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Partner statt Chefs

Bolivien ist ein typischer Fall des Ressourcen-Fluchs. Das südamerikanische Binnenland ist reich an Rohstoffen, doch seine Einwohnerinnen und Einwohner sind mehrheitlich arm. Im Jahr 2006 begann der linke indigene Präsident Evo Morales mit einer Neuausrichtung der Ressourcenpolitik. Der Großteil der Gewinne aus dem Gasgeschäft kommt seitdem nicht mehr multinationalen Konzernen, sondern der bolivianischen Bevölkerung zu Gute. Die jahrhundertelange Zeit der Plünderung soll an ihr Ende kommen.
Die Chancen dazu stehen tatsächlich nicht schlecht, meint der Journalist und Bolivien-Kenner Benjamin Beutler. In seinem Buch „Das weiße Gold der Zukunft. Bolivien und das Lithium“ beleuchtet er die Schattenseiten von Boliviens Rohstoffreichtum und zeigt die mögliche Befreiung vom Ressourcen-Fluch durch die Förderung des Leichtmetalls Lithium auf. Denn Bolivien verfügt im Salzsee Salar de Uyuni über die größten Lithium-Vorkommen der Welt.
Schon heute gelten Lithium-Ionen-Batterien in Laptops oder Mobiltelefonen als unverzichtbar. Zukünftig könnte das „weiße Gold“ für die Weltwirtschaft aber noch wesentlich wichtiger werden. Sollte etwa dem Elektroauto der wirtschaftliche Durchbruch gelingen, dürfte gar ein wahrer Lithium-Boom bevorstehen. Zwar kann Bolivien das Leichtmetall nicht ohne ausländisches Know-How im industriellen Maßstab fördern und verarbeiten, doch internationale Konzerne sollen als „Partner, nicht als Chefs“ an der Ausbeutung der Bodenschätze beteiligt werden. Ziel der Morales-Regierung ist nicht nur ein möglichst hoher Anteil an den Einnahmen, sondern auch die Weiterverarbeitung vor Ort. Beutler sieht darin eine immense Hoffnung für das verarmte Andenland. So könnte Bolivien seiner Ansicht nach „den Beweis führen, dass Rohstoffreichtum den Entwicklungsländern nicht zwangsläufig zum Fluch wird“.
Entgegen des Buchtitels wird das Thema Lithium relativ kurz abgehandelt und bildet lediglich die Klammer des Buches. Im Hauptteil geht es allgemein um die neue politische Ära und deren Ursachen, die der Autor kenntnisreich und in lockerem, journalistischem Ton aufzeigt. Bereits die Spanier plünderten während der Kolonialzeit das Silber aus Potosí. Im Laufe der Jahrhunderte kamen Kupfer, Zinn und Gas hinzu. Auf die letztlich gescheiterte bürgerliche Revolution von 1952 folgten Militärdiktaturen, US-gestützter Anti-Drogenkrieg und neoliberale Umstrukturierung.
Der Ausverkauf des Landes brachte aber auch einen schlagkräftigen Widerstand hervor. Im so genannnten Wasserkrieg konnte im Jahr 2000 der Verkauf der kommunalen Wasserwerke an den Multi Bechtel in der Stadt Cochabamba durch die sozialen Bewegungen rückgängig gemacht werden. Drei Jahre später verjagte die Bevölkerung den Präsidenten Gonzalo Sánchez de Lozada, der maßgeblich Privatisierungen vorangetrieben hatte. El Alto, der riesige Vorort von Boliviens Regierungssitz La Paz, wurde zum Symbol für neue Organisationsformen der Marginalisierten. Beutlers Schilderungen zeigen eindrücklich, dass die Regierung Morales das Ergebnis vielschichtiger sozialer Kämpfe ist und stellen eine gut lesbare Einführung in das politische Bolivien dar.
Es bleibt die Frage, ob nun tatsächlich Strukturen geschaffen werden, die das Land dauerhaft verändern oder die internationalen Konzerne am Ende nicht doch den längeren Atem haben. Ihre Verhandlungsposition ist jedenfalls schlechter denn je.

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