Venezuela ist Baseball-Weltmeister

Baseball wird politisch genutzt Amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez im Baseballstadion von Caracas (Foto: Presidencia de Venezuela)

Das venezolanische Publikum im Finale der Baseball-Weltmeisterschaft erhebt sich. „Pooooonche! Pooooonche!“, schallt es bis in die letzte Ecke des Stadions in Miami. Ponche steht im venezolanischen Baseball für Strikeout und der Ruf soll Druck auf den gegnerischen Schlagmann erhöhen. Venezuela spielt gegen die USA im Finale und führt kurz vor Schluss 3:2. Ein letzter Wurf, der US-Spieler verfehlt, Venezuela wird Weltmeister! Es ist der größte Erfolg im Teamsport der venezolanischen Geschichte.
Zum Start der World Baseball Classic (WBC), wie die Baseball-WM offiziell heißt, besiegte Venezuela die Niederlande, Israel und Nicaragua in der Gruppenphase und qualifizierte sich für die nächste Runde. Im letzten Gruppenspiel verloren sie gegen die Dominikanische Republik, was viel Kritik nach sich zog.
Baseball ist der wichtigste Sport in Venezuela.

Nach den USA und der Dominikanischen Republik stellen sie die meisten Spieler in der US-Baseball-Liga. Doch es geht nicht nur um die Anzahl der Profis, Baseball ist Teil der venezolanischen Kultur. „Es ist ein Sport, den die Menschen täglich mit Leib und Seele leben“, sagt der Sportjournalist Carlos Mauricio Ramírez auf Instagram. Er vereint die Nation. Der Nationalmannschaftstrainer Omar López stimmt zu: „Baseball liegt uns am Herzen, im Blut. Es tut uns weh.“

1895 gründeten Rückkehrer aus den USA und karibische Migranten die erste Baseballmannschaft in Venezuela. Ende der 1920er Jahre entstand eine Liga und US-Ölkonzerne förderten den Sport, indem sie Spielfelder bauten und Ausrüstung bereitstellten. Eine Amateur-Weltmeisterschaft 1941, die Venezuela gewann und die über das Radio übertragen wurde, etablierte Baseball im ganzen Land. Dadurch war es enttäuschend, als sie in den fünf vorherigen WBCs mit talentierten Einzelspielern scheiterten. Dieses Jahr war anders. Viele Stars fehlten, doch der Teamgeist war stark. Sie spielten mit Freude und vereint, um den Venezolaner*innen einen Grund zur Freude zu geben. Zum Feiern gehört auch das Gewinnen. Im Viertelfinale besiegte Venezuela überraschend die Favoriten aus Japan. Im Halbfinale schlugen sie Italien. Zum ersten Mal stand Venezuela im WBC-Finale, ausgerechnet gegen die USA.

Ein Baseballspiel wird zum Moment der Einheit – inmitten politischer Spaltung

Die Mannschaft brachte Trommeln ins Stadion und feierte ihre Siege tanzend. Dieses Gefühl übertrug sich auf die Ränge, wo die Fans mit einstimmten. Der karibische Baseballstil der Venezolaner*innen ist gewagt, rhythmisch und voller Lebensfreude, wie ein Fest, das sich über das ganze Stadion legt. Sinnbild dafür ist der Tambores-Tanz der Spieler, verwurzelt in afro-venezolanischen Traditionen und Ausdruck eines Sports, der mit Leib und Seele gelebt wird. Die US-Mannschaft war nicht nur der Gegner, der Venezuela zuvor aus dem Turnier warf, sondern repräsentierte auch das Land, das Anfang des Jahres militärisch gegen Venezuela vorging und den Präsidenten entführte. Auf die politische Lage angesprochen, sagte López: „Ich bin nicht hier, um über Politik zu sprechen.“

Vor dem Endspiel rief er zur Einheit auf: „Ich hoffe, dass dieses Ergebnis ein Zeichen ist, dass sich heute Abend alle zusammenschließen, um das Spiel zu verfolgen, und dass wir gemeinsam bessere Generationen für unser Land heranbilden können – vereint, ohne politische Unterschiede.“ Auch im Team gibt es unterschiedliche politische Ansichten. Miguel Cabrera, einer der besten venezolanischen Spieler, der in diesem Turnier als Coach tätig war, wurde mit der Interimspräsidentin Delcy Rodríguez fotografiert. Andere Teammitglieder kritisierten die Regierung scharf. Nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen 2024 schrieb Maikel García in einem inzwischen gelöschten Tweet: „Wer als Letzter geht, macht bitte das Licht aus.“ Willson Contreras sprach am selben Wahltag von der Notwendigkeit eines Wandels in Venezuela. Er lehnte es ab, 2023 im WBC zu spielen, bereute es aber. Jetzt, 2026, ist er dabei. Während des Turniers gab es keine politischen Äußerungen von ihm oder anderen Spielern, und laut Yahoo Sports wurden die Spieler angewiesen, nicht über Politik zu sprechen.

Trotz Differenzen vereinte das Ziel, Venezuela an die Spitze des Weltbaseballs zu führen. Kurz vor Schluss schien der Traum zu platzen. Venezuela führte 2:1, als der US-Spieler Bryce Harper einen Home Run schlug und das Spiel ausglich. Vor drei Jahren war es den USA gelungen, Venezuela in einer ähnlichen Situation aus dem Turnier zu werfen. Dieses Jahr lief es anders. Venezuela nutzte seine letzte Chance und bekam noch den entscheidenden Punkt, der zum Sieg führte. Mit dem letzten Out, das den Sieg sicherte, stürmten die venezolanischen Spieler das Feld. García kniete mit dem Gesicht in den Händen. Alle umarmten sich. Kurz danach erhielten die Spieler auf dem Podium ihre Goldmedaillen, während die venezolanische Hymne erklang. Die Spieler sangen mit Tränen in den Augen, in Venezuela feierten Tausende jubelnd auf öffentlichen Plätzen und Korsos fuhren durch die Städte.

Autokorsos fahren durch die Städte

Auch aus den politischen Lagern kamen Reaktionen. US-Präsident Trump deutete in seiner provokanten Rhetorik an, dass Venezuela ein US-Bundesstaat werden solle. Er schrieb nach dem Halbfinalsieg auf seinem Netzwerk Truth Social: „STATEHOOD, #51, ANYONE?“ Diese Aussagen sind eine Drohung sowohl gegen die Regierung in Caracas als auch gegen andere Staaten Lateinamerikas, dass er auf US-Dominanz setzt. Auf Venezuela gezielt erhält er den Anspruch von Januar aufrecht, als er sagte, er regiere das Land. Interimspräsidentin Rodríguez lobte den Sieg und erklärte den 18. März zum Feiertag. Sie beteiligte sich jahrelang am harten Kurs gegen die USA, doch seit Januar unterstützt sie fast jede Forderung aus dem Weißen Haus. Ein neues Erdölgesetz gibt mehr Profite und Kontrolle an internationale Konzerne ab, und die US-Botschaft in Caracas wurde wieder eröffnet. Wenige Tage nach dem WBC-Ende landet der Pokal in Venezuela, doch die Spieler und Trainer sind nicht dabei. Sie sind direkt zum Start der US-Liga geblieben. López sagte, sie hoffen, Ende des Jahres nach Venezuela zu kommen, um den Sieg mit allen zu feiern. Dieser Triumph bedeutete, inmitten politischer Spannungen und für eine Bevölkerung, die in der Welt verstreut ist und Heimweh hat, mehr als nur einen Baseballsieg: Er erlaubte dem Land, gemeinsam zu feiern.


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SCHMIERIGE GESCHÄFTE

Es war 4:40 Uhr morgens, als mein Telefon klingelte. Zunächst ignorierte ich den Anruf. Im Halbschlaf
griff ich dann doch nach dem Handy. Fast augenblicklich schien der Schlaf nach der folgenden
Nachricht weit weg: „Sie bombardieren Caracas.“ Wenige Minuten später, nach den grausamen Bildern der Bombardierung der Anlagen von Fuerte Tiuna und La Carlota, folgte eine weitere: „Trump bestätigt, dass Nicolás Maduro und Cilia Flores festgenommen worden sind.“ Der Diktator, der Venezuela seit April 2013 regiert hatte, war durch ausländische Intervention gestürzt worden, praktisch ohne Widerstand. Die Lage wurde jedoch noch komplexer, als Trump die bisherige Vizepräsidentin Venezuelas Delcy Rodríguez dazu ernannte, das Land von nun an zu führen. Seine bisherigen Alliierten María Corina Machado, die Oppositionsführerin, sowie Edmundo González Urrutía, den 2024 ursprünglich gewählten Präsidenten Venezuelas (siehe LN 603/604), schloss er mit der Begründung aus, ihnen fehle die politische Fähigkeit, diesen Prozess zu leiten. Die Frage drängt sich sofort auf: Wie sind wir in diese Situation geraten, in der es zu einer Intervention der USA kommt, Maduro stürzt und der Chavismus dennoch an der Macht bleibt?

Und wie hängt das mit dem Energiemarkt zusammen, wenn Trump offen erklärt, dass sein Interesse
dem Öl gilt? Venezuela ist Ölexporteur und nimmt damit eine ganz bestimmte Rolle in der Weltwirtschaft ein. Da der venezolanische Staat Eigentümer der Ölvorkommen ist, erzielt er aus diesem Verkauf einen
außerordentlichen Gewinn, im Marxismus die sogenannte Grundrente. Diese übersteigt den
normalen Gewinn aus anderem Produktionskapital, wie etwa der Herstellung von verarbeiteten
Produkten. Dies hat drei wichtige Auswirkungen für das Verständnis der Ereignisse, die das Land
in der ersten Januarwoche erschütterten.

Erstens bedeutet dies, dass internationale Kapitalgeber* innen, also Unternehmen und Investor*innen, mit einem Staat verhandeln müssen, der Eigentümer der Ressource ist. Diese Kapitalgeber kaufen zwar Öl, verfolgen aber auch das Ziel, einen Teil jenes außerordentlichen Gewinns zurückzugewinnen, den sie den Ölproduzent*innen durch den Kaufpreis zugutekommen ließen.

Die nationale Souveränität und staatliche Kontrolle über Venezuelas Öl sind direkt verbunden

Zweitens hängt die Fähigkeit des Staates, das Öl zu kontrollieren und zu fördern, von der globalen Notwendigkeit ab, die venezolanischen Vorkommen in Produktion zu bringen. Seine Entscheidungsgewalt ist nicht absolut, sondern hängt vom Wettbewerb auf dem Weltmarkt ab. Schließlich – und dies ist für die aktuellen Ereignisse vielleicht am bedeutendsten – ist die staatliche Kontrolle über die Ölgebiete untrennbar mit der Ausübung der nationalen Souveränität verbunden.

Daher bedeutet jeder Versuch, dieses Monopol zu brechen und die Art und Weise zu ändern, wie die Einnahmen aus dem Ölgebiet verteilt werden, unweigerlich eine Verletzung der Souveränität Venezuelas. Der Chavismus änderte die Verteilung der Erträge aus Grundbesitz in Venezuela grundlegend. Mit dem Gesetz für fossile Energieträger (Ley de Hidrocarburos) von 2001 stiegen die Lizenzabgaben
auf 30 Prozent und die spezifischen Steuern auf Erdöl wurden erhöht. Darüber hinaus wurde die
Förderung in der Orinoco-Ölgürtelregion (Faja Petrolífera del Orinoco, FPO) durch ein System
von Gemeinschaftsunternehmen umstrukturiert. Gleichzeitig verlagerte sich die Erdölförderung
von konventionellen Erdölquellen hin zur unkonventionellen Förderung von extra-schwerem Erdöl.
Dieser Wandel veränderte die Einbindung des Landes in den internationalen und US-amerikanischen
Markt Venezuela wurde zu einem Verkäufer von Schweröl-Mischungen und verstärkte damit die Konkurrenz um den Verkauf an Raffinerien an der Golfküste, die eigens für die Verarbeitung dieses Rohöls angepasst sind.

Damit trat Venezuela vor allem in Konkurrenz zu kanadischem, schwerem und nicht-konventionellem Rohöl, dessen Produktion während der Phase hoher Ölpreise stark anstieg und das wegen der höheren Kosten des Landtransports mit Abschlägen in die USA verkauft wird. Aufgrund der geringen Verkaufspreise verdrängte das kanadische Öl zunehmend das aus Venezuela vom US-Markt.

Krisenhaftes Business

Infolge der kapitalistischen Überproduktionskrise (nach der marxistischen Analyse eine im Kapitalismus wiederkehrende Krise, die daraus hervorgeht, dass mehr Waren produziert als verbraucht werden, Anm. d. Red.) von 2008 wurde Venezuelas Fähigkeit immer stärker eingeschränkt, das zunehmend unproduktive, nichterdölbezogene Kapital mithilfe der Erträge aus dem Grundbesitz aufrechtzuerhalten. Als sich die Krise Ende 2014 schließlich in einer globalen Erdölüberproduktion niederschlug und die Preise kollabierten, wurde das Erdölkapital aus Venezuela im globalen Wirtschaftssystem überschüssig.

Mit dieser Entwicklung wurden zugleich die im Sektor beschäftigten Arbeiter*innen überflüssig,
was eine humanitäre Krise auslöste. Der Chavismus wurde in der Folge zum Verwalter dieser überschüssigen Bevölkerung und tat dies durch zunehmenden Autoritarismus, bis er schließlich
in einer Diktatur mündete. Diese zivile und militärische Elite, die am Kopf dieses Systems stand,
verstrickte sich in Reaktion auf die Krise immer stärker auch in illegalen Geschäften, um sich
selbst an der Macht zu halten.

USA als Vertreter des internationalen Kapitals.

Die USA trat in diesem Fall als politischer Vertreter der Interessen des internationalen Gesamtkapitals auf. Mit der Verhängung von finanziellen Sanktionen im Jahr 2017 und später im Bereich des Erdöls im Jahr 2019, setzten die USA die venezolanische Erdölförderung fast vollständig außer Kraft. Venezuela verabschiedete sich dadurch vom internationalen Erdölmarkt. Gleichzeitig zentralisierte die venezolanische Regierung zunehmend die Macht und vereinnahmte die Überreste der venezolanischen Akkumulation und die marginalisierten Produktion konfrontiert. Exxon, das derzeit gemeinsam mit dem Unternehmen CNOOC ein Offshore-Erdöl-Megaprojekt in Guyana inmitten der von Venezuela beanspruchten Gewässer der Essequibo-Region entwickelt, muss sich seit 2015 mit ständigen Drohungen des Chavismus auseinandersetzen, militärisch gegen Guyana vorzugehen, um die Souveränität über diese Gewässer einzufordern. Darüber hinaus sah sich das US-amerikanische Kapital im Streit um die Aneignung der venezolanischen Erdöleinnahmen aus Grundbesitz damit konfrontiert, dass auch China, Russland, Iran und weitere Wettbewerber auf dem globalen Markt an diesem Prozess teilnahmen.

Angesichts fallender Ölpreise und größerer Schwierigkeiten bei der Förderung unkonventionellen
Rohöls begann eine verstärkte Konkurrenz um die Wiedereröffnung traditioneller Ölquellen. In diesem Zusammenhang gewann Venezuela wieder an Bedeutung, und die USA konzentrierten sich darauf, die Ölförderung für ihren Markt wieder anzukurbeln. Aus all diesen Gründen begann die USA unter dem Vorwand der Bekämpfung des Drogenhandels eine militärische Eskalation gegen Venezuela, die am Samstag, dem 3. Januar 2026, in einer militärischen Intervention gipfelte.

Privatisierung der Ölindustrie in Gang gesetzt

Seit der Festnahme von Nicolás Maduro und Cilia Flores sind drei Monate vergangen. Doch in dieser kurzen Zeit haben sich rasante und tiefgreifende Veränderungen vollzogen. Gesetze
wurden aufgehoben und neue erlassen, die den politischen und wirtschaftlichen Kurs Venezuelas
nachhaltig beeinflussen werden. Angesichts des offensichtlichen Interesses der USA an einer Wiederaufnahme der venezolanischen Ölförderung ist die am 29. Januar 2026 verabschiedete
Reform des Erdölgesetzes vielleicht die bedeutendste dieser Veränderungen. Die wichtigsten
Änderungen, die diese Reform mit sich bringt, sind die Aufhebung des Betriebsmonopols, das
die staatliche Ölgesellschaft PDVSA seit ihrer Verstaatlichung im Jahr 1976 innehatte, wodurch private Unternehmen nun direkt Ölfelder betreiben und Explorations- und Förderaktivitäten durchführen können, ohne Teil eines gemischten Unternehmens mit dem Staat sein zu müssen. So ermöglicht die Reform die Privatisierung der venezolanischen Ölförderung.

Zudem wird das staatliche Handelsmonopol aufgehoben, sodass private und gemischte Unternehmen Öl und Ölprodukte direkt auf dem internationalen Markt verkaufen dürfen. Darüber hinaus ermöglicht sie
es Minderheitsgesellschafter*innen der gemischten Unternehmen, die operative Leitung dieser zu übernehmen. Auf politischer Ebene bedürfen die Gründung gemischter Unternehmen und deren Bedingungen keiner vorherigen Zustimmung der Nationalversammlung mehr, sie werden nun von
der Exekutive genehmigt und dem Parlament lediglich mitgeteilt.

Trump schafft Garantien für Erdölkapital

Eine Woche nach der Festnahme von Maduro und Flores und der Amtsübernahme von Delcy Rodríguez
als Präsidentin traf sich Trump mit Führungskräften der größten US-amerikanischen Ölkonzerne und forderte sie auf, 100 Milliarden US-Dollar in die venezolanische Ölindustrie zu investieren. Während sich das bereits in Venezuela tätige Ölkapital aufgeschlossen zeigte und sich zu einer raschen Steigerung der Produktion verpflichtete (vor allem Chevron und Repsol), zeigte sich das vom Chavismus enteignete Ölkapital (Exxon und Conoco-Phillips) skeptisch gegenüber einer Rückkehr nach Venezuela und stufte
Investitionen in Venezuela unter den derzeitigen Umständen als nicht realisierbar ein. Unter der Annahme, dass sie sich auf das derzeitige rechtliche und institutionelle Ölgefüge in Venezuela bezogen, deutet die Eile bei dieser Rechtsreform auf den Versuch hin, dem transnationalen Ölkapital, das seinem Eintritt in das Land misstrauisch gegenübersteht, Garantien zu bieten. In diesem Zusammenhang sind die Wiedereröffnung der US-Botschaft in Caracas und der Besuch des US-Energieministers in der Hauptstadt am 12. Februar 2026 von Bedeutung.


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In Zeiten von Druck und Krise Zeit gewinnen

Foto: Cacica Honta

Wie hast du den US-Angriff am 3. Januar in Caracas erlebt?
Das Bombardement weckte meine Partnerin und mich auf. Wir hörten ein Kratzen an den Fenstern und sahen ein Licht wie eine Stichflamme, die das ganze Zimmer erhellte. Wir sprangen abrupt auf, geschockt und unsicher, ob wir rausgehen oder drinnen bleiben sollten. Wir hörten das laute Brummen der Flugzeuge. In dem Moment, als der US-Militärangriff stattfand, war mir nicht bewusst, dass es sich nur um einen einzelnen Vorfall handeln würde. Stell dir vor, du erlebst so etwas nur ein einziges Mal, während die Palästinenser es jeden Tag erleben. Zu leben in dem Bewusstsein, dass dir jederzeit eine Bombe auf den Kopf fallen kann.

Wie hat sich Caracas seit den ersten Tagen bis heute verändert?
Diese Phase der echten Erschütterung dauerte nur zwei bis drei Tage. Der Angriff fand am Samstagmorgen statt. In meiner Gegend gab es keinen Strom. In vielen Läden machten Menschen nervös ihre Einkäufe. An manchen Orten wurde nur Bargeld in Dollar akzeptiert. In dieser ersten Woche waren die Straßen noch relativ leer.
Die Regierung hat es geschafft, ab dem 12. Januar eine zynische Normalität wiederherzustellen, indem sie darauf drängte, dass an diesem Tag der Unterricht an den Universitäten sowie im gesamten Bildungssystem wieder beginnt und alle Ministerien und öffentlichen Einrichtungen aktiviert werden. Es ist eine zynische Normalität, denn die Bevölkerung lebt seit mindestens 2013 in einer permanenten Ausnahmesituation. Um kognitive Dissonanz zu vermeiden, konstruiert die Bevölkerung eine innere Normalitätserzählung.
Es ist sehr schwierig, in dem Bewusstsein zu leben, einem möglichen weiteren Militärangriff, einem internen militärischen Konflikt zwischen verschiedenen Fraktionen des Chavismus oder vor allem staatlicher Unterdrückung ausgeliefert zu sein. In diesem Rahmen konstruiert sich die Bevölkerung eine Pseudo-Normalität, und genau darauf zielt auch die Regierung von Delcy Rodríguez ab.

Gibt es eine starke militärische und polizeiliche Präsenz auf den Straßen?
Am Samstag, dem 3. Januar, war kein einziger Polizist auf der Straße zu sehen. Der Schock traf auch den Staatsapparat. Am Sonntag zeigten sich erste Polizisten und bewaffnete Gruppen, doch das Militär blieb noch mehrere Tage in den Kasernen. Derzeit gibt es eine massive Militär- und Polizeipräsenz auf den Straßen, ähnlich wie nach den Wahlen vom 28. Juli 2024, sogar noch schlimmer.

US-Präsident Trump kündigte an, dass er vorhabe in Venezuela zu regieren. Delcy Rodríguez übernahm ihrerseits die Präsident­schaft in Venezuela und präsentierte sich als Person, die das Geschehen unter Kontrolle hat. Wie analysierst du die Machtverhältnisse in Venezuela?
Derzeit setzt die Regierung von Delcy Rodríguez ihre seit einiger Zeit verfolgte politische Linie fort: Es handelt sich um eine pragmatische Linie, die mit Rhetorik und technokratischen Gesten umhüllt ist. Der Chavismus macht Zugeständnisse gegenüber Trump, wo es nötig ist, und bei Aspekten, die ihm selbst nützen, wie dem Verkauf von Öl ohne Sanktionsverluste. Sie stellen das Abkommen mit den Vereinigten Staaten als eine autonome Entscheidung dar und sagen: „Wir verkaufen Öl. Wir wollten schon immer Öl an die Vereinigten Staaten verkaufen.“ Vor dem Angriff musste ein Großteil des Öls an China geliefert werden, nur um die Schulden zu bezahlen. Dieses wurde offenbar an russische Tanker geliefert, die aufgrund der Sanktionen einen Preisnachlass erhielten.

In welcher anderen Form hat die Regierung Delcy Rodríguez nachgegeben und was könnte ihr Plan sein?
Die Regierung stimmte außerdem der Freilassung einer Gruppe politischer Gefangener zu und hilft Trump damit, Erfolge in Venezuela vorzuweisen. Aber die Freilassung der Gefangenen macht nicht einmal die Hälfte der inhaftierten Personen aus. Es bleiben über 800 politische Gefangene inhaftiert, darunter Juan Pablo Guanipa. In Venezuela ist er nach María Corina Machado der Oppositionsführer mit dem größten politischen Profil und dem stärksten Rückhalt in der Bevölkerung, da er sie in ihrer gesamten Strategie begleitet hat.
Ohne die These einer Vormundschaft vollständig zu verwerfen, da sie eine Möglichkeit darstellt, kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass die chavistische Führung Trump einige Zugeständnisse macht, während sie zugleich dadurch Zeit gewinnt, um die Zwischenwahlen in den Vereinigten Staaten im November dieses Jahres abzuwarten. Eine Niederlage von Trumps Partei könnte eine innenpolitische Umstrukturierung ermöglichen. Die Regierung weiß, dass sie trotz ihrer Differenzen gemeinsam eher in der Lage sind, dem Druck von außen und innen standzuhalten. Ihr oberstes Gebot ist es, in Zeiten von Druck und Krisen Zeit zu gewinnen.

Wie haben sich Wirtschaft und Kaufkraft der Menschen seit dem 3. Januar entwickelt?
Eigentlich ist nur der Dollarkurs gesunken. Der Parallelkurs ist von 900 Bolívares pro Dollar auf 400 gefallen. Wenn der Parallelkurs so bleibt wie derzeit, werden die Verkäufer gezwungen sein, die Preise für ihre Waren zu senken. Im Moment ist dieser Effekt am Markt jedoch noch nicht zu beobachten. Symbolisch gesehen ist der Wechselkurs für ein Land wie das unsere jedoch wichtig. Die Menschen haben dann das Gefühl, dass sich die Lage verbessert.

Wer ist Delcy Rodríguez und wie verlief ihre politische Laufbahn?
Delcy Rodríguez und Nicolás Maduro kennen sich seit ihrer Jugend, denn sie waren Mitglieder derselben Partei, der Liga Socialista (Sozialistisch Liga). Ich glaube nicht, dass sie gleichzeitig in der Partei waren, denn Nicolás Maduro ist vorher ausgetreten, aber sie haben diese Verbindung. Die Liga Socialista wurde von Delcy Rodríguez’ Vater gegründet, doch sie selbst hielt sich eher vom politischen Aktivismus fern. Sie hat sich zwar in manchen Bereichen engagiert, aber eher in technokratischer Funktion. Die Beziehung zu Chávez war sehr distanziert und angespannt. 2006 war sie kurzzeitig Ministerin im Sekretariat, da sie sich heftig mit Hugo Chávez angelegt hatte. Bis 2013 hatte sie keine hochrangige Position inne. Als Maduro 2013 Präsident wurde, erhielt sie wichtige Ämter, zunächst im Kommunikationsministerium und später im Außenministerium. Sie präsentiert sich als sehr pragmatisch und war die treibende Kraft hinter den neoliberalen Maßnahmen, die Maduros Regierung seit August 2018 umgesetzt hat und von denen die lokale Unternehmerschaft und die hohe Staatsbürokratie profitierten. So ist Delcy Rodríguez die Ansprechpart­nerin des transnationalen Ölkapitals, insbesondere von Chevron, sowie der gesamten venezolanischen Bourgeoisie.

Omar Vázquez Heredia (Foto: Privat)


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Hoffen, das Schlimmste sei vorbei

Aktivistin Cacica Honta Widerstand aus der Community heraus (Foto: Victor Morales)

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Ich weckte meinen Partner mit einem Schütteln auf, während der Lärm der Explosionen und die Blitze im Himmel über Caracas uns zuschrien, dass sich das Leben für immer verändert hatte. Seitdem weckt mich jedes laute Geräusch mit der Empfindung, dass die Attacken zurückkehren. Ausruhen wurde unmöglich. Ich lebe mit der Angst, meine geliebten Menschen oder die all­täglichen Orte, die uns stützen, zu verlieren. Die scheinbare Ruhe verwandelt sich in eine schwere Stille, die Tränen und Verzweiflung provoziert. Am Tag nach den Angriffen ging ich hinaus, um „Hamsterkäufe“ zu machen, mich auszustatten, doch alles war zu. Eine Grabesstille, nur gestört durch die Lastwagen voller Lebensmittel der Gochos (Leute aus der Andenregion, die nach Caracas fahren, um dort Lebensmittel zu verkaufen).

Gefangen zwischen zwei Kräften


Inmitten der permanenten Unsicherheit und ausufernden Inflation waren wir nicht allein. Wir gingen zusammen raus, trafen uns, um das Wenige, was es gab, zu teilen, ohne einen Anlass zum Feiern. Aber doch, um uns an einer Herdflamme oder einer gemeinsamen Tafel daran zu erinnern, dass wir am Leben sind. Diese kollektive Kraft war der einzige feste Boden unter uns. Wir hielten uns im Arm und am geteilten Teller fest, um nicht vor purer Angst zu sterben.

Was regiert, ist die Unklarheit. Es gibt keine klaren Zahlen über Tote und Verletzte. Die Regierung schweigt und minimiert das Geschehene, während man in den Straßen die Polizeioperationen und bewaffneten Gruppen wahrnimmt. Es fehlt an Transparenz, ehrlicher Kommunikation und Sicherheitsgarantien. Für die Menschen fühlt es sich an, als ob alles gleichbleibt, als ob nichts passiert wäre, doch in Wahrheit ist das alltägliche Leben durch Knappheit geprägt, durch Repression und Militarisierung. Es geht nicht mehr um Ideologie, sondern ums Überleben: Essen können, Wasser trinken, ärztliche Behandlung, dass die Kinder in die Schule gehen.

Wir sind gefangen zwischen zwei Kräften: einem Regime, das unterdrückt, und einer auslän­dischen Intervention, die uns in ein Konfliktgebiet verwandelt. Die Bevölkerung zahlt den Preis des Öl- und Mineralienreichtums, den andere begehren. Diese Intervention der Vereinigten Staaten ist eine Souveränitätsverletzung, keine humanitäre Hilfe. Es ist eine Operation, um Energieressourcen zu kontrollieren und die regionale politische Landkarte neu auszurichten. Was sich als Rettung präsentiert, ist eine verdeckte Plünderung. Die Situation bringt keinen Frieden, sondern wiederholt die Gewalt und lässt das Volk schutzlos zurück.

Als Afro-Indigene Frau und Künstlerin empört es mich, dass im Angesicht des Missbrauchs als erstes gefragt wird: „Aber wer hat dich gefoltert? Die Linke oder die Rechte?“ Den Mächtigen schmerzt unsere Wunde nicht. Sie interessiert, wer die Peitsche hält, um zu entscheiden, ob es ihnen nützt, sie zu denunzieren. Es existiert ein chreckliche Angst, zu reden, da jedes Wort gegen dich verwendet werden kann. Ich fürchte neue Bomben ebenso, wie die Kontinuität eines Systems ohne faire Löhne, mit Hunger und unschuldigen Gefangenen. Der Blick auf die Zukunft verspricht mehr Prekarität für die Armen und Unsicherheit in den Straßen. Das Vertrauen in die Institutionen ist kaputt, uns bleibt nur, uns gegenseitig zu unterstützen.

Wie Schachfiguren auf einem fremden Spielbrett


Die Welt feiert eine angebliche „Befreiung“, weil ein Gesicht gefangen genommen und in ausländische Verwahrung gesteckt wurde. Aber als Schwarze, Indigene und feministische Frau frage ich mich: Welche Freiheit ist das, die uns mit Bomben aufgezwungen wird? Die Gefangennahme eines Mannes löscht kein System des Hungers – weniger noch, wenn die, die uns „retten“ kommen, eine versteckte Rechnung mitbringen.

Den Zusammenbruch einer Struktur zu feiern, ohne zu sehen, wer die neuen Fundamente errichtet, ist eine gefährliche Blindheit. Für die Mächtigen sind wir keine „Geschwister in Ungnade“, wir sind strategischer Vermögenswert, Öl, Gold und Mineralien in Disput. Wenn sich das Schicksal meines Landes von einem Büro in Caracas an einen Verhandlungstisch in Washington verlagert, bleibe ich weiterhin eine Zuschauerin, eine Schachfigur auf einem fremden Spielbrett.

Sie kommen wegen des Öls und des Goldes des Arco Minero, das bereits unter dem Kommando der Linken ausgeblutete Territorium, welches sie nun mit unternehmerischer Effizienz „verwalten“ wollen. Sie bieten uns eine Hals zuschnürende „Befreiung” an, die uns mit einer unbe­zahl­baren Auslandsverschuldung von mehr als 150 Milliarden Dollar belastet. Sie leihen uns den Hammer, um den Tyrannen zu stürzen, aber sie berechnen uns jeden Ziegelstein für den Wiederaufbau zum Goldpreis.
Der Imperialismus löscht die Geschichte aus. Er will uns glauben machen, dass alles vor zwei Jahren begonnen hat, und leugnet damit Jahrhunderte der Plünderung und Ausbeutung. Wir Völker, die wir Widerstand leisten, denken langfristig. Ich bin die Frau, die Guaicaipuro und Bolívar nicht aus Folklore anruft, sondern weil mein Kampf derselbe ist wie der der palästinensischen Frauen: das Recht, auf unserem Land zu leben, ohne dass ein Imperium für uns entscheidet, was „Demokratie” bedeutet.
Sie sprechen von „politischen Gefangenen“, als wäre das Gefängnis nicht selbst eine koloniale Institution, die 1573 eingeführt wurde, um uns zu bestrafen. Für mich sind alle Gefangenen politisch, wenn das System Folter als alltägliches Mittel gegen die Ärmsten, gegen Schwarze, gegen diejenigen, die keine Stimme haben, einsetzt. Einige haben die Folter erst kürzlich entdeckt, weil es ihnen politisch gelegen kommt, aber wir kennen sie seit jeher, von innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern.
Das Volk will Würde, die Menschen wollen in Ruhe leben. Mein Horizont ist eine Linke, die nicht nur leere Parolen von sich gibt, während sie ihre Arbeiter*innen misshandelt oder ihre Indigenen ignoriert. Mein Ziel ist echte Souveränität: Frei zu sein bedeutet, über unser gemeinsames Leben zu entscheiden, ohne dass sich Gringos, Russen oder Chinesen einmischen.

Frei sein heißt entscheiden zu können


Heute schließen wir uns in Unsicherheit zusammen, um nicht vor Angst zu sterben, und knüpfen Netzwerke, um etwas zu essen zu haben. Ich träume von einem Land, in dem Würde möglich ist, mit fairen Löhnen, garantierten Grundversorgungsleistungen, echter Gerechtigkeit und der Freiheit, uns ohne Angst zu äußern. Meine Hoffnung liegt nicht in bewaffneten Helden oder in als Hilfe getarnten Invasionen, sondern im Widerstand der Gemeinschaft. In unserer Fähigkeit, uns dagegen zu wehren, dass wir ausgelöscht oder zu einer Opferzone gemacht werden.

Ich denke an diejenigen, die ihr Leben verloren haben, die das viel stärker erlebt haben als ich. Das wünsche ich niemandem, nicht einmal dem schlimmsten Menschen der Welt. Wir kämpfen dafür, dass Venezuela aufhört, ein Schachbrett zu sein, und endlich zu einem Zuhause wird. Wir wollen Würde, wir wollen Frieden, aber einen, der aus uns selbst, aus unserem Land entsteht, und keinen, der uns vom Norden diktiert wird.


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Creer que lo peor ya pasó

Cacica Honta Resistiendo desde la comunidad (Foto: Victor Morles)

Für die deutschsprachige Version hier klicken

Desde entonces, cada ruido fuerte me despierta con la sensación de que los ataques regresan. El descanso se volvió imposible. Vivo con la angustia de perder a mis seres queridos o los espacios cotidianos que nos sostienen. La calma aparente se convierte en un silencio pesado que provoca lágrimas y desesperanza. Al día siguiente de los ataques, salí a las “compras nerviosas” buscando abastecerme; todo estaba cerrado, un silencio de tumba roto solo por los camiones de los gochos con la comida por las nubes.

Pero en medio de esa incertidumbre permanente y la inflación desbordada que hace que la comida sea cada vez más inaccesible, no estábamos solos. Salimos juntos, codo a codo, con quienes esos días nos sostuvimos desde la comida en colectivo. Nos juntamos para compartir lo poco que había, sin nada que celebrar, pero sí para recordarnos, al calor de un fogón o de una mesa compartida, que estamos vivos. Esa fuerza colectiva fue el único suelo firme que pisamos; nos sostuvimos en el abrazo y en el plato repartido para no morirnos de la pura angustia.

Lo que reina, sin embargo, es la opacidad. No hay cifras claras de muertos ni heridos. El gobierno guarda silencio o minimiza lo ocurrido, mientras en las calles se perciben más operativos policiales y presencia de grupos armados. Falta transparencia, comunicación honesta y garantías de seguridad. La gente siente que todo sigue igual, como si nada hubiera pasado, pero la verdad es que la vida cotidiana está marcada por la escasez, la represión y la militarización. Ya no se trata de ideología, sino de sobrevivir: poder comer, tener agua, recibir atención médica, que los niños vayan a la escuela.

Estamos atrapados entre dos fuerzas: un régimen que reprime y una intervención extranjera que nos convierte en territorio de disputa. El pueblo queda en medio, pagando el costo de la riqueza petrolera y mineral que otros codician. Esta intervención de Estados Unidos es una violación de la soberanía; no es ayuda humanitaria, es una operación para controlar recursos energéticos y reconfigurar el mapa político regional. Lo que se presenta como salvación es saqueo disfrazado. La ocupación no trae paz, repite la violencia y deja al pueblo más vulnerable.

Como mujer afro-indígena y artista, me indigna que, ante el atropello, lo primero que pregunten sea: “Pero ¿quién te torturó, la izquierda o la derecha?” Al poder no le duele nuestra herida, le importa quién sostiene el látigo para saber si le conviene denunciarlo. Existe un miedo atroz a hablar porque cualquier palabra puede ser usada en tu contra. Temo tanto a nuevas bombas como a la continuidad de un sistema sin salarios dignos, con hambre y presos inocentes. El futuro se percibe como más precariedad para los pobres y más inseguridad en las calles. La confianza en las instituciones está rota, solo nos queda apoyarnos entre nosotros.

El mundo celebra una supuesta “liberación” porque un rostro fue capturado y puesto bajo custodia extranjera. Pero como mujer negra, indígena y feminista, yo me pregunto: ¿qué libertad es esta que se impone con bombas? La captura de un hombre no borra un sistema de hambre, y mucho menos cuando los que vienen a “salvarnos” traen una factura oculta bajo el brazo. Celebrar que se desplome una estructura sin ver quién está levantando los nuevos cimientos es de una ceguera peligrosa. Para las potencias no somos “hermanos en desgracia”: somos activos estratégicos, petróleo, oro y minerales en disputa. Si el destino de mi país se muda de una oficina en Caracas a una mesa de negocios en Washington, yo sigo siendo una espectadora, una pieza de ajedrez en un tablero ajeno.

Vienen por el petróleo y por el oro del Arco Minero, ese territorio que ya venía siendo desangrado bajo consignas de izquierda y que ahora pretenden “administrar” con eficiencia corporativa. Nos ofrecen una liberación que nos hipoteca con una deuda externa impagable: más de 150 mil millones de dólares que nos amarran el cuello. Nos prestan el mazo para tumbar al tirano, pero nos cobran cada ladrillo de la reconstrucción a precio de oro.

El imperialismo opera borrando la historia. Quieren que creamos que todo empezó hace dos años, negando los siglos de saqueo y despojo. Los pueblos que resistimos nos pensamos en larga duración. Soy la mujer que invoca a Guaicaipuro y a Bolívar no por folclore, sino porque mi lucha es la misma de la mujer palestina: el derecho a existir en nuestra tierra sin que un imperio decida qué es la democracia para nosotros.Nos hablan de presos políticos como si la cárcel misma no fuera una institución colonial impuesta en 1573 para castigarnos. Para mí, todos los presos son políticos cuando el sistema usa la tortura como pan de cada día contra los más pobres, contra los negros, contra los que no tienen voz. Algunos descubrieron la tortura hace poco porque les conviene políticamente, pero nosotras la conocemos desde siempre, dentro y fuera de las rejas.

El pueblo quiere dignidad, no discursos vacíos ni invasiones disfrazadas de ayuda. La gente no busca héroes armados, busca vivir con tranquilidad. Mi horizonte es de soberanía real: decidir sobre nuestra vida colectiva sin gringos, rusos ni chinos de por medio.

Sueño con un país donde la dignidad sea posible, con salarios justos, servicios básicos garantizados, justicia real y libertad para expresarnos sin miedo. La esperanza está en la resistencia de la comunidad, en que no nos borren ni nos conviertan en zona de sacrificio. Pienso en quienes perdieron la vida; esto no se lo deseamos a nadie. Nuestra lucha es para que Venezuela deje de ser un tablero de ajedrez y empiece a ser, finalmente, un hogar.

Mi horizonte es de izquierda, pero de una izquierda de verdad: la que defiende la soberanía real, no la que se queda en consignas vacías mientras maltrata a sus obreros o ignora a sus indígenas. Ser libre es poder decidir sobre nuestra vida colectiva sin gringos de por medio. Hoy seguimos en la zozobra, juntándonos entre nosotras para no morir de angustia, tejiendo redes para poder comer. Pienso en quienes perdieron la vida, en quienes lo vivieron mucho más fuerte que yo. Esto no se lo deseo a nadie, ni siquiera a la persona más nefasta del mundo. Mi esperanza no está en los héroes armados ni en las invasiones disfrazadas de ayuda; está en nuestra capacidad de seguir siendo comunidad, de resistir a que nos conviertan en una “zona de sacrificio”. Queremos dignidad, queremos paz, pero una paz que nazca de nosotros, de nuestra tierra, y no una que llegue dictada desde el norte.


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Totalitär gegen unberechenbar

Sogar für lateinamerikanische Verhältnisse ist Nicaragua ein Land, in dem der Zugang zu verlässlichen Informationen äußerst begrenzt ist. Wie die allermeisten politischen Geschäfte wird die Kommunikationspolitik der Regierung um die Figur der mächtigen Ko-Präsidentin und First Lady Rosario Murillo zentralisiert und von ihr vertikal kontrolliert (das Konstrukt Kopräsidentschaft wurde im November 2024 in die Verfassung aufgenommen, wodurch sich das Präsidentenpaar Murillo und Ortega des gegenseitigen Machterhalts versichert, Anm. d. Red.). Dennoch kann man mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass die Militärintervention der USA gegen Venezuela am 3. Januar und die darauf folgende Entführung von Präsident Maduro den Machtkern um die Kopräsident*innen Murillo-Ortega und ihrer engsten Verbündeten nicht kalt gelassen hat.

Denn Nicaragua zählt, zusammen mit Kuba, zu den engsten Verbündeten Maduros in Lateinamerika. Die bedingungslose Unterstützung für Maduro ist, neben der ideologischen Nähe, auch darauf zurückzuführen, dass Nicaragua gut 10 Jahre lang – vor allem während der Amtszeit von Hugo Chávez in Venezuela – sehr großzügige Finanzhilfen erhalten hat, dies in Form von venezolanischem Erdöl. Dadurch konnten unter­schiedliche Sozialprogramme initiiert und der Wohlstand vieler Ortega-nahen Unternehmer*innen ausgeweitet werden.

Trotzdem war die Reaktion der Regierung auf den spektakulären Bruch des internationalen Rechts durch die „Donroe-Doktrin“ verhältnismäßig mild. Es fanden keine Massenkundgebungen statt, wie dies unter anderem kurz nach dem Putsch gegen Präsident Evo Morales in Bolivien 2019 der Fall war. Der Aufruhr begrenzte sich auf eine offizielle schriftliche Erklärung mit dem Titel „Zur Verteidigung des Friedens, der Gerechtigkeit und des Lebens“, die zwar die Befreiung Maduros und seiner Frau Cilia Flores sowie den Respekt vor der Souveränität Venezuelas forderte, aber keinen Konfrontationskurs gegen Trump versuchte. Weitere Reaktionen in den auf den US-Angriff folgenden Tagen waren die Inhaftierung mehrerer Bürger*innen, weil sie im Internet die Militäraktion feierten, die Absage aller Feierlichkeiten zum 19. Jahrestag von Ortegas Regierungsübernahme sowie die Befreiung einer weiteren Gruppe politischer Gefangener – nach einer ähnlichen Aktion durch die Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez in Venezuela.

Ungeachtet der großen diplomatischen und rhetorischen Nähe beider Länder muss man bei einer Lageeinschätzung bedenken, dass Nicaragua nicht Venezuela ist. Beide Regimes haben zweifelsohne große Gemeinsamkeiten, aber auch erhebliche Unterschiede. Während in Venezuela die Regierungsführung auf mehreren Schultern verteilt ist, regieren Ortega und Murillo auf dynastische Art und Weise bei alleiniger, absoluter Machtkonzentration auf sich und ihre Familie. Venezuela verschärfte vor allem nach den umstrittenen Wahlen von 2024 einen bereits begonnenen autoritären und repressiven Kurs. In Nicaragua gilt bereits seit 2021 ein inoffizieller Ausnahmezustand, unter dem jede öffentliche Kritik an der Regierung (hier reicht schon ein Like auf Facebook, das Teilen eines Liedes oder eine Whatsapp-Nachricht an die falschen Personen) realistischerweise zu einer Verhaftung führen kann. Tausende NGOs, politische Parteien und kritische Medien wurden geschlossen, verboten oder beschlagnahmt. Vielen Nicaraguaner*innen, die im Ausland leben, wird die Einreise ins eigene Land verwehrt, nur wegen einer digitalen Äußerung, die manchmal viele Jahre in der Vergangenheit liegt.

Aus Angst vor einem Machtverlust regiert der ehemalige Revolutionär Daniel Ortega seit der massiven Protestwelle 2018 nicht autoritär, sondern totalitär. Parallel dazu folgt das Land, anders als Kuba, einem durch den Privatsektor geleiteten, marktwirtschaftlichen Kurs und die USA sind, trotz zunehmender chinesischer Präsenz, nach wie vor sein wichtigster Handelspartner. Außerdem verfügt Nicaragua nicht über strategische Naturressourcen wie Erdöl, die eine größere Militäraktion für die USA wirtschaftlich rechtfertigen würden. Die im Exil lebende rechte Opposition, der immer noch nicht gelungen ist, ihre Variante einer Führungsfigur à la María Corina Machado zu finden, wird wahrscheinlich auf große Schwierigkeiten stoßen, um eine erfolgreiche Lobbyarbeit in Washington zugunsten einer direkten Militäraktion zu machen. Damit wird ihre Euphorie nach der Entführung Maduros möglicherweise umsonst gewesen sein.

Dennoch ist Trump bekanntlich unberechenbar, was die vorsichtige Reaktion Ortegas und Murillos nach der Entführung ihres größten Verbündeten erklären könnte. Obwohl die weitere Entwicklung Venezuelas unter der Führung von Rodríguez noch unklar ist, wird die Inhaftierung Maduros das Regime höchstwahrscheinlich schwächen, wenn auch nur diplomatisch und rhetorisch. Allerdings hat das kürzlich wiederholte Abfangen angeblicher Drogenboote durch die salvadorianische Armee für Aufmerksamkeit gesorgt.

Diese kamen, nach Darstellung des salvadorianischen Militärs, von der nicaraguanischen Küste. Das Militär von El Salvador behauptete zudem hunderte Kilo Kokain beschlagnahmt zu haben. Die Aktionen erinnern an das von Trump monatelang konstruierte Narrativ der Bekämpfung des Drogenhandels auf Hoher See, das schlussendlich die Militärintervention legitimieren sollte.

Ungeachtet dessen, dass man keine Klarheit über den Wahrheitsgehalt der Angaben des salvadorianischen Militärs haben kann, hat die nicaraguanische Armee diese Vorfälle und entspre­chende Informationen zu Drogenhandel bestritten. Sie behauptete in einer Erklärung, dass man zudem „keine Maras und keine Drogenkartelle“ im Lande habe. Wenn man an die große Nähe und Kooperation zwischen dem salvadorianischen Präsidenten Bukele und Donald Trump denkt, kann man darüber spekulieren, ob es Zufall ist, dass beides zum gleichen Zeitpunkt stattfindet.

Ortega ist mittlerweile 80 Jahre alt. Man kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass seine Regierungszeit auf die eine oder andere Weise relativ bald enden wird. Was danach kommt, das fragen sich viele Nicaraguaneri*nnen, kann aber keiner wissen. Doch angesichts der letzten Abmachungen zwischen der US-Regierung und Rodríguez in Venezuela kann man schon vermuten, dass auch in Nicaragua nach einer Verhandlungslösung mit Trump — oder seinem unmittelbaren Nachfolger— gesucht wird. Aus einer solchen Annäherung zwischen einem totalitären System und einem unberechenbaren Imperialisten wird man aber wohl wenig Positives für das nicaraguanische Volk erwarten dürfen.


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Ein System von Männern für Männer

Triggerwarnung: Dieser Text enthält explizite Beschreibungen von Gewalt.

Nuvia Perozo war Wandfarbenverkäuferin in Valencia, der drittgrößten Stadt Venezuelas. Während eines Streits mit ihrem Partner am Sonntag, den 17. August 2025, ertränkt er sie in einem Pool. Verwandte bringen sie noch in ein Gesundheitszentrum, das sie ohne Lebenszeichen erreicht. Der Täter flüchtet vom Tatort und wird wenige Tage später festgenommen.

Der Mord an Perozo ist einer von 106 Femiziden, die sich in den ersten acht Monaten des Jahres 2025 ereignet haben, wie aus dem Utopix Femizide-Monitor hervorgeht. Hinzu kommen 139 Mordversuche, bei denen der Täter der Polizei gemeldet wurde. Das sind im Schnitt fast zwei Femizide pro Tag. Seit 2019 erstellt die Anthropologin Aimee Zambrano dieses Monitoring, da es an staatlichen Zahlen dazu fehlt. Utopix und Zambrano arbeiten ehrenamtlich und nutzen soziale und andere Medien als Hauptquellen.

Über die Jahre sind die Femizide vorwiegend in Bundesländern mit urbanen Zentren wie Zulia, Miranda und der Hauptstadt verzeichnet worden. In diesem Jahr ist es jedoch im südöstlichen, minenreichen Bundesstaat Bolívar, der Bundesstaat mit der drittkleinsten Bevölkerungsdichte, wo die meisten Femizide verzeichnet wurden. Die 43-jährige Carolina Vera ist eines der Opfer. Sie wurde zweieinhalb Wochen lang vermisst. Am 8. April wollte sie nach El Dorado in der Stadt Bolivar fahren, kam aber nie an. Die Polizei ermittelte und fand ihre Leiche in einem Waldgebiet. Laut Polizei hatte sie ein Bekannter, der sie angeblich zum Busterminal bringen wollte, vergewaltigt und erschlagen.

Frauen werden vor Gericht retraumatisiert

Die Polizei hat Perozos und Veras Mörder festgenommen, wie noch weitere 79 der 106 Täter. Das bedeutet jedoch nicht, dass tatsächlich Gerechtigkeit geschieht. Im venezolanischen Justizsystem gibt es große Verzögerungen bei den Verfahren. „Es gibt Fälle von Femiziden, bei denen es bis zu zehn Jahren dauert, bis der Täter verurteilt wird,” sagt Aimee Zambrano, Herausgeberin des Monitors, gegenüber LN. Dasselbe gilt für versuchte Femizide. Durch die langen Prozesse und wiederholten Berufungen werden die Frauen, die Gewalt überlebt haben, auf entsetzliche Weise retraumatisiert, so Zambrano. Sie hat Verfahren erlebt, in denen die betroffene Person selbst nach Zeugen suchen mussten. „Das Justizsystem, und ich glaube, das gilt weltweit, berücksichtigt Frauen nicht. Dieses System ist für Männer und von Männern gemacht,“ so Zambrano. Dadurch werden oft Anzeigen erstattet, aber nicht weiterverfolgt.

Die letzten offiziellen Zahlen zu Femiziden wurden 2016 von der Regierung gemeldet: 122 Frauen wurden getötet. Vier Jahre später, Anfang 2020, nachdem Zambrano ihre eigenen Femizidzahlen für 2019 veröffentlicht hatte, schlossen sich feministische Gruppen im Land zu einer Allianz zusammen und riefen den feministischen Notstand aus. Sie gingen auf die Straße und forderten die Politik zum Handeln auf.

8M-Demo 2020 in Caracas Feministische Bewegungen riefen den feministischen Notstand aus

Im Jahr 2020 ist die Zahl der Femizide weiter gestiegen. Es waren 53 Prozent mehr als im Jahr 2019. 2025, sechs Jahre später, scheinen die Femizide auf ein Niveau wie 2019 zurückgekehrt zu sein. Zambrano sieht mehrere Gründe für diese Entwicklung. Der Monitor stützt sich auf Medienberichte. Das führe zu niedrigeren Zahlen, denn lokale Zeitungen verschwinden oder legen ihren Fokus auf andere Themen. Der Januar 2025 ist ein gutes Beispiel dafür.

Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2019 liegt die durchschnittliche Anzahl an Femiziden im Januar bei 19,4, im Jahr 2025 wurden jedoch nur sieben registriert. „Sehr atypisch”, sagt Zambrano, „aber im Januar wurde die Medienagenda von der Amtseinführung von Präsident Maduro und allen damit verbundenen politischen Fragen dominiert”. Das könnte die niedrigere Zahl besser erklären als eine tatsächliche Abnahme der Femizide.

Zambrano führt die niedrigeren Zahlen aber auch darauf zurück, dass es mehr nicht vollendete Femizide gibt. „Ich glaube, dass es weiterhin zu Gewalttaten kommt. Vielleicht möchte ich mir aber auch nur einreden, dass das Bewusstsein der Bevölkerung für dieses Problem gestiegen ist,“ sagt Zambrano. Es gebe mehr Nachbar*innen, Verwandte, Krankenhäuser und die Frauen selbst, die Anzeige erstatten, sodass Täter verurteilt werden. Tatsächlich gab es im Jahr 2025, wie auch 2023 und 2024, mehr als doppelt so viele Anzeigen wie im selben Zeitraum 2019.

Zambrano schätzt den Einfluss der Regierung auf die Abnahme von Femiziden gering ein. Im März 2021 hat die Regierung eine zweite Staatsanwaltschaft mit Zuständigkeit für Femizide eingerichtet. Zwei Jahre später wurde die „Misión Venezuela Mujer“ (Mission Venezuela Frau) gegründet, um Frauen im Land zu unterstützen. Laut Zambrano soll die Mission alle Anlaufstellen bündeln, aber es geschieht nicht. Die Aufgaben sind zwischen Ministerium, der Staatsanwaltschaft und dem Obersten Gerichtshof verteilt. Offizielle Statistiken zu diesem Thema werden nicht veröffentlicht.

Auch die Zivilgesellschaft spielt eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung. Organisationen wie Tinta Violeta, eine feministische Organisation, die Personen unterstützt, die geschlechtsspezifische Gewalt erlebt haben, und Bildungsarbeit zu diesem Thema leistet, gehören zu den Akteur*innen, die wachsendes Bewusstsein in der Bevölkerung schaffen (siehe LN 500). Jeder einzelne Femizid ist einer zu viel. Dennoch sind das wachsende Bewusstsein für das Problem und die zunehmenden Anzeigen gegen gescheiterte Femizid-Täter eine positive Entwicklung der letzten fünf Jahre.


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Podcast

 

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Folge #14: Tourismus in Kuba: Wie verändert er die Gesellschaft?

Jedes Jahr reisen Millionen Menschen aus aller Welt nach Kuba. Sie bringen dringend benötigte Devisen ins Land – eine zentrale Einkommensquelle für die rund 10 Millionen Kubaner*innen und den Staat der Karibikinsel. Aber was bedeutet diese massive touristische Präsenz für die kubanische Bevölkerung? Wer profitiert und wer bleibt auf der Strecke? Um diese Fragen besser zu verstehen, haben wir mit dem Politikwissenschaftler Bert Hoffmann, den Journalist*innen Cynthia de la Cantera Toranzo und Marcel Kunzmann Toranzo sowie der Studentin Dayma Noa gesprochen. Viel Spaß mit der neuen Folge von „Ohren auf Lateinamerika“!

 

Folge #13: Warum hat es die Linke in Panama so schwer?

Viele Menschen verbinden Panama hauptsächlich mit dem Panama-Kanal, wie sich derzeit auch wieder an den Äußerungen von Donald Trump zeigt. Das Land ist politisch jedoch sehr interessant und lohnt eine nähere Beschäftigung. Wir ergründen, warum progressive Kräfte es dort so schwer haben. Dabei stellen wir fest, dass die Probleme der politischen Linken in Panama möglicherweise nur eine besonders extreme Kombination von Problemen sind, die die Linke überall in Lateinamerika, ja weltweit, plagen.

 

Folge #12: Ecuador: Militarisierung als Antwort auf die Gewalt?

In dieser Folge schauen wir uns den Anstieg der Gewalt in Ecuador und die Situation der betroffenen Bevölkerung genauer an. Um die Ursachen besser zu verstehen, haben wir mit Juana Francis gesprochen, eine afro-ecuadorianische Menschenrechtsaktivistin aus der Küstenprovinz Esmeraldas. Mit ihr und der Politikwissenschaftlerin Isabel Díaz haben wir uns auch darüber unterhalten, was dem Land aus der Krise helfen könnte.

 

 

Folge #11: Widerstand unter den Palmen: Guatemalas Palmölindustrie unter der Lupe

Palmöl steckt in etwa der Hälfte aller Produkte, die wir in deutschen Supermärkten finden. Ein Großteil dieses Palmöls stammt aus Guatemala – 2023 importierten deutsche Unternehmen von dort mehr Palmöl als aus jedem anderen Land. Die Produkte tragen häufig ein Siegel, das die nachhaltige Produktion des Palmöls kennzeichnet. Doch wie nachhaltig ist das Palmöl aus Guatemala wirklich? Wir folgen der Spur des bekanntesten Nachhaltigkeitssiegels des Runden Tisch für Nachhaltiges Palmöl (RSPO). Dafür sprechen wir mit Lourdes Gomez, Aktivistin des Volkes Maya Kekchí aus Guatemala und mit Dominik Groß, Referent bei der Menschenrechtsorganisation Romero Initiative aus Münster.

 

 

 

Folge #10: Kolumbien, Chile und Europa: Mit grünem Wasserstoff gegen Klimawandel?

Grüner Wasserstoff soll der Hoffnungsträger im Kampf gegen den Klimawandel sein. Die Europäische Union und Deutschland investieren derzeit weltweit Millionen von Euro in die Entwicklung von diesem Energieträger, auch innerhalb Lateinamerikas.

Kolumbien und Chile arbeiten bereits an konkreten Projekten, um bald massiv produzieren zu können. Damit sollen einerseits die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und Lateinamerika gestärkt und andererseits mit grüner Energie ein Beitrag zu Klimaneutralität geleistet werden.

Doch bedeutet “grün” auch gleichzeitig “gerecht”? Und wie “grün” sind die Projekte wirklich? Darüber sprechen wir mit zwei Expertinnen: Sophia Boddenberg ist freie Journalistin, lebt seit 2014 in Chile, arbeitet zu Umweltthemen, Rohstoffabbau und Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Globalen Norden und Globalen Süden. Kristina Dietz ist Professorin der Uni Kassel für Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Lateinamerika, Teil einer Forschungsgruppe zu Landkonflikten in Lateinamerika und Subsahara-Afrika.

 

 

Folge #9: Kohleabbau in Kolumbien: Welche Verantwortung trägt Deutschland?

 

 

#9: En español: Explotación de carbón en Colombia: Qué responsabilidad tiene Alemania?

 

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Folge #8: Gefängnisse in Ecuador: Gewalt wird zum Alltag

 

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Folge #7: Honduras – Zwischen Hoffnung und Korruption

 

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Folge #6: Der negierte Krieg in Kolumbien – Die Geschichte von Stella Castañeda

 

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Folge #5

 

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Folge #4

 

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Folge #3

 

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Folge #2

 

 

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Folge #1

 

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Eine fragwürdige Preisträgerin

Am 10. Oktober rieben sich nicht wenige Menschen verwundert die Augen: Denn die venezolanische Oppositionsführerin María Corina Machado widmete den ihr gerade zugesprochenen Friedensnobelpreis neben „den leidenden Menschen in Venezuela“ doch tatsächlich „Präsident Trump für seine entscheidende Unterstützung unserer Sache“. Viele hatten die Wahl des Nobelpreiskomitees zuvor als klaren Kontrapunkt zu US-Präsident Donald Trump gefeiert, der den Preis bekanntermaßen für sich reklamierte. Wer zuvor kaum Machados Namen kannte, konnte die Begründung aus Oslo tatsächlich so auffassen. Statt eines alten Mannes, der in den USA gerade die Demokratie zurückdrängt, würde nun also eine Frau aus Lateinamerika „für ihren Kampf um einen gerechten und friedlichen Übergang von der Diktatur zur Demokratie“ geehrt. Sie habe die gespaltene Opposition in der Forderung „nach freien Wahlen und einer repräsentativen Regierung“ geeint, hob das Nobelpreiskomitee zusätzlich hervor.

Im vergangenen Jahr hatte sich Machado dafür eingesetzt, die längst autoritär agierende Regierung von Nicolás Maduro über Wahlen abzusetzen. Sie selbst durfte unter vorgeschobenen Gründen nicht antreten. Ihrem Ersatzkandidat Edmundo González wurde der Wahlsieg nach allen vorliegenden Indizien geraubt. Doch ist es mehr als zweifelhaft, ob Machado, die sich international im rechtspopulistischen Umfeld von Trump, dem argentinischen Präsidenten Javier Milei und der ultrarechten spanischen Vox-Partei bewegt, eine würdige Preisträgerin ist.

Bevor sie ab 2023 auf Wahlen setzte, hatte sie ein äußerst instrumentelles Verhältnis zu demokratischen Entscheidungen. Machado, die aus einer Oberschichtsfamilie stammt, wurde im Rahmen des Machtkampfes zwischen den alten Eliten und der 1998 demokratisch gewählten Regierung unter Hugo Chávez bekannt. Als die rechte Opposition im April 2002 kurzzeitig gegen Chávez putschte, unterzeichnete auch Machado als damalige Vizepräsidentin der zivilgesellschaftlichen Organisation Súmate das sogenannte Carmona-Dekret. Dieses hätte umgehend die Regierung und die Richter des Obersten Gericht abgesetzt, das Parlament aufgelöst und die 1999 per Referendum verabschiedete Verfassung aufgehoben. Nach dem Scheitern des Putsches gewann Chávez zwei Jahre später ein transparentes Abberufungsreferendum. Es war wiederum Machados Organisation Súmate, die ohne Belege von Betrug sprach und auf weitere Eskalation statt demokratischer Befriedung setzte. Innerhalb des breiten Oppositionslagers blieb Machado sowohl als Aktivistin als auch Parlamentsabgeordnete jahrelang eine Randfigur.

2014, schon unter Chávez’ Nachfolger Maduro, stellte sie sich gemeinsam mit anderen Politikern wie Leopoldo López offen gegen die damalige Strategie, einen Machtwechsel über Wahlen herbeizuführen. Es folgten monatelange, teils gewalttätige Straßenproteste. Nachdem sich Juan Guaidó 2019 mit Rückendeckung von Donald Trump zum „Interimspräsidenten“ erklärte, setzte sich Machado für eine Verschärfung der US-Sanktionen ein, die vor allem die einfache Bevölkerung treffen. Zudem forderte sie die internationale Staatengemeinschaft offen zur Androhung militärischer Gewalt auf, um den Abgang Maduros zu erzwingen. Viele Menschen aus dem ärmeren Teil der Bevölkerung haben in Venezuela daher starke Vorbehalte gegen Machado, selbst wenn sie die immer autoritärere Regierung Maduro mittlerweile ablehnen. Nicht zuletzt torpedierte die Friedensnobelpreisträgerin innerhalb des Opposi­tionslagers jegliche Versuche, den politischen Konflikt und die Krise über einen Dialogprozess anzugehen. Dass an dessen Scheitern auch die Regierung ihren Anteil hatte, liegt auf der Hand. Aber Machados Lager machte sich nicht einmal die Mühe, unter Vermittlung international aner­kannter Mediatoren wie Norwegen nach Lösungen zu suchen.

Auch Machado schafft keine*geeinte Opposition

Nun behaupten manche, dass der Friedensnobelpreis eben nicht die Person Machado, sondern den Kampf der breiten venezolanischen Opposition „für Demokratie“ auszeichne. Das wiederum führt zu dem, jenseits politischer Beurteilungen, vielleicht wichtigsten Argument gegen die Preisträgerin. Denn ihren Anspruch auf eine Regierungsübernahme in Venezuela versucht ihr enger Verbündeter Trump gerade durch militärischen Druck zu erzwingen. Mit der Begründung, gegen internationale Drogenkartelle vorgehen zu wollen, griffen die USA bis Anfang November nach eigenen Angaben 16 Boote an. Dabei töteten sie mindestens 67 Menschen. Rechtsexper*innen sprechen von extralegalen Hinrichtungen. Längst droht Trump unverhohlen Angriffe innerhalb Venezuelas an. Machado unterstützt das Vorgehen ausdrücklich. In einem Videointerview mit dem US-amerikanischen Medienunternehmen Bloomberg etwa erklärte sie Ende Oktober, „dass die derzeitige Eskalation der einzige Weg ist, Maduro klar zu machen, dass es Zeit ist zu gehen“. Die Versenkung angeblicher „Drogenboote“ rette demnach Leben in den USA. Im selben Interview behauptete Machado ganz in Trump-Manier zudem, Maduro persönlich habe die US-Wahl 2020 manipuliert, die der heutige US-Präsident damals gegen Joe Biden verlor.

Sicherlich trägt zu Machados heutigem Ruhm bei, dass sie bereits seit mehr als 20 Jahren in der Opposition aktiv ist und dabei immer wieder mit repressiven Maßnahmen zu kämpfen hatte. Doch nicht einmal das Argument, sie habe die gespaltene Opposition geeint, lässt sich überzeugend für sie ins Feld führen. Eine vorübergehende Einigung haben auch schon andere Oppositionspolitiker zustande gebracht, zuletzt „Interims­präsident“ Juan Guaidó, der zurecht als tragische Fußnote und nicht Friedensnobelpreisträger in die Geschichte eingeht. Seit der geraubten Wahl im vergangenen Jahr wiederum hat Machado nichts dafür getan, um die Einigkeit der Opposition zu erhalten. Bei den Parlaments- und Regionalwahlen im Mai rief sie zum Boykott auf, während ein anderer Flügel sich beteiligte. De facto ist die Opposition also längst wieder gespalten.

Fragwürdige Versprechen an*die Trump-Regierung

Damit es nicht zu einem militärischen Konflikt mit den USA kommt, soll Maduro der US-Regierung laut einer Recherche der New York Times schon vor Monaten in Aussicht gestellt haben, den USA weitgehenden Zugriff auf Erdöl und andere Rohstoffe zu gewähren. Trump habe sich unter dem Einfluss von Außenminister Marco Rubio jedoch dazu entschieden, auf Konfrontationskurs zur Regierung in Caracas zu gehen. Mit einer möglichen Regierung unter María Corina Machado, die vor allem auf Privatisierungspolitik setzt, dürfte Trump tatsächlich auf noch bessere Deals hoffen. Im Juni bereits hatte Machado US-Investoren im Falle eines Regierungswechsels Geschäfte „im Umfang von 1,7 Billionen US-Dollar“ versprochen. „Ein demokratisches und freies“ Venezuela werde „der strategisch wichtigste US-Verbündete in der Region sein“, so die Friedensnobelpreisträgerin. Machado ist also vieles, doch gewiss kein Kontrapunkt zu Donald Trump.


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Kriegsdrohungen in der Karibik

Proteste in Venezuela Die regierungskritische Linke sieht sich mit verstärkter Repression konfrontiert (Foto: Thaís Rodriguez)

Seit Donald Trumps Amtsantritt im Januar dieses Jahres herrscht Unklarheit über seinen Kurs gegenüber Venezuela. Hatte er während seiner ersten Amtszeit (2017 bis 2021) Venezuelas Präsidenten Nicolás Maduro mittels einer Politik des „maximalen Drucks“ stürzen wollen, zeigte Trump in der ersten Jahreshälfte öffentlich kein Interesse daran, an diese damals gescheiterte Strategie anzuknüpfen. Wenngleich seine Regierung die Sanktionen gegen den venezolanischen Erdölsektor wieder leicht verschärfte, schien der US-Präsident weniger auf einen Regime Change als auf die erzwungene Ausweisung von in den USA lebenden Venezolaner*innen zu setzen. Und für deren Rücknahme ist er auf die Kooperation der venezolanischen Regierung angewiesen. In der Venezuela-Politik der US-Regierung gab in den vergangenen Monaten Trumps moderater „Sondergesandter“ Richard Grenell gegenüber Außenminister Marco Rubio den Ton an, der als Hardliner gilt. Durch direkte Gespräche mit Maduro konnte Grenell etwa die Freilassung aller in Venezuela inhaftierter US-Amerikaner erreichen. Zudem verlängerte Trump die Sonderlizenz für den US-Erdölkonzern Chevron, der unter Auflagen weiterhin in Venezuela tätig sein darf.

USA militarisieren die südliche Karibik

Mitte August aber änderte sich das Bild. Mit der Begründung, gegen regionale Drogenkartelle vorgehen zu wollen, militarisiert die US-Regierung seitdem die südliche Karibik. Anfang August hatte Trump laut der US-Zeitung The New York Times ein geheimes Dekret unterzeichnet, das den Einsatz militärischer Mittel gegen Drogenkartelle ohne Zustimmung des Kongresses ermöglicht. Unter anderem entsendete die US-Regierung mehrere Kriegsschiffe mit Lenkraketen und mehr als 4.000 Soldaten, Aufklärungsflugzeuge sowie ein atomgetriebenes U-Boot in die Region. Venezuelas Präsident Maduro reagierte mit der Mobilisierung von 4,5 Millionen Freiwilligen der Bolivarianischen Miliz, die als Teil des offiziellen Militärs zur Landesverteidigung herangezogen werden kann. „Kein Imperium wird jemals den heiligen Boden Venezuelas betreten“, erklärte er in einer Fernsehübertragung. Am 2. September dann sorgte Trumps Behauptung am Rande einer Pressekonferenz für Aufsehen, das US-Militär habe in internationalen Gewässern ein „aus Venezuela kommendes“ Boot versenkt, das „eine Menge Drogen“ in die USA schmuggeln wollte. Als vermeintlichen Beleg veröffentlichte der US-Präsident einen Tag später ein unscharfes Video, das die Explosion eines Schnellbootes zeigt. Elf Menschen sollen dabei getötet worden sein. Beweise blieb die US-Regierung schuldig. So war auch zwei Tage nach dem vermeintlichen Militärschlag völlig unklar, wer die Menschen auf dem Boot waren, wo es unterwegs war oder ob es überhaupt Drogen an Bord hatte. Venezolanische Regierungsvertreter sprachen von einem KI-Video, internationale Rechtsexpert*innen von extralegalen Hinrichtungen, da es sich auch bei Drogenschmugglern um Zivilist*innen und keineswegs um militärische Ziele handelt. Zahlreiche Beobachterinnen sehen in dem Vorgehen Washingtons weniger eine kohärente Strategie gegen Drogenhandel als den Versuch, die venezolanische Regierung einzuschüchtern und das dortige Militär zu spalten. Die Entsendung der Kriegsschiffe weckt Erinnerungen an frühere US-Interventionen wie etwa in Panama 1989. Damals stürzten die USA ihren einstigen Zögling Manuel Noriega, dem sie unter anderem Drogenhandel vorwarfen. Die bisherige Militärpräsenz reicht zwar für gezielte Raketenangriffe, nicht aber für eine Invasion aus. Auch ist Venezuela nicht mit dem kleinen Panama vergleichbar, das die USA damals mit fast 30.000 Soldaten überfielen und in dessen Kanalzone das US-Militär damals noch stationiert war.

Venezuela verschärft Repression gegen Linke

Der politische Kontext deutet dennoch darauf hin, dass sich die Aktion vor allem gegen das südamerikanische Land richtet. Erst Anfang August erhöhten die USA das Kopfgeld zur Ergreifung Maduros von 25 auf 50 Millionen US-Dollar – doppelt so viel, wie einst auf die Ergreifung Osama Bin Ladens ausgesetzt war. Noch unter Trumps Vorgänger Joe Biden war es im Januar dieses Jahres von 15 auf 25 Millionen US-Dollar erhöht worden. Erstmals verhängt hatte die erste Trump-Regierung das Kopfgeld im März 2020. Bis zu zehn Millionen US-Dollar entfielen schon damals auf weitere Funktionäre, darunter den noch immer amtierenden Verteidigungsminister Vladimir Padrino López sowie Diosdado Cabello, der heute das Innenministerium leitet. Als Begründung hieß es unter anderem, die politische und militärische Führungsriege des Chavismus sei tief in den Drogenhandel verstrickt und leite das sogenannte Sonnenkartell (Cartel de los Soles). Dass innerhalb des venezolanischen Militärs bestimmte Gruppen zumindest die Transitrouten protegieren, ist durchaus wahrscheinlich. Für die Behauptung, in Venezuela bestehe seit Anfang der 1990er Jahre ein „Sonnenkartell“, dessen Chefs mittlerweile Maduro oder Cabello persönlich sein sollen, gibt es jedoch keinen Beleg. Vielmehr wird die Geschichte seit Jahren immer wieder einmal hervorgekramt, um Venezuela als Gefahr für die regionale Stabilität darzustellen. Anfang August stufte die US-Regierung das Sonnenkartell offiziell als „terroristische Gruppe“ ein. Bereits im Februar erhielten weitere Kartelle und kriminelle Gruppen, darunter das mexikanische Sinaloa-Kartell sowie die venezolanische Megabande Tren de Aragua eine ähnliche, sogar noch schärfere Einstufung, die als Grundlage für das militärische Vorgehen gilt. Schroffe Ablehnung gegen das US-Vorgehen kommt nicht nur aus Venezuela, sondern auch von den linken Regierungen Kolumbiens, Brasiliens und Mexikos. Zwar haben weder die Regierungen Kolumbiens noch Brasiliens Maduros von Betrugsvorwürfen überschattete Wiederwahl vom Juli 2024 anerkannt. Den US-Drohungen gegenüber sind sie sich jedoch weitgehend einig. Kolumbiens Präsident Gustavo Petro warnte gar, bei einer Intervention könne Venezuela „eine Situation wie in Syrien“ bevorstehen. Rechtsregierte Länder wie Argentinien, Paraguay und Ecuador unterstützen hingegen das US-Vorgehen gegen Drogenkartelle. Und auch Venezuelas karibische Nachbarländer Guyana und Trinidad & Tobago sind ganz auf US-Linie.

Trumps Drohgebärden stärken Maduros Position im Land

Ob Trump tatsächlich auf den Sturz Maduros zielt oder nur die Muskeln spielen lassen will, um bestimmte Fraktionen innerhalb seiner Regierung zu bedienen, ist bislang ungewiss. In Venezuela selbst dürften Washingtons Drohgebärden eher die Regierung stärken, die zur „nationalen Einheit“ aufruft. Außerhalb des rechten Randes der Opposition um María Corina Machado, die zumindest in den vergangenen Jahren offen Sympathien für eine mögliche Invasion gezeigt hatte, stößt das Vorgehen der US-Regierung auf breite Ablehnung. Politisch spielt die untergetauchte Machado seit der letztjährigen Präsidentschaftswahl keine bedeutende Rolle mehr. Die Parlaments- und Regionalwahlen im Mai sowie die Kommunalwahlen im Juli dieses Jahres hatte ihr Oppositionsbündnis Plataforma Unitaria Democrática (PUD) boykottiert. Ein moderaterer Teil der Opposition um Ex-Präsidentschaftskandidat Henrique Capriles brach deshalb mit Machado und stellte eigene Kandidaturen auf, konnte allerdings nur wenige Parlamentssitze und andere Ämter erlangen. Bei einer niedrigen Wahlbeteiligung von jeweils unter 30 Prozent gewann die regierende Vereinigte Sozialistische Partei Venezuelas (PSUV) eine komfortable Zweidrittelmehrheit im Parlament, 23 von 24 Gouverneursämtern sowie fast 300 der 335 Rathäuser. Transparente Zahlen blieb der Nationale Wahlrat (CNE) wie schon bei der Präsidentschaftswahl schuldig. Innenpolitisch dürften die Drohungen aus Washington den Spielraum für Kritik weiter einengen. Während die rechte Opposition schon länger von Repression betroffen ist, gerät seit der Wahl vergangenen Jahres zunehmend die regierungskritische Linke ins Visier der Behörden. Am 8. August wurde die linke Menschenrechtsaktivistin Martha Lía Grajales bei einer Protestaktion des „Komitees von Müttern zur Verteidigung der Wahrheit“ von der Polizei gezwungen, ein Fahrzeug ohne Nummernschild zu besteigen. Das Komitee setzt sich für die Rechte von 124 jungen Erwachsenen ein, die infolge der Unruhen nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl im Juli 2024 nach wie vor inhaftiert sind. Anschließend fehlte von Grajales tagelang jede Spur. Eine offizielle Bestätigung ihrer Verhaftung erfolgte erst am 11. August. Generalstaatsanwalt Tarek William Saab, einst selbst ein Menschenrechtler, erklärte, der Haftbefehl gegen Grajales basiere auf „Aktionen gegen die venezolanischen Institutionen und den Frieden der Republik“. Am 12. August durfte Grajales dann unter Auflagen das Gefängnis verlassen. Zuvor hatten sich hunderte Organisationen und Einzelpersonen aus Venezuela, Lateinamerika und weltweit für sie eingesetzt. Darunter sind auch prominente Namen wie der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel, die argentinische Organisation Madres de Plaza de Mayo oder der französisch-brasilianische Soziologe Michael Löwy. Die Vorwürfe „Anstiftung zum Hass, Verschwörung mit einer ausländischen Regierung und Bildung einer kriminellen Vereinigung“ werden bislang jedoch aufrecht erhalten. Grajales´ Organisation SurGentes bezeichnet diese als „juristisch konstruiert“. Grajales stammt ursprünglich aus Kolumbien, hat einen venezolanischen Pass und ist in Venezuela seit etwa 15 Jahren an der chavistischen Basis tätig. Sie ist Mitglied des linken Menschenrechtskollektivs SurGentes, das sich seit Jahren kritisch mit Polizeigewalt in den Armenvierteln oder Repression gegen Arbeiterinnen auseinandersetzt. Der Regierungspolitik unter Maduro attestiert die Organisation einen deutlichen „Rechtsruck“ seit 2015. Vor dem Tod von Hugo Chávez 2013 hatten verschiedene Mitglieder von SurGentes selbst Positionen innerhalb der Regierung und des staatlichen Sektors inne. Grajales etwa arbeitete vorübergehend in der universitären Menschenrechtsschulung für Polizistinnen.

„Rosa Luxemburg ist die Heldin der echten Sozialisten”

Seit ihrer Freilassung prangern regierungsnahe Kreise die Finanzierung von SurGentes und anderer linker Gruppen an. Seit Jahren arbeitet etwa die deutsche Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS), die der Partei Die Linke nahesteht, mit SurGentes zusammen. Verschiedene Beiträge in den sozialen Medien versuchten, die Stiftung als Vertreter der deutschen Regierung darzustellen, da sie – wie alle parteinahen Stiftungen in Deutschland – ihre finanziellen Mittel von verschiedenen Ministerien bezieht. Am 18. August griff Präsident Maduro diese Argumentation in einer Fernsehansprache auf. „Rosa Luxemburg ist unsere Heldin, die Heldin der echten Sozialisten“, erklärte er. „Aber dann haben sie eine Stiftung gegründet, die NGO Rosa Luxemburg, um Leute zu gewinnen und zu finanzieren, die einmal links waren oder vorgeben, links zu sein.“ Ziel sei es, seine Regierung mittels eines linken Diskurses „von innen heraus anzugreifen“. Bereits eine Woche zuvor hatte Maduro erklärt, dass die USA mehrere vermeintlich linke und chavistische Nichtregierungsorganisationen in Venezuela finanzierten, um „Terroristen reinzuwaschen“. So seien einzelne NGOs für die „Zerstörung“ nach den Präsidentschaftswahlen vom 28. Juli 2024 verantwortlich. Konkrete Namen nannte Maduro nicht.

RLS zeigt sich besorgt

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung wies die Vorwürfe zurück. „Mit Sorge beobachten wir die derzeitige Diffamierungskampagne gegen linke Menschenrechtsorganisationen, linke Intellektuelle und die Rosa-Luxemburg-Stiftung“, heißt es in einem Statement, das die Stiftung im Namen des Vorsitzenden ihres Vorstandes, Heinz Bierbaum, auf ihrer Webseite veröffentlichte. „Wir engagieren uns für eine sozial gerechte und solidarische Welt, für internationalistischen Dialog sowie für antikapitalistische Praktiken und treten in Tradition unserer Namensgeberin für die Förderung kritischen Denkens ein“, so Bierbaum weiter. Man trete nicht als politischer Akteur auf. Vielmehr arbeite die Stiftung „mit linken Organisationen und Akteuren auf Augenhöhe zusammen“. Die Finanzierung von Projekten durch öffentliche deutsche Gelder sei „sowohl in Deutschland als auch in Venezuela bekannt“.
Das Vorgehen gegen SurGentes ist kein Einzelfall. Ebenfalls im August erhielt die linke Anwältin María Alejandra Díaz politisches Asyl in Kolumbien. Zuvor hatte sie sich seit Maduros erneuter Amtseinführung am 10. Januar dieses Jahres in der kolumbianischen Botschaft versteckt. Der ehemalige chavistische Bürgermeister von Caracas, Juan Barreto, lebt seit Monaten de facto unter Hausarrest, da permanent ein Fahrzeug der Geheimdienstpolizei vor seinem Wohnhaus stationiert ist. Sowohl Díaz als auch Barreto hatten nach Maduros erklärter Wiederwahl öffentlich transparente Wahlergebnisse eingefordert. Auch die Kommunistische Partei Venezuelas (PCV) wirft der Regierung eine „antidemokratische und autoritäre Offensive“ gegen regierungskritische Organisationen vor. PCV-Führungsmitglied Pedro Eusse erklärte auf einer Pressekonferenz, die Regierung intensiviere mit Hinweis auf die Bedrohungen, die von den USA ausgehen, Angriffe gegen soziale Bewegungen, um „die Vertiefung einer Wirtschafts- und Arbeitspolitik zu rechtfertigen, die dem Kapital dient“. Die Regierung versuche, sich fälschlicherweise weiterhin als links und sozialistisch darzustellen, „während sie jene, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen und die Menschenrechte verteidigen, verfolgt, kriminalisiert und stigmatisiert“. Seitdem das Oberste Gericht 2023 die Parteistrukturen der PCV wie bereits zuvor bei anderen linken und rechten Parteien einem regierungsnahen Sektor zusprach, hat die regierungskritische Linke keine legale Möglichkeit mehr, bei Wahlen eigene Kandidaturen aufzustellen. Antonio González Plessmann, Ehemann von Grajales und genau wie sie Mitglied von SurGentes, zeigt sich vom jüngsten Vorgehen gegen unabhängige Linke nicht überrascht. „Offen für Kritik war die Regierung Maduro nie“, sagt er gegenüber den LN. „Da die rechte Opposition mittlerweile sehr stark geschwächt ist und praktisch führungslos dasteht, wird die linke Opposition sichtbarer. Das ist der Hintergrund der jüngsten Attacken.“


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„Die Menschen wenden sich von der Politik ab“

Foto: Privat.

Thaís Rodríguez: ist Journalistin, Dokumentarfilmerin, Menschenrechtsverteidigerin und Aktivistin der politischen Strömung Comunes. Comunes vereint Linke aus rund zehn Bundesstaaten Venezuelas, die sich zusammengefunden haben, um angesichts der dramatischen Lage für eine gemeinsame Perspektive zu kämpfen.

Am Sonntag, dem 25. Mai, war Wahltag. Wie hast du diesen Tag erlebt?
Ich will ganz offen sein: Ich habe nicht gewählt. Bei dieser Wahl gab es keine Option, die meine Werte oder Interessen als Bürgerin repräsentiert hätte. Ich hatte eine Reise geplant, und am Sonntag fuhren wir früh zurück. Ich bin einen großen Teil des Landes abgefahren – von Apure, durch Guárico bis nach Caracas – und überall waren die Wahllokale leer. Ich habe nur ein paar Busse der PSUV gesehen – das ist die einzige Wahlmaschinerie, die es im Land noch gibt. Die andere große Wahlmaschinerie war die von María Corina Machado im letzten Jahr, aber deren Team sitzt jetzt entweder im Gefängnis oder ist auf der Flucht.

In welchem Kontext fanden die Wahlen statt?
Es war ein extrem repressiver Kontext. Am 19. Mai dieses Jahres zählten Menschenrechtsorganisationen wie das Foro Penal und Provea 900 politische Gefangene – allein in der Woche vor der Wahl wurden 15 weitere Personen festgenommen.
Außerdem wurde es linken und mitte-links Parteien systematisch unmöglich gemacht, an der Wahl teilzunehmen – noch mehr als im Juli letzten Jahres. Der Partei Centrados, die damals noch antreten durfte, wurde diesmal die Wahlbeteiligung verweigert, und ihr Leiter Enrique Márquez wurde am 7. Januar verhaftet – in einer Art gewaltsamen Verschwindenlassens, da man zwar inoffiziell weiß, wo er festgehalten wird, es jedoch keine offizielle Mitteilung über seinen Aufenthalt gibt.
Und wenn man Demokratie weiterdenkt als nur den Urnengang: Die Leute äußern sich nicht mehr frei, weil sie Angst haben, abgehört, schikaniert oder sogar kriminalisiert zu werden. Die große Mehrheit der Festgenommenen gehören zum armen Teil der Bevölkerung – oft wurden sie nur festgenommen, weil sie protestiert oder sich mit jemandem aus dem Regierungsapparat gestritten haben. Die Repression trifft also vor allem Unschuldige – und das ist ein besonderes Merkmal dieser Maduro-Regierung. Es ist ein Kontext von Wahlenthaltung, massiver Repression und wachsender wirtschaftlicher Ungleichheit.

Die Regierung hat die Wahlen vorgezogen. Warum gerade jetzt und was bedeutet das für die Macht und Regierung in Venezuela?
Die Regierung bemüht sich ständig, neue Ereignisse zu schaffen, um die Vergangenheit in Vergessenheit geraten zu lassen. Zugleich orientiert sie sich an der aktuellen Kräftebalance, an den Verhandlungen mit den USA und am Kurs von María Corina Machado.
Sie ist derzeit die zentrale Figur der Opposition und hatte zum Wahlboykott aufgerufen – damit hat sie der Regierung de facto freie Hand gelassen.
Ihr Narrativ lautet, dass die Bevölkerung gesiegt habe, weil es dem Regime durch seine Enthaltung die Legitimität verweigert habe. Doch das bleibt symbolisch. Für das tägliche Leben der Menschen hat das keine greifbaren Folgen.
Das Narrativ der Regierung hingegen – dass sie einen überwältigenden Wahlsieg errungen habe – hat sehr reale Konsequenzen: Es erlaubt ihr, die totale Hegemonie über den Staat zu erlangen.
Hätte María Corina zum Beispiel angekündigt, diesmal anzutreten, hätte die Regierung die Wahlen womöglich gar nicht abgehalten. Doch das spielt keine Rolle, solange der Nationale Wahlrat vollständig unter Kontrolle der Regierung steht und das Wahlsystem ausgehöhlt ist.

Einige Oppositionspolitiker*innen haben dennoch kandidiert. Warum?
Angetreten sind die Regierungspartei und andere Gruppen, die umgangssprachlich als Alacranes oder Skorpione bezeichnet werden – also Gruppen, die sich als Opposition darstellen, aber unter Kontrolle der Regierung stehen. Ich würde nicht sagen, dass Henrique Capriles (ehemaliger Präsidentschaftskandidat und Kandidat bei dieser Parlamentswahl, Anm. d. Red.) ein alacrán ist, aber Tatsache ist, dass er teilnimmt und damit die Wahlen legitimiert. Sie begründen ihre Teilnahme damit, dass man das Feld nicht kampflos der Regierung überlassen dürfe und dass man Unmut auch durch die Wahl ausdrücken müsse. Aber in einem System, in dem die Regierung entscheidet, wer kandidieren darf und wer nicht, kann man nicht von Demokratie sprechen-

Mütter für die Wahrheit. Foto: Thaís Rodiguez.

Wie organisiert sich die regierungskritische Linke in dieser Situation?
Man kann einiges tun, doch es erfordert große Vorsicht und umfassende Sicherheitsvorkehrungen. Organisierung muss aus den dringendsten Bedürfnissen der Bevölkerung heraus entstehen. Viele Menschen wenden sich von der Politik ab, weil sie nicht erkennen können, dass diese ihre alltäglichen Probleme löst.
Ein zentrales Thema ist der Lohn. Die Gewerkschaftsbewegung wird seit Jahren kriminalisiert und muss sich neu formieren. In den letzten Jahren wurden über 300 Arbeiter*innen strafrechtlich verfolgt – die Hälfte davon allein deshalb, weil sie sich in ihrem Betrieb für bessere Arbeitsbedingungen eingesetzt haben. Die andere Hälfte wurde unter Korruptionsvorwürfen instrumen­ta­­lisiert, während die eigentlichen Verantwort­lichen unbehelligt blieben.
Eine ganze Generation junger Beschäftigter kennt keine Tarifverträge, keine Abfindungen, kein Weihnachtsgeld und keinen Urlaub. Das ist dramatisch. Die regierungskritische Linke muss sich in diesen Bereichen engagieren – nicht nur anführen, sondern begleiten. Denn viele Menschen wollen sich nicht mehr einfach bevormunden lassen. Engagement muss von unten kommen und organisch wachsen.

Wie würdest du die aktuelle Situation der Löhne und der Wirtschaft beschreiben?
Seit Jahren gab es keine Lohnerhöhung mehr. Der reale Mindestlohn liegt bei etwa 1,50 US-Dollar pro Stunde – wenn überhaupt. Die Regierung verteilt zwar viele Bonuszahlungen, aber die haben keine Auswirkungen auf Urlaub, Weihnachtsgeld oder Abfindungen.
Im Land gibt es Ressourcen – trotz aller Einschränkungen durch Sanktionen. Aber sie werden extrem ungleich verteilt: Nur 18 Prozent der Einnahmen gehen an die Arbeitenden, fast 80 Prozent an die neue Bourgeoisie – oft dieselben Politiker*innen der PSUV, die heute eigene Unternehmen besitzen. Die Torte ist kleiner geworden, die Verteilung noch ungerechter.

Am Anfang hast du über ein Klima der Repression gesprochen. Wie organisiert ihr euch dagegen?
Man muss sich organisieren, denn die Repression wird weitergehen. Früher war sie selektiv – oft traf es Unschuldige, etwa Arbeiterinnen ohne politische Bindung. Heute ist sie flächendeckend und systematisch. Das ist die einzige Möglichkeit für eine Diktatur oder Defacto-Regierung, sich trotz massiver Ablehnung an der Macht zu halten. Man muss sich für die Freilassung der Gefangenen einsetzen, für Menschenrechte, gegen Folter, für Meinungsfreiheit, für das Recht auf Gewerkschaften und Parteien, für politische Teilhabe und für das Recht, überhaupt ein Leben zu führen. Denn in Venezuela kann heute jeder willkürlich als Terroristin kriminalisiert werden, einfach, weil man zur falschen Zeit am falschen Ort war.

Proteste in Venezuela. Foto: Thaís Rodiguez.

Du begleitest auch das Komitee der Mütter zur Verteidigung der Wahrheit. Kannst du uns mehr darüber erzählen?
Das Komitee entstand im vergangenen Jahr mit Müttern aus Caracas, deren minderjährige Kinder festgenommen worden waren. Anfangs herrschte große Angst. Sie wurden bedroht: „Wenn ihr an die Öffentlichkeit geht, kommen eure Kinder nie wieder frei“ – das sagten ihnen Gefängniswärter, Richter und Staatsanwälte. Keiner der Jugendlichen erhielt eine eigene Verteidigung. Nach 15 Tagen hieß es plötzlich, die Jugendlichen würden wegen Terrorismus zu zehn Jahren Haft verurteilt. Aus purer Verzweiflung gingen einige Mütter an die Öffentlichkeit – das sorgte landesweit und international für große Aufmerksamkeit. Als der Generalstaatsanwalt darauf angesprochen wurde, tat er so, als wisse er von nichts. Ab diesem Moment schlossen sich immer mehr Mütter dem Komitee an. Inzwischen sind fast 200 Fälle dokumentiert – alle nach dem 28. Juli 2024. Die meisten Minderjährigen wurden im Dezember freigelassen, aber fünf sind noch immer in Haft. Insgesamt wurden fast 160 von ihnen gefoltert. Irgendwann muss es Gerechtigkeit geben. Die Menschenrechtsarbeit in diesem repressiven Klima muss dringend gestärkt werden.

Nach der letzten Wahl schien das Land wie gelähmt. Wie hast du wieder Hoffnung gefasst?
Es ist normal, pessimistisch zu werden, ich selbst war es in den Wochen nach dem 28. Juli 2024. Dann kamen die ersten Kontakte zu den Müttern, und das hat mir wieder Halt gegeben.
Es geht darum, sich zu organisieren, ein soziales Netz zu knüpfen, das bereit ist, zu kämpfen, Hoffnung zu schöpfen, und den Menschen eine neue Erzählung zu geben.
Viele sehen keinen Ausweg, keine Alternative. Wir müssen diese Alternative formulieren.
Maria Corina bleibt bei der Ablehnung, weil sie gar keine Ansprache an die Arbeiter*innen haben kann – ihre Interessen ähneln in vielem denen der Regierung. Deshalb müssen wir präsent sein und sagen: Die Alternative liegt in unseren Rechten. Solange es Leben gibt, gibt es auch den Willen, weiterzumachen.


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Tobias Lambert: Gescheiterte Utopie? Venezuela ein Jahrzehnt nach Hugo Chávez

Nach dem Tod von Ex-Präsident Hugo Chávez und dem Einbruch der Erdölpreise geriet Venezuela in die schwerste Krise seiner Geschichte. Wie konnte es zu dem ungeheuren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Niedergang kommen? Lambert analysiert nicht nur die Zeit seit Chávez’ Tod im Jahr 2013, sondern auch dessen Regierungszeit ab 1999 und die Vorgeschichte. Dabei versucht er, die gängige Polarisierung zwischen: die US-Sanktionen und die Einmischung von außen sind schuld versus die Regierung Maduro und »die Sozialisten« sind verantwortlich, zu vermeiden.

Differenziert zeigt der Autor, wie jenseits demokratisierender Elemente autoritäre Muster bereits unter Chávez begonnen haben. Er veranschaulicht die konkreten Veränderungen der letzten Jahre, analysiert sachlich die Politik von Nicolás Maduro, der bei der diesjährigen Präsidentschaftswahl wiedergewählt werden will, seinen Umgang mit der Opposition und mit Dissidenten sowie die intransparente Privatisierungspolitik. Nicht zuletzt erläutert der Autor die Frage, was vom »Sozialismus des 21. Jahrhunderts« übrig blieb. Das Buch erscheint nach der Präsidentschaftswahl, die für Juli 2024 geplant ist, und beinhaltet eine Analyse des Ergebnisses.

Tobias Lambert berichtet für die LN schon seit Langem aus und über Venezuela, zuletzt zur Wahl 2024.

Tobias Lambert // Gescheiterte Utopie? Venezuela ein Jahrzehnt nach Hugo Chávez // mandelbaum verlag // Oktober 2024 // 238 Seiten // 23 Euro


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Erneute Isolierung droht

Venezolaner*innen in Buenos Aires Proteste nach der Wahl an der venezolanische Botschaft (Foto: Frederic Schnatterer)

Ende August gingen sie wieder auf die Straße. Exakt einen Monat nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl in Venezuela am 28. Juli zeigte sich Oppositionsführerin María Corina Machado in Caracas. „Wir werden dafür sorgen, dass der Chavismus abtritt“, rief sie hunderten Anhänger*innen zu. Wie sie dies umsetzen will, sagte sie nicht. Zeitgleich hielt auch die Regierung Kundgebungen ab. Der Tag zeigte vor allem: Große Massen mobilisiert derzeit keines der beiden Lager. Auf der Straße wird der Machtkampf vorerst nicht entschieden werden.

Auch Anfang September gab es weiterhin zwei völlig verschiedene Versionen des Wahlergebnisses. Laut der offiziellen Verkündung des Nationalen Wahlrates (CNE) hat Amtsinhaber Nicolás Maduro mit 51,95 Prozent gewonnen. Die genauen Ergebnisse aus den Wahllokalen veröffentlichte der CNE jedoch mit Hinweis auf einen vermeintlichen Cyberangriff nicht. Die Opposition geht davon aus, dass ihr Kandidat Edmundo González 67 Prozent der Stimmen geholt hat. Die Zahl ergibt sich aus gut 83 Prozent der ihr zugänglichen Wahlakten, die ihre Zeug*innen in den Wahllokalen als Ausdrucke der Wahlmaschinen erhalten und wenige Tage nach der Wahl im Internet veröffentlicht haben. Regierung beharrt darauf, dass die Akten gefälscht und Teil einebreit angelegten Putschplans seien. Schließlich habe die rechte Opposition in den vergangenen 25 Jahren häufig ohne jegliches Fundament Betrug angeprangert und auf Gewalt gesetzt.

Am 22. April entschied das regierungsnah besetzte Oberste Gericht auf Antrag von Maduro, das vom CNE verkündete Ergebnis sei korrekt. Die Generalstaatsanwaltschaft lud González daraufhin dreimal vor, um sich zu den von der Opposition veröffentlichten Wahlakten zu äußern. Der Ex-Kandidat, der sich seit der Wahl versteckt hält, kam den Vorladungen allerdings nicht nach. Anfang September erließ ein Gericht daraufhin einen Haftbefehl. González wird unter anderem Amtsanmaßung, Aufruf zur Missachtung von Gesetzen und Verschwörung vorgeworfen.

Der CNE ließ indes die gesetzlich vorgeschriebene 30-Tage-Frist zur Veröffentlichung detaillierter Wahlergebnisse verstreichen. Doch selbst wenn der Wahlrat die Zahlen noch veröffentlichen würde, können diese das Ergebnis längst nicht mehr wasserdicht belegen. Denn er ließ nach der Wahl mehrere vorgeschriebene Überprüfungsschritte hinsichtlich der korrekten Übertragung der Ergebnisse ausfallen. Daher kann nur ein Abgleich mit den Wahlakten und möglicherweise den Kontrollausdrucken der einzelnen Stimmen auf Papier das Ergebnis glaubhaft belegen. „Wenn eine Verschwörung existieren würde, um die Regierung mittels gefälschter Wahlakten zu stürzen, gäbe es einen einfachen Weg, die Verschwörer der Lächerlichkeit preiszugeben: die Veröffentlichung der tatsächlichen Akten“, bringt es der regierungskritische Chavist Juan Barreto gegenüber den LN auf den Punkt. Wahlzeug*innen der Regierungspartei PSUV (Vereinte Sozialistische Partei Venezuelas) verfügen über die Kopien sämtlicher Akten, die jeweils individuelle Sicherheitsmerkmale enthalten. Im April 2013 etwa stellte die PSUV eine Woche nach dem knappen Wahlsieg Maduros die digitalisierten Wahlakten online, um das Ergebnis zu belegen. Die Regierung hat sich allerdings auf den Standpunkt zurückgezogen, dass die Wahl nun einmal elektronisch abgehalten werde und die Institutionen für den korrekten Ablauf und die Anerkennung des Wahlergebnisses zuständig seien. Jegliche Forderung nach mehr Transparenz stellt sie unter Generalverdacht, Teil des unterstellten Putschplans seitens der USA und rechten Opposition zu sein.

Die US-Regierung erkannte González als Wahlsieger an, jedoch noch nicht als Präsident. Die EU, sämtliche rechtsgerichtete Regierungen Lateinamerikas sowie die Mitte-Links-Regierungen Chiles und Guatemalas zweifelten das offizielle Wahlergebnis an. Andere Länder mit Mitte-Links-Regierungen wie Brasilien, Kolumbien und Mexiko forderten transparente Zahlen. Dem schlossen sich auch regierungskritische chavistische Sektoren wie die linke Menschenrechtsorganisation Surgentes an (siehe Interview auf S. 9). Rückhalt bekam Maduro hingegen von den Regierungen aus Nicaragua, Kuba, Bolivien und Honduras. Auch Russland, China sowie fast 40 vorwiegend afrikanische und asiatische Länder erkannten das offizielle Wahlergebnis an.

Bereits seit dem Tag nach der Wahl, als es überwiegend spontane und friedliche, aber auch teils gewalttätige Proteste gab, diffamiert die Regierung kritische Stimmen. Maduro erklärte, 2.000 Protestierende in Hochsicherheitsgefängnissen wegsperren zu wollen. Laut der Menschenrechtsorganisation Foro Penal wurden bis zum 26. August fast 1.600 Personen festgenommen, darunter mehrere Oppositionspolitiker*innen, Journalist*innen, Menschenrechtsverteidiger*innen sowie Jugendliche und Kinder. Mindestens 24 Personen kamen laut Medienberichten ums Leben. Menschenrechtsorganisationen sprachen von willkürlichen Festnahmen Oppositioneller sowie Einschüchterungsversuchen.

Viva Venezuela Erwartung der Nachrichten am Wahlabend (Foto: Frederic Schnatterer)

Protestierende werden diffamiert

Chavistische Basisaktivist*innen warfen Oppositionellen vor, chavistische Einrichtungen angegriffen zu haben. Auch kursierten Bilder vom Sturz mehrerer Chávez-Statuen. Anhänger*innen der Regierung gingen in den Tagen nach der Wahl in zahlreichen Städten auf die Straße, um das verkündete Wahlergebnis zu verteidigen. Die kurz aufgeflammten Proteste ließen zwar schnell nach. Oppositionsführerin Machado rief seitdem jedoch regelmäßig zu koordinierten Kundgebungen auf, um die Aussicht auf politischen Wandel aufrechtzuerhalten. Für die Unruhen nach der Wahl macht die Regierung direkt González und Machado verantwortlich. Die beiden Oppositionellen riefen in einer Mitteilung Anfang August das Militär dazu auf, „den Willen der Bevölkerung durchzusetzen“, woraufhin die Generalstaatsanwaltschaft eine Untersuchung gegen sie einleitete. Machado und González verschwanden seitdem weitgehend aus der Öffentlichkeit da sie befürchten, festgenommen zu werden. Die Militärführung stellte sich seit der Wahl mehrfach demonstrativ hinter die Regierung Maduro. Ein Riss innerhalb des Machtapparates war bis Anfang September nicht erkennbar.

Es ist absehbar, dass aus dem Wahlprozess kein breit anerkanntes Ergebnis mehr hervorgehen wird. Die Regierung versucht, die Situation auszusitzen. Ihr Ziel, durch weitgehend anerkannte Wahlen zur politischen Normalität zurückzukehren, kann sie kaum mehr erreichen. Vielmehr droht eine erneute Isolierung Venezuelas, eine verstärkte Hinwendung zu autoritären Regimen und ein repressiver Kurs gegen regierungskritische Stimmen. Die Regierungs­umbildung Maduros Ende August deutet auf eine Verhärtung der Fronten hin. So ernannte er den Hardliner Diosdado Cabello zum neuen Innenminister, der seit Jahren als die Nummer Zwei des Chavismus und vermeintlicher Rivale Maduros gilt. In den vergangenen Jahren hatte er zahlreiche wichtige Positionen im Parlament und der regierenden PSUV inne. Zudem stärkte Maduro im Zuge der Regierungsumstellung sowohl das Militär als auch wirtschaftsliberale Sektoren.

Brasilien, Kolumbien und Mexiko fordern Verhandlungen

Gemeinsam mit dem brasilianischen Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva sowie dem mexikanischen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador zählt die kolumbianische Regierung unter Gustavo Petro zu den wenigen internationalen Akteuren, die möglicherweise auf die Lage einwirken könnten. Die drei Länder forderten nach der Wahl nicht nur ein transparentes Ergebnis, sondern machten sich für einen Verhandlungsprozess stark und verlangten die bedingungslose Aufhebung der Sanktionen. Das Urteil des Obersten Gerichts, welches das Wahlergebnis bestätigte, nahmen Brasilien und Kolumbien lediglich „zur Kenntnis“. Petro ging noch einen Schritt weiter und schlug eine vorübergehende Koalitionsregierung vor, die Neuwahlen vorbereiten solle. Sowohl Regierung als auch Opposition lehnen Petros Vorschläge jedoch ab und erteilen der Idee einer Wahlwiederholung eine Absage. Maduro warf Brasilien und Kolumbien, deren heutige Präsidenten früher als enge Verbündete des Chavismus galten, gar Einmischung in innere Angelegenheiten vor. Als direkte Nachbarländer haben beide vor allem ein starkes Interesse daran, dass sich Venezuela nicht weiter destabilisiert.

Sollte die Dialoginitiative der Mitte-Links-Regierungen scheitern, werden ein Großteil der Opposition und verbündete Staaten ab Beginn der neuen Amtszeit am 10. Januar wohl González als legitimen Präsidenten anerkennen. Möglicherweise steht dieser bis dahin jedoch unter Hausarrest, befindet sich im Gefängnis oder ist im Exil. Dies würde an die Selbsternennung von Juan Guaidó im Januar 2019 erinnern. Diese erfolgte zwar unter anderen Bedingungen, da Guaidó niemals an einer Präsidentschaftswahl teilgenommen hatte. Es droht aber eine vergleichbare Dynamik von internationalem Druck, Verschärfung von Sanktionen und negativen Folgen für die venezolanische Bevölkerung.


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„Dem Wahlergebnis fehlt Glaubwürdigkeit”

Wie beurteilen Sie die vom Nationalen Wahlrat verkündeten Wahlergebnisse?
Wir sind der Meinung, dass völlige Intransparenz und ein Mangel an Glaubwürdigkeit in den offiziellen Ergebnissen des CNE vorherrschen. Der Versuch von Präsident Maduro, beim Wahlausschuss des Obersten Gerichtshofs (TSJ) einen Antrag zu stellen, um angeblich die Ergebnisse zu prüfen, hat dieses Ziel nicht erreicht. Im Gegenteil, es hat nur noch mehr Unklarheit über den gesamten Prozess geschaffen.

Warum bezweifeln Sie die Glaubwürdigkeit der vom CNE verkündeten Ergebnisse und das Urteil des TSJ?
Zunächst einmal ist es nicht die Aufgabe des Obersten Gerichtshofs, die Wahlergebnisse offiziell bekannt zu geben, sondern die des CNE selbst. Der Oberste Gerichtshof hat lediglich ein Bulletin des CNE unterstützt, dessen Zahlen jedoch nicht durch konkrete Belege oder die Ergebnisse, die die Menschen an den Wahlurnen sahen, gestützt werden. Zudem wurden nicht alle Prüfungssysteme des venezolanischen Wahlsystems angewandt – ein System, das allgemein für seine Zuverlässigkeit und die verschiedenen digitalen Kontrollen und Prüfungen anerkannt ist. Diese elektronischen Systeme wurden vom TSJ nicht genutzt, um die Ergebnisse zu bestätigen.
Wir glauben nicht, dass dieses juristisch-politische Manöver mehr Transparenz über den Prozess gebracht oder die großen Zweifel, die heute über die Wahlergebnisse bestehen, ausgeräumt hat. Der CNE blieb praktisch verschlossen, er schloss seine Türen nach dem ersten Bulletin in den frühen Morgenstunden, ohne dass alle Auszählungsprotokolle vollständig zusammengestellt worden waren.
Es gibt auch andere empirische Beweise: Menschen aus den ärmeren Schichten, die lange Zeit die Hochburgen der chavistischen Wählerschaft waren, geben offen zu, dass es eine massive Abstimmung gegen die Regierung von Maduro gab. Die Menschen wissen, was an den Wahlurnen passiert ist und haben ihre Unzufriedenheit mit den verkündeten Ergebnissen durch eine Reihe von Protesten und anderen Formen zum Ausdruck gebracht.

Wie verliefen die Proteste nach den Wahlen?
Die Proteste, die nach den Wahlen stattfanden, hatten zwei wesentliche Merkmale. Erstens waren es Massenproteste mit einer bedeutenden Mobilisierung jener Bevölkerungsgruppen, die traditionell die Hochburgen des Chavismus waren. Zweitens waren sie friedlich. Wir leugnen nicht, dass es bei einigen von ihnen zu Gewalt kam, aber die Mehrheit der Proteste war friedlich. Empörte Menschen, die wussten, was in vielen dieser Wahllokale abgelaufen war, wo der Unterschied zugunsten der Opposition überwältigend war, und die spürten, dass die offiziellen Ankündigungen des CNE diesen Willen missachteten, gingen auf die Straßen und demonstrierten auf friedliche Weise.
Die Venezolanische Beobachtungsstelle für soziale Konflikte berichtet, dass es in den ersten zwei Tagen, dem 29. und 30. Juli, 915 Proteste gab, von denen nur 138 gewalttätig waren. Das heißt, über 80 Prozent der Proteste waren friedlicher Natur.

Wie reagierte die Regierung auf die Proteste?
Die Reaktion der Regierung bestand darin, alle Proteste zu kriminalisieren und das Recht auf freie und friedliche Demonstrationen zu negieren. Sie nutzen die Repressionsmittel des Staates, um die Proteste zu unterdrücken. Die vom Präsidenten selbst anerkannten Zahlen sprechen von über 2.000 Festnahmen innerhalb einer Woche. In den Reden der Regierung hieß es, dass alle Demonstranten bezahlte, unter Drogen stehende Personen seien, die von der Opposition instrumentalisiert würden.
Hier bestätigt sich eine langjährige Praxis des Justizsystems, die wir immer wieder anprangern, da wir Fälle von jungen Menschen aus armen Vierteln begleiten, die ohne gerichtlichen Beschluss verhaftet, isoliert und von Rechtsanwälten und ihren Familienangehörigen ferngehalten werden. Ihnen werden schwere Straftaten wie Terrorismus, kriminelle Verschwörung, Hochverrat oder Anstiftung zum Hass vorgeworfen. Insbesondere die Gesetze zur Anstiftung zum Hass und zum Terrorismus sind relativ neue Gesetze, die hohe Strafen zwischen 10 und 30 Jahren vorsehen.

Wer findet sich auf der Anklagebank wieder?
Viele der Fälle, die derzeit angeklagt werden, betreffen Menschen mit Behinderungen, Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren, die des Terrorismus beschuldigt werden, obwohl sie lediglich protestiert haben und vielleicht sogar einen Stein geworfen haben, aber nicht Teil einer terroristischen Struktur sind. Dennoch werden sie nach diesen Gesetzen angeklagt.
Es stimmt auch, dass es gezielte Festnahmen von Oppositionsführern gab, die derzeit inhaftiert sind. Diese gezielteren Verhaftungen wurden auch in den Bezirken durchgeführt, in denen der Unmut über die verkündeten Ergebnisse des CNE besonders groß war.
Es gibt auch Berichte von Menschen, die auf der Straße von Polizeibeamten festgenommen wurden, die offen ihre Telefone überprüften und sie auf Grundlage dessen, was sie auf WhatsApp fanden, festnahmen. Dies ging einher mit einer Reihe von Entlassungen im öffentlichen Dienst, bei denen Menschen entlassen wurden, weil sie protestiert oder nicht gewählt hatten. Ebenso wurden mehrere wichtige Journalistinnen und Journalisten festgenommen.

Wie beeinflusst diese Reaktion der Regierung das tägliche Leben im Land?
Die Menschen leben in Angst. Neben der Repression durch die staatlichen Sicherheitskräfte, woran sowohl die Polizei als auch die Nationalgarde beteiligt sind, gibt es auch bewaffnete Zivile, die sowohl einschüchtern als auch häufig Menschen festnehmen, die an Protesten beteiligt sind. Das sorgt dafür, dass die Menschen sehr eingeschüchtert sind und die Proteste auf der Straße nach zwei oder drei Tagen nach den Wahlen aufgehört haben.

Gibt es derzeit noch Festnahmen?
Ja, die Festnahmen, die derzeit stattfinden, sind eher gezielte Festnahmen. Sie sind nicht mehr so massiv wie in der ersten Woche, in der sie im Kontext von Protesten stattfanden, sondern es handelt sich um gezielte Festnahmen, die auch in den Wohnungen der Betroffenen durchgeführt werden.

Nichtregierungsorganisationen sprechen von über 20 Toten als Folge der Proteste nach den Wahlen. Können Sie uns mehr darüber erzählen?
Wir führen eine Aufzeichnung der Todesfälle und zählen bis heute [26. August] 26 Todesfälle bei Protesten. Bei den meisten gibt es keinen identifizierten Täter. Mindestens 38 Prozent dieser Todesfälle gehen jedoch auf das Konto von staatlichen Organen oder bewaffneten Zivilen, die im Namen des Staates gehandelt haben. Dies ist eine sehr ungefähre Zahl, da wir davon ausgehen können, dass viele der nicht identifizierten Todesfälle auf staatliche Akteure zurückzuführen sind.
Die Aussagen des Generalstaatsanwalts, der alle Todesfälle während der Proteste der Opposition zuschreibt, sind also nicht wahr. In diesem Moment wäre es erforderlich, dass all diese Todesfälle gründlich und unabhängig untersucht werden, um die Verantwortlichen zu ermitteln und entsprechende Sanktionen zu verhängen.
Man muss auch sagen, dass es unter den Oppositionsgruppen, wie es in solchen Fällen immer vorkommt, sehr gewalttätige Aktionen gegeben hat. Es wurden zwei Frauen, Gemeindeführerinnen der Strukturen der PSUV (der Partei von Präsident Maduro), ermordet. Es gab auch andere Gewaltakte, wie zum Beispiel den versuchten Lynchmord in einem kommunalen Radiosender. Diese Vorfälle zeigen, dass es Gewalt gegeben hat, die jedoch nicht die Mehrheit der Proteste ausmacht. Es sind Fälle, die aufgetreten sind, angeprangert und untersucht werden müssen, die aber nicht das allgemeine Bild der Proteste prägen.

Es sind noch vier Monate bis zum 10. Januar, dem Beginn der neuen Amtszeit des Präsidenten. Was erwarten Sie bis dahin?
Die Missachtung des Volkswillens ist schwerwiegend und lässt sich nicht so einfach beenden. Es werden schwierige Monate sein, in denen die Herausforderungen des Alltags für die Menschen weiterhin bestehen bleiben. Es gibt keine Aussicht auf eine Verbesserung der Löhne, der öffentlichen Dienstleistungen, der Gesundheitsversorgung oder der Bildung. Die Ergebnisse lassen nicht darauf schließen, dass sich die Lebensbedingungen der Menschen verbessern werden.


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„Die Partei ruft dazu auf, gegen die Regierung zu stimmen“

Der Wahlkalender ist weit fortgeschritten. Das Nominierungsverfahren für Präsidentschaftkandidat*innen ist bereits abgeschlossen. Die Kommunistische Partei Venezuelas (PCV) war eine der Parteien, die Schwierigkeiten hatten, ihren Kandidaten anzumelden. Welche Schwierigkeiten gab es?
Wir wurden gleich zweimal Opfer eines Angriffs. Zunächst wurde gegen unsere Partei im August letzten Jahres gerichtlich interveniert. Ziel war es, linke Sektoren wie uns aus dem Präsidentschafts- und Parlamentswahlprozess des kommenden Jahres herauszuhalten.
Im Februar dieses Jahres hat der Nationale Wahlrat (CNE) abrupt einen vorgezogenen Zeitplan angekündigt, wodurch alle Fristen verkürzt wurden. Trotzdem haben mehrere linke Organisationen, darunter die Kommunistische Partei, beschlossen, bei diesen Wahlen mit einem unabhängigen Kandidaten, dem Journalisten Manuel Isidro Molina, anzutreten. Hier setzt der zweite Angriff auf die PCV an. Der CNE erlaubt keine Zulassung einer Partei, die eine alternative linke Kandidatur vorschlagen könnte.

Was geschah als euer Kandidat sich anmelden wollte und was sagt das über den aktuellen Wahlprozess aus?
Unser Kandidat erhielt Unterstützung durch die Wahlkarte der Partei Nueva Visión para mi País oder NUVIPA, die auf der ersten Liste als berechtigt aufgeführt war, aber keinen Zugang zur Online-Registrierung hatte. Am 25. März um Mitternacht schloss der Prozess, und die Registrierung konnte nicht abgeschlossen werden. Daran sieht man die Manipulation des gesamten Prozesses von Anfang bis Ende, von der Anerkennung der Parteien für die Wahl bis hin zum Nominierungsprozess. Diese ganze künstliche Komplexität ist auf die Schwierigkeiten zurückzuführen, mit denen der offizielle Kandidat der Sozialistischen Einheitspartei Venezuelas bei diesen Wahlen konfrontiert ist. Wir sprechen davon, dass der Kandidat, der derzeitige Präsident Nicolás Maduro, eine Ablehnungsrate von etwa 80 Prozent erreicht. Unserer Ansicht nach wollte die Regierung mit diesen Maßnahmen die absolute Kontrolle darüber haben, welche Kandidaten sich bewerben werden.

Mitte April endete der Zeitraum für die Eintragung der Bürger*innen ins Wahlregister. Wie verlief dieser Prozess und wie schätzen Sie die politische Stimmung in der Bevölkerung ein?
Im Wahlkalender war ein Zeitraum für eine Registrierungskampagne vorgesehen. Aber dieser Anmeldeprozess begann, ohne dass jemand wusste, wo die Registrierungsstellen waren. Es gab Beschwerden aus Regionen, in denen diese Stellen sehr spät eingerichtet wurden oder die Registrierung lange Zeit dauerte und die Warteschlangen sehr lang waren. Es war ein Mechanismus, um die Menschen zu zermürben und sie von der Teilnahme abzuhalten. Die Regierung wendet all diese Maßnahmen absichtlich an, um die Bevölkerung zu entmutigen und die Nichtteilnahme zu erhöhen, so dass sie die Präsidentschaft gewinnen kann, obwohl sie in der Minderheit ist. Dennoch konnten sie die Anspruchshaltung der Bevölkerung bezüglich ihrer Teilnahme nicht verringern. Die Bestrebungen, wählen zu gehen und das Stimmrecht als Instrument für Veränderungen zu nutzen, sind weiterhin hoch.

Was denken Sie über das rechte Oppositionsbündnis und María Corina Machado?
Wir haben klargestellt, dass sich weder die MUD noch die Regierung, also die beiden Pole, wesentlich voneinander unterscheiden. Denken wir daran, dass die Parteien der MUD die Parteien der traditionellen großen Unternehmensverbände sind. Und diese Unternehmensverbände haben heute Allianzen mit der Regierung. Tatsächlich wird die Arbeitsmarktpolitik, die die Regierung anwendet, von der Bourgeoisie und ihren Parteien unterstützt. Der Streit liegt im Politischen: Wer übernimmt die politische Kontrolle über den Staat? Was wir sehen, ist, dass es jetzt einen intensiven Verhandlungsprozess gibt, der zu einem Übergang führen wird, bei dem sich diese Gruppen die politische und wirtschaftliche Macht aufteilen, was sie bereits jetzt schon tun. Aber in neuer Form.
Bis vor kurzem war Maria Corina Machado im Land noch ein Niemand, und jetzt wird sie als große Hoffnungsträgerin dargestellt. Aber wir wissen alle, dass María Corina aus den extremen Kreisen der venezolanischen Bourgeoisie und der Oligarchie stammt. Die Regierung hat mit der Krise dazu beigetragen, dieses Phänomen zu stärken, und auch durch die Fehler, die sie mit der Verletzung politischer und demokratischer Rechte begangen hat.

Was schlagen Sie vor, was die Venezolaner*innen bei den Präsidentschaftswahlen tun sollten?
Die Partei ruft dazu auf gegen die Regierung zu stimmen, denn die Regierung verkörpert eine autoritäre Form der Verwaltung. Es wird versucht, Anpassung durch politische Repression gegen die Arbeiterklasse durchzusetzen. Das zeigt sich in der Abschaffung von Rechten wie dem Streikrecht, der Einschränkung gewerkschaftlicher Freiheiten und der Kriminalisierung und gerichtlichen Verfolgung von Arbeitskämpfen. Aber ohne die Illusion zu haben, dass, wenn eine dieser anderen Kräfte gewinnt, alle unsere Probleme gelöst werden.

Wie organisiert sich die kritische Linke in Venezuela jenseits der Wahlen?
Wir treiben einen Versuch voran, einen Referenzrahmen für die Zusammenführung der Linken zu schaffen, einschließlich breiter Sektoren des sogenannten kritischen Chavismus. Es gab große Abspaltungen von der Regierungspartei PSUV, weil das Programm, das Maduro umsetzt, völlig im Widerspruch zur Politik von Hugo Chávez steht.
Die Gefahr, dass die autoritäre Regierung weiter gestärkt wird, bleibt bestehen, denn wenn die Arbeiterklasse nicht die Kraft hat, dagegen zu kämpfen, dann wird eine neue Regierung einer anderen Kraft und in Koalition mit der derzeitigen Bourgeoisie weitere Anpassungsmaßnahmen durchführen und − wenn nötig − noch repressiver agieren.


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