„Unzählige Hindernisse und Enttäuschungen”

Veronica Rosas Valenzuela. Foto: privat

Bevor wir über sein Verschwinden sprechen: Wer ist Diego? Wie erinnerst du dich an ihn? Welche Träume hatte Diego und welche habt ihr als Familie geteilt?

Diego ist mein einziger Sohn. Er war ein Kind, das ich mir sehr gewünscht habe. Er war ein sehr gesundes Kind, fröhlich und voller Energie und Liebe. Schon als kleines Kind mochte er Sport, das hat ihn erfüllt – und mich auch. Etwas, das wir beide schon von klein auf gemeinsam hatten, ist die Liebe zum Kino. Ich glaube, das habe ich ihm vererbt. Er war ein sehr gut erzogenes Kind. Wir hatten die Regel, dass er meine Anrufe immer annehmen musste, er hat sich immer daran gehalten. Unglücklicherweise bat er mich eines Freitags um Erlaubnis, ausgehen zu dürfen. Dieser Tag hat unser Leben bis heute verändert.

Am 4. September 2015 wurde Diego entführt und gilt seitdem als verschwunden. Wie haben die Behörden reagiert, als du angefangen hast nach ihm zu suchen?

Ich habe mich auf die Behörden verlassen, denn wir haben uns genau an die Behörden gewandt, die für den Bereich der Entführungen zuständig sind. Sie sagten uns, wir sollten tun, was die organisierten Kriminellen von uns verlangen. Auch nachdem Diego nicht freigelassen wurde, hielten die Behörden uns in der Hoffnung, dass sie ihn Tage später freilassen würden. Unsere Hoffnung blieb noch etwa einen Monat, während wir angehalten wurden nichts zu tun. Wir taten alles, was die Behörden von uns verlangten. Auch taten wir alles, was die Entführer von uns verlangten, aber sie hielten ihr Versprechen nicht ein. Sie brachten Diego nicht zurück.

Viele Familien berichten, dass sie nicht nur mit dem Verschwinden eines geliebten Menschen zu kämpfen haben, sondern auch mit der Gleichgültigkeit oder Untätigkeit der Behörden. Wie war die Erfahrung in deinem Fall? Welche Hindernisse habt ihr als Kollektiv bei der Suche nach euren Angehörigen erlebt?

Von Anfang an stößt man auf unzählige Hindernisse und Enttäuschungen. In unserem Fall haben wir uns an die zuständigen Behörden gewandt, und bis heute haben wir Diego nicht wiedergefunden. Ich halte dies bereits für ein institutionelles Versagen, das ungelöst bleibt, während die Gewalt im Land weiter zunimmt.
Bei den Behörden mangelt es an Ressourcen, wodurch von Anfang an Personal fehlt. Die Ermittlungen, die angestellt werden, sind reine administrative Ermittlungen. Höchstens werden die Vermisstenanzeigen über die Person verbreitet – manchmal nicht einmal das, wir müssen es selbst tun. Es werden keine Sofortmaßnahmen ergriffen. Es gibt keine richtigen Ermittlungen, und ohne Ermittlungen gibt es keine Strafverfolgung.

Was bedeutet es für euch, dass die Familien in vielen Fällen selbst die verschiedenen Suchmaßnahmen durchführen müssen, die eigentlich den Behörden obliegen sollten?

Das ist wirklich emotional sehr belastend. Ich will das mal anhand Diegos Fall verdeutlichen: Um eine Suchaktion für Diego auf die Beine zu stellen, müssen alle Behörden einbezogen werden – das sind die Sonderstaatsanwaltschaft, die Suchkommissionen und die Suchteams, die alle im Laufe der Jahre dank des Engagements der Familien entstanden sind. Wir sind die, die Suchaktionen vorantreiben. Es dürfte so nicht sein, dass die ganze Verantwortung an uns hängen bleibt, aber uns bleibt nichts anderes übrig, als sie zu übernehmen.
Eine Suche auf die Beine zu stellen ist schwierig, denn weil es keine Sofortmaßnahmen und dadurch keine Ermittlungsansätze gibt, wissen wir oft nicht in welcher Richtung wir suchen sollen, selbst wenn wir einen Ermittlungsansatz haben. Die Behörden, die Beauftragten der Suchkommission und die Staatsanwält*innen entziehen sich oft ihrer Verantwortung. Man kommt am Ort der Suche an und die Ausrüstung an Werkzeugen und Personal fehlt. Wir hören nicht auf, eine Verantwortungsübernahme von den Behörden einzufordern, aber können gleichzeitig nicht darauf warten, dass sie das Problem für uns lösen.

Mit welchen Gefahren seid ihr bei der Suche konfrontiert?
Es ist sehr wichtig, die Unsicherheit hervorzuheben, der wir ausgesetzt sind, wenn wir uns auf die Suche begeben. Auch in Mexiko wurden bereits mehrere suchende Mütter getötet. Im Fall des Kollektivs kam es leider auch zur Entführung und letztendlich Mord zweier unserer Mitstreiter*innen. Und auch dies will der Staat nicht anerkennen, dass die Suche ein Risiko für uns darstellt. Es wurde keine Gerechtigkeit für diese Familien erreicht, die hinausgehen und sich dieser Situation stellen mussten. Außerdem haben Gruppen der organisierten Kriminalität in den Kontexten in denen wir suchen oft die Oberhand, und es kann zu Territorialkämpfen zwischen Gruppierungen kommen. Bei einigen Suchaktionen mussten wir als Gruppe fliehen. An all den Orten, an denen wir im Bundesstaat Mexiko suchen, finden wir immer wieder Leichen. Bedauerlicherweise hat sich Mexiko landesweit zu einem einzigen Massengrab entwickelt.

Seit die Suche begann, hatte Mexiko drei verschiedene Regierungen: Peña Nieto (PRI), López Obrador und Sheinbaum Pardo (Morena). Was hat sich für die suchenden Familien geändert und was bleibt der Staat schuldig?
Die Zahl der Verschwundenen ist über alle drei Legislaturperioden gestiegen, aber gerade in der aktuellen Regierungsperiode ist die Situation meiner Meinung nach am gravierendsten. Denn man beschönigt die Tatsachen und versucht, das Verschwinden der Menschen aus dem gesellschaftlichen Blickfeld zu verdrängen. Sie haben die tatsächliche Gewaltsituation einfach verschleiert und unseren würdigen Kampf diskreditiert mit der Behauptung, dass wir einer politischen Partei naheständen oder dass unsere Kinder von sich aus abhauen würden.
Sie versuchen diese uns alltägliche Krise herunterzuspielen, weil sie das Ausmaß der Gewalt nicht anerkennen wollen. Außerdem werden die Institutionen, die für die Strafverfolgung und die Suche nach verschwundenen Personen zuständig sind, keine ausreichenden Mittel zur Verfügung gestellt. Das Verschwindenlassen wurde in Mexiko normalisiert. Ich sehe darin auch eine Botschaft an die Täter: Es wird keine Strafverfolgung geben.

Welche Rolle kann neben den staatlichen Institutionen die Zivilgesellschaft spielen, um die Familien zu begleiten und zu verhindern, dass sich das Verschwinden von Menschen in Mexiko normalisiert?
Genau dieser staatliche Diskurs, der sich gesellschaftlich durchgesetzt hat, macht es uns bisher sehr schwer. Es ist sehr bedauerlich, dass viele nicht erkennen wollen, dass die Absicht der Familien und auch der Kollektive nicht nur darin besteht, unsere geliebten Menschen zu suchen. Sie besteht auch darin, ein Land aufzubauen, in dem für alle weniger Leid herrscht.
Man stößt auf so viel Gleichgültigkeit, aber ich sehe auch Hoffnung. Ich spreche von den jüngsten Aktionen im Rahmen der Weltmeisterschaft, bei denen ich tatsächlich eine große Resonanz seitens der Gesellschaft gespürt habe. Ich habe vor allem mit jungen Menschen gesprochen, die auf mich zukamen. Ich glaube, genau das fehlt: Sich einer Realität zu öffnen, die niemand von uns erleben möchte, die uns alle aber jederzeit treffen kann. Wenn die Gesellschaft gemeinsam mit uns Forderungen stellen würde, dann, glaube ich, würden sich die Dinge ändern.

Welche Träume bleiben nach elf Jahren der Suche intakt?
Für mich persönlich habe ich immer noch die Hoffnung, Diego zu finden. Ich spreche viel mit ihm und manchmal träume ich davon, zu jenem Moment in unserem Leben zurückzukehren – als Mutter und Sohn, mit einem Job, ins Kino zu gehen, zelten zu gehen, auf Reisen zu gehen und seine Geburtstage gemeinsam zu feiern. Das sind meine Träume als Mutter.
Ich habe Diego aber auch gesagt: „Mein Liebling, was ist, wenn du nicht mehr unter uns bist? Dann hilf mir bitte trotzdem dich zu finden.“ Ich weiß, dass auch das eine mögliche Realität ist, es sind nun schon fast 11 Jahre der Suche. Meine Gesundheit und meine Kräfte lassen nach, die Gefühle äußern sich in Krankheiten und Beschwerden. Es macht mir Angst, dass mir etwas zustoßen könnte, bevor ich Diego gefunden habe.

Wie geht es für euch als Familie und als Kollektiv weiter?
Meine Familie ist an der Suche nach Diego beteiligt. Die Hoffnung, dass wir Diego finden können, lebt in ihnen weiter.
Was den gemeinsamen Kampf des Kollektivs angeht, so suchen wir jeden Tag nach Möglichkeiten, wie wir wachsen, mehr lernen und uns weiter stärken können. Ich wünschte, wir würden sie alle finden. Ich glaube jedoch, dass Diego ein sehr großer Antrieb für unser Kollektiv ist. Denn wegen Diego bin ich hier. Ich hoffe und vertraue darauf, dass unser Kollektiv an Weisheit und Erkenntnissen wächst, aber nicht an weiteren verschwundenen Personen.


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Spiegel des Schreckens und Verschwindens

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Der Staat ist Komplize Weltweit fanden Gedenk- und Protestveranstaltungen statt, hier in Berlin (Foto: Gibran Mena)

Die Funde auf der Izaguirre Ranch in Teuchitlán, Jalisco, offenbaren den systematischen Horror, der sich im Land ausgebreitet hat. Die drei Verbrennungsöfen und das Zwangsrekrutierungslager verschwundener Personen sind keine isolierten Vorfälle, sondern Ausdruck einer Vernichtungsmaschinerie. Diese Praktiken zwingen uns, uns zu fragen: Wer trägt auf den verschiedenen Ebenen die Verantwortung für diese Gewalt?

Das Verschwindenlassen und die extreme Gewalt können nicht als voneinander losgelöste Ereignisse oder bloße Erscheinungsformen des organisierten Verbrechens verstanden werden. Vielmehr handelt es sich um ein weitaus komplexeres Geflecht, in dem, wie Daniel Vázquez (mexikanischer Politologe und Menschenrechtsforscher an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko, Anm. d. Red.) feststellt, „kriminelle, staatliche und wirtschaftliche Strukturen zusammenwirken, um Menschenrechte zu verletzen. Das gemeinsame Agieren dieser drei Strukturen bezeichnen wir als Netzwerke der Makrokriminalität.“ Diese Netzwerke sind es, die die Straflosigkeit garantieren.

Von der Entdeckung des Zwangsrekrutierungslagers in Tala im Jahr 2017 bis hin zu den unzähligen geheimen Verstecken krimineller Gruppen in der Metropolregion Guadalajara sind die Beweise erdrückend. Der jüngste Fund durch die Guerreros Buscadores de Jalisco (Suchende Krieger aus Jalisco, Übers. d. Red.) und die Madres Buscadoras de Jalisco (Suchende Mütter von Jalisco, Übers. d. Red.) ist nur das letzte Glied einer langen Kette von Kämpfen der Familien verschwundener Personen in Jalisco, die seit Jahrzehnten Suchprozesse vorantreiben und das Grauen, in dem wir leben, enthüllen.
Doch die institutionelle Antwort bleibt dieselbe: Untätigkeit, Unterlassung und in vielen Fällen Mittäterschaft. Die Staatsanwaltschaft von Jalisco hat keinen Willen gezeigt, die Verbrechen zu untersuchen. Und die Versäumnisse sind nichts Neues – sie gehören zum Alltag der Ermittlungen. Der bewusste Verzicht auf die Fortführung von Verfahren und Untersuchungsmaßnahmen, der Widerstand gegen forensische Maßnahmen und die Einschränkungen bei der Suche in Massengräbern sind der Beweis für diese Strategie der Straflosigkeit und Intransparenz.

Vernichtungs- und Rekrutierungslager wie das in Teuchitlán können nicht ohne ein schützendes Umfeld operieren, das sie ermöglicht. Das organisierte Verbrechen hat die staatlichen Strukturen derart durchdrungen, dass es immer schwieriger wird, zwischen legalen und illegalen Akteuren zu unterscheiden. Genau hier ist das Konzept der Netzwerke der Makrokriminalität von zentraler Bedeutung. Es geht nicht nur um Kartelle, die im Verborgenen agieren, sondern um eine Struktur, in der der Staat selbst diese Praktiken unterstützt oder im besten Fall ignoriert.

Diese Realität zwingt uns, die Art und Weise, wie wir die Gewalt in Mexiko verstehen, neu zu überdenken. Wie die feministische Soziologin Maria Mies warnt: In einem System, in dem das Leben der Gewinnproduktion untergeordnet ist, kann die Anhäufung von Arbeitskraft nur mit maximaler Gewalt erreicht werden, sodass die Gewalt selbst zur produktivsten Kraft wird. Im mexikanischen Kontext bedeutet dies, dass das Verschwindenlassen und die Vernichtung von Menschen keine bloßen Kollateralschäden des sogenannten „Drogenkriegs“ sind, sondern integrale Bestandteile eines Modells der Akkumulation, Enteignung, territorialen Kontrolle, Rentenextraktion und sozialen Disziplinierung.
Die Frage nach den Verantwortlichen zu beantworten ist entscheidend, um das Ausmaß des Problems zu verstehen. Die offizielle Erzählung reduziert die Gewalt auf den Kampf zwischen Kartellen, wodurch die Beteiligung anderer Schlüsselakteure verschleiert wird. Kriminelle Gruppen haben Kontrollmodelle entwickelt, die Zwangsrekrutierung, gewalttätige Indoktrination und das Verschwindenlassen als Instrumente der territorialen Herrschaft umfassen. Der Staat spielt eine Rolle, die von Unterlassung bis hin zu aktiver Komplizenschaft reicht. Die Militarisierung hat die Gewalt nicht reduziert. Im Gegenteil, sie hat die Netzwerke der Makrokriminalität gestärkt, indem sie sie in die staatlichen Strukturen integriert hat. Unternehmen und wirtschaftliche Netzwerke, sowohl legale als auch illegale, tragen durch Geldwäsche und die Ausbeutung von Territorien und Menschen zu diesen Dynamiken bei.

Straflosigkeit ist das verbindende Element dieser Struktur. Wie Ana Laura Magaloni in ihrer Studie über die Staatsanwaltschaft feststellt: „Die Strafverfolgung in Mexiko trägt alle historischen Missstände in sich, die sich unauslöschlich im Aufbau der Institutionen, in den Arbeitsmethoden und in den aktuellen Praktiken niedergeschlagen haben.” Es ist kein Zufall, dass Ermittlungen zu Verschwundenen ins Stocken geraten oder sich Gerichtsverfahren in der Bürokratie auflösen. Das institutionelle System wurde für Intransparenz und Straflosigkeit geschaffen.

Angesichts dieser Situation ist klar, dass die herkömmlichen Mittel des Justiz­systems nicht ausreichen, um diese Netzwerke zu zerschlagen. Es braucht eine Übergangsjustiz, also außerordent­­liche Mechanismen, die gegen die massive Menschenrechtsverletzungen vorgehen und die Strukturen verändern, die sie ermöglicht haben. Ein Modell der Übergangs- und humanitären Justiz in Mexiko müsste die Aufklärung der Wahrheit durch eine Kartierung der kriminellen, staatlichen und wirtschaftlichen Strukturen beinhalten, die für das Verschwindenlassen und die Vernichtung von Menschen verantwortlich sind. Auch erfordert es die Anerkennung der Rolle des Staates und der Privatwirtschaft, nicht nur als untätige, unsichtbare oder betroffene Akteure, sondern als Akteure, die diese Praktiken ermöglichen. Zudem die Zerschlagung krimineller und institutioneller Strukturen durch die Beseitigung von Korruptionsnetzwerken innerhalb der Sicherheitskräfte und des Justizapparats. Alle Prozesse müssten außerdem Maßnahmen der Wiedergutmachung für die Opfer garantieren, nicht nur durch finanzielle Entschädigungen, sondern auch durch Zugang zu Gerechtigkeit und Garantien der Nichtwiederholung.

Die kolumbianische Erfahrung bietet einen wichtigen Bezugspunkt für die Überlegungen eines Modells der Übergangsjustiz in Mexiko. Ein System, das mit struktureller Straflosigkeit bricht und nicht ausschließlich von den Staatsanwaltschaften abhängt, so wie es derzeit der Fall ist. Im Gegensatz zum hochgradig zentralisierten und bürokratisierten mexikanischen Modell haben in Kolumbien die Sondergerichtsbarkeit für den Frieden (JEP), die Einheit für die Suche nach Verschwundenen und die Wahrheitskommission die Gründung mehrerer Institutionen mit unterschiedlichen Kompetenzen ermöglicht, die die massiven Menschenrechtsverletzungen aus verschiedenen Perspektiven in Angriff nehmen. Dies hat nicht nur zur strafrechtlichen Verfolgung direkter Täterinnen, sondern auch zur gerichtlichen Aufarbeitung von Unternehmen und Unternehmerinnen geführt, die den bewaffneten Konflikt finanziert und daran teilgenommen haben – etwas, das unter dem aktuellen System der ordentlichen Strafjustiz in Mexiko undenkbar wäre.

Darüber hinaus hat Kolumbien die Notwendigkeit eines Gesetzes zur Unterwerfung krimineller Gruppen in seine Debatte aufgenommen. Ein Gesetz, dass das Konzept der makrokriminellen Netzwerke berücksichtigt, anstatt nur isolierte Einzelpersonen zu verfolgen. Ein solches Modell könnte nicht nur die strukturelle Zerschlagung illegaler Wirtschaftszweige ermöglichen, sondern auch die Rechenschaftspflicht wirtschaftlicher, staatlicher und krimineller Akteure fördern, die die Gewalt aufrechterhalten. Anstatt ausschließlich auf die Staatsanwaltschaften zu vertrauen – Institutionen, die sich in Mexiko als ineffektiv erwiesen haben und oft sogar Komplizen der Straflosigkeit sind –, würde ein Übergangsjustizsystem mit außerordentlichen Mechanismen eine umfassende strafrechtliche Aufarbeitung ermöglichen und auch die Bedingungen verändern, die das Verschwindenlassen und die Vernichtung zu einer systematischen Praxis werden ließen.

Die Gewalt in Mexiko ist weder spontan noch unkontrollierbar. Sie ist das Ergebnis eines Straflosigkeitspakts, in dem organisierte Kriminalität, Staat und wirtschaftliche Netzwerke Wege gefunden haben, nebeneinander zu existieren und voneinander zu profitieren. Der Schrecken von Teuchitlán ist kein Einzelfall. Er erinnert vielmehr daran, dass Verschwindenlassen und Vernichtungsmethoden fest in die soziale und politische Struktur des Landes integriert wurden, mit klaren wirtschaftlichen und akkumulativen Zielen, in einem Krieg, der vielfältige und unterschiedliche Profite generiert.

Wie Karl Marx in Das Kapital warnte: „Die (Staats-)Gewalt selbst, ist eine ökonomische Potenz.“ In Mexiko manifestiert sich diese Aussage in der Art und Weise, wie Gewalt nicht nur Leben zerstört, sondern auch Wirtschaftssysteme stützt, die territoriale Kontrolle neu verteilt und Machtstrukturen stärkt, die von Terror und Verschwindenlassen profitieren. Gewalt ist keine Abweichung vom System, sondern ein zentrales Instrument von Akkumulation und Herrschaft. Angesichts dieser Realität stellt sich nicht die Frage, ob der Staat die Gewalt stoppen kann, sondern ob der politische Wille besteht, die Netzwerke zu zerschlagen, die sie aufrechterhalten. Der einzige Ausweg ist ein Prozess der Übergangsjustiz, der nicht nur die Täter*innen bestraft, sondern auch die strukturellen Bedingungen verändert, die die Gewalt zu einer historischen Konstante gemacht haben.


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