„Die Straßenecke gehört denen, die an ihr arbeiten”

Sexarbeit vor der Fussball-Weltmeisterschaft in Mexiko (Collage: Nolwenn Talec)

Wie betreffen die WM-Vorbereitungen die Sexarbeiter*innen? Es ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die ohnehin schon unten sind – zum Vorteil des Kapitalismus. In der Nähe der Stadien und touristischen Zentren werden unsere Genoss*innen vertrieben, während große Unternehmen Profite schöpfen. Dabei wird nicht beachtet, dass die Gewinne auf Kosten der Menschen entstehen, die sich Tag für Tag ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie sind wegen der fehlenden angemessen entlohnten Arbeitsangeboten gezwungen, sich Arbeit zu suchen, wo immer es möglich ist.

Haben die Menschen überhaupt noch einen Platz in der Stadt?
Viele der Genoss*innen, die früher in der Nähe der Straßenecke lebten, an der sie arbeiten, mussten weiter weg ziehen. Was die Weltmeisterschaft ihnen brachte, waren höhere Mietkosten und ein niedrigeres Einkommen. Einige Mieten haben sich im letzten Jahr sogar verdoppelt. Nicht einmal die eigene Miete und etwas zu Essen bezahlen zu können, beeinträchtigt nicht nur die körperliche, sondern auch die mentale Gesundheit. Während reiche Menschen zusehen, wie ein Ball verfolgt wird, werden diejenigen, die sich Tag für Tag ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, unterdrückt und von ihrem Arbeitsort vertrieben. Tatsächlich wurden die Sexarbeiter*innen schon einmal umgesiedelt. Bis vor 38 Jahren arbeiteten sie an der Insurgentes, einer Allee für die obere Mittelschicht. Von dort hat man sie auf den Tlalpan geschickt, wo viele Gebäude in einem maroden Zustand waren. Bis die Immobilienbranche in Folge der Gentrifizierung anfing auch hier Gebäude zu bauen und dadurch die Lebenshaltungskosten in der Gegend in die Höhe zu treiben.

Wie agiert der Staat gegenüber den Sexarbeiter*innen?

Mit Repression: Seit Beginn dieses Jahres werden unsere Genoss*innen von der Polizei eingeschüchtert und unter Druck gesetzt, mit dem Ziel sie zu vertreiben. Das betrifft nicht nur sie, sondern auch ihre Klienten. Der neu eröffnete Fahrradweg ist Teil dieser Politik. Wir sind nicht gegen die Fahrradspur oder die, die darauf fahren, wir brauchen eine Stadt für alle. Aber die Fahrradspur ist schlecht gebaut. Die Tlalpan ist eine sehr schnell befahrene Straße, auf der es häufig zu Unfällen kommt. Gleichzeitig gibt es viele Seitenstraßen, die für Fahrradfahrer*innen gefährlich sind. Außerdem ist noch weniger Platz für den Verkehr, da eine Spur für Bauarbeiten gesperrt wurde. Das bringt unsere Genoss*innen in Gefahr. Einige wurden schon überfahren – und zwar nicht von Fahr-rädern. Die Fahrradspur wird mehr von Motorrädern als von Fahrrädern genutzt.

Wie steht es denn allgemein um die Sicherheit von Sexarbeiter*innen?

Es macht mich sehr traurig, das zu sagen, aber Femizide und Transfemizide an Genoss*innen werden immer häufiger. Das hängt eng mit dem Bodenrecht seitens der organisierten Kriminalität zusammen, aber auch mit der Regierung (beim Bodenrecht handelt sich um Schutzgelderpressung seitens krimineller Gruppen, die für die Nutzung öffentlicher Straßen „Gebühren“ verlangen, (Anm. d. Red.). Ich verstehe nicht, warum dagegen nichts unternommen wird. In einem Land, in dem vermeintlich kein Krieg herrscht, aber mehr als 130.000 Menschen verschwunden sind. Wir sind das Land in Lateinamerika mit der zweithöchsten Zahl an Femiziden und Transfemiziden. Wir, die auf der Straße arbeiten, sehen diese Gewalt jeden einzelnen Tag. Wenn wir den Körper einer Kollegin abholen wollen, wird es uns manchmal verweigert, weil wir nicht mit ihr verwandt sind. Wir sagen dann, dass wir ihre soziale Familie sind. Das betrifft vor allem die Genoss*innen, die trans sind und aus ihren Familien, den Schulen und der Gesellschaft an sich verstoßen wurden.

Wie ist die aktuelle Stimmung unter den Sexarbeiter*innen im Hinblick auf die WM?
Die Menschen haben Angst. Ein Freund sagte mir Elvira, sei vorsichtig, denn für die Sicherheit werden die Militärpolizei, die Nationalgarde und die Polizei zuständig sein, und die FIFA hat zusätzlich eine private Polizei engagiert. Um wirtschaftliche Interessen zu sichern, haben sie kein Problem damit, auf Menschen herumzu-tram­peln, sie zu vertreiben und zu töten. Das haben wir bereits in Ländern wie Brasilien und Spanien gesehen. Die Maßnahmen, um Menschen im Zuge der Weltmeisterschaft zu vertrei­ben, betreffen allerdings nicht nur Sexarbeitende, sondern auch Straßenhändler*innen. Zu unserer Pressekonferenz zu diesem Thema sind auch viele Händler*innen gekommen, um zu protestieren.

Wie geht ihr mit den Versuchen um, eure Arbeit zu kriminalisieren?
Wir haben ihnen die Stirn geboten und gekämpft. Als 2017 das Gesetz gegen Menschen­handel in Mexiko kam, wurde nicht zwischen Menschenhandel und Sexarbeit unterschieden. Kurz darauf wurden 95 Genoss*innen aus La Merced mitgenommen – mit der Begründung, sie seien Opfer von Menschenhandel. Wir sagten ihnen: Nein, sie sind Opfer des kapitalistischen Systems. Wir haben darauf aufmerksam gemacht, wie gewalttätig die Polizei war, wie sie sexualisierte Gewalt ausübte und uns beraubt hat. Das haben wir dokumentiert, auf Videos, Fotos und mit Kameras von unseren Nachbar*innen. Einige von ihnen haben sogar als Zeug*innen ausgesagt.

Bereits im Jahr 2014 haben wir diese Misshandlungen angezeigt und einen Gerichtsprozess gewonnen: Das Urteil 112/2013 erkennt Sexarbeit als selbstständige Tätigkeit an. Wir erleben zwar trotzdem immer noch Repression gegen die, die auf der Straße arbeiten – einfach, weil man sie gerne schikaniert. Trotz allem hat das Urteil uns geholfen, die Repression zu mildern. Seitdem besitzen wir die Karte für Selbstständige und können die Polizei zum Teufel schicken, wenn sie kommt, um uns zu unterdrücken. Dann sagen wir ihnen, wie ignorant sie sind, dass sie die Gesetze lesen sollten. Wir brauchen ihre Erlaubnis nicht, wie haben die Erlaubnis der Regierung.

Ein gängiges Argument gegen Sexarbeit ist, dass deren Regularisierung den Menschenhandel stärke. Was sagst du dazu?
Das ist eine Lüge. Das weiß ich, weil wir seit 38 Jahren die Menschenrechte unserer Genoss*innen verteidigen. Schon jetzt hat sich gezeigt, dass die Anerkennung der Sexarbeit das Risiko verringert, Opfer von Menschenhandel zu werden. Unsere Diagnose aus 38 Jahren ist: Ungefähr 25 Prozent sind Opfer von Menschenhandel und 75 Prozent sind autonom. Sexarbeiterinnen sind emanzipierte Frauen, viele haben ihren Ehemann verlassen, weil er sie geschlagen hat, oder ihre Familien, weil sie von ihnen wie Scheiße behandelt wurden. Oder auch ihre Arbeit: Viele waren Hausangestellte, Näherinnen oder Fabrikarbeiterinnen, haben schlecht verdient und der Chef hatte Sex mit ihnen, ohne dafür zu bezahlen. Hier verwalten wir unsere Zeit selbst und entscheiden, wie viel wir verdienen. Es gibt die Möglichkeit, die Kinder von der Schule abzuholen, sich um kranke Familienmitglieder zu kümmern oder in den Urlaub zu fahren.

Den Abolitionist*innen würde ich sagen: Jede Form der Arbeit sollte abgeschafft werden, denn wir werden alle ausgebeutet. Hausangestellte zum Beispiel: Nachdem wir unseren Rechtsstreit gewonnen haben, haben sie gesagt: „Dann schaffen wir das auch!“. Vor Gericht wurden sie als Arbeiter*innen anerkannt. Die Idee ist, dass wir alle an Rechten dazu gewinnen. Es sind nur unterschiedliche Arten der Arbeit. Die reichen feministischen Abolitio­nist*innen, die ihre Hausangestellten ausbeuten, sagen: „Ach ja, nein, die Ärmsten.“ Aber bei den Sexarbeiter*innen heißt es: „Nein!“ Mit ihren Privilegien ist es sehr einfach so zu reden. Aber entscheiden sollten die Genoss*innen selbst. Wie es die Richterin gesagt hat, bei der wir unsere Klage gewonnen haben: Alle haben Rechte und eines davon ist es, eine gut entlohnte Arbeit zu haben. Solange sie volljährig sind und ihrem eigenen Willen folgen: vorwärts. Wenn eine Gewerkschaft in einer Fabrik sich für bessere Arbeitsbedingungen organisieren kann, warum haben wir dann nicht dasselbe Recht?

Welche Erwartungen setzt die Brigada Callejera in den Staat?
Wir sehen den Staat nicht mehr als funktional an. Er ist es, der nicht wollte, dass die Genoss*innen Rechte haben, weil das zu viel Geld kostet. Wenn du etwas anzeigst, sitzt du da und redest mit einer Wand. Früher konnte noch etwas unternommen werden. Inzwischen ist die Kontrolle über die Beamten so groß, dass diejenigen, die etwas ändern wollen, rausgeschmissen werden. Vor allem unter López Obrador. Und nur weil jetzt eine Frau politisch an der Macht ist, bedeutet das nicht gleichzeitig Solidarität mit allen Frauen. Wir sind nicht alle angekommen, das ist eine Lüge.

Und was denkst du: Wie stehen der Staat oder die Autoritäten zur Brigada Callejera?
Schlecht. Die Brigada ist eine separatistische Organisation, wir glauben an niemanden, nur an Taten. Wir leben in einem Land, in dem es Geld gibt, aber alles geklaut wird. Also werden wir weiterhin hier und weiterhin unbequem sein, was solls. Unser Credo ist: Uneingeschränkter Respekt für Sexarbeit. Die Straßenecke gehört denen, die an ihr arbeiten, so wie unsere großen Zapatistas: Der Grund und Boden gehört denen, die ihn bearbeiten. An jedem ersten Mai demonstrieren wir für die Anerkennung der Sexarbeit im ganzen Land, organisieren Treffen für Genoss*innen aus anderen Bundesstaaten und sind Teil der breiteren sozialen Bewegung des Landes. Wir sind nicht allein, es gibt Organisationen für Wohnraum, Bildung, die Verteidigung des Wassers und der Territorien. Sie wissen genau, dass wir eine Organisation mit sozialem und kämpferischem Bewusstsein sind. Sie wissen, dass wir uns nicht verkaufen, uns nicht beugen und nicht kapitulieren. Wegen der Weltmeisterschaft ist das Leben vieler Genoss*innen in Gefahr. Wir werden weiterkämpfen, um unsere Arbeitsbedingungen zu verbessern und für die Anerkennung der Sexarbeit auf nationaler Ebene. Denn es gibt die Sexarbeit, für die es Rechte und Garantien braucht und es gibt den Menschenhandel, den es auszulöschen gilt.


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EUPHORIE IN DER KRISE

Die magische Zahl drei Alberto Fernández sieht sich als Präsident der drei Titel und der drei Jahre mit Wirtschaftswachstum (Foto: Santiago Sito via Flickr , CC BY-NC-ND 2.0)

„Zuerst möge Argentinien Weltmeister werden, danach werden wir die Inflation bekämpfen.“ So machte die argentinische Arbeitsministerin Kelly Olmos ihre Prioritäten klar. Die Albiceleste hat in Katar ihre Schuldigkeit getan, die peronistische Mitte-links-Regierung steht nun in der Pflicht, den Worten ihrer Arbeitsministerin Taten folgen zu lassen.

Die Prioritätensetzung der Ministerin wurde durchaus kontrovers in den Medien diskutiert. Und vor dem Finale präzisierte sie ihre Sicht auf Nachfrage beim Radiosender Con Vos: „Natürlich möchte ich die Inflation auf ein Prozent pro Monat senken, und ich möchte, dass die Argentinier glücklich sind, wenn sie die Weltmeisterschaft gewinnen und dass Messi Weltmeister wird.“ Und sie ergänzte: „Wir arbeiten jeden Tag daran, die Inflation zu bekämpfen; jetzt, wo wir vor dem Weltmeisterschaftsfinale stehen, möchte ich gewinnen. Ich glaube, alle Argentinier möchten gewinnen, aber das bedeutet nicht, dass wir aufhören, jeden Tag, jede Minute, die wir können, zu arbeiten.”

Der 18. Dezember 2022 ist in die argentinische Geschichte eingegangen. Nach 36 Jahren wieder Fußballweltmeister. Fünf Millionen Menschen säumten in Buenos Aires bei der Siegesfeier am 20. Dezember die Straßen, die geplante Route konnte aus Sicherheitsgründen nicht komplett absolviert werden. Nicht geplant war ein Abstecher in die Casa Rosada, die Einladung des argentinischen Präsidenten Alberto Fernández wurde nicht angenommen, die Gründe blieben spekulativ, Müdigkeit hieß es offiziell. Dass die aktuelle Fußballnationalmannschaft unpolitischer ist als die Weltmeistermannschaft von 1986 mit Diego Maradona und Jorge Valdano, die sich immer wieder sozialkritisch zu gesellschaftlichen Themen äußerten, ist offensichtlich. Das Foto, wie drei Jahre nach dem Ende der Diktatur (1976-1983) beim Empfang in der Casa Rosada der zivile Präsident Raúl Alfonsín von Diego Maradona in Zivilkleidung den Weltpokal überreicht bekam, ist ein ikonisches Bild in Argentinien.

Präsident Fernández nahm den euphorisch gefeierten Spielern die Absage nicht übel, da keiner von ihnen ihn beleidigt oder etwas Unangemessenes gesagt habe. „Wenn die Entscheidung damit zusammenhängt, dass der Fußball sich nicht mit der Politik vermischen soll, dann bin ich froh, dann sollte dieses Beispiel Schule machen.” Ungewollt hat Alberto Fernández damit Geschichte geschrieben: Er ist der erste Staatschef eines Fußballweltmeisters, dem der Empfang der Siegermannschaft verwehrt wurde. Die brasilianische Militärdiktatur ließ sich das 1970 sowenig nehmen wie die argentinische 1978 und bei allen Fußball-Weltmeisterschaften seit 1930 in Uruguay gab es danach ein Stelldichein von Weltmeistern und Regierungspolitiker*innen, die sich im Glanz des Triumphes sonnten.

Die Albiceleste hat in Katar ihre Schuldigkeit getan

Fernández machte im Sender Con Vos gute Miene zum bösen Spiel und bezeichnete sich als „Präsident der drei Pokale”. In der Tat hat Argentiniens Nationalmannschaft in seiner Regentschaft seit 2019 die Copa América (2021), als Südamerikameister danach im Juni 2022 das sogenannte Finalissima gegen den Europameister Italien und nun die WM gewonnen. „Ich bin nicht nur der Präsident der drei Pokale, sondern bis heute auch der erste Präsident seit Néstor (Néstor Kirchner, Präsident 2003-2007), der Argentinien in drei aufeinanderfolgenden Jahren inmitten all dessen, was uns widerfahren ist, zum Wachstum verholfen hat.“ Die Aussage mit den Pokalen stimmt, die mit dem Wachstum nicht, denn im ersten Coronajahr 2020 schrumpfte auch in Argentinien die Wirtschaft deutlich. Sollte Argentinien 2023 eine Rezession vermeiden können, ginge Fernández‘ Rechnung im Nachhinein doch noch auf. Das ist freilich ebenso ungewiss, wie ob er selbst für die peronistische Partei im Herbst wieder ins Rennen um die Präsidentschaft geht.

Argentiniens Nationaltrainer Lionel Scaloni ordnete den Gewinn der Weltmeisterschaft sachlich ein: „Ich weiß, dass es nur ein Fußballspiel ist, dass es eine Weltmeisterschaft ist, dass es nicht über den Fußball hinausgeht, aber für uns ist es etwas mehr. Lasst sie feiern. Lasst sie genießen. Das Leben wird weitergehen, die Probleme, die wir haben, werden immer noch da sein, aber die Leute sind ein bisschen glücklicher. Und das ist gut.” Die Euphorie ist immer noch spürbar, am 18. Januar wurde der Monatstag des Sieges begangen, bei Geburtstagsfeiern ist es zum Trend geworden, die WM-Feier nachzuahmen. Die Tätowierstudios haben Hochkonjunktur und neben Fußballmotiven von Messi bis zum Finalhelden, dem Torwart Emiliano „Dibu“ Martínez, sind vor allem die Zahlenfolge 18-12-2022 und die_Sol de Mayo, die sich auf der argentinischen Flagge befindet, beliebte Motive.

Die spannende Frage ist, wie lange die Freude über den lange ersehnten WM-Titel anhält. Denn die wirtschaftliche Lage hat sich seit der zweiten Jahreshälfte 2022 merklich getrübt – von den Dauerproblemen der hohen Inflation und des ausufernden Staatshaushaltsdefizits ganz abgesehen. Im Juli stieg der Verbraucherpreisindex (VPI) um 7,4 Prozent. Der VPI wird anhand eines Warenkorbs berechnet, der Güter und Dienstleistungen eines Durchschnittshaushalts in Argentinien umfasst. Das war die höchste Steigerung für einen einzelnen Monat seit April 2002 inmitten der bis dato größten Wirtschaftskrise Argentiniens in diesem Jahrhundert. Damals rutschte mehr als die Hälfte der Bevölkerung in die Armut ab und auf der Straße gab es nur noch einen Slogan für die politische Klasse: Que se vayan todos! (Sie sollen alle abhauen). Fünf Präsidenten gaben sich um die Jahreswende 2001/2002 die Klinke des Regierungspalastes in die Hand, erst ab der Regierungsübernahme von Néstor Kirchner im Mai 2003 stabilisierte sich die Lage.

Die aktuelle Lage ist noch nicht so ernst wie vor 20 Jahren, nähert sich dem jedoch an. 2022 wurde noch ein Wirtschaftswachstum von fünf Prozent erreicht, für 2023 werden maximal 0,5 Prozent prognostiziert. Für den Ernst der Lage spricht auch die Inflationsrate von 94,8 Prozent, die Argentinien laut der Statistikbehörde INDEC 2022 verzeichnete und die im Jahr 2021 noch bei 50,9 Prozent gelegen hatte.
„Unsere Verantwortung und unsere größte Herausforderung besteht darin, die Inflation zu senken, denn sie ist das Fieber einer kränkelnden Wirtschaft”, schrieb Wirtschaftsminister Sergio Massa nach der Veröffentlichung der Zahlen auf Twitter. „Das kann durch eine geordnete Haushaltsführung, Disziplin, die Einhaltung klarer Ziele und ein verantwortungsbewusstes Vorgehen in allen Bereichen erreicht werden.“ Superminister Massa, ein Nicht-Ökonom, der die Ministerien für Wirtschaft, Produktion und Landwirtschaft unter sich hat, hatte nach einem regierungsinternen Streit über die Ausrichtung der Wirtschaftspolitik auf Betreiben der Vizepräsidentin Cristina Kirchner den von der Columbia-Universität geholten renommierten Wirtschaftswissenschaftler Martín Guzmán ersetzt.

Die Inflationsrate liegt bei 94,8 Prozent

Um die Auswirkungen der Inflation abzumildern, die auch in Argentinien die Ärmsten am stärksten trifft, wurde im Dezember der Plan „Gerechte Preise” ins Leben gerufen. Im Rahmen einer Vereinbarung mit Produzenten von Lebensmitteln und Hygieneartikeln wurden die Preise für die rund 2.000 wichtigsten Produkte bis März eingefroren. Im Gegenzug erhielten die Hersteller die Möglichkeit, etwa 30.000 andere Artikel monatlich um vier Prozent teurer anzubieten.

Getrieben wird die Inflation nicht zuletzt durch die Ausgabe von Staatsanleihen, mit der sich die Regierung die Landeswährung Peso gegen steigende Verschuldung beschafft, um die Staatsausgaben überhaupt leisten zu können. Das wiederum läuft der Vereinbarung mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) aus dem März 2022 entgegen, die Guzmán letztlich den Job gekostet hat und vorsieht, das primäre Haushaltsdefizit, also ohne Einberechnung des Schuldendienstes, bis 2023 auf 1,9 Prozent zu senken und bis 2024 auszugleichen.

Es ist schwer vorstellbar, dass die Regierung Fernández die Reduzierung des Haushaltsdefizits schaffen kann. Nicht zuletzt, weil durch die größte Dürre seit 60 Jahren der Agrarsektor als Hauptdevisenbringer stark in Mitleidenschaft gezogen ist. Laut Prognosen der Börse von Rosario werden die Ernteeinbußen zu einem Rückgang der Deviseneinnahmen aus der Landwirtschaft um mindestens 10 Milliarden Dollar führen. Bei sinkenden Einnahmen bliebe der Regierung nur Ausgaben zu streichen, in einem Wahljahr unpopulärer denn je. Angesichts der steigenden Armutsrate – vier von zehn Menschen leben inzwischen unter der Armutsgrenze – ist es auch schwer vermittelbar.

An Krisen fehlt es also nicht. Zu allem Überfluss liegt die Regierung Fernández noch mit dem Obersten Gerichtshof im Clinch. Der hat die Regierung verpflichtet, 2,95 Prozent des Gesamtbetrags der eingenommenen föderalen Mitbeteiligungssteuern an die Stadt Buenos Aires abzuführen ­– die von der Opposition regiert wird. Bürgermeister ist Horacio Rodríguez Larreta, Gefolgsmann des Ex-Präsidenten Mauricio Macri (2015-2019). Und ausgerechnet Macri erhöhte während seiner Präsidentschaft 2016 per Dekret den Betrag, den die Hauptstadt erhält, von 1,40 Prozent auf 3,75 Prozent, um seinem Parteifreund unter die Arme zu greifen. 2020 senkte Alberto Fernández die Quote wieder auf 2,20 Prozent, woraufhin Rodríguez Larreta ihn vor Gericht anzeigte. Der Oberste Gerichtshof ordnete als letzte Instanz kurz vor Weihnachten an, dass Fernández sie wieder auf 2,95 Prozent erhöhen muss. Damit würde das nächste Loch in den Staatshaushalt gerissen. Fernández ist deswegen zum Gegenangriff übergegangen und will im Parlament ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten des Obersten Gerichtshofs, Horacio Rosatti, auf den Weg bringen, „damit sein Verhalten bei der Ausübung seines Amtes untersucht werden kann.” Denn er vermutet, dass es sich wieder einmal wie schon bei der Verurteilung von Cristina Kirchner im Dezember wegen Korruption um politische Justiz handelt: „Ich weiß nicht, ob es das Ziel des Gerichts ist, die Kampagne von Larreta zu finanzieren, aber es wird gelingen“, sagte Argentiniens Präsident in einem Fernsehinterview. Larreta ist einer der Favoriten für die Präsidentschaftskandidatur des Oppositionsbündnisses Juntos por el Cambio (Gemeinsam für den Wandel) für die Wahlen im Oktober. Der Vorwahlkampf hat dafür schon begonnen.


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„ARRIBA PERÚ“

„Ojalá vamos a clasificar.“ Hoffentlich qualifizieren wir uns. Im November war dieser Satz an jeder Straßenecke in Peru immer wieder zu hören. „Ich bin 1990 geboren, noch nie habe ich erlebt, dass Peru bei einer Weltmeisterschaft dabei war. Hoffentlich …“ Nahezu ein ganzes Land ersehnte sich den Traum von der Teilnahme an der WM in Russland 2018. Und so war die Qualifikation in der Ausscheidung gegen den Ozeanien-Vertreter Neuseeland ein landesweites Fest. In weiser Voraussicht hatte die Regierung den 16. November für arbeitsfrei erklärt, sollte sich Peru im Rückspiel in Lima durchsetzen. Die Vorzeichen nach dem 0:0 im Hinspiel waren schließlich gegeben und dass eine durchfeierte Nacht am Folgetag in einen absentismo vom Feinsten münden würde, selbstverständlich. Für die fliegenden Händler*innen war es das Geschäft ihres Lebens: Millionen von Nationaltrikots wurden unter die Leute gebracht, die Billigversionen, denn das Originaltrikot von 80 Euro kann sich die übergroße Mehrheit der 33 Millionen Peruaner*innen nicht leisten. 35.000 Plätze fasst das Nationalstadion in Lima, 600.000 wollten online eins ergattern. Das Los entschied über die Glücklichen. „Viele vergossene Tränen, überschäumende Freude, am Schluss waren viele Peruaner glückselig“, so beschrieb Oscar Rivera gegenüber den Lateinamerika Nachrichten die Atmosphäre nach dem 2:0 Rückspielsieg. „Im Allgemeinen sind wir Peruaner Fußballfans und das erlebte Gefühl hängt davon ab, welcher Generation man angehört. Peruaner älter als 43 Jahre wissen, was es heißt, Peru bei einer WM zu erleben und all die vergangenen Jahre haben wir uns danach gesehnt, vergangene Zeiten wieder zu erleben. Diejenigen zwischen 25 und 40 Jahren sind aufgewachsen inmitten der Geschichten von Peru bei den Weltmeisterschaften, sie haben am meisten gelitten, geweint und diese Qualifikation genossen. Für die unter 25-Jährigen war es quasi ein Geschenk, eine Freude, eine kollektive Euphorie“, erzählt der peruanische Ökonom und Fußballfan aus Arequipa, der Teofilo Cubillas in den 70er Jahren begeistert verfolgt hat und einige seiner zehn Tore bei den Weltmeisterschaften 1970 in Mexiko und Argentinien 1978 in der Kneipe bei Pisco Sour nacherzählt. Auf dem Niveau dieser Mannschaft, die 1975 das einzige Mal in der peruanischen Geschichte Südamerikameister wurde und dabei im Halbfinale in Brasilien mit zwei Cubillas-Toren einen legendären 3:1-Auswärtssieg erzielte, sieht Rivera die aktuelle Mannschaft nicht: „Die Mannschaft von Peru hatte extrem viel Glück in diesem Ausscheidungsprozess, aber man muss anerkennen, dass der argentinische Trainer Ricardo Gareca der Hauptverantwortliche für den Erfolg ist. In der zweiten Hälfte der sich über 18 Spiele erstreckenden Eliminatorias vermochte Gareca den Kader zu ergänzen, die passenden Spieler auszuwählen, zu organisieren und die Gruppe in den Griff zu bekommen, indem er ihr seine Idee und Spielphilosophie einprägte. Er hat sich im Prozess von einigen verdienten Spielern getrennt, wie den in Deutschland spielenden Altstar Claudio Pizarro, den in Peru nicht viele mögen.“

Oscar Rivera sieht die WM-Qualifikation auch als gesellschaftliches Sinnbild: „Peru ist generell im Wandel begriffen, wir haben noch große soziale und wirtschaftliche Probleme, aber es gibt mehr aufrichtige, verantwortungsvolle und loyale Personen, die an Konzepten arbeiten, Träume hegen und an ihrer Umsetzung arbeiten. Das spiegelt sich auch im Fußball wider, in seinen Spielern. Wir hoffen, dass sich diese Tendenz fortsetzt und dass es sich nicht um eine Eintagsfliege handelt, ‚Hoch lebe Peru’“.

 


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