
Viermal in Folge – 2005, 2009 und 2014 mit Evo Morales, 2020 mit Luis Arce – gewann die MAS die Präsidentschaftswahlen bereits im ersten Wahlgang und prägte zwei Jahrzehnte lang die bolivianische Politik, zeitweise gestützt auf eine komfortable Zweidrittelmehrheit im Parlament. Der ehemalige Gewerkschaftsführer und Kokabauer Evo Morales galt lange als Symbol des Aufstiegs der großen Indigenen Bevölkerung und des Anspruchs der Arbeiterklasse auf Mitsprache und Würde.
Doch aus der Bewegung der Hoffnung wurde ein Machtapparat. Interne Machtkämpfe, Morales’ Versuch einer verfassungswidrigen dritten Wiederwahl im Jahr 2019, schlechtes Regierungsmanagement unter Arce, die Blockade jeglicher Erneuerung der Linken und eine verfehlte Wirtschaftspolitik trieben die Partei in den politischen Selbstzerstörungsmodus. Die Bevölkerung wollte Veränderung, während die MAS für Kontinuität stand. Mit nur zehn von 130 Abgeordneten wird die MAS künftig kaum noch Einfluss haben; im Senat ist sie gar nicht mehr vertreten.
Erstmals seit zwanzig Jahren erreichte keine Partei im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit. Mit 32,1 Prozent blieben Paz und Lara von der PDC deutlich unter der 40-Prozent-Marke und dem geforderten Zehn-Punkte-Vorsprung für einen Sieg in der ersten Runde. Die einstige MAS-Hegemonie hinterlässt einen Scherbenhaufen: eine gespaltene Gesellschaft, ein massives Misstrauen in die Institutionen – und vor allem eine Wirtschaftskrise, die das Land nun dringend bewältigen muss.
Noch vor einem Jahrzehnt galt Bolivien als wirtschaftliches Erfolgsmodell der Region – getragen vom Boom der Erdgasexporte. Heute steckt das Land in einer tiefen Wirtschaftskrise. Seit dem Einbruch der Gasexporte ab 2014 fehlt es an Devisen, die für Importe und die Bedienung der Auslandsschulden dringend benötigt werden. Kredite sind kaum zu bekommen, und auf dem Schwarzmarkt hat sich ein Wechselkurs etabliert, der den offiziellen zeitweise verdoppelt. Der Rohstoffsektor stagniert, die Inflation treibt die Preise in die Höhe; selbst Grundlegendes wie Medikamente und Treibstoff sind knapp. Hunderte Meter lange Schlangen an Tankstellen gehören längst zum Alltag.
Aus dieser Verzweiflung und der empfundenen Alternativlosigkeit nach dem wirtschaftspolitischen Versagen der MAS stand schon vor der Stichwahl fest: Eine rechtsliberale Wirtschaftspolitik wird kommen. Beide Spitzenkandidaten, Jorge „Tuto“ Quiroga und Rodrigo Paz, warben für eine Dezentralisierung des Staates und die Öffnung des Marktes für private und ausländische Investitionen.
Gewonnen hat Paz dank der Unterstützung der ländlichen Bevölkerung und der vielen ehemaligen MAS-Wähler*innen, deren Enttäuschung über die zerstrittene Linke ebenso groß war, wie ihre Abneigung gegen den ultrarechten Quiroga, der – ganz im Stil von Javier Milei – auf harte Sparpolitik und Subventionsabbau setzte. Paz und sein Vize Lara, deren Kandidatur Wochen vor der Wahl noch als chancenlos galt, verstanden es hingegen, sich als gemäßigtere Alternative zu präsentieren: einer, die wirtschaftliche Stabilität verspricht, ohne die soziale Basis zu gefährden.
Abkehr von linker Rhetorik
Obwohl die Wahl von einer lautstarken antimasistischen Stimmung begleitet war, bleibt die MAS eine zentrale politische Kraft – mit starker Basis in der Provinz Chapare, der Geburtsstätte der Bewegung und Zentrum der Kokabauerngewerkschaften, in der Zentralen Arbeitergewerkschaft (COB) sowie unter Bergarbeiter*innen und Bürgerkomitees. Im ersten Wahlgang am 17. August rief Evo Morales zum voto nulo – der Abgabe einer ungültigen Stimme – auf und erzielte damit beachtliche 19,9 Prozent (statt üblich rund 3,7 Prozent). In der Stichwahl verzichtete er darauf und viele dieser Proteststimmen wanderten zu Paz, der versprach, den Rohstoffsektor im Interesse der Bergarbeiter*innen wiederzubeleben und – anders als Quiroga – eine gemäßigtere Haltung zum Kokaanbau einzunehmen. Paz und Lara führten zudem einen Haustürwahlkampf, besuchten Gemeinden des Altiplano und suchten den Kontakt zu Basisbewegungen und sozialen Organisationen, deren politische Beteiligung in Bolivien eine lange Tradition hat. Quiroga verkörperte hingegen für viele eine politische Elite, während sein Vizekandidat Velasco wenige Wochen vor der Wahl durch einen Rassismusskandal um alte Tweets in die Kritik geriet.
Doch auch Rodrigo Paz ist kein politischer Außenseiter. Als ehemaliger Bürgermeister von Tarija, heutiger Senator und Sohn des früheren Präsidenten Jaime Paz Zamora (1989–1993) entstammt er klar dem politischen Establishment. Dass er sich nun als unideologischer Pragmatiker inszeniert, ist Teil seiner Strategie. „Wir Bolivianer wissen, dass man mit Ideologie kein Essen auf den Tisch bringt“, erklärte er in seiner ersten Rede als designierter Präsident – ein deutlicher Seitenhieb auf das wirtschaftspolitische Scheitern der MAS und zugleich ein Bekenntnis zur Abkehr von linker Rhetorik. Diplomatisch bezeichnet sich Paz als zentristisch, doch seine wirtschaftsliberale Haltung verortet ihn klar im rechten Spektrum. In gesellschaftspolitischen Fragen deutet sich zudem eine religiös-konservative Rhetorik an. Besonders seine Haltung zum Gesetz 348 zum Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt lässt einen Rückschritt erwarten: Es solle reformiert werden, weil es laut Paz zur Erpressung von Männern führen könne, wie er gegenüber Radio Panamericana erklärte.
Zentrale Errungenschaften der MAS-Ära werden jedoch sehr wahrscheinlich fortbestehen: der plurinationale Staat, die kollektiven Rechte, die politische Teilhabe von Frauen und Indigenen sowie die Fortschritte in sozialer Inklusion. „Wir werden den plurinationalen Staat immer respektieren“, erklärte Vize Lara nach der Stichwahl auf einer Pressekonferenz. Neue soziale Reformen sind von ihrer Regierung allerdings ebenso wenig zu erwarten.
Wirtschaftskrise bestimmt den Wahlkampf
Das Regierungsprogramm von Paz unter dem Titel Agenda 50/50 markiert einen deutlichen Bruch mit der bisherigen Wirtschaftspolitik. Unter dem Motto „Kapitalismus für alle“ sollen niedrigere Steuern und Zölle, leichtere Kreditvergabe und ein Fonds zur Stabilisierung des Wechselkurses neuen Wohlstand schaffen. Ob dieser tatsächlich alle erreicht, ist fraglich, doch er weckt zumindest mehr Hoffnung als das Programm von Quiroga, dessen Wirtschaftspolitik klar die Eliten bevorzugte. Einen Kredit beim Internationalen Währungsfonds lehnt Paz ab. Er ist überzeugt, Bolivien verfüge über ausreichend eigene Ressourcen – sofern die Korruption konsequent bekämpft werde.
Ein zentraler Punkt seiner Agenda ist die Dezentralisierung: Derzeit kontrolliert die Zentralregierung rund 85 Prozent der Haushaltsmittel. Paz will diesen Anteil auf 50 Prozent senken – die andere Hälfte sollen künftig Regionen und öffentliche Universitäten eigenständig verwalten. Gleichzeitig will er defizitäre Staatsunternehmen überprüfen und gegebenenfalls einfrieren, Bürokratie abbauen und den Markt liberalisieren, um private und ausländische Investitionen anzuziehen. In dieses Bild fügt sich auch sein außenpolitischer Kurswechsel: weg von den ideologisch geprägten Allianzen der MAS-Regierungen mit Russland, Venezuela, Kuba und Nicaragua, hin zu einer Wiederannäherung an die USA – mit dem erklärten Ziel, Investitionen zu fördern und den Handel zu beleben. Darüber hinaus setzt Paz auf regionale Integration und eine vorsichtige Normalisierung der angespannten Beziehungen zu Chile.
Dieser wirtschaftsliberale Kurs birgt Risiken, die bislang kaum Beachtung finden: Die Gefahr von Ausbeutung und Umweltzerstörung durch transnationale Kooperationen ist real, staatliche Schutzmechanismen dagegen nicht in Sicht. Umweltfragen spielen in Paz’ Programm ohnehin nur eine Nebenrolle. Zwar verspricht er den Ausbau erneuerbarer Energien, zugleich will er den Rohstoffabbau forcieren, vor allem bei Lithium, Erdgas und Gold – jedoch ohne konkrete Schritte, um den Einsatz von Quecksilber im Bergbau zu stoppen, gegen den Indigene Gemeinden seit Jahren protestieren.
Als dritten Schwerpunkt nennt Paz eine Justizreform, die weniger Parteieneinfluss, strengere Antikorruptionsmechanismen und eine digitalisierte Verwaltung vorsieht. Das Justizsystem gilt seit Jahren als politisiert und delegitimiert. Edman Lara, der künftige Vizepräsident und ehemalige Polizeihauptmann, der 2024 nach Korruptionsenthüllungen in den eigenen Reihen entlassen wurde, soll der Regierung Glaubwürdigkeit verleihen.
Vor Rodrigo Paz liegt nun eine heikle Bewährungsprobe. Nach zwanzig Jahren MAS-Regierungen muss er ein demokratisches Zusammenleben trotz gesellschaftlicher Polarisierung sichern – und zugleich eine eigene Legitimationsbasis aufbauen. Als Minderheitsregierung wird er gezwungen sein, breite Allianzen zu schmieden – wohl mit Jorge «Tuto» Quirogas Alianza Libre und Samuel Doria Medinas Unidad Nacional –, um das Land durch die Krise zu führen. Eine weitere wirtschaftliche Verschlechterung würde ihm die Bevölkerung kaum verzeihen.
Offen bleibt, ob die Wiederbelebung der plurinationalen Linken gelingt. Dafür braucht es eine klare Abkehr von Evo Morales, neue Ideen und glaubwürdige Führungspersönlichkeiten – und vor allem den Willen, den alten Caudillismo (autoritäre und zentralistische Führungsform, Anm. d. Red.) hinter sich zu lassen und wieder den Menschen zuzuhören, die die MAS so lange ignorierte.

























