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DER FRIEDE MUSS ZUNÄCHST ZUHAUSE HERGESTELLT WERDEN

Welche Position hat Fuerza de Mujeres Wayuu zum Friedensabkommen?
Wir als Organisation unterstützen das Friedensabkommen. Was wir gesehen, gelesen und woran wir teilgenommen haben, lässt uns daran glauben, dass die Guerilla demobilisiert werden kann, dass die Guerilla ihre Waffen abgeben wird. Durch die UNO gibt es auf internationalem Niveau eine Garantie, dass andere Länder den Prozess begleiten. Wir wissen, dass noch einige Themen fehlen, aber wir glauben, dass das Friedensabkommen mit der Zeit vervollständigt wird. Ich bin der Meinung, dass das Abkommen bereits sehr weit geht und die Rechte vieler Gruppen, wie die der Indigenen, einbezieht. Jetzt wird es anders sein als bei der Demobilisierung der Paramilitärs. Das war fiktiv, es gab keine Kontrolle. Außerdem gab es keine Volksabstimmung.

Wie beurteilen Sie den Ausgang des Referendums?

DERIS PAZ
ist Aktivistin bei der indigenen Organisation Fuerza de Mujeres Wayuu. Sie ist Mitbegründerin der Organisation der Wayuu im nord-östlich gelegenen Verwaltungsbezirk La Guajira. Die Sozialarbeiterin versteht sich als Menschenrechtsverteidigerin. Fuerza de Mujeres Wayuu sieht sich als Plattform verschiedener Gemeinden. Die Koordinator*innen arbeiten zu juristischen Fragen, dem Empowerment von Frauen und Themen wie Bergbau, Wasser und Bildung. (Foto: privat)

Wie bereits gesagt, haben wir, die sozialen Organisationen und Opfer des bewaffneten Konflikts, die Hoffnung, dass wir Frieden erlangen. Das Ergebnis war unglaublich knapp: 18,26 Prozent der Gesamtbevölkerung hat für „Ja“ und 18,42 Prozent für „Nein“ gestimmt; 63,32 Prozent der Bevölkerung enthielten sich, wahrscheinlich weil es einen Mangel an Klarheit und Bildung gab, den die Regierung nicht realisiert hat. Wir können nicht leugnen, dass das Ergebnis der Wahl demotiviert, aber unser Ziel ist weiterhin für den Frieden anzutreten und uns weiter an den Verhandlungstisch zu setzen. Obwohl nichts sicher ist, führen wir unsere Arbeit fort, um unsere Position als Konstrukteurinnen des Friedens zu festigen.

Welche Arbeit hat die Organisation während des bewaffneten Konflikts geleistet?
Die Indigenen mussten während des bewaffneten Konflikts in La Guajira viele falsos positivos (als „falsche Erfolge“ werden die willkürlich ermordeten Zivilist*innen bezeichnet, Anm. d. Red.) erfahren. Ein Wayuu wurde ermordet und dann als Soldat oder guerillero angezogen, um es so aussehen zu lassen, als ob La Guajira ein strategisches Gebiet für illegal bewaffnete Gruppen wäre. Indigene wurden bedroht und wenn sie nicht gingen, umgebracht. Viele wurden vertrieben. Unsere Arbeit bestand also darin, den Leuten zu erklären, wie sie ihre Vertreibung anzeigen und verhindern können. Die Paramilitärs haben die Arbeit der Fuerza de Mujeres Wayuu erkannt und sind dann in die Gemeinden gekommen und haben die Unterlagen zerrissen. Schließlich musste auch unsere Organisation den Bezirk verlassen.

Was ist Ihre persönliche Erfahrung?
Mich hat es auch getroffen, ich musste für acht Jahre in einen anderen Bezirk gehen. Sie ermordeten einen meiner Onkel, damit ich meine Arbeit einstelle. Sie wollten auch meine Schwester umbringen und wir mussten innerhalb von zwei Stunden verschwinden. Wir Frauen, die vertrieben wurden und sogar im Opferregister (Registro Único de Víctimas) registriert sind, haben unsere Arbeit nicht aufgegeben. Aber die Regierung hat uns bisher nicht garantiert, dass wir in unsere Territorien zurückkehren können.

Sie haben gesagt, dass Sie nun optimistisch sind, aber auch Punkte im Friedensabkommen offenbleiben. Können Sie dafür Beispiele geben?
Ein wichtiges Thema, das uns Sorgen bereitet, ist die Frage des Bergbaus. Wie das Problem des Bergbaus in La Guajira in den indigenen Gemeinden verdrängt wird. Für uns ist nämlich klar und wir wussten, mit dem Bergbau im Territorium gibt es keinen Frieden. Wir sagten das und wussten auch, dass die ersten Schritte gemacht werden müssen, indem man die Guerilla entwaffnet. Dann können weitere Abkommen gemacht werden. Denn der Bergbau ist ein Thema, das uns sehr schadet.
Sie sind aktiv gegen den Kohleabbau in El Cerrejón. Inwiefern schadet Ihnen der Tagebau?
Ja, El Cerrejón ist ein Beispiel für unsere Arbeit gegen den Bergbau. Wir führen aktuell einen Kampf, damit der Fluss Ranchería nicht umgeleitet wird. Der Fluss versorgt alle indigenen Gemeinden der Wayuu mit Wasser. Er ist unsere einzige Wasserquelle, aber El Cerrejón möchte den Fluss umleiten, weil es darunter die beste Steinkohle gibt.

Wie reagiert das Unternehmen auf Ihren Widerstand?
Wir haben uns nie mit El Cerrejón zusammengesetzt. Sie haben uns darum gebeten, da sie gesehen haben, dass wir gegen sie sind. Sie wollen wissen, was Fuerza de Mujeres Wayuu will. Wir sagen, wir wollen nur, dass es keinen Bergbau gibt. Dass sie gehen. Wir wollen keine Art des Dialogs mit dem Unternehmen, weil es eine Annäherung wäre. Damit würden wir den Bergbau unter einigen Bedingungen akzeptieren. Aber wir haben eine klare Position: Wir wollen keinen Bergbau. Statt den Gemeinden etwas zu nützen, brachte der Bergbau uns Schäden für die Umwelt, Armut, Anstieg von Krankheiten und Lärmbelastung.

Würden Sie immer noch sagen, dass es mit Bergbau keinen Frieden gibt?
Ja, klar. Es kann sein, dass es bald keine bewaffneten Gruppen mehr gibt, aber wir erfahren immer noch Verschmutzung, sie sind dabei uns unsere Wasserquelle zu nehmen. Wir sind uns bewusst, dass Dinge fehlen und wir haben die Hoffnung, dass wir sie auf diesem Weg in Ordnung bringen können.

Was ist sonst noch für die Schaffung des  Friedens nötig?
Der Bezirk La Guajira wusste immer, dass der multinationale Konzern und die Paramilitärs Alliierte sind. Die Wayuu haben das Problem, dass unser Gebiet militarisiert ist, weil die Interessen der Multis gesichert werden. Einen weiteren Kampf führen wir dafür, dass die privaten Sicherheitskräfte abgezogen werden. Sie beschützen uns nicht, wir fühlen uns durch sie bedroht.

Was glauben Sie, wird jetzt passieren?
Jetzt wird es sich ein wenig beruhigen. Wir denken, dass plötzlich die „gewöhnliche“ Kriminalität ansteigen kann, da angenommen wird, dass es keine Paramilitärs mehr gibt. Der ehemalige Präsident Álvaro Uribe Vélez könnte die kriminellen Gruppen bewaffnen. Das wäre eine Aktion des Expräsidenten, um das Volk anzugreifen. Ich glaube an die Entwaffnung der Guerilla, aber in irgendeinem Moment könnten die kriminellen Gruppen wieder bewaffnet werden.

Welche Rolle spielen internationale Netzwerke für den Kampf gegen die Kohle, oder insgesamt für Klimagerechtigkeit?
Wir haben auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Organisationen Allianzen. Einige kümmern sich nur darum, all die Auswirkungen, die die Kohle abbauenden multinationalen Konzerne in La Guajira erzeugen, international sichtbar zu machen. Wenn diese sagen, dass sie die realen Auswirkungen nicht kannten, sollen sie diese durch unsere Partner kennenlernen.

Wenn die zerstörerischen Auswirkungen öffentlich gemacht werden, welche Handlungen erwarten Sie in Deutschland?
Wir wissen, dass Deutschland eines der Länder ist, das Kohle aus Kolumbien kauft. Die Idee ist, den Menschen bewusst zu machen, was für Konsequenzen das für unsere indigenen Gemeinden hat. Den Leuten zu sagen, dass der Bergbau viel Umweltverschmutzung, viele Krankheiten und Vertreibung gebracht hat. Wir haben nur Nachteile, während andere Personen einen Nutzen haben. Wir wollen in diesem Moment, dass Deutschland sich eine Strategie überlegt, um keine Kohle mehr kaufen zu müssen. Dass auch in Deutschland gesagt wird: Nein zum kolumbianischen Bergbau. Nein zu kolumbianischer Kohle. Und ja zum Buen Vivir und dem Überleben der indigenen Völker.

In Deutschland gibt es zivilgesellschaftlichen Anti-Kohle-Protest, wie beispielsweise das Bündnis Ende Gelände. Was wünschen Sie sich von solchen Bewegungen?
Eine Möglichkeit ist, uns in die Debatten mit einzubeziehen. Außerdem sind die Medien wichtig. Ich glaube, es reicht nicht, nur privat darüber zu sprechen. Wir müssen einen gemeinsamen Kampf beginnen, mit Zusammenschlüssen zwischen Zivilgesellschaft, Gewerkschaften, Unternehmen und Menschenrechtsorganisationen, um so aufzuzeigen, was in den indigenen Gemeinden passiert. Wenn Deutschland aufhört, kolumbianische Kohle zu kaufen, gerät El Cerrejón in eine Krise. Es muss ein Kampf der Allianzen sein, denn alleine werden wir es nicht können.

Welche Rolle haben Frauen bei Ihrem Widerstand? Beziehungsweise, welche Beziehung sehen Sie zwischen Feminismus und dem Widerstand gegen Extraktivismus?
Kulturell sind wir Frauen in den Gemeinden Vermittlerinnen des Konflikts, des Dialogs. Gleichzeitig sind wir unserer Rolle als Fuerza de Mujeres Wayuu gerecht geworden, indem wir andere Frauen empowert haben. Und wir sahen ein Ergebnis: Wir sehen das Empowerment der Frauen in den Gemeinden: Frauen, die vorher nicht von Rechten gesprochen haben und diese nicht kannten, partizipieren nun und verteidigen ihre Rechte. Ich weiß nicht, ob wir Feministinnen sind. Ich habe es nie gesagt, weil ich kein klares Konzept vom Feminismus im Kopf habe. Ich weiß nur, dass ich eine Frau bin, die die Menschenrechte und Rechte von Frauen und der Wayuu verteidigt. Ich weiß nur, dass ich eine Frau bin, die Teil einer Organisation ist, die ihr Territorium verteidigen möchte. Und natürlich ist es mir als Frau wichtig, damit weiterzumachen: mehr Frauen auszubilden und zu orientieren. Je mehr ausgebildete Frauen es gibt, desto mehr wird der Bezirk La Guajira vorankommen.

Wie verstehen Sie denn die Arbeit als Vermittlerin?
Immer Frieden herstellend. Wir sind überzeugt, dass bevor Frieden in Havanna geschaffen wird, bevor er mit der Regierung geschaffen wird, der Frieden zuhause hergestellt wird. Frieden wird hergestellt beim Kaffee kochen überm Lagerfeuer oder wenn ich eine Tasche mache. Mit meinen Gedanken stelle ich Frieden her. Deshalb sind wir überzeugt, dass wir auch zum Frieden beitragen, wenn wir die Wayuu bilden.

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