wahrheit verdreht und andersdenkende Journalisten gefeuert hat. Eine Kritik an solchen Medien als Angriff auf die Pressefreiheit zu bezeichnen, ist ebenso absurd wie wenn wir Kritik am Präsidenten als Angriff auf die Demokratie ablehnen würden. Die Meinungsfreiheit ist ein Recht aller. Nicht nur derjenigen, die das Geld hatten, sich Druckmaschinen zu kaufen.

Wir sehen also, dass es zwei unterschiedliche Diskurse über Menschenrechte und die Meinungsfreiheit in Europa und Lateinamerika gibt. Spielt das auch im Fall Julian Assange eine Rolle?
Seltsam, nicht? Ein Verteidiger der Informations- und Pressefreiheit wählt ein Land als Zufluchtsort, das einigen Medien zufolge die freie Meinung einschränkt. Julian Assange wird weiter unter dem Schutz des ecuadorianischen Staates bleiben, den wir ihm in Ausübung unseres souveränen Rechtes gewährt haben. Die Lösung dieses Falls liegt in den Händen Europas.

Infokasten:

Rafael Correa
ist seit 2006 Präsident Ecuadors. 2009 und 2013 wurde er mit absoluter Mehrheit wiedergewählt. Der linksgerichtete Staatschef hatte vor seiner politischen Karriere an Universitäten in Ecuador und den USA als Dozent gearbeitet. Während seines Aufenthalts in Berlin war es ihm nach eigenen Angaben ein besonderes Anliegen, an der Technischen Universität einen Vortrag über die Eurokrise und die wirtschaftlichen Konzepte der Neues Linken in Lateinamerika zu halten.


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Als Präsident unbesiegbar

Es seien „zwei grundverschiedene Männer“ gewesen, mit denen er sich unterhalten habe. „Der eine jemand, dem sein unverwüstliches Glück die Chance präsentiert hatte, sein Land zu retten; der andere ein Traumtänzer, der sehr wohl einmal als ein weiterer Despot in die Geschichte eingehen könnte.“
Im Jahr 2000 veröffentlichte der kolumbianische Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez einen Text über Hugo Chávez, der die Ambivalenz des damals erst kurz amtierenden venezolanischen Präsidenten herausstellte. In dem Essay deutet sich bereits die gesellschaftliche Polarisierung an, die Venezuela in den 14 Jahren, die Chávez das Land regierte, prägen sollten. Die Mehrheit der ärmeren Bevölkerung verehrte ihren Präsidenten leidenschaftlich. Die Eliten des Landes, deren kulturelles Vorbild seit jeher die USA waren, hassten ihn hingegen inbrünstig. Für beide Seiten war Chávez spätestens seit seiner ersten Wahl 1998 der politische Fixpunkt. Dabei wurde Venezuela unter Chávez weder zu einem sozialistischen Paradies noch zu einer kommunistischen Diktatur, wohl aber zu einer Alternative zum Neoliberalismus in Lateinamerika. Es darf nicht vergessen werden, dass der Kontinent zu diesem Zeitpunkt eine lange Phase neoliberaler Umstrukturierung durchlebt hatte, in der selbst sozialdemokratische Positionen völlig an den Rand gedrängt waren. Die gesellschaftlich ohnehin bestehende Polarisierung bekam durch Chávez ein Gesicht, die Unterprivilegierten ein Sprachrohr.
Hugo Chávez Frías stammte selbst aus einfachen Verhältnissen. Geboren am 28. Juli 1954 in Sabaneta im südwestlich gelegenen Bundesstaat Barinas, konnte er dank seiner Militärausbildung studieren. Sein politischer Aufstieg ist eng mit dem Niedergang des paktierten venezolanischen Zweiparteiensystems verknüpft. Nach dem Sturz von Diktator Marco Pérez Jiménez 1958 hatten die christdemokratische Copei und die sozialdemokratische AD im Wechsel regiert. Gegenüber den Militärdiktaturen, die in in den meisten Ländern des Kontinents in den 1960er und 70er Jahren herrschten, stilisierte sich Venezuela als „Musterdemokratie“. Die vermeintliche politische Stabilität basierte auf dem elitären Pakt von Punto Fijo, den die großen Parteien, Unternehmerverbände und die Gewerkschaften 1958 unter Ausschluss der Kommunist_innen und linker Sozialdemokrat_innen eingingen. Dank der Erdöleinnahmen blieb in einem ausgeprägten Klientelsystem auch Geld für die Unter- und Mittelschichten übrig. Als der Ölpreis in den 1980er Jahren fiel, geriet Venezuela wie die übrigen Länder Lateinamerikas in die Schuldenkrise. Die Auswirkungen wälzten die Eliten auf die Unterschichten ab, massenhafte Verarmung war die Folge. Am 27. Februar 1989 kam es in Folge von Fahrpreiserhöhungen zu spontanen Plünderungen, dem so genannten Caracazo. Die erste große Revolte gegen den Neoliberalismus überraschte die politischen und wirtschaftlichen Eliten Venezuelas völlig und gilt als der eigentliche Beginn der bolivarianischen Bewegung.
Bereits 1983 hatte Chávez eine klandestine linke Gruppierung in den Reihen des Militärs gegründet. 1992 scheiterte Hugo Chávez mit einem Putschversuch gegen den damaligen Präsidenten Carlos Andrés Pérez, der die Niederschlagung des Caracazo politisch zu verantworten hatte. Nach seiner Festnahme reichte ihm eine knappe Minute, um ihn augenblicklich im ganzen Land bekannt zu machen. In seiner auf allen Kanälen übertragenen Ansprache übernahm er persönlich die Verantwortung für das Scheitern des Putsches und sagte, die Ziele seien „vorläufig“ nicht erreicht worden. Nach seiner Begnadigung 1994 arbeitete Chávez landesweit am Ausbau einer politischen Massenbewegung und gewann die Wahlen mit 56 Prozent der Stimmen. Er hatte es geschafft, als erster Politiker in Venezuela glaubhaft die Armut und Ausgrenzung der Mehrheit der Bevölkerung auf die politische Agenda zu setzen. Es folgte die Ausarbeitung einer progressiven Verfassung, die Ende 1999 per Referendum angenommen wurde. Diese stärkte die Position des Staatspräsidenten und baute gleichzeitig die Partizipationsmöglichkeiten der Bevölkerung aus.
Statt mit verfassungsgemäßen Mitteln Einfluss auf die Politik zu nehmen, sahen Opposition und private Medien ihre Rolle darin, Chávez um jeden Preis wieder aus dem Amt des Staatspräsidenten zu vertreiben. Im April 2002 scheiterten die Chávez-Gegner_innen mit einem kurzzeitigen Putsch. Chávez überstand auch einen zweimonatigen Unternehmer_innenstreik in der Erdölindustrie zum Jahreswechsel 2002/2003 und ein Abwahlreferendum 2004. Die wichtigsten Oppositionsparteien erklärten im Dezember 2005 drei Tage vor den Parlamentswahlen deren Boykott und waren in der Nationalversammlung für die darauf folgenden fünf Jahre nicht mehr vertreten. 2006 wurde Chávez mit 63 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. Erst der Totalausfall der Opposition und die Übernahme der Kontrolle bei dem staatlichen Ölkonzern PDVSA nach der gescheiterten Erdölsabotage, ermöglichte es der bolivarianischen Regierung, umfassend Politik zu machen. Die als misiones bekannten Sozialprogramme, die vor allem im Gesundheits- und Bildungsbereich große Erfolge verzeichnen konnten, begannen erst 2003. Sie bauten die Grundversorgung der Bevölkerung merklich aus. Auch die meisten wirtschaftlichen Indikatoren verbesserten sich seit 2002, die Armutsrate ging deutlich zurück und Venezuela hat heute die niedrigste Ungleichheit in Südamerika. Die Partizipationsmöglichkeiten der Bevölkerung wurden ebenfalls rapide ausgeweitet. Seit 2005 entstehen landesweit Kommunale Räte als Bündelung der vielfältigen sozialen, kulturellen und politischen Basisinitiativen. Die Räte entscheiden basisdemokratisch über die Verwendung von staatlichen Geldern und können sich zu einer höheren Ebene, der Comuna , zusammenschließen.
Der „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ wird in Venezuela als Schlagwort seit 2005 debattiert, ohne dass daraus bis heute ein konkretes Ziel erwachsen ist. Neben der Verstaatlichung von Schlüsselindustrien experimentierte die Regierung mit der Förderung unterschiedlicher Unternehmensformen wie Kooperativen oder selbst- und mitverwalteten Betrieben. Dreh- und Angelpunkt der Wirtschaft bleibt das Öl. Eine mögliche Abkehr vom extraktivistischen Wirtschaftsmodell, das auf der Förderung von Rohstoffen basiert, ist derzeit schwer vorstellbar. Der offiziell niedrig gehaltene Wechselkurs sorgt dafür, dass die Importe bezahlbar bleiben, die heimische Produktion wird jedoch kaum ausgebaut, da sie auch auf dem Binnenmarkt nicht wettbewerbsfähig ist.
Außenpolitisch hat sich Chávez vor allem für eine stärkere lateinamerikanische Integration, multipolare Weltordnung und die Stärkung der Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) eingesetzt. Die antikoloniale und antiimperialistische Außenpolitik trug unter Chávez jedoch auch kritikwürdige Züge. Die realpolitisch motivierte Annäherung an Weißrussland oder Iran ist mit den innenpolitischen Debatten in Venezuela kaum vereinbar, spielte dort aber auch nie eine größere Rolle. In Europa oder USA hingegen reduzierten viele, nicht zuletzt innerhalb der deutschen Linken, Chávez schlicht auf diese außenpolitischen Bündnisse. Dabei wird bei genauerer Betrachtung deutlich, dass Venezuela in den vergangenen Jahren mit den unterschiedlichsten Ländern außerhalb Lateinamerikas rein interessengeleitete Beziehungen eingegangen ist, darunter Russland, China oder Portugal.
Selbstverständlich sind Chávez Verdienste ambivalent. Sein eigenwilliger Politikstil, seine langen Reden und teils aggressive Wortwahl, sein Messianismus und die Nähe zur ärmeren Bevölkerung, all das mag durch eine europäische Brille betrachtet befremdlich erscheinen. In Venezuela jedoch sind dies Gründe dafür, warum Chávez in den letzten 14 Jahren vor seinem Tod fast alle Wahlen und Abstimmungen gewonnen hat. Einzig das Referendum über eine umfangreiche Verfassungsreform konnte die Opposition 2007 knapp für sich entscheiden. Chávez hat keine technokratische Politik für eine Minderheit vertreten, sondern die arme Bevölkerungsmehrheit in den Mittelpunkt gestellt. Entgegen verbreiteten und medial inszenierten Ansichten ist Venezuela unter ihm demokratischer geworden. Beim parallelen Bestehen von Transformationsstrategien von oben und unten, sowie einer teilweise offen undemokratischen Opposition, muss die Demokratie jedoch ständig neu erkämpft werden.
Am 5.März erlag Chávez seiner Krebserkrankung, gegen die er sich mehr als anderthalb Jahre lang zu Wehr gesetzt hatte. Nachdem er erst im vergangenen Oktober wiedergewählt worden war, wird er als unbesiegter Präsident in die Geschichte eingehen. Er hinterlässt ein verändertes Venezuela und einen veränderten Kontinent. Trotz aller bevorstehenden Probleme wird es wahrscheinlich kein Zurück in alte, neoliberale Zeiten geben. Denn die venezolanische Bevölkerung ist auch dank Chávez heute politisierter und organisierter als je zuvor. Die starke Fixierung auf seine Person stellt nun sowohl seine Anhänger_innen als auch die Opposition vor Herausforderungen. Eine kollektive Führung des bolivarianischen Prozesses wurde nie aufgebaut. Chávez war stets ein wichtiger Garant dafür, dass Positionen von unten nach oben durchdringen. Sein Wunschnachfolger Nicolás Maduro verfügt nicht annäherend über Chávez‘ Charisma, wird die Neuwahlen am 14.April aber höchstwahrscheinlich für sich entscheiden. Es ist absehbar, dass die Politik in Venezuela in allen politischen Lagern noch eine ganze Weile um die Person des comandante kreisen wird. Eine Zersplitterung des bolivarianischen Lagers in Gruppierungen und Parteien, die alle etwas anderes unter Chavismus verstehen, ist mittelfristig durchaus möglich. Ebenso könnten sich die neuen, als boliburgues bekannten Eliten den alten Eliten annähern, um radikaldemokratische Ideen zurückzudrängen. Der Chavismus als politische Option wird voraussichtlich lange überdauern. Die Frage ist, in welcher Form.


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Verschiebung der Kräfteverhältnisse

Viel hätte im Dezember letzten Jahres nicht gefehlt, und Evo Morales hätte die bolivianische Bevölkerung öffentlich dazu aufgerufen, für das Leben von Hugo Chávez zu beten. Auch Uruguays atheistischer Präsident, Pepe Mujica, ließ vorsichtshalber eine Messe für dessen Gesundheit verlesen. Denn dass Lateinamerika plötzlich ohne Chávez dastünde, war für viele Menschen in der Region unvorstellbar.
Um zu ermessen, wie ein Lateinamerika ohne Hugo Chávez aussieht, schaut man sich zunächst am besten an, wie es mit ihm aussah. Venezuelas Außenpolitik der letzten 14 Jahre hat sich maßgeblich auf die Region konzentriert und verfolgte dabei vor allem zwei Hauptanliegen: den Kontinent im Sinne Simon Bolívars, dem „Befreier“ Südamerikas, in Solidarität und Selbstbestimmung zu vereinen und den imperialistischen Einfluss der USA in der Region zu beenden.
In der Praxis bedeutete das etwa, den Aufbau regionaler Integrationsstrukturen zu fördern, die unter Ausschluss der USA als Gegengewicht zu von Washington gegründeten regionalen Organisationen agieren sollten. Darunter fallen beispielsweise die Union Südamerikanischer Nationen (UNASUR) oder die Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten (CELAC), in der erstmals alle Länder Amerikas außer den USA und Kanada vertreten sind. Auch der Aufbau einer Südamerikanischen Entwicklungsbank, der Bank des Südens, wurde von Chávez angestoßen. Weiterhin gründete er die Bolivarianische Allianz für Amerika (ALBA), ein regionales Wirtschaftsabkommen mit den engsten Verbündeten Venezuelas. Dieses stellte ursprünglich eine Alternative zur von den USA propagierten Gesamtamerikanischen Freihandelszone (ALCA) dar, die auch durch Venezuelas Ablehnung 2005 scheiterte. Bisweilen trieb die Regierung in Caracas ihr anti-imperialistisches Prinzip bis zur Absurdität, übersetzte sie es doch mit einer Politik, die all das gut zu heißen schien, was Washington für schlecht befand. Getreu dem Motto, der Feind meines Feindes ist mein Freund, sorgte Chávez durch seine Freundschaften zu von der westlichen Welt geächteten Despoten für internationale Aufregung.
Waren solche Aktionen hauptsächlich als Provokationen mit symbolischem Charakter zu verstehen, trieb Chávez mit seiner Politik jedoch auch einen aktiven, spürbaren Wandel in der Region voran. Ausgestattet mit einem praktisch nie versiegenden Fluss an Öleinnahmen verbreitete er seine Revolution durch ostentative Einmischung in die politischen und wirtschaftlichen Geschehnisse anderer Länder. So begünstigten die finanziellen Mittel Venezuelas die Wahlerfolge linker Regierungen in Ländern wie Bolivien, Nicaragua und Ecuador. Boliviens Evo Morales etwa finanzierte große Teile seines staatlichen Sozialprogramms mit venezolanischen Geldern, was in den turbulenten ersten Jahren seiner Amtszeit maßgeblich zur Stabilisierung der Regierung beitrug. Selbst Kolumbien, das stets als enger Verbündeter Washingtons galt, hat durch Druck Venezuelas seine Position ein wenig von den USA weggerückt. Chávez hatte nicht zuletzt eine wichtige Rolle als Wegbereiter der Friedensverhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und der linksradikalen Guerillaorganisation Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (FARC) gespielt.
Durch Petrocaribe verbündete sich Venezuela auch mit der Karibik. Insgesamt 18 Mitgliedsstaaten haben diese Hilfe bisher genossen, allen voran Kuba und Nicaragua. Als Gegenleistung für verbilligtes Öl schickt Kuba Ärzte und Lehrer nach Venezuela, die anderen karibischen Länder liefern Güter wie Kaffee, Zucker, Reis und Getreide ebenso wie Geld, was daran erinnert, dass die Hilfe nicht völlig umsonst kommt. Aber Venezuela hat sich stets großzügig gezeigt und stark vereinfachte Zahlungsbedingungen mit niedrigen Zinsen und langen Laufzeiten ermöglicht. Würde diese Hilfeleistung aufhören, träfe das die karibischen Partnerländer hart.
Es bleibt also außer Frage, dass Chávez einen deutlichen Abdruck in der Region hinterlassen hat. Wie tief dieser Abdruck ist und wie es nun ohne ihn weitergeht, ist hingegen ungewiss. Viel hängt ab von dem zukünftigen Präsidenten Venezuelas, der am 14. April gewählt wird. In aktuellen Umfragen liegt Chávez’ Wunschnachfolger, Nicolás Maduro, weit vorne. Als ehemaliger Außenminister Venezuelas kennt er die internationalen Gefilde von Chávez’ Politik wie kein zweiter. Aber ob er als neuer Präsident die Fußstapfen seines Vorgängers ausfüllen kann, ist fraglich. Oft wird bemängelt, es fehle ihm dazu an Charisma und Führungsentschlossenheit, mit denen der verstorbene Präsident so vieles bewegt habe.
Dabei hätte Maduro auch so genug Gründe, die außenpolitische Präsenz Venezuelas in Lateinamerika einzudämmen. Denn die nächsten Monate werden für ihn besonders durch innenpolitische Herausforderungen geprägt sein. Neben der Frage um politische Legitimität des Chavismus ohne Chávez, hat das Land interne Probleme, wie etwa eine verbreitete Gewaltkriminalität. Auch die wirtschaftliche Produktivität ist gering, die Ökonomie vom Ölexport dominiert. Dass Maduro angesichts solcher Probleme auf die Idee kommen könnte, die großzügige Vergabe finanzieller Mittel an ausländische Verbündete zu reduzieren, ist daher nicht unwahrscheinlich.
Trotz allem zeigen sich lateinamerikanische Beobachter_innen angesichts der Aussichten recht gelassen. Zwar ist abzusehen, dass mit einer reduzierten politischen und wirtschaftlichen Präsenz Venezuelas das Kräfteverhältnis in Lateinamerika verschoben wird. So erwarten manche, dass Evo Morales mit Rafael Correa und Nicolás Maduro Chávez’ politisches Vakuum auffüllen wird. Andere wiederum zweifeln an deren politischem Gewicht und erwarten eine Verschiebung der regionalen Machtverhältnisse zugunsten Brasiliens.
Auch innenpolitisch stehen Venezuelas Verbündete ohne Chávez nicht zwangsläufig verloren da. Ecuador und Bolivien beispielsweise haben ihren politischen und wirtschaftlichen Horizont mittlerweile gefestigt und sind nicht mehr so stark auf Venezuelas Unterstützung angewiesen, wie noch in den ersten Jahren. Weniger gut ist es um Länder wie Kuba und Nicaragua bestellt, denn sie sind auf die großzügigen Öllieferungen Venezuelas dringend angewiesen.
So gesehen zeichnet sich zwar ein Bild ab, in dem sich die Kräfteverhältnisse in Lateinamerika insgesamt verschieben werden. Jedoch scheint der Tod von Hugo Chávez noch lange nicht das zwangsläufige Ende seiner Revolution in Lateinamerika einzuläuten. Wie und in welchem Umfang sich sein Projekt jedoch fortsetzt, hängt zu großen Teilen von der zukünftigen Regierung in Caracas ab.


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Protest zu Schiff

Mit 30 Schiffen soll im Zuge der Demonstration Ihrer Initiative die Elbe blockiert werden. Wie muss man sich den Ablauf einer solchen Blockade vorstellen?
Zunächst treffen wir uns um 15:30 Uhr am Hansahafen. Wenn sich alle Schiffe gesammelt haben, geht es dann an den Landungsbrücken vorbei zum Dock 10, wo wir voraussichtlich zwei Stunden symbolisch die Elbe bei leicht auflaufendem Wasser blockieren werden. Da kommt dann auch tatsächlich keiner durch: Das ist eine angemeldete Demonstration und die Wasserschutzpolizei wird die Elbe absperren. Danach geht es weiter zum Kohlekraftwerk Moorburg, wo die Abschlusskundgebung stattfindet. Da die Blockade während des Hafengeburtstags stattfindet, können wir hoffentlich viel Aufmerksamkeit auf uns lenken. Auch in Kolumbien werden zur selben Zeit Proteste stattfinden.

Die beiden Themen des Protests sind die Arbeitsbedingungen in Kolumbien zur Gewinnung der Steinkohle und die Umweltbelastung durch das Kraftwerk Moorburg, das 2014 ans Netz gehen soll. Welches der Themen nimmt den größeren Raum in Protest ein?
Wir haben uns als Bündnis gegenstrom.13 darauf geeinigt, dass beide Kampagnenbereiche gleichwertig in unseren Protest aufgenommen werden. Die Steinkohlegewinnung in Kolumbien bringt miserable Arbeits- und Lebensbedingungen für Minenarbeiter und Bewohner der Umgebung mit sich. Das ist zwar schon länger bekannt, dringt aber in Deutschland kaum an die Öffentlichkeit. Bedauerlich ist das, weil Deutschland weltweit zu den großen Importeuren kolumbianischer Kohle zählt. Moorburg ist für uns selbstverständlich interessant, da uns die Auswirkungen des Kohlekraftwerks direkt betreffen werden. Da Vattenfall plant, Kohle aus Kolumbien auch in Moorburg zu verwenden, sind beide Themen im Moment für Hamburg aktuell.

Welche Rolle kann das Kraftwerk Moorburg für Hamburg spielen? Vattenfall betont, durch neue Technologien würde Moorburg eines der umweltfreundlichsten Kohlekraftwerke.
Von umweltfreundlich kann keine Rede sein: Das Kraftwerk hat bei Volllastbetrieb einen Ausstoß von neun Millionen Tonnen CO2 jährlich. Die wirklich neuen Technologien beschäftigen sich in Norddeutschland mit Windenergie. Daher ist gerade diese Region energietechnisch versorgt. Deshalb, aber sicherlich auch wegen der zahlreichen Proteste, wurden von den 15 in Norddeutschland geplanten Kohlekraftwerken elf abgesagt, beziehungsweise verhindert. Moorburg ist völlig überflüssig und wegen seiner Emissionen hochgradig unverantwortlich. Selbst Vattenfall sagt, dass der Bau des Kraftwerks rückblickend ein Fehler war. Aber der zukünftige Betrieb soll zumindest einen Teil der Baukosten von drei Milliarden Euro wieder abdecken. Nebenbei wird das Kraftwerk von der Mehrheit der Hamburger abgelehnt.

Wie groß ist in etwa der geplante kolumbianische Anteil der Kohle, die in Moorburg verbrannt werden soll?
Stromerzeuger in Deutschland sind gesetzlich nicht verpflichtet, die Herkunft ihrer Kohle zu belegen. Mitarbeiter Vattenfalls haben uns aber die geplante Verwendung kolumbianischer Kohle für Moorburg bestätigt. Mit Lieferscheinen in andere Kraftwerke Vattenfalls können wir beweisen, dass der Konzern schon jetzt große Teile der Kohle aus Kolumbien importiert. Außerdem sagt Vattenfall ganz offiziell, dass Moorburg ausschließlich Kohle aus dem atlantischen Raum beziehen wird. Die USA als ein weiterer großer atlantischer Kohleexporteur werden ihren Export nun aus Klimaschutzgründen komplett einstellen – so Obama. Außerdem ist Kolumbien der weltweit billigste Anbieter. Man kann also davon ausgehen, dass ein Großteil der Kohle aus Kolumbien stammen wird.

Sie selbst sind gerade aus der kolumbianischen Region La Guajira zurückgekehrt. Dort befindet sich El Cerrejón, die größte Steinkohlemine Lateinamerikas. Wie prägt die Mine die Lebensumstände vor Ort?
Vielleicht zunächst ein drastischer Punkt: Von 5.000 Minenarbeitern sind mittlerweile laut der Gewerkschaft Sintracárbon 700 chronisch krank: Staublunge, Magenkrebs, Probleme mit der Wirbelsäule und Blei im Blut sind die am häufigsten genannten Erkrankungen. Die Gewerkschaft kämpft auch um die Anerkennung dieser Krankheiten als Berufskrankheiten, was vom Konzern verweigert wird. Dazu kommen die Umweltbelastungen: Die Luft ist so staubbelastet, dass die 15 Kilometer entfernte Bergkette während des Streiks erstmals seit vielen Jahren wieder zu sehen war. Ein weiteres großes Problem sind die extreme Wasserverschmutzung und der Wassermangel. Die 40 mal 15 Kilometer lange Mine sorgt durch intensive Waschungen und ungefilterte Weiterleitung dafür, dass die mehrheitlich indigenen Anwohner kaum noch Zugang zu sauberem Wasser haben. Auch versteppt die Gegend zusehends. Das liegt an der Grundwasserabsenkung durch die Mine und der dort besonders intensiven Klimaerwärmung. Allein das zwingt die Gemeinden schon teilweise zum Weggehen – was wiederum dem Konzern zugutekommt, da die Mine ständig vergrößert wird. Gehen Gemeinden nicht freiwillig, so werden sie zwangsumgesiedelt.

Gegen solche Maßnahmen muss es doch Widerstand geben?
Der Widerstand der indigenen Gemeinden, die zum Großteil aus Wayuus besteht, ist friedlicher Natur. Trotzdem werden häufig staatliche Gewalt oder Paramilitärs eingesetzt, um Widerstand im Keim zu ersticken. Bei Zwangsumsiedlungen bleibt den Betroffenen kaum eine andere Wahl als die „Entschädigungen“ des Konzerns entgegen zu nehmen. Im Normalfall bedeutet das 4.000 Euro pro Grundstück und Haus. Doch für diesen Preis kann man auch in Kolumbien kein adäquates Grundstück finden, geschweige denn ein Haus. Die Alternative wäre ein langer Rechtsstreit gegen einen Konzern, der 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes der Region erwirtschaftet. Das ist für die Anwohner dieser Region finanziell überhaupt nicht machbar. Die Gewerkschaft Sintracarbón hat es nun zum ersten Mal gewagt, wegen der gesundheitsbelastenden Bedingungen und der niedrigen Löhne zu streiken. Dieser Streik hat zu einer Art Kompromiss mit dem Konzern geführt. Von akzeptablen Arbeitsbedingungen kann deshalb jedoch nicht gesprochen werden. Der Druck auf die Streikenden war dabei enorm: Zum einen gibt es dort keine Streikkasse; zum anderen wurden die Streikführer und ihre Familien mit Todesdrohungen von den ultrarechten Paramilitärs belegt.

El Cerrejón wird von drei internationalen Konzernen mit je einem Drittel Geschäftsanteil geführt. Welche Auswirkungen hat das auf die aktuelle Situation? Hat die kolumbianische Regierung Einfluss auf den Konzern?
Es ist umgekehrt: Die drei Konzerne BHP Billington, Anglo American und Glencore sagen der kolumbianischen Regierung, wo es lang geht. Als weltweit operierende Konzerne sind sie das auch so gewohnt. BHP Billington hat beispielsweise die australische Regierung wegen seines riesigen Ölfelds im Irak zum Eintritt in den Golfkrieg genötigt. Der zweite Konzern, Anglo American, hat letztes Jahr in Südafrika 12.000 streikende Platinminen-Arbeiter kurzerhand entlassen. 45 Arbeiter wurden während des Streiks ergeschossen. Anglo American ist außerdem Weltmarktführer beim blutigen Geschäft mit Diamanten. Auch die Deutsche Bank kooperiert mit diesen Konzernen, indem sie maßgeblich deren Investitionen bei der Erweiterung der kolumbianischen Kohleminen finanziert. Die Deutsche Bank ist für die Minenindustrie und deren Auswirkungen klar mitverantwortlich und verdient kräftig mit. Die kolumbianische Regierung unterstützt die Konzerne, wahrscheinlich auch wegen der Großgrundbesitzer, die an den Minen mitprofitieren. Diese Gruppe hat in Kolumbien viel zu sagen und bezahlt die rechten Paramilitärs.

Demonstrationen sind häufig schnell vergessen, was erhoffen Sie sich von der Elbblockade und ihren Besuchern?
Da unser Protest auf eine besonders symbolische Weise aufgezogen wird, erhoffen wir uns vor allem Aufmerksamkeit: Während des Hafengeburtstags werden wir sie hoffentlich bekommen. Wir planen Aufrufe, ein Konzert auf der Jolly Roger Bühne und eine Live-Übertragung von und nach Bogotá. Mit der hohen Beteiligung vieler bekannter Gruppen wie FIAN und ATTAC! und der Präsenz von hoffentlich 40 bis 50 Schiffen können wir es vielleicht schaffen, auf die katastrophalen Bedingungen des Kohleabbaus in Kolumbien aufmerksam zu machen – ein Thema, das sonst in den deutschen Medien kaum Raum einnimmt. Und wir wollen auch erreichen, dass das Kohlekraftwerk Moorburg weiter in Frage gestellt wird. Die geplante Inbetriebnahme 2014 ist angesichts der sich zuspitzenden Klimakrise völlig unverantwortlich und auch für unsere Energieversorgung absolut sinnlos. Vielleicht können wir etwas bewegen.

Infokasten:

Elbblockade zum Hafengeburtstag
Am 10. Mai wird kein Schiff die Elbe hochfahren. Zumindest nicht zwischen 16 und 18 Uhr. Dafür will das Bündnis gegenstrom.13 sorgen, das mit einer symbolischen Elbblockade gegen das Kohlekraftwerk in Moorburg demonstrieren will. Unter dem Leitspruch „Menschenrechte statt Milliardengewinne“ sollen möglichst viele Boote und Schiffe eine Kette im Hamburger Hafen bilden. Die Kampagne richtet sich ganz grundsätzlich gegen das Kohlekraftwerk Moorburg, da es ein Klimakiller ist und mit Feinstaub und Schadstoffen ganze Stadtteile Hamburgs betreffen würde. Zudem richtet sich gegenstrom.13 im Besonderen gegen den geplanten Kohleimport aus Kolumbien wegen der fatalen sozialen und ökologischen Umstände und Folgen des Kohleabbaus dort.
Mehr Informationen: http://www.gegenstrom13.de
Kontakt für Boote und Schiffe: schipper@gegenstrom13.de


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Saturn-Clip schlägt in Jamaica ein

Er wird es wohl weder ins Kino noch ins Fernsehen schaffen: der 73 Sekunden dauernde Werbespot von Saturn, der im Februar online Probe lief. Bei Werbeleuten kam der Spot überwiegend gut an, vor allem seine handwerkliche Güte.
Doch gut gemacht und auch kaum böse gemeint, hat der Clip in Jamaica dennoch jede Menge böses Blut verursacht. Dabei benutzte Saturn exakt dieselbe Masche wie beim Vorgängerclip: Statt eines alten Röhrenfernsehers, der bei einer Sport-übertragung den Geist aufgibt und damit Tumulte auslöste, die sich in das Viertel ausbreiten und zu einem Polizeieinsatz führen, ist es dieses Mal eine den Geist aufgebende Espresso-Maschine, die dieselbe Folgenkette nach sich zieht. Aber beginnen wir am Anfang: Eine defekte Kaffeemaschine setzt im Coffee-Shop eine jamaicanische Flagge in Brand, die Ladenbetreiber bringen sie mit Müh und Not nach draußen und trampeln das Feuer auf der Flagge aus.
Was im Spot zu einem jamaicanischen Volksaufstand führt, fand ungewollt in der Realität virtuell wie politisch statt. Wer auch immer das virtuelle Feuer entfachte, nachdem der Videoclip ab Februar auf den Websites von Saturn und der den Clip produzierenden Werbeagentur Scholz & Friends kursierte, es zeigte Wirkung.
In Jamaica brachte es der Skandal der brennenden Nationalflagge auf die Titelseiten der wichtigsten Tageszeitungen The Gleaner und Daily Observer, in die Hauptnachrichten und ins Parlament. Die jamaicanische Botschafterin in Deutschland, Joy Wheeler, wurde ebenso in die Spur geschickt wie Jamaicas Außenminister Arnold Joseph Nicholson, um den Konzern sowie das Auswärtige Amt zu Stellungnahmen zu drängen. Denn beim Verbrennen der Nationalflagge hört für viele Jamaicaner_innen der Spaß auf, im Internet ließen sie ihrer Empörung freien Lauf. So stellten viele die Frage, warum ausgerechnet eine jamaicanische, anstatt beispielsweise eine deutsche oder US-amerikanische Flagge brennen musste? Saturns offizielle Antwort: Gerade um die Absurdität der Handlung zu unterstreichen, habe man ganz bewusst die Flagge einer so beliebten Nation wie Jamaica gezeigt. Das ist gründlich misslungen, doch hat der Elektronikriese das teure kulturelle Missverständnis Ende Februar bereits korrigiert: „Wir wollen durch die Rücknahme des Spots den Respekt, den wir für das Land Jamaica und seine Bevölkerung empfinden, zum Ausdruck bringen.“ Von der Saturn und der Agentur-Website ist der Clip verschwunden, doch was einmal im Netz, bleibt dort. (siehe: www.youtube.com/watch?v=tUTYrqTbuI4)
Mit einem Mangel an Humor haben die harschen Reaktionen in Jamaica nichts zu tun. Vielmehr mit dem empfundenen Mangel an Respekt. Das zeigt sich an der Reaktion auf ein VW-Werbevideo, das im Super Bowl-Finale lief und indem ein weißer US-Amerikaner den jamaicanischen Patois-Akzent imitierte (www.youtube.com/warch?v=9H0xPWAtaa8). In den USA führte das zu Rassismus-Diskussionen – aus Jamaica gab es indes ein Gegenvideo mit einem deutsch sprechenden schwarzen Jamaicaner (siehe: www.youtube.com/watch?v=zvHEg7l3tlg). Und alle haben sich köstlich amüsiert.


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ProSavana in Sicht

Die mosambikanische Zivilgesellschaft ist in Aufruhr: Ein neues Großprojekt bedroht die Lebensgrundlage von Kleinbäuerinnen und -bauern einer ganzen Region. Zumindest sehen das Vertreter_innen von Nichtregierungsorganisationen und Kleinbauernverbänden so. Im Nacala-Korridor, der fruchtbaren Region zwischen Lichinga nahe der Grenze zu Malawi und der Hafenstadt Nacala, planen Brasilien, Japan und Mosambik ein gewaltiges Landwirtschaftsprojekt nach brasilianischem Vorbild. Es soll den Namen ProSavana tragen. Erklärtes Ziel ist es, die Landwirtschaft in der nordmosambikanischen Savanne „wettbewerbsfähig und nachhaltig“ zu gestalten, nach dem Vorbild der Agrarindustrie Brasiliens.
Mosambikanische Nichtregierungsorganisationen sehen ProSavana hingegen kritisch: Sie glauben nicht, dass die Kleinbäuerinnen und -bauern der Region von den geplanten Investitionen profitieren und fürchten im Gegenteil, dass das Projekt mit Landverlusten für diejenigen verbunden ist, die sich am wenigsten dagegen wehren können. UNAC, die Nationale Union der Kleinbäuerinnen und -bauern Mosambiks, hat im November 2012 eine Erklärung abgegeben. Darin heißt es, ProSavana sei „das Ergebnis einer Top-Down-Politik, die die grundlegenden Anliegen der Kleinbauern, insbesondere derjenigen im Nacala-Korridor, nicht berücksichtigt.“ Die Befürchtungen der UNAC sind Landverlust und Vertreibungen, Verarmung der Landbevölkerung, Umweltverschmutzung und Störung des ökologischen Gleichgewichts.
Auch in Nampula, der Provinz, die am stärksten von ProSavana betroffen sein wird, regt sich die Zivilgesellschaft: Die Organisation für Gegenseitige Hilfe auf dem Land ORAM, neben UNAC die wichtigste Lobbyorganisation für Kleinbäuerinnen und -bauern, hat mit anderen Organisationen, die zum Thema Land arbeiten, einen Forderungskatalog erstellt, der sich sowohl an die Regierung als auch an die Verantwortlichen von ProSavana richtet. Und auch Justiça Ambiental, die mosambikanische Zweigstelle der Friends of the Earth hat im Januar 2013 ein Positionspapier veröffentlicht, in dem das Großprojekt scharf kritisiert wird. Damit haben sich bereits drei wichtige und landesweit agierende mosambikanische Nichtregierungsorganisationen kritisch zu ProSavana geäußert.
ProSavana hat also schon viel Staub aufgewirbelt – dabei hat das Projekt noch gar nicht begonnen. Geplant ist, den so genannten Masterplan für die Investitionen im Herbst 2013 zu publizieren.Viele mosambikanische Organisationen bezweifeln allerdings schon jetzt die Grundidee, dass ein brasilianisches Modell einfach auf Mosambik übertragen werden kann. Geplant ist, großflächig Sojabohnen, Mais, Reis, Baumwolle und andere cash crops für den Export anzubauen und gleichzeitig die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu fördern sowie deren Produktivität zu erhöhen. Landwirtschaftliche Arbeitsplätze sollen geschaffen werden, Ernährungssicherheit erreicht und generell die ländliche Armut reduziert werden. Formuliert ist all dies in schönstem green-
washing-Vokabular.
Vorbild für ProSavana ist das Projekt Prodecer, das in den 1970er und 80er Jahren im zentralbrasilianischen Cerrado mit Unterstützung von Japan durchgeführt wurde. Dieses Programm war maßgeblich daran beteiligt, Brasilien zum größten Sojaexporteur weltweit zu machen. In den 1970er Jahren kam es zu einem ersten Sojaboom, der seine Gründe vor allem in den steigenden Rohstoffpreisen infolge der Ölkrise von 1973 hatte. Die USA, bis dahin größter Produzent von Soja, hatten ein Exportverbot für Sojabohnen verhängt. Um die eigene Versorgung mit Soja zu gewährleisten, stellte Japan technische und finanzielle Unterstützung bereit und investierte in die Sojaproduktion im brasilianischen Cerrado. Dieses Projekt trug maßgeblich zur Verbreitung großflächiger Monokulturen und zur Mechanisierung der Landwirtschaft bei. Diese Industrialisierung der Landwirtschaft wurde von der damaligen Militärregierung massiv gefördert. Die brasilianische Entwicklungsbank vergab günstige Kredite und staatliche Forschungseinrichtungen wie EMBRAPA wurden gegründet, um diese so genannte Grüne Revolution in Brasilien voranzutreiben. Mit vordergründigem Erfolg: die brasilianische Landwirtschaft erwirtschaftet Millionengewinne.
Die Schattenseiten waren unter anderem die weitgehende Umwandlung der brasilianischen Cerrado-Feuchtsavanne in Ackerland und die Vertreibung von indigenen Gruppen. Durch eingeschleppte Krankheiten und direkte Verfolgung bedeutete diese Entwicklung praktisch ein Genozid an vielen indigenen Ethnien Zentralbrasiliens. Eine einzigartige Naturlandschaft wurde fast völlig zerstört.
Aufgrund ähnlicher Bodenbeschaffenheit und vordergründig ähnlichen Ausgangsbedingungen im brasilianischen Cerrado und der afrikanischen Savanne soll nun ein vergleichbares Programm in Mosambik ebenfalls die landwirtschaftliche Entwicklung ankurbeln. Die Federführung von ProSavana liegt beim brasilianischen landwirtschaftlichen Forschungsinstitut EMBRAPA. Weitere Beteiligte sind die brasilianische Entwicklungsagentur ABC, die japanische Entwicklungsagentur JICA, das Internationale Forschungszentrum für Landwirtschaftliche Wissenschaften Japan JIRCAS und auf mosambikanischer Seite das Landwirtschaftsministerium MINAG sowie das mosambikanische landwirtschaftliche Forschungsinstitut IIAM.
Die Rollen der drei Länder innerhalb des Projekts sind dabei folgendermaßen verteilt: Brasilien stellt die Agrotechnik und die landwirtschaftliche Expertise. Japan finanziert die Infrastruktur, die für den Export notwendig ist, wie etwa den Ausbau der Eisenbahnlinie und des Straßennetzes. Mosambik stellt das benötigte Ackerland – in der ersten Projektphase gut 700.000 Hektar, was der Fläche von fast der Hälfte Thüringens entspricht. Für spätere Phasen ist von bis zu 14 Millionen Hektar die Rede. Was in der Theorie einfach klingt, birgt eine Fülle von Risiken und Gefahren. Nicht wenige Beobachter_innen fragen sich, inwieweit die mosambikanischen Bauern und Bäuerinnen tatsächlich von den Investitionen profitieren werden.
Auch in anderen Bereichen hat das brasilianische Engagement in Mosambik in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Was die ausländischen Direktinvestitionen betrifft, hat Brasilien Portugal vom ersten Platz verdrängt und ist mit Projekten im Wert von über 770 Millionen US-Dollar der größte Investor. Auch die bilateralen Handelsbeziehungen und Entwicklungshilfeprogramme wurden ausgebaut. Der Gesamtwert des mosambikanisch-brasilianischen Handels lag im letzten Jahr bei rund 100 Millionen US-Dollar, eine deutliche Steigerung gegenüber den Vorjahren. Allerdings ist die Handelsbilanz für Mosambik negativ: Die Mosambikaner_innen haben unter anderem brasilianische Flugzeuge, Traktoren, andere Landmaschinen und Tiefkühlhähnchen importiert. Gerade letzteres führt immer wieder zu Konflikten mit den einheimischen Hühnerzüchter_innen. Zwar freuen sich viele Konsument_innen über die Tiefkühlhähnchen aus Brasilien im Supermarkt. Die mosambikanischen Züchter_innen klagen jedoch, dass sie nicht mit den Preisen der brasilianischen Massentierhaltung mithalten können. Im Gegenzug bestand der mosambikanische Export nach Brasilien vor allem aus Tabak und Rohstoffen aus dem Bergbau.
Bisher hat Brasilien vor allem im Rohstoffbereich massiv investiert. Der Bergbaukonzern Vale ist in der zentralmosambikanischen Provinz Tete aktiv und baut in Moatize Kohle im Tagebau ab. Das Projekt ist höchst umstritten: Mehr als 1.300 Familien wurden bereits zwangsweise umgesiedelt. Die Häuser und die Ackerflächen, die die Familien als Entschädigungen erhalten haben, sind aber nur unzureichend, die versprochenen Arbeitsplätze ausgeblieben, so dass der Kohleabbau von zahlreichen Protesten der lokalen Bevölkerung und nationaler und internationaler Nichtregierungsorganisationen begleitet wird.
Dennoch werden die Brasilianer_innen von der mosambikanischen Regierung mit offenen Armen empfangen: So verkündete der ehemalige mosambikanische Premierminister Aires Bonifácio Baptista Ali bei einem Staatsbesuch in Brasilien im April 2012, dass die Anwesenheit von brasilianischen Investor_innen in Mosambik „extrem wichtig“ sei.
Dabei profitieren die brasilianischen Investor_innen gewaltig von der Einladung der Mosambikaner_innen, insbesondere, wenn es um die Landwirtschaft geht: In Mosambik gehört alles Land dem Staat, im Gegensatz zu Brasilien, wo Land in Privatbesitz ist. Gemeinden, Einzelpersonen oder Unternehmen können jedoch Landrechte vom Staat erwerben, normalerweise für 50 Jahre mit der Möglichkeit, diese Frist nach Ablauf zu verlängern. Investor_innen müssen also keine großen Anfangsinvestitionen tätigen, sondern erhalten einen Landtitel vom Staat und zahlen dann eine geringe jährliche Steuer, die sich nach der Hektarzahl bemisst. Damit sind Investitionen in Land in Mosambik für viele Brasilianer_innen ausgesprochen lohnend, denn in ihrer Heimat ist der Boden knapp und teuer, während es in Mosambik vermeintlich riesige Flächen ungenutzten Landes und viel Entwicklungspotenzial gibt. Die Süd-Süd-Kooperation bietet für Brasilien auch die Möglichkeit, auf dem afrikanischen Kontinent zu expandieren und durch das landwirtschaftliche Engagement in Mosambik neue Märkte zu erschließen – beispielsweise den chinesischen. So lässt sich Carlos Ernesto Augustin, Präsident eines brasilianischen Verbandes von Baumwollzüchter_innen, mit den Worten zitieren: „Mosambik ist der afrikanische Mato Grosso, wo es Land umsonst gibt, ohne große Umwelthindernisse und mit billigeren Frachtkosten nach China.“
Auf mosambikanischer Seite hofft die Regierung darauf, die Landwirtschaft endlich ertragreich gestalten zu können. Denn bisher ist die Agrarpolitik Mosambiks nicht von vielen Erfolgen gekrönt. Mosambik gehört immer noch zu den ärmsten Ländern der Welt. Mehr als 80 Prozent der Mosambikaner_innen sind in der Landwirtschaft tätig und produzieren als Kleinbäuerinnen oder -bauern vor allem für den Eigenbedarf, auf Landflächen, die nur selten größer als ein paar Hektar sind. Und obwohl mehr als Dreiviertel aller Mosambikaner_innen von der Landwirtschaft leben, stellen Nahrungsmittelunsicherheit und Mangelernährung nach wie vor große Probleme für die Landbevölkerung dar. Mosambik ist immer noch ein Nettoimporteur von Nahrungsmitteln und die ländliche Armut nimmt in einigen Regionen Mosambiks sogar zu. Die Produktivität der Kleinbäuerinnen und -bauern ist sehr gering, sie haben kaum Zugang zu Landmaschinen, zu Bewässerungssystemen oder zu landwirtschaftlicher Beratung. Zudem ist die Infrastruktur auf dem Land sehr schlecht und die Wege zu den Märkten beschwerlich. Doch anstatt die Kleinbäuerinnen und -bauern gezielt zu fördern, etwa mit dem Aufbau von Infrastruktur und Vertriebsgenossenschaften, wird das kleinbäuerlich genutzte Land als „leer“ erklärt und an ausländische Investoren vergeben.
UNAC, ORAM, Justiça Ambiental und andere zivilgesellschaftliche Organisationen befürchten, dass ProSavana vor allem zu Lasten der Kleinbäuerinnen und -bauern in den betroffenen Gebieten geht. In der Provinz Nampula sind das acht von achtzehn Distrikten. ORAM hat sich mit sechs anderen Organisationen zu einem Netzwerk natürliche Ressourcen und Landwirtschaft zusammengeschlossen. Gemeinsam haben diese Organisationen ein Positionspapier verfasst, in dem auch offene Fragen und Forderungen an die Regierung formuliert werden. Insbesondere geht es den Organisationen um mehr Transparenz und um die Einhaltung der Rechte der lokalen Gemeinden und Kleinbauern und -bäuerinnen. Denn das Projekt wird bereits breit diskutiert, auch in den Medien, aber die betroffene Landbevölkerung weiß noch nichts darüber. Dabei sieht das mosambikanische Landrecht Konsultationen und die Miteinbeziehung der betroffenen Gemeinden zwingend vor. Aber nicht alle Kleinbäuerinnen und -bauern wissen das, und auch viele Politiker_innen oder Beamte auf Lokalebene sind mit den entsprechenden Rechtsgrundlagen nicht genügend vertraut. Auch deshalb möchte das Netzwerk an der weiteren Planung sowie am Monitoring des ProSavana-Projekts beteiligt sein. „Wir wollen Transparenz, vor allem für die betroffene Bevölkerung, und wir wollen die Details der Planung kennen“, fordern die Mitglieder des Zusammenschlusses.
Eine weitere Sorge treibt die mosambikanische Zivilgesellschaft um: Die Angst, dass über ProSavana genmanipuliertes Saatgut seinen Weg nach Mosambik findet. Denn das brasilianische landwirtschaftliche Forschungsinstitut EMBRAPA, das das Projekt ProSavana koordiniert, wird auch von dem Saatgutkonzern Monsanto finanziert. In Mosambik jedoch sind gentechnisch veränderte Pflanzen – noch – verboten.
Die mosambikanische Regierung hat auf den wachsenden Druck bereits reagiert und zugesichert, dass kein Bauer sein Land verlieren wird: „In unserem Land gibt es keinen Platz für die Rückkehr von königlichen Gesellschaften”, sagte Landwirtschaftsminister José Pacheco in einem Fernsehinterview im Dezember 2012 in Anspielung auf die Kolonialgeschichte. „Die Kleinbauern werden ihre Landflächen behalten, denn das Ziel ist es, sie zu erweitern.“
Wie es weitergeht und ob die Regierung ihre Versprechen einhält, wird die mosambikanische Zivilgesellschaft genau beobachten. Momentan gehen die Verhandlungen der drei involvierten Länder hinter geschlossenen Türen weiter: Bis Juli 2013 sollen die Verträge stehen. Es ist also höchste Zeit für UNAC, ORAM, Justiça Ambiental und andere Organisationen, die Kleinbäuerinnen und -bauern aufzuklären und sich gemeinsam mit ihnen für ihre Rechte stark zu machen. Denn ein Blick nach Brasilien zeigt: Das „Erfolgsmodell“ des brasilianischen Cerrado, das mit ProSavana nach Mosambik importiert werden soll, hat den Hunger in Brasilien nicht beseitigt – dafür aber viel Schaden an Menschen und Umwelt verursacht.


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Gärtners Bock

„Die Afrikaner stammen von einem Ahnen ab, der von Noah verflucht wurde“. Die Folgen seien Elend, Krankheiten, Hunger und Heidentum. Feminismus führe zu einer Verschwulung der Gesellschaft. Die Lesben-Schwule-Bisexuelle- und Trans-Bewegung (LGBT) wolle eine schwule Diktatur in Brasilien errichten. Solchen Charakters ist das Weltbild des evangelikalen Pastors Marco Feliciano, Abgeordneter in Brasília für die christlich-soziale Partei PSC, der im März den Vorsitz der Parlamentskommission für Menschenrechte und Minderheiten übernahm. Felicianos Wahl wird parteiübergreifend kritisiert. Mehrere Abgeordnete haben mit Transparenten gegen seine Wahl protestiert, im Parlament kam es zwischenzeitlich zu Tumulten. Abgeordnete anderer Parteien erwägen, gegen Feliciano Klage einzureichen und seine Wahl zum Kommissionspräsidenten anzufechten. Von den zuvor 19 Mitarbeiter_innen der Kommission sind derweil nur noch zwei übrig: Die eine Hälfte wurde versetzt, die andere Hälfte hat aus Protest gegen den Pastor selbst um Versetzung gebeten.
Doch ist der parlamentarische Aufschrei nicht frei von Scheinheiligkeit. Haben doch Regierungsparteien wie die Arbeiterpartei PT oder die konservative PMDB sich diesmal nicht für die Menschenrechtskommission interessiert. Die PT hatte sich dieses Jahr für die Kommissionen Soziale Sicherung und Familie, für die Rechtskommission und die für Außenpolitik zuständige Kommission im Parlament entschieden. Hinzu kommt, dass vierzehn der 18 Mitglieder der neuen Menschenrechtskommission von Pfingstlern besetzt sind. Acht allein von der Partei Felicianos, PSC. Dazu kam es, weil die PMDB vier ihrer Sitze der PSC zur Verfügung stellte. Deren Parteichef, Eduardo Cunha, ist selbst evangelikal und Verfasser eines Gesetzesvorhabens gegen „Heterophobie“. Die oppositionelle, rechtssozialdemokratische PSDB verzichtete auf zwei ihrer Sitze, die rechte „Fortschrittspartei“ PP und die rechtssozialdemokratische PDT verzichteten auf je einen Sitz. So fielen der PSC insgesamt acht Sitze in der Kommission zu – einschließlich dem des Vorsitzes.
Indessen erhoben sich in ganz Brasilien die Proteste gegen den Abgeordneten Feliciano. In der Mehrzahl über soziale Netzwerke organisiert, riefen Menschenrechtsorganisationen, LGBT-Gruppen und Frauenorganisationen zum Protest auf. Amnesty International forderte öffentlich den Rücktritt Felicianos. Auch im Ausland, in Argentinien, den USA und in mehreren europäischen Städten kam es zu Kundgebungen gegen die homophoben, rassistischen und frauenfeindlichen Äußerungen des Pastors Feliciano. In Berlin versammelten sich etwa 80 Personen vor dem Brandenburger Tor mit Spruchbändern „Weg mit Feliciano“ und warfen dem Pastor Rassismus und Homophobie vor.
„Der religiöse Fundamentalismus in Brasilien ist auf dem Vormarsch“, konstatierte in Berlin Pedro Costa, Sozialwissenschaftler und Queer-Performer. „Und der geht Hand in Hand mit einer ­extremen Rechten“. Marco Felicianos Äußerungen seien eben nicht harmlos, da sie Rassismus, Homophobie und Misogynie predigen – und das oft direkt Gewalt befördere, so Costa.


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Kampf um Sichtbarkeit

Vor der Einführung des Internets existierte in Kuba keine Öffentlichkeit in dem Sinne, dass die öffentliche Meinung unter gesellschaftlicher Beteiligung und mit einer zur Rechenschaft herangezogenen Regierung gebildet wurde. Dagegen existierte eine Anzahl von zersplitterten Mikrokosmen – ich nenne sie „Arenen“ –, in denen Debatten und Diskussionen ohne ein größeres öffentliches Publikum stattfanden. Bei meinen sechs Forschungsaufenthalten in Havanna identifizierte ich drei solcher Arenen innerhalb Kubas sowie die Arena der Diaspora außerhalb Kubas.
In der „Dissidentenarena“ versammelten sich Gruppen und Individuen, die sich selbst als „politische Dissidenten“ bezeichneten, um gemeinsame Überzeugungen und Ideen; sie teilten den Wunsch, die ihrer Meinung nach autoritäre Regierung zu stürzen. Zwar erlangten sie die Aufmerksamkeit der internationalen Medien, doch, isoliert und eingeschränkt durch den Dissident_innenstatus, trafen sich die wenigen Individuen innerhalb Kubas nur in zersplitterten Gruppen und hinter verschlossenen Türen.
Eine weitere Arena bilden die halböffentlichen Debatten, die innerhalb staatlicher Institutionen wie Forschungszentren, staatlich anerkannten Stiftungen, kubanischen Nichtregierungsorganisationen und kritischen Zeitschriften wie z.B. Temas, organisiert werden. Trotz ihrer Heterogenität erreichen diese Debatten dieselbe lokale Öffentlichkeit: kritische Intellektuelle, Schriftsteller_innen, Künstler_innen, Journalist_innen und Professor_innen aus dem intellektuellen und kulturellen Milieu Havannas, das sich für die Revolution einsetzt, sie aber reformieren möchte. Aus Angst, Grenzüberschreitungen könnten den kritischeren Räumen für Debatten ein Ende bereiten, halten sich die Protagonist_innen innerhalb gewisser roter Linien – ohne genau zu wissen, wo diese verlaufen, denn sie verändern sich stetig.
Ende der 1990er Jahre entstand von unten eine dritte Arena aus der Annäherung kritischer Kollektive autodidaktischer Künstler_innen und Intellektueller, die von offiziellen Zuschüssen und Universitätsstellen ausgeschlossen sind. Sie drücken die radikalste Kritik in Bezug auf Zensur, Rassismus, soziale Ungleichheiten und die Autonomie der Basis aus. Trotz Heterogenität arbeiten die verschiedenen Kollektive oft zusammen, um Workshops, kleine Kongresse und Festivals zu organisieren. Dadurch erreichen sie den höchsten Grad an Bekanntheit und sozialer Beteiligung. Das „kritische, aber revolutionäre“ Ethos der Protagonist_innen hat außerdem Verhandlungen mit der Regierung über die Nutzung offizieller Kultureinrichtungen für Debatten und Aktivitäten ermöglicht.
Die Arena der Diaspora verbindet Teile des kulturellen Milieus in Kuba und politisch aktiver Mitglieder der Diaspora. Die größte Konzentration fand um die Literaturzeitschrift Encuentro de la cultura cubana (1992-2009) statt, die der Exilschriftsteller Jesús Díaz in Spanien gründete. Sie bot eine Plattform für polemische Debatten von Autor_innen aus Kuba sowie dem Exil über Kunst und Politik. Exilierte und Emigrierte tauschten sich außerdem in Blogs und Online-Foren aus, allerdings ohne Kontakt mit Kuba selbst. Einzige Ausnahme war hier Encuentro en la red, der Online-Ableger der Zeitschrift, der versuchte, alternative Infos aus Kuba durch die Zusammenarbeit mit Dissident_innen zu sammeln. Das Team von Encuentro bemühte sich, in Kuba einen Informationsdienst aufzubauen, der zweiwöchentlich an eine Email-Liste gesendet wurde. Am Ende umfasste seine Datenbank mehrere tausend kubanische Email-Adressen.
Alle Arenen zusammen teilen drei Merkmale: eine begrenzte Öffentlichkeit, Fremdbestimmung – trotz ihres Autonomieanspruchs gegenüber dem Staat – sowie geringe Verbundenheit und Interaktivität. Vor der Liberalisierung des Zugangs zu Kommunikationstechnologien in Kuba 2008 besaßen außerdem nur wenige einen Telefonanschluss oder Email-Account. Und diejenigen, die einen besaßen, wagten nicht, ihn für Kontroversen zu nutzen. In ein kollektives Projekt einzutreten gelang daher nur über direkten Kontakt. Ein weiterer Grund für die begrenzte Öffentlichkeit war die Furcht vor möglicher Repression. Dies führte zu einem schwierigen Balanceakt für diejenigen Künstler_innen und Intellektuellen, die seit den 1990ern im Ausland auftraten und dadurch internationale berufliche Anerkennung und Geld für ihre Projekte erwarben: Zu viel Kontakt mit Kubaner_innen im Ausland konnte ebenso schädlich sein (ein Beispiel ist die Inhaftierung von Raúl Rivero 2003) wie zu wenig Kritik, die zur Stigmatisierung als „offizialistisch“ führen konnte, was den Verlust an Fördergeldern aus dem Ausland zur Folge haben kann.
Im Januar und Februar 2007 kam es zur ersten virtuellen Mobilisierung in Kuba, dem sogenannten „Email-Krieg“. Anstoß dazu gaben Fernsehsendungen, in denen drei ältere Vertreter der Bürokratie , die für die Durchsetzung von Zensur und Repressionen im Kulturbereich in den 1970ern verantwortlich waren, auftraten. Wenige Tage später zirkulierten hunderte Emails darüber, ob ihr Auftritt das Ende der in den 1990ern begonnenen Liberalisierung bedeute. Da die Kommunikation über Email-Verteiler nicht die Regel bajo techo todo, en la calle nada (zu Hause alles, auf der Straße nichts) brach, wurde sie als einigermaßen „sicher“ betrachtet. Kritische Äußerungen konnten parallel zur existierenden institutionellen Kommunikation horizontal zirkulieren, zum Beispiel zwischen Fachkolleg_innen im kulturellen Sektor, so dass es für staatliche Autoritäten schwieriger wurde, die ganze Bewegung zu unterdrücken. Das Kulturministerium schwächte die Polemik schließlich mithilfe eigener Organisation von bajo techo-Debatten ab. Zwar war der „Email-Krieg“ auf wenige Monate und auf die kulturelle Szene begrenzt, aber er führte dennoch zur Interaktion und Annäherung von Akteur_innen. Durch die Teilnahme von emigrierten Künstler_innen und Intellektuellen wurden auch die territorialen Grenzen überwunden. Klarere Positionen halfen nun potentielle Verbündete und Gegner_innen zu erkennen. In den Folgejahren entstanden viele neue Räume für bajo techo- und Online-Debatten mit Dutzenden Blogger_innen in Kuba.
Ein weiteres Beispiel für die wachsende Bedeutung der Neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (NICTs) ist eine internationale Kampagne für den Punkmusiker Gorki Águila; er war infolge einer Anklage wegen „sozialer Gefährlichkeit“ im August 2008 inhaftiert worden. Seine Freund_innen und Bandmitglieder kontaktierten alle Personen in Kuba und im Ausland, die möglicherweise helfen konnten. Über kubanische Medien in Florida nahmen kubanische Blogger_innen und Künstler_innen in Spanien und den USA die Geschichte auf, indem sie Gorki als paradigmatischen unterdrückten Künstler darstellten. Die, zuerst als chancenlos erachtete, Freilassung Gorkis nach nur fünf Tagen (siehe LN 411/412) wurde später als Zeichen größerer Flexibilität seitens der Regierung gedeutet. Die bisherige Scheu vor ausländischem Interesse wich nun der systematischen Suche nach Verbündeten im Ausland, um sich gegen mögliche staatliche Repression zu schützen. Man erstellte Blogs und Websites als sichtbare Plattformen, um Unterstützung anzuziehen und das eigene Image durch Selbstpräsentation zu kontrollieren.
Diese transnationale Dimension von NICTs ist eine Bedrohung für eine autoritäre Regierung in einem kleinen Land wie Kuba. Denn – anders als China – besitzt der Staat nicht die Fähigkeit, den Einfluss des internationalen Medienmainstreams auszugleichen. Der „Kampf um Sichtbarkeit“ ist bestimmend, da die regierungsfernen prominenten Akteur_innen in der ausländischen Öffentlichkeit dominant sind. Der Mangel an Internetwächter_innen erlaubt es untergeordneten sozialen Gruppen mehr als früher ihre Meinung zu äußern. Doch ihr Einfluss im virtuellen Raum besteht nur dann, wenn sie für ein großes Publikum sichtbar werden. Beispielhaft sind in diesem Zusammenhang die Blogger_innen Yoani Sánchez und Ernesto Hernández Busto, dessen Blog Penúltimos Días bereits früh als wichtige Quelle für alternative und vertrauenswürdige Informationen über den kubanischen Alltag galt. Busto förderte vor allem Yoani Sánchez’ Beiträge, die er stilistisch und inhaltlich für besonders gut hielt, indem er sie in seinen eigenen Blog kopierte. Auf diese Weise erlangte Sánchez immer höhere Sichtbarkeit bis in die internationalen Mainstream-Medien. Sie nutzte wiederum ihre Berühmtheit und Beziehungen, um neue Blogs zu unterstützen und bestimmten Themen und Gruppen mehr Sichtbarkeit zu verleihen.
Dagegen schuf die kubanische Regierung recht spät eigene Foren wie Cubadebate und Blogs von offiziellen Journalist_innen wie Enrique Ubieta. Sie zogen weit weniger Leser_innen an und mussten sich auf Yoanis Standpunkte beziehen, um online einen Platz zu erobern. Wenn Ubieta und Sánchez die gegenseitigen Angriffe ernst nehmen, erkennen sie sich gleichzeitig als legitime Protagonist_innen einer Debatte an. Dieser Austausch von „Schlag“ und „Gegenschlag“ ist charakteristisch für die Entstehung einer transnationalen kubanischen öffentlichen Arena.
In den letzten drei Jahren fällt außerdem auf, dass die Akteur_innen der verschiedenen kritischen Gruppen, die von der kubanischen Regierung auferlegte Dichotomie von „guten Revolutionär_innen“ und „Verräter_innen und Gewinnsüchtigen“ nicht mehr als legitim erachten. Sie entwickeln Interesse an Pluralität. Politische Dissident_innen mit Beziehungen ins Ausland gelten nicht mehr als Konterrevolutionäre, denn inzwischen unterhalten alle kritischen Gruppen Beziehungen ins Ausland.
Dennoch bestehen Ungewissheiten, Allianzen und Formen der Abgrenzung. Politische Positionen, die Wahl der Auseinandersetzungsformen, die Wahrnehmung internationalen Ruhms und Neid lasten auf den Beziehungen der Kooperation und des Wettbewerbs innerhalb des neu entstehenden Diskussionsraums. Fortwährend wird um eine Definition gerungen, wer die Legitimität besitze, die kubanische Regierung zu kritisieren.
Aber auch wenn die Konturen des neu entstehenden sozialen Raums der kritischen Auseinandersetzung undeutlich bleiben, sind klare Interaktionen zwischen den einzelnen Gruppierungen zu beobachten, die zuvor voneinander abgeschottet und unbedeutend waren. Hier vereinigen sich die Kräfte mit dem gemeinsamen Ziel, von unten zu einem sozialen und politischen Wandel in Kuba beizutragen. Hier werden Konflikte ausgetragen, Sorgen und Ansprüche formuliert und schließlich die Zukunft Kubas debattiert. Dabei ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass dieser Raum überwiegend von jungen, urbanen und gut ausgebildeten Protagonist_innen aus Havanna gebildet wird.


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Wer steht auf der Leitung?

Einen ungewöhnlich intensiven Datenverkehr haben die Web-Vermesser_innen des US-amerikanischen Unternehmens Renesys seit Anfang Januar registriert. Offenbar habe die staatliche Telekommunikationsgesellschaft ETECSA das bereits im Februar 2011 installierte Untersee-Glasfaserkabel nun endlich in Betrieb genommen, berichteten die IT-Spezialist_innen. Das deckt sich mit Informationen aus Kuba. Dort veröffentlichte die von der kommunistischen Partei verantwortete Tageszeitung Granma eine Pressemeldung von ETECSA, wonach „das Telekommunikationssystem Alba-1 seit August 2012 im Einsatz ist“. Seitdem werde über das Fieberglaskabel, welches Kuba und Venezuela verbindet und das Herzstück von Alba-1 ist, telefoniert. Zudem werde seit dem 10. Januar getestet, ob das Kabel den Qualitätsanforderungen entspreche. Die Meldung deckt sich mit den Messungen der US-Expert_innen, die allerdings ein ungewöhnliches Phänomen feststellten: Der Datenfluss sei deutlich schneller auf die Insel als umgekehrt.
Warum das so ist, darüber wird kräftig spekuliert. Die IT-Fachkräfte von Renesys vermuten auf ihrem Blog, dass die ETECSA das Kabel asymmetrisch nutze. Das könne auf eine physikalische Begrenzung hindeuten, schließlich hatte es nach der Verlegung des Kabels viele Gerüchte in Kuba gegeben, dass minderwertiges Material verlegt worden sei. Diesbezüglich wurde im Sommer 2011 gleich gegen zwei Vizeminister des Telekommunikationsministeriums ermittelt und später gegen Dutzende von Mitarbeiter_innen des Ministeriums und von ETECSA. „Den Informationen zufolge, die von Mitarbeitern der ETECSA stammen, wird gegen fünfzig bis siebzig Mitarbeiter ermittelt. Sie sollen mehrere Millionen US-Dollar beiseite geschafft haben“, so der unabhängige Journalist Iván García Quintero. Bis zu 15 Millionen US-Dollar der insgesamt angeblich rund 70 Millionen US-Dollar teuren Leitung sollen versickert sein. Dabei war das nicht nur national sondern auch international viel beachtete Projekt, welches Kuba einen Quantensprung bei der Geschwindigkeit des www-Zugangs bringen sollte, deutlich teurer als international üblich. Warum, darüber lässt sich nur spekulieren. Fest steht, dass die Inbetriebnahme der Leitung, die von Siboney, einem Fischerdorf nahe Santiago de Cuba bis ans andere Ende der Insel führt, mehr als zwanzig Monate auf Eis lag. Für die Kubaner_innen änderte sich somit nichts. Der Zugang ins Internet erfolgte wie zuvor über die kostspieligen, latent überlasteten und überaus langsamen Satellitenleitungen. Eine Studie der Internationalen Fernmeldeunion vom Sommer 2012 befand Kuba als nahezu komplett abgehängt vom World Wide Web.
Gerade drei Prozent der kubanischen Haushalte haben laut der Studie Zugang zum Internet. Den Daten zufolge, die wiederum auf offiziellen kubanischen Statistiken beruhen, befindet sich Kuba auf einem Niveau mit Ländern wie Haiti, Ruanda, Mali oder Eritrea. Besonders gravierend sei die Situation bei Breitbandverbindungen von der Insel in den Rest der Welt. Die seien de facto inexistent. Weder per Computer noch per Mobiltelefon gebe es schnelle Datenverbindungen von der Insel in die Außenwelt.
Geduld, aber auch das nötige Kleingeld ist daher gefragt, wenn man online gehen will. „Es kann schon mal ein paar Minuten dauern bis sich eine Seite aufbaut“, berichtet der private Zimmervermieter Oscar Almiñaque, der über ein altes Modem auf die Datenautobahn auffährt. E-Mails mit Fotoanhängen sind deshalb bei ihm verpönt, denn sie verstopfen die Leitung für Minuten, wenn nicht für Stunden. 64 Kilobit (KB) transportieren die in der Regel pro Sekunde, das höchste der Gefühle auf der Insel ist eine 512 KB-Leitung. „Die kostet allerdings schon 3.000 US-Dollar im Monat und das ist der Grund, weshalb die meisten Unternehmen mit einer 64 KB-Leitung arbeiten“, so erklärt ein Schweizer Touristikunternehmer, der ein Büro auf der Insel unterhält. Größere Datenpakete schicken seine Mitarbeiter_innen nur nachts und intern gilt die Order, Fotos auf ein Minimum zu komprimieren: kein Wunder angesichts eines Netzes, das in etwa so schnell ist wie jenes zur Zeit der fiependen Telefon-Modems.
Genau das kann sich Kuba aber nicht mehr leisten. In absehbarer Zeit soll ein moderner Containerhafen bei Mariel, rund vierzig Kilometer von Havanna entfernt, eingeweiht werden. „Ohne einen modernen Breitbandzugang ins Internet ist so ein Hafen gar nicht zu betreiben“, erklärt Lenardo Padura, Kubas international populärster Schriftsteller, der die gesellschaftliche Entwicklung auf der Insel sehr genau beobachtet. „Wir verlieren den Anschluss an den Rest der Welt und an viele technologische Entwicklungen“, mahnt der 57-Jährige, der anders als viele seiner Landsleute ganz legal über Internet in seinem Haus in Havannas Stadtteil Mantilla verfügt. Ohne High-Speed-Datentransfer droht Kuba auch in der Wissenschaft den Anschluss zu verlieren, so zum Beispiel im medizinisch-pharmazeutischen Bereich, wo die Insel zu den wichtigsten Forschungsnationen auf der Südhalbkugel gehört. Ein Dilemma, das man am Platz der Revolution lange den USA in die Schuhe schob, denn schließlich läuft die Telekommunikation über die Großmacht im Norden. Trotzdem hatten es die Kubaner_innen auch nicht eilig mit der Suche nach Alternativen, denn den neuen Medien stand man ebenfalls skeptisch gegenüber. Gleichwohl ist man in den letzten Jahren in die Offensive gegangen. So existiert mit EcuRed eine eigene Wikipedia Cubana, die im Dezember 2010 mit 20.000 Seiten online ging. Darin wird Kubas Welt und die Welt aus Kubas Perspektive dargestellt. Selbst Dissidenten, ansonsten meist totgeschwiegen im kubanischen Alltag, finden hier Erwähnung. Und auch ein kubanisches Facebook haben die alternden Revolutionäre um Staatschef Raúl Castro an den Start gebracht. Red Social (Soziales Netz) heißt das Pendant, welches eine Alternative bieten soll. Doch auch da hakt es am Zugang zum Netz, der das eigentliche Dilemma ist. Ohne leidlich fixe Verbindungen sind auch die Online-Alternativen vom Platz der Revolution nicht sonderlich interessant.
Ohnehin ist der Netzzugang in Kuba ausgesprochen kostspielig. Die einstündige Visite in der virtuellen Welt kostet in einem internationalen Hotel, wo die Datenleitungen meist etwas schneller sind, zwischen acht und sechzehn Peso convertible (CUC). Kubas landesweit geltende Hartwährung ist im Verhältnis 1:1 an den US-Dollar gekoppelt. Das können sich nur wengie Kubaner_innen leisten, weshalb es einen schwunghaften Handel mit Zugangscodes gibt. Angestellte von Ministerien, Krankenhäusern und anderen staatlichen Einrichtungen erwirtschaften auf diesem Weg den einen oder anderen CUC extra. Das ist schon lange Alltag in Kuba. Unabhängige Journalist_innen etwa geben rund zwanzig CUC im Monat aus, um einen leidlich stabilen und kontinuierlichen Internetzugang zu haben.
Ob das in Zukunft anders sein wird, steht in den Sternen. Zwar funktioniert das Kabel mit einer Kapazität von 320 Gigabit pro Sekunde, aber wie es genutzt werden soll, ist vollkommen unklar. Blogger_innen wie Yoani Sánchez oder Antonio Rodiles, Direktor des kritischen Internetfernsehsenders Estado de Sats glauben ohnehin nicht daran, dass es in absehbarer Zeit Highspeed-Internet für alle geben wird. Eine Einschätzung, die auch Iván García, einer der aktivsten unabhängigen Journalisten auf der Insel, teilt: „Das ist keine technische, sondern eine politische Entscheidung, und die wird am Platz der Revolution gefällt“, so García. Dessen Nachbarn wurden erst vor ein paar Tagen wieder einmal befragt nach dem großen, kräftigen Kubaner, dessen Reportagen aus der sozialen Realität der Insel unter anderem in der spanischen El Mundo, im Diario Las Americas, aber auch auf der regierungskritischen Internetplattform Diario de Cuba erscheinen.
Auch Außenminister Bruno Rodríguez hat bereits im November 2011 darauf hingewiesen, dass sich Kuba Internet für alle schlicht nicht leisten könne. Dafür könnte es auch noch einen anderen Grund geben: Seit der Handy-Revolution in Ägypten soll der Respekt in Kubas revolutionärer Führung gegenüber Twitter, Facebook und Co. merklich gestiegen sein. Die wären natürlich auch in Kuba theoretisch per Mobiltelefon nutzbar und Mobiltelefone hat mittlerweile rund die Hälfte der Bevölkerung.
Wie die Online-Zukunft der Kubaner_innen aussehen wird, scheinen auch die ETECSA-Expert_innen noch nicht zu wissen. In der Meldung von Mitte Januar in der Granma heißt es, dass zusätzliche Investitionen nötig seien und es keinen automatischen Zugang zum Netz geben werde. Aus Exilkreisen ist hingegen zu hören, dass Kuba mit chinesischer Hilfe ein modernes Rechen- und Kontrollsystem aufgebaut habe, um das zu kontrollieren, was von der Insel nach draußen geht und was aus dem Ausland reinkommt. Das soll angeblich bald seine Arbeit aufnehmen. In der virtuellen Kuba-Gemeinde wird hingegen längst darüber spekuliert, ob die einseitige Kabelauslastung nicht etwas mit diesem Kontrollzentrum zu tun habe. Hat es eventuell bereits seine Arbeit aufgenommen und ist deshalb der Ausgang von E-Mails und Daten langsamer als der Eingang? Eine These, die nicht von allen Fachmännern und -frauen geteilt wird. Zensurbestrebungen seien nur eine Möglichkeit, aber die Netzaktivitäten entsprechen nicht den andernorts üblichen Zensurmustern. Da ist es spannend wie es zukünftig weitergehen wird mit dem Kabel, das einst als Schritt in die Cyber-Ära gefeiert wurde – auch von Fidel Castro.


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Von Tango, Tingo­talango…

Eine musikalische Reise durch Lateinamerika verspricht das Buch Salsa Rica Tango Caliente im Untertitel. Der Autor Cornelius Schlicke entpuppt sich dabei als kompetenter Reiseleiter, der sprachbegabt und anekdotenreich in prominente Salons ebenso wie auf abgelegene Dorfplätze führt. Leicht lesenden Auges folgen ihm selbst musikwissenschaftlich wenig erfahrene nach, denn er hat die Materie verständlich aufbereitet. Damit auch die geographische Orientierung nicht abhanden kommt, ist jedem der zwölf Kapitel eine Landkarte Lateinamerikas vorangestellt, auf der Fähnchen die betreffenden Stationen markieren.
So beginnt und endet die Lesereise durch gut 300 großzügig bebilderte Seiten in Kuba, dessen „besonders reichhaltiger Musikkultur mit hoher Ausstrahlungskraft“ Schlicke als einzigem Land gleich zwei der zwölf Kapitel widmet. Doch nicht jedes Kapitel trägt den Namen eines – lateinamerikanischen – Landes: Außer einem Abstecher in die USA um in New York an die Wiege der Salsa zu treten, ergeben wir uns dem Panoramablick der „Andenländer“, wo Instrumente wie verschiedene Flötenarten oder die Lied- und Tanzform des Huayno Kulturen von Argentinien bis Kolumbien einen. Und wir verfolgen mit, wie das „Einig Volk“ Lateinamerikas mit der sozialkritischen canción protesta (Protestlied) im Gepäck kurzen Schrittes die nationalen Grenzen überwindet. Schlickes Anliegen ist es unterdessen, die musikalische Vielfalt der lateinamerikanischen Landschaft über Stereotype wie Salsa und Tango hinaus deutlich zu machen.
Zugleich enthebt sich der Autor schon in der Einleitung des Anspruchs auf Vollständigkeit, ja er möchte seine Leser_innen „zu eigenen Nachforschungen anspornen“. Ausdrücklich tut er dies zum Beispiel, wenn er vorschlägt mit Kopfhörern durch Brasilia zu schlendern, um sich der Faszination des Bossa Nova und den Harmonien von Oscar Niemeyers Architektur anheim zu geben. Abwechslungsreich, mitunter persönlich steigern besonders die Einstiege in die einzelnen Kapitel Wissensdurst und Leselust; durch Ausblicke oder Schlussfolgerungen jeweils am Ende, die nicht selten Bezug zum Anfang herstellen, sind Schlicke angenehm runde Kompositionen gelungen, sodass sich die Kapitel auch gut in beliebiger Reihenfolge lesen lassen. Nicht zu schweigen von den zahlreichen grenz- und genreüberschreitenden Querverbindungen, die er innerhalb und zwischen den einzelnen Kapiteln auftut.
Der Reichtum des Buches liegt darin, wie der Autor Entstehungsgeschichten und Protagonist_innen lateinamerikanischer Musikrichtungen sowie politische und soziale Zusammenhänge in Einklang bringt mit Gesangs- und Spielweisen, Rhythmen und Instrumenten. Salsa und Tango sind also lediglich zwei der prominentesten Beispiele einer Reihe von Musikstilen, die uns Schlicke handverlesen präsentiert. Können die Leser_innen anfangs noch die wohlvertraute Melodie der „Guajira Guantanamera“ mitträllern, dürften sie spätestens verstummen, wenn die Reise mit Zeitzeugenkommentaren über „Exemplare des kubanischen Instrumentenkabinetts“ wie den „Naturbass“ Tingotalango – eine an einem Strauch befestigte Saite wird durch ein Erdloch zum Schwingen gebracht – zu Ende geht. Ohne eine abschließende Zusammenfassung oder einen Ausblick des Autors. Aber mit Nachklang.

Cornelius Schlicke // Salsa Rica Tango Caliente // Eine musikalische Reise durch Lateinamerika // Parthas Verlag // Berlin 2012 // 368 Seiten // 19,90 Euro


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Jahrzehnte des Totschweigens

Der Durst nach dem duftenden Gebräu ist unstillbar -– von Washington über Madrid bis zum kaiserlichen Wien. El Salvador, das kleine Land in Mittelamerika, richtet deshalb Ende des 19. Jahrhunderts seine Wirtschaft komplett auf den Export von Kaffee aus. Einige wenige Familienclans reißen dabei 90 Prozent des Landbesitzes an sich. Den Ureinwohner_innen wird damit die Grundlage der Subsistenzwirtschaft geraubt und sie sind gezwungen, auf den Kaffeeplantagen zu schuften. Sie verarmen immer mehr, bis es schließlich zum gemeinsamen Putschversuch von tausenden indigenen Landarbeitern und der kommunistischen Partei kommt. Das Militär schlägt die Revolte nach nur drei Tagen nieder. Doch trotz des klaren Sieges will die Staatsmacht ein Exempel statuieren. So kommt es zu jenem Genozid, der später als La Matanza („die Schlächterei“) in die Historie eingeht. An den Orten des Aufstandes werden alle Männer über 18 Jahren hingerichtet, viele Frauen vergewaltigt. Ebenso werden Kinder ermordet, die das indigene Nahuat sprechen oder traditionelle Kleidung tragen. Es ist nur eines von vielen blutigen Kapiteln in der Geschichte El Salvadors.
Das Land ist etwas größer als Hessen und hat heute zirka sieben Millionen Einwohner_innen. Die Wirtschaft ist eng an die der USA gekoppelt. In die Schlagzeilen kommt El Salvador -– wenn überhaupt -– nur wegen der ausufernden Bandenkriminalität. 200.000 Salvadorianer_innen werden heute noch als Nahuat-Pipil im ethnischen Sinn eingestuft. Einer von ihnen ist Roberto Mendez. Seine Art zu sprechen verrät, dass der 22-Jährige schon einiges durchgemacht haben muss: „Schauen Sie uns an, wir sehen einfach anders aus als der Rest! Klein und dunkel, einfach anders. Nicht nur deshalb werden wir diskriminiert, sondern auch weil wir arm sind!“. Bei der letzten Volkszählung gaben weniger als 100 Personen Nahuat als Muttersprache an. Noch gibt es die Alten in den entlegenen Gemeinden, die sich trotz des jahrzehntelangen Verbotes an die Worte von früher erinnern. Doch nach und nach sterben sie. Ihre Kinder, Enkel_innen und Urenkel_innen beherrschen meist nur ein paar Phrasen auf Nahuat, Roberto ist hier keine Ausnahme. Setzt sich der Trend fort, wäre El Salvador nach Uruguay das zweite Land auf dem amerikanischen Festland, in dem keine indigene Sprache mehr gesprochen wird.
Seit der Jahrtausendwende gibt es deshalb Schul- und Kindergartenprojekte zur Erhaltung der Nahuat-Pipil-Kultur. Jorge Willer Patriz ist der Bürgermeister von Nahuizalco, einem verschlafenen Städtchen mit einem hohen Anteil an indigener Bevölkerung: „Seit einigen Jahren gibt es Festivals, Wochenend-Sprachkurse und ein Nahuat-Pipil-Museum. Wir als Gemeinde unterstützen das so gut es geht“. Man glaubt es dem gelernten Mediziner, er freut sich sichtlich darüber mit einem Reporter aus Österreich über das Thema zu sprechen: „Ich habe an einer privaten Universität studiert. Wenn früher jemand Indio zu mir gesagt hat, hat mich das sehr gestört. Heute bin ich stolz auf meine indigenen Wurzeln. Deshalb ist es mir auch ein Anliegen, dass unsere Jugendlichen lernen, wo wir herkommen. Denn auch heute noch schämen sich viele dafür – besonders wo doch so viele Moden aus den USA zu uns kommen. Sie sollen wissen, dass die Pipiles Praktiken pflegen, die sich vom Rest unterscheiden und dass man genau das respektieren muss.“ Neben Glaube, Sprache, Kleidung und Kunsthandwerk ist auch das traditionelle Essen ein wichtiges Element, das es zu erhalten gilt. Darüber hinaus die Naturheilkunde und rituelle Maskentänze, die -– wie so oft auf dem amerikanischen Kontinent -– aus einer Verschmelzung von katholischen und indigenen Praktiken entstanden sind.
Auch nach den Schrecken des Bürgerkrieges in den 80er und 90er Jahren kommt der geschundene Kleinstaat nicht zur Ruhe.
Wegen der maras, extrem gewalttätigen Jugendbanden, die ganze Landstriche in Geiselhaft halten, ist El Salvador heute eines der gefährlichsten Länder der Welt. Könnte die hohe Gewaltbereitschaft ein Resultat davon sein, dass man einer ganzen Gesellschaft die Wurzeln genommen hat? „Viele Menschen hier bei uns tun sich schwer damit, sich einzugliedern und sich zu orientieren. Die cosmovisión indígena (die indigene Weltsicht, Anm.) spricht ja davon, in Harmonie und Respekt mit allem Leben zu sein -– also genau das Gegenteil von dem, was wir hier jeden Tag erleben müssen“, antwortet Flor Elena López nachdenklich auf diese Hypothese. Die quirlige Frau Mitte 20 engagiert sich für ACISAM, einer Organisation, die einst zur Betreuung von Bürgerkriegsopfern gegründet wurde. Heute ist die Erhaltung der Nahuat-Pipil-Kultur im Fokus. „Die Jahrzehnte des Totschweigens des Massakers von 1932 wurden mit unserem Kulturstammtisch endlich gebrochen. Die Leute interessieren sich wieder mehr für die Geschichte. Und die indigenen Aktivisten und Aktivistinnen vernetzen sich immer mehr!“, freut sich Flor Elena López.
Viele Nahuat-Pipil erzählen unterdessen von der alltäglichen Herabsetzung. So auch Doña Wilma, aus einem Dörfchen im Nordwesten des Landes, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Sie spricht langsam, scheint jedes Wort abzuwägen: „Ich finde eigentlich nicht, dass sich das verbessert hat. Wir sind immer noch arm und das ist die schlimmste Form der Diskriminierung. Das was mein Mann verdient, brauchen wir für den täglichen Einkauf. Sonst bleibt nichts übrig. Und das geht nicht nur mir so -– als Armer ist man immer unten durch!“. Die Gesellschaft in Mittelamerika ist nach wie vor tief im Klassendenken verankert, die Indigenen sind in der Regel ganz unten. Die Mitte-Links-Regierung in der Hauptstadt San Salvador hat die Rechte der Nahuat-Pipil inzwischen anerkannt. Auf finanzielle Unterstützung hofft man hingegen vergeblich. Deshalb werden die Nahuat-Initiativen von entwicklungspolitischen Organisationen finanziell gefördert. So sollen die Aufarbeitung der Geschichte und das Bewusstsein für das Thema gestärkt werden.
Die oppositionelle Alianza Republicana Nacionalista gedenkt hingegen auch heute noch des „Retters des Vaterlandes“, Maximiliano Hernández Martínez. Der General war 1932 maßgeblich für La Matanza verantwortlich. So zynisch es klingen mag: Die Großgrundbesitzer haben ganze Arbeit geleistet, alles Indigene in El Salvador zu vernichten. Ganz ist es ihnen zum Glück nicht gelungen. Auch viele Ortsnamen zeugen mit ihren zungenbrecherischen Namen noch heute von den Ursprüngen. Jetzt gilt es zu verhindern, dass die Schilder am Eingang von „Ahuachapán“, „Chalchuapa“ oder „Texistepeque“ zu den letzten Überbleibseln einer uralten Kultur werden. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit.


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Ja zum „Nein“

Am 5. Oktober 1988 stand das chilenische Volk vor der Wahl: „Ja“ oder „Nein“ zu weiteren acht Jahren Augusto Pinochet. Doch kaum jemand glaubte damals daran, dass das Referendum tatsächlich etwas an der Realität der Militärdiktatur ändern könnte. Dennoch gewann der gängigen Meinung zum Trotz das „Nein“.
Wer sich den Film No ansehen will, der weiß also mit der historischen Distanz von knapp 25 Jahren, wie die Abstimmung ausgehen wird. Deshalb zieht der Film des Regisseurs Pablo Larraín seine Spannung auch nicht aus dem Ausgang, sondern aus dem Wettstreit der Werber_innen. Was Barack Obama für seinen Wahlkampf 2008 in den USA mit seinem „Yes, we can“ genutzt hat, das haben Ende der achtziger Jahren auch schon die Befürworter_innen des „No“ in Chile gekonnt: Die Hoffnung eines ganzen Volkes auf einen politischen Wandel zu aktivieren. Doch in Chile musste dazu erst einmal die Angst bezwungen werden, so die Botschaft des Films.
René Saavedra, gespielt von Gael García Bernal, produziert eigentlich Werbefilme für Konsumgüter wie Erfrischungsgetränke und Mikrowellenherde. Doch dann wird er von den „Nein“-Unterstützer_innen gebeten, die Werbekampagne für sie zu übernehmen. Er soll das Volk nicht nur dazu bewegen, gegen Pinochet zu stimmen, sondern überhaupt erst zur Wahlurne zu gehen. Der im Exil aufgewachsene Sohn eines chilenischen Sozialisten hat aber mit Politik nicht viel am Hut. Das kleine Glück hat er in Karriere und Familie gefunden. Sie sind ihm wichtiger als das Schicksal des Landes. So wie er haben sich viele Chilen_innen durch die Flucht ins Private mit der Diktatur arrangiert.
Und dennoch: Trotz aller Drohungen und realen Gefahren für sich und seine Angehörigen nimmt Saavedra schließlich doch die Herausforderung an, mit den Waffen der PR-Branche gegen den Machtapparat anzutreten. Kaum jemand glaubt an seinen Erfolg. Am wenigsten die „No“-Aktivist_innen selbst, die in der Abstimmung – nicht ganz unbegründet – eine Farce zur Machtlegitimation des Systems Pinochet sehen. Doch Saavedra lässt sich nicht beirren. Einen Monat lang hat er täglich 15 Minuten im nationalen Fernsehen zur Verfügung, um das Volk vom „Nein“ zu überzeugen.
Während die politischen Oppositionellen dabei vor allem die Gräueltaten Pinochets thematisieren wollen, stellt sich Saavedra gegen sie. „Wenn wir das tun, verbreiten wir nur noch mehr Angst. Und dann gewinnen sie.“ Kurzerhand krempelt er seinen Fernsehspot für „Free-Cola“ zu einer Befreiungshymne für Chile um. Aller Skepsis zum Trotz trifft er damit den Nerv der Bevölkerung. Sein Jingle, „Chile, la alegría ya viene“, („Chile, die Freude kommt bald“) schafft das Undenkbare. Mit einer simplen Melodie wird Pinochet abgesetzt.
„Das Thema ist zwar sehr kontextbezogen, aber dennoch universell. Es geht um Menschen und ihre Beziehung zu Politik, um Demokratieverständnis und die Rolle des Fernsehens“, erzählte Hauptdarsteller Gael García Bernal während des Filmfestivals im Schweizerischen Locarno, bei dem vor allem der mitunter schräge Humor des Spielfilms große Begeisterung im Publikum ausgelöst hat – auch wenn die buchstäblich schlechte Qualität für einige Diskussion gesorgt hat. Denn Regisseur Pablo Larraín hat in seinem Film nicht nur thematisch, sondern auch stilistisch ein interessantes Experiment gewagt: Um Originalaufnahmen aus den achtziger Jahren ohne sichtbare Unterschiede in seinen Film einbauen zu können, wählte er das Videoformat U-Matik, das damals im Fernsehen verwendet wurde. Was am Anfang irritiert, bewirkt schon nach wenigen Minuten, dass man sich in die damalige Zeit zurückversetzt fühlt. Die bewusste Entscheidung gegen digital perfektionierte Bilder lässt die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentarfilm verschwimmen.
„Vor diesem Film wusste ich nicht, welche Rolle das Fernsehen bei der Abwahl Pinochets gespielt hat“, so Bernal bei einem Pressegespräch in Locarno. „Pinochet hätte sich wahrscheinlich nicht träumen lassen, dass er mal mit den Waffen des Neoliberalismus geschlagen wird, den er selbst installiert hat.“ Die Abstimmung, bei der sich Pinochet eigentlich von vornherein als Sieger gesehen hatte, war dann der Anfang vom Ende seiner Diktatur. 1990 kehrte die Demokratie nach Chile zurück.
Doch ganz so simpel, wie es der Film erzählt, ist die Geschichte in Wirklichkeit nicht. Es war mehr nötig, als eine ohrwurmtaugliche Melodie, um Pinochet abzusetzen. So meldeten sich recht bald die ersten kritischen Stimmen: „Zu glauben Pinochet habe das Plebiszit wegen eines TV-Werbestreifens verloren, zeigt, dass nichts von dem verstanden wurde, was wirklich geschehen ist“, kritisierte Francisco Vidal, der Minister der Regierungen Ricardo Lagos (2000-2006) und Michelle Bachelet (2006-2010) war.
Menschenrechtsgruppen formulierten diese Kritik noch weitaus akzentuierter: Der Film No verkürze alles auf die vermeintliche Bedeutung eines PR-Slogans und unterschlage den langjährigen Kampf gegen die Diktatur, empörte sich Félix Madariaga von der renommierten Menschenrechtsorganisation Codepu. „Meint Herr Larraín, wir waren alle blöd und wussten nicht, was in Chile geschah?“ Der Film zeige „ein paar Typen, die sich zusammenfinden und Werbung machen – und die sozialen Bewegungen werden mit keinem Wort erwähnt“. Der Erfolg des „Nein“ sei vielmehr die jahrelange Schlacht einer Bevölkerung gewesen, „die Nein zur Diktatur, Nein zu Pinochet gesagt hat“, so Madariaga. „Zu meinen, der Erfolg des NEIN sei einer Gruppe von Politikern und Werbeleuten zuzuschreiben, das ist eine Lüge“.
Madariaga wies auch darauf hin, dass dem Regisseur persönlich eine klarere Positionierung gut gestanden hätte. Denn der Name Larraín ist in Chile durchaus nicht unbekannt. Die Familie Larraín zählt zu den reichsten und einflussreichsten Familien des Landes. Pablo Larraíns Vater, Hernán Larraín, ist stramm rechter Senator, seine Mutter, Magdalena Matthe, war Ministerin und musste wegen einer 17-Millionen-Dollar-Zahlung an eine Firma zurücktreten. „Obwohl wir niemanden wegen seiner Herkunft verurteilen sollten, so gibt es doch eine zu tragende Last, derer man sich nur durch Taten entledigen kann. Und da liegt [für Pablo Larraín] noch ein Stück Weg vor ihm“, so der Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Codepu.
Dennoch, der Film zeigt, dass manchmal auch Weniges ausreichen kann, um eine Revolution von innen anzustoßen. Nicht mit Waffengewalt, sondern mit dem Mut der Bevölkerung, für den Wandel abzustimmen, wurde der Lauf der Geschichte verändert.

No // Pablo Larraín (Regie) // Chile 2012 // 118 Min. // ab 7. März in den Kinos


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