Poet der Revolution

War es schwierig, in El Salvador Unterstützung für Ihr Filmprojekt zu finden?
Sowohl die Witwe als auch die Söhne Daltons haben das Projekt von Anfang an unterstützt. Und alle Weggefährt_innen Daltons haben mit Begeisterung ihre Erinnerungen mitgeteilt. Dalton muss wirklich ein dermaßen charmanter, witziger und humorvoller Mensch gewesen sein, dass sein Zauber die Leute bis heute entzückt. Schwierig war es nur, die Leute zu finden, die am Schluss des Films über Daltons Ermordung sprechen.

Roque Dalton ist 1975 von seinen eigenen Genossen exekutiert worden. Lange Zeit waren die genaueren Umstände seines Todes innerhalb der Linken ein Tabu. Wann und warum haben Sie sich entschlossen es aufzubrechen?
Ich habe Daltons Dichtung in den achtziger Jahren in El Salvador kennengelernt, in fotokopierten Heften und als auf die Wände der Universität gemalte Parolen. Pointierte politische Propagandapoesie aus den Poemas Clandestinos in einem sehr, sehr frechen, ironischen und selbstironischen Ton, der ein wohltuendes Gegengift gegen das allgegenwärtige Revolutionspathos darstellte. Damals wurde innerhalb der Befreiungsbewegung unter der Hand erzählt, dass die Revolutionäre Volksarmee (ERP, eine der fünf Guerillagruppen, die 1980 die Nationale Befreiungsfront FMLN gründeten; Anm. der Red.) Dalton ermordet habe. Das ist so unbegreiflich und schrecklich: Wie kann es sein, dass der radikalste und genialste Revolutionsdichter Opfer seiner Genossen wurde? Damals hat mir niemand diese Frage beantwortet, aber sie hat mich immer wieder beschäftigt, wenn mir ein weiteres der Werke Daltons begegnet ist.
In groben Zügen war ja immer bekannt, dass der mysteriös verschwundene Edgar Alejandro Rivas Mira den Tod Daltons beschlossen hat, dass Joaquín Villalobos Dalton ihn erschossen haben soll und dass Jorge Meléndez zumindest dabei war. Nicht so bekannt waren die verschiedenen Motive dafür: Eifersucht, Neid, Konkurrenz der jüngeren Guerilleros, die spürten, dass Dalton ihnen, was politischen Weitblick und Erfahrung betraf, haushoch überlegen war. Daltons Witz und Respektlosigkeit haben sich der militaristischen Engstirnigkeit der Genossen nicht unterworfen. Zudem gab es einen politischen Konflikt zwischen zwei Fraktionen. Die eine fasste einen linken Putsch mithilfe einiger linker Militärs ins Auge. Die andere setzte auf langfristige politische Arbeit mit den Massen als Grundlage für die militärischen Kämpfe. Zu ihr gehörten Dalton sowie diejenigen, die später die RN (Nationaler Widerstand, eine andere der fünf Gruppen der FMLN, Anm. der Red.) gründeten.
Dass mir die Idee, diesen Film zu machen und damit auch dieses finstere Kapitel in der Geschichte der salvadorianischen Linken in den Kamerablick zu nehmen, erst nach dem Wahlsieg der FMLN 2009 kam, das ist kein Wunder. Vorher einen Film über ein Verbrechen der Guerilla zu machen, in einem Land, in dem 95 Prozent der Kriegsverbrechen von den US-unterstützten staatlichen Sicherheitskräften begangen wurden, wäre ja fast Wahlhilfe für die Rechten gewesen. Aber jetzt, finde ich, ist die Zeit gekommen, dass auch die FMLN über ihre verdrängten und verschwiegenen dunklen Punkte nachdenken könnte.

Es gab keine juristische Aufarbeitung, angeblich ist die Tat verjährt. Sehen Sie eine Möglichkeit, dass sich unter der neuen Regierung Sánchez Cerén daran etwas ändert?
Traurigerweise sieht es im Moment nicht danach aus: Dass Jorge Meléndez wieder in die Regierung berufen wurde, ist ein Skandal, der nicht nur die Familie Dalton zutiefst empört. Wie kann eine linke Regierung jemanden, der der Mittäterschaft am Mord des wichtigsten Dichters des Landes schwer verdächtig ist und sich weigert, auch nur die geringste Verantwortung dafür zu übernehmen, als Staatssekretär einsetzen? Ohne von ihm zumindest zu verlangen, dass er das Mögliche tut, um die Geschehnisse aufzuklären? Ohne dass er sagt, wo die sterblichen Überreste Daltons verscharrt wurden? Und ohne dass er sich bei der Familie Daltons entschuldigt?

Welche Facetten seines literarischen Schaffens konnten Sie während Ihrer Recherchen und der Arbeit am Film entdecken?
Als ich mit der Recherche begann, kannte ich, was auf Deutsch übersetzt war: Däumlings verbotene Geschichten, die Geschichte El Salvadors als Collage literarischer Fundstücke, seinen autobiographischen Roman Armer kleiner Dichter, der ich war und die Biographie des Schusters und Revolutionärs Miguel Mármol. Außerdem eine in Kuba erschienene Anthologie seiner Gedichte. Eine große Überraschung war es dann, die drei Bände seiner gesammelten Gedichte in den Händen zu halten: Ich war überwältigt zu sehen, welch umfangreiches Werk er in nicht einmal vierzig Jahren verfasst hat, welche Fülle an wunderschönen Liebesgedichten und scharfzüngigen politischen Erleuchtungen. Ich wusste zunächst auch gar nichts von seinem umfangreichen Werk als Journalist und politischer Analyst, das bis heute noch nicht vollständig herausgegeben ist.

Infokasten

Roque Dalton (1935-1975)
Was für ein turbulentes Leben: Als Nachkömmling der berüchtigten Dalton-Familie aus den USA wurde Roque Dalton in San Salvador geboren. 1957 trat er der Kommunistischen Partei bei. Zweimal wurde er festgenommen und zum Tode verurteilt, zweimal entrann er nur knapp dem Tod durch Exekution. Er verbrachte Jahre des Exils in Mexiko und Kuba und arbeitete im Auftrag der Kommunistischen Partei für The International Review als Korrespondent in Prag. Unter dem ungerechtfertigten Vorwurf, seine eigene Organisation zu spalten, wurde er jedoch durch ein Tribunal der Revolutionären Volksarmee (ERP) zum Tode verurteilt. Genossen exekutierten ihn am 10. Mai 1975, vier Tage vor seinem vierzigsten Geburtstag.

Erschießen wir die Nacht!
Höchst erstaunlich, dass Daltons Gedichte bis heute nichts an Witz und provokanter Schärfe verloren haben und bemerkenswert, dass Regisseurin Tina Leisch es geschafft hat, ihren Film ebenso verwegen, zärtlich und respektlos anzulegen: Ehefrau, Prostituierte, Geliebte, revolutionärer Elan und trauriger Suff – nichts wird ausgelassen oder gerade gebügelt in diesem Film, der aus seiner eigenen undogmatisch linken Position keinen Hehl macht. Roque Dalton, ¡Fusilemos la noche! tourt seit einem knappen Jahr erfolgreich durch globale Festivals. Beim internationalen Cine Las Americas Festival in Austin (Texas) gewann er den Jurypreis für den besten Dokumentarfilm. Im November zeigt ihn das Berliner Eiszeit Kino.


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„God save the queers“

„Yo no voy de vuelta yo voy siempre de ida“ („Ich gehe nicht zurück, sondern immer nur vorwärts“) ist das treffende Motto des aktuellen Albums von Miss Bolivia, das sie derzeit auf Europa-Tour präsentiert. Psychologin, DJane, Sängerin und Produzentin mit vier Veröffentlichungen in sechs Jahren und Konzerten in so ziemlich jedem kulturellen Zentrum von Uruguay bis Brasilien – das ist die Biographie von Paz Ferreyra aka Miss Bolivia. Cumbia trifft auf Funk, HipHop auf Dancehall, Poesie auf politische Forderung.
Miss Bolivia hat viel zu sagen und tut es auf angenehme Weise: Sie vermeidet es, als Sprachrohr einer politischen oder kulturellen Gruppe aufzutreten, und verzichtet auf Imperative. „Ich möchte nicht, dass meine Lieder Antworten liefern, da Antworten immer subjektiv sind. Ich möchte, dass die Menschen sich Gedanken machen, wenn sie meine Lieder hören.“ Ihre autobiographischen Erzählungen fungieren als gesellschaftlicher Spiegel: Es geht um Sexismus, Aktivismus, Diskriminierung und die Legalisierung von Marihuana. Miss Bolivia erzeugt durch ihre Fusion verschiedener Musikstile und Themen Irritation und durchbricht so die Komfortzone der unhinterfragten Illusion.
In den 90er Jahren wird Ferreyra Zeugin eines sich neu etablierenden Musikgenres in Argentinien. Die zu Zeiten des europäischen Sklavenhandels im Karibikraum entstandene Cumbia entwickelt sich zum Exportschlager. Traditionell als Gruppen- oder Paartanz aufgeführt, ergänzen nun elektronische Beats den durch Trommeln, Rasseln und Flöten vorgegebenen Rhythmus. Cumbia Villera heißt das neue Subgenre; Villera leitet sich von Villa Miseria ab, der argentinischen Bezeichnung für Slum. Von romantisierenden Inhalten distanzieren sich die Musiker nun und rücken stattdessen prekäre Lebensumstände, Polizeigewalt in den Vorstadtghettos und Drogenkonsum in den Vordergrund. Zugleich wird jedoch Machotum idealisiert: Die in den Außenbezirken von Buenos Aires herrschende Arbeitslosigkeit führt zu einem Identitätsverlust, da die traditionelle Rolle des Mannes als Haupternährer der Familie nicht gelebt werden kann. Die Betonung der Männlichkeit erfolgt nun auf anderen Wegen. Die Degradierung der Frau zum willenlosen und unterwürfigen Sexobjekt schien da offenbar die Alternative. Ein besonders groteskes Video der Gruppe Damas Gratis („Frauen gratis“) darf hier nicht unerwähnt bleiben: Während der Sänger lässig am Strand steht und „Man sieht deinen Tanga“ singt, tanzt ein blondes Girl glücklich um ihn herum und lässt dabei tief blicken. Die Stimmung ist ausgelassen, und alle verstehen sich blendend. In dem Stück „Maria Rosa“ der Band Yerba Brava (umgangssprachlich für Marihuana) heißt es: „Ella es … / Una chica así de facil / Es de bombachita floja“ („So ein leichtes Mädchen ist sie, eines mit locker sitzendem Höschen“). Das „Mädchen“ wird auch hier zum Lustobjekt des heterosexuellen Beobachters, mehr noch, ihr wird ein eindimensionales Interesse an flüchtigem Sex attestiert.
Maria José hingegen liebt das Gemetzel und hat es dem lyrischen Ich so angetan, dass es sie zum Kiffen nach Hause einlädt. Die Protagonistin bei Miss Bolivia ist eindeutig keine nur durch ein „Höschen“ verdinglichte Existenz, im Gegenteil. Maria José hat die Gabe, sich zu artikulieren, ist dementsprechend weder ein „leichtes Mädchen“ noch „leicht zu haben“. Der Handlungsrahmen aus dem Cumbia Villera bleibt bestehen, Miss Bolivia besetzt ihn jedoch mit neuem Inhalt, indem sie die Machoattitüde parodiert und in einen respektvollen Umgangston transformiert. Die Besitzlogik, die der Beschreibung von Maria Rosa immanent ist, führt die Künstlerin so ad absurdum. Gleichzeitig behandelt sie Begierden außerhalb eines heterosexuellen Kontextes und kritisiert somit das heterosexistische Selbstverständnis.
Trifft Intellekt auf Humor, entstehen Kumbia Queers, und trifft Punk auf Kumbia, entsteht ein eigener Musikstil: Tropipunk. Die Punk ’n’ Rollers aus Argentinien und Mexiko haben sich die musikalischen Produktionsmittel erkämpft, um misogyne Diskurse bloßzustellen. Ihre Parodie von „Maria Rosa“ heißt „Daniela“: „Y como nunca supe tu nombre / te llamo Daniela pero podrías llamarte Pamela / o sol o luna« („Und weil ich deinen Namen nie erfahren habe / nenne ich dich Daniela / ich könnte dich aber auch Pamela nennen / oder Sonne oder Mond“). Die Band Kumbia Queers macht Musik „von Frauen für Frauen“, ändert Madonnas „Isla Bonita“ in „La Isla con Chicas“ um und will weit weg von hier, zu diesem „sensationellen Ort, überfüllt mit schönen Mädchen“. Im Video zu diesem Cover wird auf einer Karte La Isla con Chicas eingekreist, anschließend lassen es sich die Musikerinnen im bräunlich schimmernden Wasser auf der Insel gutgehen und bearbeiten im Dickicht die Keyboardtasten. Eine selbstironische Performance mit der klugen Intention, lesbische Inhalte in die Öffentlichkeit zu tragen.
Doch von der 2007 entstandenen The-Cure-, The-Ramones- und Madonna-Coverband haben sich die Kumbia Queers nun schon lange emanzipiert. „Wir wollten die Rocker nerven, gleichzeitig missfiel uns die Marginalisierung und Ablehnung von Cumbia. Die Tatsache, dass der Rhythmus so gut war, die Inhalte aber unfassbar misogyn, motivierte uns, Cumbia mit anderen Texten zu machen.“ Neben der lucha armada (dem bewaffneten Kampf ) ist die größte Waffe der Kumbia Queers immer noch das Vergnügen. „El lunes a la noche me quiero matar / pensando que mañana tengo que ir a trabajar … el viernes la sonrisa no me la pueden sacar“ („In der Nacht zum Montag möchte ich mich umbringen / daran denkend, morgen arbeiten gehen zu müssen … / am Freitag können sie mir mein Lächeln nicht wegnehmen«). Die Forderung eines weiteren freien Tags ist keine revolutionäre, aber in Anbetracht der vielen Konzerte, die die Band geben muss, sicherlich eine sinnvolle: Ob im argentinischen Frauenknast, auf dem Fusion- oder auf dem South-by-South-West-Festival in Austin, Kumbia Queers haben sich in den vergangenen sieben Jahren eine solide Fanbase in Argentinien, Chile, Mexiko, den USA und Europa erspielt.
Die Dokumentation Kumbia Queers. More louder bitte bringt die Cumbia-Vibes nun auch auf (queere) Filmfestivals in Deutschland. Doch neben der positiven Rezeption diffamieren Verfechter der geschlechterspezifischen Abgrenzung in der Musikszene die Künstlerinnen als bichos raros und „Antifrauen“. Das Adjektiv „raro“ lässt sich etwa mit „queer“ übersetzen, gehört also zur Selbstbezeichnung der Band. „Queer ist für uns etwas, das keine Etiketten will und nicht klassifiziert werden kann“, sagen die Kumbia Queers. Tatsächlich haben sie jedoch mit der durch die Gesellschaft konstituierten binären Rollenstruktur in der Szene zu kämpfen: „Wir bewegen uns zwar für gewöhnlich in einem anderen Umfeld, aber wenn wir uns außerhalb dieser Kreise bewegen, bekommen wir mit, dass diese Sachen einfach weiter passieren. Also dass die Frau quasi der Minirock ist und heiraten muss.“ Für das Musikbusiness heißt das, realistisch gesehen, dass Frauen nur als Sängerin agieren dürfen, solange Männer die Instrumente spielen, Frauen nur als Lustobjekt in einem heterosexuellen Kontext benutzt werden und darüber hinaus keine weiteren Eigenschaften besitzen dürfen.
Dies alles erinnert stark an das Bild der US-amerikanischen und europäischen Punkszene der 90er Jahre, in der die Möglichkeit, Unzufriedenheit durch Musik zu äußern, für Frauen sehr rar war. Ähnlich wie Cumbia Villera prangerte der Punk gesellschaftliche Missstände an, Themen wie Sexismus oder Geschlechterdifferenz kamen jedoch nicht vor. Aus diesem Kontext heraus bildete sich das Riot-Grrrl-Movement mit Bands wie Bikini Kill und Bratmobile. Solidarität, Respekt und Konsens, DIY statt Anpassung an hegemoniale Normen, Kollektivismus statt Konkurrenz. In ihrem Manifest plädierten die Riot Grrrls für Mut zur Eigeninitiative und versuchten, die internalisierten Formen von Sexismus aus den Köpfen zu verbannen. „Und das Motiv, die Szene nun miteinander zu teilen, anstatt sie untereinander aufzuteilen, hilft uns sehr dabei, die Message, die eine Künstlerin sendet, dort auszubreiten, wo eine andere spielt. Und so schreiten wir als Kooperative voran.“ Dies sind nicht etwa Worte von Kathleen Hanna, der Verfasserin des Riot-Grrrl-Manifestes aus dem Jahr 1992, sondern von Miss Bolivia aus dem Jahr 2013. So verwundert es nicht, dassAli Gua Gua von den Kumbia Queers und Miss Bolivia gemeinsam an einem Projekt gearbeitet haben und weitere Projekte mit Künstlerinnen aus dem Umfeld, wie Sara Hebe oder Las Taradas, bestehen. Der Wunsch, Musik nicht nach normativen Genrebestimmungen zu komponieren, sondern Grenzen zu überschreiten und Stile zu mischen, ist eine weitere Parallele zu den Riot Grrrls, die an Frauen appellierten, sich einfach Instrumente zu schnappen und loszulegen.
Die argentinische Szene konstituiert sich zur Zeit neu und wächst stetig. In Europa kommt sie überaus gut an. Doch es bleibt abzuwarten, ob diese queerfeministischen Einflüsse am Gerüst des kolonial tradierten Selbstverständnisses des weißen Feminismus rütteln können.

Erstmals publiziert in Konkret 9/14

Der Film »Kumbia Queers. More louder bitte!« ist am 12. Oktober um 18 Uhr im City 46 beim Queerfilm-Festival in Bremen zu sehen.


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// „You can´t evict a movement“

Bis in den mexikanischen Senat hatte sie es mit ihrem Anliegen geschafft. „Wenn wir Frauen nicht unsere Stimme erheben, wird uns niemand hören, und heute werde ich für diese Frau sprechen, die vergewaltigt wurde, die entführt wurde, die ein Kind verloren hat“, verkündet Paola Quiñones. Sie ist Teil der Karawane für den Dialog, in der sich im Juni Migrant_innen aus Zentralamerika zusammengeschlossen hatten, um ihre Rechte einzufordern. Und sie ist Teil eines neuen Selbstbewusstseins: Migrant_innen organisieren sich, machen ihre Situation öffentlich und zwingen die Politik, sie anzuhören.

Erst über Ostern hatte die Migrant_innenkarawane Viacrucis („Kreuzweg“) in Mexiko-Stadt für hunderte Personen 30-tägige Transitvisa für die Reise in die USA ausgehandelt. Die Geflüchteten hatten sich entschlossen, Mexiko zu Fuß zu durchqueren und auf ihrer Durchreise die Menschen über die prekäre Situation undokumentierter Migrant_innen im Land aufmerksam zu machen. Zwischenzeitlich wuchs die Karawane auf rund 1.200 Personen an. Ihren Höhepunkt erreichte die Bewegung mit der staatlichen Garantie einer sicheren und freien Durchreise für die Zentralamerikaner_innen durch Mexiko. Eine der marginalisiertesten Gruppen des Kontinents hatte plötzlich ein politisches Gewicht bekommen, das Mexiko kurzzeitig sogar seinen großen Nachbarn im Norden vergessen ließ. Sehr zum Ärger der USA, deren Reaktion mit der massiven Abschiebung von Mexikaner_innen deutlich ausfiel.

Die circa 60 Teilnehmenden der zweiten Karawane für den Dialog fordern nun eine umfassende Lösung der problematischen Situation der Migrant_innen. „Wir wollen die Gewaltsituation verändern, welche die Migration auslöst und Mexiko in einen Weg der Entmenschlichung verwandelt“, heißt es in ihrem ersten Kommuniqué an die mexikanische Regierung und die Botschafter_innen von Honduras, El Salvador, Guatemala und Nicaragua. Zur gleichen Zeit formierte sich in Mexiko-Stadt die Gruppe Migrantes LGBT, die auf die Situation von Homosexuellen und Trans* aufmerksam machen will.

Doch die Organisierung von Geflüchteten beschränkt sich nicht auf Zentralamerika. Auch hierzulande treten Migrant_innen immer offensiver für ihre Rechte ein. Anfang Juli konnten Geflüchtete in der besetzten ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin eine vollständige Räumung verhindern und die Unfähigkeit der lokalen Politik gegenüber der Asylfrage bloßstellen. Über mehr als eine Woche riegelten über 1.500 Polizist_innen einen gesamten Kreuzberger Block ab, während die Entscheidungsträger_innen sich die Verantwortlichkeit für das Fiasko gegenseitig zuschoben. Schon im September 2012 hatten Geflüchtete mit dem Refugee Protest March von Würzburg nach Berlin und dem kollektiven Brechen der Residenzpflicht ihre Stimme hörbar gemacht. Mit dem Refugee March for Freedom von Straßburg nach Brüssel, gestartet im vergangenen Mai, wurde die europaweite Vernetzung auf eine neue Ebene gebracht.

Geflüchtete und Migrant_innen drängen sich mit den kollektiven Aktionen und ihrer Vernetzung in die politische Wahrnehmung und zeigen, dass sie kein Spielball internationaler Politik sind. Und auch wenn die Situationen in Mexiko und Europa sich in verschiedenen Punkten unterscheiden mögen, ist eines deutlich: Die Ausbeutung, Diskriminierung und Gewalt wird nicht länger hingenommen. Zeit zum Aufatmen ist deshalb nicht. An den durch Frontex gesicherten Außengrenzen der EU sterben weiter Menschen, SPD und Union beschlossen erst im Juli eine Verschärfung des deutschen Asylrechts. In Mexiko erhielt die zweite Karawane nach der Viacrucis keine Durchreisevisa mehr, La Bestia, die Reise mit dem Güterzug, wird auch weiterhin das gefährliche Mittel der Wahl für viele Migrant_innen auf dem Weg in die USA bleiben. Die Situation von Geflüchteten in Lateinamerika und Europa wird sich nicht schlagartig verändern. Die angefangene Organisierung der Kämpfe durch die Migrant_innen jedoch ist ein Prozess, der Entscheidungen zu ihren Lasten immer schwieriger machen könnte. Die Geflüchteten in der Gerhart-Hauptmann-Schule stellten dies angesichts ihrer drohenden Räumung klar: „Ihr könnt keine Bewegung räumen!“ – „You can‘t evict a movement!“


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// DOSSIER: MIGRATION UND GRENZRÄUME IN LATEINAMERIKA

(Download des gesamten Dossiers)

Diese Bilder prägen sich ein: Ganze Familien versuchen, auf den vorbeifahrenden Güterzug aufzuspringen, auf dessen Dach schon kaum mehr Menschen passen. Sie wollen in die USA, auf der Suche nach einem besseren Leben. Sie überqueren Grenzen und fordern diese dadurch heraus. Ganze Generationen in Mexiko und Zentralamerika sind davon geprägt, zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen aufzuwachsen. Sie wandern in die USA ein und wieder aus, leben in der Illegalität und mit der dauernden Drohung, abgeschoben zu werden. Doch auch abseits dieser viel beachteten Migrationsroute finden Grenzbewegungen in Lateinamerika statt. Zwischen vielen Nationalstaaten Lateinamerikas leben Indigene, die sich nicht nur auf einer Seite der Grenze verorten. Auch innerhalb der Grenzen von Staaten treffen Menschen auf Räume, die ihnen verschlossen werden. Vielfach zeigt sich dies in Städten.

Diese Bewegungen zwischen den Räumen verändern nicht nur die Menschen, sondern auch die jeweiligen Gesellschaften. Sie schaffen neue kulturelle Praktiken, verwischen die Grenzen und lassen neue Räume entstehen, die sogenannten borderlands. Die Bewegung vollzieht sich mitnichten immer nur aus dem armen Süden in den reichen Norden, sie hat nicht nur eine Richtung. Die Wechselbeziehungen über die Grenzen hinweg sind ebenso komplex und wechselhaft wie die Biographien vieler Migrant_innen.

Doch Grenzen sind nicht mit der geographischen Trennung zweier Länder identisch. Auch innerhalb von Gesellschaften manifestieren sich Grenzen – mal mehr, mal weniger sichtbar. Es gibt Räume, die von sozialer Zugehörigkeit, Reichtum, Ethnizität oder Sexualität geprägt sind. Sie sind immer produziert und existieren nur, weil ein Innen und ein Außen definiert werden. Werden Grenzen geschaffen, wird notwendigerweise immer irgendjemand oder irgendetwas ausgegrenzt.

Menschen, die sich zwischen diesen Räumen bewegen, brechen Grenzen auf und geben neuen Möglichkeiten Platz. Grenzgänger_innen provozieren aber auch Widerstand – bisweilen gewalttätigen. Denn es gibt viele Menschen, die daran interessiert sind, dass die Grenzen so definiert bleiben, wie sie es sind. Doch die Vorstellung einer undurchlässigen Grenze ist immer eine Fiktion. Die Bewegungen zwischen den Räumen machen dies deutlich.

In diesem Dossier möchten die Lateinamerika Nachrichten weniger beachtete Themen und Aspekte der Bewegung zwischen produzierten Räumen in den Vordergrund rücken. Wir beleuchten konkrete Grenzräume zwischen Staaten genauer, interessieren uns aber auch für andere Formen der Ausgrenzung. Wie prägen die Migrationserfahrungen das alltägliche Leben von Menschen? Wie prägen Grenzgänger_innen ihre Umwelt? Wo stoßen Personen auf Vorurteile, Ausgrenzung und Rassismus? Wo setzen sich Menschen über Grenzen hinweg und schaffen eigene Räume? Dazu werden wir uns entgegen und abseits der üblichen Migrationsrouten bewegen. Anstatt den Blick auf die viel dokumentierte Reise der Migrant_innen durch Mexiko zu richten, legen wir unseren Fokus zunächst auf ihre Situation und ihr Leben in den USA nach dem Durchbrechen der Grenze.

Hier kämpfen die Anwältinnen Natalie Hansen und Stephanie Taylor für die Rechte von Migrant_innen und ringen mit dem US-amerikanischen Justizsystem: „Eigentlich müsste man das gesamte System abschaffen und von Grund auf neu errichten.“ Im Gespräch mit zwei ihrer Mandantinnen aus Honduras stellt sich die Willkür der Justiz dar. „Wie soll ich denn vor Gericht erscheinen, wenn ich an einem anderen Ort festgehalten werde?“, fragt Ana A. (Name von der Red. geändert).

Chicanas wie Alejandra Sanchez gehen in den USA künstlerisch und politisch mit dem Leben in borderlands um: „In meiner Arbeit versuche ich, Brücken zu bauen – zwischen modernen und antiken Lebenswelten, unterschiedlichen Weltanschauungen, Ländern und Sprachen.“

Auf dem Weg durch Mexiko ruft die Karawane der Mütter verschwundener Zentralamerikaner_innen: „Lebend gingen sie – lebend wollen wir sie wiedersehen!“ In einem Auszug aus der mit dem Walter-Reuter-Medienpreis ausgezeichneten Reportage „Wo ist mein Kind?“ berichtet Emiliano Ruiz Parra über die verzweifelte Suche nach verschwundenen Familienangehörigen.

Julio César Campos Cubías und Sergio Gallardo García, Gründer des Kollektivs Migrantes LGBT in Mexiko-Stadt, berichten im Interview über die brutale Lesbo-, Homo-, Bi- und Transphobie gegen Migrant_innen. Die beiden haben eine klare Botschaft: „Wir wollen, dass die Gesellschaft versteht, dass Menschen, die migrieren, ebenso unterschiedliche Gründe und Ziele wie Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierungen haben.“

Schon längst ist Mexikos Südgrenze nicht mehr nur gefährliche Durchgangsstation für Migrant_innen aus Zentralamerika. In Tapachula bleiben viele Honduraner_innen wie Nora Rodríguez, die über ihre Erfahrung mit Mexikaner_innen berichtet: „Egal wie lange wir hier schon leben, ob Jahre oder Jahrzehnte: Sie sehen uns nie einfach nur als Menschen, sondern immer als Migranten, die sie mit einem Haufen von Vorurteilen überschütten.“
Im Grenzgebiet zwischen Costa Rica und Panama kämpfen die indigenen Bribri um ihre Autonomie, auch um der Abwanderung in die Hauptstadt entgegenzuwirken. „Wir wollen das Bildungssystem ändern, es an die Realität anpassen. Darin müssen Kultur, Kosmovision und Sprache enthalten sein“, formuliert Lehrer Enos die Herausforderungen, ihre Kultur zu bewahren.

Während die Frage der Staatszugehörigkeit für die Bribri nach jahrelangen Streitigkeiten gelöst ist, ist sie in der Dominikanischen Republik wieder akut aufgetaucht. Nach einem Gerichtsurteil wurde haitianischen Migrant_innen und deren Nachkommen ihre Staatsbürgerschaft entzogen. In einem Gruppeninterview berichten sechs Betroffene über ihre Erfahrung, plötzlich staatenlos zu sein: „Wenn du eine Geburtsurkunde haben willst, dann geh mit deiner Hautfarbe doch nach Haiti“, wird ihnen mitunter empfohlen.

Kolumbiens und Ecuadors Regierung stärken seit 2012 ihre militärische Zusammenarbeit im Grenzgebiet. Die Abriegelung der Grenze steht im Gegensatz zur Mobilität der indigenen Gemeinschaften, die auf beiden Seiten der Grenze leben.

Auch innerhalb von Städten schaffen Verdrängungsprozesse Grenzen zwischen Arm und Reich. In Caracas überwinden Nathaly Lemus und Jorge Sierra von der Bewegung der Pioniere diese Ausgrenzung durch Besetzungen: „Früher gab es im Zentrum nur private Parks, es gab keine öffentlichen Plätze. Jetzt gehen wir Armen ins Zentrum von Caracas. Wir sind überall, fordern das Recht auf Stadt!“

Zwischen Bolivien und Paraguay leben im nördlichen Chacogebiet die indigenen Ayoreo. Sie leben zwischen den nationalen Räumen beider Länder und ihre Art zu Wirtschaften entspricht nicht der kapitalistischen Produktionsweise. Viehzüchter_innen machen ihnen ihr Land streitig – mit dem Hinweis, dass sie kaum etwas produzieren würden. Letztlich geht es bei den Landkonflikten also darum, ab wann eine bestimmte Raumnutzung als angemessen gilt und ab wann ein Raum zu einer bestimmten Nation gehört.

Natürlich können wir mit diesen Themen nicht den Anspruch erheben, alle Dimensionen von Grenzräumen und Migration in Lateinamerika zu erfassen. Wir möchten jedoch auf bisher weniger beachtete Probleme, vor allem aber auf die Stimmen und Perspektiven einiger Grenzgänger_innen aufmerksam machen.


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„Im Zentrum des Konflikts“

Wie gründete sich American Gateways und welche Arbeit übernimmt die Organisation mit Migrant_innen?
Natalie Hansen: Die gemeinnützige Organisation American Gateways wurde 1987 als Projekt Politisches Asyl in Austin gegründet, als Reaktion auf die Migration und die Geflüchteten aus den zentralamerikanischen Diktaturen. Heute haben wir 14 feste Mitarbeiter. Stephanie und ich arbeiten als Anwältinnen und vertreten Migranten entweder umsonst oder gegen niedrige Bezahlung, abhängig vom Fall. Ich übernehme viele Fälle von Opfern von Kriminalität und Menschenhandel in den USA und das ist bei American Gateways eine kostenlose Dienstleistung. Die Organisation hat außerdem ein großes Netzwerk von ehrenamtlichen Anwälten, die derzeit neben ihrer hauptamtlichen Arbeit circa hundert Fälle betreuen. So können wir Asylsuchende in Texas oft mit Anwälten versorgen.

Stephanie Taylor: Ich übernehme Fälle von Menschen, die abgeschoben werden sollen und vertrete sie vor Gericht. Außerdem kläre ich die Migrantinnen in der privaten Internierungsanstalt T. Don Hutto, einem Migrationsgefängnis, über ihre Rechte auf.

Texas ist der US-Bundesstaat mit den meisten undokumentierten Migrant_innen. Wie werden diese von der Bevölkerung wahrgenommen?
S.T.: Ich bemerke zwei verschiedene Haltungen. Es gibt die Meinung von Migrationsbeamten und die öffentliche Meinung. Migrationsbeamte, vor allem in der Don Hutto Anstalt, sehen die Geschichte jeder Frau mit totaler Skepsis. Ihrer Ansicht nach stürmen die Frauen die Grenze, ohne gültige Ansprüche auf Asyl zu haben – selbst wenn das Asylbüro des Ministeriums für Innere Sicherheit deren Ansprüche für gültig erklärt hat.
Die öffentliche Meinung besteht aus kompletter Ignoranz und negativen Einstellung zu Migranten und undokumentierten Personen – sogar innerhalb der hispanischen Community, der zweiten und dritten Generation von Migranten. Aber sobald ich einmal über einen einzelnen Fall spreche, sagen alle: „Oh ja, die sind schon ok.” Und wir bekommen oft Anrufe: „Meine Babysitterin wurde von der Migrationsbehörde verhaftet und sie ist so eine nette Frau und illegal hier. Wie können die ihr so etwas antun?” Wissen Sie was? Das wurde während des gesamten letzten Jahrhunderts mit hunderttausenden Personen gemacht!

N.H.: Interessant ist, dass es hier in der Gegend so viele Internierungsanstalten gibt und die Menschen nicht wissen, dass sie überhaupt existieren. T. Don Hutto ist nur 40 Minuten außerhalb Austins, was die Hauptstadt und so etwas wie das liberales Zentrum von Texas ist.

S.T.: Aber die Migrationsbehörde tut dies mit Absicht. Sie errichten die Internierungsanstalten in ländliche Gegenden außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Sie sind normalerweise völlig ab vom Schuss, weit weg von allen Dienstleistern.

Asylsuchende haben in den USA, wie hier in Deutschland, keine gerichtlich bestimmten Pflichtverteidiger_innen. Arbeitet das Justizsystem in den USA gegen die Migrant_innen?
N.H.: Ja, sogar wenn man einen Anwalt hat, kann es sehr schwer werden.
S.T.: Aber ohne Anwalt… In der Internierungsanstalt T. Don Hutto sind 500 Frauen, circa 90 Prozent aus Zentralamerika, die meisten mit sehr geringer formaler Bildung. Viele von ihnen sind praktisch Analphabetinnen, vielleicht zwei von ihnen sprechen Englisch. Und dann wird ihnen ein Formular für das Asylgesuch gegeben – auf Englisch. Zwölf Seiten voller extrem detaillierter biographischer Angaben und es heißt: „Ihr habt zwei Wochen, die Formulare auszufüllen.” Alles, was wir tun können, ist, ihnen Formulare auf Spanisch zu geben, ihre Antworten zu übersetzen und in die englischen Papiere einzutragen. Ich frage mich allerdings, ob wir so nicht dafür sorgen, dass das System auch weiterhin ohne Pflichtanwälte funktioniert. Aber wenn wir versuchen einen Punkt zu machen und sagen: „Nein, diese Frauen brauchen Anwälte!”, werden die Menschen einfach abgeschoben. Abgeschoben – nur, weil sie ihre Formulare nicht ausfüllen konnten und obwohl sie gültige Asylgesuche hätten stellen können. Das ist keine Option für uns.

N.H.: Also helfen wir ihnen mit der Prozedur, aber nicht mit dem wirklichen Inhalt. Das ist frustrierend! Außerdem gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Richtern. Ich arbeitete vor Stephanie für die Migrantinnen in T. Don Hutto und wir hatten eine andere Richterin, die vielen Frauen Asyl gewährte. Jetzt ist jemand anderes dort und plötzlich werden die exakt gleichen Fälle juristisch völlig anders bewertet.

S.T.: Und viele haben juristisch gut begründbare Asylgesuche. Wenn sie eine vollständige juristische Vertretung vor Gericht hätten, würden viele Fälle bewilligt. Wir ermutigen die Frauen deshalb, in Berufung zu gehen. Denn dann können wir ihnen oft Anwälte besorgen. Aber ich habe eine Frau als Mandantin, die bereits ein Jahr in Haft ist. Ein ganzes Jahr im Migrationsgefängnis!

Wie sind die Bedingungen in diesen Internierungszentren?
S.T.: Die Bedingungen variieren drastisch. T. Don Hutto war ein Gefängnis mittlerer Sicherheit und unterschrieb dann einen Vertrag mit der Migrationsbehörde. Anfangs wurden hier Familien untergebracht, also die Migranten, die mit Kindern aufgegriffen wurden. Die Zustände waren grauenhaft. Die Migranten mussten mit Licht schlafen; die Zellen hatten Gitter. Es gab deswegen ein Gerichtsverfahren und die Anstalt musste umgebaut werden. Somit war es für die Betreiber Corrections Corporation of America (CCA), einer der größten privaten Betreiber in den USA, nicht mehr profitabel, Familien unterzubringen. Denn sie hätten unter anderem den Zugang zu Bildung ermöglichen müssen. Deswegen werden dort seit 2009 nur noch Frauen untergebracht. Aber einige der Regelungen aus der „Familienzeit“ bestehen fort, wie das Recht, sich frei zu bewegen. Das ist in den meisten anderen Anstalten nicht so. Die Frauen in Hutto haben sogar Zugang zum Internet, es gibt Computer, sie können Mails senden.
Das Problem ist, dass die Betreiber mit Begeisterung diesen Kram erzählen, aber die meisten Frauen können nicht einmal lesen. Wem sollen sie E-Mails schreiben? Es ist frustrierend zu sehen, wie die Anstalt gelobt wird: „Wir haben eine Bibliothek mit Zugang zu den besten Recherchesammlungen zum Rechtssystem“, wird gesagt. Und ich sage immer: „Niemand benutzt das hier!” Die beschönigende Sprache ist ein wirkliches Problem. Es gibt keine „Zählungen” der Gefangenen, wie in normalen Gefängnissen, sie erheben einen „Zensus” und die Frauen sind keine Gefangenen sondern „Gäste”. Hutto ist kein „Gefängnis” sondern ein „Wohnheim”…

N.H.: Mit Stacheldraht drum herum!

Und in anderen Anstalten?
N.H.: Wir haben gerade erst eine Pressemitteilung für ein Internierungszentrum verfasst: die Jack Harwell Internierungsanstalt in Waco, etwa hundert Meilen von Austin. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Die Gefangenen waren dreckig, ihre Kleidung war dreckig, es gab keine wirklich funktionierenden Telefone. Es gab überhaupt keinen Zugang zu Anwälten. In anderen Anstalten sind Migrationsbeamte, die über den Status der Asylgesuche gefragt werden können. Hier gab es keine. Den Gefangenen war anfangs eine Plastikgabel gegeben worden, die sie zu allen Mahlzeiten mitbringen sollten. Die Anstalt erfüllte nicht einmal die texanischen Anforderungen an Haftanstalten. Und die Gefängnisstandards in Texas sind die absolut niedrigsten im ganzen Land!
Aber diese privaten Gefängnisse schießen überall aus dem Boden, seitdem es einen Anstieg bei den Festnahmen gab. Alle Gefängnisse, in denen wir arbeiten, sind privat geführt. Wir wissen nicht einmal, dass sie existieren, bevor wir einen Anruf oder eine Beschwerde erhalten. Und dann gehen wir hin und sehen 400 festgehaltene Menschen.

American Gateways arbeitet in Texas mit anderen Organisationen wie Casa Marianella zusammen. Wie groß ist das Solidaritätsnetzwerk für die Geflüchteten und Migrant_innen vor Ort?
N.H.: Wir haben in Texas Organisationen, die alle möglichen Dienste für die Migranten anbieten. Casa Marianella beispielsweise bietet Menschen ohne Wohnung eine Unterkunft. Wir selbst bieten juristische Unterstützung und es gibt weitere Organisationen wie uns. Das Zentrum für Überlebende von Folter bietet psychologische Betreuung an. Auch Englischkurse gibt es.
Die Stadt Austin hat zudem ein Programm, über das Menschen ohne gültige Dokumente, Zugang zu medizinischen Dienstleistungen erhalten, die ihnen ansonsten verwehrt blieben. Ich habe außerdem zuvor in einer Organisation in Mexiko-Stadt gearbeitet, welche die Arbeitsrechte von zurückgekehrten Migranten bearbeitet, wie Gehaltsforderungen oder Verletzungen des Rechts auf freie Bewegung.

S.T.: Es gibt auch Beziehungen zu Organisationen in Zentralamerika, zum Beispiel zum Zentrum für Migrantenrechte Beato Juan Bautista Scalabrini, einer Herberge für Migranten aus Zentralamerika in Nuevo Laredo im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas. Und wir haben verschiedene Austauschprogramme mit Anwälten aus Mexiko durchgeführt und ihnen gezeigt, was wir hier tun, sodass sie ihren Mandanten in Mexiko besser helfen können. Das Netzwerk ist also relativ groß, aber wir haben hier in Texas keine politischen Organisationen, die aktiv an Reformen für die Migrationsgesetzgebung arbeiten.

Warum gibt es bislang keine solche Organisation in Texas? Existieren Pläne für deren Gründung?
S.T.: Das ist ein wirkliches Problem. In Texas gibt es die meisten Festnahmen wegen undokumentierter Migration in den ganzen USA. Wir haben die höchsten Einwanderungsraten, die höchste Anzahl an Migranten, die höchste Anzahl von Staatsbürgern, die nicht hier geboren wurden. Wir sind eine Goldmine, wenn es um Statistiken und Forschung zum Thema geht. Trotzdem gibt es keine Lobbygruppe in unserem Sinne. Einerseits, weil der Bundesstaat extrem konservativ ist. Deswegen glauben viele, dass sie hier ohnehin nichts erreichen können, selbst wenn man versucht, Rechte für Migranten wie Führerscheine oder Zugang zu medizinischer Versorgung einzufordern. Andererseits ist auch der Bundesgerichtshof, der Texas kontrolliert, sehr konservativ. Lobbygruppen in San Francisco, Chicago und New York City glauben deshalb, dass sie hier nichts ausrichten können. Aber wir sind im Zentrum des Konflikts um Migration und bleiben ohne wirkliche Unterstützung. Ich habe heute noch drei andere Telefonate: Diesen Nachmittag mit Human Rights Watch und später mit der Amerikanischen Bürgerrechtsunion (ACLU) und sie alle fragen mich: „Was passiert gerade? Senden Sie uns bitte Fallbeispiele!” Wenn sie hier wären, könnten sie all das direkt finden. Das ist frustrierend.
2013 wurde im Kongress eine Migrationsreform debattiert. Sie sollte für Migrant_innen neue Möglichkeiten schaffen, einen legalen Aufenthaltsstatus und die Staatsbürgerschaft zu bekommen. Gleichzeitig war vorgesehen, die Grenze weiter zu militarisieren. Wie bewerten Sie die Reformpläne?

S.T.: Ich komme aus Brownsville, Texas und die Grenze geht direkt durch meine Heimatstadt. Überall sind Patrouillen – im Walmart, in Restaurants, am Strand. Wie können sie diese Grenze überhaupt noch weiter militarisieren? Es ist ein Witz zu denken, dass weitere Militarisierung die Migration stoppt. Es wird nur gefährlicher und teurer für die Migranten, aber sie werden Wege finden. Letztlich wird so die Organisierte Kriminalität gestärkt, die die Grenzübergänge kontrolliert, weil sie höhere Preise verlangen wird.

N.H.: Und der Weg bis zur Staatsbürgerschaft würde eine Art zweiter Klasse von Bürgern erschaffen, die auf eine permanente Aufenthaltsgenehmigung warten. Man würde eine verletzliche, marginalisierte, sexualisierte Bevölkerung in den direkten Fokus der Migrationsbehörde stellen und für Jahre der Überwachung aussetzen, bis sie alle Anforderungen erfüllt und hohe Geldsummen bezahlt haben.

S.T.: Ich bin deshalb wirklich skeptisch gegenüber der Reform. Das System ist auf so vielen Ebenen kaputt – auf der Vollzugsebene, auf der Gerichtsebene, bei der Vertretung vor Gericht. Wie soll das repariert werden? Eigentlich müsste man das gesamte System abschaffen und von Grund auf neu errichten.

N.H.: Ja, und es ist wichtig über diese Themen zu reden. Weil wir keine Politik betreiben, will nie jemand unsere Beschwerden hören. Aber trotz allem: Wir können vielen Menschen tatsächlich helfen und haben wunderbare Erfolgsgeschichten.


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„Ich fliehe vor der Gewalt“

Im Jahr 2004 kam Jeymi Moncada Mejia das erste mal in die USA, nachdem sie vor häuslicher Gewalt aus Honduras geflohen war. Sie wurde jedoch wieder abgeschoben. „Aber ich konnte nicht nach Hause kommen. Also bin ich noch am Tag meiner Deportation wieder aufgebrochen.“ In den USA wurde sie 2009 erneut von der Migrationsbehörde aufgegriffen und in die Internierungsanstalt für Frauen T. Don Hutto in Taylor, Texas gebracht. Bevor sie vor Gericht mit Dokumenten aus Honduras ihre Situation belegen und mit einer offiziellen Arbeitserlaubnis in Texas leben konnte, verbrachte sie ein Jahr und zwei Monate in der Anstalt. „Die Wärter dort verhielten sich korrekt, aber das Essen war schlecht. Manchmal waren sogar schon Würmer darin“, beschreibt sie ihre Haftbedingungen.
Auch Ana A. versuchte bereits zwei Mal, in den USA ein neues Leben zu beginnen – bisher erfolglos. Nach ihrer ersten Flucht aus Honduras im Jahr 2012 wurde sie in den USA für einen Monat festgehalten und anschließend abgeschoben. Doch auch für Ana war es keine Option mehr, in ihrem Geburtsland zu leben: „Im gleichen Monat bin ich wieder losgegangen“, erzählt sie. Doch derzeit lebt Ana wieder in Honduras. Bei einer ihrer Schwestern wartet sie auf das Ergebnis der Berufung vor dem US-amerikanischen Migrationsgericht, die sie noch kurz vor ihrer zweiten Abschiebung eingelegt hatte. Denn die Umstände, die in die Ablehnung ihres Gesuches um einen legalen Aufenthaltsstatus mündeten, zeigen die Willkür des Justizsystems offenkundig. Nachdem Ana bei ihrem zweiten Versuch, in die USA zu gelangen von der Migrationsbehörde aufgegriffen worden war, folgte eine über einjährige Odyssee durch verschiedene Haftanstalten. „Sie hielten mich zuerst einen Monat in Eagle Pass, Texas, fest, weil ich die Grenze illegal überquert hatte. Dann wurde ich in eine Internierungsanstalt in Del Rio gebracht, war danach für eine Woche in Laredo eingesperrt und kam daraufhin nach T. Don Hutto in Taylor“, berichtet Ana. Während der sechs Monate in dieser Anstalt entstand der Kontakt zu American Gateways. „Aber sie brachten mich nach Miami und deshalb konnte ich meinen letzten Gerichtstermin nicht wahrnehmen. In Miami stellte ich zwar einen Antrag, um zu meinem Gerichtstermin gehen zu können. Aber niemand hat mir je geantwortet“, erzählt sie. „Und auch meine Anwältin wusste die gesamte Zeit über nicht, wo ich mich befand. Sie erfuhr erst von mir, als ich einer Freundin außerhalb des Gefängnisses ihre Telefonnummer geben konnte.“ Da Ana nicht vor Gericht erschien, wurde ihr Gesuch abgelehnt. Als sie es einige Tage später doch in das Gericht schaffte, sagte der Richter ihr bloß, dass sie ihren Termin verpasst hätte. „Wie soll ich denn vor Gericht erscheinen, wenn ich an einem anderen Ort festgehalten werde?“, fragt sie heute wütend. Die letzten Monate vor ihrer Abschiebung verbrachte Ana in einem privaten Gefängnis in Robstown, Texas, das sowohl Migrant_innen als auch im Strafvollzug Inhaftierte hält. „Schrecklich ist es dort,“ berichtet sie, „und die Beamten behandeln einen schlecht.“ Gefährlicher Reise und über einem Jahr in Haft zum Trotz: Wäre ihre Berufung nicht noch in Arbeit, sie hätte sich schon längst wieder auf den Weg gemacht, um Mexiko auf dem Güterzug „La Bestia“ zu durchqueren. Denn in Honduras kann sie nicht mehr bleiben: „Ich habe nicht mal meine gesamte Familie hier gesehen, da ich mich verstecken muss. Ich fliehe vor der Gewalt.“
Jeymi Moncada dagegen hat ihr Leben in Honduras hinter sich gelassen und berichtet freudig über ihre Kontakte zu US-Amerikaner_innen und ihren Job als Hausangestellte. Sie fühlt sich nicht diskriminiert, hat einen neuen Lebensgefährten und zwei Töchter bekommen. „Hier ist das Leben anders. Ich mag mein Land sehr. Aber nach dem, was mir passiert ist, glaube ich nicht, je zurückzukehren“, erzählt sie mit fester Stimme. Sollte sich die Gesetzeslage in den USA nicht verändern, ist das möglich – derzeit erneuert sich ihre Arbeitserlaubnis unbegrenzt. Die Justiz hinter sich gelassen hat sie dennoch nicht. Seit Kurzem läuft ein Prozess, um ihre vier Kinder aus Honduras mit einem humanitärem Visum in die USA zu holen: „Denn auch meine Kinder sind auf der Flucht vor ihrem eigenen Vater.“


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„Building bridges“

Felicia (Fe) Montes zupft ihr rot-blau-grün geblümtes Kleid zurecht und bindet sich das dazu passende Band um den Kopf: „Das ist ein traditionelles Kleid meiner Tarahumara- oder Rarámuri-Vorfahren. Meine Familie stammt aus Chihuahua, Mexiko.“ Es ist der 1. Mai 2011, Felicia befindet sich an der Ecke der beiden Straßen Broadway und Olympic, im Latino-Viertel der Stadt, East Los Angeles, und erklärt die Kunstfigur, die sie kreiert hat: „Das ist Raramujer, das leite ich von der Selbstbezeichnung meiner Vorfahren, den Rarámuri, ab. Außerdem ist das ein Wortspiel: Rara bedeutet auf Spanisch komisch oder eigenartig und mujer bedeutet Frau. In meiner Figur verbinde ich indigene Elemente mit modernen urbanen Lebensweisen. Ich erfinde eine selbstbewusste indigen-urbane Frau.“
Freunde helfen Felicias Fahrrad aus ihrem Pickup zu heben – ein „getunter“ schwarzer Cruiser. Am Fahrradkorb ist ein Schild mit dem Spruch „Stoppt die Polizeikontrollen!“ angebracht. Ein hilfsbereiter, Spanisch sprechender Anrainer pumpt noch etwas Luft in die dicken Weißrandreifen. Ein paar Straßen weiter hört man Trommelklänge und Trompeten, Menschen in Trachten und Uniformen eilen vorbei: ein paar Leute in weißer bestickter Huicholes-Kleidung, eine Gruppe von Männern in dunklen Zapatist_innen-Uniformen, eine Tanzgruppe mit aztekischen Gewändern und prächtigem Federschmuck. Felicia steckt ihren iPod an die mobile Musikanlage im Fahrradkorb an und macht einen kurzen Soundcheck – es kann los gehen! Mehrere tausend Menschen demonstrieren jedes Jahr bei der Mayday Parade in Los Angeles für die Rechte von Immigrant_innen und (illegalisierten migrantischen) Arbeiter_innen mit Sprüchen wie: „Lieber Geld für Arbeitsplätze und Bildung als für rassistische Abschiebungen!“
Raramujer begleitet den Demonstrationszug auf ihrem Fahrrad, sie verteilt Menschenrechtskarten und performt ihre Floetry (gerappte Gedichte) und Hip-Hop-Songs: „In meinen Texten geht es um politische Angelegenheiten, meistens um Dinge die uns Chicana-Frauen betreffen, zum Beispiel das kapitalistische System, das Freihandelsabkommen NAFTA, die Immigrationsgesetze hier in den USA, oder die Zapatist_innen-Bewegung in Mexiko. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass das persönliche Wachstum und die Veränderung Hand in Hand mit dem Engagement in politischen Bewegungen gehen.“
Felicia ist Mitbegründerin der Mujeres de Maiz (Maisfrauen), einer Künstlerinnen- und Aktivistinnenvereinigung aus Los Angeles. Die Mitglieder der Gruppe bezeichnen sich selbst als „Chicanas“ und als „Women of Color“. „Chicana-Sein bedeutet in den USA zu leben und ein mexikanisches oder mesoamerikanisches Erbe zu haben. Wir versuchen hier eine Verbindung zu unseren indigenen oder präkolumbianischen Wurzeln aufrechtzuerhalten“, sagt Felicia.
Der Begriff „Chicana“ oder seine männliche Form „Chicano“ war früher eine abwertende Bezeichnung für mexikanische oder allgemein lateinamerikanische Immigrant_innen und Gastarbeiter_innen in den USA. Im Zuge der Bürgerrechtsbewegung der Chican@s der 1960er und 70er Jahre, erfuhr der Terminus eine positive Neubewertung. Der Begriff gewann eine politische Konnotation und galt von da an als Zeichen der Selbstbestimmung und des kulturellen Stolzes. In der Chican@-Bewegung, die sich aus der Landarbeiter_innenbewegung in Kalifornien herausentwickelte, ging es um die Ausweitung der Rechte und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Mexiko-Amerikaner_innen und ihres politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Status. Von Anfang an wurden die Bewegungen, ihre Streiks und Aktionen von Künstler_innen, Wandmaler_innen und Theatergruppen begleitet.
Die Einheit der Bewegung wurde damals vor allem durch eine relativ homogene Identität, ein gemeinsames Bild der Vergangenheit und nationalistische Vorstellungen verstärkt. Die Interessen und Bedürfnisse der weiblichen, homosexuellen und queeren Mitglieder wurden ignoriert. Diese Personengruppe wurde innerhalb der Bewegung nicht als gleichwertig anerkannt. Eine feministische Chicana-Bewegung spaltete sich aufgrund von patriarchalen, machistischen und homophoben Wertvorstellungen, die in der frühen Chican@-Bewegung vorherrschten, davon ab.
Für die Mujeres de Maiz bedeutet der Begriff „Chican@“ vor allem ein gemeinsames Bewusstsein beziehungsweise eine Reihe von geteilten Erfahrungen, die sich durch ähnliche soziokulturelle und historische Kontexte ergeben haben. Damit sind Diskriminierungserfahrungen gemeint, die sie zum Beispiel aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder ihres Frau-Seins gemacht haben. Kolonialismus-, Imperialismus-, Kriegs-, und Migrationserfahrungen spielen auch eine Rolle. „Wir sind ein sehr offenes Kollektiv; eine kreative Women-of-Color-Vereinigung. Unsere Zielgruppen sind migrantische Communities, Lesben, Schwule und Transgender“, verdeutlicht Felicia Montes.
Ihren Namen Mujeres de Maiz, haben die Künstlerinnen gewählt, weil sie sich mit der Maispflanze verbunden fühlen. In Mesoamerika gilt der Mais als Lebensgrundlage, in der Mythenwelt ist er allgegenwärtig. „Wir wollen eine Austauschplattform für Women of Color schaffen. Die verschiedenen Maissorten – gelb, rot, blau, schwarz, mit spitzen, langen oder runden Körnern – stehen für die Diversität unserer Gruppe“, erklärt die Künstlerin Margaret Alarcón, ebenfalls Mitbegründerin der Aktivistinnenorganisation. Felicia Montes veranschaulicht die Situation vieler ihrer Mitstreiter_innen: „Die meisten Immigrant_innen und vor allem die Frauen unter uns, erleben sexuelle, physische oder verbale Gewalt. Gerade Frauen werden oft nicht ernst genommen, zum Schweigen gebracht, oder in bestimmte Rollenbilder gedrängt. Da kann kein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt werden.“
Laut dem U.S. Census Bureau leben zirka 53 Millionen Menschen hispanischer Herkunft in den USA. Sie bilden somit die größte ethnische Minderheit; die Mehrheit davon machen die Bürger_innen mexikanischer Abstammung aus. Die mexiko-amerikanischen Frauen wiederum stellen die größte und am schnellsten wachsende Gruppe unter den aus Lateinamerika stammenden Menschen in den USA dar. Ihr Bildungsgrad ist meist gering, demzufolge gehören sie zum ärmsten Segment der Bevölkerung.
Ende der 1990er lernten sich die Gründungsmitglieder der Mujeres de Maiz über ihr universitäres Umfeld kennen. „Wir mussten einfach einen Raum für junge Frauen schaffen, einen Raum für Bildung, Selbstbestimmung und Kunst. Sie waren unsichtbar und gerade im Kunstbereich vollkommen unterrepräsentiert“, erklärt Margaret Alarcón, und Felicia Montes führt fort: „Wir sahen nie eine Frau auf der Bühne! Wir wollten einen sicheren Zufluchtsort für Women of Color aufbauen, in dem sie sich selbst und ihre Kunst neu erschaffen können.“
Kunst sehen die Mujeres de Maiz als Mittel zur Überwindung von Diskriminierung und zur Aufarbeitung von negativen Erfahrungen. Sie nutzen die Kunst außerdem zur Vermittlung von Wissen: „Durch unsere Kunst lehren wir Aspekte der Chicana- und der feministischen Theorie, wir sprechen auf verständliche Weise über Sexismus, Rassismus und Homophobie. Wir vermitteln auch Informationen über die eigene Herkunft, Geschichte und Traditionen, sowie über die Gesetze hier in den USA. Das soll dazu beitragen, dass sich die Zielgruppe selbst kennenlernt, ein Selbstbewusstsein und einen Selbstwert entwickelt“, schildert Felicia.
Die renommierte Chicana-Schriftstellerin, Aktivistin und Philosophin Gloria Anzaldúa beschreibt die Position von Chicanas im Zwischenraum zweier oder mehrerer Länder, Kulturen und Weltanschauungen als Leben in borderlands. Das Leben an Grenzen löst einen inneren Konflikt aus und lässt ein Gefühl der Machtlosigkeit und des Andersseins entstehen. Chicanas identifizieren sich mit ihrem (mestizischen) mexikanischen Erbe, sehen sich aber auch als amerikanische Bürgerinnen; sie fühlen sich nirgends, weder in Mexiko noch in den USA, richtig zugehörig. Anzaldúa beschreibt Chicanas als multiple Persönlichkeiten, die die Fähigkeit haben, auf pluralistische Weise zu agieren. Sie entwickeln Strategien, um sich in unterschiedlichen, teilweise konträren Kontexten zurechtzufinden. In Zwischenräumen erfinden sie sich und ihre Identität(en) ständig neu. Chicanas sind flexibel und entwickeln in den borderlands mehrere Perspektiven, wodurch sie als Vermittlerinnen und Übersetzerinnen agieren können.
Die Künstlerinnen und Aktivistinnen der Mujeres de Maiz jonglieren mit kulturellen und spirituellen Elementen und integrieren aztekische, indigene mexikanische, nordamerikanische sowie afrokaribische Praktiken in ihre Arbeit. Alejandra Sanchez erklärt: „In meiner Arbeit versuche ich Brücken zu bauen, zwischen privaten und Community-Räumen, zwischen Wissenschafts- und Kunstwelten, zwischen Spiritualität und Aktivismus, zwischen modernen und antiken Lebenswelten, unterschiedlichen Weltanschauungen, Ländern und Sprachen.“ Im Frühjahr 2013 veranstaltete sie eine kreative Schreibwerkstatt für Frauen: Weaving Words, Creating Worlds: Healing & Empowerment as Women Storytellers („Worte weben, Welten schaffen: Heilen und Selbstbestimmung als weibliche Geschichtenerzähler“). „Ziel dieses Workshops ist es, Menschen, die keinen Zugang zu kreativen Aktivitäten haben, in ihrer Selbstbestimmung zu unterstützen. Kunst kann eine positive Veränderung für viele Menschen bedeuten. Die Frauen haben die Möglichkeit hier im East Side Café, einem autonomen Community-Raum in ihrer Umgebung, gratis an den Workshops teilzunehmen. Sie können in einem sicheren Umfeld schreiben, ihre Texte publizieren und vor einem kleinen Publikum präsentieren. Hier können sie ihre Fähigkeiten und Talente austesten. Sie können sich austauschen und negative Erfahrungen durchs Schreiben aufarbeiten”, beschreibt Alejandra die Ziele ihrer Schreibwerkstatt.
Gleich zu Beginn des Workshops schreibt Alejandra ein Yoruba-Sprichwort an die Tafel, um den Schreibprozess zu initiieren. Im weiteren Verlauf werden Geschmack-, Geruch-, und Tastsinn stimuliert und afro-kubanische und aztekische Tänze getanzt, um locker zu werden und den gesamten Körper und die Kreativität anzuspornen. „Wir arbeiten viel mit persönlichen Geschichten, mit den Erzählungen unserer Ahnen und den Erfahrungen der Community. Es geht bei diesen Workshops um persönliche Genesung, um soziale Gerechtigkeit und die Zurückerlangung von indigenen Lebensweisen“, erklärt die Workshopleiterin.
Margaret „Quica“ Alarcón versucht in ihrer bildnerischen Arbeit ebenfalls die Geschichte ihrer Ahnen visuell zu übersetzen, zu dokumentieren und neu zu interpretieren. „Ich bringe meinen Körper ins Bild und übertrage die Geschichte in einen persönlichen und zeitgenössischen Kontext.“ In ihrem Gemälde Bear Dance (Selbstporträt) bildet sie einen Bären ab, der mit seiner rechten Tatze eine weibliche Silhouette umarmt. Der Bär repräsentiert eine von nordamerikanischen Ute-Gesellschaften veranstaltete Bärentanz-Zeremonie, der sie in Kalifornien beigewohnt hat. In ihrem Werk befasst sich die Künstlerin mit der Heilung von Körper und Seele mit Hilfe antiker spiritueller Praktiken, wie dem präkolumbianischen Temazcal. Das zeremonielle Dampfbad oder die traditionelle Schwitzhütte hat therapeutische und spirituelle Funktionen und wird zur Reinigung und Heilung angewendet. Gleichzeitig stellt Margaret eine Verbindung zwischen verschiedenen traditionellen Praktiken her: „Die Form des Bären stellt das mesoamerikanische Bildzeichen Tepetl dar, das ‚Hügel‘ oder ‚heiliger Ort‘ bedeutet. Andererseits repräsentiert die Form auch ein Temazcal und ein Inipi, eine Lakota-Schwitzhütten-Zeremonie.“
„In Temazcal-Zeremonien kommt es oft zu Momenten der Selbsterkenntnis, und es können starke Emotionen hervorgerufen werden“, führt Margaret fort. Die aztekische Figur rechts unten repräsentiere Vergangenes und damit zusammenhängende Schmerzen und Traumata. „Als Überlebende menschlicher Grausamkeiten teilen wir die Traurigkeit mehrerer Generationen. Die weinende Steinfigur repräsentiert diese geteilte Traurigkeit“, so Margaret. In diesem Jahr bauen die Mujeres de Maiz unter dem Motto „Gute Kunst ist gute Medizin“ mit multimedialen Events, Ausstellungen, Workshops, (politischen) Aktionen und ihrer Publikation Flor y Canto („Blume und Gesang“) weiter an ihrer Lebenswelt im Zwischenraum – um sie anderen zu öffnen.


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„Suche nach einer offeneren Gesellschaft“

In Mexiko gibt es schon viele Organisationen zur Verteidigung und Unterstützung von Migrant_innen. Wieso haben Sie nun Migrantes LGBT (Aus dem Englischen, lesbian, gay, bisexual, trans*; Anm. der Red.) gegründet?
Julio César Campos Cubías: Wir möchten die Lücke schließen, die durch die fehlenden Initiativen zum Schutz nicht-heterosexueller Migrant_innen bestehen. Deswegen haben wir uns am 21. Januar 2014 offiziell zusammengetan. Der mexikanische Staat und seine Institutionen setzen sich nicht für die Menschenrechte dieser Personen ein. Dies wäre aber aufgrund der doppelten Vulnerabilität dieser Gruppe besonders dringlich: Die Situation von Diskriminierung und Homophobie ist nämlich nicht nur Grund für ihre Entscheidung zu migrieren, sondern sie erleben sie auch konstant auf ihrem Weg nach, durch und in Mexiko.

Sergio Gallardo García: Die Organisierte Kriminalität, genauso wie die Ignoranz und Gewalt von Polizist_innen und Beamt_innen oder gar anderer Migrant_innen sind der Grund für ihre besondere Schutzbedürftigkeit. Neben Frauen und Kindern ohne Begleitung ist es genau diese Gruppe, die von gewalttätigen, vor allem sexuellen Übergriffen, Menschenhandel und alltäglichen Angriffen in den Herbergen und Institutionen betroffen ist.

Wie genau sieht die Situation der nicht-heterosexuellen Migrant_innen in Mexiko aus?
S.G.: Hauptbeweggrund für die Migration nicht-heterosexueller Migrant_innen ist mit Sicherheit ihre Suche nach einer offeneren Gesellschaft. Nach einem Ort, an dem sie sich nicht mehr verstecken müssen, um nicht alltäglicher Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt zu sein. Obwohl es in Mexiko, vor allem in der Hauptstadt, bereits zahlreiche Gesetze und politische Initiativen zum Schutz der LGBT-Bevölkerung gibt, ändert dies bisher wenig an der tatsächlichen Situation. Weltweit ist Mexiko das Land mit der zweithöchsten Rate an Hassmorden. Einer der Hauptgründe ist die tief verwurzelte Lesbo-, Homo-, Bi- und Transphobie der Menschen.

J.C.: Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass viele Migrant_innen keine Papiere haben und deswegen Ausbeutung und Ausgrenzung ausgesetzt sind. Wenn sie nicht selbst Opfer werden, schließen sie sich oft Drogen- oder Menschenhändler_innenbanden an. Diese Situation betrifft besonders häufig nicht-heterosexuelle Migrant_innen, denen von der Gesellschaft von vornherein Arbeiten mit einem hohen Risiko, insbesondere die Prostitution, zugeschrieben werden. Deshalb sehen sie sich besonders oft gezwungen, auf der Straße zu leben oder in bestimmten Milieus zu verkehren. Dies wiederum erhöht ihre Kriminalisierung und Stigmatisierung seitens der Gesellschaft.

Wer ist Teil des Kollektivs und wie arbeiten Sie?
J.C.: Wir sind Jugendliche unterschiedlicher Nationalitäten, Geschlechtsidentitäten und sexueller Orientierungen. In Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft versuchen wir, die Sichtbarkeit und letztlich die Integration von nicht-heterosexuellen Migrant_innen zu fördern. Wir unterstützen insbesondere Migrant_innen aus Zentralamerika auf ihrem Weg in die USA und bei ihrer Ankunft in Mexiko. Aber auch Geflüchtete aus anderen Ländern, die Asyl in Mexiko beantragen wollen. Wir sind der Meinung, dass jeder Mensch das Recht auf ein würdiges Leben hat. Deswegen bietet unser Kollektiv dieser Gruppe von Migrant_innen humanitäre Hilfe an, die auf ihre spezifischen Anliegen gerichtet ist: Neben akuten Sachleistungen, leiten wir die Migrant_innen an sensibilisierte Herbergen und andere Stellen weiter, die legale und psychologische Unterstützung geben können.

Können Sie das an einem Beispiel etwas genauer ausführen?
J.C.: Es gibt verschiedene Fälle: Zum einen gibt es Personen, die mit konkreten Problemen persönlich an uns herantreten. Häufig fragen sie sich vor allem, ob sie in Mexiko bleiben oder besser versuchen sollen, ihren Weg in die USA fortzusetzen. Es gibt aber auch Fälle, die von Organisationen vertreten werden. Einer dieser Fälle ist Ender, ein 32-jähriger Salvadorianer, der nach Mexiko kam, weil er in El Salvador als politischer Aktivist für LGBT-Rechte verfolgt wurde. Obwohl Vorschriften der Nationalen Migrationsbehörde (INM) vorsehen, dass Migrant_innen nicht länger als 48 Stunden festgehalten werden dürfen, verhafteten sie Ender und sperrten ihn sieben Monate unter menschenunwürdigen Bedingungen ein. In Zusammenarbeit mit einer Anwältin und drei weiteren Kollektiven haben wir innerhalb eines Monats seine Freilassung erwirkt. Grundlegend war dabei nicht nur der politische und mediale Druck, den wir auf das INM, die Nationale Menschenrechtskommission und das salvadorianische Konsulat ausüben konnten, sondern vor allem auch die öffentliche Anklage in sozialen Netzwerken.

Welche weiteren Möglichkeiten nutzt das Kollektiv, um die Sichtbarkeit des Phänomens in der Gesellschaft zu erhöhen?
S.G.: Wir versuchen vor allem, durch Aktivitäten in sozialen Netzwerken die Menschen zu sensibilisieren und informieren. Außerdem organisieren wir Ausflüge zu Herbergen, Universitäten und Museen. Andere Veranstaltungen, die von uns durchgeführt werden, sind beispielsweise Filmzyklen mit anschließender Diskussion oder punktuelle Beiträge z.B. am Internationalen Tag des Kampfes gegen Homophobie oder der Demonstration für LGBT-Rechte in Mexiko-Stadt am 28. Juni.

Was müsste sich konkret verändern, damit die Rechte der nicht-heterosexuellen Migrant_innen in Mexiko respektiert werden?
S.G.: Wir setzen uns dafür ein, dass die Rechte, die die LGBT-Bewegung in Mexiko-Stadt in den letzten Jahren erkämpft hat, für alle gelten – ob arm oder reich, indigen oder mestizisch, und eben auch für Migrant_innen. Wir wollen, dass die Gesellschaft versteht, dass ebenso wie die Migration ein vielfältiges Phänomen ist, die Menschen, die migrieren, unterschiedliche Gründe und Ziele, genauso wie Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierungen haben. Deswegen wollen wir Weiterbildungen für die Beamt_innen, speziell des INM und der Mexikanischen Kommission für Flüchtlingshilfe (COMAR) anbieten. Wir würden hier gerne gemeinsam mit ihnen eine gerechtere Migrationspolitik erarbeiten, die nicht nur nicht-heterosexuelle Migrant_innen, sondern auch andere Gruppen wie Indigene und Kinder ohne Begleitung umfasst.


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Honduras in Mexiko

Doña Nora sitzt unter einem bunten Sonnenschirm. Denn in der Sackgasse, die zur Migrations­­behörde führt, brennt unbarmherzig die Mittagssonne nieder. Der Strom für Laptop und Drucker kommt aus dem Schnellrestaurant hinter ihrem kleinen Stand. An diesem Morgen sind ihre Dienste viel gefragt: Von Männern und Frauen, zumeist aus Mittelamerika und vor allem aus Honduras, denen Nora Rodríguez zielstrebig beim Ausfüllen der Internetformulare hilft.
Doña Nora ist stets modisch gekleidet, ein breiter Gürtel liegt um ihre Hüften. Ihre Wimpern sind dicht getuscht. Wenn sie von ihrer eigenen Migration erzählt, treten Tränen darunter hervor. Vor zehn Jahren ist sie aus Honduras aufgebrochen, um ihre Kinder durchzubringen. In die USA zu gelangen, war ihr Traum. Damit scheiterte sie schon an der zweiten Grenze, die sie überquerte. „In Tapachula hatte ich kein Geld mehr, aber mit „La Bestia“, dem Güterzug, weiter Richtung Norden zu reisen, traute ich mich nicht.“ Dieser ist oft das einzige Trans­port­mittel, das Abertausenden Migrant_innen aus Mittelamerika auf dem Weg durch Mexiko bleibt – abseits der Landstraßen, die von der Migrationspolizei kontrolliert werden.
Nora Rodríguez begann damals als Hausmädchen in Tapachula, im südlichsten Zipfel des mexikani­schen Bundesstaates Chiapas, zu arbeiten. „Doch als Migrantin versuchen viele Leute, sich an einem zu bereichern.“ Oftmals wurde ihr der Lohn vorenthalten. „Es war eine schwere Zeit“, seufzt sie. Fast jeden Tag wird sie daran zurückerinnert, wenn sie anderen Migrant_innen dabei hilft, eine Arbeits­erlaubnis in Mexiko zu erhalten – und damit bessere Jobaussichten zu angemessenen Löhnen. Denn Rechtlosigkeit und Rassismus gehen oft Hand in Hand. „Egal wie lange wir hier schon leben, ob Jahre oder Jahrzehnte: Sie sehen uns nie einfach nur als Menschen, sondern immer als Migranten, die sie mit einem Haufen von Vorurteilen überschütten.“
Zunächst war Doña Noras selbstgewählte Tätigkeit einfach eine Chance, abseits ausbeuterischer und diskriminierender Arbeitsverhältnisse ein Einkommen zu schaffen. Schnell entwickelte sie Herzblut, ihren paisas, ihren Landsleuten durch den Wust der zur Legalisierung notwendigen Anforderungen und Unterlagen zu helfen. In Mexiko ist es tatsächlich in wenigen Jahren möglich, eine permanente Aufent­halts­genehmigung zu bekommen, und mit dem Nachweis von stabilen Arbeits- oder Familien­verhältnissen sogar relativ bald die Staatsbürgerschaft zu erlangen. Haupthindernis sind dabei die kafkaesk anmutenden Praktiken der staatlichen Migrationsbehörde INM, die französische Sprach­lehrer_innen wie honduranische Bauarbeiter_innen gleichermaßen verzweifeln lassen.
Doch für Letztere lasten die Unkosten der Legalisierung schwerer auf der schmalen Geldbörse. „Früher waren 500 Pesos pro Jahr zu zahlen, heute sind es mehr als 3000 Pesos.“ Die umgerechnet knapp 200 Euro sind eine Hürde für die Mehrheit der Migrant_innen, die sich im informellen Sektor gerade so durchschlagen. Diese versucht Nora Rodríguez zu organisieren. Die sozialen Netze, die sich über die Jahre rund um eine Handvoll Herbergen und das honduranische Konsulat gebildet haben, sind mittlerweile über ganz Tapachula gespannt.
In den mexikanischen Medien und in der Gesellschaft hingegen würde Migration zumeist als etwas Skandalöses und höchst Dramatisches dargestellt, bekundet die Soziologin Carmen Fernández, die am Studienzentrum CIESAS forscht und lehrt. „Berichtet wird über Zugunfälle und ruchlose Schlepper, über menschliche Tragödien und kriminelle Netzwerke. Doch es gibt auch eine Migration, die ganz alltäglich und still vor sich geht. Menschen entscheiden sich zum Leben im Nachbarland und bauen sich ganz allmählich eine Existenz auf. Und in der südlichen Grenzregion Mexikos kann man deswegen seit ein paar Jahren honduranische baleadas zu essen finden und Samstagabends wird punta auf der Tanzfläche gespielt.“
Die schnellen Rhythmen von der honduranischen Karibikküste erklangen zunächst in den ausgedehnten Rotlichtzonen in und um Tapachula. Dort sind fast ausschließlich Frauen aus Mittelamerika, in der Mehrheit aus Honduras, angestellt. Denn infolge der Illegalisierung durch die regionale US-Migrationspolitik, die Mexiko zu einem Filter auf dem Weg in die USA macht, wird Mittel­amerika­ne­rin­nen in anderen Bereichen kaum Arbeit angeboten. Im Umkehr­schluss wird in einer Verknüpfung rassistischer und sexistischer Vorurteile in der mexikanischen Grenzregion angenommen, dass Frauen aus Honduras „besonders freizügig“ wären. Die Exotisierung der südlichen Nachbarinnen stachelt die Begierde mexikanischer Männer an, die die Prostitution in der Grenzregion nicht selten als ganz normale Abendveranstaltung wahrnehmen. Die überdimensionale Nachfrage nach Minder­jährigen wird dabei nicht selten mit der angeblichen „Frühreife der Honduranerinnen“ gerechtfertigt.
Viele tapachultekische Frauen sprechen davon, dass „Honduranerinnen Ehemänner rauben“. Das Zusammenspiel von machismo und marianismo wird hier gewahr: Ehefrauen und Mütter werden zu „Heiligen“, zur Maria, Mutter Gottes, stilisiert, während Sexualität und Lust als rein männlich definiert und von Männern mit „Huren“ abseits des Ehebetts in Motels und Bordellen ausgelebt werden. Geschlechter­bilder, an denen die Gesellschaft in der Grenzregion krankt.
Doch Prostitution findet auch in heruntergekommenen Pensionen und auf öffentlichen Plätzen im Stadt­zentrum Tapachulas statt. Hier sind auch männliche migrantische Jugendliche, die auf der Straße leben, zu finden. Denn immer mehr Kinder und Jugendliche fliehen vor der Gewalt der Jugend­banden in Mittelamerika. Diese führen in den marginalisierten Vierteln Zwangsrekrutierungen durch und haben engmaschig ihre Territorien abgesteckt. Das bringt die Jugendlichen, die sich über die unsichtbaren Grenzen hinausbewegen, als vermeintliche Spitzel in die Schusslinie der feindlichen Bande.
In der Straßenkinderherberge Todo por Ellos finden die minderjährigen Geflüchtete Unterschlupf. Die meisten von ihnen kommen aus Honduras. „Auf der Straße sind sie Ausbeutung und sexuellen Übergriffen seitens Polizei und Passanten schutzlos ausgeliefert“, berichtet Prediger Ramón Verdugo, der Leiter der Herberge. Doch immer öfter stehen ganze Familien vor seiner Tür. Wie Ingrid und Jorge, die mit ihren beiden kleinen Kindern aus dem honduranischen San Pedro Sula geflohen sind. „Unser vages Ziel war die USA. Doch jetzt überlegen wir, hier in Tapachula zu bleiben und einen Asylantrag zu stellen“, erzählt Ingrid.
Ramón Verdugo hat ihnen vorübergehend ein Dach über dem Kopf gewährt. Vor einem Jahr musste er selbst in die USA fliehen, da er die Verstrickungen der Stadtregierung in die Ausbeutung von minderjährigen Guatemaltek_innen öffentlich machte. Diese Kinder und Jugend­lichen, die Tag und Nacht an jeder Straßenampel Tapachulas Kaugummis und Zigaretten verkaufen, sind so omnipräsent wie unsichtbar in der Stadt. Niemand grüßt sie, wie es sonst zum höflichen Standard gehört, doch alle nehmen ihre Serviceleistungen in Anspruch. Dass sie keinen mexikanischen Pass besitzen, scheint jegliches Mitgefühl der sonst vor Kinderliebe überschäumenden Bevölkerung wegzuwischen.
Dabei gehört die chiapanekische Küstenregion erst seit 172 Jahren zu Mexiko und die Grenzlinie zum ehemaligen Vaterland Guatemala, die heute keine halbe Autostunde von der Stadt entfernt ist, wurde erst im Jahr 1882 endgültig festgelegt. Und nicht nur Tapachula, sondern auch die Klein­städte entlang der Tiefebene der Pazifikküste sind durch die letzten beiden Jahrhunderte hindurch bis heute von Migration und Einwanderung aus Ländern wie China, Japan, Deutschland, den Vereinigten Staaten, dem Libanon und dem nordwestlich gelegenen Bundesstaat Oaxaca geprägt. Nichtsdesto­trotz ist ein latenter Rassismus gerade gegenüber Menschen aus Mittelamerika allgegenwärtig. Der Begriff „Migrant“ kommt einem Schimpfwort gleich.
In Tapachula soll deswegen in den nächsten Jahren ein Museum der Migration (MUMISOC) entstehen, nicht zuletzt, um die Identitätswahrnehmung der Bevölkerung mittels museums­pädago­gischer Arbeit zu revidieren. „Aktuelle Migrationen werden als etwas Bedrohliches wahrge­nom­men“, konstatiert der Psychologe Santiago Martínez, der an der Ausarbeitung des Museums­projekts beteiligt ist. Ausgeblendet wird dabei der eigene Migrationshintergrund. „Kaum eine Familie in Tapachula blickt auf rein mexikanische Vorfahren zurück. Da kommt die Großmutter aus dem Libanon, der Vater ist aus Guatemala eingewandert, oder der Nachname der Mutter ist Sonnemann oder Chang.“ Der kulinarische, linguistische, architektonische und kulturelle Reichtum der südlichen Grenzregion Mexikos basiere auf diesem kosmopolitischen Gefüge in der sonst so ländlichen Region.
Aktuell lassen die Zahlen von honduranischen Einwanderer_innen die Bevölkerung der prosperie­ren­den Grenzstadt anschwellen. Prosperierend nicht zuletzt, weil Erntearbeiten und Bauarbeiten, reproduktive Arbeit und Haushaltsarbeit, Gastronomie und Service fast zu 100 Prozent von Migrant_innen getragen wird, während sich der mexikanische Teil der Bevölkerung bildungs-, einkommens- und ansehensstärkeren Berufsfeldern widmen kann.
Doch in vereinzelten Fällen findet auch „Brain Drain“ statt. So arbeiten Karla und Astrid, zwei junge Geigenvirtuosinnen aus Honduras, als Musiklehrerinnen an einer neugegründeten Kunst­akademie in Tapachula und bauen ein Jugendsymphonieorchester auf. In der Stadt ist kaum Fachpersonal für bildende Künste zu finden und aus anderen Teilen des Landes wollen nur die wenigsten in den abgelegenen, provinziellen Boomtown ziehen. So sind es begabte und gut ausgebildete Künstler_innen aus den karibischen und mittelamerikanischen Hauptstädten, die zum Arbeiten hierher kommen.
Vor den Feiertagen treffen Astrid und Karla viele Wahltapachultek_innen im Ticabus, der die Auswanderer_innen in einer eineinhalb-Tagesfahrt von Tapachula zurück nach Tegucigalpa bringt – der honduranischen Hauptstadt mit den unzähligen unverputzten Häusern auf den Hügelketten, den Kolonialbauten und roten Ziegeldächern im Tal.


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Das produzierte Territorium

Er sieht es als göttlichen Auftrag. Dr. Albrecht Glatzle aus Filadelfia, der größten Stadt des Chaco, verteidigt den Ausbau der Viehwirtschaft im nördlichen Chacogebiet Paraguays. Er begründet dies mit der Bibel, aus der er einen „göttlichen Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren“ herausliest. Mit diesem Argument versucht der in Deutschland promovierte Agrarbiologe die fortschreitende Abholzung des Trockenwaldes in der Chacoregion zu rechtfertigen. Der Spezialist für tropische Viehwirtschaft erklärte in verschiedenen Leserbriefen und anderen journalistischen Beiträgen, dass die Viehwirtschaft im Chaco mitnichten die Biodiversität verringern oder der Wüstenbildung Vorschub leisten würde. Stattdessen sieht er in der Viehwirtschaft eine nachhaltige Wirtschaftsform, die Devisen und Fortschritt ins Land bringen würde. In anderen Äußerungen leugnet er auch den menschengemachten Klimawandel.
Auch wenn man seine Ansichten nicht teilt, kann man nicht behaupten, dass Dr. Albrecht Glatzle nicht wüsste, wovon er spricht. Seit 1990 ist er Viehzüchter im Chaco, als Direktor eines privaten Instituts für Raumplanung und Viehzucht hat er maßgeblich zur heutigen Raumordnung des Chaco beigetragen. Für ihn ist die Integration des Chaco in die Weltwirtschaft eine Erfolgsgeschichte, die weitergeführt werden sollte: Der leere und nutzlose Raum Chaco wurde und wird durch die Viehwirtschaft in Wert gesetzt und somit auch für die Nation Paraguay erobert.
Leer war dieser Raum aber noch nie. Im Chaco leben seit tausenden Jahren Indigene verschiedener Ethnien. Während der Kolonialzeit galt die regenarme und heiße Tiefebene den aus Europa kommenden Kolonialherren als nutzlos und lebensfeindlich. Sie ignorierten das Gebiet, das etwas größer als Polen ist. Deshalb blieben bis weit ins 20. Jahrhundert viele Indigene des Chaco isoliert von der restlichen Welt; einige sogar bis heute.
Einige Gruppen der Ayoreo Totobiegosode vermeiden auch heute noch jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Sie leben als Jäger_innen und Sammler_innen und ernähren sich von Landschildkröten, Chaco-Pekaris, Wurzeln und wildem Honig. Sie verkaufen ihre Produkte nicht, sie sind nicht in den Weltmarkt eingebunden. Sie identifizieren sich weder als Paraguayer_innen, noch als Bolivianer_innen und leben außerhalb nationaler Räume.
Aus diesem Grund besitzen die Ayoreo Totobiegosode keine legalen Besitztitel des paraguayischen Staates über ihr Land. Aber Viehzuchtunternehmen wie die spanisch-argentinische Carlos Casado S.A. oder die brasilianische Yaguareté Porã S.A. besitzen sie. Carlos Casado S.A. ist seit 1886, als der paraguayische Staat die vermeintlich „leeren“ Ländereien des Chaco zu verkaufen begann, auf dem Papier der größte Landeigentümer der Region.
Insbesondere diese beiden Firmen – aber auch zahlreiche andere – dringen immer weiter in den nördlichen Chaco ein, um den artenreichen Trockenwald zu roden und vor allem Viehweiden anzulegen, aber auch um Sesam oder andere trockenheitsresistente Feldfrüchte anzubauen. Neue Technologien – schwere Bulldozer und Wasserspeicheranlagen – geben die Möglichkeiten dazu. In Loma Plata, mit etwas weniger als 6.000 Einwohner_innen eine der größten Städte des Chaco, ist eine der modernsten Viehschlachtanlagen der Welt entstanden. Sie funktioniert ausschließlich mit Regenwasser, das immer wieder aufbereitet und gereinigt wird. Der Chaco ist für die globale Agrarindustrie geöffnet und Investor_innen aus aller Welt, vor allem aus Brasilien, drängen in das vermeintliche Niemandsland.
Den Ayoreo bleibt nichts übrig, als ihre überlieferte Lebensweise aufzugeben. In den 1970er Jahren haben evangelikale Missionare aus den USA etliche Ayoreo-Gruppen – oft mit Gewalt – sesshaft gemacht. Diese Ayoreo, die sich frei zwischen den nationalen Räumen Boliviens und Paraguays bewegten, sind unter Zwang in die jeweiligen Nationen und die kapitalistische Wirtschaft integriert worden. Nur einige Gruppen der Ayoreo Totobiegosode bleiben außerhalb der Nationen.
Doch die Integration der Ayoreo blieb unvollständig. Bis heute haben die meisten von ihnen enorme Anpassungsschwierigkeiten. Lohnarbeit ist ein Konzept, dass den ehemaligen Jäger_innen und Sammler_innen fremd ist und bleibt. In den Städten im paraguayischen Chaco und im Südosten Boliviens leben die Ayoreo in Slums unter menschenunwürdigen Bedingungen. Für die meisten Familien sind Sexarbeit und Betteln die einzigen Einnahmequellen. Bei vielen sesshaft gemachten Ayoreo grassiert eine rätselhafte Lungenkrankheit, der Tuberkolose ähnlich, die weder verstanden noch behandelt wird. Die kapitalistische Inwertsetzung des Chaco war für sie keine Erfolgsgeschichte wie für Herrn Dr. Glatzle.
Die Pionierarbeit für die wirtschaftliche Erschließung des Chaco leisteten deutschsprachige Mennonit_innen, die ab 1921 aus Kanada und der Sowjetunion den Chaco besiedelten. Hintergrund für ihre Ansiedlung war der Konflikt zwischen Bolivien und Paraguay um das umstrittenen Gebiet. Die beiden Länder lieferten sich einen Wettlauf um die „Kolonisierung des Chaco“, wie dies damals genannt wurde. Das „herrenlose“ Land zwischen den beiden Staaten sollte in Nationalterritorium umgewandelt werden. Paraguay lud die Mitglieder verschiedener mennonitischer Kirchen in den Chaco ein, damit sie diesen Raum für Paraguay integrierten.
Die mennonitischen Immigrant_innen sollten im Raum die Nation repräsentieren, auch wenn die meisten bis heute in den Schulen auf Deutsch lernen und zu Hause ihren Plautdietsch genannten Dialekt pflegen. Sie gründeten die wichtigsten Städte Filadelfia und Loma, in denen auch heute viele Hinweisschilder auf Deutsch geschrieben sind. In der rassistisch geprägten Welt galten die weißen Siedler_innen dennoch als angemessenere Repräsentant_innen der paraguayischen Nation als die Indigenen, die als „barbarisch“ und „zurückgeblieben“ diffamiert wurden. Nur eine Nutzung des Raums, die in die kapitalistische Weltwirtschaft integriert war, galt als legitim. Der Raum, den die Indigenen nutzen und beleben, war nicht in die Nation integriert und sollte umstrukturiert, als Nationalterritorium produziert werden.
Dieses Muster ist im Streit um die Raumnutzung des Chaco und anderer „staatsferner Räume“ in Lateinamerika bis heute erkennbar. Als 2003 das Biosphärenreservat des Chaco gegründet wurde, protestierten Farmer_innen in Filadelfia dagegen. Sie hielten Schilder hoch, auf denen stand: „Ihr wollt den Tod der Produzenten!“. Auch der Agronom Dr. Glatzle sieht das so. Er will nicht auf die „Nutzung einer Fläche von der Größe Bayerns, Baden-Württembergs und Hessens“ verzichten, wegen einer „Handvoll Waldbewohner“. Die Produktion der Ayoreo Totobiegosode, auch wenn sie den Wald und seine Biodiversität schont, wird nicht anerkannt und als unangemessen dargestellt. Sie beleben ihren Raum, und doch stellen die Agrarunternehmer_innen diesen Raum weiterhin als „leer“ dar.
Staatliche Institutionen teilen meistens diese Sicht. In Brasilien stellen nationalistische Gruppen und Militärs Indigene und Umweltorganisationen in der Amazonasregion als „Feinde der Nation“ dar, da sie dem wirtschaftlichen Fortschritt im Weg stehen. Nur kapitalistisch genutzter Raum gilt als Nationalterritorium, anderen Formen der Raumnutzung wird die Berechtigung abgesprochen.
So auch im Chaco. Das paraguayische Umweltministerium SEDAM hat im März dieses Jahres den Unternehmen Yaguarté Porã S.A. und Carlos Casado S.A. das Recht bestätigt, mit der Rodung im Chaco fortzufahren. Ministerin Cristina Morales beruft sich dabei auf die von Gerichten bestätigten Landtitel der Unternehmen. Dieses Recht ist aber strukturell rassistisch, da es die jahrhundertealte Landnutzung der Ayoreo Totobiegosode nicht berücksichtigt.
Doch selbst die legalen Landrechte der Indigenen werden nicht respektiert. Im Februar dieses Jahres drangen Bulldozer auf das Land der Ayoreo Cuyabia, dass ihnen die Indigenenbehörde INDI zugestanden hatte. Ein Vertreter des Agrarunternehmens zeigte dabei Dokumente vor, denen zufolge dieses Gebiet von der INDI auf eine Julia Beatriz Vargas Meza übertragen wurde. Laut Artikel 64 der paraguayischen Verfassung ist es illegal, indigenes Land ohne die Zustimmung der Bewohner_innen zu veräußern. Doch Agrarunternehmen haben in Paraguay die besseren Beziehungen zu Politik und Gerichten als die Ayoreo. Dagegen leisten die Indigenen des Chaco – nicht nur die Ayoreo – zunehmend Widerstand.
Im vergangenen Jahr haben Ayoreo die Transchaco-Straße, den wichtigsten Verkehrsweg der Region, blockiert, um gegen ihre weitergehende Enteignung durch Agrarunternehmen zu protestieren. Sie fordern Landtitel und den Stopp weiterer Rodungen des Chacowaldes. Sie forderten auch, dass das Land der letzten im Wald lebenden Totobiegosode respektiert wird. Sie forderten letztlich, dass die Landnutzung der Ayoreo, die den Naturraum Chaco nur wenig beeinflusst, als legitime Landnutzung anerkannt wird. Die Zeit eilt. Eine Studie der Universität Maryland vom Januar kommt zu dem Ergebnis, dass durch die Ausweitung der Rinderzucht der Chaco die höchste Abholzungsrate der Welt vorweist.

Info: Survival International führt eine Kampagne zur Unterstützung der Indigenen in ihrem Kampf um ihr Land im Chaco: http://www.survivalinternational.de/indigene/ayoreo


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“Frequenzen konnten vererbt werden“

Eigentlich sollte das neue Mediengesetz mehr Raum für kontroverse Debatten und kulturelle Vielfalt schaffen. Zugleich gibt es aber immer wieder auch Nachrichten darüber, dass einzelne Menschen oder Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bei ihrer Arbeit massiv behindert werden. Wie passt das zusammen?
Was in Ecuador gerade passiert, ist schon ziemlich beunruhigend. Es gibt verschiedene Beispiele, die zeigen, wie brüchig die Meinungsfreiheit ist. Ende vergangenen Jahres wurde beispielsweise die Stiftung Pacha Mama geschlossen, wegen ihrer Beteiligung an sozialen Protesten. Bei einer Demonstration gab es einen Zwischenfall, ein ausländischer Diplomat wurde mit einem Speer verletzt. Doch anstatt wie sonst üblich einen strafrechtlichen Prozess gegen den Täter einzuleiten, nahm die Regierung den Vorfall zum Anlass, Pacha Mama zu schließen. Ihre Begründung: Als NGO hätten sie nicht das Recht, sich in die Politik einzumischen oder Wahlkampf zu machen. Und der Beleg dafür war eben die Anwesenheit von Mitarbeitern der Stiftung auf dieser Demonstration.

Gibt es auch Angriffe auf einzelne Medienschaffende, die kritisch oder zu kontroversen Themen in Ecuador arbeiten?
Ja, auch solche Übergriffe beobachten wir immer wieder. Vor einiger Zeit schrieb eine junge Journalistin aus den USA über ein Massaker an zwei Gruppen der Taromenane-Indigenen. Kurze Zeit später erklärte Präsident Rafael Correa in einer Fernsehansprache, dass diese Ausländerin kein Recht habe, sich darüber eine Meinung zu bilden und dass ihre Schilderungen nicht stimmen würden. Correa erniedrigte sie nicht nur öffentlich, einige Menschen nahmen diese Anschuldigungen auch sehr ernst. Ein Shitstorm entlud sich in den sozialen Netzwerken, eine mediale Lynchjustiz setzte ein. Ich finde es furchtbar, die Bevölkerung so gegen eine Person aufzuhetzen. Jede und jeder hat doch das Recht seine oder ihre Meinung zu sagen und an öffentlichen Debatten teilzunehmen.

Sind auch Personen des öffentlichen Lebens in Ecuador von solchen Hasskampagnen betroffen?
Der Fall von Jaime Guevara, der für seine Protestlieder bekannt ist, hat für Aufsehen gesorgt. Guevara machte auf einer Demo eine obszöne Handbewegung als der Wagen des Präsidenten vorbeifuhr. Daraufhin stieg Correa aus und ordnete an, den Sänger wegen Trunkenheit in der Öffentlichkeit festzunehmen. Im Polizeibericht wurden dann diese Anschuldigungen einfach übernommen, Trunkenheit und Drogenkonsum. Einige Tage später machten Freunde des Verhafteten jedoch darauf aufmerksam, dass Guevara aus gesundheitlichen Gründen starke Medikamente nimmt und seit jeher völlig abstinent lebt. Correa entgegnete darauf, es sei ja wohl nicht seine Schuld, dass er betrunken gewirkt habe.
All diese Zwischenfälle zeigen, dass wir an einen Punkt gelangt sind, an dem die Regierung jegliche Kritik, jede Geste sofort als einen Angriff, als einen oppositionellen Akt wahrnimmt. Es sollte doch möglich sein, ein gemeinsames Terrain zu finden und so auch wieder die positiven Seiten der aktuellen staatlichen Politik ansprechen zu können, denn die gibt es ja auch. Doch dafür ist es notwendig, dass sich die Regierung den gesellschaftlichen Debatten stellt.

Zumindest der Forderung nach einem neuen Mediengesetz scheint die Regierung ja nachgekommen zu sein. Wie verliefen die Verhandlungen?
Es war schon ein ziemlich langwieriger Prozess. Gemeinsam mit vielen sozialen Organisationen haben wir jahrelang darauf hingearbeitet, die Kommunikationsmittel zu demokratisieren und anders als bisher zu regulieren. Gemeinsam waren wir direkt daran beteiligt, die Novellierung der Gesetze inhaltlich zu begleiten.

Und was waren Ihre konkreten Forderungen und Prinzipien, mit denen Sie die Medienlandschaft demokratisieren wollten?
Im Radiobereich griffen wir auf das inzwischen bekannte Prinzip einer paritätischen Dreiteilung aller verfügbaren Frequenzen zurück, das beispielsweise auch in Bolivien Anwendung findet: ein Drittel der Kanäle für öffentlich-staatliche Sender, ein Drittel für kommerzielle Anbieter und ein Drittel für kommunitäre Medien (wie Gemeinderadios; Anm. d. Red). Anfangs hat den staatlichen Vertretern diese Idee überhaupt nicht gefallen. Bei unserem ersten Treffen haben sie uns ausgelacht und gesagt, man könne das elektromagnetische Spektrum doch nicht wie eine Torte aufteilen. Aber dieselben, die anfangs nur lachten, machten sich später unser Argument zu eigen.

Das Problem ist doch auch, dass gerade in größeren Städten oft keine Frequenzen mehr frei sind für unabhängige, nicht-kommerzielle Projekte. Wie läuft das in Ecuador?
Die Regierung setzte eigens eine Kommission ein, die die Praktiken der Frequenzvergabe prüfen sollte. Das war ein ganz wichtiger Schritt und die dokumentierten Ergebnisse sehr plastisch. In Ecuador wurden Frequenzen schlicht und einfach verkauft, es war möglich, Frequenzen zu vererben und es gab auch spezifische Verfahren, Frequenzen an Freunde zu überschreiben. Correa sagte darauf, das sei eine Zeitbombe die sofort entschärft werden müsse. Leider verlief der danach angestrebte Reformprozess im Nichts.

Sind seit der Gesetzesreform auch neue kommunitäre Medien entstanden?
Vor dem neuen Gesetz gab es offiziell keine kommunitären Medien, nur einen TV-Sender, der von der Indigenenbewegung in Cotopaxi organisiert wurde. Nun finden kommunitäre Medien gesetzlich explizit Erwähnung und die Regierung übergab insgesamt 14 Sender an indigene Gemeinden, in Anerkennung einer historischen Schuld. Inzwischen sind weitere solche Sender entstanden. Aber es handelt sich eben nicht um einen Prozess, bei dem soziale Organisationen oder Gemeinden selbst eine Genehmigung anstrengen. Die Regierung bereitet alles vor und die späteren Träger unterschreiben nur. Auf diese Weise sind es insgesamt 54 Sender und es werden noch viele folgen. Aber sie sind Ausdruck des Regierungswillens und nicht das Ergebnis sozialer Forderungen.

Und was geschieht mit anderen Anträgen, um beispielsweise ein kommunitäres Radio legal anzuerkennen?
Mit unserer Organisation Radialistas informieren wir die Bevölkerung über ihr Recht, selbstbestimmt ein Radio organisieren zu können. Doch leider sind all diese Anträge bisher in einem Sammelordner abgeheftet worden, um zu einem späteren Zeitpunkt allen Projekten gleichzeitig ihre Lizenzen auszustellen. So heißt es von Regierungsseite. Schauen wir mal, wann das wirklich passiert, ich fürchte, dass es vielleicht gar nicht dazu kommt. Aber wir müssen trotzdem weiter Druck machen.

Worin genau sehen Sie das Problem bei den Sendern, die aktiv vom Staat geschaffen wurden?
Diese Sender wurden von Beginn an stark gefördert. Der Staat stellte jeweils das komplette Equipment zur Verfügung und zwei Techniker, denen jeweils ein monatliches Gehalt von 700 US-Dollar gezahlt wird. Die Sender funktionieren also de facto unter staatlicher Vormundschaft. Der Staat liefert alles und niemand macht sich Gedanken darüber, wie so ein Radio auch selbstverwaltet arbeiten könnte. Ich halte das für gefährlich. Klar, momentan schafft das auch viele positive Effekte für die einzelnen Gemeinden, aber was, wenn der Staat den Geldhahn irgendwann aus irgendeinem Grund zudreht?

Was für Möglichkeiten räumt das Gesetz denn den kommunitären Medien ein, um sich nachhaltig und unabhängig finanzieren zu können?
Solche Medien dürfen entgeltlich Dienstleistungen anbieten und auch Werbung senden, um mit den Einkünften ihren nicht-kommerziellen Betrieb zu gewährleisten. Aber genau das macht eben keiner der neu entstandenen Sender, da sie es wegen der staatlichen Förderung nicht nötig haben. Eine seltsame Situation. Das Gesetz hat den kommunitären Medien nur wenige Grenzen gesteckt, aber niemand erkundet diese Möglichkeiten.

In Lateinamerika wird inzwischen auch vermehrt über Radiofrequenzen als ein Gemeingut nachgedacht. Neben Radio und TV sollen sie auch eine weiterführende kommunitäre Nutzung des elektromagnetischen Spektrums im Auge haben, zum Beispiel den Aufbau nicht-kommerzieller Mobiltelefon- und drahtloser Datennetzwerke. Welche Ideen werden diesbezüglich in Ecuador diskutiert?
Unser Bündnis sozialer Organisationen tritt bei der Digitalisierung terrestrischer TV-Frequenzen zum Beispiel für die Einführung des japanisch-brasilianischen Standards ein. Der würde es erlauben, statt einem analogen Kanal, vier digitale Kanäle auf derselben Frequenz zu senden. Die Zahl der Sender könnte sich potenziell extrem vervielfältigen. Und natürlich treten wir auch im digitalen Spektrum für die bereits angesprochene paritätische Dreiteilung ein. Auch wenn wir vielleicht noch nicht die Kapazitäten für eine konkrete Nutzung haben, ist es wichtig, jetzt wachsam zu sein, um von Beginn an die Weichen für eine gerechte Verteilung zu stellen. Dieser Kampf ist von fundamentaler Bedeutung, um die Nutzung des elektromagnetischen Spektrums zu demokratisieren.

Infokasten

Clara Robayo ist Mitarbeiterin der Organisation Radialistas Apasionadas y Apasionados („Leidenschaftliche Rundfunker_innen“), die sich für eine Demokratisierung der Medien, besonders des Radios, einsetzt. Mit Sitz in Quito bieten sie ihr Knowhow allen Interessierten in Lateinamerika und der Karibik an. Auf ihrer Homepage sind über 4.000 unabhängig produzierte Audiobeiträge abrufbar.
Mehr Infos: www.radialistas.net/


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Menschenrecht der Bäuerinnen

Die Exklusion von Kleinbäuerinnen aus den sozialen Besitzformen der ejidos und comunidades ist eine nicht zu verbergende Realität. Eine Untersuchung des Zentrums für Höhere Studien von Mexiko und Zentralamerika in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Frauenrechte Chiapas ergab, dass Frauen mit nur 22,8 Prozent unter den Landbesitzer_innen auf bundesstaatlicher Ebene vertreten sind. In den indigenen Gebieten sind es noch weniger: In der Region Altos de Chiapas sind es weniger als ein Prozent, in der Region Tulija-Tseltal-Ch´ol 14,7 Prozent.
Die mexikanische Gesetzgebung schreibt gleiche Rechte für Männer und Frauen fest und im Agrargesetz wurde anfangs von familiärem Besitz gesprochen. Vorherrschend ist dagegen die traditionelle patriarchale Vorstellung, das Land gehöre den Männern. Diese offiziell legitimierte Diskriminierung ist auf dem Land sehr üblich und hat zur Folge, dass Frauen in ihrer Mehrheit keine Landtitel innehaben und nicht an den Versammlungen der ejidos teilnehmen können.
In Chiapas sowie in anderen mexikanischen Bundesstaaten hat sich die Situation durch die neoliberale Politik der letzten Jahrzehnte verschlechtert. Diese haben die Privatisierung des Landes, den Preisverfall der ländlichen Produktion und die Abschaffung von Beihilfen zur Produktion durchgesetzt, den Handel mit Saatgut für Grundnahrungsmittel liberalisiert sowie die Preise für den Konsum erhöht. Da sie mit dem importierten, subventionierten Mais aus den USA nicht konkurrieren können, reduzierten Kleinbäuerinnen und -bauern ihre Maisproduktion seit Ende des vergangenen Jahrhunderts oder stellten die Aussaat ganz ein. Angesichts der Krise entschieden sich viele zur Migration in den Norden des Landes oder in die Vereinigten Staaten, was einen schwerwiegenden Strukturverfall des ländlichen Lebens verursacht hat. „Die jungen Leute wollen nicht mehr säen, sie lieben die Mutter Erde nicht mehr“, klagt ein alter Bauer der Tsotsil (eine der indigenen Gemeinschaften in Chiapas; Anm. d. Übers.).
Die neoliberalen staatlichen Maßnahmen haben auf dem Land tiefgreifende Veränderungen in der geschlechterspezifischen Arbeitsteilung hervorgebracht. Die Migration der Männer führt bestenfalls dazu, dass die Frauen die Erde bestellen, um Mais für den täglichen Bedarf zu erhalten. Doch in vielen Fällen muss das Land verkauft werden oder geht aufgrund von unbeglichenen Darlehen verloren, mit denen der_die Schlepper_in bezahlt wurde, der_die die Migrierenden über die Grenze bringt. Die Frauen, denen ein Stück Land bleibt, leisten Gemeindebeiträge und -dienste, damit der Ehemann den Landtitel nicht verliert und bezahlen die zurückgelassenen Schulden. „Ich bin jetzt Mann und Frau zugleich“, erzählt eine von ihnen. Gleichzeitig müssen sie der Kritik und dem Gerede in der Gemeinde standhalten, weil sie soziale Normen überschreiten.
Einige Frauen bauen parallel zu ihren Überlebensanstrengungen gewisse Alternativen der Befreiung auf. Angesichts der Migration ihrer Ehemänner berichten sie: „Ich fühle mich freier, habe aber auch mehr Arbeit.“ Eine Interpretation besteht darin, dass die veränderten ökonomischen Bedingungen auch die Bevollmächtigung von Frauen sowie ihre Akzeptanz als Unterhalterinnen der Familie fördern. Doch das betrifft die wenigsten und der Preis, den sie dafür bezahlen mussten, ist sehr hoch. „Als mein Mann zurückkam, wollte er wieder bestimmen“, berichtet eine Betroffene.
Hoffnungsvoll warten die Frauen darauf, dass die Ehemänner Geld schicken, doch das, was ankommt, ist oft wenig bis nichts. Die Situation wird noch schwieriger, wenn Schwager oder Schwiegervater das Land entwenden. Oft kommen Frauen dann ins Zentrum für Frauenrechte Chiapas. „Was kann ich tun?“, fragt eine. „Mein Mann kam aus den Vereinigten Staaten zurück und verkaufte unser Land. Mit dem Geld ging er wieder in die USA und wollte mich und die Kinder nachholen. Seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört.“
Die Mehrheit der Frauen, die ihres Grundstücks oder ihrer Parzelle beraubt wurden, sind verheiratet. Doch in anderen Fällen knüpft sich die Ausbeutung an Trennung oder Scheidung, was immer eine Situation großer Verletzbarkeit für die Frauen und ihre Kinder darstellt. Die dokumentierten Fälle zeigen, dass die Ausbeutung in 36 Prozent von den männlichen Verwandten der betroffenen Frau ausgeht, in 25 Prozent vom (Ex-)Partner oder einem männlichen Mitglied aus dessen Familie, in 20 Prozent von den kommunalen Instanzen, in drei Prozent von Bauernorganisationen und in den verbleibenden Fällen meist von einem anderen Mann des ejidos. Ein Drittel der betroffenen Frauen ist älter als 61 Jahre, oft waren ihre erwachsenen Söhne die Verursacher der Ausbeutung. Die Mehrheit ist zwischen 30 und 40 Jahre, hier sind oftmals der Schwiegervater oder der migrierte Ehemann verantwortlich.
Ein beispielhafter Fall ereignete sich im ejido Bella Vista in der Grenzregion Comalapa: Mehrere Frauen, die mit Männern von außerhalb – meist Guatemalteken – verheiratet sind, wurden nicht nur ihres Landes beraubt, sondern mussten zudem ihre Gemeinde verlassen. Diejenigen, die sich geweigert haben, dem Beschluss der Versammlung Folge zu leisten, werden von den Autoritäten belästigt und bedroht. Diese begründen ihre Forderung mit dem Artikel 31 der ejido-Ordnung, welche vorsieht, dass Frauen, die Männer von außerhalb heiraten, aus der Gemeinschaft ausgewiesen werden. Diesen Artikel sehen allerdings viele als verfassungswidrig an, da er nicht nur das Recht der Frauen auf Landbesitz, -nutzung und -nutznießung verletzt, sondern auch auf freie Wahl des Partners/der Partnerin, des Wohnortes und auf Bewegungsfreiheit.
Der Beitrag von Frauen zur Nahrungsmittelproduktion und zur familiären und kommunitären Ökonomie wird nicht anerkannt. Sie dürfen über die selbst produzierten Nahrungsmittel nicht verfügen. „Mein Mann, meine Kinder und ich brachten die Ernte ein. Als ich ein bisschen davon verkaufte, um Seife zu kaufen, wurde mein Mann böse und sagte: ‚Warum verkaufst du Mais, der nicht deiner ist? Er ist meiner.‘ Er selbst aber kauft sich Schuhe. Meine Arbeit auf dem Feld nimmt er nicht wahr“, sagt Crecencia im Frauenzentrum.
Keinen Landtitel innezuhaben bedeutet für die Frauen auch, keine Möglichkeiten zu haben, die Veräußerung des Landes zu verhindern. Sie können weder Privatisierungen stoppen, noch die Billigung anderer Programme, die zum Zweck haben, das Land zu kommerzialisieren.
„Wir kennen unsere Rechte nicht.“ Ein Satz, der anfangs von den meisten Frauen geäußert wird, mit denen das Zentrum für Frauenrechte Chiapas arbeitet. Es ist bezeichnend, dass sie nach und nach ihr Recht auf Land erkennen und sich dazu motivieren, die familiäre Parzelle als ihre eigene zu bepflanzen und zu empfinden. Indem sie sich des Risikos der Ausbeutung von Land und Ernte bewusst sind, nehmen sie die dringende Notwendigkeit wahr, für die Anerkennung des familiären Besitzes zu kämpfen. Für viele ist es mitlerweile wichtig, die familiäre Bedeutung des sozialen Eigentums wiederzuerlangen, die im Jahr 1991 mit der Reform des Artikels 27 der Verfassung eliminiert wurde. Doña Fide im Zentrum für Frauenrechte resümiert: „Wie gut, dass wir uns zusammentun, denn das ist unsere Selbstverteidigung und die unserer Erde.“


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Schweigezonen

Mexiko ist eines der gefährlichsten Länder für Journalist_innen weltweit. Inwieweit beeinflusst diese Situation Ihre Arbeit?
Emiliano Ruiz Parra: Viele Kollegen publizieren weit weniger, als sie wissen – nicht nur aus Angst ermordet zu werden. Gregorio (Jímenez, im Februar 2014 in Veracruz ermordet; Anm. d. Red.) zum Beispiel hat pro veröffentlichter Nachricht einen Euro verdient. Wenn man von einem Vollzeitjob nicht leben kann, beginnt die Versuchung, andere Angebote anzunehmen – und sich zum Beispiel gegen Bezahlung selbst zu zensieren. Die Eigentümer der Medien arbeiten sehr eng mit den lokalen Gemeindevorstehern zusammen und diese gehören in vielen Fällen dem Organisierten Verbrechen an. Kriminelle Vereinigungen finanzieren politische Kampagnen unter der Bedingung, bestimmte Bereiche der Kommunalpolitik, wie z.B. die Vergabe von Bauaufträgen, zu kontrollieren. Manchmal stellen sie aber auch direkt den Bürgermeisterkandidaten. Es gibt keine klaren Linien, wo das Organisierte Verbrechen aufhört und der mexikanische Staat anfängt. Die Journalisten, vor allem auf lokaler Ebene, befinden sich inmitten dieses verwirrenden Netzes aus Komplizenschaften.

Humberto Padgett León: In einem Fall hat ein Kartell in Michoacán nicht nur die Kandidaten aller Parteien gestellt, sondern auch eigene Medien gegründet. Den Journalisten mit einem monatlichen Einkommen von 100 Euro wurden die neuen Chefpositionen angeboten: „Du kannst die Inhalte auswählen und veröffentlichen, was du willst. Das Einzige, was du für mich tun musst, ist vom Abgeordneten A die Finger zu lassen und immer gegen den Abgeordneten B zu schreiben. Und du verdienst 1.000 Euro im Monat.“
In Zacatecas gibt es den Fall der Zeitung Imagen. Die Chefin der Zeitung erhielt konkrete Drohungen gegen sie und ihre Familie, weil sie bestimmte Artikel nicht veröffentlicht hatte. Es ging um eine Nachricht, laut der ein General der Armee das Sinaloa-Kartell bevorteilen würde. Die Veröffentlichung wurde von den rivalisierenden Zetas mit Morddrohungen eingefordert.

E.R.: Wegen dieser Umstände gibt es „Zonen des Schweigens“. Komplette Teile des Landes, wo man nicht weiß, was passiert.

Welche Landesteile sind das?
E.R.: Für lange Zeit war das Tamaulipas (Bundestaat an der Golfküste; Anm. d. Red.). Inzwischen weiß man, dass es dort Kämpfe gibt, weil sie dermaßen offen stattfinden. Aber zwei bis drei Jahre lang wurde außer vielleicht auf Twitter nichts über die dortigen Geschehnisse veröffentlicht. Viele Journalisten mussten die Region verlassen. Südlich von Tamaulipas, im Norden von Veracruz, wird ebenso wenig berichtet, was passiert. Und während der Aufstände der Bürgerwehren in Michoacán gelangte nichts davon in die Nachrichten – nicht weil es nicht wichtig war, sondern weil über diese Themen nicht geredet wird. Dies sind die drei Regionen, in denen das Schweigen am deutlichsten ist. Aber es gibt noch weitere.

Wie arbeiten Sie angesichts dieser Umstände bei Ihren Medien?
E.R.: In der Zeitschrift Gatopardo fühle ich mich wohl. Ich konnte dort bislang veröffentlichen, was ich wollte. Das einzige Manko ist vielleicht, dass ich freiberuflich arbeite und keine soziale Sicherheit habe. Deshalb muss ich auch für andere Zeitschriften schreiben und deren Aufträge erfüllen. Es gibt keine Zeitungen, in denen man sich in Ruhe auf ein Thema und einen Hintergrundtext konzentrieren kann, ohne sich um seine wirtschaftliche Situation sorgen zu müssen.

H.P.: Sinembargo ist ein digitales Medium. Das befreit uns von den Druckkosten, die den höchsten Anteil an den Produktionskosten eines Printmediums in Mexiko ausmachen. Und wir sparen uns das logistische Problem, eine Zeitung auszuliefern. Wir leben nicht von der Werbung der Regierung. Bis jetzt habe ich noch keine Situation erlebt, in der ich aufgefordert wurde, nicht über einen bestimmten Politiker oder eine Situation zu berichten.
Bei den Medien, für die ich früher gearbeitet habe, war das anders. Bei MX konnte die Regierung generell kritisiert werden, aber niemals direkt Felipe Calderón. Denn die Zeitschrift hat von den Anzeigen der Regierung gelebt. Einmal verweigerte Calderón uns ein Interview. Daraufhin haben wir als Titelfoto sein Gesicht gedruckt, in das wir unsere Fragen geschrieben hatten. Wegen der Vorwürfe des Wahlbetrugs 2006 fragten wir: „Werden Sie rechtmäßiger Präsident?“ Und wegen der Sonderbehandlung von Mitgliedern bestimmter Drogenkartelle: „Wer wird der narco dieser Legislaturperiode?“ Calderón wurde wütend und befahl seinem Pressechef Max Cortázar, die Werbung bei MX einzustellen. Zwei Nummern später konnte die Zeitschrift aus Geldmangel nicht mehr erscheinen. Der Leiter der Zeitschrift bat um ein Treffen mit Cortázar und letztlich bekamen wir wieder Anzeigen, aber Felipe Calderón durfte nicht mehr karikiert oder direkt angegriffen werden.
Die mexikanischen Medien hängen fast alle von der Werbung der Regierung ab, selbst die größten. Kritik an Politikern heißt also Kritik am größten Kunden. Wenn man die Titelseiten von gestern oder auch aus den letzten zehn bis 50 Jahren überprüft, sieht man das: Der Protagonist der Nachrichten ist ein Politiker, der ein Mexiko regiert, das nicht existiert – ein Mexiko, das die Menschen- und Frauenrechte respektiert, das die einkommensschwachen Menschen fördert, das seine Umwelt schützt und gute Bildung gewährleistet.

Herr Padgett, wie recherchieren Sie in Mexiko zu einem so heiklen Thema wie dem Organisierten Verbrechen?
H.P.: Ein Teil meiner Arbeit basiert auf der Analyse von Dokumenten. Seit acht Jahren arbeite ich an einer systematischen Zusammenstellung von gerichtlichen Ermittlungen. Diese Dokumente sind unter Verschluss, aber ich habe verschiedene Quellen gefunden, die mir den Zugang ermöglichen. Es sind Dokumente, die laufende Prozesse gegen Drogenhändler in Mexiko und den USA von 1959 bis 2013 auf allen Ebenen der kriminellen Strukturen beschreiben. Das heißt Prozesse gegen capos („Paten“), Geldwäscher, Importeure und Exporteure, Auftragskiller, Drogenkuriere… Das sind 60.000 Seiten Dokumente, die ich fotografiert habe. Ein anderer Teil meiner Arbeit findet in Drogenkonsum- oder -produktionsregionen statt.

Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um nicht bedroht oder angegriffen zu werden?
H.P.: Ich habe immer über alle Drogenkartelle gleichermaßen geschrieben. Es gibt keins, über dessen Verbindung zur Politik ich nicht geschrieben hätte. Das ist einerseits unter dem Aspekt ausgewogener Information angebracht, aber auch eine Sicherheitsmaßnahme. Denn man sieht, dass ich keine Gruppe bevorteile. Ich habe nie Geld akzeptiert oder etwas publiziert, das mir von einem Politiker zugespielt wurde. Auch das hat eine ethische und eine praktische Dimension.
Wenn ich für Recherchen reise, befolge ich ein Sicherheitsprotokoll. Ich reise grundsätzlich tagsüber und benutze keine auffälligen Autos. Ich gehe nachts nicht mehr aus – inzwischen auch nicht mehr in meiner Heimatstadt. Ich nehme keine Drogen, da mich dies der Gefahr aussetzt, verhaftet zu werden. Und dann könnte man mir einen Fall anhängen. Außerdem kenne ich das Leid, das der Handel mit Marihuana in meinem Land anrichtet.
Ich habe meine Informanten noch nie über das, was ich später über sie schreibe, getäuscht. Mein Wort muss gelten. Nach der Veröffentlichung muss ich meiner Quelle noch ins Gesicht sehen können. Diese Maßnahmen haben mich in eine privilegierte Position gebracht, um über diese Themen zu schreiben. Ich wurde noch nie bedroht.

Herr Padgett, haben Sie über Ihre Beschäftigung mit dem Organisierten Verbrechen Ansätze gefunden, wie dem Problem begegnet werden könnte?
H.P.: Verschiedene. Der größte Fehler ist die Straflosigkeit der Politiker und Beamten, die in das Organisierte Verbrechen verwickelt sind. Zudem wird das Problem sicherheitspolitisch aufgefasst, obwohl es vielmehr um Sozial- und Wirtschaftspolitik gehen sollte. Ein Bauer, der Mais oder Bohnen anpflanzt, ist leicht vom Organisierten Verbrechen zu korrumpieren, wenn der ihm garantierte Abnahmepreis unter den Produktionskosten liegt. Ich kenne Bauern, die Marihuana anpflanzen und sie haben nichts mit dem Stereotyp des mexikanischen Drogenhändlers zu tun. Sie sind keine gewalttätigen Personen, leben nicht in übermäßigem Reichtum und haben keine Gürtel mit Diamanten. Es sind Menschen, die ihren Söhnen eine bessere Bildung oder ihrer Frau professionelle medizinische Versorgung bieten können, weil sie Marihuana anbauen. Sie haben ein jährliches Einkommen von 5.000 bis 7.000 Euro. Sogar aus der mexikanischen Perspektive sollte dies kein Betrag sein, für den sich jemand einem solchen Risiko aussetzt und seine Freiheit, sein Leben und das seiner Familie aufs Spiel setzt. Aber wir sind eine extrem ungleiche Gesellschaft und die Ungleichheit ist eine Bedingung, die das Organisierte Verbrechen fördert.

Infokasten

Humberto Padgett León hat Journalismus an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) studiert. Er arbeitet zu Feminiziden, Korruption sowie Organisierter Kriminalität und deren Verbindungen zu Staatsbeamt­_innen. Derzeit ist er Redakteur des Internetportals www.sinembargo.mx.
Emiliano Ruiz Parra hat Hispanistik an der UNAM sowie Politische Theorie in London studiert. Als Journalist arbeitet er zu Kirche, Politik und Migration in Mexiko. Als freier Journalist veröffentlicht er regelmäßig Beiträge für die Zeitschrift Gatopardo. In letzter Zeit setzt er sich außerdem als Aktivist für die Pressefreiheit in Mexiko ein.
Emiliano Ruiz Parra und Humberto Padgett León sind die aktuellen Preisträger des Walter-Reuter-Medienpreises. Er wird jährlich von der Deutschen Botschaft in Mexiko in Zusammenarbeit mit weiteren deutschen Institutionen vergeben.


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Ein Buch voller Lebensrealitäten

Eine Jugendliche in einer Anstalt, deren Leben durch unvorhergesehene Ereignisse scheinbar aus den Bahnen geraten ist. Ihre Situation können wir durch die Autorin, die sie in der Pflegeeinrichtung besucht, miterleben. Wir sitzen der Jugendlichen gegenüber. Wir hören zu, was sie von ihrem Leben erzählt. Das ist die erste kleine Geschichte des Buches Verdammter Süden.
Der Sammelband ist ein Werk verschiedenster zeitgenössischer Autor_innen Lateinamerikas, die in journalistischer Manier Geschichten ihres Kontinents dokumentieren und dadurch eine lustige, komische, traurige, brutale und faszinierende Lektüre schaffen, die beim Lesen unterschiedlichste Emotionen auslösen. 17 kleine literarische Reportagen führen von Argentinien, Brasilien und Paraguay über Bolivien, Peru, Kolumbien und Panama nach Mexiko und in die USA. Das Buch erzählt von selbstproduzierten Dorf-Telenovelas, von einem Liebesknast, einem Ort, in dem fast nur Zwillinge geboren werden, von Wrestlerinnen aus dem Hochland oder einer Insel in der Karibik, die eigentlich nur aus Müll besteht und durch den Müll der Bewohner_innen stetig wächst. Es wird von Kuriositäten berichtet wie vom letzten Totenwachenkomiker in Soledad, Kolumbien, der Menschen auf Beerdigungen zum Lachen bringt, oder über die vereinsamten Nilpferde Pablo Escobars, die nun statt im Nil im Río Magdalena leben. Es finden sich auch bedrückende Berichte von der Grenze Mexikos und dem Überlebenskampf migrierender Menschen in der Wüste zu den USA.
Es sind keine erfundenen Geschichten, die man zu lesen bekommt, sondern Reportagen, crónicas, die im Stil Kurzgeschichten ähneln. Der Titel „Verdammter Süden“ lässt jedoch nichts über die crónicas erahnen und noch weniger darüber, was die Lektüre tatsächlich zu bieten hat. Das „Verdammte“ am Süden oder am Sammelband erschließt sich nämlich nicht. Die Autor_innen brechen vielmehr mit Klischees und stereotypen Bildern. Durch die Beschreibung der einzelnen Personen und Hauptfiguren ihrer Reportagen führen sie uns an die Wirklichkeit heran und bringen uns individuelle Lebenslagen nahe. Dadurch werden gleichzeitig Einblicke in die jeweilige Gesellschaft und Umgebung freigelegt, in soziale Kontakte und Gebräuche, familiäre Konstellationen, politische Strukturen und Arbeitsfelder.
Die Herausgeberin Carmen Pinilla und der Herausgeber Franz Wegner fassen es passend zusammen: Man braucht Geschichten nicht zu erfinden – es reicht, sie zu entdecken. Sie geben Alltägliches wieder und verdeutlichen Lebensrealitäten, wo das Bizarre im Normalen liegt. Das Buch lädt ein, zum Lachen und Weinen, zum Eintauchen in die Welten vor Ort, es liest sich wie eine kleine Lateinamerika-Reise. Verdammt gutes Lesevergnügen.

Carmen Pinilla und Frank Wegner (Hg.) // Verdammter Süden. Das andere Amerika // Suhrkamp Verlag // Berlin 2014 // 315 Seiten // 20 Euro // www.suhrkamp.de


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„Versteckte Wiederwahl“ gescheitert

Der 1. Juli wird kein leichter Tag für Ricardo Martinelli. An diesem Tag scheidet er als Präsident Panamas aus dem Amt; vor allem aber wird er erneut auf Juan Carlos Varela treffen, seinen ärgsten Widersacher. An den wird er dann den Stab der Macht weiterreichen. Nicht, dass man Martinelli dafür bemitleiden müsste – die Geschichte um die ehemaligen politischen Weggefährten, die zu erbitterten Feinden wurden, verleiht dem Machtwechsel in Panama jedoch eine besondere Note.
Juan Carlos Varela, unter der paradoxen Titulierung „Oppositionskandidat und Vizepräsident“ für die rechtsskonservative Allianz El Pueblo Primero („Das Volk zuerst“) aus der christdemokratischen Volkspartei und Partido Panameñista bei der Wahl am 4. Mai angetreten, hatte überraschend mit 39 Prozent der Stimmen den Sieg davon getragen. Zuvor hatten ihn alle Umfragen – wenn auch knapp – lediglich auf dem dritten Platz gesehen.
Varela war nach der Wahl 2009 zunächst selbst Teil der Regierung gewesen: als Außenminister und Vizepräsident unter Martinelli, ehe er sich mit ihm überwarf. Die Koalition zerbrach 2011 wegen Korruptionsvorwürfen. Varela wurde zunächst als Außenminister abgesetzt, später forderte ihn Martinelli auf, auch sein Amt als Vizepräsident niederzulegen, da er „ohnehin nichts mache“. Varela antwortete, er diene „dem Volk und nicht einer korrupten Regierung“. Formal blieb er bis zu seiner Wahl Vizepräsident. Nur, dass aus politischen Freunden nun erbitterte Gegner geworden waren.
Varela verwies den Kandidat des Regierungslagers, José Domingo Arias von der Partei Demokratischer Wandel (CD), der 32 Prozent erzielte, sowie den ehemaligen Bürgermeister von Panama-Stadt, Juan Carlos Navarro von der Partei der Demokratischen Revolution (PRD) mit 27 Prozent, auf die Plätze.
Weil der scheidende Präsident Ricardo Martinelli laut Verfassung nicht wiedergewählt werden durfte, hatte er Arias, seinen Wohnungsbauminister, zum Präsidentschaftskandidaten aufgebaut und diesem seine Gattin Marta Linares als Vizepräsidentschaftskandidatin an die Seite gestellt. Die Opposition sprach von einer „versteckten Wiederwahl“. Viele Wähler_innen durchschauten den Zug und straften das Regierungslager ab. Überhaupt verpassen die Panamaer_innen – schaut man sich vergangene Abstimmungen an – den Regierenden gerne einen Denkzettel.
Der Wahlsieg Varelas, laut BBC „Martinellis schlimmster Feind“, zerstört nun alle Hoffnungen Martinellis, weiterhin die Geschicke der Regierung – wenn auch indirekt – mitbestimmen zu können. Die Niederlage seines Kandidaten wird von den meisten Beobachter_innen vor allem als Ablehnung von Martinellis autoritärem Politikstil interpretiert.
Die Wahl vom 4. Mai war zugleich auch Parlaments- und Kommunalwahl. Varelas Wahlbündnis gewann dabei mit knappem Vorsprung auch das Bürgermeisteramt in Panama-Stadt, den zweitwichtigsten politischen Posten im Land. Darüber hinaus kann der neue Präsident im Parlament aber nur auf 12 von 71 Abgeordneten zählen. Auch in den Landkreisen ist seine Partei jeweils in der Minderheit. Varela hat zwar das Präsidentenamt gewonnen, seine Partei aber ist landesweit nur in der zweiten bzw. dritten Reihe gelandet.
Demgegenüber erzielte die von Martinelli selbst gegründete CD im Abgeordnetenhaus mit fast 30 Abgeordneten die relative Mehrheit, die PRD kam auf 23 Sitze. Beobachter_innen spekulieren über eine Koalition aus PRD und Varelas Partido Panameñista. Es wird aber auch nicht ausgeschlossen, dass sich der künftige Präsident mit der CD verständigt. Immerhin waren sie mal Verbündete und liegen inhaltlich nicht weit auseinander.
Bei den Kommunalwahlen wiederum siegte die PRD, die von General Torrijos nach dessen Machtergreifung 1968 gegründet wurde. Sie kann auf eine breite Mitgliederbasis bauen und gewann die meisten der 75 Landkreise. Der eigene Präsidentschaftskandidat Navarro dagegen fiel bei den PRD-Anhänger_innen durch. Trotz mehr als 600.000 Parteimitgliedern votierten nur gut 500.000 für ihn.
Die Linke konnte bei den Wahlen dagegen kaum nennenswert Stimmengewicht hinter sich versammeln. Linke Parteien sind in Panama traditionell schwach. Der unabhängige Kandidat Juan Jované erzielte weniger als ein Prozent der Stimmen. Immerhin gelang es ihm, soziale Probleme des Landes in die Wahlkampfdebatten einzubringen, wie den ruinösen Zustand des Bildungs- und Gesundheitswesens.
Auch der Kandidat der Breiten Front für die Demokratie (FAD), Genaro López, blieb hinter den Erwartungen zurück. Mit einem moderat linken Diskurs in Anlehnung an Lula in Brasilien, Sánchez Cerén in El Salvador oder Mujica in Uruguay versuchte er sich, von der radikalen Linken abzugrenzen. Eine Strategie, die in diesem Fall keinen Erfolg brachte. Mögliche Wähler_innen wechselten ins „Protestlager“, um die Abwahl Martinellis zu sichern.
Martinelli war immer wieder mit Korruption in Verbindung gebracht worden. Ein Silvio Berlusconi nahestehender Unternehmer soll Bestechungsgelder gezahlt haben, um an Staatsaufträge zu kommen. Bewiesen ist bislang nichts. Zudem wurde Martinelli die Einschränkung der Pressefreiheit, die Schwächung staatlicher Institutionen sowie die Verletzung der Gewaltenteilung vorgeworfen. „Die Regierung Martinelli hat die Institutionen des Landes ernsthaft beschädigt; mit der neuen Regierung hoffen wir, zum Respekt vor den Institutionen zurückzukehren“, erklärte die Anwältin María Fernanda Martiz gegenüber dem Nachrichtendienst PanAm Post mit Blick auf die anstehende Ernennung von Verfassungsrichter_innen und Postenvergabe in der Verwaltung des Panamakanals.
Martinelli selbst hatte im Wahlkampf dagegen vor allem die wirtschaftlichen Errungenschaften seiner Amtszeit hervorgehoben, inklusive diverser Infrastruktur-Großprojekte. Erst im April war publikumswirksam in Panama-Stadt die erste U-Bahn Zentralamerikas eröffnet worden. In den ersten Monaten ist die Benutzung kostenlos. Auch ein neues Fußballstadion wurde eingeweiht.
Panama hat sich in den vergangenen Jahren zum Finanzzentrum Mittelamerikas entwickelt. Der Immobilien-Boom der vergangenen Jahre hat der Baubranche volle Auftragsbücher beschert, zugleich aber die Grundstücksspekulation angeheizt. Während die Gewinne der Unternehmen exorbitant gestiegen sind (337 Prozent über die vergangenen acht Jahre), betrug der Lohnzuwachs bei den Bauarbeiter_innen im selben Zeitraum gerade einmal 18 Prozent. Der Bausektor ist einer wichtigsten Motoren von Panamas Wirtschaft, die Wachstumsrate ist mit neun Prozent die höchste in der Region. Auf der anderen Seite lebt jeder Dritte in Panama in Armut oder extremer Armut.
Diese soziale Schieflage wird eine der größten Herausforderungen für Varela werden. Wie zur Einstimmung wurde die Wahl von Lohnstreiks der Bauarbeitergewerkschaft Suntracs sowie Lehrerverbänden begleitet. Beide Arbeitskämpfe sind mittlerweile beigelegt, die sozialen Spannungen aber bestehen fort.
Varela gilt zwar als liberaler Konservativer, genießt aber eine gewisse Glaubwürdigkeit in der Sozialpolitik. Von ihm stammt unter anderem das Programm „100 por 70“ (100 für 70), nach dem über 70-Jährige ohne Einkommen monatliche Hilfen von 100 US-Dollar erhalten. Zudem hat er während seiner Zeit in der Regierung Martinelli die Anhebung des Mindestlohns, das Wohnungsbau-Projekt Curundú für einen der ärmsten Stadtteile der Hauptstadt sowie das Stipendienprogramm Beca Universal, von dem 800.000 Schüler_innen profitieren, mit vorangetrieben.
Als jungen Mann hätten ihn die Erziehung in der Jesuitenschule und die Bürgerkriege in El Salvador und Nicaragua geprägt, so Varela im Wahlkampf. Ein früherer Mathematiklehrer Varelas versicherte im Fernsehkanal Telemetro, dass Varela damals im Schulgebäude sandinistische Fahnen aufgehängt und Geld gesammelt habe, um die Revolution in Nicaragua zu unterstützen. Diese Anekdoten sollten vor der Wahl vor allem Varelas „soziale Ader“ hervorheben, um ihn auch von links wählbar zu machen.
Immer wieder hat sich Varela im Wahlkampf für höhere Sozialausgaben ausgesprochen. Eines seiner Hauptversprechen war die Preiskontrolle von 22 Basisprodukten, um die Inflation zu senken, neue Schulen, Zugang zu sauberem Trinkwasser für alle, sowie die Anhebung von Stipendien und Pensionen. Er setzte sich damit erfolgreich von Martinellis Modell ab, das Land nach unternehmerischen Kriterien zu regieren.
Er ist und bleibt aber ein konservativer Unternehmer, der der traditionellen Oligarchie in Panama entstammt. Seiner Familie gehört eine bekannte Rumfabrik, er selbst ist an mehreren Radiosendern beteiligt. Seinen Abschluss als Industrieingenieur hat er in den USA an der Georgia Tech gemacht. Darüber hinaus ist er Mitglied des Opus Dei, dem erzkonservativen Orden der katholischen Kirche.
Im Wahlkampf inszenierte sich Varela zudem als Kämpfer gegen die Korruption. Seine Regierung werde Leistungen erbringen und aufhören, ein Geschäft zu sein, so Varela noch in der Wahlnacht. „Wer Geschäfte machen will, sollte seine Sachen packen und Richtung Privatwirtschaft verschwinden.“ Und weiter: „Ich werde nicht zulassen, dass auch nur ein Centavo der Gelder, die den vier Millionen Panamaern gehören, ausgegeben wird, ohne dass er dem Volke zugute kommt.“ Dabei waren im Wahlkampf auch Korruptionsvorwürfe gegen Varela aufgetaucht. Die regierungsnahe Zeitung El Panamá América hatte Ende April Varela mit einem Geldwäsche-Netz in den USA in Verbindung gebracht, was von seiner Partei als Verleumdungskampagne zurückgewiesen wurde.
Allgemein wird erwartet, dass Varela die unternehmerfreundliche Freihandelspolitik seines Vorgängers fortsetzt. Seit der US-Invasion von 1989 verfolgt Panama ein neoliberales Wirtschaftsmodell, das auf den Kompontenten Reduzierung des Staates, Freihandel und Deregulierung aufbaut und von sozialer Repression von Gewerkschaften, Kleinbauern sowie Studierendenorganisationen begleitet wird. Der Politologe Marcos A. Gandásegui Jr. erwartet daher auch keinen radikalen Politikwechsel: „Der gewählte Präsident Varela verfolgt eine sehr ähnliche, wenn nicht gar identische Politik wie Martinelli. Varela unterliegt den Richtlinien, die aus den USA die wirtschaftlichen, sozialen und militärischen Belange vorgeben.“
Immerhin hat Varela angekündigt, nach seinem Amtsantritt die diplomatischen Beziehungen zu Venezuela wieder aufzunehmen und den Handel beider Länder anzukurbeln – und sich damit schon mal von seinem Amtsvorgänger abgesetzt. Auch mit Kolumbiens Präsidenten will er zusammentreffen, um Handelsstreitigkeiten beizulegen und das Projekt, die Stromnetze beider Länder zu verbinden, wieder aufzunehmen. Das Schwierigste aber hat Varela noch vor sich: Er muss nun seine zahlreichen Versprechen auch einlösen.


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