US-ANGRIFF AUF VENEZUELA

Foto: Cacica Honta

In den frühen Morgenstunden des 3. Januar griffen die USA Venezuela an und entführten Präsident Nicolás Maduro sowie seine Ehefrau Cilia Flores. Noch am selben Tag wurde er vor ein Gericht in New York gebracht. Vizepräsidentin Delcy Rodríguez übernahm die Präsidentschaft und führt seitdem Gespräche mit der US-Regierung. Seit dem Angriff hat die von Rodríguez geführte Regierung eine Kehrtwende vollzogen. Sie hat damit begonnen, einige politische Gefangene freizulassen, darunter Rafael Tudares, den Schwiegersohn des Präsidentschaftskandidaten von 2024, Edmundo González. Ebenso den ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Enrique Márquez. Nach Redaktionsschluss wurde zudem ein neues Erdölgesetz verabschiedet, eine Generalamnestie und die Schließung der Haftanstalt El Helicoide in Caracas vorgeschlagen.


LN veröffentlicht eine Beitragsreihe zur aktuellen Situation: Ein Interview mit dem Politologen Omar Vázquez Heredia, einen Kommentar der Aktivistin Cacica Honta und eine Analyse über die Auswirkungen des Angriffs auf Nicaragua.


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Hoffen, das Schlimmste sei vorbei

Aktivistin Cacica Honta Widerstand aus der Community heraus (Foto: Victor Morales)

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Ich weckte meinen Partner mit einem Schütteln auf, während der Lärm der Explosionen und die Blitze im Himmel über Caracas uns zuschrien, dass sich das Leben für immer verändert hatte. Seitdem weckt mich jedes laute Geräusch mit der Empfindung, dass die Attacken zurückkehren. Ausruhen wurde unmöglich. Ich lebe mit der Angst, meine geliebten Menschen oder die all­täglichen Orte, die uns stützen, zu verlieren. Die scheinbare Ruhe verwandelt sich in eine schwere Stille, die Tränen und Verzweiflung provoziert. Am Tag nach den Angriffen ging ich hinaus, um „Hamsterkäufe“ zu machen, mich auszustatten, doch alles war zu. Eine Grabesstille, nur gestört durch die Lastwagen voller Lebensmittel der Gochos (Leute aus der Andenregion, die nach Caracas fahren, um dort Lebensmittel zu verkaufen).

Gefangen zwischen zwei Kräften


Inmitten der permanenten Unsicherheit und ausufernden Inflation waren wir nicht allein. Wir gingen zusammen raus, trafen uns, um das Wenige, was es gab, zu teilen, ohne einen Anlass zum Feiern. Aber doch, um uns an einer Herdflamme oder einer gemeinsamen Tafel daran zu erinnern, dass wir am Leben sind. Diese kollektive Kraft war der einzige feste Boden unter uns. Wir hielten uns im Arm und am geteilten Teller fest, um nicht vor purer Angst zu sterben.

Was regiert, ist die Unklarheit. Es gibt keine klaren Zahlen über Tote und Verletzte. Die Regierung schweigt und minimiert das Geschehene, während man in den Straßen die Polizeioperationen und bewaffneten Gruppen wahrnimmt. Es fehlt an Transparenz, ehrlicher Kommunikation und Sicherheitsgarantien. Für die Menschen fühlt es sich an, als ob alles gleichbleibt, als ob nichts passiert wäre, doch in Wahrheit ist das alltägliche Leben durch Knappheit geprägt, durch Repression und Militarisierung. Es geht nicht mehr um Ideologie, sondern ums Überleben: Essen können, Wasser trinken, ärztliche Behandlung, dass die Kinder in die Schule gehen.

Wir sind gefangen zwischen zwei Kräften: einem Regime, das unterdrückt, und einer auslän­dischen Intervention, die uns in ein Konfliktgebiet verwandelt. Die Bevölkerung zahlt den Preis des Öl- und Mineralienreichtums, den andere begehren. Diese Intervention der Vereinigten Staaten ist eine Souveränitätsverletzung, keine humanitäre Hilfe. Es ist eine Operation, um Energieressourcen zu kontrollieren und die regionale politische Landkarte neu auszurichten. Was sich als Rettung präsentiert, ist eine verdeckte Plünderung. Die Situation bringt keinen Frieden, sondern wiederholt die Gewalt und lässt das Volk schutzlos zurück.

Als Afro-Indigene Frau und Künstlerin empört es mich, dass im Angesicht des Missbrauchs als erstes gefragt wird: „Aber wer hat dich gefoltert? Die Linke oder die Rechte?“ Den Mächtigen schmerzt unsere Wunde nicht. Sie interessiert, wer die Peitsche hält, um zu entscheiden, ob es ihnen nützt, sie zu denunzieren. Es existiert ein chreckliche Angst, zu reden, da jedes Wort gegen dich verwendet werden kann. Ich fürchte neue Bomben ebenso, wie die Kontinuität eines Systems ohne faire Löhne, mit Hunger und unschuldigen Gefangenen. Der Blick auf die Zukunft verspricht mehr Prekarität für die Armen und Unsicherheit in den Straßen. Das Vertrauen in die Institutionen ist kaputt, uns bleibt nur, uns gegenseitig zu unterstützen.

Wie Schachfiguren auf einem fremden Spielbrett


Die Welt feiert eine angebliche „Befreiung“, weil ein Gesicht gefangen genommen und in ausländische Verwahrung gesteckt wurde. Aber als Schwarze, Indigene und feministische Frau frage ich mich: Welche Freiheit ist das, die uns mit Bomben aufgezwungen wird? Die Gefangennahme eines Mannes löscht kein System des Hungers – weniger noch, wenn die, die uns „retten“ kommen, eine versteckte Rechnung mitbringen.

Den Zusammenbruch einer Struktur zu feiern, ohne zu sehen, wer die neuen Fundamente errichtet, ist eine gefährliche Blindheit. Für die Mächtigen sind wir keine „Geschwister in Ungnade“, wir sind strategischer Vermögenswert, Öl, Gold und Mineralien in Disput. Wenn sich das Schicksal meines Landes von einem Büro in Caracas an einen Verhandlungstisch in Washington verlagert, bleibe ich weiterhin eine Zuschauerin, eine Schachfigur auf einem fremden Spielbrett.

Sie kommen wegen des Öls und des Goldes des Arco Minero, das bereits unter dem Kommando der Linken ausgeblutete Territorium, welches sie nun mit unternehmerischer Effizienz „verwalten“ wollen. Sie bieten uns eine Hals zuschnürende „Befreiung” an, die uns mit einer unbe­zahl­baren Auslandsverschuldung von mehr als 150 Milliarden Dollar belastet. Sie leihen uns den Hammer, um den Tyrannen zu stürzen, aber sie berechnen uns jeden Ziegelstein für den Wiederaufbau zum Goldpreis.
Der Imperialismus löscht die Geschichte aus. Er will uns glauben machen, dass alles vor zwei Jahren begonnen hat, und leugnet damit Jahrhunderte der Plünderung und Ausbeutung. Wir Völker, die wir Widerstand leisten, denken langfristig. Ich bin die Frau, die Guaicaipuro und Bolívar nicht aus Folklore anruft, sondern weil mein Kampf derselbe ist wie der der palästinensischen Frauen: das Recht, auf unserem Land zu leben, ohne dass ein Imperium für uns entscheidet, was „Demokratie” bedeutet.
Sie sprechen von „politischen Gefangenen“, als wäre das Gefängnis nicht selbst eine koloniale Institution, die 1573 eingeführt wurde, um uns zu bestrafen. Für mich sind alle Gefangenen politisch, wenn das System Folter als alltägliches Mittel gegen die Ärmsten, gegen Schwarze, gegen diejenigen, die keine Stimme haben, einsetzt. Einige haben die Folter erst kürzlich entdeckt, weil es ihnen politisch gelegen kommt, aber wir kennen sie seit jeher, von innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern.
Das Volk will Würde, die Menschen wollen in Ruhe leben. Mein Horizont ist eine Linke, die nicht nur leere Parolen von sich gibt, während sie ihre Arbeiter*innen misshandelt oder ihre Indigenen ignoriert. Mein Ziel ist echte Souveränität: Frei zu sein bedeutet, über unser gemeinsames Leben zu entscheiden, ohne dass sich Gringos, Russen oder Chinesen einmischen.

Frei sein heißt entscheiden zu können


Heute schließen wir uns in Unsicherheit zusammen, um nicht vor Angst zu sterben, und knüpfen Netzwerke, um etwas zu essen zu haben. Ich träume von einem Land, in dem Würde möglich ist, mit fairen Löhnen, garantierten Grundversorgungsleistungen, echter Gerechtigkeit und der Freiheit, uns ohne Angst zu äußern. Meine Hoffnung liegt nicht in bewaffneten Helden oder in als Hilfe getarnten Invasionen, sondern im Widerstand der Gemeinschaft. In unserer Fähigkeit, uns dagegen zu wehren, dass wir ausgelöscht oder zu einer Opferzone gemacht werden.

Ich denke an diejenigen, die ihr Leben verloren haben, die das viel stärker erlebt haben als ich. Das wünsche ich niemandem, nicht einmal dem schlimmsten Menschen der Welt. Wir kämpfen dafür, dass Venezuela aufhört, ein Schachbrett zu sein, und endlich zu einem Zuhause wird. Wir wollen Würde, wir wollen Frieden, aber einen, der aus uns selbst, aus unserem Land entsteht, und keinen, der uns vom Norden diktiert wird.


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Creer que lo peor ya pasó

Cacica Honta Resistiendo desde la comunidad (Foto: Victor Morles)

Für die deutschsprachige Version hier klicken

Desde entonces, cada ruido fuerte me despierta con la sensación de que los ataques regresan. El descanso se volvió imposible. Vivo con la angustia de perder a mis seres queridos o los espacios cotidianos que nos sostienen. La calma aparente se convierte en un silencio pesado que provoca lágrimas y desesperanza. Al día siguiente de los ataques, salí a las “compras nerviosas” buscando abastecerme; todo estaba cerrado, un silencio de tumba roto solo por los camiones de los gochos con la comida por las nubes.

Pero en medio de esa incertidumbre permanente y la inflación desbordada que hace que la comida sea cada vez más inaccesible, no estábamos solos. Salimos juntos, codo a codo, con quienes esos días nos sostuvimos desde la comida en colectivo. Nos juntamos para compartir lo poco que había, sin nada que celebrar, pero sí para recordarnos, al calor de un fogón o de una mesa compartida, que estamos vivos. Esa fuerza colectiva fue el único suelo firme que pisamos; nos sostuvimos en el abrazo y en el plato repartido para no morirnos de la pura angustia.

Lo que reina, sin embargo, es la opacidad. No hay cifras claras de muertos ni heridos. El gobierno guarda silencio o minimiza lo ocurrido, mientras en las calles se perciben más operativos policiales y presencia de grupos armados. Falta transparencia, comunicación honesta y garantías de seguridad. La gente siente que todo sigue igual, como si nada hubiera pasado, pero la verdad es que la vida cotidiana está marcada por la escasez, la represión y la militarización. Ya no se trata de ideología, sino de sobrevivir: poder comer, tener agua, recibir atención médica, que los niños vayan a la escuela.
Estamos atrapados entre dos fuerzas: un régimen que reprime y una intervención extranjera que nos convierte en territorio de disputa. El pueblo queda en medio, pagando el costo de la riqueza petrolera y mineral que otros codician. Esta intervención de Estados Unidos es una violación de la soberanía; no es ayuda humanitaria, es una operación para controlar recursos energéticos y reconfigurar el mapa político regional. Lo que se presenta como salvación es saqueo disfrazado. La ocupación no trae paz, repite la violencia y deja al pueblo más vulnerable.

Como mujer afro-indígena y artista, me indigna que, ante el atropello, lo primero que pregunten sea: “Pero ¿quién te torturó, la izquierda o la derecha?” Al poder no le duele nuestra herida, le importa quién sostiene el látigo para saber si le conviene denunciarlo. Existe un miedo atroz a hablar porque cualquier palabra puede ser usada en tu contra. Temo tanto a nuevas bombas como a la continuidad de un sistema sin salarios dignos, con hambre y presos inocentes. El futuro se percibe como más precariedad para los pobres y más inseguridad en las calles. La confianza en las instituciones está rota, solo nos queda apoyarnos entre nosotros.


El mundo celebra una supuesta “liberación” porque un rostro fue capturado y puesto bajo custodia extranjera. Pero como mujer negra, indígena y feminista, yo me pregunto: ¿qué libertad es esta que se impone con bombas? La captura de un hombre no borra un sistema de hambre, y mucho menos cuando los que vienen a “salvarnos” traen una factura oculta bajo el brazo. Celebrar que se desplome una estructura sin ver quién está levantando los nuevos cimientos es de una ceguera peligrosa. Para las potencias no somos “hermanos en desgracia”: somos activos estratégicos, petróleo, oro y minerales en disputa. Si el destino de mi país se muda de una oficina en Caracas a una mesa de negocios en Washington, yo sigo siendo una espectadora, una pieza de ajedrez en un tablero ajeno.
Vienen por el petróleo y por el oro del Arco Minero, ese territorio que ya venía siendo desangrado bajo consignas de izquierda y que ahora pretenden “administrar” con eficiencia corporativa. Nos ofrecen una liberación que nos hipoteca con una deuda externa impagable: más de 150 mil millones de dólares que nos amarran el cuello. Nos prestan el mazo para tumbar al tirano, pero nos cobran cada ladrillo de la reconstrucción a precio de oro.

El imperialismo opera borrando la historia. Quieren que creamos que todo empezó hace dos años, negando los siglos de saqueo y despojo. Los pueblos que resistimos nos pensamos en larga duración. Soy la mujer que invoca a Guaicaipuro y a Bolívar no por folclore, sino porque mi lucha es la misma de la mujer palestina: el derecho a existir en nuestra tierra sin que un imperio decida qué es la democracia para nosotros.Nos hablan de presos políticos como si la cárcel misma no fuera una institución colonial impuesta en 1573 para castigarnos. Para mí, todos los presos son políticos cuando el sistema usa la tortura como pan de cada día contra los más pobres, contra los negros, contra los que no tienen voz. Algunos descubrieron la tortura hace poco porque les conviene políticamente, pero nosotras la conocemos desde siempre, dentro y fuera de las rejas.

El pueblo quiere dignidad, no discursos vacíos ni invasiones disfrazadas de ayuda. La gente no busca héroes armados, busca vivir con tranquilidad. Mi horizonte es de soberanía real: decidir sobre nuestra vida colectiva sin gringos, rusos ni chinos de por medio.

Sueño con un país donde la dignidad sea posible, con salarios justos, servicios básicos garantizados, justicia real y libertad para expresarnos sin miedo. La esperanza está en la resistencia de la comunidad, en que no nos borren ni nos conviertan en zona de sacrificio. Pienso en quienes perdieron la vida; esto no se lo deseamos a nadie. Nuestra lucha es para que Venezuela deje de ser un tablero de ajedrez y empiece a ser, finalmente, un hogar.

Mi horizonte es de izquierda, pero de una izquierda de verdad: la que defiende la soberanía real, no la que se queda en consignas vacías mientras maltrata a sus obreros o ignora a sus indígenas. Ser libre es poder decidir sobre nuestra vida colectiva sin gringos de por medio. Hoy seguimos en la zozobra, juntándonos entre nosotras para no morir de angustia, tejiendo redes para poder comer. Pienso en quienes perdieron la vida, en quienes lo vivieron mucho más fuerte que yo. Esto no se lo deseo a nadie, ni siquiera a la persona más nefasta del mundo. Mi esperanza no está en los héroes armados ni en las invasiones disfrazadas de ayuda; está en nuestra capacidad de seguir siendo comunidad, de resistir a que nos conviertan en una “zona de sacrificio”. Queremos dignidad, queremos paz, pero una paz que nazca de nosotros, de nuestra tierra, y no una que llegue dictada desde el norte.


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Totalitär gegen Unberechenbar

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Ein System von Männern für Männer

Triggerwarnung: Dieser Text enthält explizite Beschreibungen von Gewalt.

Nuvia Perozo war Wandfarbenverkäuferin in Valencia, der drittgrößten Stadt Venezuelas. Während eines Streits mit ihrem Partner am Sonntag, den 17. August 2025, ertränkt er sie in einem Pool. Verwandte bringen sie noch in ein Gesundheitszentrum, das sie ohne Lebenszeichen erreicht. Der Täter flüchtet vom Tatort und wird wenige Tage später festgenommen.

Der Mord an Perozo ist einer von 106 Femiziden, die sich in den ersten acht Monaten des Jahres 2025 ereignet haben, wie aus dem Utopix Femizide-Monitor hervorgeht. Hinzu kommen 139 Mordversuche, bei denen der Täter der Polizei gemeldet wurde. Das sind im Schnitt fast zwei Femizide pro Tag. Seit 2019 erstellt die Anthropologin Aimee Zambrano dieses Monitoring, da es an staatlichen Zahlen dazu fehlt. Utopix und Zambrano arbeiten ehrenamtlich und nutzen soziale und andere Medien als Hauptquellen.

Über die Jahre sind die Femizide vorwiegend in Bundesländern mit urbanen Zentren wie Zulia, Miranda und der Hauptstadt verzeichnet worden. In diesem Jahr ist es jedoch im südöstlichen, minenreichen Bundesstaat Bolívar, der Bundesstaat mit der drittkleinsten Bevölkerungsdichte, wo die meisten Femizide verzeichnet wurden. Die 43-jährige Carolina Vera ist eines der Opfer. Sie wurde zweieinhalb Wochen lang vermisst. Am 8. April wollte sie nach El Dorado in der Stadt Bolivar fahren, kam aber nie an. Die Polizei ermittelte und fand ihre Leiche in einem Waldgebiet. Laut Polizei hatte sie ein Bekannter, der sie angeblich zum Busterminal bringen wollte, vergewaltigt und erschlagen.

Frauen werden vor Gericht retraumatisiert

Die Polizei hat Perozos und Veras Mörder festgenommen, wie noch weitere 79 der 106 Täter. Das bedeutet jedoch nicht, dass tatsächlich Gerechtigkeit geschieht. Im venezolanischen Justizsystem gibt es große Verzögerungen bei den Verfahren. „Es gibt Fälle von Femiziden, bei denen es bis zu zehn Jahren dauert, bis der Täter verurteilt wird,” sagt Aimee Zambrano, Herausgeberin des Monitors, gegenüber LN. Dasselbe gilt für versuchte Femizide. Durch die langen Prozesse und wiederholten Berufungen werden die Frauen, die Gewalt überlebt haben, auf entsetzliche Weise retraumatisiert, so Zambrano. Sie hat Verfahren erlebt, in denen die betroffene Person selbst nach Zeugen suchen mussten. „Das Justizsystem, und ich glaube, das gilt weltweit, berücksichtigt Frauen nicht. Dieses System ist für Männer und von Männern gemacht,“ so Zambrano. Dadurch werden oft Anzeigen erstattet, aber nicht weiterverfolgt.

Die letzten offiziellen Zahlen zu Femiziden wurden 2016 von der Regierung gemeldet: 122 Frauen wurden getötet. Vier Jahre später, Anfang 2020, nachdem Zambrano ihre eigenen Femizidzahlen für 2019 veröffentlicht hatte, schlossen sich feministische Gruppen im Land zu einer Allianz zusammen und riefen den feministischen Notstand aus. Sie gingen auf die Straße und forderten die Politik zum Handeln auf.

8M-Demo 2020 in Caracas Feministische Bewegungen riefen den feministischen Notstand aus

Im Jahr 2020 ist die Zahl der Femizide weiter gestiegen. Es waren 53 Prozent mehr als im Jahr 2019. 2025, sechs Jahre später, scheinen die Femizide auf ein Niveau wie 2019 zurückgekehrt zu sein. Zambrano sieht mehrere Gründe für diese Entwicklung. Der Monitor stützt sich auf Medienberichte. Das führe zu niedrigeren Zahlen, denn lokale Zeitungen verschwinden oder legen ihren Fokus auf andere Themen. Der Januar 2025 ist ein gutes Beispiel dafür.

Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2019 liegt die durchschnittliche Anzahl an Femiziden im Januar bei 19,4, im Jahr 2025 wurden jedoch nur sieben registriert. „Sehr atypisch”, sagt Zambrano, „aber im Januar wurde die Medienagenda von der Amtseinführung von Präsident Maduro und allen damit verbundenen politischen Fragen dominiert”. Das könnte die niedrigere Zahl besser erklären als eine tatsächliche Abnahme der Femizide.

Zambrano führt die niedrigeren Zahlen aber auch darauf zurück, dass es mehr nicht vollendete Femizide gibt. „Ich glaube, dass es weiterhin zu Gewalttaten kommt. Vielleicht möchte ich mir aber auch nur einreden, dass das Bewusstsein der Bevölkerung für dieses Problem gestiegen ist,“ sagt Zambrano. Es gebe mehr Nachbar*innen, Verwandte, Krankenhäuser und die Frauen selbst, die Anzeige erstatten, sodass Täter verurteilt werden. Tatsächlich gab es im Jahr 2025, wie auch 2023 und 2024, mehr als doppelt so viele Anzeigen wie im selben Zeitraum 2019.

Zambrano schätzt den Einfluss der Regierung auf die Abnahme von Femiziden gering ein. Im März 2021 hat die Regierung eine zweite Staatsanwaltschaft mit Zuständigkeit für Femizide eingerichtet. Zwei Jahre später wurde die „Misión Venezuela Mujer“ (Mission Venezuela Frau) gegründet, um Frauen im Land zu unterstützen. Laut Zambrano soll die Mission alle Anlaufstellen bündeln, aber es geschieht nicht. Die Aufgaben sind zwischen Ministerium, der Staatsanwaltschaft und dem Obersten Gerichtshof verteilt. Offizielle Statistiken zu diesem Thema werden nicht veröffentlicht.

Auch die Zivilgesellschaft spielt eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung. Organisationen wie Tinta Violeta, eine feministische Organisation, die Personen unterstützt, die geschlechtsspezifische Gewalt erlebt haben, und Bildungsarbeit zu diesem Thema leistet, gehören zu den Akteur*innen, die wachsendes Bewusstsein in der Bevölkerung schaffen (siehe LN 500). Jeder einzelne Femizid ist einer zu viel. Dennoch sind das wachsende Bewusstsein für das Problem und die zunehmenden Anzeigen gegen gescheiterte Femizid-Täter eine positive Entwicklung der letzten fünf Jahre.


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Podcast

 

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Folge #14: Tourismus in Kuba: Wie verändert er die Gesellschaft?

Jedes Jahr reisen Millionen Menschen aus aller Welt nach Kuba. Sie bringen dringend benötigte Devisen ins Land – eine zentrale Einkommensquelle für die rund 10 Millionen Kubaner*innen und den Staat der Karibikinsel. Aber was bedeutet diese massive touristische Präsenz für die kubanische Bevölkerung? Wer profitiert und wer bleibt auf der Strecke? Um diese Fragen besser zu verstehen, haben wir mit dem Politikwissenschaftler Bert Hoffmann, den Journalist*innen Cynthia de la Cantera Toranzo und Marcel Kunzmann Toranzo sowie der Studentin Dayma Noa gesprochen. Viel Spaß mit der neuen Folge von „Ohren auf Lateinamerika“!

 

Folge #13: Warum hat es die Linke in Panama so schwer?

Viele Menschen verbinden Panama hauptsächlich mit dem Panama-Kanal, wie sich derzeit auch wieder an den Äußerungen von Donald Trump zeigt. Das Land ist politisch jedoch sehr interessant und lohnt eine nähere Beschäftigung. Wir ergründen, warum progressive Kräfte es dort so schwer haben. Dabei stellen wir fest, dass die Probleme der politischen Linken in Panama möglicherweise nur eine besonders extreme Kombination von Problemen sind, die die Linke überall in Lateinamerika, ja weltweit, plagen.

 

Folge #12: Ecuador: Militarisierung als Antwort auf die Gewalt?

In dieser Folge schauen wir uns den Anstieg der Gewalt in Ecuador und die Situation der betroffenen Bevölkerung genauer an. Um die Ursachen besser zu verstehen, haben wir mit Juana Francis gesprochen, eine afro-ecuadorianische Menschenrechtsaktivistin aus der Küstenprovinz Esmeraldas. Mit ihr und der Politikwissenschaftlerin Isabel Díaz haben wir uns auch darüber unterhalten, was dem Land aus der Krise helfen könnte.

 

 

Folge #11: Widerstand unter den Palmen: Guatemalas Palmölindustrie unter der Lupe

Palmöl steckt in etwa der Hälfte aller Produkte, die wir in deutschen Supermärkten finden. Ein Großteil dieses Palmöls stammt aus Guatemala – 2023 importierten deutsche Unternehmen von dort mehr Palmöl als aus jedem anderen Land. Die Produkte tragen häufig ein Siegel, das die nachhaltige Produktion des Palmöls kennzeichnet. Doch wie nachhaltig ist das Palmöl aus Guatemala wirklich? Wir folgen der Spur des bekanntesten Nachhaltigkeitssiegels des Runden Tisch für Nachhaltiges Palmöl (RSPO). Dafür sprechen wir mit Lourdes Gomez, Aktivistin des Volkes Maya Kekchí aus Guatemala und mit Dominik Groß, Referent bei der Menschenrechtsorganisation Romero Initiative aus Münster.

 

 

 

Folge #10: Kolumbien, Chile und Europa: Mit grünem Wasserstoff gegen Klimawandel?

Grüner Wasserstoff soll der Hoffnungsträger im Kampf gegen den Klimawandel sein. Die Europäische Union und Deutschland investieren derzeit weltweit Millionen von Euro in die Entwicklung von diesem Energieträger, auch innerhalb Lateinamerikas.

Kolumbien und Chile arbeiten bereits an konkreten Projekten, um bald massiv produzieren zu können. Damit sollen einerseits die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und Lateinamerika gestärkt und andererseits mit grüner Energie ein Beitrag zu Klimaneutralität geleistet werden.

Doch bedeutet “grün” auch gleichzeitig “gerecht”? Und wie “grün” sind die Projekte wirklich? Darüber sprechen wir mit zwei Expertinnen: Sophia Boddenberg ist freie Journalistin, lebt seit 2014 in Chile, arbeitet zu Umweltthemen, Rohstoffabbau und Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Globalen Norden und Globalen Süden. Kristina Dietz ist Professorin der Uni Kassel für Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Lateinamerika, Teil einer Forschungsgruppe zu Landkonflikten in Lateinamerika und Subsahara-Afrika.

 

 

Folge #9: Kohleabbau in Kolumbien: Welche Verantwortung trägt Deutschland?

 

 

#9: En español: Explotación de carbón en Colombia: Qué responsabilidad tiene Alemania?

 

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Folge #8: Gefängnisse in Ecuador: Gewalt wird zum Alltag

 

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Folge #7: Honduras – Zwischen Hoffnung und Korruption

 

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Folge #6: Der negierte Krieg in Kolumbien – Die Geschichte von Stella Castañeda

 

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Folge #5

 

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Folge #4

 

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Folge #3

 

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Folge #2

 

 

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Folge #1

 

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Eine fragwürdige Preisträgerin

Am 10. Oktober rieben sich nicht wenige Menschen verwundert die Augen: Denn die venezolanische Oppositionsführerin María Corina Machado widmete den ihr gerade zugesprochenen Friedensnobelpreis neben „den leidenden Menschen in Venezuela“ doch tatsächlich „Präsident Trump für seine entscheidende Unterstützung unserer Sache“. Viele hatten die Wahl des Nobelpreiskomitees zuvor als klaren Kontrapunkt zu US-Präsident Donald Trump gefeiert, der den Preis bekanntermaßen für sich reklamierte. Wer zuvor kaum Machados Namen kannte, konnte die Begründung aus Oslo tatsächlich so auffassen. Statt eines alten Mannes, der in den USA gerade die Demokratie zurückdrängt, würde nun also eine Frau aus Lateinamerika „für ihren Kampf um einen gerechten und friedlichen Übergang von der Diktatur zur Demokratie“ geehrt. Sie habe die gespaltene Opposition in der Forderung „nach freien Wahlen und einer repräsentativen Regierung“ geeint, hob das Nobelpreiskomitee zusätzlich hervor.

Im vergangenen Jahr hatte sich Machado dafür eingesetzt, die längst autoritär agierende Regierung von Nicolás Maduro über Wahlen abzusetzen. Sie selbst durfte unter vorgeschobenen Gründen nicht antreten. Ihrem Ersatzkandidat Edmundo González wurde der Wahlsieg nach allen vorliegenden Indizien geraubt. Doch ist es mehr als zweifelhaft, ob Machado, die sich international im rechtspopulistischen Umfeld von Trump, dem argentinischen Präsidenten Javier Milei und der ultrarechten spanischen Vox-Partei bewegt, eine würdige Preisträgerin ist.

Bevor sie ab 2023 auf Wahlen setzte, hatte sie ein äußerst instrumentelles Verhältnis zu demokratischen Entscheidungen. Machado, die aus einer Oberschichtsfamilie stammt, wurde im Rahmen des Machtkampfes zwischen den alten Eliten und der 1998 demokratisch gewählten Regierung unter Hugo Chávez bekannt. Als die rechte Opposition im April 2002 kurzzeitig gegen Chávez putschte, unterzeichnete auch Machado als damalige Vizepräsidentin der zivilgesellschaftlichen Organisation Súmate das sogenannte Carmona-Dekret. Dieses hätte umgehend die Regierung und die Richter des Obersten Gericht abgesetzt, das Parlament aufgelöst und die 1999 per Referendum verabschiedete Verfassung aufgehoben. Nach dem Scheitern des Putsches gewann Chávez zwei Jahre später ein transparentes Abberufungsreferendum. Es war wiederum Machados Organisation Súmate, die ohne Belege von Betrug sprach und auf weitere Eskalation statt demokratischer Befriedung setzte. Innerhalb des breiten Oppositionslagers blieb Machado sowohl als Aktivistin als auch Parlamentsabgeordnete jahrelang eine Randfigur.

2014, schon unter Chávez’ Nachfolger Maduro, stellte sie sich gemeinsam mit anderen Politikern wie Leopoldo López offen gegen die damalige Strategie, einen Machtwechsel über Wahlen herbeizuführen. Es folgten monatelange, teils gewalttätige Straßenproteste. Nachdem sich Juan Guaidó 2019 mit Rückendeckung von Donald Trump zum „Interimspräsidenten“ erklärte, setzte sich Machado für eine Verschärfung der US-Sanktionen ein, die vor allem die einfache Bevölkerung treffen. Zudem forderte sie die internationale Staatengemeinschaft offen zur Androhung militärischer Gewalt auf, um den Abgang Maduros zu erzwingen. Viele Menschen aus dem ärmeren Teil der Bevölkerung haben in Venezuela daher starke Vorbehalte gegen Machado, selbst wenn sie die immer autoritärere Regierung Maduro mittlerweile ablehnen. Nicht zuletzt torpedierte die Friedensnobelpreisträgerin innerhalb des Opposi­tionslagers jegliche Versuche, den politischen Konflikt und die Krise über einen Dialogprozess anzugehen. Dass an dessen Scheitern auch die Regierung ihren Anteil hatte, liegt auf der Hand. Aber Machados Lager machte sich nicht einmal die Mühe, unter Vermittlung international aner­kannter Mediatoren wie Norwegen nach Lösungen zu suchen.

Auch Machado schafft keine*geeinte Opposition

Nun behaupten manche, dass der Friedensnobelpreis eben nicht die Person Machado, sondern den Kampf der breiten venezolanischen Opposition „für Demokratie“ auszeichne. Das wiederum führt zu dem, jenseits politischer Beurteilungen, vielleicht wichtigsten Argument gegen die Preisträgerin. Denn ihren Anspruch auf eine Regierungsübernahme in Venezuela versucht ihr enger Verbündeter Trump gerade durch militärischen Druck zu erzwingen. Mit der Begründung, gegen internationale Drogenkartelle vorgehen zu wollen, griffen die USA bis Anfang November nach eigenen Angaben 16 Boote an. Dabei töteten sie mindestens 67 Menschen. Rechtsexper*innen sprechen von extralegalen Hinrichtungen. Längst droht Trump unverhohlen Angriffe innerhalb Venezuelas an. Machado unterstützt das Vorgehen ausdrücklich. In einem Videointerview mit dem US-amerikanischen Medienunternehmen Bloomberg etwa erklärte sie Ende Oktober, „dass die derzeitige Eskalation der einzige Weg ist, Maduro klar zu machen, dass es Zeit ist zu gehen“. Die Versenkung angeblicher „Drogenboote“ rette demnach Leben in den USA. Im selben Interview behauptete Machado ganz in Trump-Manier zudem, Maduro persönlich habe die US-Wahl 2020 manipuliert, die der heutige US-Präsident damals gegen Joe Biden verlor.

Sicherlich trägt zu Machados heutigem Ruhm bei, dass sie bereits seit mehr als 20 Jahren in der Opposition aktiv ist und dabei immer wieder mit repressiven Maßnahmen zu kämpfen hatte. Doch nicht einmal das Argument, sie habe die gespaltene Opposition geeint, lässt sich überzeugend für sie ins Feld führen. Eine vorübergehende Einigung haben auch schon andere Oppositionspolitiker zustande gebracht, zuletzt „Interims­präsident“ Juan Guaidó, der zurecht als tragische Fußnote und nicht Friedensnobelpreisträger in die Geschichte eingeht. Seit der geraubten Wahl im vergangenen Jahr wiederum hat Machado nichts dafür getan, um die Einigkeit der Opposition zu erhalten. Bei den Parlaments- und Regionalwahlen im Mai rief sie zum Boykott auf, während ein anderer Flügel sich beteiligte. De facto ist die Opposition also längst wieder gespalten.

Fragwürdige Versprechen an*die Trump-Regierung

Damit es nicht zu einem militärischen Konflikt mit den USA kommt, soll Maduro der US-Regierung laut einer Recherche der New York Times schon vor Monaten in Aussicht gestellt haben, den USA weitgehenden Zugriff auf Erdöl und andere Rohstoffe zu gewähren. Trump habe sich unter dem Einfluss von Außenminister Marco Rubio jedoch dazu entschieden, auf Konfrontationskurs zur Regierung in Caracas zu gehen. Mit einer möglichen Regierung unter María Corina Machado, die vor allem auf Privatisierungspolitik setzt, dürfte Trump tatsächlich auf noch bessere Deals hoffen. Im Juni bereits hatte Machado US-Investoren im Falle eines Regierungswechsels Geschäfte „im Umfang von 1,7 Billionen US-Dollar“ versprochen. „Ein demokratisches und freies“ Venezuela werde „der strategisch wichtigste US-Verbündete in der Region sein“, so die Friedensnobelpreisträgerin. Machado ist also vieles, doch gewiss kein Kontrapunkt zu Donald Trump.


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Kriegsdrohungen in der Karibik

Proteste in Venezuela Die regierungskritische Linke sieht sich mit verstärkter Repression konfrontiert (Foto: Thaís Rodriguez)

Seit Donald Trumps Amtsantritt im Januar dieses Jahres herrscht Unklarheit über seinen Kurs gegenüber Venezuela. Hatte er während seiner ersten Amtszeit (2017 bis 2021) Venezuelas Präsidenten Nicolás Maduro mittels einer Politik des „maximalen Drucks“ stürzen wollen, zeigte Trump in der ersten Jahreshälfte öffentlich kein Interesse daran, an diese damals gescheiterte Strategie anzuknüpfen. Wenngleich seine Regierung die Sanktionen gegen den venezolanischen Erdölsektor wieder leicht verschärfte, schien der US-Präsident weniger auf einen Regime Change als auf die erzwungene Ausweisung von in den USA lebenden Venezolaner*innen zu setzen. Und für deren Rücknahme ist er auf die Kooperation der venezolanischen Regierung angewiesen. In der Venezuela-Politik der US-Regierung gab in den vergangenen Monaten Trumps moderater „Sondergesandter“ Richard Grenell gegenüber Außenminister Marco Rubio den Ton an, der als Hardliner gilt. Durch direkte Gespräche mit Maduro konnte Grenell etwa die Freilassung aller in Venezuela inhaftierter US-Amerikaner erreichen. Zudem verlängerte Trump die Sonderlizenz für den US-Erdölkonzern Chevron, der unter Auflagen weiterhin in Venezuela tätig sein darf.

USA militarisieren die südliche Karibik

Mitte August aber änderte sich das Bild. Mit der Begründung, gegen regionale Drogenkartelle vorgehen zu wollen, militarisiert die US-Regierung seitdem die südliche Karibik. Anfang August hatte Trump laut der US-Zeitung The New York Times ein geheimes Dekret unterzeichnet, das den Einsatz militärischer Mittel gegen Drogenkartelle ohne Zustimmung des Kongresses ermöglicht. Unter anderem entsendete die US-Regierung mehrere Kriegsschiffe mit Lenkraketen und mehr als 4.000 Soldaten, Aufklärungsflugzeuge sowie ein atomgetriebenes U-Boot in die Region. Venezuelas Präsident Maduro reagierte mit der Mobilisierung von 4,5 Millionen Freiwilligen der Bolivarianischen Miliz, die als Teil des offiziellen Militärs zur Landesverteidigung herangezogen werden kann. „Kein Imperium wird jemals den heiligen Boden Venezuelas betreten“, erklärte er in einer Fernsehübertragung. Am 2. September dann sorgte Trumps Behauptung am Rande einer Pressekonferenz für Aufsehen, das US-Militär habe in internationalen Gewässern ein „aus Venezuela kommendes“ Boot versenkt, das „eine Menge Drogen“ in die USA schmuggeln wollte. Als vermeintlichen Beleg veröffentlichte der US-Präsident einen Tag später ein unscharfes Video, das die Explosion eines Schnellbootes zeigt. Elf Menschen sollen dabei getötet worden sein. Beweise blieb die US-Regierung schuldig. So war auch zwei Tage nach dem vermeintlichen Militärschlag völlig unklar, wer die Menschen auf dem Boot waren, wo es unterwegs war oder ob es überhaupt Drogen an Bord hatte. Venezolanische Regierungsvertreter sprachen von einem KI-Video, internationale Rechtsexpert*innen von extralegalen Hinrichtungen, da es sich auch bei Drogenschmugglern um Zivilist*innen und keineswegs um militärische Ziele handelt. Zahlreiche Beobachterinnen sehen in dem Vorgehen Washingtons weniger eine kohärente Strategie gegen Drogenhandel als den Versuch, die venezolanische Regierung einzuschüchtern und das dortige Militär zu spalten. Die Entsendung der Kriegsschiffe weckt Erinnerungen an frühere US-Interventionen wie etwa in Panama 1989. Damals stürzten die USA ihren einstigen Zögling Manuel Noriega, dem sie unter anderem Drogenhandel vorwarfen. Die bisherige Militärpräsenz reicht zwar für gezielte Raketenangriffe, nicht aber für eine Invasion aus. Auch ist Venezuela nicht mit dem kleinen Panama vergleichbar, das die USA damals mit fast 30.000 Soldaten überfielen und in dessen Kanalzone das US-Militär damals noch stationiert war.

Venezuela verschärft Repression gegen Linke

Der politische Kontext deutet dennoch darauf hin, dass sich die Aktion vor allem gegen das südamerikanische Land richtet. Erst Anfang August erhöhten die USA das Kopfgeld zur Ergreifung Maduros von 25 auf 50 Millionen US-Dollar – doppelt so viel, wie einst auf die Ergreifung Osama Bin Ladens ausgesetzt war. Noch unter Trumps Vorgänger Joe Biden war es im Januar dieses Jahres von 15 auf 25 Millionen US-Dollar erhöht worden. Erstmals verhängt hatte die erste Trump-Regierung das Kopfgeld im März 2020. Bis zu zehn Millionen US-Dollar entfielen schon damals auf weitere Funktionäre, darunter den noch immer amtierenden Verteidigungsminister Vladimir Padrino López sowie Diosdado Cabello, der heute das Innenministerium leitet. Als Begründung hieß es unter anderem, die politische und militärische Führungsriege des Chavismus sei tief in den Drogenhandel verstrickt und leite das sogenannte Sonnenkartell (Cartel de los Soles). Dass innerhalb des venezolanischen Militärs bestimmte Gruppen zumindest die Transitrouten protegieren, ist durchaus wahrscheinlich. Für die Behauptung, in Venezuela bestehe seit Anfang der 1990er Jahre ein „Sonnenkartell“, dessen Chefs mittlerweile Maduro oder Cabello persönlich sein sollen, gibt es jedoch keinen Beleg. Vielmehr wird die Geschichte seit Jahren immer wieder einmal hervorgekramt, um Venezuela als Gefahr für die regionale Stabilität darzustellen. Anfang August stufte die US-Regierung das Sonnenkartell offiziell als „terroristische Gruppe“ ein. Bereits im Februar erhielten weitere Kartelle und kriminelle Gruppen, darunter das mexikanische Sinaloa-Kartell sowie die venezolanische Megabande Tren de Aragua eine ähnliche, sogar noch schärfere Einstufung, die als Grundlage für das militärische Vorgehen gilt. Schroffe Ablehnung gegen das US-Vorgehen kommt nicht nur aus Venezuela, sondern auch von den linken Regierungen Kolumbiens, Brasiliens und Mexikos. Zwar haben weder die Regierungen Kolumbiens noch Brasiliens Maduros von Betrugsvorwürfen überschattete Wiederwahl vom Juli 2024 anerkannt. Den US-Drohungen gegenüber sind sie sich jedoch weitgehend einig. Kolumbiens Präsident Gustavo Petro warnte gar, bei einer Intervention könne Venezuela „eine Situation wie in Syrien“ bevorstehen. Rechtsregierte Länder wie Argentinien, Paraguay und Ecuador unterstützen hingegen das US-Vorgehen gegen Drogenkartelle. Und auch Venezuelas karibische Nachbarländer Guyana und Trinidad & Tobago sind ganz auf US-Linie.

Trumps Drohgebärden stärken Maduros Position im Land

Ob Trump tatsächlich auf den Sturz Maduros zielt oder nur die Muskeln spielen lassen will, um bestimmte Fraktionen innerhalb seiner Regierung zu bedienen, ist bislang ungewiss. In Venezuela selbst dürften Washingtons Drohgebärden eher die Regierung stärken, die zur „nationalen Einheit“ aufruft. Außerhalb des rechten Randes der Opposition um María Corina Machado, die zumindest in den vergangenen Jahren offen Sympathien für eine mögliche Invasion gezeigt hatte, stößt das Vorgehen der US-Regierung auf breite Ablehnung. Politisch spielt die untergetauchte Machado seit der letztjährigen Präsidentschaftswahl keine bedeutende Rolle mehr. Die Parlaments- und Regionalwahlen im Mai sowie die Kommunalwahlen im Juli dieses Jahres hatte ihr Oppositionsbündnis Plataforma Unitaria Democrática (PUD) boykottiert. Ein moderaterer Teil der Opposition um Ex-Präsidentschaftskandidat Henrique Capriles brach deshalb mit Machado und stellte eigene Kandidaturen auf, konnte allerdings nur wenige Parlamentssitze und andere Ämter erlangen. Bei einer niedrigen Wahlbeteiligung von jeweils unter 30 Prozent gewann die regierende Vereinigte Sozialistische Partei Venezuelas (PSUV) eine komfortable Zweidrittelmehrheit im Parlament, 23 von 24 Gouverneursämtern sowie fast 300 der 335 Rathäuser. Transparente Zahlen blieb der Nationale Wahlrat (CNE) wie schon bei der Präsidentschaftswahl schuldig. Innenpolitisch dürften die Drohungen aus Washington den Spielraum für Kritik weiter einengen. Während die rechte Opposition schon länger von Repression betroffen ist, gerät seit der Wahl vergangenen Jahres zunehmend die regierungskritische Linke ins Visier der Behörden. Am 8. August wurde die linke Menschenrechtsaktivistin Martha Lía Grajales bei einer Protestaktion des „Komitees von Müttern zur Verteidigung der Wahrheit“ von der Polizei gezwungen, ein Fahrzeug ohne Nummernschild zu besteigen. Das Komitee setzt sich für die Rechte von 124 jungen Erwachsenen ein, die infolge der Unruhen nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl im Juli 2024 nach wie vor inhaftiert sind. Anschließend fehlte von Grajales tagelang jede Spur. Eine offizielle Bestätigung ihrer Verhaftung erfolgte erst am 11. August. Generalstaatsanwalt Tarek William Saab, einst selbst ein Menschenrechtler, erklärte, der Haftbefehl gegen Grajales basiere auf „Aktionen gegen die venezolanischen Institutionen und den Frieden der Republik“. Am 12. August durfte Grajales dann unter Auflagen das Gefängnis verlassen. Zuvor hatten sich hunderte Organisationen und Einzelpersonen aus Venezuela, Lateinamerika und weltweit für sie eingesetzt. Darunter sind auch prominente Namen wie der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel, die argentinische Organisation Madres de Plaza de Mayo oder der französisch-brasilianische Soziologe Michael Löwy. Die Vorwürfe „Anstiftung zum Hass, Verschwörung mit einer ausländischen Regierung und Bildung einer kriminellen Vereinigung“ werden bislang jedoch aufrecht erhalten. Grajales´ Organisation SurGentes bezeichnet diese als „juristisch konstruiert“. Grajales stammt ursprünglich aus Kolumbien, hat einen venezolanischen Pass und ist in Venezuela seit etwa 15 Jahren an der chavistischen Basis tätig. Sie ist Mitglied des linken Menschenrechtskollektivs SurGentes, das sich seit Jahren kritisch mit Polizeigewalt in den Armenvierteln oder Repression gegen Arbeiterinnen auseinandersetzt. Der Regierungspolitik unter Maduro attestiert die Organisation einen deutlichen „Rechtsruck“ seit 2015. Vor dem Tod von Hugo Chávez 2013 hatten verschiedene Mitglieder von SurGentes selbst Positionen innerhalb der Regierung und des staatlichen Sektors inne. Grajales etwa arbeitete vorübergehend in der universitären Menschenrechtsschulung für Polizistinnen.

„Rosa Luxemburg ist die Heldin der echten Sozialisten”

Seit ihrer Freilassung prangern regierungsnahe Kreise die Finanzierung von SurGentes und anderer linker Gruppen an. Seit Jahren arbeitet etwa die deutsche Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS), die der Partei Die Linke nahesteht, mit SurGentes zusammen. Verschiedene Beiträge in den sozialen Medien versuchten, die Stiftung als Vertreter der deutschen Regierung darzustellen, da sie – wie alle parteinahen Stiftungen in Deutschland – ihre finanziellen Mittel von verschiedenen Ministerien bezieht. Am 18. August griff Präsident Maduro diese Argumentation in einer Fernsehansprache auf. „Rosa Luxemburg ist unsere Heldin, die Heldin der echten Sozialisten“, erklärte er. „Aber dann haben sie eine Stiftung gegründet, die NGO Rosa Luxemburg, um Leute zu gewinnen und zu finanzieren, die einmal links waren oder vorgeben, links zu sein.“ Ziel sei es, seine Regierung mittels eines linken Diskurses „von innen heraus anzugreifen“. Bereits eine Woche zuvor hatte Maduro erklärt, dass die USA mehrere vermeintlich linke und chavistische Nichtregierungsorganisationen in Venezuela finanzierten, um „Terroristen reinzuwaschen“. So seien einzelne NGOs für die „Zerstörung“ nach den Präsidentschaftswahlen vom 28. Juli 2024 verantwortlich. Konkrete Namen nannte Maduro nicht.

RLS zeigt sich besorgt

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung wies die Vorwürfe zurück. „Mit Sorge beobachten wir die derzeitige Diffamierungskampagne gegen linke Menschenrechtsorganisationen, linke Intellektuelle und die Rosa-Luxemburg-Stiftung“, heißt es in einem Statement, das die Stiftung im Namen des Vorsitzenden ihres Vorstandes, Heinz Bierbaum, auf ihrer Webseite veröffentlichte. „Wir engagieren uns für eine sozial gerechte und solidarische Welt, für internationalistischen Dialog sowie für antikapitalistische Praktiken und treten in Tradition unserer Namensgeberin für die Förderung kritischen Denkens ein“, so Bierbaum weiter. Man trete nicht als politischer Akteur auf. Vielmehr arbeite die Stiftung „mit linken Organisationen und Akteuren auf Augenhöhe zusammen“. Die Finanzierung von Projekten durch öffentliche deutsche Gelder sei „sowohl in Deutschland als auch in Venezuela bekannt“.
Das Vorgehen gegen SurGentes ist kein Einzelfall. Ebenfalls im August erhielt die linke Anwältin María Alejandra Díaz politisches Asyl in Kolumbien. Zuvor hatte sie sich seit Maduros erneuter Amtseinführung am 10. Januar dieses Jahres in der kolumbianischen Botschaft versteckt. Der ehemalige chavistische Bürgermeister von Caracas, Juan Barreto, lebt seit Monaten de facto unter Hausarrest, da permanent ein Fahrzeug der Geheimdienstpolizei vor seinem Wohnhaus stationiert ist. Sowohl Díaz als auch Barreto hatten nach Maduros erklärter Wiederwahl öffentlich transparente Wahlergebnisse eingefordert. Auch die Kommunistische Partei Venezuelas (PCV) wirft der Regierung eine „antidemokratische und autoritäre Offensive“ gegen regierungskritische Organisationen vor. PCV-Führungsmitglied Pedro Eusse erklärte auf einer Pressekonferenz, die Regierung intensiviere mit Hinweis auf die Bedrohungen, die von den USA ausgehen, Angriffe gegen soziale Bewegungen, um „die Vertiefung einer Wirtschafts- und Arbeitspolitik zu rechtfertigen, die dem Kapital dient“. Die Regierung versuche, sich fälschlicherweise weiterhin als links und sozialistisch darzustellen, „während sie jene, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen und die Menschenrechte verteidigen, verfolgt, kriminalisiert und stigmatisiert“. Seitdem das Oberste Gericht 2023 die Parteistrukturen der PCV wie bereits zuvor bei anderen linken und rechten Parteien einem regierungsnahen Sektor zusprach, hat die regierungskritische Linke keine legale Möglichkeit mehr, bei Wahlen eigene Kandidaturen aufzustellen. Antonio González Plessmann, Ehemann von Grajales und genau wie sie Mitglied von SurGentes, zeigt sich vom jüngsten Vorgehen gegen unabhängige Linke nicht überrascht. „Offen für Kritik war die Regierung Maduro nie“, sagt er gegenüber den LN. „Da die rechte Opposition mittlerweile sehr stark geschwächt ist und praktisch führungslos dasteht, wird die linke Opposition sichtbarer. Das ist der Hintergrund der jüngsten Attacken.“


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„Die Menschen wenden sich von der Politik ab“

Foto: Privat.

Thaís Rodríguez: ist Journalistin, Dokumentarfilmerin, Menschenrechtsverteidigerin und Aktivistin der politischen Strömung Comunes. Comunes vereint Linke aus rund zehn Bundesstaaten Venezuelas, die sich zusammengefunden haben, um angesichts der dramatischen Lage für eine gemeinsame Perspektive zu kämpfen.

Am Sonntag, dem 25. Mai, war Wahltag. Wie hast du diesen Tag erlebt?
Ich will ganz offen sein: Ich habe nicht gewählt. Bei dieser Wahl gab es keine Option, die meine Werte oder Interessen als Bürgerin repräsentiert hätte. Ich hatte eine Reise geplant, und am Sonntag fuhren wir früh zurück. Ich bin einen großen Teil des Landes abgefahren – von Apure, durch Guárico bis nach Caracas – und überall waren die Wahllokale leer. Ich habe nur ein paar Busse der PSUV gesehen – das ist die einzige Wahlmaschinerie, die es im Land noch gibt. Die andere große Wahlmaschinerie war die von María Corina Machado im letzten Jahr, aber deren Team sitzt jetzt entweder im Gefängnis oder ist auf der Flucht.

In welchem Kontext fanden die Wahlen statt?
Es war ein extrem repressiver Kontext. Am 19. Mai dieses Jahres zählten Menschenrechtsorganisationen wie das Foro Penal und Provea 900 politische Gefangene – allein in der Woche vor der Wahl wurden 15 weitere Personen festgenommen.
Außerdem wurde es linken und mitte-links Parteien systematisch unmöglich gemacht, an der Wahl teilzunehmen – noch mehr als im Juli letzten Jahres. Der Partei Centrados, die damals noch antreten durfte, wurde diesmal die Wahlbeteiligung verweigert, und ihr Leiter Enrique Márquez wurde am 7. Januar verhaftet – in einer Art gewaltsamen Verschwindenlassens, da man zwar inoffiziell weiß, wo er festgehalten wird, es jedoch keine offizielle Mitteilung über seinen Aufenthalt gibt.
Und wenn man Demokratie weiterdenkt als nur den Urnengang: Die Leute äußern sich nicht mehr frei, weil sie Angst haben, abgehört, schikaniert oder sogar kriminalisiert zu werden. Die große Mehrheit der Festgenommenen gehören zum armen Teil der Bevölkerung – oft wurden sie nur festgenommen, weil sie protestiert oder sich mit jemandem aus dem Regierungsapparat gestritten haben. Die Repression trifft also vor allem Unschuldige – und das ist ein besonderes Merkmal dieser Maduro-Regierung. Es ist ein Kontext von Wahlenthaltung, massiver Repression und wachsender wirtschaftlicher Ungleichheit.

Die Regierung hat die Wahlen vorgezogen. Warum gerade jetzt und was bedeutet das für die Macht und Regierung in Venezuela?
Die Regierung bemüht sich ständig, neue Ereignisse zu schaffen, um die Vergangenheit in Vergessenheit geraten zu lassen. Zugleich orientiert sie sich an der aktuellen Kräftebalance, an den Verhandlungen mit den USA und am Kurs von María Corina Machado.
Sie ist derzeit die zentrale Figur der Opposition und hatte zum Wahlboykott aufgerufen – damit hat sie der Regierung de facto freie Hand gelassen.
Ihr Narrativ lautet, dass die Bevölkerung gesiegt habe, weil es dem Regime durch seine Enthaltung die Legitimität verweigert habe. Doch das bleibt symbolisch. Für das tägliche Leben der Menschen hat das keine greifbaren Folgen.
Das Narrativ der Regierung hingegen – dass sie einen überwältigenden Wahlsieg errungen habe – hat sehr reale Konsequenzen: Es erlaubt ihr, die totale Hegemonie über den Staat zu erlangen.
Hätte María Corina zum Beispiel angekündigt, diesmal anzutreten, hätte die Regierung die Wahlen womöglich gar nicht abgehalten. Doch das spielt keine Rolle, solange der Nationale Wahlrat vollständig unter Kontrolle der Regierung steht und das Wahlsystem ausgehöhlt ist.

Einige Oppositionspolitiker*innen haben dennoch kandidiert. Warum?
Angetreten sind die Regierungspartei und andere Gruppen, die umgangssprachlich als Alacranes oder Skorpione bezeichnet werden – also Gruppen, die sich als Opposition darstellen, aber unter Kontrolle der Regierung stehen. Ich würde nicht sagen, dass Henrique Capriles (ehemaliger Präsidentschaftskandidat und Kandidat bei dieser Parlamentswahl, Anm. d. Red.) ein alacrán ist, aber Tatsache ist, dass er teilnimmt und damit die Wahlen legitimiert. Sie begründen ihre Teilnahme damit, dass man das Feld nicht kampflos der Regierung überlassen dürfe und dass man Unmut auch durch die Wahl ausdrücken müsse. Aber in einem System, in dem die Regierung entscheidet, wer kandidieren darf und wer nicht, kann man nicht von Demokratie sprechen-

Mütter für die Wahrheit. Foto: Thaís Rodiguez.

Wie organisiert sich die regierungskritische Linke in dieser Situation?
Man kann einiges tun, doch es erfordert große Vorsicht und umfassende Sicherheitsvorkehrungen. Organisierung muss aus den dringendsten Bedürfnissen der Bevölkerung heraus entstehen. Viele Menschen wenden sich von der Politik ab, weil sie nicht erkennen können, dass diese ihre alltäglichen Probleme löst.
Ein zentrales Thema ist der Lohn. Die Gewerkschaftsbewegung wird seit Jahren kriminalisiert und muss sich neu formieren. In den letzten Jahren wurden über 300 Arbeiter*innen strafrechtlich verfolgt – die Hälfte davon allein deshalb, weil sie sich in ihrem Betrieb für bessere Arbeitsbedingungen eingesetzt haben. Die andere Hälfte wurde unter Korruptionsvorwürfen instrumen­ta­­lisiert, während die eigentlichen Verantwort­lichen unbehelligt blieben.
Eine ganze Generation junger Beschäftigter kennt keine Tarifverträge, keine Abfindungen, kein Weihnachtsgeld und keinen Urlaub. Das ist dramatisch. Die regierungskritische Linke muss sich in diesen Bereichen engagieren – nicht nur anführen, sondern begleiten. Denn viele Menschen wollen sich nicht mehr einfach bevormunden lassen. Engagement muss von unten kommen und organisch wachsen.

Wie würdest du die aktuelle Situation der Löhne und der Wirtschaft beschreiben?
Seit Jahren gab es keine Lohnerhöhung mehr. Der reale Mindestlohn liegt bei etwa 1,50 US-Dollar pro Stunde – wenn überhaupt. Die Regierung verteilt zwar viele Bonuszahlungen, aber die haben keine Auswirkungen auf Urlaub, Weihnachtsgeld oder Abfindungen.
Im Land gibt es Ressourcen – trotz aller Einschränkungen durch Sanktionen. Aber sie werden extrem ungleich verteilt: Nur 18 Prozent der Einnahmen gehen an die Arbeitenden, fast 80 Prozent an die neue Bourgeoisie – oft dieselben Politiker*innen der PSUV, die heute eigene Unternehmen besitzen. Die Torte ist kleiner geworden, die Verteilung noch ungerechter.

Am Anfang hast du über ein Klima der Repression gesprochen. Wie organisiert ihr euch dagegen?
Man muss sich organisieren, denn die Repression wird weitergehen. Früher war sie selektiv – oft traf es Unschuldige, etwa Arbeiterinnen ohne politische Bindung. Heute ist sie flächendeckend und systematisch. Das ist die einzige Möglichkeit für eine Diktatur oder Defacto-Regierung, sich trotz massiver Ablehnung an der Macht zu halten. Man muss sich für die Freilassung der Gefangenen einsetzen, für Menschenrechte, gegen Folter, für Meinungsfreiheit, für das Recht auf Gewerkschaften und Parteien, für politische Teilhabe und für das Recht, überhaupt ein Leben zu führen. Denn in Venezuela kann heute jeder willkürlich als Terroristin kriminalisiert werden, einfach, weil man zur falschen Zeit am falschen Ort war.

Proteste in Venezuela. Foto: Thaís Rodiguez.

Du begleitest auch das Komitee der Mütter zur Verteidigung der Wahrheit. Kannst du uns mehr darüber erzählen?
Das Komitee entstand im vergangenen Jahr mit Müttern aus Caracas, deren minderjährige Kinder festgenommen worden waren. Anfangs herrschte große Angst. Sie wurden bedroht: „Wenn ihr an die Öffentlichkeit geht, kommen eure Kinder nie wieder frei“ – das sagten ihnen Gefängniswärter, Richter und Staatsanwälte. Keiner der Jugendlichen erhielt eine eigene Verteidigung. Nach 15 Tagen hieß es plötzlich, die Jugendlichen würden wegen Terrorismus zu zehn Jahren Haft verurteilt. Aus purer Verzweiflung gingen einige Mütter an die Öffentlichkeit – das sorgte landesweit und international für große Aufmerksamkeit. Als der Generalstaatsanwalt darauf angesprochen wurde, tat er so, als wisse er von nichts. Ab diesem Moment schlossen sich immer mehr Mütter dem Komitee an. Inzwischen sind fast 200 Fälle dokumentiert – alle nach dem 28. Juli 2024. Die meisten Minderjährigen wurden im Dezember freigelassen, aber fünf sind noch immer in Haft. Insgesamt wurden fast 160 von ihnen gefoltert. Irgendwann muss es Gerechtigkeit geben. Die Menschenrechtsarbeit in diesem repressiven Klima muss dringend gestärkt werden.

Nach der letzten Wahl schien das Land wie gelähmt. Wie hast du wieder Hoffnung gefasst?
Es ist normal, pessimistisch zu werden, ich selbst war es in den Wochen nach dem 28. Juli 2024. Dann kamen die ersten Kontakte zu den Müttern, und das hat mir wieder Halt gegeben.
Es geht darum, sich zu organisieren, ein soziales Netz zu knüpfen, das bereit ist, zu kämpfen, Hoffnung zu schöpfen, und den Menschen eine neue Erzählung zu geben.
Viele sehen keinen Ausweg, keine Alternative. Wir müssen diese Alternative formulieren.
Maria Corina bleibt bei der Ablehnung, weil sie gar keine Ansprache an die Arbeiter*innen haben kann – ihre Interessen ähneln in vielem denen der Regierung. Deshalb müssen wir präsent sein und sagen: Die Alternative liegt in unseren Rechten. Solange es Leben gibt, gibt es auch den Willen, weiterzumachen.


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Tobias Lambert: Gescheiterte Utopie? Venezuela ein Jahrzehnt nach Hugo Chávez

Nach dem Tod von Ex-Präsident Hugo Chávez und dem Einbruch der Erdölpreise geriet Venezuela in die schwerste Krise seiner Geschichte. Wie konnte es zu dem ungeheuren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Niedergang kommen? Lambert analysiert nicht nur die Zeit seit Chávez’ Tod im Jahr 2013, sondern auch dessen Regierungszeit ab 1999 und die Vorgeschichte. Dabei versucht er, die gängige Polarisierung zwischen: die US-Sanktionen und die Einmischung von außen sind schuld versus die Regierung Maduro und »die Sozialisten« sind verantwortlich, zu vermeiden.

Differenziert zeigt der Autor, wie jenseits demokratisierender Elemente autoritäre Muster bereits unter Chávez begonnen haben. Er veranschaulicht die konkreten Veränderungen der letzten Jahre, analysiert sachlich die Politik von Nicolás Maduro, der bei der diesjährigen Präsidentschaftswahl wiedergewählt werden will, seinen Umgang mit der Opposition und mit Dissidenten sowie die intransparente Privatisierungspolitik. Nicht zuletzt erläutert der Autor die Frage, was vom »Sozialismus des 21. Jahrhunderts« übrig blieb. Das Buch erscheint nach der Präsidentschaftswahl, die für Juli 2024 geplant ist, und beinhaltet eine Analyse des Ergebnisses.

Tobias Lambert berichtet für die LN schon seit Langem aus und über Venezuela, zuletzt zur Wahl 2024.

Tobias Lambert // Gescheiterte Utopie? Venezuela ein Jahrzehnt nach Hugo Chávez // mandelbaum verlag // Oktober 2024 // 238 Seiten // 23 Euro


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Erneute Isolierung droht

Venezolaner*innen in Buenos Aires Proteste nach der Wahl an der venezolanische Botschaft (Foto: Frederic Schnatterer)

Ende August gingen sie wieder auf die Straße. Exakt einen Monat nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl in Venezuela am 28. Juli zeigte sich Oppositionsführerin María Corina Machado in Caracas. „Wir werden dafür sorgen, dass der Chavismus abtritt“, rief sie hunderten Anhänger*innen zu. Wie sie dies umsetzen will, sagte sie nicht. Zeitgleich hielt auch die Regierung Kundgebungen ab. Der Tag zeigte vor allem: Große Massen mobilisiert derzeit keines der beiden Lager. Auf der Straße wird der Machtkampf vorerst nicht entschieden werden.

Auch Anfang September gab es weiterhin zwei völlig verschiedene Versionen des Wahlergebnisses. Laut der offiziellen Verkündung des Nationalen Wahlrates (CNE) hat Amtsinhaber Nicolás Maduro mit 51,95 Prozent gewonnen. Die genauen Ergebnisse aus den Wahllokalen veröffentlichte der CNE jedoch mit Hinweis auf einen vermeintlichen Cyberangriff nicht. Die Opposition geht davon aus, dass ihr Kandidat Edmundo González 67 Prozent der Stimmen geholt hat. Die Zahl ergibt sich aus gut 83 Prozent der ihr zugänglichen Wahlakten, die ihre Zeug*innen in den Wahllokalen als Ausdrucke der Wahlmaschinen erhalten und wenige Tage nach der Wahl im Internet veröffentlicht haben. Regierung beharrt darauf, dass die Akten gefälscht und Teil einebreit angelegten Putschplans seien. Schließlich habe die rechte Opposition in den vergangenen 25 Jahren häufig ohne jegliches Fundament Betrug angeprangert und auf Gewalt gesetzt.

Am 22. April entschied das regierungsnah besetzte Oberste Gericht auf Antrag von Maduro, das vom CNE verkündete Ergebnis sei korrekt. Die Generalstaatsanwaltschaft lud González daraufhin dreimal vor, um sich zu den von der Opposition veröffentlichten Wahlakten zu äußern. Der Ex-Kandidat, der sich seit der Wahl versteckt hält, kam den Vorladungen allerdings nicht nach. Anfang September erließ ein Gericht daraufhin einen Haftbefehl. González wird unter anderem Amtsanmaßung, Aufruf zur Missachtung von Gesetzen und Verschwörung vorgeworfen.

Der CNE ließ indes die gesetzlich vorgeschriebene 30-Tage-Frist zur Veröffentlichung detaillierter Wahlergebnisse verstreichen. Doch selbst wenn der Wahlrat die Zahlen noch veröffentlichen würde, können diese das Ergebnis längst nicht mehr wasserdicht belegen. Denn er ließ nach der Wahl mehrere vorgeschriebene Überprüfungsschritte hinsichtlich der korrekten Übertragung der Ergebnisse ausfallen. Daher kann nur ein Abgleich mit den Wahlakten und möglicherweise den Kontrollausdrucken der einzelnen Stimmen auf Papier das Ergebnis glaubhaft belegen. „Wenn eine Verschwörung existieren würde, um die Regierung mittels gefälschter Wahlakten zu stürzen, gäbe es einen einfachen Weg, die Verschwörer der Lächerlichkeit preiszugeben: die Veröffentlichung der tatsächlichen Akten“, bringt es der regierungskritische Chavist Juan Barreto gegenüber den LN auf den Punkt. Wahlzeug*innen der Regierungspartei PSUV (Vereinte Sozialistische Partei Venezuelas) verfügen über die Kopien sämtlicher Akten, die jeweils individuelle Sicherheitsmerkmale enthalten. Im April 2013 etwa stellte die PSUV eine Woche nach dem knappen Wahlsieg Maduros die digitalisierten Wahlakten online, um das Ergebnis zu belegen. Die Regierung hat sich allerdings auf den Standpunkt zurückgezogen, dass die Wahl nun einmal elektronisch abgehalten werde und die Institutionen für den korrekten Ablauf und die Anerkennung des Wahlergebnisses zuständig seien. Jegliche Forderung nach mehr Transparenz stellt sie unter Generalverdacht, Teil des unterstellten Putschplans seitens der USA und rechten Opposition zu sein.

Die US-Regierung erkannte González als Wahlsieger an, jedoch noch nicht als Präsident. Die EU, sämtliche rechtsgerichtete Regierungen Lateinamerikas sowie die Mitte-Links-Regierungen Chiles und Guatemalas zweifelten das offizielle Wahlergebnis an. Andere Länder mit Mitte-Links-Regierungen wie Brasilien, Kolumbien und Mexiko forderten transparente Zahlen. Dem schlossen sich auch regierungskritische chavistische Sektoren wie die linke Menschenrechtsorganisation Surgentes an (siehe Interview auf S. 9). Rückhalt bekam Maduro hingegen von den Regierungen aus Nicaragua, Kuba, Bolivien und Honduras. Auch Russland, China sowie fast 40 vorwiegend afrikanische und asiatische Länder erkannten das offizielle Wahlergebnis an.

Bereits seit dem Tag nach der Wahl, als es überwiegend spontane und friedliche, aber auch teils gewalttätige Proteste gab, diffamiert die Regierung kritische Stimmen. Maduro erklärte, 2.000 Protestierende in Hochsicherheitsgefängnissen wegsperren zu wollen. Laut der Menschenrechtsorganisation Foro Penal wurden bis zum 26. August fast 1.600 Personen festgenommen, darunter mehrere Oppositionspolitiker*innen, Journalist*innen, Menschenrechtsverteidiger*innen sowie Jugendliche und Kinder. Mindestens 24 Personen kamen laut Medienberichten ums Leben. Menschenrechtsorganisationen sprachen von willkürlichen Festnahmen Oppositioneller sowie Einschüchterungsversuchen.

Viva Venezuela Erwartung der Nachrichten am Wahlabend (Foto: Frederic Schnatterer)

Protestierende werden diffamiert

Chavistische Basisaktivist*innen warfen Oppositionellen vor, chavistische Einrichtungen angegriffen zu haben. Auch kursierten Bilder vom Sturz mehrerer Chávez-Statuen. Anhänger*innen der Regierung gingen in den Tagen nach der Wahl in zahlreichen Städten auf die Straße, um das verkündete Wahlergebnis zu verteidigen. Die kurz aufgeflammten Proteste ließen zwar schnell nach. Oppositionsführerin Machado rief seitdem jedoch regelmäßig zu koordinierten Kundgebungen auf, um die Aussicht auf politischen Wandel aufrechtzuerhalten. Für die Unruhen nach der Wahl macht die Regierung direkt González und Machado verantwortlich. Die beiden Oppositionellen riefen in einer Mitteilung Anfang August das Militär dazu auf, „den Willen der Bevölkerung durchzusetzen“, woraufhin die Generalstaatsanwaltschaft eine Untersuchung gegen sie einleitete. Machado und González verschwanden seitdem weitgehend aus der Öffentlichkeit da sie befürchten, festgenommen zu werden. Die Militärführung stellte sich seit der Wahl mehrfach demonstrativ hinter die Regierung Maduro. Ein Riss innerhalb des Machtapparates war bis Anfang September nicht erkennbar.

Es ist absehbar, dass aus dem Wahlprozess kein breit anerkanntes Ergebnis mehr hervorgehen wird. Die Regierung versucht, die Situation auszusitzen. Ihr Ziel, durch weitgehend anerkannte Wahlen zur politischen Normalität zurückzukehren, kann sie kaum mehr erreichen. Vielmehr droht eine erneute Isolierung Venezuelas, eine verstärkte Hinwendung zu autoritären Regimen und ein repressiver Kurs gegen regierungskritische Stimmen. Die Regierungs­umbildung Maduros Ende August deutet auf eine Verhärtung der Fronten hin. So ernannte er den Hardliner Diosdado Cabello zum neuen Innenminister, der seit Jahren als die Nummer Zwei des Chavismus und vermeintlicher Rivale Maduros gilt. In den vergangenen Jahren hatte er zahlreiche wichtige Positionen im Parlament und der regierenden PSUV inne. Zudem stärkte Maduro im Zuge der Regierungsumstellung sowohl das Militär als auch wirtschaftsliberale Sektoren.

Brasilien, Kolumbien und Mexiko fordern Verhandlungen

Gemeinsam mit dem brasilianischen Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva sowie dem mexikanischen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador zählt die kolumbianische Regierung unter Gustavo Petro zu den wenigen internationalen Akteuren, die möglicherweise auf die Lage einwirken könnten. Die drei Länder forderten nach der Wahl nicht nur ein transparentes Ergebnis, sondern machten sich für einen Verhandlungsprozess stark und verlangten die bedingungslose Aufhebung der Sanktionen. Das Urteil des Obersten Gerichts, welches das Wahlergebnis bestätigte, nahmen Brasilien und Kolumbien lediglich „zur Kenntnis“. Petro ging noch einen Schritt weiter und schlug eine vorübergehende Koalitionsregierung vor, die Neuwahlen vorbereiten solle. Sowohl Regierung als auch Opposition lehnen Petros Vorschläge jedoch ab und erteilen der Idee einer Wahlwiederholung eine Absage. Maduro warf Brasilien und Kolumbien, deren heutige Präsidenten früher als enge Verbündete des Chavismus galten, gar Einmischung in innere Angelegenheiten vor. Als direkte Nachbarländer haben beide vor allem ein starkes Interesse daran, dass sich Venezuela nicht weiter destabilisiert.

Sollte die Dialoginitiative der Mitte-Links-Regierungen scheitern, werden ein Großteil der Opposition und verbündete Staaten ab Beginn der neuen Amtszeit am 10. Januar wohl González als legitimen Präsidenten anerkennen. Möglicherweise steht dieser bis dahin jedoch unter Hausarrest, befindet sich im Gefängnis oder ist im Exil. Dies würde an die Selbsternennung von Juan Guaidó im Januar 2019 erinnern. Diese erfolgte zwar unter anderen Bedingungen, da Guaidó niemals an einer Präsidentschaftswahl teilgenommen hatte. Es droht aber eine vergleichbare Dynamik von internationalem Druck, Verschärfung von Sanktionen und negativen Folgen für die venezolanische Bevölkerung.


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„Dem Wahlergebnis fehlt Glaubwürdigkeit”

Wie beurteilen Sie die vom Nationalen Wahlrat verkündeten Wahlergebnisse?
Wir sind der Meinung, dass völlige Intransparenz und ein Mangel an Glaubwürdigkeit in den offiziellen Ergebnissen des CNE vorherrschen. Der Versuch von Präsident Maduro, beim Wahlausschuss des Obersten Gerichtshofs (TSJ) einen Antrag zu stellen, um angeblich die Ergebnisse zu prüfen, hat dieses Ziel nicht erreicht. Im Gegenteil, es hat nur noch mehr Unklarheit über den gesamten Prozess geschaffen.

Warum bezweifeln Sie die Glaubwürdigkeit der vom CNE verkündeten Ergebnisse und das Urteil des TSJ?
Zunächst einmal ist es nicht die Aufgabe des Obersten Gerichtshofs, die Wahlergebnisse offiziell bekannt zu geben, sondern die des CNE selbst. Der Oberste Gerichtshof hat lediglich ein Bulletin des CNE unterstützt, dessen Zahlen jedoch nicht durch konkrete Belege oder die Ergebnisse, die die Menschen an den Wahlurnen sahen, gestützt werden. Zudem wurden nicht alle Prüfungssysteme des venezolanischen Wahlsystems angewandt – ein System, das allgemein für seine Zuverlässigkeit und die verschiedenen digitalen Kontrollen und Prüfungen anerkannt ist. Diese elektronischen Systeme wurden vom TSJ nicht genutzt, um die Ergebnisse zu bestätigen.
Wir glauben nicht, dass dieses juristisch-politische Manöver mehr Transparenz über den Prozess gebracht oder die großen Zweifel, die heute über die Wahlergebnisse bestehen, ausgeräumt hat. Der CNE blieb praktisch verschlossen, er schloss seine Türen nach dem ersten Bulletin in den frühen Morgenstunden, ohne dass alle Auszählungsprotokolle vollständig zusammengestellt worden waren.
Es gibt auch andere empirische Beweise: Menschen aus den ärmeren Schichten, die lange Zeit die Hochburgen der chavistischen Wählerschaft waren, geben offen zu, dass es eine massive Abstimmung gegen die Regierung von Maduro gab. Die Menschen wissen, was an den Wahlurnen passiert ist und haben ihre Unzufriedenheit mit den verkündeten Ergebnissen durch eine Reihe von Protesten und anderen Formen zum Ausdruck gebracht.

Wie verliefen die Proteste nach den Wahlen?
Die Proteste, die nach den Wahlen stattfanden, hatten zwei wesentliche Merkmale. Erstens waren es Massenproteste mit einer bedeutenden Mobilisierung jener Bevölkerungsgruppen, die traditionell die Hochburgen des Chavismus waren. Zweitens waren sie friedlich. Wir leugnen nicht, dass es bei einigen von ihnen zu Gewalt kam, aber die Mehrheit der Proteste war friedlich. Empörte Menschen, die wussten, was in vielen dieser Wahllokale abgelaufen war, wo der Unterschied zugunsten der Opposition überwältigend war, und die spürten, dass die offiziellen Ankündigungen des CNE diesen Willen missachteten, gingen auf die Straßen und demonstrierten auf friedliche Weise.
Die Venezolanische Beobachtungsstelle für soziale Konflikte berichtet, dass es in den ersten zwei Tagen, dem 29. und 30. Juli, 915 Proteste gab, von denen nur 138 gewalttätig waren. Das heißt, über 80 Prozent der Proteste waren friedlicher Natur.

Wie reagierte die Regierung auf die Proteste?
Die Reaktion der Regierung bestand darin, alle Proteste zu kriminalisieren und das Recht auf freie und friedliche Demonstrationen zu negieren. Sie nutzen die Repressionsmittel des Staates, um die Proteste zu unterdrücken. Die vom Präsidenten selbst anerkannten Zahlen sprechen von über 2.000 Festnahmen innerhalb einer Woche. In den Reden der Regierung hieß es, dass alle Demonstranten bezahlte, unter Drogen stehende Personen seien, die von der Opposition instrumentalisiert würden.
Hier bestätigt sich eine langjährige Praxis des Justizsystems, die wir immer wieder anprangern, da wir Fälle von jungen Menschen aus armen Vierteln begleiten, die ohne gerichtlichen Beschluss verhaftet, isoliert und von Rechtsanwälten und ihren Familienangehörigen ferngehalten werden. Ihnen werden schwere Straftaten wie Terrorismus, kriminelle Verschwörung, Hochverrat oder Anstiftung zum Hass vorgeworfen. Insbesondere die Gesetze zur Anstiftung zum Hass und zum Terrorismus sind relativ neue Gesetze, die hohe Strafen zwischen 10 und 30 Jahren vorsehen.

Wer findet sich auf der Anklagebank wieder?
Viele der Fälle, die derzeit angeklagt werden, betreffen Menschen mit Behinderungen, Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren, die des Terrorismus beschuldigt werden, obwohl sie lediglich protestiert haben und vielleicht sogar einen Stein geworfen haben, aber nicht Teil einer terroristischen Struktur sind. Dennoch werden sie nach diesen Gesetzen angeklagt.
Es stimmt auch, dass es gezielte Festnahmen von Oppositionsführern gab, die derzeit inhaftiert sind. Diese gezielteren Verhaftungen wurden auch in den Bezirken durchgeführt, in denen der Unmut über die verkündeten Ergebnisse des CNE besonders groß war.
Es gibt auch Berichte von Menschen, die auf der Straße von Polizeibeamten festgenommen wurden, die offen ihre Telefone überprüften und sie auf Grundlage dessen, was sie auf WhatsApp fanden, festnahmen. Dies ging einher mit einer Reihe von Entlassungen im öffentlichen Dienst, bei denen Menschen entlassen wurden, weil sie protestiert oder nicht gewählt hatten. Ebenso wurden mehrere wichtige Journalistinnen und Journalisten festgenommen.

Wie beeinflusst diese Reaktion der Regierung das tägliche Leben im Land?
Die Menschen leben in Angst. Neben der Repression durch die staatlichen Sicherheitskräfte, woran sowohl die Polizei als auch die Nationalgarde beteiligt sind, gibt es auch bewaffnete Zivile, die sowohl einschüchtern als auch häufig Menschen festnehmen, die an Protesten beteiligt sind. Das sorgt dafür, dass die Menschen sehr eingeschüchtert sind und die Proteste auf der Straße nach zwei oder drei Tagen nach den Wahlen aufgehört haben.

Gibt es derzeit noch Festnahmen?
Ja, die Festnahmen, die derzeit stattfinden, sind eher gezielte Festnahmen. Sie sind nicht mehr so massiv wie in der ersten Woche, in der sie im Kontext von Protesten stattfanden, sondern es handelt sich um gezielte Festnahmen, die auch in den Wohnungen der Betroffenen durchgeführt werden.

Nichtregierungsorganisationen sprechen von über 20 Toten als Folge der Proteste nach den Wahlen. Können Sie uns mehr darüber erzählen?
Wir führen eine Aufzeichnung der Todesfälle und zählen bis heute [26. August] 26 Todesfälle bei Protesten. Bei den meisten gibt es keinen identifizierten Täter. Mindestens 38 Prozent dieser Todesfälle gehen jedoch auf das Konto von staatlichen Organen oder bewaffneten Zivilen, die im Namen des Staates gehandelt haben. Dies ist eine sehr ungefähre Zahl, da wir davon ausgehen können, dass viele der nicht identifizierten Todesfälle auf staatliche Akteure zurückzuführen sind.
Die Aussagen des Generalstaatsanwalts, der alle Todesfälle während der Proteste der Opposition zuschreibt, sind also nicht wahr. In diesem Moment wäre es erforderlich, dass all diese Todesfälle gründlich und unabhängig untersucht werden, um die Verantwortlichen zu ermitteln und entsprechende Sanktionen zu verhängen.
Man muss auch sagen, dass es unter den Oppositionsgruppen, wie es in solchen Fällen immer vorkommt, sehr gewalttätige Aktionen gegeben hat. Es wurden zwei Frauen, Gemeindeführerinnen der Strukturen der PSUV (der Partei von Präsident Maduro), ermordet. Es gab auch andere Gewaltakte, wie zum Beispiel den versuchten Lynchmord in einem kommunalen Radiosender. Diese Vorfälle zeigen, dass es Gewalt gegeben hat, die jedoch nicht die Mehrheit der Proteste ausmacht. Es sind Fälle, die aufgetreten sind, angeprangert und untersucht werden müssen, die aber nicht das allgemeine Bild der Proteste prägen.

Es sind noch vier Monate bis zum 10. Januar, dem Beginn der neuen Amtszeit des Präsidenten. Was erwarten Sie bis dahin?
Die Missachtung des Volkswillens ist schwerwiegend und lässt sich nicht so einfach beenden. Es werden schwierige Monate sein, in denen die Herausforderungen des Alltags für die Menschen weiterhin bestehen bleiben. Es gibt keine Aussicht auf eine Verbesserung der Löhne, der öffentlichen Dienstleistungen, der Gesundheitsversorgung oder der Bildung. Die Ergebnisse lassen nicht darauf schließen, dass sich die Lebensbedingungen der Menschen verbessern werden.


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„Die Partei ruft dazu auf, gegen die Regierung zu stimmen“

Der Wahlkalender ist weit fortgeschritten. Das Nominierungsverfahren für Präsidentschaftkandidat*innen ist bereits abgeschlossen. Die Kommunistische Partei Venezuelas (PCV) war eine der Parteien, die Schwierigkeiten hatten, ihren Kandidaten anzumelden. Welche Schwierigkeiten gab es?
Wir wurden gleich zweimal Opfer eines Angriffs. Zunächst wurde gegen unsere Partei im August letzten Jahres gerichtlich interveniert. Ziel war es, linke Sektoren wie uns aus dem Präsidentschafts- und Parlamentswahlprozess des kommenden Jahres herauszuhalten.
Im Februar dieses Jahres hat der Nationale Wahlrat (CNE) abrupt einen vorgezogenen Zeitplan angekündigt, wodurch alle Fristen verkürzt wurden. Trotzdem haben mehrere linke Organisationen, darunter die Kommunistische Partei, beschlossen, bei diesen Wahlen mit einem unabhängigen Kandidaten, dem Journalisten Manuel Isidro Molina, anzutreten. Hier setzt der zweite Angriff auf die PCV an. Der CNE erlaubt keine Zulassung einer Partei, die eine alternative linke Kandidatur vorschlagen könnte.

Was geschah als euer Kandidat sich anmelden wollte und was sagt das über den aktuellen Wahlprozess aus?
Unser Kandidat erhielt Unterstützung durch die Wahlkarte der Partei Nueva Visión para mi País oder NUVIPA, die auf der ersten Liste als berechtigt aufgeführt war, aber keinen Zugang zur Online-Registrierung hatte. Am 25. März um Mitternacht schloss der Prozess, und die Registrierung konnte nicht abgeschlossen werden. Daran sieht man die Manipulation des gesamten Prozesses von Anfang bis Ende, von der Anerkennung der Parteien für die Wahl bis hin zum Nominierungsprozess. Diese ganze künstliche Komplexität ist auf die Schwierigkeiten zurückzuführen, mit denen der offizielle Kandidat der Sozialistischen Einheitspartei Venezuelas bei diesen Wahlen konfrontiert ist. Wir sprechen davon, dass der Kandidat, der derzeitige Präsident Nicolás Maduro, eine Ablehnungsrate von etwa 80 Prozent erreicht. Unserer Ansicht nach wollte die Regierung mit diesen Maßnahmen die absolute Kontrolle darüber haben, welche Kandidaten sich bewerben werden.

Mitte April endete der Zeitraum für die Eintragung der Bürger*innen ins Wahlregister. Wie verlief dieser Prozess und wie schätzen Sie die politische Stimmung in der Bevölkerung ein?
Im Wahlkalender war ein Zeitraum für eine Registrierungskampagne vorgesehen. Aber dieser Anmeldeprozess begann, ohne dass jemand wusste, wo die Registrierungsstellen waren. Es gab Beschwerden aus Regionen, in denen diese Stellen sehr spät eingerichtet wurden oder die Registrierung lange Zeit dauerte und die Warteschlangen sehr lang waren. Es war ein Mechanismus, um die Menschen zu zermürben und sie von der Teilnahme abzuhalten. Die Regierung wendet all diese Maßnahmen absichtlich an, um die Bevölkerung zu entmutigen und die Nichtteilnahme zu erhöhen, so dass sie die Präsidentschaft gewinnen kann, obwohl sie in der Minderheit ist. Dennoch konnten sie die Anspruchshaltung der Bevölkerung bezüglich ihrer Teilnahme nicht verringern. Die Bestrebungen, wählen zu gehen und das Stimmrecht als Instrument für Veränderungen zu nutzen, sind weiterhin hoch.

Was denken Sie über das rechte Oppositionsbündnis und María Corina Machado?
Wir haben klargestellt, dass sich weder die MUD noch die Regierung, also die beiden Pole, wesentlich voneinander unterscheiden. Denken wir daran, dass die Parteien der MUD die Parteien der traditionellen großen Unternehmensverbände sind. Und diese Unternehmensverbände haben heute Allianzen mit der Regierung. Tatsächlich wird die Arbeitsmarktpolitik, die die Regierung anwendet, von der Bourgeoisie und ihren Parteien unterstützt. Der Streit liegt im Politischen: Wer übernimmt die politische Kontrolle über den Staat? Was wir sehen, ist, dass es jetzt einen intensiven Verhandlungsprozess gibt, der zu einem Übergang führen wird, bei dem sich diese Gruppen die politische und wirtschaftliche Macht aufteilen, was sie bereits jetzt schon tun. Aber in neuer Form.
Bis vor kurzem war Maria Corina Machado im Land noch ein Niemand, und jetzt wird sie als große Hoffnungsträgerin dargestellt. Aber wir wissen alle, dass María Corina aus den extremen Kreisen der venezolanischen Bourgeoisie und der Oligarchie stammt. Die Regierung hat mit der Krise dazu beigetragen, dieses Phänomen zu stärken, und auch durch die Fehler, die sie mit der Verletzung politischer und demokratischer Rechte begangen hat.

Was schlagen Sie vor, was die Venezolaner*innen bei den Präsidentschaftswahlen tun sollten?
Die Partei ruft dazu auf gegen die Regierung zu stimmen, denn die Regierung verkörpert eine autoritäre Form der Verwaltung. Es wird versucht, Anpassung durch politische Repression gegen die Arbeiterklasse durchzusetzen. Das zeigt sich in der Abschaffung von Rechten wie dem Streikrecht, der Einschränkung gewerkschaftlicher Freiheiten und der Kriminalisierung und gerichtlichen Verfolgung von Arbeitskämpfen. Aber ohne die Illusion zu haben, dass, wenn eine dieser anderen Kräfte gewinnt, alle unsere Probleme gelöst werden.

Wie organisiert sich die kritische Linke in Venezuela jenseits der Wahlen?
Wir treiben einen Versuch voran, einen Referenzrahmen für die Zusammenführung der Linken zu schaffen, einschließlich breiter Sektoren des sogenannten kritischen Chavismus. Es gab große Abspaltungen von der Regierungspartei PSUV, weil das Programm, das Maduro umsetzt, völlig im Widerspruch zur Politik von Hugo Chávez steht.
Die Gefahr, dass die autoritäre Regierung weiter gestärkt wird, bleibt bestehen, denn wenn die Arbeiterklasse nicht die Kraft hat, dagegen zu kämpfen, dann wird eine neue Regierung einer anderen Kraft und in Koalition mit der derzeitigen Bourgeoisie weitere Anpassungsmaßnahmen durchführen und − wenn nötig − noch repressiver agieren.


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Stefan Peters: Sozialismus des 21. Jahrhunderts in Venezuela

Am Beginn des 21. Jahrhunderts ruhten die Hoffnungen auf Veränderungen
wieder einmal auf Lateinamerika. Die dortige Linkswende markierte das
«Ende des Endes der Geschichte» und in Venezuela wurde unter Präsident
Hugo Chávez der Sozialismus wieder salonfähig. Mit
dem Rückenwind kräftig steigender Rohstoffpreise gelangen der
Bolivarischen Revolution von Chávez nicht nur vielbeachtete soziale
Entwicklungserfolge, sondern auch die Wirtschaft erreichte hohe
Wachstumsraten. Der karibische Sozialismus schien sich positiv von den
gescheiterten Modellen des «real existierenden Sozialismus» abzuheben.
Doch bald wurden die Erfolgsmeldungen spärlicher und Nachrichten von
Verschwendung, Korruption sowie zunehmenden autoritären Tendenzen
untergruben den Modellcharakter. Spätestens mit dem Tod des comandante
im März 2013 und dem Einbruch der Erdölpreise
begann der Niedergang der Bolivarischen Revolution. Allerdings bleiben
viele bisherige Analysen an der Oberfläche, beschreiben oft nur
genüsslich das Missmanagement der Regierung und scheitern an einem
besseren Verständnis der Besonderheiten der Erdölgesellschaft
Venezuelas.

Das Buch verbindet die Analyse der Bolivarischen Revolution in Venezuela
mit Einblicken in die Funktionsweise von erdölbasierten
Rentengesellschaften. Es bietet Einblicke in die Praxis des Sozialismus
des 21. Jahrhunderts, nimmt eine kritische Würdigung der Erfolge des
Chavismus vor und analysiert die Gründe des Scheiterns der Bolivarischen
Revolution.
Auf dieser Grundlage wird die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen revolutionärer
Veränderungen in rohstoffreichen Ländern des Globalen Südens diskutiert,
bevor die Zukunftsszenarien für Venezuela ausgeleuchtet werden.

Eine Rezension des Buches erschien in LN 537.

Stefan Peters // Sozialismus des 21. Jahrhunderts in Venezuela. Aufsteig und Fall der Bolivarischen Revolution von Hugo Chávez // Schmetterling Verlag // 2019


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Dialog und Dollar

Petro in Caracas Gespräche zwischen dem kolumbianischen und dem venezolanischen Präsidenten im März 2023 (Foto: Presidencia de Colombia via Flickr , CC BY-SA 4.0)

Es ist ein ambitioniertes Vorhaben. Ende April versammelte der kolumbianische Präsident Gustavo Petro in Bogotá Delegationen aus 19 Ländern und der Europäischen Union, um über eine mögliche Wiederaufnahme des Dialogs in Venezuela zu sprechen. Anwesend waren unter anderem Vertreter*innen aus den USA, Deutschland, Mexiko, Norwegen, der Türkei sowie mehrerer lateinamerikanischer Länder. Aus Venezuela selbst nahm niemand an dem Gipfel teil. Vertreter*innen der Opposition hatten sich im Vorfeld jedoch mit Petro getroffen und die Regierung von Nicolás Maduro drückte öffentlich ihre Unterstützung für das Treffen aus. Greifbare Ergebnisse brachte dies zunächst nicht, eine gemeinsame Abschlusserklärung blieb aus. Die kolumbianische Regierung formulierte jedoch das Ziel, einen verbindlichen Fahrplan für transparente Wahlen sowie die Aufhebung aller Sanktionen gegen Venezuela zu erreichen. Zudem setzt sich Petro dafür ein, dass Venezuela wieder Teil des Interamerikanischen Menschenrechtssystems wird. „Amerika kann kein Raum für Sanktionen sein. Es muss ein Raum der Freiheit und Demokratie sein“, betonte der kolumbianische Präsident. Diese Position hatte Petro seinem US-amerikanischen Amtskollegen Joe Biden bereits bei einem US-Besuch am 20. April übermittelt.

Der kolumbianische Präsident versucht als moderater Linker sowohl zu den Regierungen in Caracas und Washington, als auch zur venezolanischen Opposition einen guten Draht aufzubauen. Aufgrund der venezolanischen Migration und aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus hat er ein genuines Interesse an einem politisch und ökonomisch stabilen Nachbarland. Um konkrete Schritte zu vereinbaren, will Petro in Kürze nach Venezuela reisen und sich dort mit Regierung und Opposition treffen.

An dem Treffen in Bogotá nahmen 19 Staaten teil, jedoch niemand aus Venezuela

Die venezolanische Regierung begrüßte Petros Vorstoß prinzipiell, knüpfte die mögliche Wiederaufnahme des Dialoges jedoch an Bedingungen. Neben der Aufhebung der Sanktionen zählt dazu die Freigabe von drei Milliarden US-Dollar aus eingefrorenen Geldern Venezuelas, die dann unter UN-Verwaltung für soziale Belange verwendet werden sollen. Darauf hatten sich Regierung und Opposition bei ihrem letzten Treffen im vergangenen November geeinigt. Die USA hatten die Sanktionen auf den Erdölsektor damals leicht gelockert. Der Energiekonzern Chevron darf über seine vier Joint Ventures mit dem venezolanischen Staatsunternehmen PDVSA seitdem wieder venezolanisches Erdöl in die USA exportieren, die Einnahmen werden mit bestehenden Schulden verrechnet. Doch die vereinbarten drei Milliarden US-Dollar sind bis heute blockiert, der Dialog liegt nach diesem kurzen Tauwetter erneut auf Eis. Darüber hinaus fordert die venezolanische Regierung die Freilassung des in den USA inhaftierten kolumbianischen Geschäftsmanns Alex Saab. Dieser hatte im Auftrag der venezolanischen Regierung unter anderem den Import von Lebensmitteln unter Sanktionsbedingungen abgewickelt (siehe LN 569/570).

Überschattet wurde das Treffen in Kolumbien von der Personalie Juan Guaidó. Der ehemalige selbsternannte Interimspräsident Venezuelas war über die grüne Grenze nach Kolumbien eingereist, um laut eigenen Angaben an dem Venezuela-Gipfel teilzunehmen. Das kolumbianische Außenministerium erklärte jedoch prompt, Guaidó sei überhaupt nicht eingeladen. Dieser reiste anschließend nach Miami weiter und beklagte, aus Kolumbien ausgewiesen worden zu sein. Petro widersprach: „Offensichtlich wollte ein politischer Sektor den freien Verlauf der internationalen Konferenz zu Venezuela stören“, erklärte der kolumbianische Präsident. Es habe jedoch einen Deal gegeben, wonach Guaidó in die USA einreisen durfte. Kolumbien habe Transit gewährt, anstatt ihn nach Venezuela zurückzuschicken, obwohl Guaidó nicht offiziell eingereist sei. Guaidó selbst erklärte, vorerst kein Asyl beantragen zu wollen, sondern sich als Besucher in den USA aufzuhalten. In Venezuela allerdings fürchte er derzeit um seine Sicherheit.

Zuletzt mehrten sich die Gerüchte über einen bevorstehenden Haftbefehl. Dass Guaidó bisher auf freiem Fuß geblieben ist, war stets eine politische, keine juristische Entscheidung. Nach rechtsstaatlichen Kriterien hätte ihm nach mehreren Umsturzversuchen und Korruptionsfällen längst ein Prozess gemacht werden können. Die Regierung wollte ihn anscheinend bisher bewusst nicht belangen, weil dies international für weitere Spannungen gesorgt hätte und Guaidó eine so schwache Performance abgeliefert hat, dass er der Regierung mehr nützte, wenn er Oppositionsführer bleibt. Das ist er schon längst nicht mehr. Anfang des Jahres wählte ihn das Parlament von 2015, das sich nach wie vor zu digitalen Sitzungen trifft und von der US-Regierung als „letzte demokratische Institution Venezuelas“ anerkannt wird, sogar offiziell ab (siehe LN 584). In den Umfragen zur Vorwahl, mit denen die Opposition am 22. Oktober 2023 über eine gemeinsame Präsidentschaftskandidatur entscheiden will, spielt er keine Rolle.

Dass Guaidó bisher auf freiem Fuß geblieben ist, war stets eine politische, keine juristische Entscheidung

In Venezuela sieht sich die Regierung seit Mitte März indes mit einem massiven Korruptionsskandal konfrontiert. Durch die aufgrund der Sanktionen völlig intransparente Zahlungsabwicklung sollen im Erdölsektor mindestens drei Milliarden US-Dollar veruntreut worden sein. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge gehe aus internen Unterlagen hervor, dass dem venezolanischen Staat seit 2020 gar mehr als 20 Milliarden US-Dollar an Einnahmen entgangen sind, weil Zwischenhändler*innen das erhaltene Rohöl nicht bezahlten. Bis Ende April wurden laut offiziellen Angaben 61 Personen verhaftet. Darunter befinden sich drei Richter, ein Bürgermeister, ein ehemaliger Abgeordneter der Regierungspartei, der bisherige Leiter der Aufsichtsbehörde für Kryptowährungen Sunacrip, sowie zahlreiche Geschäftsleute und Funktionär*innen des staatlichen Erdölkonzerns PDVSA und des staatlichen Metallverabeitungskonglomerats Corporacion Venezolana de Guayana (CVG). Zudem liegen mindestens 20 weitere Haftbefehle vor. Einer der Beschuldigten, Leoner Azuaje, wurde in einer Haftzelle des Geheimdienstes Sebin tot aufgefunden. Laut einer Untersuchung der Generalstaatsanwaltschaft soll er Selbstmord begangen haben.

Erdölminister Tareck El Aissami war infolge der Ermittlungen bereits am 22. März zurückgetreten. Er kündigte an, die Aufklärung der Korruptionsfälle „voll und ganz zu unterstützen“. Angeklagt ist er selbst anscheinend nicht. Laut Gerüchten befindet er sich im Hausarrest, in der Öffentlichkeit hat er sich seitdem nicht mehr geäußert. El Aissami ist ein langjähriger chavistischer Funktionär, der bereits viele wichtige Posten bekleidete und als machtvoller Akteur innerhalb der Regierung galt. Präsident Maduro ersetzte ihn durch den Militär Pedro Rafael Tellechea, der seit Anfang des Jahres bereits den Erdölkonzern PDVSA leitet. Damit erhält das Militär noch mehr Einfluss innerhalb der Regierung und vor allem innerhalb des Erdölsektors, der praktisch sämtliche Devisen des Landes erwirtschaftet. Die Streitkräfte stellten sich hinter die Korruptionsermittlungen, auch wenn sich unter den Verhafteten mehrere Militärs befinden.

Dass es jetzt zu Korruptionsermittlungen kommt, ist erstaunlich. In den letzten Jahren war es in der Regel so, dass nur dann Ermittlungen gegen Chavist*innen eingeleitet wurden, wenn diese bereits mit der Regierung gebrochen hatten. Was nun genau dahinter steckt ist nicht ganz klar, die Opposition geht von Machtkämpfen innerhalb des Chavismus aus. Die Probleme bei PDVSA waren allgemein bekannt, die Regierung ignorierte sie jedoch bis zuletzt. Bereits 2020 hatten zwei junge Mitarbeiter*innen des Konzerns, Aryenis Torrealba und Alfredo Chirinos, beispielsweise auf Missstände und Korruption hingewiesen. Daraufhin wurden sie zunächst der Spionage bezichtigt, inhaftiert und standen zuletzt unter Hausarrest. Chavistische Basisorganisationen setzten sich jahrelang für die Beiden ein, Anfang April erhielten sie schließlich ihre Freiheit zurück. Dass El Aissami und andere Regierungsmitglieder von der Korruption innerhalb von PDVSA nichts gewusst haben sollen, gilt als höchst unwahrscheinlich. Auch dass zahlreiche amtierende Funktionär*innen plötzlich in enormem Reichtum leben, der mit ihren offiziellen Gehältern kaum zu erklären ist, dürfte niemandem entgangen sein.

Im Erdölsektor sollen mindestens drei Milliarden US-Dollar veruntreut worden sein

Korruption ist im Erdölland Venezuela seit Jahrzehnten ein großes Problem. Hugo Chávez gewann 1998 nicht zuletzt deshalb die Wahl, weil er im Gegensatz zu seinen Kontrahent*innen als nicht korrumpierbar galt. Während des Rohstoffbooms ab 2003 wurden jedoch viele Milliarden US-Dollar veruntreut, ohne dass Funktionär*innen zur Rechenschaft gezogen wurden. In den letzten Jahren sanken die staatlichen Einnahmen allerdings rapide, die Veruntreuung von Geldern fällt nun stärker ins Gewicht. Gründe dafür sind gefallene Erdölpreise, gesunkene Fördermengen, ausgebliebene Investitionen und die ab 2017 schrittweise verhängten US-Sanktionen. Diese führten dazu, dass venezolanische Erdölgeschäfte immer intransparenter abgewickelt wurden.

Maduro kündigte an, die korrupten Strukturen innerhalb des Staates restlos aufzudecken. Ende April verabschiedete das Parlament ein Gesetz, dass es künftig erlaubt, Besitztümer korrupter Personen zu beschlagnahmen. Im Zuge der laufenden Ermittlungen sollen laut Regierungsangaben bereits mehr als 1.000 Besitztümer beschlagnahmt worden sein, darunter Luxusapartments, Autos und Privatflugzeuge.


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