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Chance für Amazonien?

Als der Internationale Rat des Weltsozialforums (WSF) im Juni 2007 den nächsten Austragungsort des Forums beschloss, wurde nicht nur der bloße geographische Ort bestimmt: Die Wahl von Belém, der Stadt am Amazonasdelta und Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Pará, als Gastgeberin des Weltsozialforums 2009 war vielmehr auch inhaltlich motiviert. Denn ein großer Teil der aktuellen weltweiten Debatten um Klimawandel, Emissionshandel, Nahrungssicherheit, Biodiversität, Agrartreibstoffe, Monokulturen, Umweltschutz oder Entwaldung sind eng mit der Amazonasregion verflochten.
Amazonien ist ein Mythos, voller Bilder und gleichzeitig eine Leerstelle für Projektionen. Kaum ein Ort dieser Welt könnte interessanter sein für ein Weltsozialforum: Der Regenwald Amazoniens ist kein Ort, den die Globalisierung gleichgemacht hat, hier existiert noch eine andere Welt. In der Millionenstadt Belém kommt dieses besondere Gefühl Amazoniens aber nicht unmittelbar auf. Hier prägen urbane Probleme das Stadtbild.
Dennoch bleibt Amazonien der größte Naturraum dieser Welt, aber der Regenwald ist längst Ziel wirtschaftlicher Interessen geworden: ViehzüchterInnen, die statt Regenwald Weideland sehen wollen, PolitikerInnen, die Großprojekte durchführen wollen, Militärs, die um die geostrategische Lage der Region besorgt sind, Sägewerke, die mit der illegalen Abholzung ihr Geld verdienen, GroßgrundbesitzerInnen, die mit Monokulturen immer weiter in den Regenwald vordringen. Auf lange Sicht werden sie das Waldgebiet zerstören.
Gleichzeitig sind weite Teile Amazoniens ein vergessenes und unbekanntes Land. Es ist ein konfliktreiches und rechtsfreies Territorium, bewohnt von unterschiedlichen Ethnien und geprägt von Armut und Auseinandersetzungen um Landtitel.
Das Weltsozialforum, das Ende Januar nächsten Jahres stattfinden wird, rückt die Amazonasregion in den Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit. Es soll sich neben den Fragen des Klimawandels auch den Problemen der traditionellen Bevölkerung Amazoniens widmen – von Indigenen, BewohnerInnen der Quilombola-Gemeinden, den Nachfahren geflohener SklavInnen, und anderer AfrobrasilianerInnen, FischerInnen, SammlerInnen und anderen. Gleichzeitig findet am 28. Januar das 5. Panamazonische Sozialforum statt. Mit dem Thema „500 Jahre Widerstand, Errungenschaften und afro-indigene sowie populäre Perspektiven“ befasst sich dieser Tag ausschließlich mit Fragen, die die Bevölkerung aller Länder betrifft, deren Territorium zum Teil zur Amazonasregion gehört. Für die unterschiedlichen in der Amazonasregion lebenden Ethnien ist die Veranstaltung eine Chance, sich Gehör zu verschaffen und mit der Welt in Dialog zu treten.
„Erstmal ist wichtig, die Angelegenheiten Amazoniens in die Öffentlichkeit zu bringen – sowohl in Bezug auf den multikulturellen Reichtum der Region, ihre Biodiversität als auch den Kampf ihrer ursprünglichen und traditionellen Völker für den Erhalt ihrer Kultur, ihrer Sprache und ihrer Identität.“ So erklärt Aldalice Moura da Cruz Otterloo den Lateinamerika Nachrichten die Bedeutung des Forums für Amazonien und seine BewohnerInnen. Sie ist Direktorin des brasilianischen NRO-Dachverbands ABONG und Koordinatorin der lokalen Vorbereitungsgruppe des Weltsozialforums 2009. Aber auch der Wettstreit politischer Projekte um Zugang, Gebrauch und Kontrolle der natürlichen Ressourcen der Region müsse gezeigt werden, meint Otterloo.
Als größte Gefahr für die Region sieht Aldalice das aktuelle Entwicklungsmodell, das vor allem die kapitalistische Inwertsetzung der Region zum Ziel hat. Dieses Modell fördere Monokulturen und Viehzucht, seine Konsequenz sei die Verschmutzung der Flüsse. Die Rechte der ansässigen Bevölkerung würden durch dieses Modell verletzt, kulturelle Identitäten und Biodiversität zerstört, Ungleichheit erhöht, erzählt Aldalice. Durch die Zerstörung des Regenwaldes würde das Überleben des Planeten in Gefahr gebracht. Otterloo sieht eine Chance im Weltsozialforum, sich mit anderen Regionen der Welt auszutauschen, welche den gleichen Einflüssen ausgesetzt sind – beispielsweise Indonesien, Malaysia oder Kongo.
Die Debatte um Themen Amazoniens soll aber keinesfalls ein elitärer Diskurs werden. Aus diesem Grund steckt das Vorbereitungskomitee einen Teil seiner Anstrengungen in die Popularisierung des Forums. „Die massive Präsenz von indigenen Organisationen, Mitgliedern aus Quilombola-Gemeinden, Menschen, die von der traditionellen Sammelwirtschaft leben, FischerInnen und anderer soll garantiert werden“, betont Aldalice Otterloo. Das Weltsozialforum soll so den Menschen eine Stimme geben, die auf internationalen Konferenzen normalerweise nicht vertreten sind. Insbesondere die Präsenz indigener Gruppen soll zu einem Markenzeichen des Forums werden. Die VeranstalterInnen erwarten mehr als 1.000 Indigene aus allen Ländern Amazoniens.
Ana Paula dos Santos Souza von der Stiftung Leben, Produzieren und Schützen lebt in Altamira, an der nie vollendeten Urwaldstraße Transamazônica, über 500 km von Belém entfernt. Sie hält es ebenfalls für wichtig, dass das Weltsozialforum in Belém stattfindet und sich den Fragen Amazoniens widmet: „Es ist eine Chance für die Völker Amazoniens, den Rest der Welt zu hören und an dieser Welt teilzuhaben, von der sie immer ausgeschlossen waren. Auf der anderen Seite lernt die Welt die Menschen Amazoniens kennen. Sie wird hören, was die unterschiedlichen Ethnien dieser Region über die Zukunft Amazoniens denken, über den Klimawandel und gemeinsam eine Strategie entwickeln, um mit seinen Folgen umzugehen“, erzählt sie den Lateinamerika Nachrichten. Auch sie verurteilt das in Amazonien eingeführte kapitalistische Entwicklungsmodell scharf und betont, dass die ungebremste Ausbeutung des Waldes die Armut der lokalen Bevölkerung verstärkt.
Doch Ana Paula hat eine weniger idealistische, nüchterne Sichtweise der Dinge als Otterloo. Sie erkennt eine Diskrepanz in den Debatten, die in der Welt geführt werden und den Problemen, welche die Menschen in Amazonien wirklich betreffen: „Die Welt diskutiert den Klimawandel, Emissionsmärkte, REDD [siehe Artikel ab Seite 41 dieser Ausgabe, Anm. d. Red.], aber für uns, die Menschen Amazoniens, sind diese Fragen noch sehr abstrakt. Obwohl die Welt darüber diskutiert, sind wir kein Teil dieser Welt. Es ist in erster Linie eine Debatte der Unternehmen und der reichen Länder. Für uns ist es wichtiger, die großen Projekte zu diskutieren, die für Amazonien geplant sind, den Erhalt des Waldes und der familiären Landwirtschaft“. Diese Themen entfernen sich von Wirtschaft und Klima und richten ihren Fokus auf soziale Fragen. Die Stiftung, für die Ana Paula arbeitet, erhofft sich von der Teilnahme am Weltsozialforum vor allem Kontakte zu anderen lateinamerikanischen NRO, welche ebenfalls zu Themen wie nachhaltiger Waldnutzung arbeiten und weniger Antworten auf die großen Fragen der weltweiten Debatten.
Die Vorbereitungen für das Weltsozialforum gehen derzeit in die heiße Phase. Dem Forum kritisch eingestellte Organisationen behaupten, dass Weltsozialforum in Brasilien stünde völlig unter der Kontrolle der Arbeiterpartei PT, Lulas Partei, und habe so seine ursprüngliche Bedeutung als Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum im Schweizer Davos verloren. Aldalice Otterloo kann solche Vorwürfe nicht verstehen. Aber sie räumt ein, dass durchaus politisch-ideologische Affinitäten zwischen der PT und dem, was das Weltsozialforum in seiner Charta der Prinzipien anstrebt, bestehen. Ein Grund für die notwendige Kooperation mit der Politik liegt in der Finanzierung. „Leider haben wir keine finanzielle Autonomie, um unabhängig von der Unterstützung der Regierungen zu sein. Zwei Drittel der Ressourcen des Großprojekts stammen von Bundes- und Landesregierungen“, erzählt Aldalice. Diese Finanzierung von Seiten der Politik brachte einige Spannungen mit sich. „Viele Politiker glauben immer noch daran, dass derjenige, der bezahlt, Rhythmus und Richtung vorgibt. Uns ist es aber durch den Dialog gelungen, eine demokratische Partnerschaft aufzubauen, die akzeptiert, dass das WSF ein Forum der Zivilgesellschaft ist“, äußert Otterloo, die auch die Koordinatorin des Vorbereitungskomitees ist. So wird der Teilnahme von Staats- und Regierungschefs am Weltsozialforum keine gesonderte Veranstaltung gewidmet, die vom Vorbereitungskomitee organisiert wird.
Die Schwierigkeiten für am Forum teilnehmende Organisationen aus der Amazonasregion liegen häufig auch in Problemen finanzieller Art. Für kleinere NRO und Basisorganisationen ist es schwierig, an Mittel zu gelangen, um die Teilnahme vieler Menschen zu gewährleisten. Ana Paula sieht aber noch zwei weitere Faktoren, welche die Teilnahme der Menschen aus der Amazonasregion am Forum erschweren können: Infrastruktur und Distanz. Sie glaubt nicht, dass die Stadt Belém infrastrukturell auf eine Veranstaltung dieser Größenordnung vorbereitet sei. „Die Distanz ist für viele Menschen ein Hindernis, denn sie bedeutet lange Strecken mit dem Bus oder Boot. Selbst für die Menschen hier im Norden Brasiliens sind die Entfernungen sehr groß.“
Die Schwierigkeiten der Organisation, Teilnahme und Relevanzordnung der Debatten stellen in Frage, ob das Weltsozialforum nachhaltig ist und auch zukünftig in dieser Form durchgeführt werden soll.
Ob sich die Durchführung des Weltsozialforums zukünftig ändern wird oder nicht – erstmal findet im Januar 2009 das Weltsozialforum in Belém statt. Für die Menschen Amazoniens ist es die Möglichkeit, den Akteuren der Zivilgesellschaft regionsspezifische Probleme vor Augen zu führen und mit der Welt in Dialog zu treten.
// Anne Schnieders und Thomas Fatheuer

Kaste:

Bilder aus Amazonien
Zur Bebilderung unseres Schwerpunktes haben wir eine Bilderstrecke des Fotografen Santiago Engelhardt ausgewählt. Er reiste durch die Region und machte Fotos für die Lateinamerika Nachrichten.

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