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Überleben in der Colonia Dignidad

Es geht um eine alte Jugendliebe zwischen Gudrun und Wolfgang, die auf den Zeltlagerfreizeiten der Sekte in Deutschland in den fünfziger Jahren begann und nach der Auswanderung nach Chile mit strengsten Mitteln wie Geschlechtertrennung, Sprechverbot, Schlägen, Elektroschocks und zwangsweiser Medikamentierung unterdrückt werden sollte, damit die Sektenführung die volle Gewalt über Körper und Seele der Anhänger_innen hatte. Sektenführer Paul Schäfer hatte diesen „Weg der Härte“ eingeführt, weil ein paar Kinder hinter den Büschen die Hosen runter und die Röcke hoch gezogen hatten. Trotzdem schafften es Gudrun und Wolfgang über Jahrzehnte, Blicke und kurze Zärtlichkeiten auszutauschen.
Fröhling fügt in die Erzählung von Gudrun und Wolfgang die Geschichte der Colonia Dignidad ein. Sie hat die Aufbauphase in Deutschland gründlich recherchiert und schildert sie einfühlsam. Das getrennte Paar bekommt mit, wie nach dem Militärputsch 1973 der Geheimdienst Pinochets auf dem Siedlungsgelände ein Lager zur Folter politischer Gefangener einrichtet. Die Colonia Dignidad ist seit langem gut dokumentiert, aber das Schicksal der Frauen in der Sekte wird erst bei Fröhling gründlich dargestellt. Weibliche Sexualität war Teufelswerk, und deshalb unterdrückte das medizinische Personal die Pubertät (auch die der Jungen) mit Mitteln, die bis zur grausamen Zwangssterilisierung der Mädchen reichten. Die Leser_innen werden dankbar sein, dass Fröhling ihnen nicht alles zumutet, was damals dort geschah. Das Buch ist schmerzhaft, aber erträglich. Einige Episoden bleiben notgedrungen unklar, da der systematische Sadismus der Colonia Dignidad nicht immer analysierbar ist.
Nach dem Ende der Diktatur konnte Schäfer sich noch ein paar Jahre in der Siedlung halten, musste dann aber nach Argentinien abtauchen. Die Liebenden kamen sich nun langsam näher, obwohl Schäfers Schatten immer noch über der Siedlung lag. Die Führungsclique führte weiter ein scharfes Regiment, wenn auch die schlimmsten Misshandlungen aufgehört hatten. Der Medikamentenmissbrauch hielt an, und unter dem Einfluss starker Psychopharmaka stürzte Wolfgang von einem Dach und brach sich den Fuß. Die Einlieferung in ein Unfallkrankenhaus hätte ihn beinahe das Leben gekostet. Die Ärzt_innen der Siedlung, von denen einer, Hartmut Hopp, 2011 vor der chilenischen Justiz nach Deutschland geflohen ist (siehe LN 450), machten sich nicht die Mühe, das Unfallkrankenhaus von den Überdosen, die sie dem Mann aufgezwungen hatten, zu unterrichten, oder sie wollten ihre Methoden vertuschen, was einen kalten Entzug bewirkte.
2001 durften die beiden heiraten, aber dennoch nicht zusammenleben. 2005 brachen sie mit der Sekte und gingen nach Deutschland. Dort leben mittlerweile etwa hundert frühere Sektenmitglieder. Fast alle schweigen über die Vergangenheit. Fröhling schildert parallel zur Geschichte von Wolfgang und Gudrun die Leiden eines weiteren Paares, das dieses Schweigen gebrochen hat. Ihre Berichte erlauben eine neue Sicht auf die Binnenstruktur der Colonia Dignidad.
Man sollte die wohl der PR-Strategie des Verlags geschuldete Aufmachung des Buches als real fiction nicht akzeptieren, um ihm etwas abzugewinnen. Wer ein paar Passagen ignoriert, liest solide gearbeitete Zeitzeugenberichte. Es gehört zu den Besonderheiten der Colonia Dignidad, dass über sie seit 1977 eine stattliche Reihe deutscher und spanischer Publikationen (Biografien und Sachbücher) geschrieben wurde. Fröhling fügt dem ein authentisches Zeugnis von Leiden und Durchhalten und einem mühsamen Leben danach an. Tatsächlich, Glaube, Hoffnung und Liebe überdauerten die Brutalität der Colonia Dignidad. Dennoch ist die Bilanz der Colonia Dignidad, die als Villa Baviera bis heute besteht, deprimierend: kranke, gebrochene Menschen, die von alten Ängsten geplagt werden.

Ulla Fröhling // Unser geraubtes Leben: Die wahre Geschichte von Liebe und Hoffnung in einer grausamen Sekte // Bastei Lübbe // Köln 2012 // 8,99 Euro // 313 Seiten

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