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Mächtig, mutig und genial

Mit 40 Frauenportraits illustrieren sie, dass lateinamerikanische Frauen sich keineswegs mit einem Leben als Heimchen am Herd begnügen. Vielmehr spielen sie wichtige Rollen in allen Bereichen der Gesellschaft. Aufgeteilt wird die facettenreiche Auswahl in drei Kategorien: „mächtig“, „mutig“ und „genial“. In allen drei Teilen sind bekannte und weniger bekannte Frauen aus unterschiedlichen historischen Kontexten vertreten.
Die Kategorie „mächtig“ präsentiert Frauen, die über die etablierten Machtstrukturen Einfluss erlangten. Die Spanne reicht von Quispe Çiça, einer Inkaprinzessin und zeitweiligen Gefährtin des spanischen Eroberers Francisco Pizarro, bis hin zur unvermeidlichen Evita. Auch moderne Politikerinnen wie Michelle Bachelet oder Dilma Rousseff kommen nicht zu kurz. Die Kategorie „mutig“ präsentiert Frauen, die auf unterschiedliche Weise gegen die herrschenden Verhältnisse ihrer Zeit kämpf(t)en. Hier führt uns Inés de Suárez in das Chile der Konquista und die Bloggerin Yoani Sánchez auf das heutige Kuba. Unter „genial“ finden sich neben Vertreterinnen aus Wirtschaft und Sport hauptsächlich Angehörige der Kulturszene. Neben Frida Kahlo und Shakira begegnet einem etwa die peruanische Schriftstellerin Clorinda Matto, die Ende des 19. Jahrhunderts wegen ihres Schaffens ins Exil gehen musste. Unter anderem, weil sie als eine der Ersten die weibliche Sexualität thematisierte.
Die vorgenommene Aufteilung in drei Kategorien ist bisweilen problematisch, da Macht, Mut und Genialität eng miteinander verbunden sind. Auch schwankt die Qualität der Portraits. Manche sind lebendig und fesselnd, während anderen durch zu viele Details oder holprigen Ausdruck die Spannung verloren geht. Den Autorinnen gelingen empathische und ausgewogene Porträts vieler umstrittener Figuren, wie bei Malinche. Andere kommen allerdings holzschnittartig daher, etwa bei Isabel Perón. Auch vereinzelt eingestreute Klatschinformationen wirken eher unseriös als auflockernd.
Die Einleitung konzentriert sich stark auf Zahlenspiele, um zu belegen, wie gut es in Lateinamerika um die Stellung der Frau bestellt ist. Offensichtliche Probleme relativieren die Autorinnen, indem sie betonen, dass auch in der EU nicht alles glatt läuft. Es wird sehr deutlich, dass sie großen Wert auf ein positives Fazit legen. Der Anspruch des Bandes, das Klischee der Machokultur zu widerlegen, ist auf diesem Weg nicht zu erreichen. Dass es in Lateinamerika mutige, mächtige und geniale Frauen gibt und schon immer gab, überrascht heutzutage hoffentlich niemanden mehr. Doch strukturelle Probleme einer Gesellschaft lassen sich nicht durch einzelne Gegenbeispiele widerlegen. Vor allem, da es sich bei den meisten porträtierten Frauen um Angehörige der Oberschicht handelt und sie damit nur einen sehr kleinen Teil der lateinamerikanischen Frauen repräsentieren.
Dieser große Anspruch wäre indes gar nicht nötig gewesen. Wenn man das Buch einfach als eine Sammlung spannender, überraschender, informativer und unterhaltsamer Porträts toller Frauen liest, lohnt sich die Lektüre allemal. Besonders gelungen ist die bunte Mischung der Porträtierten. Man erfährt viel Neues, auch über bekannte Figuren und lernt zudem viele interessante Frauen neu kennen. So ist das Buch sowohl für Lateinamerikaexpert_innen als auch für Neulinge geeignet. Zudem führt der Band ganz nebenbei durch die lateinamerikanische Geschichte der letzten fünf Jahrhunderte. Und zwar auf leider ungewöhnliche Weise, nämlich aus weiblicher Perspektive.

Eva Karnofsky und Barbara Potthast // Mächtig, mutig und genial. Vierzig außergewöhnliche Frauen aus Lateinamerika // Rotbuch Verlag // Berlin 2012 // 19,95 Euro

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