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Warten auf Godot

Auf das Dach des Reisebusses sind zwei Särge gebunden. Sie schmoren gemeinsam mit der Trauergemeinde in der gleißenden Sonne. Die Männer von der Blaskapelle sitzen in ihren schwarzen Anzügen schwitzend im Gras. Sie sitzen und warten. Darauf, dass die Straßensperre aufgelöst wird. Und dass sich der Ärger derjenigen beruhigt, die den Weg in die Provinz verbarrikadiert haben, um der Regierung klarzumachen: Wir haben Hunger!
Es ist Montag, der 29. Oktober. Der erste Tag nach Hurrikan Sandy. Eigentlich hätte alles gar nicht so schlimm sein dürfen, immerhin ist das Zentrum des Sturms über Jamaica und Kuba gefegt. Haiti hat nur die Ausläufer abbekommen. Aber die haben gereicht: Erst wurde der Himmel langsam grau und die Frauen in den Straßen von Port-au-Prince stülpten sich wie auf ein Zeichen hin bunte Duschhauben über ihre Frisuren. Dann fielen die ersten Tropfen und kurze Zeit später war das ganze Land in ein riesiges Badezimmer verwandelt. Eins, in dem die Dusche voll aufgedreht ist und für drei Tage nicht mehr abgestellt wird. Die Haare unter den Badehauben der Frauen waren das Einzige, was nicht völlig durchweicht war.
In Jamaica und Kuba zusammen sind zwölf Menschen dem Hurrikan zum Opfer gefallen. In Haiti waren es 54. Und damit hat der Sturm abermals die eigentlichen Probleme des Landes frei gespült. Die Berge Haitis sind für die Produktion von Holzkohle fast vollständig gerodet, bei starken Regenfällen, wie Sandy, schießt das Wasser ungehindert in die Täler. Flüsse treten über die Ufer und reißen ganze Siedlungen mit, die in Schluchten oder direkt am Flussbett gebaut sind. Es gibt keine Straßen um Verletzte zu transportieren und nicht genügend Krankenhäuser, um alle zu versorgen. Nach jeder neuen Katastrophe fangen die Leute mit dem Wiederaufbau an. Er zehrt alle Ressourcen auf und lässt das Land ohne Abwehrkräfte für den nächsten Sturm zurück. Das eigentliche Problem haben hier nicht die Toten, sondern die, die überlebt haben.
Die Toten warten auf den Dächern von Reisebussen auf ihre Beerdigung mit Blaskapelle. Die, die noch leben, blockieren den Weg. Weil sie nicht mehr weiter wissen, weil sie selbst völlig blockiert sind. Erst kam Hurrikan Isaac Ende August und richtete verheerende Schäden auf den Feldern an. Das, was übrig geblieben war, wäre gerade reif für die Ernte gewesen. Yamswurzel, Mais, Bananen. Jetzt ist alles kaputtgeregnet und weggespült. Laut Angaben der Vereinten Nationen werden im nächsten Jahr 1,5 Millionen Menschen vom Hunger bedroht sein.
Ein paar Kilometer von der Straßensperre entfernt, am Stadtrand von Port-au-Prince, erstreckt sich die Cité Soleil, der größte und gefährlichste Slum Haitis. Die Regierung hat diesen Teil der Stadt aufgegeben, statt Polizisten_innen bestimmen hier Banden. Auch Hilfsorganisationen kommen nur selten vorbei, wenig lohnenswert und zu gefährlich ist die Arbeit hier. Die einzigen Besucher_innen aus den anderen Stadtvierteln sind die Müllwagen. Und die kommen nur, um den Dreck der Stadt auf einem der riesigen Müllberge von Cité Soleil abzuladen.
Plastikflaschen sortieren, Dosen verbrennen und Metall verkaufen. Über 400 Familien ernähren sich von Abfällen. Zwischen den Müllbergen ist es schwer zu erkennen, wo die Erde aufhört und der Abfall anfängt, so viele Schichten pressen sich hier aufeinander. Irgendwo ragt ein Plastikrohr aus der Erde, nicht größer als eine Hand im Durchmesser. „Das ist die Wasserstelle“, sagt Louis Wilner, Mitarbeiter einer lokalen Hilfsorganisation. „Hier holen sich 400 Familien ihr Wasser zum Trinken, Waschen und Kochen.“ Und wie in einem dieser Spendenaufrufe zur Weihnachtszeit, kommt eine Gruppe kleiner, nackter Kinder mit vor Hunger und Mangelernährung geschwollenen Bäuchen vom Müllberg her. Sie haben eine Wasserflasche mit einem Loch an der Seite an einen langen Stock gebunden und schöpfen damit Wasser aus dem Rohr. „Aber die Kinder sind nicht bestellt um Mitleid zu erregen, hier ist es wirklich so“, sagt Wilner, halb erklärend, halb entschuldigend. Und dann erzählt er von den Krankheiten, die durch das verseuchte Wasser entstehen. Von Vaginalinfektionen, Cholera, und eben den geblähten Kinderbäuchen.
Nicht weit von der Wasserstelle reihen sich die Häuser der Slumfamilien aneinander. Sie bestehen aus ein paar schiefen Stämmen, verkleidet mit Wellblech und Plastik. Eine Linie getrockneten Schlamms zieht sich über die Außenwände. „Bis hierhin ist Sandy gekommen“, sagt die 18-jährige Midleen und fährt mit dem Finger an der Wand ihres Hauses entlang. Der Strich ist höher als der Kopf von Midleens Tochter, die gerade ein Jahr alt geworden ist und im Schlamm vor der Hütte ihre ersten Schritte wagt. „Ich stand bis zur Hüfte im Wasser und habe mein Kind hochgehalten“, sagt Midleen. „Zwei Tage stand ich hier, ich wusste nicht wohin.“
Wohin – auf die Frage scheint hier keiner so richtig eine Antwort zu haben. Nicht die Bewohner_innen der Cité Soleil, noch die Hilfsorganisationen, die sich seit Jahren an unterschiedlichsten Projekten abmühen. Und auch nicht Michel Martelly, einst Popstar, heute Präsident von Haiti. Die Leute vor der Straßensperre scheinen als einzige zu wissen, wohin sie wollen.
Die Schlange vor den Barrikaden wird immer länger, keiner will gerne umdrehen und wieder zurück durch das Verkehrschaos von Port-au-Prince. Die Straßen sind hier nicht erst seit dem Erdbeben in einem katastrophalen Zustand. Das letzte Mal, dass die Infrastruktur der Einwohner_innenzahl entsprach, muss Anfang der 60er Jahre gewesen sein, als das Land noch in den Kinderschuhen der fast 30-jährigen Diktatur steckte. Seitdem hat sich nicht viel getan am Ausbau der Straßen, dafür sind immer mehr Autos dazu gekommen. Seit dem schweren Erdbeben Anfang 2010 vor allen Dingen die Großen, weiß, mit Klimaanlage, Vierradantrieb und dem bunten Sticker einer Hilfsorganisation.
Doch auch ein Sticker hilft nicht viel bei einer Straßensperre von Menschen, die Hunger haben. Hilfsorganisationen müssen genauso warten wie Reisebusse mit Särgen auf dem Dach. Neben dem Bus und der Blaskapelle hocken sich ein paar Frauen hin und pinkeln. Keiner guckt weg, keiner guckt hin. So ist das eben in einem Land, in dem das Verhältnis von Toiletten und Menschen völlig aus dem Gleichgewicht geraten ist. Man pinkelt, wo man kann.
Plötzlich ruft einer was und alle Köpfe drehen sich. Die MINUSTAH kommt, die UN-Friedenstruppen. Sie rauschen vorbei an den pinkelnden Frauen und der Blaskapelle. Mit blauen Helmen, dunklen Sonnenbrillen und großen Gewehren. Die müssten die Blockade eigentlich auflösen können. Aus dem Reisebus wird gewitzelt, ob die Blauhelme vielleicht noch nicht mitbekommen hätten, dass da eine Straßensperre sei. Aber die Männer von der Blaskapelle gucken doch erwartungsvoll.
Minuten verstreichen und nichts passiert. Dann geht ein Raunen durch die Reihen, die MINUSTAH kommt zurück. Rauscht vorbei, mit blauen Helmen und großen Gewehren. „Die haben auch wieder umgedreht, war ihnen zu heikel“, rufen die Leute vorne in der Schlange nach hinten. Keiner wundert sich. Einige drehen um, andere warten weiter.

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