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„Als Frau von oben herab wäre auch schräg”

Wird das Radiomachen in Lateinamerika gerade neu erfunden?

Davalos: Ich denke, unabhängige Radios haben historisch schon oft eine wichtige Rolle gespielt. In Bolivien organisierten die Minenarbeiter bereits Ende der 1940er eigene Sender und auch in den Jahren der Diktatur waren sie als kommunikative Alternative von fundamentaler Bedeutung. Heute sind diese Radios Orte der Dekolonialisierung, an denen wichtige Schalter sozialen Wandels umgelegt werden.

Arienta: Auch in Venezuela sind Community Radios ein wichtiger Teil der bolivarianischen Revolution. Einige Sender sind sogar noch älter als die Regierung Chávez. Natürlich schießen in den letzten Jahren auch immer neue Sender aus dem Boden. Sind sind eben Ausdruck der Bevölkerung, die dabei ist, sich eine eigene Stimme zu schaffen.

Das hört sich erst mal wenig konkret an. Wie muss man sich denn das tägliche Arbeiten in einem Community Radio denn vorstellen?

Mina: Im Radio sind wir, salopp gesagt, ein paar wenige Leute, die viele Sachen anstellen. Im Grunde bin ich die Technikerin des Radios. Aber ich fahre auch ein paar Sendungen und bin verantwortlich, was die Kooperation mit neu entstehenden Radioprojekten angeht. Denn die helfen wir aufzubauen, unterstützen sie technisch aber auch bei ihrer Selbstorganisation.

Davalos: Ich arbeite in einer Sendung mit, die sich Traumspinnerinnen nennt. Darin spinnen wir Geschichten, um ein anderes Land und eine andere Gesellschaft zu konstruieren. Wir greifen Geschehnisse auf, an denen wir dekolonialisierende Momente ausmachen. Und wir analysieren sie weiter, denn nicht immer stellt Dekolonialisierung zwingend auch das Patriarchat in Frage. Genau das versucht jedoch unser Frauenkollektiv zu leisten, in dem ganz unterschiedliche Personen mitarbeiten: Theoretikerinnen, Frauen aus dem Gesundheitswesen, Kunsthandwerkerinnen, Soziologinnen.

Arienta: Ja, auch in Venezuela gibt es ähnliche feministische Programme. Aber meine eigentliche Arbeit besteht vor allem darin, Workshops für Frauen und Männer zu organisieren, um patriarchale Strukturen zu analysieren oder Genderfragen zu bearbeiten. Wir sind noch relativ wenige, aber die Idee ist es, auf diese Weise eine Reflexion und Selbstanalyse innerhalb der sozialen Bewegungen zu entwickeln. Darauf lässt sich hoffentlich aufbauen, um andere Situationen schaffen.

Das heißt, Sie outen Patriarchen und Machos nicht nur in den sozialen Bewegungen, sondern auch in den Radios. Gibt es da wirklich tagtäglich Konflikte?

Mina: Machismus gibt es leider überall. Zum Glück gibt es aber auch Inseln oder widerständige Orte, an denen ein anderes Miteinander existiert. La Tribu FM ist ein Stück weit eine solche Insel, auf der es sowohl in Gesprächen aber auch in der alltäglichen Praxis kaum Machismus gibt. Wenn ich als Technikerin in andere Radios gehe, werde ich manchmal aber schon schief angeschaut. Dass da eine Frau kommt und an der Studiotechnik herumschraubt, wird nicht von allen begrüßt. Es ist schon vorgekommen, dass mir Männer das Werkzeug aus der Hand genommen haben und mich loswerden wollten.

Und was machen Sie in so einer Situation?

Mina: Das hängt ein bisschen von der Situation ab. Ich fahre auch schon mal die Ellenbogen aus. Manchmal warte ich eher ab und zeige ihnen dann später wie es geht, wenn sie es alleine nicht hinkriegen. Es ist nicht einfach, dabei seine Rolle zu finden. Denn ich will ja auch niemanden entmündigen und akzeptiere die Prozesse anderer Kollektive. Als Frau von oben herabzusprechen wäre auch schräg.

Davalos: In Bolivien gibt es heute in vielen Radios, aber auch öffentlichen Einrichtungen bereits eine 50-50-Quotenregelung, um Ämter und Machtpositionen zwischen Männern und Frauen gleich zu verteilen. Doch ein allgemeines Umdenken hat längst noch nicht stattgefunden. Die Mentalität ist immer noch die gleiche. Die Veränderungen der Geschlechterverhältnisse müssen weitreichender und auch im Alltag spürbar sein.

Arienta: Ja und oft gibt es auch eine Diskrepanz zwischen der Rolle von Frauen in sozialen Kämpfen oder den Radiokollektiven und ihren privaten Beziehungen. Oft treten die Partner öffentlich als als respektvolle Compañeros auf, und zuhause ist der Ton dann ein ganz anderer. Deshalb weisen wir in den Workshops immer wieder darauf hin, dass auch das Private politisch ist, denn es spiegelt den gesellschaftlichen Machismus in seiner gesamten Reichweite wieder.

Und wie ist das im Kleinen, in Ihrem Radio?

Arienta: Auch da werden Geschlechterrollen reproduziert, zum Beispiel bei der Verteilung von Aufgaben. Technikworkshops richten sich implizit immer an Männer. Denen fällt es allein einfach nicht ein, auch mal eine Frau zum Zusammenlöten eines Senders einzuladen. Umgekehrt höre ich von Männern oft, wenn wir für Community Radios gemeinsame Workshops zu Geschlechtergleichheit organisieren, “Wie schön, mal sehen ob eine unserer Frauen aus dem Radio Interesse hat mitzumachen …” Als ob so was nicht auch mal einen Mann interessieren könnte. Dem lässt sich nur entkommen, indem man unterschiedliche Möglichkeiten aufzeigt, Gender und Geschlecht zu leben. Die Vorstellung, es gäbe nur einen Typ Frau und einen Typ Mann, die müssen wir knacken.

Wie lebt es sich als Feministin in Venezuela? Dort füllt bekanntlich ein mächtig starker Mann das Präsidentschaftsamt aus. Hugo Chávez hat ja nicht nur die Demokratie gerettet, sondern gleich noch den Sozialismus des 21. Jahrhunderts auf den Weg gebracht.

Arienta: So einfach ist es nicht. Zunächst mal beanspruchen wir eine Autonomie, beim Denken und beim Entscheidungen treffen. Wir unterstützen den Prozess des gesellschaftlichen Wandels, aber der fing nicht damit an, dass Präsident Chávez eines Tages aufgewacht ist und gesagt hat: „Hey Leute, lasst uns die bolivarianische Revolution machen!“ Das ist ein Prozess, der Jahre vorher in der Bevölkerung seinen Anfang hatte. Die Regierung Chávez ist vielmehr eine Frucht dieser Anstrengungen.

Und wie ist das Verhältnis von Community Radios und Regierungen, von Autonomie und Kooperation?

Davalos: Radio Wayna Tambo bezeichnet sich als alternatives Community Radio. Das heißt, im Gegensatz zu vielen anderen Sendern akzeptieren wir keine finanzielle Unterstützung durch den Staat. Denn wir wollen nicht immer nur Beifall klatschen, sondern auch kritisch sein können. Wir stehen für Meinungsvielfalt und wollen, dass die Diskussion, die in unserer Community stattfindet, auch im Radio zu hören ist. Das ist für uns ein wichtiges Kriterium, an dem sich die Stärke eines Radios bemisst, nicht daran, wie viel Geld es mobilisiert oder welche politischen Kontakte es hat. Unser Radio alternativ zu nennen ist weniger eine konzeptionelle Spitzfindigkeit, sondern der Versuch, die unterschiedlichen Strömungen von Community Radios in der Praxis sichtbar zu machen.

Mina: Es ist unmöglich, als Radio außerhalb des Staates zu agieren, auch wenn wir das liebend gern tun würden. Denn wir leben und arbeiten mitten in Buenos Aires. Es ist schlicht unmöglich keinen Kontakt zu haben, gerade wenn man dem Staat kritisch gegenübersteht. Wir müssen ja ständig Sachen klarstellen, die nicht gut laufen, uns mit polizeilicher Repression auseinandersetzen, darauf hinweisen, wo das neue Mediengesetz nicht angewandt wird und Druck machen, dass es dazu kommt.

Und was passiert, wenn ein Radio Druck macht? Wie reagieren die Regierenden auf eine kritische Berichterstattung?

Arienta: Also direkte Reaktionen sind die Ausnahme. Einmal hat die Stadtverwaltung von Caracas einen Videoprojektor zurückverlangt, wahrscheinlich weil wir am Vortag über Foltervorwürfe auf einer Polizeiwache berichtet hatten. Aber das war ein Einzelfall.

Davalos: Ich glaube Kritik ist sehr nützlich, wenn sie konstruktiv ist. Der politische Veränderungsprozess der in Bolivien stattfindet ist unserer. Und deshalb ist es wichtig, mitunter auch die Regierung zu kritisieren. In Bolivien ist die Rechtsprechung leider noch immer ein mächtiger Verbündeter des Patriarchats, die eine Emanzipation der Frauen verhindert. Gewalt gegen Frauen wird vor Gericht noch immer nicht konsequent verfolgt. Davon reden wir im Radio und fordern auch die regierende Bewegung für den Sozialismus auf, sich diesem Problem zu stellen. Bisher geschieht jedoch zu wenig. Wir ermutigen deshalb beispielsweise vergewaltigte Frauen, zu regionalen Treffen des Regierungsbündnis zu gehen und dort in direkter Aktion das Wort zu ergreifen. Es ist unser Anspruch als alternativer Sender, auch politisch zu handeln, um konkrete Veränderungen zu erreichen. Nur im Radio zu kommentieren, das reicht nicht.

Infokasten: Compañeras im Radio

Es gibt in Community Radios keine Machos. Doch die gibt es. Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts ist offen für kritische Medienstimmen. Nicht immer. Unabhängige Radios sind autonom und staatsfern. Das kann man diskutieren. So oder ähnlich sehen das zumindest Mariela Davalos, Sabina Mina und Ilaria Arienta, allesamt unabhängige Radiomacherinnen aus Südamerika. Im höchst gelegenen Sender arbeitet Davalos (Mitte). Vom bolivianischen El Alto aus organisieren sie und ihre Compañeras in Radio Wayna Tambo Programme “von Frauen für Frauen“ und für das allgemeine Publikum. Im wohl bekanntesten Community Radio Lateinamerikas, La Tribu FM in Buneos Aires tüftelt Sabina Mina (Rechts) als Technikerin mit. Am weitesten hörbar ist dagegen wohl Ilaria Arienta (links) vom Sender Libre Negro Primero, „dessen kritisches Programm Dank seiner geographischen Lage in ganz Caracas zu empfangen ist.“ Ende März berichteten die drei Radiomacherinnen auf der Linken Medienakademie (LIMA) in Berlin von ihrer Arbeit.

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