«

»

aaArtikel drucken

„Solidaritätsarbeit läuft nicht mehr auf einer Einbahnstrasse“

Seit mehr als 30 Jahren praktizieren Sie gewerkschaftliche Solidarität an der Basis zwischen Mannheim und der brasilianischen ABC-Region (der wichtigsten Industrieregion Brasiliens, bestehend aus den Städten Santo André (A), São Bernardo do Campo (B) und São Caetano do Sul (C), Anm. der Redaktion). Wie kam es dazu?
Ausgangspunkt war eine Initiative in Brasilien. Arbeiter*innen und Gewerkschafter*innen aus den drei großen Automobilfirmen General Motors, Volkswagen und Mercedes organisierten 1984 mit Hilfe kirchlicher Organisationen einen Besuch bei den Standorten der Muttergesellschaften in Deutschland, unter anderem in Mannheim. Es gab einen intensive Austausch in den Betrieben und mit gewerkschaftlichen Gremien. Im Folgejahr starteten wir einen Gegenbesuch. Daraus entstand in Mannheim neben anderen internationalen Solidaritätsgruppen der „Arbeitskreis Solidarität mit Brasilianischen Gewerkschaften“, der sich dem DGB Mannheim anschloss. Kolleg*innen von Mercedes, die an Brasilien interessiert waren, schlossen sich zusammen und entwickelten vielseitige Aktivitäten: Beispielsweise den Kontakt aufrechterhalten, gegenseitige Unterstützung organisieren, Informationen verbreiten und so weiter. Diesen persönlichen Initiativcharakter hat der Arbeitskreis in all den Jahren durchgehalten. Von Anfang an wurde versucht, eine Vernetzung mit anderen Betrieben und mit dem Internationalen Bildungswerk TIE Offenbach aufzubauen. Eine dauerhafte Verbindung wurde mit einigen Kolleg*innen der BASF Ludwigshafen hergestellt. Dort war es ebenfalls – einige Jahre später als im Metallbereich – gelungen, anhaltende Kontakte zu Gewerkschaftskolleg*innen in brasilianischen BASF-Werken aufzubauen. Wir bekamen lebhafte Unterstützung von Brasilianer*innen, die in Deutschland wohnten und von jungen Leuten mit professioneller Sprachkenntnis.

Wie hat sich die basisgewerkschaftliche Solidarität zwischen Mannheim und der ABC-Region entwickelt? Gab es Phasen stärkerer und schwächerer Intensität?
Von Anfang an war die direkte Begegnung vor Ort das entscheidende Element von gewerkschaftlicher Solidarität: Sehen wie die Kolleg*innen im anderen Land arbeiten, wie sie wohnen, wie sie kämpfen. Das brachte uns näher. Wir verstanden uns, lernten uns kennen und schätzen. In den ersten 20 Jahren war fast jährlich eine Gruppe aus deutschen Betrieben in Brasilien oder eine brasilianische Gruppe in deutschen Werken unterwegs. Dabei ging der Blick auch über die betriebliche Situation hinaus: Soziale Bewegungen in Brasilien weiteten den Blick der Deutschen, Besuche wichtiger Plätze aus der deutschen Geschichte den der Brasilianer*innen.
Der Arbeitskreis fasste auch in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit Fuß. Dadurch gelang es, die Öffentlichkeitsarbeit in die Gewerkschaft hinein wesentlich zu erweitern. In Seminaren für Vertrauensleute kann regelmäßig über die Erfahrungen der Gruppe berichtet werden und so das Bewusstsein für die Notwendigkeit internationaler Solidaritätsarbeit gestärkt werden. Natürlich haben wir keine Massenbewegung ausgelöst. Das Auf und Ab solcher Arbeit hängt immer auch von Initiativen einzelner Personen ab.
Am Anfang hatte der Arbeitskreis eine Art Monopolstellung, was die gegenseitige Information anbelangte. Mittlerweile hat sich eine internationale gewerkschaftliche Zusammenarbeit auch auf institutioneller Ebene herausgebildet. Aber die Bedeutung der Arbeit hält weiter an. In den 1990er Jahren wurde das „Weltkomitee der Beschäftigten bei Mercedes Benz“ gegründet, zur gleichen Zeit wurde Valter Sanches, Mitarbeiter von Mercedes in Brasilien, in den Aufsichtsrat der Firma gewählt. Informationsaustausch gibt es so auch auf der höheren Ebene, nicht nur durch den Austausch an der Basis. Solche internationale Gewerkschaftsarbeit kann durch pragmatische, also eine an den betrieblichen Erfordernissen ausgerichtete Basisarbeit die Arbeit der Betriebsräte hervorragend ergänzen. Entsprechende Netzwerke sind auf Vertrauen aufgebaut und so können sie Impulse setzen.

Wie gelang es, den Austausch beidseitig und gleichberechtigt auf Augenhöhe zu organisieren?
Anfangs gab es noch eine Art Gefälle von Deutschland nach Brasilien, nach dem Motto: „Wir müssen denen helfen!“ Aber die Globalisierung der Unternehmensstrategie hat dazu geführt, dass die gewerkschaftlichen Vertretungen gleichartigen Herausforderungen begegnen. Solidaritätsarbeit läuft schon lange nicht mehr auf einer Einbahnstraße.

Konzernchefs tendieren nicht selten dazu, die Belegschaft des Werks im Mutterland und die der ausländischen Töchter gegeneinander auszuspielen. Wie begegnen Sie dem?
Dem gegenseitigen Ausspielen entgegenzutreten, das war von Anfang an das erklärte Ziel der Austauschbewegung. Wir müssen wissen, was die Muttergesellschaften vorhaben. Das war das mit einigem Erfolg gekrönte Bemühen der ersten Delegation im Jahre 1984. Bei Mercedes ergab sich daraus die Anerkennung einer Fabrikkommission in der Fabrik von São Bernardo.
Die fünf Elemente der Zusammenarbeit sind darum nach wie vor folgende: Erstens, sich gegenseitig kennenlernen und austauschen. Zweitens, sich gegenseitig informieren, auch und vor allem zwischen den einzelnen Besuchen. Anfänglich ging das noch sehr handwerklich vonstatten: Wir verschickten noch handgeschriebene Briefe mit der Post. Mit den heutigen Kommunikationsmitteln können die Ereignisse zeitgleich verfolgt werden. Drittens, sich in schwierigen Situationen gegenseitig unterstützen: Früher mehr in solidarischen Aktionen, heute eher durch Solidaritätsschreiben. Viertens, voneinander lernen: So haben beispielsweise die Brasilianer*innen anfangs viel von der deutschen Form der Arbeitnehmer*innen-Vertretung gelernt. Und wir haben uns ein großes Beispiel an der Leichtigkeit der Mobilisierung unserer brasilianischen Kollegen nehmen können – aber auch an ihrem erfolgreichen Kampf für den Aufbau eines eigenen Fernsehsenders und der Einbeziehung von Fremdfirmenbeschäftigten in die gewerkschaftliche Arbeit. Fünftens, gemeinsam analysieren und Gegenstrategien entwickeln: In gemeinsamen Seminaren wurde ein „benchmark„ von unten begonnen – also die Suche und Durchsetzung der für die Kollegen besten Arbeitsbedingungen.

Was war Ihr größter Erfolg?
Wir können einige Beispiele nennen: Die angesprochene Errichtung einer Fabrikkommission, eine Art Betriebsrat, in São Bernardo, obwohl es in Brasilien kein Betriebsverfassungsgesetz gibt. Sowie die Unterstützung in Streiksituationen, unter anderem haben die Kolleg*innen in São Bernardo während eines Tarifkampfes in Deutschland aus Solidarität mitgestreikt. Und die Anerkennung der 30-jährigen Zusammenarbeit durch eine Ehrung im Rathaus von São Bernardo. Und natürlich auch, dass das Thema in die Bildungsarbeit innerhalb der IGMetall in Rhein-Neckar und Pfalz eingebracht werden konnte.

Wie kann man die Jugend für zukünftige internationale Gewerkschaftsarbeit mobilisieren?
Das ist nicht so einfach. Vielfach nehmen Jugendliche an unseren Aktivitäten teil, ohne sich danach fest zu engagieren. In Brasilien gelingt das besser: Ganz systematisch wird dort für Nachwuchskräfte gesorgt, auch für die internationale Zusammenarbeit. Der augenblickliche Vorsitzende der Fabrikkommission, Max, ist der Sohn eines Mitbegründers des Austauschprogramms vor 30 Jahren.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://lateinamerika-nachrichten.de/?aaartikel=solidaritaetsarbeit-laeuft-nicht-mehr-auf-einer-einbahnstrasse