Ja zum „Nein“

Am 5. Oktober 1988 stand das chilenische Volk vor der Wahl: „Ja“ oder „Nein“ zu weiteren acht Jahren Augusto Pinochet. Doch kaum jemand glaubte damals daran, dass das Referendum tatsächlich etwas an der Realität der Militärdiktatur ändern könnte. Dennoch gewann der gängigen Meinung zum Trotz das „Nein“.
Wer sich den Film No ansehen will, der weiß also mit der historischen Distanz von knapp 25 Jahren, wie die Abstimmung ausgehen wird. Deshalb zieht der Film des Regisseurs Pablo Larraín seine Spannung auch nicht aus dem Ausgang, sondern aus dem Wettstreit der Werber_innen. Was Barack Obama für seinen Wahlkampf 2008 in den USA mit seinem „Yes, we can“ genutzt hat, das haben Ende der achtziger Jahren auch schon die Befürworter_innen des „No“ in Chile gekonnt: Die Hoffnung eines ganzen Volkes auf einen politischen Wandel zu aktivieren. Doch in Chile musste dazu erst einmal die Angst bezwungen werden, so die Botschaft des Films.
René Saavedra, gespielt von Gael García Bernal, produziert eigentlich Werbefilme für Konsumgüter wie Erfrischungsgetränke und Mikrowellenherde. Doch dann wird er von den „Nein“-Unterstützer_innen gebeten, die Werbekampagne für sie zu übernehmen. Er soll das Volk nicht nur dazu bewegen, gegen Pinochet zu stimmen, sondern überhaupt erst zur Wahlurne zu gehen. Der im Exil aufgewachsene Sohn eines chilenischen Sozialisten hat aber mit Politik nicht viel am Hut. Das kleine Glück hat er in Karriere und Familie gefunden. Sie sind ihm wichtiger als das Schicksal des Landes. So wie er haben sich viele Chilen_innen durch die Flucht ins Private mit der Diktatur arrangiert.
Und dennoch: Trotz aller Drohungen und realen Gefahren für sich und seine Angehörigen nimmt Saavedra schließlich doch die Herausforderung an, mit den Waffen der PR-Branche gegen den Machtapparat anzutreten. Kaum jemand glaubt an seinen Erfolg. Am wenigsten die „No“-Aktivist_innen selbst, die in der Abstimmung – nicht ganz unbegründet – eine Farce zur Machtlegitimation des Systems Pinochet sehen. Doch Saavedra lässt sich nicht beirren. Einen Monat lang hat er täglich 15 Minuten im nationalen Fernsehen zur Verfügung, um das Volk vom „Nein“ zu überzeugen.
Während die politischen Oppositionellen dabei vor allem die Gräueltaten Pinochets thematisieren wollen, stellt sich Saavedra gegen sie. „Wenn wir das tun, verbreiten wir nur noch mehr Angst. Und dann gewinnen sie.“ Kurzerhand krempelt er seinen Fernsehspot für „Free-Cola“ zu einer Befreiungshymne für Chile um. Aller Skepsis zum Trotz trifft er damit den Nerv der Bevölkerung. Sein Jingle, „Chile, la alegría ya viene“, („Chile, die Freude kommt bald“) schafft das Undenkbare. Mit einer simplen Melodie wird Pinochet abgesetzt.
„Das Thema ist zwar sehr kontextbezogen, aber dennoch universell. Es geht um Menschen und ihre Beziehung zu Politik, um Demokratieverständnis und die Rolle des Fernsehens“, erzählte Hauptdarsteller Gael García Bernal während des Filmfestivals im Schweizerischen Locarno, bei dem vor allem der mitunter schräge Humor des Spielfilms große Begeisterung im Publikum ausgelöst hat – auch wenn die buchstäblich schlechte Qualität für einige Diskussion gesorgt hat. Denn Regisseur Pablo Larraín hat in seinem Film nicht nur thematisch, sondern auch stilistisch ein interessantes Experiment gewagt: Um Originalaufnahmen aus den achtziger Jahren ohne sichtbare Unterschiede in seinen Film einbauen zu können, wählte er das Videoformat U-Matik, das damals im Fernsehen verwendet wurde. Was am Anfang irritiert, bewirkt schon nach wenigen Minuten, dass man sich in die damalige Zeit zurückversetzt fühlt. Die bewusste Entscheidung gegen digital perfektionierte Bilder lässt die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentarfilm verschwimmen.
„Vor diesem Film wusste ich nicht, welche Rolle das Fernsehen bei der Abwahl Pinochets gespielt hat“, so Bernal bei einem Pressegespräch in Locarno. „Pinochet hätte sich wahrscheinlich nicht träumen lassen, dass er mal mit den Waffen des Neoliberalismus geschlagen wird, den er selbst installiert hat.“ Die Abstimmung, bei der sich Pinochet eigentlich von vornherein als Sieger gesehen hatte, war dann der Anfang vom Ende seiner Diktatur. 1990 kehrte die Demokratie nach Chile zurück.
Doch ganz so simpel, wie es der Film erzählt, ist die Geschichte in Wirklichkeit nicht. Es war mehr nötig, als eine ohrwurmtaugliche Melodie, um Pinochet abzusetzen. So meldeten sich recht bald die ersten kritischen Stimmen: „Zu glauben Pinochet habe das Plebiszit wegen eines TV-Werbestreifens verloren, zeigt, dass nichts von dem verstanden wurde, was wirklich geschehen ist“, kritisierte Francisco Vidal, der Minister der Regierungen Ricardo Lagos (2000-2006) und Michelle Bachelet (2006-2010) war.
Menschenrechtsgruppen formulierten diese Kritik noch weitaus akzentuierter: Der Film No verkürze alles auf die vermeintliche Bedeutung eines PR-Slogans und unterschlage den langjährigen Kampf gegen die Diktatur, empörte sich Félix Madariaga von der renommierten Menschenrechtsorganisation Codepu. „Meint Herr Larraín, wir waren alle blöd und wussten nicht, was in Chile geschah?“ Der Film zeige „ein paar Typen, die sich zusammenfinden und Werbung machen – und die sozialen Bewegungen werden mit keinem Wort erwähnt“. Der Erfolg des „Nein“ sei vielmehr die jahrelange Schlacht einer Bevölkerung gewesen, „die Nein zur Diktatur, Nein zu Pinochet gesagt hat“, so Madariaga. „Zu meinen, der Erfolg des NEIN sei einer Gruppe von Politikern und Werbeleuten zuzuschreiben, das ist eine Lüge“.
Madariaga wies auch darauf hin, dass dem Regisseur persönlich eine klarere Positionierung gut gestanden hätte. Denn der Name Larraín ist in Chile durchaus nicht unbekannt. Die Familie Larraín zählt zu den reichsten und einflussreichsten Familien des Landes. Pablo Larraíns Vater, Hernán Larraín, ist stramm rechter Senator, seine Mutter, Magdalena Matthe, war Ministerin und musste wegen einer 17-Millionen-Dollar-Zahlung an eine Firma zurücktreten. „Obwohl wir niemanden wegen seiner Herkunft verurteilen sollten, so gibt es doch eine zu tragende Last, derer man sich nur durch Taten entledigen kann. Und da liegt [für Pablo Larraín] noch ein Stück Weg vor ihm“, so der Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Codepu.
Dennoch, der Film zeigt, dass manchmal auch Weniges ausreichen kann, um eine Revolution von innen anzustoßen. Nicht mit Waffengewalt, sondern mit dem Mut der Bevölkerung, für den Wandel abzustimmen, wurde der Lauf der Geschichte verändert.

No // Pablo Larraín (Regie) // Chile 2012 // 118 Min. // ab 7. März in den Kinos


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Te recordamos, Víctor

„Te Recuerdo, Amanda“ („Ich erinnere mich an dich, Amanda“) ist vielleicht das bekannteste Lied des nur wenige Tage nach dem Militärputsch 1973 getöteten Sängers Víctor Jara (siehe Chile Nachrichten 12, Seite 10-15, Jahrgang 1 der LN). Im Januar 2013 stand Amanda Jara, seine Tochter, an dem Ort, an dem ihr Vater gefoltert und ermordet wurde und erinnerte sich an Víctor. Wie unzählige Male zuvor in den letzten Jahrzehnten, forderte sie Gerechtigkeit, eine Verurteilung der Mörder ihres Vaters. „Wir fordern vom Obersten Gerichtshof, die USA um Auslieferung von Pedro Barrientos zu ersuchen“, sprach sie in die Mikrophone der zahlreich erschienenen Journalist_innen.
Der Leutnant im Ruhestand Pedro Barrientos lebt seit Anfang der neunziger Jahre in den USA. Seinen Lebensunterhalt verdient er inzwischen mit dem An- und Verkauf von Fahrzeugen, die über die Freihandelszone von Iquique in Nordchile verschifft werden. Barrientos hat Víctor Jara, nach mehreren Tagen grausamer Folter, im Keller der Veranstaltungshalle Estadio Chile erschossen. Das zumindest hat José Paredes dem Journalisten Luis Narváez vor laufender Kamara erzählt. Paredes war als 18-jähriger Wehrpflichtiger im Estadio Chile eingesetzt und war nach eigenen Angaben dort als Leibwächter von Barrientos tätig. Narváez überraschte Barrientos daraufhin im vergangenen September mit einem Fernsehteam vor seinem Haus in Deltona, Florida und befragte ihn. „Ich war nie im Estadio Chile“, sagte Barrientos, „ich habe Víctor Jara nicht umgebracht“. An einen Leibwächter namens Paredes könne er sich nicht erinnern. Doch recht überzeugend wirkte sein Dementi nicht.
Sonderrichter Miguel Plaza, der dem Berufungsgericht von Santiago angehört, schloss sich jedenfalls der Darstellung von José Paredes an. Ende Dezember letzten Jahres hat Plaza die Ermittlungen im Mordfall Víctor Jara abgeschlossen und Anklage gegen acht ehemalige Militärs erhoben. Pedro Barrientos und der Oberst im Ruhestand Hugo Sánchez Marmonti wurden als Täter des Mordes an Víctor Jara angeklagt, sechs weitere Personen als Komplizen. Gegen alle acht wurde Haftbefehl erlassen.
Die Anklageschrift von Richter Plaza dokumentiert die letzten Tage des damals bereits weit über Chile hinaus bekannten Sängers und Mitgliedes der Kommunistischen Partei Chiles. Am Nachmittag des 11. September 1973 belagerten Einheiten verschiedener Militärregimenter die Technische Universität des Staates, die heutige Universidad de Santiago. Deren Mitarbeiter_innen und Studierendenschaft waren als Unterstützer_innen der Unidad Popular Regierung von Salvador Allende bekannt. 600 von ihnen hatten sich in der Universität verbarrikadiert und waren entschlossen, Widerstand zu leisten. Über Waffen verfügten sie jedoch kaum. Am darauffolgenden Morgen stürmten Militäreinheiten nach kurzem Beschuss der Universität den Campus und nahmen alle fest. Unter den Verhafteten befand sich auch Víctor Jara, der als Lehrbeauftragter an der Universität arbeitete. Mit Bussen wurden die Gefangenen in das nahegelegene Estadio Chile transportiert, wo im Laufe der nächsten Tage über 5000 Gefangene zusammengepfercht wurden. In den Kellerräumen des Stadions wurden die Gefangenen verhört und gefoltert. Als einer der prominenten Gefangenen wurde Víctor Jara vom Rest der Gefangenen getrennt und nach besonders brutaler Folter am 16. September mit Gewehrschüssen ermordet. Sein Leichnam wurde am Tag darauf auf einer Brache neben einem Friedhof aufgefunden. Er wies 44 Schusswunden auf.
Die Interviews mit dem Wehrpflichtigen José Paredes und dem Offizier Pedro Barrientos wurden im Mai 2012 im chilenischen Fernsehen ausgestrahlt und fanden nicht nur in Chile große Beachtung. Viele internationale Medien nahmen sich des Themas an, eine Tatsache die möglicherweise beschleunigend auf die Anklageerhebung durch die chilenische Justiz gewirkt haben könnte. Denn Víctor Jara war der wohl bedeutendste künstlerische Vertreter der Unidad Popular und wurde nach seinem Tod im In- und Ausland als Märtyrer verehrt. Seine Lieder wurden auf jeder Veranstaltung der Chile-Solidaritätsbewegung gesungen und von Größen des politischen Liedes wie Silvio Rodríguez, Mercedes Sosa oder Joan Manuel Serrat interpretiert.
Nicht allen Opfern der chilenischen Militärdiktatur wird die gleiche Aufmerksamkeit zuteil wie Víctor Jara. Die strafrechtliche Aufarbeitung des Großteils der Morde staatlicher Repressionsorgane aus den Jahren 1973 bis 1990 ist bis heute nicht abgeschlossen. Letztes Jahr vom Observatorium für Menschenrechte der Universität Diego Portales veröffentlichte Zahlen belegen dies. Fast vier Jahrzehnte nach dem Putsch ist erst bezüglich 305 ermordeter Personen ein Urteilsspruch ergangen. Bei einer Zahl von 3.216 offiziell von der Regierung anerkannten Todesopfern bedeutet das eine Aufklärungsrate von weniger als zehn Prozent. In 65 Prozent der Fälle ist das Gerichtsverfahren noch nicht abgeschlossen. Bei einem Viertel der Opfer wurde nie ein Verfahren eröffnet.
Gleichzeitig gab es bei den wenigen bisher ergangenen Gerichtsurteilen eine Reihe von Freisprüchen, vor allem jedoch zur Bewährung ausgesetzte Strafen, so dass nur 62 Verurteilte zum Berichtszeitpunkt in Gefängnissen saßen. In der Mehrzahl der Fälle handelt es sich dabei nicht um gewöhnliche Gefängnisse, sondern um besondere Militärgefängnisse, bei denen Militärs von Militärs bewacht werden und die Gefangenen weitaus bessere Haftbedingungen genießen als gewöhnliche Häftlinge in Chile.
Fast 23 Jahre sind seit dem Amtsantritt von Patricio Aylwin vergangen. Der erste gewählte Präsident nach der Diktatur hatte am Ende seines ersten Regierungsjahres 1990 verkündet, er wolle „voranschreiten in der unausweichlichen Aufgabe, die Wahrheit zu finden und Gerechtigkeit zu schaffen“. Jedoch hatte er sogleich den einschränkenden Nebensatz angefügt: „en la medida de lo posible“, im Rahmen des Möglichen. Anstrengungen des chilenischen Staates im puncto Wahrheitsfindung sind seitdem auch weitgehend unumstritten: Der 1991 vorgelegte Bericht der Wahrheitskommission (Comisión Rettig) über die von der Diktatur begangenen Morde und der 2004 veröffentlichte Bericht über die von staatlichen Stellen systematisch durchgeführten Folterhandlungen (Comisión Valech) fanden Anerkennung im In- und Ausland. Der Rahmen des Möglichen im Bereich der Benennung von Verantwortlichen für diese Verbrechen und ihrer Sanktionierung wurde jedoch seitdem stark von Ex-Diktator Pinochet und seinen Anhänger_innen in Politik, Militär und Justiz eingeengt.
Während die Festnahme von Augusto Pinochet im Jahr 1998 bei vielen Opfer- und Angehörigenorganisationen Hoffnung auf eine schnelle und umfassende Aufarbeitung der Verbrechen der Diktatur auslöste, ist diese inzwischen einer Verzweiflung und Resignation gewichen.
Nach der Festsetzung des Ex-Diktators in London hatten Angehörige hunderte von Strafanzeigen gegen Pinochet und Mitglieder seiner Repressionsorgane eingereicht. Sonderrichter wurden ernannt, die ihre Arbeitszeit ausschließlich diesen Menschenrechtsfällen widmeten. Die Anwendung des von der Diktatur geschaffenen Amnestiegesetzes wich in vielen Fällen einer Einstufung der Taten als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die weder verjähren noch amnistiert werden können. Die anfängliche hoffnungsvolle Haltung wich jedoch bald wieder der Ernüchterung des faktischen „im Rahmen des Möglichen“. Die Arbeitslast hunderter komplexer Fälle war für einige wenige Sonderrichter nicht zu bewältigen. Viele von ihnen dürfen sich inzwischen auch nicht mehr ausschließlich mit Menschenrechtsfällen beschäftigen. In vielen wichtigen Verfahren wie beispielsweise dem Mord an Ex-Präsident Eduardo Frei Montalva, den Fällen Villa Grimaldi, Conferencia, dem Fall der 119 und in dem wichtigen Verfahren um die Deutschen-Siedlung Colonia Dignidad sind bis heute keine Gerichtsurteile ergangen.
In den letzten Jahren hat sich in der Strafkammer des Obersten Gerichts zudem teilweise die Rechtsauffassung der „halben oder graduellen Verjährung“ durchgesetzt. Diese erlaubt trotz Einstufung der jeweiligen Tat als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eine Reduzierung der Strafe wegen des lange zurückliegenden Tatzeitpunkts. Dies bedeutet, dass immer mehr Verurteilte in den Genuss einer Bewährungsstrafe ohne Haftantritt kommen. Diese Tendenz wird sich wohl im letzten Jahr der Rechtsregierung von Sebastian Piñera durch einen besonderen Umstand noch verstärken. Da sechs der 21 Mitglieder des Obersten Gerichts die Altersgrenze von 75 Jahren erreicht haben, darf die Regierung dem Parlament Vorschläge für die Neubesetzung der Vakanzen machen. Eine Besetzung mit konservativen Richter_innen, die gerne strafsenkende Argumente bemühen, ist wahrscheinlich bzw. teilweise schon geschehen.
Derweil hält der Schweigepakt in Militär und Polizei. Diese haben bei der Aufklärung der von Mitgliedern ihrer Institutionen begangenen Verbrechen bisher keinen nennenswerten Beitrag geleistet. Die wenigen Ermittlungsfortschritte der Justiz der letzten Jahre war Aussagen von ehemals einfachen Wehrpflichtigen wie José Paredes geschuldet. Dieser wurde nach seinen Presseäußerungen bis zu einer richterlichen Vernehmung inhaftiert. Diese aus juristischer Sicht nachvollziehbare Maßnahme wird dadurch ad absurdum geführt, dass höherrangige Offiziere, wenn überhaupt, meist nur wenige Tage in Untersuchungshaft verbringen, bis sie gegen Kaution wieder auf freien Fuß gelangen. Der eventuell vorhandene Aussagewille von einfachen Wehrpflichtigen gegenüber ihren ehemaligen Vorgesetzten wird durch solche Handlungen nicht befördert, eher wird der Schweigepakt gestärkt.
Derweil begünstigt der Zeitablauf die Straflosigkeit: Täter_innen versterben oder werden haftunfähig. Die Opferangehörigenorganisationen altern und verlieren an Einfluss. Viele Angehörige versterben mit einem Gefühl der Ohnmacht ohne die Todesumstände oder die Namen der Mörder_innen ihrer Familienmitglieder zu kennen. Neue institutionalisierte Akteure haben in den letzten Jahren an Protagonismus gewonnen, beispielsweise das Nationale Menschenrechtsinstitut, für das das Thema der Aufarbeitung der Diktatur nur noch eines unter mehreren ist.
Die Aufklärung und Ahndung des Mordes an Víctor Jara ist durch die Anklageerhebung einen Schritt vorangekommen: Sechs der acht Angeklagten wurden bislang – zumindest zeitweilig – in Untersuchungshaft genommen. Ein weiterer ist aus gesundheitlichen Gründen haftunfähig. Auch hat Richter Miguel Plaza die Auslieferung von Oberst Barrientos beantragt.
Die Umbenennung des Estadio Chile vor einigen Jahren in Estadio Víctor Jara zeigt, dass die Erinnerung an den Sänger und Aktivisten lebendig ist. Ob jedoch Oberst Barrientos oder einer seiner Mitangeklagten jemals für diesen brutalen Mord eine Haftstrafe antreten muss, darf als äußerst ungewiss gelten.


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Umbruch, Übergang und Wandel

Eigentlich eine gute Nachricht: Auf der diesjährigen Berlinale gibt es so viele Weltpremieren von lateinamerikanischen Filmen wie selten. Da die Rezensionen der Filme jedoch erst nach der Weltpremiere erscheinen können, wurde der diesjährige Berlinale-Schwerpunkt der LN leider kürzer als sonst.
Umbruch, Übergang und Wandel lautet das Motto in der Festival-Sektion Forum 2013, das sich sowohl auf die Gesellschaft als auch auf das Individuum bezieht. Hier ist zum Beispiel die Weltpremiere Matar extraños (Mexiko/Dänemark) von Jacob Secher Schulsinger und Nicolás Pereda zu sehen. Am Beispiel der mexikanischen Revolution will dieser Film die Inszeniertheit jeder filmischen Geschichtserzählung deutlich machen. Ebenfalls eine Weltpremiere ist La Paz (Argentinien) von Santiago Loza. Der Streifen handelt von einem jungen Mann, der nach der Entlassung aus der Psychatrie und der Rückkehr ins Elternhaus versucht, sich wieder in den Alltag einzuleben. Beinah erstickt von der Liebe seiner Mutter, sucht er Halt bei seiner Großmutter und der bolivianischen Haushälterin. Für Kunstliebhaber dürfte Hélio Oiticica (Brasilien) von Cesar Oiticica Filho ein besonderer Leckerbissen sein. Aus Archivmaterial, Tonspuren und Musik stellt der Neffe des 1980 verstorbenen brasilianischen Künstlers Hélio Oiticica eine beeindruckende visuelle Collage zusammen.
Im Wettbewerb wird 2013 nur eine Koproduktion aus Lateinamerika gezeigt: Gloria (Chile/Spanien) unter der Regie von Sebastián Lelio (La Sagrada Familia, Navidad, El año del tigre) mit Paulina García und Sergio Hernández. In dem Film geht es um die 52-jährige Gloria und ihre Suche nach Liebe und Zärtlichkeit im Alter.
„Wir-Gefühle in der Ich-Gesellschaft“ präsentiert die Kinder- und Jugendfilmsektion Generation. In Princesas Rojas (Costa Rica/Venezuela) von Laura Astorga Carrera flüchten Claudia und ihre Schwester mit den Eltern, sandinistischen Aktivist_innen, vor den Unruhen in Nicaragua ins benachbarte Costa Rica. Immer unterwegs, führen die Mädchen ein unbeständiges Leben. Und ihre Familie kommt nicht zur Ruhe. In AninA (Uruguay/Kolumbien) von Alfredo Soderguit erhält ein Mädchen als Strafe für eine Pausenhofrangelei einen mysteriösen Brief. Der Animationsfilm erzählt in reicher Bildsprache von Freundschaften, Kinderängsten und ersten leisen Liebesgefühlen. La Eterna Noche de las Doce Lunas (Kolumbien) von Priscila Padilla Farfan widmet sich der indigenen Gemeinschaft der Wayuu, wo Mädchen vor der Pubertät für zwölf Monde abgeschottet werden. In dokumentarischer Qualität erzählt der Film, wie sich die junge Pili auf ihre Rolle als Frau vorbereitet.
Die Sektion Panorama spannt in diesem Jahr einen weiten Bogen: Deshora (Argentinien/Kolumbien/Norwegen) von Barbara Sarasola-Day erzählt die Geschichte von Ernesto und Helena, die fernab der Großstadt im Gebirgsdschungel des Nordwestens von Argentinien wohnen. Ihre Ehe wird erst mit der Ankunft von Helenas Cousin Joaquín belebt, der nach einem Drogenentzug von seiner Mutter zu ihnen geschickt wird. Ebenfalls eine Weltpremiere ist Workers (Mexiko/Deutschland) von José Luis Valle González. Der Film zeigt auf durchaus humorvolle Weise die Ungerechtigkeiten, denen Arbeiter_innen in Mexiko ausgesetzt sind. Zwei von ihnen finden einen Ausweg: Rafael, der seit 30 Jahren in einer Glühbirnenfabrik putzt, und Lidia, eine von sieben Hausangestellten bei einer reichen Mexikanerin, deren ganzes Leben sich nur noch um ihren Hund „Princesa“ dreht. Das Coming-of-age-Debüt Tanta Agua (Uruguay/Mexiko/Niederlande/Deutschland) von Ana Guevara Pose und Leticia Jorge Romero ist die Momentaufnahme einer Familie, deren Mitglieder zwar in unterschiedlichen Lebensphasen stecken, Unsicherheit und Verzweiflung aber ganz ähnlich erleben. Die vierzehnjährige Lucía muss mit ihrem kleinen Bruder und dem von der Mutter geschiedenen Vater eine Woche Urlaub in einem verregneten Ferienort verbringen. Hin- und hergerissen zwischen ihrer Rolle als Kind und als Teenager erlebt sie eine unglückliche erste Liebe. In Habi, la extranjera (Argentinien/Brasilien) von María Folerencia Alvaréz fährt Analía im Auftrag ihrer Mutter nach Buenos Aires. Bald soll sie aufs Land zurückkehren und den Friseurladen der Familie übernehmen. Doch eine Adressverwechselung führt sie zu einer muslimischen Gemeinde, und von der neuen fremden Welt gebannt, beschließt sie kurzerhand, die Rolle einer anderen Person zu übernehmen. Zum ersten Mal öffentlich wird auch Narco Cultura (USA) von Shaul Schwarz gezeigt. Er widmet sich der Musik, die die mexikanischen Drogenbosse, die narcos, verherrlicht und bietet einen verstörenden Einblick in eine Region, in der die Friedhöfe prächtiger sind als die Städte.
Auch das Kulinarische Kino zeigt als einen von 16 Filmen über Essen und Umwelt einen lateinamerikanischen Film. In Perú sabe: La cocina, arma social wird die von Ferran Adrià und Gastón Acurio gegründete Kochschule und die Kochbegeisterung der peruanischen Jugend vorgestellt. Anschließend bereitet Kolja Kleeberg mit Berliner Kochauszubildenden ein peruanisch inspiriertes Menü zu.


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Gewerkschaftlicher Aufwind

Nelson Cantillo ist ein besonnen auftretender Mann. „Wir nehmen nicht mehr als unsere Rechte war, die vom Staat verletzt werden“, erklärt der mittelgroße Mann mit dem hohen grau melierten Haaransatz. Cantillo ist Vorsitzender der Justizgewerkschaft Asonal Judicial und als solcher in Kolumbien in den letzten Wochen häufiger in den Medien zu sehen. Seine Gewerkschaft befand sich über Wochen im Arbeitskonflikt mit der Regierung und Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos und in kaum einer Stadt des Landes waren Richter_innen, Staatsanwält_innen und Angestellte der Gerichte nicht auf den Beinen.
„Der Staat hat ihnen einen fairen Lohnausgleich vorenthalten“, so der Abgeordnete des Linksbündnisses Alternativer Demokratischer Pol (PDA), Iván Cepeda Castro. „Dann auf die Straße zu gehen ist legitim, denn unter steigenden Preisen haben auch Staatsanwält_innen, Ermittlungsbeamt_innen und Büroangestellte zu leiden. Anders als früher mussten sich die Mitarbeiter_innen im Justizsektor diesmal immerhin nicht von den Medien angreifen lassen“.
Noch 2008 war das der Fall. Da griff der damalige Präsident Álvaro Uribe Vélez die Richter_innen, Staatsanwält_innen und Justizangestellten heftig an, und die Medien assistierten ihm. 2012 haben sich die Vorzeichen vollkommen geändert. „In der Bevölkerung wurde der Streik als berechtigt wahrgenommen“, erklärt Alirio Uribe, ein international bekannter Menschenrechtsanwalt. Und nicht nur in den großen Städten wie Bogotá oder Medellín, sondern auch in kleineren wie Popayán gingen die Leute auf die Straße. Die Bereitschaft, für die eigenen Rechte einzutreten, hat zugenommen, konstatieren Beobachter_innen wie Alirio Uribe oder Luciano Sanín. Beide stehen den sozialen Bewegungen sehr nahe. Uribe vertritt indigene Dorfgemeinschaften genauso wie Opfer von Menschenrechtsverbrechen. Sanín ist Leiter der Gewerkschaftsschule in Medellín, wo neue Konzepte und Strategien für die Zukunft der Gewerkschaftsbewegung erdacht werden.
Die sah lange überaus düster aus, denn Kolumbien ist weltweit das gefährlichste Terrain für Gewerkschafter_innen. Seit Beginn der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts sind rund dreitausend organisierte Arbeiter_innen in Kolumbien ermordet worden. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad sank von einst rund zwanzig auf vier Prozent, wie Anwalt Alirio Uribe berichtet. Er ist gerade in Europa gewesen, um beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen der systematischen Gewerkschaftsmorde vorstellig zu werden. Internationaler Druck auf allen Ebenen ist das Rezept, mit dem es in den letzten zwei, drei Jahren gelungen ist, die Verfolgung der Gewerkschafter_innen in Kolumbien etwas zu mindern. Diese Atempause zeitigt Wirkung, denn in Kolumbien wird deutlich mehr gestreikt als noch vor ein paar Jahren. Das hat etwas mit steigenden Preisen zu tun, aber auch damit, dass die Arbeiter_innen und Angestellten ihren Anteil am beachtlichen Wirtschaftswachstum der letzten Jahre fordern. Das bestätigen auch Umfragen von Meinungsforschungsinstituten wie Gallup. Während sich die Kolumbianer_innen vor einigen Jahren noch am meisten Sorgen über die Sicherheit machten, ist es heute die Arbeits- und Einkommenssituation. Luciano Sanín erklärt: „83 Prozent der Bevölkerung haben das angegeben, und dazu passt, dass die Gewerkschaftsbewegung in Kolumbien heute deutlich aktiver ist, besser wahrgenommen wird. Es wird gegen die Prekarisierung der Arbeitsbedingungen und für die Formalisierung von Arbeitsverhältnissen eingetreten“. Der Leiter der Gewerkschaftsschule (ENS) von Medellín ist ein umtriebiger, bestens vernetzter Aktivist, der sich für Arbeitsrechte einsetzt. Im Kontext des Freihandelsvertrages zwischen den USA und Kolumbien hat er gemeinsam mit den Gewerkschaften in den USA versucht, Mindestanforderungen für die Kolleg_innen in Kolumbien durchzusetzen. Auch in Brüssel, Berlin und Paris war der hagere Mann mit dem streng nach hinten gekämmten Haarschopf zugegen, um bei der EU-Kommission und deren wichtigsten Mitgliedern auf ein Mehr an Arbeits- und Menschenrechten zu dringen. Mit gemischtem Erfolg.
Aber immerhin hat der internationale Druck, der in diesem Kontext aufgebaut wurde, dafür gesorgt, dass sich der Handlungsspielraum der Gewerkschaften in Kolumbien erweitert hat. Diesen Spielraum hat die Gewerkschaftsschule in den letzten Jahren zu neuen Initiativen genutzt, um die drei Dachverbände, die es gibt, zu stärken. Dies ist Aufgabe der Einrichtung, die in einer von Handwerksbetrieben geprägten Fußgängerzone im Zentrum von Medellín ihren Sitz hat. Über einem Elektrofachgeschäft weisen die drei Buchstaben ENS, die an die Scheiben montiert sind, auf die Bildungseinrichtung hin. Der von einer Kamera bewachte und mit einer Panzertür gesicherte Eingang ist Beleg dafür, dass Gewerkschaftsarbeit in Kolumbien überaus riskant ist. Daran hat sich trotz aller internationalen Hilfen nichts geändert. „Aber wir haben es geschafft, einige neue Initiativen zu starten, und wir können kleine Zuwächse verzeichnen“, erklärt Sanín in seinem Büro, das im über einen Innenhof zugänglichen Hinterhaus der weitläufigen Schule liegt. Dort befindet sich im Untergeschoss die Bibliothek, wo geforscht und analysiert wird, in den drei Stockwerken darüber die Verwaltung der Schule. Diese beschäftigt rund 50 Mitarbeiter_innen, darunter Wissenschaftler_innen, Dozent_innen und auch Medienprofis, die sich um die Außendarstellung der Gewerkschaften Gedanken machen.
Diese ist deutlich besser geworden. „Das alte Vorurteil, dass die Gründung einer Gewerkschaft gleich den Untergang des ganzen Unternehmens nach sich zieht, ist zwar noch präsent, aber auch auf dem Rückmarsch“, erklärt Sanín schmunzelnd. Er ist mit einer ganzen Reihe von Unternehmen im Gespräch, verhandelt gerade mit den Stadtverwaltungen von Medellín und Bogotá, um Tarifverträge umzusetzen und Arbeitskonflikte beizulegen, hat aber auch die Gründung der Carrefour-Betriebsgewerkschaft im November 2011 begleitet. Carrefour, die zweitgrößte Supermarktkette der Welt, hatte in Kolumbien jahrelang keine eigene Gewerkschaftsvertretung. Und das trotz eines internationalen Abkommens, welches zwischen dem internationalen Gewerkschaftsdachverband UNI Global Union und Carrefour existiert und den Gewerkschaften Organisationsfreiheit zusichert. Die Umsetzung dessen haben die Carrefour-Mitarbeiter_innen schließlich eingefordert, erklärt Sanín. „Das war die Eintrittskarte für die Gründung der Gewerkschaft, der heute rund 4.000 der 10.500 Mitarbeiter_innen angehören. Ein Organisationsgrad, der für Kolumbien sehr hoch ist, denn im Landesdurchschnitt sind gerade fünf Prozent der Arbeitnehmer_innen gewerkschaftlich organisiert. Allerdings mit steigender Tendenz.
„Es gibt leichte Zuwächse, weil das Klima nicht mehr ganz so feindlich ist und weil wir neue Ansatzpunkte suchen“, ergänzt Edwin Villamil. Er ist der Organisationsverantwortliche an der ENS und versucht derzeit, das Beispiel Carrefour beim Branchenprimus, der Supermarktkette Éxito mit 400 Filialen und 40.000 Mitarbeiter_innen, umzusetzen. Das ist allerdings ungleich schwieriger, weil es dort kein internationales Abkommen gibt, sondern nur die nationalen Gesetze. Diese billigen den Gewerkschaften zwar das Recht auf Organisation zu, werden in der Praxis jedoch oft unterlaufen. Das ist bei Éxito so und auch bei Claro, dem größten Mobilfunkanbieter Kolumbiens. Ähnlich wie Carrefour haben sie eine junge Belegschaft – und die hat Villamil im Visier. Regelmäßig trifft er sich mit organisierten Arbeiter_innen, um sie zu beraten.
Alles andere als einfach, aber auch diese Form der Grundlagenarbeit trägt Früchte. Ohne Druck von unten bewegt sich nichts. Das zeigen auch die derzeit laufenden Verhandlungen mit internationalen Konzernen wie Kimberly Clark oder Zara. In beiden Unternehmen sind es dabei die internationalen Abkommen, die den Organisationsprozess erleichtern, aber die Organisation an der Basis ist die Voraussetzung.
Diese wird allerdings oft beschnitten, wie das Beispiel des spanischen Versicherungsunternehmens Prosegur zeigt. Letzteres versucht mit allen Mitteln, den Organisationsprozess zu unterlaufen. Einschüchterung der Mitarbeiter_innen, Rahmenabkommen, die so genannten pactos colectivos, die nur mit der Belegschaft unter Umgehung der Gewerkschaften abgeschlossen werden, sind die gängigen Instrumente. Sie werden auch von Unternehmen mit deutschem Stammsitz wie der DHL eingesetzt, wie internationale Studien belegen. Doch es gibt auch Gegenbeispiele wie das Abkommen mit BanColombia, dem größten Bankunternehmen Kolumbiens, wo Sanín derzeit Verhandlungen führt, um den Aufbau einer Gewerkschaft in einer übernommenen Bankengruppe in El Salvador zu ermöglichen. „Wir haben ein relativ gutes Verhältnis mit dem Unternehmen, wo rund 5.000 der 17.000 Mitarbeiter_innen organisiert sind“, schildert Sanín die Verhältnisse. Ähnlich gute Kontakte hat der ENS-Direktor zum größten Zementhersteller des Landes, dem Unternehmen Argos, wo 2006 mit einem Rahmenabkommen alle Konflikte beigelegt wurden.
Dieses Abkommen könnte Pate stehen in den laufenden Verhandlungen mit den Stadtverwaltungen von Medellín und Bogotá. Beide sind große Arbeitgeber, die in der Vergangenheit gewerkschaftliche Organisationsprozesse unterlaufen haben. Nun scheinen sie auf einen Kurs in Richtung Formalisierung von Arbeitsverhältnissen und des Ausgleichs umzuschwenken. Das passt durchaus zum Kurs der Regierung in Bogotá, die statt dem Outsourcing, der Anstellung der Arbeitnehmer_innen bei Subunternehmen und Leiharbeitsfirmen ohne jegliche Rechte, auf die Formalisierung der Arbeitsverhältnisse setzt. „Eine hundertachtzig-Grad-Wendung im Vergleich zur Vorgängerregierung“, so Sanín. Der sieht die Gewerkschaften nach fast dreißig Jahren im permanenten Niedergang nun im leichten Aufwind. Ein Fortschritt, an dem die ENS ihren Anteil hat, der aber ohne die internationale Unterstützung kaum möglich gewesen wäre. Auf die sind Gewerkschaftsschule und Gewerkschaften auch weiterhin angewiesen. „Der Aufschwung erfolgt schließlich von ganz unten“, wie Luciano Sanín mit einem bitteren Lächeln zu bedenken gibt. Eindrucksvolle Demonstrationen wie die der Justizangestellten sind bisher nämlich noch die Ausnahme.


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Chávez ist ein „Stabilitätsfaktor in Lateinamerika“

Die Ära Chávez geht weiter. Trotz Krebserkrankung und der offensichtlichen Bürokratisierungserscheinungen seiner bolivarianischen Revolution hat Präsident Chávez es wieder geschafft, aus den Wahlen am 7. Oktober erneut als Sieger hervorzugehen und sich ein Mandat bis 2019 zu sichern. Zu eindeutig repräsentierte der Kandidat der Rechten, Ex-Bürgermeister Henrique Capriles Radonski, die traditionellen Eliten, die auch nach 13 Jahren Linksregierung über unglaublichen Reichtum verfügen und der übrigen Bevölkerung überwiegend mit Verachtung begegnen. Capriles, der von brasilianischen Wahlkampfexpert_innen beraten wird, bemühte sich zwar um eine sozialdemokratische Rhetorik und versprach, an den bestehenden Sozialprogrammen festzuhalten. Trotzdem ist absehbar, welche Veränderungen ein Sieg der Opposition nach sich ziehen würde: Venezuela würde sich wieder stärker den ökonomischen und geopolitischen Interessen der USA unterordnen (das heißt auch eine deutlich geringere Beteiligung an den Öleinnahmen akzeptieren) und zur neoliberalen Privatisierungspolitik zurückkehren.
Ein wesentliches Problem für die bürgerlichen Parteien ist weiterhin, dass sie – anders als etwa die Rechte 1990 in Nicaragua – nicht auf den Angstfaktor zählen kann. Bei der Abwahl der sandinistischen Revolution 1990 spielte die Furcht, ein neuerlicher Sieg der Linken könnte den Contra-Krieg neu aufflammen lassen, eine entscheidende Rolle. In Venezuela heute ist es umgekehrt: Ungewiss ist die Zukunft ohne Chávez. Denn eine Rechtsregierung müsste mit heftigem Widerstand aus der Bevölkerung und Teilen des Staatsapparates rechnen. Vieles spricht dafür, dass ihr die Lage dabei außer Kontrolle geraten könnte.
Doch was macht Chávez – der schon jetzt mehr Wahlen gewonnen hat als fast alle europäischen Politiker_innen (selbst Helmut Kohl wurde nur dreimal im Amt bestätigt) – eigentlich so erfolgreich? Eigentlich gäbe es ausreichend Gründe für eine Abwahl des Präsidenten: Obwohl in der Verfassung vom Aufbau einer Beteiligungs- und Rätedemokratie die Rede ist, erweist sich der Klientel-Staat in Venezuela als quietschlebendig. Die im ganzen Land gegründeten Nachbarschaftsräte (Consejos Comunales), die eigentlich die lokale Selbstregierung sicher stellen sollten, sind heute in erster Linie damit beschäftigt, sich untereinander um den Zugang zu Geldern zu streiten. Gleichzeitig ist im und beim Staat eine neue, aufstrebende Oberschicht entstanden, die berüchtigte „Boli-Bourgeoisie“. Anders als viele Linke unterstellen, hat das weniger mit „Verrat“ als mit der staatlichen Struktur selbst zu tun: Da der gesellschaftliche Reichtum in Venezuela von den Öleinnahmen abhängt und diese über den Staat verteilt werden, bilden Staatsbeamt_innen und Privatunternehmer_innen immer wieder von Neuem einen unauflösbaren polit-ökonomischen Filz aus. Oder wie es beim frühen Marx so schön heißt: Wenn sich Idee und Interesse begegnen, blamiert sich in der Regel die Idee.
Auch der Umbau Venezuelas in Richtung einer weniger vom Rohstoffexport abhängigen sozialistischen oder wenigstens gemischten Ökonomie ist kaum vorangekommen. Der chavistische Ökonom Victor Álvarez hat das in einer aktuellen Studie skizziert: Der Anteil der verarbeitenden Industrie ist seit 1987 von 22,1 % des Bruttoinlandsprodukts auf 14,4 % gefallen. Zwar ist die Wirtschaft im gleichen Zeitabschnitt stark gewachsen, doch davon haben vor allem Handel und Bausektor profitiert, die sich in den Händen der Privatwirtschaft befinden. Dank der Sozial- und Beschäftigungspolitik der Regierung ist zwar die Armut deutlich zurückgegangen und auf den Straßen sind kaum noch Menschen zu sehen, die im Müll nach Verwertbarem suchen. Doch der Anteil der Löhne am Gesamteinkommen ist nicht gestiegen. Er liegt mit 37% auf dem gleichen Niveau wie 1997 (während das Einkommen aus Kapitalbesitz weiterhin bei 42% liegt). Die Kooperativen schließlich, denen in der demokratisch-sozialistischen Umgestaltung eine Schlüsselrolle zugedacht war, sind ebenfalls kaum von der Stelle gekommen: Gerade einmal 2% der ökonomischen Aktivitäten gehen auf das Konto des Genossenschaftssektors.
Dramatisch ist die Gewaltsituation: Auch wenn die genauen Zahlen umstritten sind, lässt sich nicht leugnen, dass Caracas eine der höchsten Mordraten in Lateinamerika hat. Stadtteil-Aktivist_innen weisen in diesem Zusammenhang immer wieder darauf hin, dass die „bolivarische Revolution“ einen großen Teil der Jugendlichen offensichtlich überhaupt nicht erreicht. Das soziale Ansehen des mit Konsumgütern ausgestatteten Kriminellen ist höher als das eines Jugendlichen, der seinen Abschluss an einer der vielen neu gegründeten Fachhochschulen macht und zwar einen Job, aber eben keinen besonderen Reichtum erwarten kann.
So bleiben als große innenpolitische Errungenschaften der letzten Jahre vor allem die Misiones – eine Reihe von Sozialprogrammen, die 1998 von Chávez einberufen wurden und der Armutsbekämpfung und der sozialen Sicherheit der Bevölkerung dienen sollen. 40 Milliarden US-Dollar hat der staatliche Erdölkonzern PDVSA allein 2011 in die Bildungs-, Gesundheits-, Wohnungsbau- und Entwicklungsprogramme investiert. Ermöglicht wurde das nicht nur durch die hohen Ölpreise, sondern auch durch die Bereitschaft der Regierung, die Öleinnahmen zugunsten der Bevölkerungsmehrheit zu verwenden. In Zeiten neoliberaler Raubideologie wahrlich keine Kleinigkeit. Doch es gibt auch noch ein zweites wichtiges Argument, warum die arme Bevölkerung mehrheitlich nach wie vor hinter Chávez steht.
Die Veränderungen in Venezuela werden von Gegner_innen wie Anhänger_innen Chávez meist ausschließlich mit dem Präsidenten selbst erklärt. Dabei wird ausgeblendet, dass die Bevölkerung seit 1989 immer wieder gegen die politische Klasse rebelliert und dem Neoliberalismus schon vor Chávez‘ Amtsantritt eine entscheidende Niederlage zugefügt hatte. Der konstante, kaum von Organisationen getragene Widerstand machte das Land in den 1990er Jahren faktisch unregierbar. Der Soziologe Andrés Antillano spricht in diesem Sinne vom Entstehen einer „plebejischen Macht“, die seiner Meinung nach den entscheidenden Motor der Veränderungen im Land darstellt.
Antillano zufolge ist das Verhältnis dieser gesellschaftlichen Kraft zur Regierung durchaus komplex. Viele Venezolaner_innen würden präzise zwischen Oficialismo und Chavismo unterscheiden: Man verweigere sich jeder politischen Repräsentation, auch der der Regierungspartei PSUV, aber man sei für den Präsidenten. In den Worten Antillanos: „Chávez wird als Negation der Repräsentation betrachtet: der Kommandant, der die Abwesenheit eines Chefs gewährleistet, der Caudillo als Garant der Selbstbestimmung. Oder wie es in einer Parole heißt: ‚Mit Chávez regiert das Volk‘.“
Das mag bizarr klingen – doch richtig daran ist, dass Chávez, obwohl alle Entscheidungen im Land über ihn laufen, immer wieder für ein Machtvakuum sorgt, in dem Slum-Bewohner_innen und Kleinbäuer_innen zum ersten Mal in der Geschichte etwas zu bestimmen haben.
Auch außenpolitisch würde eine Niederlage des Präsidenten in der Region Einiges zum Schlechteren drehen. Dabei sind die Prinzipien der venezolanischen Außenpolitik in vieler Hinsicht skandalös. Das Gerede von der „antiimperialistischen Schwesterrevolution im Iran“ oder die demonstrative Freundschaft mit Despotien in der ganzen Welt können einem – auch wenn man die Demokratie- und Menschenrechtsrhetorik von EU und USA nicht minder abstoßend findet – nur den Magen umdrehen. Die Chávez-Regierung hält offensichtlich entschlossen an der ebenso simplen wie unsinnigen Position fest, dass gut sein muss, was Washington für schlecht befindet.
Doch selbst wenn es daran nichts zu verteidigen gibt, stimmt auf der anderen Seite eben, dass die Außenpolitik Venezuelas in Lateinamerika zu einer Verschiebung der Kräftekonstellation beigetragen hat. Die US-Dominanz scheint gebrochen. Selbst treue Verbündete wie Kolumbien, das in den vergangenen 15 Jahren zu den wichtigsten Empfängern von US-Militärhilfe in der Welt gehörte, sind ein Stück von Washington abgerückt.
Tatsächlich war die lateinamerikanische Politik im vergangenen Jahrzehnt von einer bemerkenswerten Arbeitsteilung zwischen Brasilien und Venezuela bestimmt: Während die Chávez-Regierung „für´s Grobe“ zuständig war – antiimperialistische Rhetorik, Bündnisse mit „Schurkenstaaten“ und der Aufbau eines sozialistischen Lagers mit Kuba, Bolivien und Ecuador –, hat Brasilien den Aufbau eigenständiger lateinamerikanischer Strukturen vorangetrieben: Mit der UNASUR (Union Südamerikanischer Nationen) existiert heute eine amerikanische Staatengemeinschaft, in der Washington nichts mehr zu melden hat. Auf die Staatsstreiche und Umsturzversuche in Honduras, Paraguay und Bolivien hat die Staatengemeinschaft dementsprechend, anders als früher, mit einer Isolation der Putschist_innen reagiert. Handels- und Entwicklungsvereinbarungen trifft man heute lieber vor Ort. Ob sich dadurch etwas Grundsätzliches ändert, mag dahingestellt sein. Brasilianisches Kapital treibt die Erschließung von Erdölvorkommen in Regenwaldregionen, die Ausweitung von Soja-Plantagen oder den Bau von Super-Häfen entschlossen voran. Die Entwicklungsmodelle bleiben die alten, nur die Staatsangehörigkeit der Investor_innen ändert sich. Immerhin: Wenn man bedenkt, mit welcher Aggressivität Lateinamerika von Europa und den USA ausgeplündert wurde, stellt ein solcher Perspektivwechsel wahrscheinlich doch einen Fortschritt dar.
Die Chávez-Regierung ist noch in weiterer Hinsicht außenpolitisch erfolgreicher, als es auf den ersten Blick scheint. Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos, Vertreter der traditionellen Oberschicht seines Landes, überraschte die Öffentlichkeit vor einigen Monaten mit der Aussage, Chávez sei ein Stabilitätsfaktor in der Region. Viele glaubten kaum, was sie da hörten: Ausgerechnet Chávez, der von Washington der Unterstützung von Guerillas und islamischen Netzwerken bezichtigt wird, soll ein Stabilitätsfaktor sein?
Offensichtlich kommt es auf die Perspektive an. Dass bewaffnete Aufstände heute in Lateinamerika diskreditiert sind, hat auch mit Venezuela zu tun. Der „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, der eher einer Renaissance des Wohlfahrtsstaates als einem Sozialismus ähnelt, verweist auf die Möglichkeit, dass sich durch Wahlen bisweilen doch etwas verändern lässt.
Nicht zuletzt für Kolumbien ist die Perspektive interessant. Es ist kein Zufall, dass die Chávez-Regierung eine zentrale Rolle bei der Vorbereitung der Friedensverhandlungen zwischen Bogotá und der FARC-Guerilla (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) gespielt hat. Schon vor Jahren ist Venezuela auf Distanz zu den kolumbianischen Guerillas gegangen und hat diese zu einer Beendigung des bewaffneten Kampfes aufgefordert.
Das Schicksal der südamerikanischen Nachbarstaaten ist miteinander verwoben. Wie erwähnt, ist die Lage in Venezuela durchaus explosiv – und zwar nicht aufgrund „chavistischer Sabotage“, sondern wegen der sozialen Widersprüche im Land selbst. Vor allem im Westen Venezuelas haben Großgrundbesitzer_innen, kolumbianische Paramilitärs und Drogenhändler_innen, korrupte Einheiten der Nationalgarde sowie – untereinander teilweise verfeindete – Guerilla-Gruppen aus Venezuela (FBL – Bolivarische Befreiungskräfte) und Kolumbien (FARC und ELN – Nationale Befreiungsarmee) parallele Machtstrukturen aufgebaut. Ohne Chávez, der ein gewisses Gleichgewicht garantiert, könnte daraus schnell ein Flächenbrand werden. Man muss keine prophetischen Fähigkeiten besitzen, um zu begreifen, dass ein solcher Konflikt an den Landesgrenzen nicht halt machen würde.


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Stadt der Zukunft

Ein alter Kinderschuh, verdreckt, zerrissen – so fängt die Begegnung mit der Gewalt in der nordmexikanischen Stadt Ciudad Juárez an. Vor dem städtischen Museum in Querétaro, Hauptstadt des gleichnamigen zentralmexikanischen Bundesstaates, stehen etwa 70 Besucher_innen. Dunkel gekleidete, bleich geschminkte Personen reichen ihnen verschiedene Gegenstände: Kleidung, Spielzeug, alte Telefonrechnungen und Fotos, geborgen aus den über 100.000 verlassenen Häusern in Ciudad Juárez. Was die ehemaligen Eigentümer_innen der Gegenstände zum Verlassen der Stadt bewegte, wo sie sich inzwischen befinden, ob sie überhaupt noch leben – all diese Fragen bleiben der Vorstellungskraft jedes Einzelnen überlassen. Mit den Gegenständen in der Hand geht es in den dunkel ausgeleuchteten Museumssaal. Während der nächsten rund vier Stunden Programm bleiben sie in den Händen der Zuschauer_innen wie ein Beweis der Realität des Dargestellten.
In nüchternen Zahlen beinhaltet die Realität von Ciudad Juárez im Jahr 2010 über 3.000 Tote, darunter hunderte Frauenmorde. Bis heute hat sich daran nichts zum Besseren gewandt. Seitdem unter Präsident Calderón 2008 das Militär in die Stadt einmarschierte, um den „Krieg gegen die Drogen“ aufzunehmen, ist die Gewalt eskaliert, inzwischen gilt Ciudad Juárez als gefährlichste Stadt der Welt. Die größte Gefahr für die Bewohner_innen geht längst vom Militär selbst aus, das die Zustände in Ciudad Juárez oft zum eigenen Vorteil ausnutzt (siehe LN 454). Hinzu kommt die angespannte Situation an der Grenze zu den USA aufgrund der illegalen Immigration, bei der es immer wieder zu unaufgeklärten Todesfällen kommt. Der Zirko Nómada de Kombate (ZNK), auf Deutsch in etwa „Nomadenzirkus des Gefechts“, will seinen Zuschauer_innen diese Situation vermitteln und sie aufklären: „Wenn du nicht weißt, was in Ciudad Juárez passiert, wie willst du es dann in deiner Stadt verhindern?“ Unter diesem Motto entsteht eine Zusammenstellung unterschiedlichster Kunstformen, Eindrücke, die weiter gehen als bloße Statistiken. „Musik, Grafik, Video, Gerüche, Szenographie, Performance, Symbolismus, aussagekräftige Objekte – letztlich kann jede Person die Situation auf eigene Weise erfahren“, erläutert ein Aktivist im Gespräch den Vorteil der Vielfalt. Was er als „totale Kommunikation“ bezeichnet, gestaltet sich auf der Bühne derweil als Lesung von selbstverfasster Literatur über die Eindrücke eines Rückkehrers nach Ciudad Juárez. „Die Atmosphäre ist intensiv, verlassene Häuser, ausgebrannte Geschäfte, einsame Straßen, die Omnipräsenz der Polizei.“ Die Beschreibung widmet sich nun den Frauenmorden in Ciudad Juárez, deren Anzahl nur im Bundesstaat Estado de México höher ist. Zeitgleich erhebt sich aus Mülltüten schreiend eine zur Unkenntlichkeit mit Farbe beschmierte Frau. Die Situation wird durch die Rapperin Oveja Negra („Schwarzes Schaf“) der Batallones Femeninas aus Ciudad Juárez aufgelöst. „Cuántas más?“ – „Wie viele noch?“, schallt es durch den Raum. Entstanden ist die Idee des Programms über einen längeren Zeitraum. „Schon als Student erlebte ich 1996/97 kleinere Kriege der narcos (Drogenhändler) in Ciudad Juárez und wurde politisiert“, beschreibt ein Aktivist, der sich Alas Blisset nennt und mit seiner Erzählung Ciudad Futuro den Namen des Projektes prägte, den Prozess. „Im Jahr 2010 verbannte uns die Stadt, denn die Militarisierung bedrohte unsere eigene Sicherheit als Aktivisten. Also reiste ich durch das Land, erzählte den Menschen von den Geschehnissen in meiner Stadt. Mit der Zeit stellte ich fest, das überall, in Torreón, Monterrey, Cuernavaca, Tijuana die gleichen ersten Anzeichen der Gewalt vorhanden waren. Die nächsten Geschehnisse konnte ich praktisch voraussagen. Ciudad Juárez war die Stadt der Zukunft.“ Diese Warnung wird seitdem durch den ZNK in ganz Mexiko verbreitet, denn „viele Menschen glauben immer noch, nicht von den Problemen betroffen zu sein.“
Auf der Bühne spricht inzwischen ein Aktivist über die Opfer der Gewalt in Ciudad Juárez, zeigt Bilder von verschwundenen Familien, von Militärs, die Häuser von Protestierenden anzünden. Eine Theaterdarbietung verdeutlicht die Probleme am Grenzübergang zwischen Ciudad Juárez und dem US-amerikanischen El Paso. In bewegten Bildern erfahrbar wird die „Stadt der Zukunft“ für Besucher_innen durch die ersten Ausschnitte des Dokumentarfilms „Ciudad Futuro – sobreviviendo Juaritos“, den die Gruppe aktuell dreht, um für noch breitere Aufmerksamkeit zu sorgen. Szenen zeigen einen jungen Mann, der die Folgen der Gewalt in seiner Nachbarschaft beschreibt, Videoaufnahmen von Schüssen an der Grenze zu den USA. Die Aktivist_innen überlassen acht- bis zwölfjährigen Kindern die Kamera, als diese sie durch ihre Spielstätten in den verlassenen Häusern führen. Der Konflikt, die Militarisierung, die Gewalt scheint für sie Normalität geworden zu sein.
Im November soll der Dokumentarfilm fertig gefilmt werden – eine erneute Rückkehr nach Ciudad Juárez steht bevor. Davor tourt die Gruppe durch ganz Mexiko: Tijuana, Querétaro, Mexiko-Stadt, Puebla, Tepico, Nayarit sind nur einige Beispiele. Die kreative Ausrichtung des Projektes bietet dabei Künstler_innen aus den jeweiligen Städten eine Anlaufstelle. In jeder Stadt ändert sich so das Programm, immer wieder stoßen neue Aktivist_innen zu der Gruppe, vergrößern das Netzwerk und tragen ihren Teil auf der Bühne bei. „Wir funktionieren wie Lego“, erläutert Alas Blisset die Dynamik. „Wir alle haben etwas zu sagen und jeder Beitrag lässt sich wie ein neuer Stein auf das Programm setzen.“ Manche der Neuen reisen mit in die nächsten Städte. Einen weiteren wichtigen Punkt des Projektes bildet die Vernetzung zwischen stetig reisenden Aktivist_innen und denen mit festem Wohnsitz. „In Mexiko-Stadt helfen uns Menschen mit unserer Audiobearbeitung, der Produzent unseres Dokumentarfilms kommt aus Querétaro und hier befindet sich ebenfalls die Radiostation des ZNK, das rixomaradio. Diese Arbeiten können wir unterwegs kaum leisten. Als friedlichste Stadt Mexikos ist Querétaro zudem ein Rückzugsort und eine strategische Basis für uns, da beispielsweise unsere Radiostation in Ciudad Juárez permanent durch Polizei und Militär bedroht wäre.“ Ciudad Futuro fungiert somit nicht nur als landesweite Aufklärungskampagne, sondern trägt aktiv zur Vernetzung von Künstler_innen und Aktivist_innen bei und schafft feste Standpunkte einer kreativen Gegenbewegung zur staatlichen Repression in Mexiko.
Kunst als landesweiter Protest. Zur eigenen Beschreibung benutzt der ZNK inzwischen die Bezeichnung „artivistas“ statt „activistas“. „Als Aktivist schrie ich nur heraus, was mir nicht passte – immer in Solidarität mit irgendjemandem: den Zapatisten, gegen Frauenmorde, gegen Militarisierung. Doch plötzlich musste ich in Juárez mein eigenes Leben verteidigen. Dieses Gefühl kann ich nur durch Kunst ausdrücken.“ Doch für Blisset und den restlichen ZNK hat die Kunst neben dem Selbstausdruck und der erleichterten Beteiligungsmöglichkeit für neue Personen einen weiteren entscheidenden Vorteil. „Wir haben gemerkt, dass der einfache Protest, der Aktivismus, nicht reicht. 2010 füllten wir die Straßen mit Protesten gegen die Militarisierung und gegen Calderón als Präsidenten. Was passierte? Unsere compañera Susana Chávez, Dichterin und Autorin des Kampfrufes ‚Ni una más‘ gegen die Frauenmorde, wurde getötet und verstümmelt. Weitere mit uns verbundene Rapper und Protestierende wurden ebenso ermordet. Protest kann nur sagen, wogegen wir sind. Die Kunst kann tiefere Fragen stellen und mit verschiedenen Ausdrucksformen mehr Menschen erreichen. Die große Frage ist, wie wir mit einer Gesellschaft kommunizieren können, die solche Geschehnisse erlaubt – wir müssen den Menschen die Augen öffnen!“
Und das Konzept der Mischung von Kunst und Information geht auf. Das Interesse an den Vorstellungen ist groß, die Diskussionen unter Besucher_innen im Anschluss vielfältig, Erzählungen, Gedichte und Sticker werden gekauft. „Gerade jetzt mit dem als Repressor bekannten neuen Präsidenten Mexikos, Enrique Peña Nieto, interessiert das Thema noch mehr Menschen“, so ein Aktivist. Am Ende des Programms, nach knapp vier Stunden vielfältiger Eindrücke, ein letzter Rapsong, die Aufforderung aufzustehen und zu tanzen: „Zeigen wir, dass wir leben, dass wir noch nicht tot sind!“ Sich sichtbar machen, Menschen erreichen, warnen und vernetzen – der ZNK bildet eine wachsende Gemeinde kreativer Aktivist_innen, die der Gewalt trotzt und neue Wege der Aufklärung sucht, um ihre Ahnung der Stadt der Zukunft zu verhindern.


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Vivan L@s Campesin@s!

Es klingt paradox: 80 Prozent der Hungernden leben auf dem Land und die Hälfte davon entstammt Kleinbauernfamilien. Die Hälfe von weltweit 925 Millionen Menschen! So viele werden derzeit laut der Welternährungsorganisation FAO in der Statistik der Hungernden geführt. Für 18 Millionen pro Jahr ist die Unterernährung tödlich – meist Kinder unter fünf Jahren.
Offensichtlich kommen diejenigen, die Nahrungsmittel produzieren, häufig selbst zu kurz. Ein Missstand, den zu ändern sich die Via Campesina zum Auftrag gemacht hat. Und dabei ist die mehr als 200 Millionen Menschen repräsentierende globale Landlosen-, Kleinbäuerinnen- und bauern-Bewegung wieder einen wichtigen Schritt vorangekommen: Ende September hat sich der UN-Menschenrechtsrat gegen die Stimmen der USA und der derzeit darin vertretenen EU-Staaten dafür ausgesprochen, eine „Konvention für eine Stärkung der Rechte von Kleinbauern und anderen Arbeitern in ländlichen Regionen“ auf den Weg zu bringen. Eingebracht hatten die Resolution neben dem federführenden Bolivien noch Kuba, Ecuador und Südafrika.
Damit hat ein Prozess begonnen, an dessen Ende eine UN-Deklaration stehen wird, die die Rechte von Kleinbäuerinnen und -bauern, Fischer_innen und Landarbeiter_innen schützen soll – einschließlich eines rechtlich verbindlichen Instruments gegen Land Grabbing (Landraub). In zwei Jahren soll eine Arbeitsgruppe ihre ersten Ergebnisse vorlegen.
Auch wenn Papier bekanntlich geduldig ist – völkerrechtlich verbindliche Konventionen sind mehr als ein Muster ohne Wert. Eine umfassende Konvention, die das Recht auf angemessene Ernährung sowie den Zugang zu Land, zu Wasser und zu Saatgut auf diese Weise festschreibt, erschwert es den Regierungen in Nord und Süd sowie den multinationalen Konzernen, diese Rechte weiter ungestraft mit Füßen zu treten. Allein 2009 fielen laut der Menschenrechtsorganisation FIAN 80 Millionen Hektar dem Land Grabbing zum Opfer. Millionen Menschen, die diese Flächen bisher traditionell beackerten, ohne einen Grundbuchtitel zu haben, hatten gegenüber internationalen Großinvestor_innen das Nachsehen. Eine Entwicklung, die durch hohe Nahrungsmittelpreise und den Ausbau der Agrotreibstoffproduktion weiter angeheizt wird.
Die USA und die EU-Staaten haben mit ihrer Ablehnung der Resolution im Menschenrechtsrat einmal mehr deutlich gemacht, dass sie den Welthunger nicht ernsthaft bekämpfen wollen. „Freiwilligen Leitlinien“ wie sie die FAO gegen den Landraub vorgeschlagen hat, stimmen sie ob ihrer Unverbindlichkeit gerne zu. Es kostet nichts und es ändert nichts. Die FAO hegt die Illusion, dass mit solchen Leitlinien alle zu ihrem Recht kommen: die Investor_innen, aber auch die Kleinbäuerinnen und -bauern, sowie die armen Länder.
US-Präsident Barack Obama ist da schon realistischer. Mit seiner im Mai auf dem G8-Gipfel lancierten „Neuen Allianz für Ernährungssicherheit und Ernährung“ setzt er ganz offen auf eine Kooperation mit der Privatwirtschaft. In der Liste der Partner finden sich so illustre Namen aus dem Agrobusiness wie der US-amerikanische Saatgutriese Monsanto, der Schweizer Pflanzenschutzmittelhersteller Syngenta, die Multis Cargill oder Unilever. Dass die deutsche Regierung davon begeistert ist und ihre Unterstützung zugesagt hat, verwundert nicht. Bei Entwicklungsminister Dirk Niebel gilt noch allemal das Motto „Satt macht, was Profite schafft“.
Via Campesina wird auch dieser Initiative ihr Konzept entgegensetzen: Selbstbestimmte Ernährungssouveränität anstelle von paternalistischer Ernährungssicherheit von Regierungsgnaden. Es gilt der alte Grundsatz: Das Land denen, die es bebauen. Eine verbindliche Konvention kann dabei nur helfen. Je schneller sie kommt, desto besser.


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Die Stadt versinkt im Soja-Meer

Ailén saust mit ihrem Plastikauto auf dem Vorplatz herum, als wollte sie jemanden überholen. Nach ein paar Sekunden hält sie an, beugt sich über den Lenker und grinst. Jahrelang konnte die Fünfjährige nicht draußen spielen, sondern lag mit Atembeschwerden im Bett. „Besonders schlimm war es“, erinnert sich Mutter Viviana Peralta, „wenn der Nachbar sein Feld auf der anderen Straßenseite besprühte.“ So schlimm, dass Ailén zuweilen fast das Bewusstsein verlor und reglos auf der Brust ihrer Mutter lag.
Der Nachbar ist Gensoja-Bauer und hat sein Feld in San Jorge, im Zentrum der argentinischen Soja-Produktion – nur zehn Meter vom Haus der Peraltas entfernt. Regelmäßig ließ er Agrarchemikalien per Sprühmaschine oder Flugzeug auf dem Acker ausbringen. Viviana Peralta spürte es daran, dass sich ihre Lippen lähmten und sie kaum noch sprechen konnte. Sie schloss dann Fenster und Türen und hoffte, das Gefühl würde wieder vorbeigehen. Doch die Hustenanfälle ihrer Tochter wurden immer schlimmer. Schließlich fuhr sie mit Ailén zu einem Immunologen nach Rosario, und der bestätigte ihren Verdacht: Ihre Probleme waren die Folge der Chemikalien des Bauern, des Gensoja-Anbaus.
Gensoja ist in Argentinien, was Kupfer in Chile oder Erdöl in Nigeria ist: ein riesiges Geschäft. Über die Hälfte der Exporteinnahmen stammen aus dem Sojaverkauf. Ein Großteil der Ernte landet in den Futtertrögen chinesischer und europäischer Mastbetriebe – auch in Deutschland. Gensoja war in Argentinien, dem weltweit drittgrößten Sojaproduzenten hinter den USA und Brasilien, von Anfang an kein Nahrungsmittel. Es war Kapital. Kapital, das heute über die Hälfte des bewirtschafteten Bodens des Landes einnimmt.
Dabei spielte Soja bis vor 16 Jahren kaum eine Rolle. Angebaut wurden Weizen, Mais oder Sonnenblumen. Erst ab 1996, also im selben Jahr, in dem gentechnisch verändertes Soja auch in den USA auf den Markt kam, begannen sich argentinische Bäuerinnen und Bauern für die Nutzpflanze zu interessieren.
Auslöser war, wie in Nordamerika, der US-Chemiekonzern Monsanto. Er brachte nicht nur gentechnisch veränderte Organismen (GVO) an den Rio de la Plata, sondern reiste gleich mit einer ganzen Ideologie an. Sein Gensoja verkaufte Monsanto nur zusammen mit dem Glyphosat der Marke Roundup – einem seit Mitte der 70er Jahre eingesetzten Herbizid zur Unkrautbekämpfung.
Gleichzeitig kamen neue Technologien auf den Markt, mit denen noch schneller mehr gesät, geerntet und letztlich mehr verdient werden sollte – ähnlich wie bereits während der „grünen Revolution“ in den 70er Jahren. Monsanto wandte sich sowohl an die Produzent_innen als auch an die Agrarstudent_innen des Landes. Diesen wurde in eigenfinanzierten Laboratorien und Studien beigebracht, dass Glyphosat keinerlei negative Folgen habe, im Gegenteil: Es erhöhe die Ernte. Schließlich war die von den Chemiker_innen in St. Louis entworfene Gensojabohne resistent gegen das Glyphosat. Und so machte Monsanto aus der einstigen Getreidekammer der Welt Argentininen ein Versuchslabor für Gensoja. Die Konsequenzen dieses Produktionsmodells werden knapp zwei Dekaden danach sichtbar.
Infolge der Verharmlosung des Herbizids Glyphosat benutzten es die Bäuerinnen und Bauern wie Wasser – und rutschten dabei in einen Teufelskreis. Denn das Unkraut wurde im Laufe der Jahre immer resistenter gegen Roundup. Es entstanden sogenannte supermalesas (Super-Unkräuter), worauf die Bäuerinnen und Bauern entweder die Dosis erhöhten oder das Glyphosat mit anderen, noch stärkeren Agrarchemikalien mischten. Die giftigsten dieser Chemie-Cocktails waren eine Mischung aus Glyphosat, Paraquat, Endosulfan oder der Essigsäure 2,4D.
In Europa sind diese Produkte mit Ausnahme von Glyphosat verboten. Produziert werden sie aber (außer von Monsanto in den USA) auch in hiesigen Laboratorien: in jenen von Syngenta aus Basel, der BASF aus Ludwigshafen am Rhein oder von Bayer aus Leverkusen.
Doch damit nicht genug: 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure, wie 2,4D mit ganzem Namen heißt, war in leicht modifizierter Form Bestandteil des Entlaubungsgifts Agent Orange, das die US-Armee während des Vietnamkriegs über den Wäldern versprühte. So sahen die Scharfschütz_innen besser wo sich ihre Gegner_innen versteckten. Hersteller von Agent Orange: Monsanto.
Der Krieg in Vietnam ist offiziell seit knapp 40 Jahren zu Ende. Doch die Folgen von Agent Orange sind bis heute spürbar: verseuchte Böden, erhöhte Krebsraten und Kinder, die mit Missbildungen zur Welt kommen. Es sind die gleichen Merkmale, die heute bei Menschen beobachtet werden, die in der Nähe von Agrarflächen mit GVO wohnen – auch in San Jorge. Die Stadt mit 25.000 Einwohner_innen wirkt wie eine von Menschen bewohnte Insel inmitten eines horizontlosen Genpflanzen-Meers.
Nahe des Zentrums, mitten in einem Wohnquartier, werden an diesem Montagvormittag Traktoranhänger mit Soja gefüllt. Ein älterer Mann stempelt gerade Lieferscheine und blickt erstaunt auf, als er hört, dass ein Journalist aus Europa da sei. Er kommt aus dem Büro und flüstert, als er die Tür der Lagerhalle neben den Silos aufstößt: „Aber nur für ein paar Minuten.“ Der Mann weiß, dass er nicht mit dem Journalisten sprechen sollte, scheint jedoch hin und her gerissen zwischen den Interessen seines Brötchengebers und jenen seiner kranken Nachbar_innen. „Normalerweise ist der Schuppen voll mit Samen und Chemikalien“, sagt er und deutet auf die leere Fläche in der Mitte. Zwei Straßenhunde sind in die Halle geschlichen und verrichten ihr Geschäft an einem Wulst aus leeren Säcken, Plastikplanen und Staub. Es riecht wie im Chemiezimmer, das die_der Lehrer_in in der Pause zu lüften versuchte. Beim Eingang stapeln sich leere Kanister mit verschiedenen Markierungen, auch solche mit der Aufschrift 2,4D. Auf deren Etikette steht die empfohlene Dosis pro Hektar– nebst Soja und Weizen auch für Kartoffeln, Reis und Zuckerrohr.
Welche Schäden verursachen diese Chemikalien? Der Mann zögert zunächst und antwortet dann: „Der Produzent sagt, sie richten keine Schäden an.“ Die Kanister seien mit roten, gelben und grünen Streifen gekennzeichnet, sodass man immer genau wisse, welche Produkte gefährlich sind und welche weniger.
Es war diese Kennzeichnung, die den Agraringenieur Claudio Lowy vor einem Jahr in einen mehrtägigen Hungerstreik vor dem Landwirtschaftsministerium in Buenos Aires treten ließ. Er warnte, dass die enthaltenen Produkte wesentlich giftiger seien, als auf der Etikette behauptet wird.
„Hier im Dorf“, sagt der Mann und schiebt die Tür der Lagerhalle wieder zu, wisse man schon, dass die Chemikalien schädlich sind. „Aber wenn du zwischen einem Job wählen kannst, der dir monatlich 2.500 Pesos bringt oder einem mit Chemikalien, bei dem sie dir das Doppelte zahlen – welchen wählst du?“
Während Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner Soja als Teil ihrer Wachstumspolitik verteidigt, kämpfen die Betroffenen auf einsamem Posten. So auch Roberto Rios, der zwischen 2001 und 2009 Tag für Tag Glyphosat, 2,4D und andere Agrarchemikalien ausbrachte. Mit Rucksackkanistern oder Sprühmaschinen zog der 35-Jährige über die Felder seines Arbeitsgebers – ohne Handschuhe, Anzug oder Schutzmasken. „Uns wurde weder gesagt, dass wir uns schützen müssen, noch dass die Mittel gesundheitliche Schäden verursachen“, sagt Roberto. Zwei Jahre lang schläft er zusammen mit anderen Mitarbeiter_innen in derselben Lagerhalle, wo er tagsüber die Cocktails mischt. Es habe sich nicht gelohnt, sagt Roberto, über Nacht nach Hause zu fahren. „Und die Firma stellte uns keine andere Übernachtungsmöglichkeit zur Verfügung.“
Der dreifache Vater lebt seit seiner Jugend von der Landwirtschaft und maß den immer stärker werdenden Kopfschmerzen und Muskelkrämpfen während der Arbeit keine Bedeutung bei. Als er aber immer weniger essen und eines Tages nicht mehr gehen konnte, ging er zum Arzt. Roberto musste sich an Speiseröhre und Niere operien lassen, zudem wurde ihm die Galle entfernt. „Was ich genau habe, können die Ärzte nicht sagen.“ Was sie Roberto aber sagten, ist, dass er keinen Kontakt mehr mit Agrarchemikalien haben dürfe. Das sagte auch die Ärztin von Ailéns Mutter.
Viviana Peralta hatte sich inzwischen an den Bürgermeister von San Jorge gewandt, der nur mit den Schultern gezuckt haben soll. Ihr wurden Autos, Hotelaufenthalte, Medikamente und sogar ein Haus in der Stadt angeboten – was sie alles abgelehnt hat. „Ich wohne hier und zahle Steuern“, sagte sie dem Bürgermeister. „Ich möchte mit dem entsprechenden Respekt behandelt werden.“
Doch wer in Argentinien negativ über den Sojaanbau spricht, muss mit Konsequenzen rechnen. Mitglieder der Betroffenenvereinigung Pueblo Fumigado (vom Verb fumigar – mit etwas besprühen), die von verstecktem Genozid spricht, wurden schon Fensterscheiben eingeschlagen und Autos angezündet. Erst vor ein paar Wochen wurde dem Direktor eines lokalen Radiosenders per Telefon mit Prügel gedroht, wenn er die kritische Berichterstattung zum Gensoja nicht einstelle.
Ähnliches ist dem Embryonenforscher Andrés Carrasco von der Universität Buenos Aires widerfahren. Dieser hatte vor drei Jahren bestätigt, dass Glyphosat schon bei geringer Anwendung zu Missbildungen bei Embryonen führen kann – worauf Politiker_innen zusammen mit der Agrarindustrie eine wochenlange Kampagne gegen ihn und seine Resultate führten.
Neu ist diese Form der Zensur nicht: Im ganzen Land wird versucht, das Thema unter dem Deckel zu halten – von Ärzt_innen, Chemiker_innen, Firmen, Politiker_innen und nicht zuletzt den Medien. Zu viele Interessensgruppen sind in den letzten Jahren vom Geschäft mit dem grünen Gold abhängig geworden.
Und dennoch zeigen die jahrelangen lokalen Proteste und Studien unabhängiger Forscher_innen langsam Wirkung. So wurden Ende August in Córdoba erstmals in Lateinamerika ein Sojaproduzent und ein Pilot, der die Agrarchemikalien ausbrachte, zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe verurteilt, weil sie gesundheitliche Schäden billigend in Kauf genommen hatten. Nur einen Monat später forderten rund 10.000 Demonstrant_innen vor den Toren der Monsanto-Geschäftsstelle in Córdoba den Abzug der Firma aus dem Land. Sie waren Teil eines internationalen Protests gegen die Praktiken des US-Chemiemultis.
Viviana Peralta ihrerseits erwirkte mit Hilfe einer jungen Anwältin 2009 einen Gerichtsentscheid, der damals bereits landesweit für Aufsehen sorgte. So muss eine Bäuerin oder ein Bauer beim Besprühen ihrer_seiner Sojafelder einen Mindestabstand zu bewohntem Gebiet einhalten – 800 Meter wenn sie_er mit der Maschine sprüht, 1500 Meter wenn die Applikation aus dem Flugzeug erfolgt. Für Viviana Peralta kommt dieser Entscheid zu spät. Sie und ihre Familie können zwar wieder freier atmen, aber ihre Ärztin hat ihr davon abgeraten, weitere Kinder zu bekommen. Zu sehr habe sich das Glyphosat bereits in ihrem Körper abgelagert.


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Krieg bei Kerzenschein und aufgeschlitzte Hunde

Die persönlichen Schicksale der unterschiedlichen Protagonist_innen vermitteln ein Bild vom Peru und Lima des 20. Jahrhunderts und einer durch Militärdiktatur und Bürgerkrieg gezeichneten Gesellschaft bis hin zur Gegenwart. So begegnen wir einem jungen Mann mit Namen el Pintor (der Maler), der sein Kunststudium abgebrochen hat, um sein Leben einer kleinen Gruppe von Aufständischen zu widmen. In der Nacht des 28. Juli 1979 wird der Leser Zeuge des „ersten revolutionären Akts“, bei welchem Straßenhunde aufgeschlitzt werden, um sie, mit wütenden Slogans versehen, von Laternen baumeln zu lassen. Mit einfachen und präzisen Beschreibungen führt der Autor den rohen Fanatismus und die Wut vor Augen, lässt aber auch die Ängste des jungen Malers und seiner Mitstreiter_innen spüren. Vor dem Versagen, vor dem Fremdbestimmten, vor dem eigenen Land und Handeln. Klar blinkt in dieser Geschichte der Bezug zur Ära der linken Guerillagruppe Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) auf, die ab 1980 bürgerkriegsähnliche Zustände in Peru auslöste.
In der Erzählung Krieg bei Kerzenschein treffen wir auf den ehemaligen Guerillero Fernando, der trotz seines innigen Wunsches nach Normalität ständig von seiner politischen Vergangenheit heimgesucht wird. Gerade diese persönlichen Konflikte, die stets in gewissem Maße politisch geprägt sind, verleihen der Kurzprosa eine einnehmende Spannung. Dabei berühren vor allem die kleinen Momente, die den Kampf ums Leben und Überleben veranschaulichen. Zum Beispiel República und Grau erzählt vom zehnjährigen Maico, den sein Vater in Begleitung eines Blinden zum Betteln schickt und der den ganzen Tag an einer vielbefahrenen Kreuzung verbringen muss. Mit seiner anfänglich noch kindlichen Neugier und einem wachsamen Interesse erkennt er schnell die rauen Spielregeln, mit denen er auf seine ganz eigene Art und Weise umzugehen lernt.
In allen Erzählungen besteht ein Bezug zur Stadt Lima, die die Figur Óskar Uribe, der einen Artikel über die komischen Gestalten der Großstadt schreiben soll, in einem anderen Licht zu sehen beginnt: „Clowns. Nachdem ich begonnen hatte sie zu suchen, fand ich sie überall. Sie strukturierten für mich die Stadt (…). Sie kamen meiner Stimmung entgegen, verwandelten sie (…).” Und so sind alle Figuren der Erzählungen vielleicht selbst Clowns, die durch erzwungene Lügen ihr wahres Gesicht hinter einer Maske verbergen, zur Schau gestellt werden oder sich vor der ernüchternden Wirklichkeit verstecken.
Daniel Alarcón, der 1977 in Lima geboren wurde, verbrachte seine Kindheit ab dem dritten Lebensjahr in Birmingham (Alabama/USA). Mit 24 Jahren ging er nach Lima, um in einem Slum Fotografie zu unterrichten. Dort fand er die Inspirationen für seine Erzählungen. Er ist Mitherausgeber der in Lima erscheinenden Literaturzeitschrift Etiqueta Negra. Für seinen Debütroman Lost City Radio gewann er 2009 den internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin.

Daniel Alarcón // Stadt der Clowns. Erzählungen // Aus dem Englischen von Friederike Meltendorf // Verlag Klaus Wagenbach // Berlin 2012 // 192 Seiten // 18,90 Euro // www.wagenbach.de


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Warum wir weitermachen

Den ersten Anruf vergisst man nie. Die Person, die die Todesdrohung ausspricht, hat sich tagelang auf diesen Moment vorbereitet, wenn sie einem zu verstehen gibt: Dein Schicksal ist besiegelt. Bis zu diesem Anruf, oder zu dieser Mail, waren Drohungen etwas Ätherisches und Fremdes, das anderen passierte.
Im Laufe der Zeit habe ich etwas gelernt, was viele Journalist_innen und Autor_innen vor mir schon verstanden hatten: Es erschüttert uns und entfremdet uns von denen, die wir lieben, wenn wir mächtige Feinde gegen uns aufbringen, weil wir tiefere Wahrheiten enthüllen. Gegen unseren Willen werden die Drohungen genau so wichtig wie die Geschichte, die wir eigentlich erzählt hatten.
Dieses Dilemma beherrscht den Rest unseres Lebens, denn um sicher zu sein, müssen wir in die Öffentlichkeit gehen und dürfen uns niemals den Mund verbieten lassen. Gleichzeitig müssen wir immerzu aufpassen, uns umdrehen, auf Militärs oder Polizei-Patrouillen achten. Wir müssen sofort reagieren, wenn wir so etwas wie einen Schuss hören, und spannen uns an, wenn ein Motorrad vorbeifährt oder beschleunigt. Immer wieder vergewissern wir uns, ob der Fahrer eine Waffe hat, ob er ein Killer ist. Und immer und immer wieder müssen wir auf allen Kanälen den Namen des Mafioso, des Politikers, des Polizisten, des korrupten Unternehmers hinausschreien, der einen Preis auf unseren Kopf ausgesetzt hat. Bis wir es wirklich satt haben, und alle anderen uns wirklich satt haben. Schließlich sehnen wir uns eigentlich danach, genug Privatsphäre und Anonymität zu haben, um uns unerkannt bewegen zu können. Wir sehnen uns nach den Zeiten, als wir noch nicht die Namen unserer Familienmitglieder verheimlichen mussten. Denn jetzt sind sie ebenso verwundbar wie wir.
Neben der Todesdrohung gibt es noch die Androhung von Haft. Viele meiner Kolleg_innen, vom Irak bis nach Kolumbien, Kambodscha bis Kenia, haben Memoiren herausgebracht, in denen sie ihren posttraumatischen Stress durch die Erfahrungen in der Gefangenschaft beschreiben. Wieder in Freiheit, müssen wir weiter arbeiten und Geld verdienen. Aber nicht mehr nur, um unsere Kinder zu ernähren, Benzin und Wasser oder auch Kinokarten zu bezahlen, sondern um die Anwält_innen zu bezahlen, in deren Händen unsere vorläufige Freiheit liegt. Wir sind wie ein kleiner Fisch auf dem Trockenen. Wir verbringen Jahre in Gerichtssälen, sammeln Beweise und überreden Zeug_innen, dass sie ihr Leben riskieren, um uns zu unterstützen. Oft beschuldigt man uns der Verleumdung, um uns emotional und finanziell auszulaugen. So werden die Gerichte zu einer weiteren Waffe in den Händen der Mafia und der korrupten Politiker_innen.
Daraus können wir lernen. Dadurch, dass mehr Journalist_innen Opfer der Gerichtsbarkeit werden, leiden auch die, deren leidvolle Geschichten wir erzählen. Wir müssen lernen, wie wir Opfer interviewen, ohne sie dazu zu zwingen, das Erlittene erneut zu durchleben. Lasst uns lernen, Mitgefühl zu zeigen für die, die uns dadurch ehren, dass sie uns ihre persönlichen Geschichten anvertrauen. Lasst uns herausfinden, wie wir so fragen können, dass wir die, die schon gelitten haben, nicht noch mehr verletzen. Lasst uns Recherchemethoden entwickeln, die die Opfer der Mafia, der Naturkatastrophen oder der häuslichen Gewalt während der Befragung beschützen.
Das alles müssen wir lernen in einer Welt, in der Mainstream-Medien vom Spektakel der Grausamkeit fasziniert sind, angezogen von der morbiden Pseudo-Pornografie der Gewalt, die keinen Schmerz ohne Blutvergießen kennt. In der fabelhaften Welt der Quoten sind Überlebende, die ihre Würde bewahren, einfach keine gute Nachricht. Die Nachfrage nach Drama ist zu groß: Ein paar Tränen von der mexikanischen Journalistin, die gefoltert und eingesperrt und schließlich vergewaltigt wurde, damit sie endlich still ist, nährt den morbiden Wunsch nach Nervenkitzel, nicht nach Empörung.
Der ugandische Journalist, dem die Hände abgehackt wurden, damit er nie wieder schreibt, soll seine Stümpfe heben, als bettele er um Gnade. Die irakische Journalistin muss den Medien hundertmal erzählen, wie US-amerikanische Soldaten ihre Kinder töteten, um sie zum Schweigen zu bringen, und wie sie die Leichen danach alleine zu Hause gewaschen hat. Diese Medien sagen dem südafrikanischen Dichter, er möge aufhören, seine liebes- und hoffnungsvollen Verse vorzulesen und stattdessen im Geiste lieber in seine dunkle Zelle zurückkehren. Er soll die Narben der Folter zeigen, die er seit zehn Jahren zu vergessen versucht, und erzählen, wie die Unterstützung durch seine Familie immer mehr nachließ und eines Herbstabends niemand mehr zu Besuch kam. Und sie fragen Anna, eine russische Journalistin, zwei Monate vor ihrem Tod: „Hast du keine Angst zu sterben? Was soll aus deinen Kindern werden?“. Da sie ihren Kampf als moralisch und politisch betrachtet, muss sie darauf stoisch antworten, dass unser Leben nie sicher ist, solange andere sich in Gefahr befinden. Später, allein in ihrem Hotelzimmer, weint sie in ihr Kissen. In ihren Träumen bittet sie ihre Kinder um Vergebung und stellt sich eine Welt vor, in der niemand mit seinem Leben bezahlt, weil er oder sie die Wahrheit sagt über schändliche Kriegstaten, die Unfähigkeit der Menschen, Konflikte zu verhandeln, und über die Gier der Mächtigen, die Kriege benutzen, um zu zerstören oder materielle Güter zu erlangen.
Als korrupte Polizisten mich entführt und eingesperrt hatten, dachte ich während der ganzen 20 Stunden, die sie mich folterten: „Wenn es das ist und ich sterbe, so habe ich wenigstens für die Kinder, die ich interviewt habe, das Richtige getan.“
Ich liebe meinen Beruf. Ich glaube, dass er der Gesellschaft nützt, und ich bin stolz darauf. Es ist ein Privileg, dass ich die Ergebnisse meiner Recherchen veröffentlichen und dabei am Leben bleiben kann. Unsere Aufgabe als Journalist_innen ist es, die Leute aus ihrem Wohlbehagen herauszuholen. Es geht dabei nicht um Ruhm oder Quoten, sondern darum, denen eine Stimme zu geben, die sonst keine haben. Jeden Morgen denke ich daran, dass ich Menschen verlässliche, gut recherchierte Informationen zur Verfügung stelle, wenn ich meinen Job ordentlich mache. Und diese Informationen helfen ihnen, in ihrer Umgebung Entscheidungen zu treffen. Das ist eine machtvolle Position. Sie erinnert mich daran, dass ich der Gesellschaft etwas Bedeutungsvolles gebe.

Lydia Cacho möchte folgende Journalist_innen erwähnen, die ebenfalls denen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden: Carolin Emke aus Deutschland, Amal Jumah Khamis aus Palästina, Blanche Petrich und Lucía Lagunes aus Mexiko, Natasha Walter aus Großbritannien und den österreichische Fotojournalist Renee Nowtarger.

Dieser Artikel ist eine überarbeitete und aktualisierte Version des Textes „Widerwillige Helden“, der zuerst in der Sonderausgabe von Index on Censorship Beyond Bars: 50 years of PEN´s writers in prison comittee erschien. Der ursprüngliche Text erschien zuerst auf www.englishpen.org und www.indexoncensorship.org. Wir danken für die Rechte zum Nachdruck.

Kasten:

Vorübergehendes Exil

Trotz jahrelanger Todesdrohungen wollte die mexikanische Journalistin Lydia Cacho nie ihr Land verlassen. Doch die letzten Anrufe waren so ernst, dass sie für eine Weile nach Europa geflohen ist.„Ich bin nicht besonders ängstlich“, sagte die mexikanische Journalistin Lydia Cacho Anfang September dem englischen Guardian. Ihr Mut ist ihre wichtigste Waffe. Seit Ende der 1990er Jahre deckt Cacho als investigative Journalistin die Verbindungen zwischen Politik, Unternehmertum und Organisiertem Verbrechen in Mexiko auf. Seit 2000 betreibt sie zudem das Frauenhaus CIAM im karibischen Cancún. Drohungen und Einschüchterungen, auch physische, begleiten sie seit Beginn ihrer Karriere. Den Mund verbieten lassen hat sie sich nie.
Doch Anfang August entschied sie, Mexiko vorübergehend zu verlassen, weil die Todesdrohungen gegen sie eine neue Dimension angenommen hatten. Am 29. Juli erreichte sie ein Drohanruf auf der satellitengestützten Telefonanlage, über die sie zur Sicherheit seit einigen Jahren kommuniziert. Um über dieses System anrufen zu können, brauche es Technologie, so Cacho, die nur höhere Ränge der Marine haben – oder die Drogenkartelle. Ihre Berater_innen nahmen den Anruf so ernst, dass sie ihr rieten, das Land sofort zu verlassen. So reiste Cacho nach Europa. Da sie kein Problem mit der Marine hat, vermutet sie, dass hinter der Drohung eines der Kartelle aus dem Bundesstaat Quintana Roo an der Karibikküste Mexikos steckt, in dem sie seit 20 Jahren lebt und arbeitet.
Cachos Ziel ist es, die Strukturen der Korruption und Macht aufzudecken, die Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung möglich machen. 2005 erschien ihr Buch Los demonios del Edén (Teufel im Paradies), in dem sie zeigt, wie Unternehmer mit Hilfe von Politikern systematisch Kinder missbrauchen und Pornographie produzieren, die vor allem in die USA verkauft wird. Der Unternehmer Jean Succar Kuri wurde im August 2011 für diese Verbrechen in den USA zu 112 Jahren Gefängnis verurteilt. Seine Verurteilung bestätigt die Richtigkeit von Cachos Recherchen. Dennoch wurde die Journalistin Ende 2005 aus Cancún entführt und in den zentralmexikanischen Bundesstaat Puebla gebracht, wo sie der Unternehmer Kamel Nacif Borge wegen Diffamierung und Verleumdung anklagte. Unterstützung erhielt er von dem damaligen Gouverneur des Bundesstaates, Mario Marín. Cacho hatte in ihrem Buch Verbindungen zwischen dem Textilunternehmer Borge und Succar Kuri nachgewiesen. Cacho wurde quer durch das Land gefahren, misshandelt und eingeschüchtert. Ihre Unterstützer_innen kauften sie aus dem Gefängnis frei, in dem sie, wie ihr angekündigt worden war, „gefoltert und vergewaltigt“ werden sollte“ (siehe LN 380). Cacho wurde freigesprochen. Und blieb mit ihrer Arbeit bei dem Thema: Für das 2010 erschienene Buch Esclavas del poder (Sklavinnen der Macht) recherchierte sie weltweit undercover und zeigte die internationalen Verbindungen des Menschenhandels. Diese Informationen, so denkt sie, haben zu der aktuellen Warnung geführt.
Schon seit 2009 fordert der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte die mexikanische Regierung auf, Cacho zu schützen. 2007 bot ihr der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen Asyl und rechtlichen Beistand an. Auch viele europäische Regierungen haben Cacho immer wieder politisches Asyl angeboten. Nur die mexikanische Justiz hat keinerlei Lösungsvorschläge für sie. Die Oberste Staatsanwältin Mexikos, Marisela Morales, riet ihr in Anbetracht der erneuten Drohungen, lieber ins Ausland zu gehen, berichtete Cacho am 20. August der spanischen Tageszeitung El País. „Das beste, was sie uns Journalisten anbieten, ist das Land zu verlassen. Sie haben weder den Willen noch die Mittel, Untersuchungen einzuleiten. Totales Scheitern“, resümierte sie.
Laut Reporter ohne Grenzen wurden seit dem Jahr 2000 in Mexiko 80 Journalist_innen ermordet. 14 weitere gelten als verschollen. Damit ist Mexiko weltweit eines der gefährlichsten Länder für Presseleute. Cacho will dennoch so bald wie möglich zurückkehren, um in Mexiko ihre Arbeit fortzusetzen. Sie will ihr Sicherheits-Netzwerk neu aufbauen und vor allem herausfinden, wer sie bedroht hat, sagte sie dem Guardian. Und dann den Namen öffentlich machen, wie sie es mit so vielen bereits getan hat.
//Dinah Stratenwerth


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Trügerischer Frieden

Zwei Monate nach dem parlamentarischen Putsch gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Paraguays, Fernando Lugo, ist es in den deutschsprachigen Mainstream-Medien still um das Land im Herzen Südamerikas geworden. Fast könnte man meinen, dass das Leben hier „normal und friedlich verlaufe“, wie es De-facto-Präsident Federico Franco gern gegenüber dem Ausland betont. Das ist aber nur eine Wunschvorstellung.
Als die damals der rechtmäßigen Regierung angehörende Radikal-Liberale Partei (PLRA) gemeinsam mit der Colorado-Partei (ANR) vom früheren Diktator Stoessner und der rechtsgerichteten Partei UNACE das Amtsenthebungsverfahren gegen Lugo auf den Weg brachte, musste es schnell gehen. Zu groß war die Gefahr, dass es zu einem Volksaufstand kommen könnte. So wurde nach einem Express-Prozess gegen den Amtsinhaber nach nur 24 Stunden sein ehemaliger Vize als Präsident vereidigt (siehe LN 457/458). Der Rechtsanwalt Alberto Alderete, der zusammen mit Kollegen eine Klage beim Obersten Gerichtshof gegen dieses Verfahren einreichte, sagte dazu:“Während ein einfacher Hühnerdieb 18 Tage Zeit hat, seine Verteidigung vorzubereiten, gaben sie dem Präsidenten weniger als sieben Stunden.“
Doch die Rechnung der Putschisten ging nicht auf. Schon kurz nach dem parlamentarischen Putsch mobilisierten linksgerichtete und soziale Bewegungen die Massen. Sie gründeten die „Front zur Verteidigung der Demokratie“ FDD, ein Zusammenschluss aus zwölf linksgerichteten Parteien und acht sozialen Bewegungen, unter der Führung der Frente Guasú, der Partei Fernando Lugos. Auf ihrer Internetseite paraguayresiste.com werden die Aktionen koordiniert und vor allem die Menschen informiert. Denn von einer unabhängigen Medienlandschaft kann man in Paraguay kaum sprechen. Noch am Abend des Tages der Amtsenthebung Lugos wurde der Direktor des einzigen öffentlichen und unabhängigen TV-Kanals entlassen. Diese Sendeeinrichtung wurde erst zu Zeiten Lugos eröffnet und war mit seinem „Offenen Mikrofon“ eine beliebte Einrichtung der Bürgerinnen und Bürger, um an politischen Debatten teilzunehmen. In den Tagen nach dem Putsch versammelten sich täglich viele Menschen rund um das Studio des Senders in der Hauptstadt Asunción, um gegen „die Verletzung der Demokratie und der Souveränität des paraguayischen Volkes“ zu demonstrieren. Seit vor ein paar Tagen ein neuer Direktor des Senders ernannt wurde, schweigt das „Offene Mikrofon“.
Waren es in den ersten Tagen überwiegend die verarmten Bevölkerungsteile, die ihrer Empörung auf Straßen und Plätzen bei Demonstrationen und Straßenblockaden landesweit Ausdruck gaben, meldeten sich bald auch immer mehr Vertreter_innen der Mittel- und Oberschicht zu Wort. Kunstschaffende und Personen aus Wissenschaft und Presse sowie Geistliche rufen im Internet unter der Überschrift „Keine Rückkehr in finstere Zeiten“ zum friedlichen Widerstand gegen die De-facto-Regierung auf. „Besorgt über die Zukunft unserer Nation, verpflichten wir uns, für immer friedlich weiter zu kämpfen für den Wiederaufbau einer freien, demokratischen und integrativen Republik, für unsere und die zukünftigen Generationen“, heißt es in dem Aufruf. Auch die paraguayische Menschenrechtskoordination Codehupy spricht von einem „parlamentarischen Putsch“ und erkennt die De-facto-Regierung Francos nicht als legitim an.
Die regierungstreuen Medien ignorieren die Protestbewegung, doch können sie dadurch nicht verhindern, dass sie beständig wächst. Gegenüber brasilianischen Medienvertreterinnen und Medienvertretern sagte Lugo im August, dass „die Linke niemals einen besseren Zeitpunkt“ hatte. Und er fügte hinzu: „Die Bürger Paraguays sind polarisiert wie niemals zuvor. Wenn die Linke es schafft, auch bisher unpolitische Kräfte zu aktivieren, hat sie Chancen“. Laut Lugo ist einer der großen Vorteile der Frente Guasú, dass sie sich von den traditionellen Parteien des Landes deutlich unterscheide. „Die paraguayische Rechte fiel in kürzester Zeit aus einer Euphorie in die Depression. Sie dachten, dass es leicht sei, den Putsch durchzuziehen. Sie dachten, dass die UNASUR (Gemeinschaft südamerikanischer Staaten, Anm. d. Red.) keine Sanktionen verhängen würde, dass die internationale Gemeinschaft sie anerkennen würde. Heute sind sie komplett isoliert“, hob er hervor. Tatsächlich haben bisher nur wenige Regierungen im Ausland die neue Regierung anerkannt – zu den wenigen, die Franco und seine Anhänger unterstützen, gehören unter anderem Kanada, Panama, der Vatikan und die USA.
Und auch Kanada verfolgt eigene Interessen. Der transnationale Konzern Rio Tinto Alcan, mit Sitz in Kanada, steht mit einem Bein in Paraguay. Der Konzern möchte in Paraguay vom niedrigen Strompreis profitieren und Aluminium herstellen, wofür man viel elektrische Energie benötigt. Unter der Regierung Lugos stagnierten die Verhandlungen, da bisher keine Einigung über den Strompreis zu erzielen war. Der Konzern will die Zusicherung einer 30-jährigen Strompreisbindung, bei der Paraguay erhebliche Einbußen hinnehmen müsste. Auch forderte die Regierung Lugos, dass die Weiterverarbeitung des hergestellten Aluminiums in Paraguay erfolgen sollte. Seit dem Antritt von Franco wurden die Verhandlungen wieder aufgenommen.
In einer Ansprache an die Bürgerinnen und Bürger Paraguays anlässlich des ersten Monats nach dem Putsch sagte Lugo: „Diejenigen, die den parlamentarischen Putsch inszeniert haben, blockieren die Soja-Steuer heute weiter, um dem Volk Geld zu rauben. Es sind diejenigen, die Geschäfte mit dem multinationalen Konzern Rio Tinto Alcan vorantreiben und dabei die Energiehoheit unseres Landes und die Rechte der Menschen verraten. Wir müssen verhindern, dass die Zeiten der Diktatur von Alfredo Stroessner zurückkehren, in denen die Politik von korrupten Oligarchen und Rauschgiftkartellen bestimmt wurde.“
Zum ersten Mal in der Geschichte Paraguays wurde von der „Front zur Verteidigung der Demokratie“ ein Sozialforum organisiert, das zeitgleich zum Nationalfeiertag am 14. und 15. August in der Hauptstadt Asunción stattfand. Die zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer tauschten sich in zwölf offenen Arbeitsgruppen mit dem Ziel aus, Strategien für den Widerstand gegen den parlamentarischen Putsch vom vergangenen 22. Juni zu entwickeln. Die Versammlungen fanden in Zelten statt, die auf der Plaza de Armas gegenüber dem Parlament aufgebaut waren. Die Diskussionen gingen unter anderem um die Themenbereiche Souveränität und Landreform, Menschenrechte sowie soziale Sicherheit und Mitbestimmung. Höhepunkt des Forums war eine Demonstration durch die Innenstadt von Asunción, an der sich tausende Menschen aller Altersgruppen, gesellschaftlicher und politischer Herkunft und aus allen Teilen des Landes beteiligten. Viele Demonstrierende meldeten sich zu Wort. „Ich bin eine von denen, die diese Situation jetzt im Land sehr empört“, sagte Maria del Rosario Corbalan, eine Bäuerin aus Capiatá. „Wir schienen plötzlich aufgewacht, waren vorher wie tot. Jetzt scheint das Land wieder zu sterben. Aber der Marsch heute macht mir große Hoffnung, dass unser Kampf weitergehen wird und wir die Demokratie bei der Wahl 2013 wiederherstellen werden.“
Viktor Florentin, Mitglied einer Vereinigung von bäuerlichen Kleinproduzent_innen, zeigte sich besorgt über die Agrarpolitik der De-facto-Regierung. Die dringend notwendige Bodenreform werde verschleppt und den transnationalen Gen-Saatgutherstellern Tür und Tor geöffnet. Der Indigene Joselino Fleitas verwies darauf, dass während der Regierungszeit von Fernando Lugo viele Verbesserungen für die Menschen indigener Abstammung begonnen haben. „Wir waren glücklich unter Lugo. Zum ersten Mal hatten wir Zugang zu medizinischer Versorgung“, so Fleitas.
Die schnell wachsende Demokratiebewegung geht quer durch alle Schichten und Bereiche des öffentlichen Lebens und bringt die neuen Machthaber immer mehr in Bedrängnis. Darauf reagieren sie mit zunehmenden Repressionen gegen Andersdenkende. Eine große Säuberungsaktion gegen Anhänger Fernando Lugos im öffentlichen Dienst findet statt. Ricardo Canese, Präsident der Frente Guasú, beklagte,  dass „Hunderte von Beamten und Funktionären in öffentlichen Einrichtungen entlassen wurden. Diese Entlassungen erfolgten nicht, weil sie eine schlechte Arbeit machten, sondern ausschließlich, weil sie Luguisten sind“. Allein im Wasserkraftwerk Itaipú wurden etwa 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgetauscht. Er verglich dieses Vorgehen mit der Zeit der Stoessner-Diktatur.
Auch Vertreter_innen der unabhängigen Medien werden in ihrer Arbeit behindert. Einen Fall schildert die FDD auf ihrer Internetseite paraguayresiste.com: Der Journalist Rufino Diana Barrios wollte zusammen mit einer Kollegin den alternativen Radiostationen „Voces Paraguay“ über die Vertreibung von Landlosen in Guido Almada, im Distrikt Cleto Romero berichten, als er sich massiver polizeilicher Verfolgung ausgesetzt sah. Während er mit mehreren Radiosendern telefonierte, wurden sie von etwa 30 Polizist_innen umringt. Sie nahmen ihm sein Handy ab und die Kamera, auf der etwa 300 Bilder der Vertreibung dokumentiert waren. Bei der Aktion hatten 150 Berittene und 1.000 Polizisten mehrere Unterkünfte der Landlosen in Brand gesetzt. Rufino Barrios wandte sich an den Staatsanwalt, der die Räumung beaufsichtige. Dieser verwies ihn an die örtliche Polizeidienststelle, die seine Anzeige aber nicht entgegennahm, da er keinen zweiten Zeugen präsentieren konnte. In den staatstreuen Medien werden diese Fälle totgeschwiegen. Ignacio Ramonet, Kommunikationswissenschaftler und Kritiker der Medien-Diktatur in Paraguay, sagte dazu: „In den Medien in dieses Landes herrscht Parteilichkeit, Mangel an Objektivität, Lügen, Manipulation von Informationen, oder einfach gesagt, Betrug.“
Aber die Menschen in Paraguay haben ein politisches Bewusstsein entwickelt. Sie wissen nun, dass eine Mitbestimmung nach 60 Jahren Diktatur möglich ist, auch wenn der Weg nicht geradlinig läuft. Und den Worten Fernando Lugos ist nichts hinzuzufügen: „Sie können uns aus dem Regierungspalast vertreiben, aber nicht aus den Herzen der Menschen.“


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Wir sind zwar klein, aber doch ganz groß

Am 6. August 1962 errang Jamaica als erste der britischen Karibikinseln die formale Unabhängigkeit vom Vereinten Königreich. Die Beziehungen zum »Mutterland« sind bis heute ambivalent. Doch in diesen Tagen überwiegt Optimismus, nicht zuletzt angesichts der grandiosen Siege der Sprinter_innen bei den Olympischen Spielen in London.
Selbst der Zeitplan von Olympia schien sich an Jamaicas Unabhängigkeitsdatum zu orientieren. Nachdem Sprinterin Shelly-Ann Fraser-Price, eine 25-Jährige aus einem Armenviertel der Hauptstadt, zwei Tage vor dem Tag der Unabhängigkeit im 100-Meter-Lauf der Frauen triumphierte, konnte nur noch ein Mann die Stimmung toppen: Usain „Lightning“ (Blitz) Bolt. Für ein paar Sekunden wurde Jamaicas Hauptstadt Kingston regelrecht lahmgelegt, als der derzeit populärste Jamaicaner mitten im Zentrum der ehemaligen Kolonialmacht der Welt erneut sein außergewöhnliches Talent zur Schau stellte: Olympiasieg in 9,63 Sekunden, schneller als in Peking 2008 und das am Vorabend des Unabhängigkeitstages. „Ich habe Euch gleich gesagt, ich werde dem Land etwas schenken, dies ist mein Geburtstagsgeschenk, herzlichen Glückwunsch Jamaica“, sagte der schnellste Mann der Welt nach dem Rennen.
Bolts´ Sieg am Vorabend des 6. August passte perfekt in die Szenerie: Zum 50. Jahrestag der nationalen Unabhängigkeit Jamaicas sind viele Gebäude in der Hauptstadt Kingston in den Nationalfarben schwarz-gold-grün geschmückt, Fahnen wehen am Himmel, die meisten Jamaicaner_innen tragen Outfits in den Farben des Landes, „Jamaica 50“-Accessoires aller Art lassen keinen Zweifel: Das Land ist in Feierstimmung. Die offiziellen Feierlichkeiten finden im „Golden Jubilee Village“ rund um das Nationalstadion statt, dem Ort an dem die jamaicanische Flagge am 6. August vor 50 Jahren zum ersten Mal gehisst wurde und an dem die über 300-jährige Kolonialherrschaft Großbritanniens ein Ende nahm.
Beflügelt von den olympischen Erfolgen feiern tausende Jamaicaner_innen ausgelassen und genießen die große Gala mit Auftritten beliebter Reggaekünstler, Tanzperformances, kulturellen und nicht zuletzt kulinarischen Highlights wie Curry Goat (Ziegencurry), Jerk Chicken (traditionell gewürztes Hühnchen) sowie Ackee and Saltfish (die Nationalspeise, eine proteinhaltige Frucht und Stockfisch).
Einige wenige Ausnahmen, wie etwa die angesehene jamaicanische Schriftstellerin und Historikerin Dr. Erna Brodber, äußern ihre Bedenken, dass Jamaica noch immer keinen richtigen Umgang mit seiner Freiheit gefunden hat. Sie plädiert im Fernsehen dafür, dass die Menschen sich nicht nur über das Erreichte freuen, sondern sich mehr mit den Missständen in der Gesellschaft, mehr mit ihrer Geschichte, Kultur und Herkunft beschäftigen sollten. Auch die Sänger_innen Tony Rebel und Queen Ifrica finden während ihres Auftrittes auf der offiziellen Gala nachdenkliche und kritische Worte.
Doch eine beunruhigende Grundstimmung war die Ausnahme rund um den Jubel der Unabhängigkeit. Es überwog der Optimismus, befeuert durch die Siege auf der Leichtathletikbahn. Das jamaicanische Sprichwort „we likkle but we tallawah“, („wir sind zwar klein, aber doch ganz groß“) beschreibt die Stimmung, das Gefühl, dass die kleine Karibikinsel zumindest in einer Hinsicht alle anderen in den Schatten stellen kann. Premierministerin Portia Simpson-Miller und ihre Parteikolleg_innen von der sozialdemokratischen People’s National Party (PNP), ebenso wie die Repräsentant_innen der Opposition, der Jamaica Labour Party (JLP) unterstreichen Jamaicas Verdienste und Errungenschaften. Wieder und wieder wird die Stabilität der jamaicanischen Demokratie beschworen, vergessen scheint die bittere Rivalität zwischen beiden Parteien, die im Vorfeld nahezu jeder Wahl in den vergangenen 50 Jahren zu Gewaltausbrüchen und erhöhten Mordraten führte. Nicht einmal der tropische Sturm „Ernesto“ konnte die ausgelassene Feierstimmung trüben. Fröhlich feiern Jung und Alt gemeinsam, wieder und wieder ertönt die offizielle Hymne zum 50. Jahrestag „On a mission“, gesungen von einigen der populärsten Sänger_innen der Insel – doch die Frage welche, Mission dies eigentlich ist, bleibt erst einmal offen.
Nach den Feierlichkeiten kehrte das Land schnell wieder zurück in die Realität, in der die Mehrzahl der Jamaicaner_innen mit den täglichen Herausforderungen kämpft, um die eigene Familie ernähren und die Kinder in die Schule schicken zu können.
Auch wenn die aktuelle weltweite Wirtschaftskrise und die politische Situation die Verhältnisse negativ beeinflussen, so liegen die Wurzeln für viele Probleme in der Vergangenheit. Sklaverei, Ausbeutung der Rohstoffe, tief in der Gesellschaft verwurzelter Rassismus und große Einkommens-ungleichheit in der Bevölkerung – die jahrhundertelange Kolonisierung hat in den jungen, postkolonialen Gesellschaften in der Region Spuren hinterlassen. Das nationale Motto „Out of Many One People“ (Aus vielen Völkern ein Volk) ist bis heute umstritten und erscheint eher als Wunschdenken, denn als Realität. Es sollte der Homogenisierung der Bevölkerung dienen, die überwiegend aus Nachkommen der versklavten Afrikaner_innen, aber auch aus den Nachkommen der indischen Vertragsarbeiter_innen, der Migrant_innen aus dem arabischen und asiatischen Raum sowie einer kleinen europäischen Minderheit besteht. Oft wird unterstellt, dass das Motto von Anfang an dazu diente, über die bis heute existierenden rassistischen Diskriminierungen hinwegzutäuschen. Tatsächlich besteht die Gesellschaftsordnung mit einer kleinen, überwiegend „weißen“ Oberschicht, einer „braunen“ Mittelschicht und einer überwiegend „schwarzen“ Unterschicht in den Grundzügen bis heute. Die Spaltung der Gesellschaft drückt sich heute in den Begriffen von „Uptown“ und „Downtown“ aus, die meisten Stadtviertel sind relativ eindeutig der einen oder der anderen sozialen Schicht zuzuordnen, auch wenn nicht alle Armenviertel wirklich im Süden der Stadt, in Downtown, gelegen sind.
Die lange Zeit der Fremdherrschaft hatte starke Auswirkungen auf die Psyche der Menschen. Viele Jamaicaner_innen verinnerlichten die rassistischen Stereotype sowie die Propaganda der Briten und fühlten sich als Teil des glorreichen Britischen Empires, weshalb es im Land selbst viele Jahre kein starkes Verlangen nach politischer Eigenständigkeit gab. Viele Jamaicaner_innen glaubten der paternalistischen Einschätzung der Engländer_innen, dass das Land nicht in der Lage sei, sich selbst zu regieren. Es ist daher kein Zufall, dass die Forderung nach Unabhängigkeit und der Gründung einer politischen Organisation nicht im Land selbst entstand, sondern 1936 in radikalen Kreisen jamaicanischer Emigrant_innen in Harlem, auf Initiative W. Adolphe Roberts. Der Historiker, Journalist, Schriftsteller und Verehrer der lateinamerikanischen und karibischen Nachbarländer, die seit Jahrhunderten ihre Unabhängigkeit erkämpft hatten, fand in Harlem Unterstützung für seine Idee, die antikoloniale Organisation „Jamaica Progressive League“ (JPL) zu gründen. 1937 riefen Jamaicaner_innen in Kingston eine Partnerorganisation ins Leben, die jedoch in Radikalismus und Einfluss hinter der JPL in New York zurückblieb. Auch wenn die Ideen große Auswirkungen auf die entstehende politische Landschaft in Jamaica und insbesondere auf die PNP und ihren Gründer Norman W. Manley hatten, blieb eine starke anti-koloniale Bewegung in Jamaica aus.
Der Zweite Weltkrieg verlangsamte die Entwicklung der jungen politischen Szene. Nach der Schwächung durch den Krieg änderte Großbritannien seine Politik gegenüber den Kolonien in der Karibik und machte Zugeständnisse an die wachsende Supermacht USA, die ihre ökonomischen und militärischen Interessen in der Region geltend machte. Die beiden Großmächte einigten sich auf ein Modell, das die Kolonien in der „West Indies Federation“ zusammenschloss, die langsam als unabhängiger Nationalstaat in die politische Unabhängigkeit entlassen werden sollte. Nach zähen Verhandlungen und vielen Schwierigkeiten wurde die Föderation 1958 Realität, doch die Streitigkeiten zwischen den ungleichen Partnerländern, die zum Teil viele tausend Kilometer voneinander entfernt sind, wollten kein Ende nehmen. Während die PNP an dem Konzept festhielt, änderte die JLP unter Alexander Bustamante ihren Kurs und stieg auf eine nationalistische Agitation ein. Als der amtierende Premier Manley schließlich ein Referendum ausrief, um über den Verbleib in der Föderation zu entscheiden, stimmten 54 Prozent dagegen. Großbritannien entließ mit knirschenden Zähnen Jamaica und Trinidad & Tobago 1962 in die Unabhängigkeit, während die kleineren Inseln zunächst im Britischen Empire verblieben.
Die postkoloniale Herausbildung unabhängiger Nationen in den Karibikstaaten war von großen Herausforderungen geprägt: ökonomische Schwierigkeiten, soziale Spannungen, politische Konflikte, die geographische Nähe zu den USA. In Jamaica machen es der Drogen- und Waffenhandel und ein auf Klientelismus beruhendes Zwei-Parteiensystem schwer, zu einer positiven Identität und einer stabilen Gesellschaftsordnung zu gelangen. Die auf dem Papier stabile Demokratie garantiert demnach keine friedlichen und fairen Wahlen und die innerstädtischen Armenviertel, die songenannten Garrisons, unterstehen der Kontrolle der Drogenbarone. Organisierte Kriminalität ist dort tagtägliche Realität und unkontrollierbar geworden.
Das wurde zuletzt im Mai 2010 bei der Suche nach dem mutmaßlichen Drogenhändler Christopher „Dudus“ Coke deutlich, als über 70 Menschen der Polizeirazzia zum Opfer fielen.
Die ersten 50 Jahre als eigenständiger Staat und die allgemeine weltwirtschaftliche Krisenlage zeichnen kein allzu rosiges Bild von Jamaica. Für die Jamaicaner_innen ist das freilich kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Durch bessere Bildungschancen für alle gesellschaftlichen Schichten, kreative Ideen, Selbstbewusstsein und Innovationen kann es einer neuen Generation gelingen, die Nachwirkungen von Sklaverei, Kolonialismus und neokolonialen Strukturen einzudämmen. Die Zukunft positiver zu gestalten, wird indes sicher kein leichter Weg.


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Die brillante Unmäßigkeit des Carlos Fuentes

Herr Volpi, Sie haben den gerade verstorbenen Carlos Fuentes gut gekannt. War er für Sie auch literarisch ein Vorbild?
Als ich 16 Jahre alt war, las ich Fuentes‘ großen Roman Terra Nostra. Diese Lektüre hat meinen Begriff davon, was Literatur ist, drastisch verändert. Sicher, ich habe später andere Autoren gelesen, die noch mehr riskieren, James Joyce zum Beispiel. Aber ich glaube, es liegt an Terra Nostra, dass ich Schriftsteller geworden bin.

Was hat Sie daran so fasziniert?
Fuentes bringt mehrere Epochen, die unterschiedlichsten Personen und Figuren und alle möglichen Orte zusammen und macht daraus einen irrsinnigen Text, der mir eine exzellente Darstellung unseres rasenden, zyklopenhaften Lateinamerika zu sein scheint. Fuentes hat einmal gesagt, er habe eigentlich nur einen einzigen Roman geschrieben, La edad del tiempo, der sich wie ein Sternbild aus all seinen publizierten Büchern zusammensetzt. Das begreife ich als sein Erbe für mich: die enormen, abgründigen Welten, die er erfand. Und sicherlich nicht nur er, sondern auch die anderen Autoren der Boom-Generation, die mich übrigens auch heute noch begeistern. Dennoch sind es dann wieder einzelne Werke, die mir besonders wichtig waren. Neben der brillanten Unmäßigkeit von Terra Nostra war es vor allem die Erzählung Aura, die mit ihren nur 62 Seiten ein absolut perfekter Text ist.

Aura erschien 1962, Terra Nostra 1975. Haben Sie die späteren Romane von Fuentes nicht mehr so überzeugt?
Es ist wie mit vielen Boom-Autoren: Die frühen Werke sind ihre besten. In den späteren Werken hat Fuentes nicht mehr so viel riskiert, und es wird wohl so sein, dass die Bücher, die ich erwähnt habe, oder auch Romane wie Landschaft in klarem Licht oder Der Tod des Artemio Cruz auf lange Sicht am meisten geschätzt werden.

Was den Schreibstil anbelangt, ist Fuentes ziemlich weit von Ihnen entfernt. Vor allem in seinen frühen Werken ist er mit der Sprache sehr experimentell umgegangen. Ihre Romane scheinen da konventioneller erzählt.
Wie viele Autoren der Gegenwart schreibe ich weniger avantgardistisch, das stimmt. Gerade meine längeren und bekannteren Romane sind vergleichsweise linear erzählt, und es wird an der Oberfläche nicht so sichtbar, wie ich mit der Sprache experimentiere. Für andere Bücher gilt das nicht, beispielsweise für Oscuro bosque oscuro, ein Roman, der in Versform geschrieben ist. Das ist eines der Bücher, die ich selbst besonders mag. Aber er ist schwieriger zu lesen. Sicher ist das ein Grund dafür, dass er nicht ins Deutsche übersetzt wurde.

In Ihren literarischen Werken stellen Sie häufig reale Personen ins Zentrum, in Das Klingsor-Paradox etwa eine Reihe von Atomphysikern der vierziger, fünfziger Jahre, insbesondere Werner Heisenberg. Warum?
Zunächst einmal sind das Stoffe, die mir mehr oder weniger zufällig begegnen und die mich interessieren. Und ich glaube, mit dem fiktionalen Schreiben bieten sich einem auch Möglichkeiten, mit ganz realen Sachverhalten umzugehen. Man formt sie im Roman um und deutet sie zugleich – und das ist genauso viel wert, wie wenn wir das in der Wirklichkeit tun.

In den Kritiken über Das Klingsor-Paradox wurden Sie heftig dafür angegriffen, dass Heisenberg überhaupt nicht so ein Nazi war, wie Sie das im Roman darstellen.
In Buchbesprechungen, die in Mexiko und den USA erschienen, stand gerade das Gegenteil: dass Heisenberg bei mir viel weniger Nazi ist, als er das in Wirklichkeit war. Das zeigt doch, dass auch eine historische Persönlichkeit gar nicht so genau fixiert werden kann.

Aber hätten Sie nicht viel mehr Freiheit, wenn Sie sich von den realen Gestalten lösen würden? Warum riskieren Sie so viel Konflikt?
Weil mich die konkrete Person, zum Beispiel Heisenberg, wirklich interessiert. Der Roman ist eine bessere Form, sich einer Person zu nähern, als eine Biographie oder eine historische Darstellung. Und zwar gerade wegen der Möglichkeit, sich vorzustellen, wie diese Person gewesen sein könnte oder müsste. Das kann man nur in einem fiktionalen Text.

Kommen wir noch einmal auf Carlos Fuentes zu sprechen. Über ihn wurde einmal gesagt, er habe Mexiko für die Welt geöffnet und die Welt für Mexiko. Sie hingegen lassen Ihre Romane häufig außerhalb von Mexiko spielen. Setzen Sie Fuentes‘ Anliegen sozusagen spiegelbildlich fort?
Das weiß ich nicht. Jedenfalls mache ich das nicht bewusst. Ich habe immer über die Themen geschrieben, die mich interessieren – warum das so oft außermexikanische Themen sind, ist mir selbst nicht klar. Aber übrigens sind es auch nur meine fiktionalen Texte, die in Europa oder den USA spielen. Meine Essays beschäftigen sich hingegen mit Lateinamerika und Mexiko.

Auch Fuentes war nicht nur Schriftsteller, sondern auch ein sehr einflussreicher Essayist. Aber man hat ihn in Mexiko in den vergangenen Jahren immer wieder kritisiert, weil er nicht mehr genügend im Lande verankert gewesen sei. Können Sie das teilen?
Nein. Fuentes hat zwar die eine Hälfte des Jahres in London gelebt, die andere aber in Mexiko. Er war voller Neugier und bestens über alles informiert, was in Mexiko vor sich ging. Was allerdings stimmt: Generell hat die Bedeutung der Intellektuellen für die öffentlichen Diskurse in Mexiko nachgelassen. Die Auffassung, dass die politische Meinung eines Schriftstellers sehr wichtig ist – zu nennen wären auch Octavio Paz, Carlos Monsiváis oder Elena Poniatowska –, hat sich verflüchtigt. Hierfür ist die Abwahl des PRI-Regimes von 2000 von großer Bedeutung gewesen. Die Gesellschaft ist seither viel offener geworden, es gibt jetzt viel mehr Persönlichkeiten, deren Stimme wahrgenommen wird: Politologen, Historiker, Leute aus dem Medienbereich. Wir Schriftsteller können zu den öffentlichen Debatten nur noch ganz wenig beitragen.

Kasten:

Jorge Volpi

geboren 1968 in Mexiko-Stadt, ist einer der bekanntesten und produktivsten Schriftsteller Mexikos. Ende der 1980er Jahre gründete er mit Ignacio Padilla, Pedro Ángel Palou und anderen die literarische Gruppe „Generación Crack“.
Der Durchbruch gelang Volpi 1999 mit dem Roman En busca de Klingsor, der mittlerweile in fünfundzwanzig Sprachen übersetzt wurde. Er erschien 2001 bei Klett-Cotta unter dem Titel Das Klingsor-Paradox.
Im selben Verlag liegen vor: Der Würgeengel (2002) und Zeit der Asche (2009). Vier Jahre lang leitete Jorge Volpi den mexikanischen Kultur-Fernsehkanal Canal 22.


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Alte Wege verlassen

Unsere Konzepte von Entwicklung und Natur sind kulturell tief verwurzelt, wie konkrete Sachverhalte zeigen. So war 1791 in der ersten Ausgabe der Tageszeitung El Mercurio Peruano, herausgeben in Lima, damals Hauptstadt des Vizekönigreichs Peru der spanischen Kolonie, zu lesen, dass der Bergbau die größte, wenn nicht gar die einzige Quelle des Reichtums von Peru sei. Mehr als zwei Jahrhunderte später scheint die Haltung im Grunde dieselbe zu sein, wenn der peruanische Präsident Ollanta Humala entgegen seinen Wahlversprechen den Bergbau erneut vorantreibt. Er tut dies im Bruch mit einem Großteil seiner Wählerbasis sowie entgegen der Empfehlungen von Fachleuten und Forderungen von Aktivist_innen aus der Linken, und verbündet sich stattdessen mit konservativen und wirtschaftsnahen Kreisen.
Peru ist dabei kein Einzelfall. Das günstige Klima für Bergbau, Erdöl- und Erdgasförderung, Monokulturen in der Landwirtschaft sowie andere Formen von Extraktivismus hat sich auf alle Länder Lateinamerikas ausgedehnt, ob nun unter den konservativen Regierungen Kolumbiens oder Chiles, oder unter progressiven wie in Argentinien, Brasilien oder Venezuela. Sie sind auf Exporte ausgerichtet, ziehen schwerwiegende soziale und ökologische Konsequenzen mit sich und folgen den hohen Rohstoffpreisen wie auch der Nachfrage Chinas und anderer asiatischer Staaten. Der größte Bergbaubetreiber ist, entgegen mancher Erwartung, Brasilien. Von 2001 bis 2011, unter der Mitte-Links-Regierung von Luiz Inácio „Lula“ da Silva, wurde der Bergbau massiv ausgebaut. Das Abbauvolumen der wichtigsten Mineralien beläuft sich auf 410 Millionen Tonnen, mehr als das aller Andenstaaten zusammen.
Die globale Gesamtsituation macht die exportorientierte Bergbau- und Agrarindustrie zu einem einträglichen Geschäft. Die andauernde Wirtschafts- und Finanzkrise in der EU und den USA erklärt, warum das Kapital sich vielerorts dem Primärsektor zuwendet. Selbst Staaten, die bisher nie Großbergbaubetriebe hatten, wollen heute davon profitieren, so etwa Ecuador, wo die Regierung Rafael Correas kürzlich Verträge zur Kupferförderung im großen Stil unterzeichnet hat (Lagerstätte Mirador). Oder Uruguay, wo unter Präsident José Mujica die massenhafte Extraktion von Eisenerz vorangetrieben wird (Aratirí-Projekt). In beiden Fällen sind linke Regierungen an der Macht. Das Gleiche geschieht in Kolumbien, wo der konservative Präsident Juan Manuel Santos das Bild von der „Lokomotive“ Bergbau geprägt hat, die die Wirtschaft des Landes anschieben soll.
So lässt sich eine neue Phase der Ausdehnung des Extraktivismus in ganz Lateinamerika feststellen. Der Begriff Extraktivismus beschreibt die Förderung riesiger Mengen von Bodenschätzen, die hauptsächlich für den Export gedacht sind. Die Bergbau- und Erdölstaaten streben eine Erhöhung der Fördermengen durch intensivere Ausbeutung bereits bestehender Projekte, Eröffnung neuer Förderstätten und die Förderung bisher ungenutzter Rohstoffarten an. Dazu gehören zum Beispiel Lithium in Bolivien oder Schiefergas in Argentinien. Bodenerkundungen finden in immer entlegeneren und schwerer zugänglichen Gebieten sowie unter stetig steigenden Risiken statt, etwa im Amazonas-Regenwald oder auf dem Atlantik-Schelf. Auch die Produktion von Agrarrohstoffen gewinnt einen extraktivistischen Charakter: Monokulturen werden auf riesige Flächen ausgeweitet und weitgehend unverarbeitet exportiert. Das bekannteste Beispiel hierfür ist der Sojaanbau in Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay.
Lateinamerika übernimmt die Rolle des Rohstofflieferanten der Globalisierung. Seit der Kolonialzeit und über die Zeit der Republiken hinweg kehrt diese Funktion immer wieder in abgewandelter Form zurück. Geändert haben sich nur die Gründe, mit denen die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen gerechtfertigt werden. Während sich konservative oder neoliberale Regierungen auf alte Konzepte von der Rolle des Marktes und von ökonomischem Wachstum zur „Ausschüttung“ von Gewinnen für die Gesellschaft beziehen, ist es für Linke schwieriger, den Extraktivismus zu verteidigen, hatten sie diese Form der Rohstoffausbeutung doch unlängst noch kritisiert.
Die Regierungslinke hat jedoch einen grundlegenden Wandel durchgemacht. Sie hat mit dem Extraktivismus nicht gebrochen, sondern ihn reformiert, zur Erfüllung ihrer Wünsche nach Wirtschaftswachstum und Wählerbindung.
Es stimmt, dass die Regierung von Hugo Chávez in Venezuela oder Evo Morales in Bolivien sich deutlich von vorhergehenden Regierungen unterscheiden und dass sie vielfach Erfolge verzeichnen konnten, insbesondere im Kampf gegen die Armut. Man muss aber auch erwähnen, dass diese Fortschritte durch eine Erhöhung der Rohstoffexporte finanziert wurden und den hohen Weltmarktpreisen zu verdanken sind. Der Neue Extraktivismus der progressiven Regierungen geht in einigen Fällen mit einer verstärkten staatlichen Präsenz einher, beispielsweise durch nationale Erdölgesellschaften. Teilweise werden höhere Förderlizenzen oder Steuern verlangt, etwa auf Erdöl und Erdgas in Bolivien, Ecuador und Venezuela. Der Extraktivismus wird als unverzichtbar für die Finanzierung unterschiedlicher Sozialprogramme erklärt, wenngleich diese häufig nicht über monatliche Transferzahlungen hinausgehen. Zweifellos sind diese Hilfszahlungen für die ärmsten Teile der Bevölkerung unabdingbar. Soziale Gerechtigkeit darf sich jedoch nicht auf derartige Zahlungen beschränken.
Soziale Auswirkungen, wie die Umsiedlung von Gemeinden oder die Zerstörung regionaler Ökonomien, sowie ökologische Folgen, wie Entwaldung und Umweltverschmutzung, werden regelmäßig klein geredet oder abgestritten. Diese Situation macht den Ausbruch von sozialen Protesten gegen den Extraktivismus verständlich. Die Konfliktlagen bestehen in allen Teilen des Kontinents, von Patagonien bis zur Karibikküste von Guyana und Surinam und unter jedweder Regierung. Die Kontinuität der Ausbeutung von Natur und des ökonomischen Wachstums ist dermaßen deutlich, dass selbst linke Präsident_innen sich über soziale und ökologische Forderungen lustig machen, Anführer_innen der Proteste kritisieren, sie mit Prozessen verfolgen oder ihre Organisationen attackieren. Man solle den Reichtum der Natur des Kontinents nicht nur wie bisher ausbeuten, sagen sie, sondern diesen Trend sogar verstärken.
Der uralte Mythos von Eldorado wird wiederbelebt, einem Kontinent voll natürlicher Reichtümer, die praktisch unendlich seien und die Nachfrage nicht nur der eigenen Bevölkerung, sondern des gesamten Planeten befriedigen könnten. Ökologische Grenzen der Rohstoffausbeutung und des Tempos, mit dem sie durchgeführt wird, werden nicht respektiert. Selbst wenn Probleme eingestanden werden, wird behauptet, diese könnten technisch gelöst werden, beziehungsweise die wirtschaftlichen Gewinne würden die sozialen und ökologischen Schäden wettmachen. Die massenweise Förderung von Rohstoffen dient einem auf materiellem Wachstum basierenden Entwicklungsmodell, das wirtschaftlichen Wohlstand und steigenden Konsum in den urbanen Zentren Lateinamerikas generiert. In den Städten gibt es riesige Einkaufszentren und marginalisierte Bevölkerungsschichten konsumieren heute in vorher ungekanntem Ausmaß.
Vor diesem Hintergrund kommen in einigen Ländern Debatten über den Ausstieg aus der Abhängigkeit vom extraktivistischen Modell auf. Miteinbezogen wird darin der veränderte politische Kontext. In den Debatten kommt die Forderung auf, dass in der Suche nach Alternativen sowohl eine tiefgreifende Diskussion über Entwicklungskonzepte enthalten sein, als auch der politische Diskurs der progressiven Regierungen eine neue Richtung einschlagen muss, der bisher Extraktivismus als notwendig für die Armutsbekämpfung darstellt. In einem Transitionsprozess werden post-extraktivistische Strategien als Alternativen zum bisherigen Entwicklungsmodell angestrebt. Dringende Maßnahmen müssen umgesetzt werden, um die schwerwiegendsten Auswirkungen von Bergbau- und Erdölprojekten zu verhindern. Dazu gehören beispielsweise die Schließung besonders umweltschädlicher Förderstätten oder die Reform der Besteuerungsgrundlagen, um die Notwendigkeit neuer extraktivistischer Investitionen auszuschließen. Weiterhin ist eine ausgewogene territoriale Nutzung notwendig, sowie die Sichtbarmachung der ökonomischen Kosten von sozialen und ökologischen Schäden. Ökologische und ökonomische, soziale und politische Maßnahmen werden miteinander verknüpft, um die Fokussierung auf den Extraktivismus zu entschärfen und tiefgreifende Veränderungen zu ermöglichen. Akute Maßnahmen müssen dabei mit langfristigen Projekten verbunden werden, um den Ausstieg aus dem gegenwärtigen Fortschrittsmodell zu erreichen.


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Venezuela klebt am Öl

It’s the oil price, stupid! Auf die Entwicklung des Ölpreises könnte sich Venezuelas Präsident Hugo Chávez berufen, wenn er begründen müsste, warum Venezuelas Wirtschaft allen Diversifizierungsbemühungen zum Trotz immer noch extrem vom Schwarzen Gold abhängt. Ölexporte machen nach wie vor rund 90 Prozent der Exporterlöse des Mitglieds der Organisation Erdölexportierender Länder (OPEC) aus, die Öl- und Gasindustrie ist für etwa ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts verantwortlich und trägt rund die Hälfte zu den Staatseinnahmen bei.
Als Chávez im zweiten Halbjahr 1998 seine erste Wahl gewann, dümpelte der Ölpreis im Zuge der Asienkrise bei rund zehn US-Dollar pro Barrel (Ein Barrel sind 159 Liter). Kein Wunder, dass Chávez schon zu Beginn seiner Amtszeit 1999 verkündete, dass er neben der Neuordnung der Ölgesellschaft PdVSA auch Landwirtschaft, Industrie und Tourismus neu ausrichten werde, um dem Auf und Ab des Ölpreises mit all seinen Konsequenzen für die venezolanische Konjunktur weniger ausgeliefert zu sein.
Doch so tief wie im Jahr 1998 steht der Ölpreis schon lange nicht mehr: Der Trend geht eindeutig nach oben. Dafür sorgt zum einen die generelle Begrenztheit der Vorkommen, die im so genannten Peak Oil kulminieren, dem Punkt an dem das Globale Ölfördermaximum erreicht ist, bevor es unweigerlich nach unten geht. Dieser Punkt ist nicht exakt wissenschaftlich bestimmbar, auch weil immer wieder neue Ölvorkommen entdeckt werden, die meist jedoch aufwändiger Fördermethoden bedürfen. Die Produktion eines Fasses Rohöls auf neu erschlossenen Feldern kostet im weltweiten Durchschnitt zwischen 50 und 80 US-Dollar – bei den alten Feldern im saudischen Wüstensand liegen sie bei zwei bis drei US-Dollar.
Hinzu kommen politische Faktoren, wobei vor allem Krisen die Preise beeinflussen. Letztes Jahr war es insbesondere der Bürgerkrieg in Libyen, derzeit sind es die israelischen Drohungen mit einem Militärschlag gegen den Iran, die für Unruhe sorgen und zudem Spekulant_innen auf den Plan rufen. Ein Barrel der Nordseesorte Brent zur Auslieferung im Oktober kostete am 27. August 114,82 US-Dollar. Die Preise steigen, obwohl wegen der schwächelnden Weltkonjunktur und damit einhergehender sinkender Gesamtnachfrage eigentlich ein Preisrückgang zu erwarten wäre. Vom Rekordhoch von 147,50 US-Dollar im Sommer 2008 sind die Preise zwar noch weit entfernt, doch sie sind hoch genug, um den Druck auf Venezuela zu mildern. Die mühseligen Diversifizierungsversuche drohen so einmal mehr auf die lange Bank geschoben zu werden.
Wie stark Venezuelas Wirtschaftsentwicklung mit dem Ölpreis verbunden ist, lässt sich in den Jahren seit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 nachzeichnen. Der globale Wirtschaftseinbruch in den beiden Folgejahren ging mit sinkenden Ölpreisen einher, die zwischenzeitlich lediglich 30 bis 40 US-Dollar pro Barrel betrugen und bescherten Venezuela eine kräftige Rezession von 3,2 Prozent im Jahr 2009 und 1,5 Prozent im Folgejahr. Erst nachdem der Ölpreis wieder stieg, erholte sich auch die venezolanische Wirtschaft und verzeichnete im Jahr 2011 wieder ein Wachstum von 4,2 Prozent, dass dieses Jahr vermutlich sogar übertroffen wird.
Das grundlegende Problem Venezuelas ist die sogenannte Holländische Krankheit. In den Niederlanden wurde in den 1960er Jahren nach dem überraschenden Fund reichhaltiger Erdgasvorkommen zum ersten Mal festgestellt, dass sich Rohstoffreichtum in einen Fluch verwandeln kann. Der Zufluss von reichlich US-Dollar aus dem Rohstoffexport führt zu einer Aufwertung der eigenen Währung. Der angenehme Aspekt daran ist, dass sich die Importkapazität des Landes erhöht, sprich sich das Land mehr Güterimporte leisten kann. Der negative und schwer wiegende Nachteil besteht darin, dass einheimische Produzent_innen an Wettbewerbsfähigkeit verlieren, sowohl gegenüber Importeuren als auch auf dem Weltmarkt, sofern es sich um Unternehmen handelt, die etwas anderes als Rohstoffe exportieren. Der Verlust an Arbeitsplätzen in jenen Sektoren ist fast unumgänglich. Die ganze Volkswirtschaft bekommt so mehr und mehr Schlagseite in Richtung des dominanten Rohstoffsektors, in Venezuela dem petrochemischen Sektor.
In Venezuela hat die Holländische Krankheit unter anderem die einheimische Landwirtschaft befallen. Das Land ist seit Jahrzehnten auf beträchtliche Nahrungsmittelimporte angewiesen, obwohl es potenziell an geeigneten Agrarflächen nicht fehlt. So ist Venezuela das einzige südamerikanische Land mit einer negativen Agrarbilanz. Im Jahr 2010 standen Agrarexporten von 59 Millionen US-Dollar rund 5 Milliarden US-Dollar Importe gegenüber, belegen die Zahlen der Lateinamerikanischen Integrationsvereinigung ALADI. Egal ob Fleisch, Milch, Getreide, Fette oder Öle: Venezuela ist Nettoimporteur. Laut dem venezolanischen Statistikamt INE sind in den vergangenen 13 Jahren die Nahrungsmittelimporte um 230 Prozent gestiegen und haben sich damit mehr als verdreifacht.
Dabei war die Regierung Chávez nicht untätig. Schon im Jahr 2001 wurde mit einem Landgesetz der Weg für eine Agrarreform geebnet. Das Nationale Landinstitut INTI verteilte in den Jahren 2003 und 2004 insgesamt 2,3 Millionen Hektar brachliegendes Staatsland an Kooperativen, danach wurden noch über 100.000 landlose Familien mit enteignetem ungenutztem Privatland ausgestattet. Mit dem Plan Zamora greift die Regierung seit dem Jahr 2003 Kleinbauern und -bäuerinnen mit Krediten, Bildungsangeboten, Investitionen in Vertriebswege, Häuserbau, Wasser und Infrastruktur unter die Arme. All dies hat zwar die nationale Produktion bei Agrargütern nach Angaben der Regierung von 1999 bis 2011 um 44 Prozent nach oben getrieben, doch noch kräftiger wuchs die Kaufkraft und dementsprechend der Konsum der ärmeren Bevölkerungsschichten. Venezuela muss so immer noch rund 70 Prozent seiner Lebensmittel einführen.
Mit den Währungsabwertungen in den Jahren 2010 und 2011 hat sich die Konkurrenzfähigkeit der heimischen Landwirtschaft und Industrie zwar wieder verbessert, jedoch nicht in einem Maße, das die vorangegangene jahrelange Überbewertung kompensiert. Der Wechselkurs war bis 2010 bei 2,15 Bolívar pro US-Dollar festgezurrt und das, obwohl Venezuela hohe Inflationsraten von weit über 20 Prozent verzeichnete und damit weit höhere als die USA mit der Referenzwährung. Nur mittels Dollarverkäufen und Devisenkontrollen der Zentralbank konnte der Bolívar mehr schlecht als recht auf diesem Niveau gehalten werden. Im Jahr 2010 wurde die Währung auf 4,3 Bolívar pro US-Dollar abgewertet. Zum Jahresbeginn 2011 schaffte die Chávez-Administration dann noch den Vorzugswechselkurs von 2,6 Bolívar je US-Dollar ab. Damit wurde bis dato der Import von Lebensmitteln und Medikamenten sowie bestimmten Investitionsgütern wie Maschinen subventioniert. Auch hier gilt seitdem der offizielle Wechselkurs von 4,3 Bolívar pro US-Dollar.
Der Holländischen Krankheit und der Überbewertung könnte durch eine gezielte Strategie der Unterbewertung seitens der venezolanischen Zentralbank begegnet werden. Dafür müssten die Devisenzuflüsse in ihrer Wirkung auf die heimische Geldmenge und Währung so weit wie möglich sterilisiert werden, indem sie in einen Zukunftsfonds fließen und dort langfristig angelegt werden. Ein solches Modell praktiziert Norwegen mit beachtlichem Erfolg. Im dortigen Ölfonds werden seit dem Jahr 1990 die enormen Erträge aus dem Ölexport angelegt. Dies geschieht ausschließlich auf ausländischen Märkten, um ein Überhitzen der inländischen Wirtschaft und einer Aufwertung der Norwegischen Krone entgegenzuwirken.
Angesichts der enormen sozialen Schuld, die in Venezuela über die vergangenen Jahrzehnte akkumuliert wurde, ist ein solches Modell in Venezuela wohl schwer politisch durchsetzbar. Chávez nützt die Öleinnahmen schließlich bisher dazu, Sozialprogramme durchzuführen. Die Ölgesellschaft PdVSA fungiert seit dem Jahr 2003 auch als eine Art Sozialministerium, die aus dem eigenen Haushalt Sozialprogramme wie die misiones finanziert – die unter anderem von Bildung (misión Robinson und misión Ribas) über Gesundheit (misión barrio adentro) bis hin zur Versorgung mit subventionierten Lebensmitteln (misión mercal) reichen. Im Jahr 2011 flossen fast 40 Milliarden US-Dollar in Sozialprogramme und Sonderfonds des Präsidenten.
Die Öldollar gleichzeitig aufzuschatzen und auszugeben, geht logischerweise nicht. Venezuela wäre entwicklungsökonomisch allerdings gut beraten, künftig zumindest einen Teil der Öleinnahmen langfristig anzulegen, um auf Sicht einen nachhaltigen Umbau der Wirtschaft mit einer Stärkung des Binnensektors zu erreichen. Dazu bedarf es neben der Unterbewertungsstrategie einer selektiven Protektion, bei der die Zollsätze mit dem Verarbeitungsgrad ansteigen. Damit könnte Venezuela das erreichen, was bisher verfehlt wurde: eine breitere Produktpalette der heimischen Wirtschaft und eine konkurrenzfähige Binnenmarktentwicklung. Die Weichen in diese Richtung müssen indes noch gestellt werden. Chávez Ankündigung vor wenigen Wochen, bis zum Jahr 2019 die Ölförderung in Venezuela verdoppeln zu wollen, spricht nicht für eine schnelle, fundierte Kursänderung.


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