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Eine Gefahr für die Gesellschaft

Juan Pablo Cárdenas erlebte den Putsch in Chile als Publizistik-Student an der Katholischen Universität. Auch wenn seine Schilderungen die Ereignisse nur bruchstückhaft wiedergeben, die Erinnerung an jene finsteren Tage scheint so frisch zu sein, als wäre es gerade erst passiert. An die Besetzung seiner Universität durch die uniformierten Machthaber, die Absetzung und Vertreibung demokratisch gesonnener ZeitgenossInnen und vor allem die brutale Verfolgung aller Linken, seien es AnhängerInnen des Unidad-Popular-Regierungsbündisses oder auch deren radikalere KritikerInnen. Er konnte das Verschwinden von KommilitonInnen und KollegInnen beobachten, denn als Christdemokrat stand er zunächst nicht im Mittelpunkt der militärischen Säuberungswut. Und dank seines Presseausweises erhielt er – zumindest in der Anfangsphase der Diktatur – Zugang zu Leichenschauhäusern. Er sah vor allem armselig gekleidete, einfache Leute, die sich den Kugeln der Soldateska entgegen gestellt hatten.
Juan Pablo Cárdenas verbindet den 11. September 1973 mit einem ganz eigenen, eindrücklichen Ergebnis. Just am Abend des Putschtages bekam seine erst wenige Monate alte Tochter hohes Fieber. Während seine Frau und er den diensthabenden Uniformierten an der nächsten Ecke von der Notwendigkeit eines Arztbesuchs überzeugen konnten, wurde der Rückweg von der Praxis zu einem höchstriskanten Abenteuer in einer besetzten Stadt. Vorbei an zig Straßensperren mit bis an die Zähne bewaffneten Soldaten, ständig unter Verdacht, auf der Flucht zu sein, half ihnen das Lösungswort des Abends durch die Unbill der militärischen Machtergreifung: Es lautete ganz unspektakulär congrio – ein beliebter Speisefisch aus dem Pazifik.
Nicht mehr ganz jungen Solidaritätsbewegten in Deutschland dürfte die Zeitschrift Análisis noch in Erinnerung sein. Jahrelang lieferte sie Stoff für die Soli-Bewegung und für etliche Artikel der Lateinamerika Nachrichten. Als Chefredakteur der chilenischen Oppositionszeitschrift hatte Juan Pablo Cárdenas kein ruhiges Leben. In seinem Buch schildert er nun, wie die Pinochet-kritische Zeitung entstehen konnte, wie er die wiederholten Verhaftungen und Gefängnisaufenthalte er- und überlebte, und wie er in der Haft in den abendlichen Genuss eines Gläschens Whisky kam: kein Geringerer als Kardinal Silva Henríquez hatte ihn für einen ebenfalls einsitzenden Anwalt des Solidaritätsvikariats unter seiner Soutane eingeschmuggelt. Aber auch eine anderthalbjährige nächtliche Haftstrafe, als er Nacht für Nacht ins Gefängnis einrücken musste, und zwei Brandanschläge auf sein Haus südlich von Santiago konnten Cárdenas nie davon abbringen zu schreiben, was er dachte. Er erzählt, wie sie die Zensur lächerlich machen konnten, unerwartete Hilfestellung durch die Baden-Württembergische IG Druck und Papier und sogar durch Lufthansa-Piloten bekamen, und viele andere Geschichten mehr, die in dem einen und der anderen LN-LeserIn Erinnerungen wachrufen dürften. Doch jede Tyrannei geht einmal zu Ende, und so war auch die Pinochet-Diktatur nach sechzehn Jahren vorüber.
Ende gut, alles gut, dachte wohl Juan Pablo Cárdenas, der wie kaum einer der anderen opferbereiten JournalistenkollegInnen den Untergang des Militärregimes herbei geschrieben hatte. Doch erstens kam es anders, und zweitens als er dachte. Die neuen, nach demokratischen Spielregeln gewählten VerwalterInnen der „geschützten Demokratie“ legten wenig Wert auf kritische Berichterstattung, sondern hielten Cárdenas offenbar weiterhin vor allem für eine Gefahr für die Gesellschaft, oder zumindest für ihre eigenen politischen Ziele. In der Anfangsphase brachte Cárdenas Verständnis dafür auf, dass man die soeben von der Macht verdrängten Militärs nicht verärgern dürfe, da sie sonst erneut putschen würden. Entsprechende Drohgebärden blieben nicht aus, aber die historische und soziale Lage in Chile wie den USA sahen eigentlich nicht mehr nach einem Umsturz aus. Dazu gab es auch deswegen kaum Veranlassung, weil die scheidenden Militärs wesentliche Pflöcke für den Übergang zu einer „geschützten Demokratie“ eingeschlagen hatten. Bis heute gelten mit geringen Änderungen die vom Militärregime durchgesetzte Verfassung, das die politische Rechte bevorzugende Wahlrecht und natürlich die Zementierung einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Die vorauseilende Überanpassung der ersten demokratisch gewählten Regierung von Patricio Aylwin (1990 – 1994) scheint also eher von eigenen politischen Überzeugungen als von realen Gefahren bestimmt gewesen zu sein.
Denn Aylwin war 1973 als christdemokratischer Parlamentspräsident einer der aktivsten Befürworter eines gewaltsamen Sturzes der Unidad Popular von Salvador Allende. Sechzehn Jahre später konnte er sich nur durch parteiinterne Intrigen innerhalb der Christdemokratie und damit später im Parteienbündnis Concertación por la Democracia als Kandidat für die ersten Präsidentschaftswahlen nach der Diktatur durchsetzen. An solche Machenschaften erinnert zu werden, gefällt keinem Machthaber. In den Zentren der Macht baut man lieber auf die Kurzlebigkeit des politischen Gedächtnisses und mag es gar nicht, wenn kritische Geister unangenehme Erinnerungen auffrischen.
Wer sich nicht daran hält, macht sich nicht nur in Militärdiktaturen Feinde – davon legt die Biografie von Juan Pablo Cárdenas beredtes Zeugnis ab. Der erste Hieb ereilte die von ihm sechzehn Jahre durch dick und dünn geführte Zeitschrift Análisis gemeinsam mit den anderen diktaturkritischen Zeitschriften Apsi, Mensaje und Hoy. Sehr gut erinnert er sich an ein Gespräch mit der niederländischen Delegation, die zu Aylwins Amtsantritt nach Santiago gereist war. Zum Abschluss jahrelanger finanzieller Unterstützung der Oppositionspresse boten die Niederländer eine großzügige Unterstützung, um ihnen eine solide Ausgangsbasis zu verschaffen. Análisis sollte eine halbe Million US-Dollar erhalten – doch das Geld kam nie an. Der niederländische Botschafter versicherte Cárdenas, von Seiten seines Landes wäre alles geklärt und der Scheck läge unterschriftsreif vor ihm. Allerdings hätte die chilenische Regierung interveniert und den Niederlanden klar gemacht, dass sie jegliche Unterstützung der chilenischen Presse als Einmischung in innere Angelegenheiten auffassen würde.
Dass diese Anweisung nur von ganz oben kommen konnte, zeigte eine weitere Episode: Der Finanzminister der Aylwin-Regierung, Alejandro Foxley, zeigte sich überrascht über die Vorfälle und sagte spontan finanzielle Hilfe im Umfang des holländischen Angebots zu. Schließlich hatte er als christdemokratischer Wirtschaftsexperte selber jahrelang vor allem in Mensaje, aber auch in anderen Oppositionsmedien, die neoliberale Wirtschaftspolitik der Diktatur kritisiert. Doch es kam, wie es kommen musste: Foxley ließ wenig später mitteilen, ihm seien die Hände gebunden und er könne keine Mittel zur Verfügung stellen. Auch andere Persönlichkeiten der chilenischen Politik äußerten spontan ihre Bereitschaft, Análisis und andere Medien zu unterstützen, zogen aber immer wenig später auf wundersame Weise ihre Angebote wieder zurück. Gleichzeitig belegten die Regierung und sämtliche öffentliche Einrichtungen die vier kritischen Medien mit einem vollkommenen Werbeembargo und inserierten ausschließlich in den großen Zeitungen und Zeitschriften, die schon die Diktatur unterstützt hatten. Der kritischen Presse grub der unausgesprochene Boykott endgültig das Wasser ab, ohne Werbeeinnahmen konnten sie nicht überleben. Unglaublich – wie es Juan Pablo Cárdenas benennt – aber wahr: „Die Übergangsregierung hat sich ganz elegant ohne Zensur oder Verbot unliebsamer Kritiker entledigt.“
Es sollte keineswegs das letzte Mal sein, dass die demokratisierte Zensur der chilenischen Gesellschaft Juan Pablo Cárdenas traf. So intervenierte Ricardo Lagos, der dritte Präsident nach dem Ende der Diktatur, offenbar erfolgreich beim International Press Service, der einen Bericht von Cárdenas über die Verstrickungen des Ex-Präsidenten und seiner Familie in diverse illegale oder halblegale Geschäfte veröffentlicht hatte. Das aber hängt mit einer anderen Episode zusammen – seiner fünfjährigen Tätigkeit als Presseattaché der chilenischen Botschaft in Mexiko.
Dort bekam er Einblick in eine regelrechte Räuberpistole, die von Drogenhandel, Bestechung und Vorteilsnahme handelt und in deren Mittelpunkt niemand Geringeres als Ricardo Lagos zu stehen scheint. Hier machen Cardenas’ episodiale Erfahrungsberichte jedem Politthriller ernsthafte Konkurrenz. Obwohl sein Mexiko-Aufenthalt in die Regierungszeit des christdemokratischen Präsidenten Edurardo Frei (1994 – 2000) fiel, den die regierende Koalition der Concertación für die Wahlen im Dezember dieses Jahres erneut aufgestellt hat, betreffen die Erfahrungsberichte aus dieser Zeit viel eher dessen Amtsnachfolger Ricardo Lagos (2000 – 2006). Dieser hatte sich Ende der 1980er Jahre, also kurz vor dem Ende der Diktatur, mit seinem mutigen Eintreten für das NEIN zu Pinochet einen Namen gemacht. Die chilenische Öffentlichkeit beeindruckte er aber vermutlich viel nachhaltiger als Minister für Öffentliche Aufgaben, als er in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre – also in der Regierungszeit von Eduardo Frei – landauf, landab neu gebaute oder asphaltierte Straßen einweihte und fast im Wochenrhythmus den Weg auf beste Sendeplätze in die Abendnachrichten fand. Gebaut hat die allermeisten dieser Straßen die mexikanische Firma Tribasa. Das fand Juan Pablo Cárdenas ziemlich erstaunlich, hatte er doch zusammen mit dem Handelsattaché der Botschaft in Mexiko der chilenischen Regierung detaillierte Hinweise auf die prekäre finanzielle Lage und drohende Insolvenz der Straßenbaufirma aus dem Reich der Azteken geliefert. Seine Verwunderung ließ allerdings nach, als er hörte, wie sich David Peñaloza, der Chef des suspekten Unternehmens, auf einem Empfang offen damit brüstete, den Präsidentschaftswahlkampf von Ricardo Lagos großzügig unterstützt zu haben.
Doch das war nicht alles. Etwa zur gleichen Zeit vollzog der mexikanische Drogenboss Amado Carrillo seine Übersiedlung nach Chile. Dieses Unterfangen konnte Carrillo allerdings nicht bis zum Ende führen, da er bei der Umoperation seines Gesichts unerwartet starb. Kurz darauf erhielten die MitarbeiterInnen der chilenischen Botschaft in Mexiko einen Anruf aus dem Gefängnis von Puebla. Ein kubanisch-stämmiger Arzt aus dem engeren Umfeld von Carrillo versprach für 20.000 US-Dollar aufschlussreiche Hintergrundinformationen über dessen Umsiedlungsaktion nach Chile. Diese brauchte er zu seiner eigenen Sicherheit im Gefängnis, nachdem sein Schutzpatron das Zeitliche gesegnet hatte. Die zum Beweis seiner Andeutungen geforderten Belege ließen sich bestätigen, der Zeuge schien glaubwürdig und die Botschaftsmitarbeiter meldeten das Angebot unverzüglich an ihre Regierung in Santiago.
Doch dann geschah etwas Merkwürdiges: Anstatt grünes Licht für weitere Recherchen erhielten Juan Pablo Cárdenas und Konsul Sergio Verdugo von der eigenen Regierung die Anweisung, sich auf keinen Fall in dieser Sache zu engagieren. Für Cárdenas lässt das nur einen Schluss zu: Die Regierung wollte auf keinen Fall Licht in die Umstände dringen lassen, unter denen Drogenboss Carrillo seine Übersiedlung in ein vermeintlich sicheres Land geplant hatte und wo er möglicherweise in den wachsenden Markt einsteigen wollte. Eine solche Aktion ist nur mit Duldung oder gar Unterstützung wichtiger Entscheidungsträger denkbar. Bemerkenswert ist denn auch – und hier passen die losen Enden überraschend gut zusammen – dass die Leibgarde und Angestellten von Amado Carrillo als Mitarbeiter jener mexikanischen Straßenbaufirma auftraten, die über so exzellente Beziehungen zu höchsten chilenischen Regierungskreisen verfügte und jahrelang das lang gestreckte südamerikanische Land asphaltierte. Diesen Teil des Korruptionssumpfes hat eine eifrige Untersuchungsrichterin in Santiago, Gloria Ana Chevesich, bisher noch nicht trocken gelegt, aber einige Günstlinge von Tribasa und anderen Firmen einschließlich des Ministers für Öffentliche Aufgaben unter Ricardo Lagos, Antonio Cruz, wegen Vorteilsnahme im Amt verurteilt. Aber die Untersuchungen gehen weiter und Cárdenas hat mehrfach als Zeuge ausgesagt.
Mit seiner biografischen Abrechnung kratzt der streitbare Journalist gehörig am Bild des gelungenen Übergangs von der Diktatur und vor allem am Saubermann-Image des südamerikanischen Landes, das regelmäßig weit oben auf den Ranglisten von Transparency International und anderen Institutionen landet, die Korruption und fehlender Transparenz auf den Grund gehen wollen. Nach jahrelanger Verfolgung und Gefängnis in den bitteren Jahren der Diktatur musste er in der noch bittereren Zeit danach erleben, wie die Pseudodemokratie das Werk der Diktatur fortsetzte und dafür zunächst straflos die unabhängigen Medien zum Schweigen brachte. Mit „Ernüchterung“ ist seine Wahrnehmung der chilenischen Gesellschaft und ihrer herrschenden Kräfte eher wohlwollend beschrieben.

Juan Pablo Cárdenas // Un Peligro para la Sociedad // Random House Mondadori // Santiago 2008 // 176 Seiten // www.randomhousemondadori.com

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