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Wo ist mein Kind?

„Dieses Mädchen dort drüben gleicht meiner Tochter, ja, sie gleicht ihr wirklich sehr… ob sie es wohl ist?“, fragte sich María Eugenia Barrera, während sie auf ein Mädchen zeigte, das etwa zwanzig Meter entfernt am Boden saß. Um den Hals von María Eugenia Barrera hing eine Fotografie, groß wie ein Blatt Papier. Darauf zu sehen war das Gesicht einer lächelnden jungen Frau, ihrer siebzehnjährigen Tochter Clementina Lagos Barrera, die am 9. November des Jahres 2003 ihr Haus im nicaraguanischen Chinandega verließ und nie mehr zurückkehrte. Die vorerst letzte Spur von Clementina Lagos führte zu Menschenhändler_innen und Netzen der Zwangsprostitution in Tapachula, Chiapas.
„Ich bin mir nicht sicher, ob sie es wirklich ist, sie gleicht meiner Tochter aufs Haar, nur die Nase ist anders…“, fügte María Eugenia, mehr zu sich selbst, hinzu. Es war ein Sonntagmorgen, der 28. Oktober 2012. Auf den Treppen vor der Basilika der Jungfrau von Guadalupe, im Norden von Mexiko-Stadt gelegen, ruhte sich María Eugenia Barrera aus, zusammen mit etwa zehn weiteren Frauen aus Nicaragua, Honduras, Guatemala und El Salvador. Diese Frauen waren Teil einer 38-köpfigen Gruppe von Zentralamerikaner_innen, deren Angehörige in Mexiko verschwunden sind. In zwei Reisebussen hatte die Gruppe auf der Suche nach ihren Kindern, Geschwistern oder Ehemännern bereits drei Viertel des Landes durchquert. Wie María Eugenia Barrera trugen auch diese Frauen vergrößerte Fotografien ihrer Angehörigen um den Hals. An 23 Orten im ganzen Land machten die Busse halt, und jedes Mal stiegen die Frauen aus, in ihre Landesflaggen gehüllt, zeigten die Fotografien ihrer vermissten Angehörigen und riefen gemeinsam: „Lebend gingen sie – lebend wollen wir sie wiedersehen!“ Im nun achten Jahr in Folge hat die Caravana de Madres de Centroamericanos Desaparecidos en Tránsito por México („Karawane von Müttern verschwundener Zentralamerikaner_innen auf dem Weg durch Mexiko“) zwischen dem 15. Oktober und dem 3. November Mexiko von Guatemala her kommend durchquert, diesmal bis in nördliche Städte wie Reynosa, Monterrey, Saltillo und San Luis Potosí. Dank der Karawane haben fünf der 38 Mütter ihre vermissten Angehörigen gefunden. Einige Mütter konnten wenigstens neue Spuren ausfindig machen, die meisten aber gingen wieder, wie sie gekommen waren: mit leeren Händen.
Nach einigen Minuten der Unentschlossenheit fasste sich María Eugenia Barrera ein Herz und ging zu diesem Mädchen, das ihrer Tochter so stark glich, allerdings nicht alleine. Eine junge Mexikanerin begleitete sie und schilderte die letztlich enttäuschend verlaufene Begegnung folgendermaßen: „Auf dem Weg zu ihr blieb María Eugenia hinter mir und hielt die ihr um den Hals hängende Fotografie mit beiden Händen fest. Das Mädchen hatte ein Kleinkind in den Armen, vollständig in Weiß gekleidet, ganz so, als wäre es eben erst getauft worden. Ich entschuldigte mich für die Störung und sagte ihr, dass María Eugenia ihre Tochter vor einigen Jahren aus den Augen verloren hätte und sie in ihr eine große Ähnlichkeit sehen würde. Das Mädchen sagte ihren Namen, versuchte zu lächeln und schüttelte den Kopf. María Eugenia akzeptierte, dass es sich nicht um ihre Tochter handelte, wir bedankten uns trotzdem und gingen. Das Mädchen sah uns an, eher traurig denn unbehaglich. Ihre Versuche zu lächeln, wollten nicht gelingen“.
María Eugenias Tochter Clementina Lagos Barrera hatte ihr Heim im Viertel Rafaela Herrera in Chinandega in der Nacht des 9. November 2003 verlassen. Sie war 17 Jahre alt und Mutter von elfmonatigen Zwillingsmädchen, die aus der Vergewaltigung durch einen Nachbarn resultierten. Ihre Mutter María Eugenia hatte den Mann ins Gefängnis gebracht und ihr mit dem Gleichen gedroht, falls sie eine Abtreibung vornehmen ließe. „Hier sind deine Töchter. Wenn du sie schon so gerne magst, dann zieh du sie groß!“, warf Clementina ihrer Mutter nach der Geburt an den Kopf und überließ ihr die Säuglinge. Am Nachmittag ihres Verschwindens erreichten Clementina zwei Telefonanrufe. In einem wurde ihr ein Geschäft unbekannter Natur angeboten. Als es dunkel wurde, war sie schon weg.
María Eugenia folgte den Spuren, die sie zur Hand hatte. Sie fand heraus, dass ihre Tochter in der Hauptstadt Managua gesehen worden war. Sie bezahlte zwei Polizisten, die sie zu einem getarnten Lokal führten, welches nach außen die Fassade einer Anwaltskanzlei vorspiegelte. Aber sie kamen zu spät und fanden nur leere, verlassene Räume vor. Die Nachbarn versicherten ihnen jedoch, dass dort wirklich junge Frauen festgehalten wurden und eine davon derjenigen auf María Eugenias Foto stark geglichen hätte. „Dies ist wohl ein Fall von Menschenhandel. An Ihrer Stelle würde ich in El Salvador weitersuchen“, sagte einer der Polizisten. María Eugenia Barrera verkaufte ihr Haus und mit dem Erlös setzte sie die Suche nach Clementina fort. Mit dem Foto ihrer Tochter um den Hals durchstreifte sie Straßen und Parks und befragte die Leute. Ein Mann sprach sie an: „Ich habe dieses Mädchen schon gesehen, und zwar im Nachtklub El 2 de Oros. Sie bot sich dort an, ich lud sie auf ein Bier ein und tanzte Reggaeton mit ihr. Leider hatte ich die 50 Dollar nicht, um mit ihr aufs Zimmer zu gehen.“ María Eugenia selbst war damals erst 33 Jahre alt und verfügte noch über einen gut erhaltenen Körper. Dazu war sie groß gewachsen und hellhaarig, womit sie für die Arbeit im Nachtklub El 2 de Oros attraktiv genug war. Durch die Anstellung als Tänzerin und Prostituierte erhoffte sie sich, ihre Tochter dort zu finden. „Schön zurechtgemacht und dazu noch nachts lassen sich die Jahre gut kaschieren“, sagte ihr die Bordellchefin aus Nicaragua. Drei Tage später merkte María Eugenia jedoch, dass sich ihre Tochter nicht mehr dort, sondern vielleicht in einem anderen Nachtklub derselben Mafia aufhielt und flüchtete aus dem Etablissement. Nach wenigen Tagen wurde sie von drei Männern aufgespürt und als Rache für die Flucht aus dem Nachtklub geschlagen und vergewaltigt – aber am Leben gelassen. Ihre Suche führte María Eugenia anschließend nach Guatemala, wo Leute vor einem weiteren Nachtklub Clementina auf dem Foto erneut erkannten. „Ja, sie war hier, ist aber mit einem Mexikaner fortgegangen“, sagten sie María Eugenia, „sie wollte in Tecún-Umán über die Grenze, trug jedoch keine Papiere bei sich“.
Auf der Suche nach ihrer Tochter trennte sich María Eugenia von ihrem Mann, der nicht der Vater von Clementina war, und heiratete einen Salvadorianer. Während Jahren verband sie die Suche nach neuen Spuren mit ihrem Lebensunterhalt, der Herstellung und dem Verkauf von dulces de leche, Süßspeisen aus Milch, Zucker und Vanille. Im Jahr 2011 erhielt sie einen Platz in der Karawane Paso a Paso hacia la Paz („Schritt für Schritt zum Frieden“), der siebten Karawane von Müttern von Verschwundenen, die durch Mexiko zog und dabei am 13. November in Tapachula haltmachte. Dort traf María Eugenia zwei Frauen, die neue Hoffnung aufkommen ließen, als sie ihr sagten, dass eine ihrer Tochter sehr ähnlich sehende junge Frau im Viertel 5 de febrero in einem Haus mit auffälliger, roter Tür wohnen würde. María Eugenia machte sich sofort auf den Weg dorthin und klopfte an die Tür. Ein gewalttätiger und aufgebrachter Mann mit hellem Haar und von großer Statur öffnete ihr, stritt aber jede Verbindung mit Clementina ab und drohte María Eugenia mit einer Anzeige. „Ich möchte sie ja gar nicht mitnehmen, ich werde das Leben respektieren, das Clementina jetzt führt, nur sehen möchte ich sie“, bat die Mutter. „Ich werde Sie wegen Verleumdung und Beleidigung gerichtlich belangen“, erwiderte der Mann und schlug die Tür zu. Ein Jahr später – María Eugenia Barrera hatte sich auf der Suche nach ihrer Tochter zum zweiten Mal einer Karawane angeschlossen, die auch in Tapachula haltmachte – fragte sie die Leute erneut nach Clementina. Wieder wurde sie erkannt, niemand konnte aber Genaues sagen. María Eugenia verließ den Ort mit dem Gefühl, dass ihre Tochter noch am Leben war.
Auf den Treppen vor der Basilika der Jungfrau von Guadalupe sitzend, ließ eine alte Frau die Zeit verstreichen. Am Morgen hatte man ihr, Teodora Ñaméndiz, die Neuigkeit überbracht, dass ihr seit 32 Jahren vermisster Sohn Dionisio Francisco Cordero Ñaméndiz am Leben und am Hafen von Veracruz gesehen worden sei. Er führe ein einfaches Leben als Fliesenleger und Familienvater. In etwas mehr als 24 Stunden würde Teodora Ñaméndiz ihren Sohn wiedersehen, in Tierra Blanca im Bundesstaat Veracruz, wo die Karawane ihren nächsten Halt einlegen würde. Die Spur von Francisco hatte sich drei Jahrzehnte zuvor verloren nachdem er einen ersten und einzigen Brief an seine Familie geschickt hatte, mit Stempel aus Veracruz. Seitdem schrieb er nicht mehr und rief auch nicht an. Seine Geschwister nahmen an, dass er nicht mehr am Leben wäre. Der Brief, den seine Mutter aufbewahrte, war für Rubén Figueroa ein erster Hinweis auf der Suche nach Francisco. Rubén Figueroa ist als Mitglied der Menschenrechtsbewegung Movimiento Migrante Mesoamericano auf das Wiederfinden von verschwundenen Migrant_innen in Mexiko spezialisierten. Franciscos Adresse in Veracruz stimmte nicht mehr, doch ehemalige Nachbar_innen versuchten weiterzuhelfen. Aus falschen Spuren wurden verheißungsvolle Fährten, bis Rubén Figueroa in Veracruz schließlich einen Mann namens Francisco aufspürte, der mit ausländischem Akzent sprach. Dieser wähnte sich zuerst als Opfer eines Erpressungsversuchs, bis Rubén Figueroa ihn bei seinem zweiten Namen Dionisio nannte. Diesen hatte Francisco während der ganzen Zeit in Mexiko nie benutzt, weder seine Frau noch seine Kinder kannten den Namen, ja er war sogar aus seinen neuen mexikanischen Papieren verschwunden. Stunden später sagte Dionisio Francisco: „Ich dachte, meine Mutter sei schon vor Jahren gestorben, weil die Briefe, die ich schickte, immer zurückkamen. Ich hörte schließlich auf damit, auch weil ich nicht immer das Gleiche schreiben wollte.“ Schon den ganzen Morgen über hatte Teodora Ñaméndiz auf der Treppe der Basilika versucht, sich das Wiedersehen mit ihrem Sohn in verschiedenen Weisen vorzustellen. Manchmal dachte sie, dass sie ihm die Ohren langziehen und ihn fragen würde, warum er sich denn so lange nicht gemeldet hätte. Dann wiederum äußerte sie sich gnädiger, sie würde ihm sagen, sie fühle sich jetzt als glücklichste Frau der Welt, Gott und der Karawane sei Dank. Beim Wiedersehen 24 Stunden später tat sie dann beides, umringt von einem Dutzend Fotograf_innen konfrontierte sie ihren Sohn mit milden Vorwürfen und umarmte ihn lange.
Dionisio Francisco Cordero Ñaméndiz war früher ein einfacher Bauer in Chinandega. Mit 19 Jahren schloss er sich der Armee an, kämpfte gegen die Rebellen der „Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront“, welche schließlich als Sieger aus dem Kampf hervorgingen. Verletzt und verängstigt flüchtete er auf einem Boot nach El Salvador und setzte die Reise in Richtung Norden fort, bis er sich in Veracruz niederließ und jenen Brief an seine Mutter schrieb. Er wusste damals lediglich, dass sie schwer krank war. Als dann seine Briefe von der Post immer wieder zurückgeschickt wurden, gab er auf und hielt seine Mutter für tot. Francisco Cordero versprach, sie in spätestens 18 Monaten in Chinandega zu besuchen, wenn sein jüngerer Sohn die Schule abgeschlossen und er etwas Geld gespart hätte. Seine Mutter indessen würde schon vorher nach Chinandega zurückreisen und ihre Arbeit wieder aufnehmen, nämlich frescos zuzubereiten, Erfrischungsgetränke verschiedenster Fruchtaromen, die sie vor ihrem Haus für fünf Córdobas oder umgerechnet 20 Cents verkauft.

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Dieser Text ist ein Auszug aus der Reportage ¿Dónde está mi hijo?, die im Dezember 2012 in der Zeitschrift Gatopardo abgedruckt wurde. Die Reportage wurde 2013 mit dem Walter-Reuter-Medienpreis ausgezeichnet, den die Deutsche Botschaft, das Goethe-Institut, die deutsch-mexikanische Handelskammer sowie die deutschen politischen Stiftungen in Mexiko an mexikanische Journalist_innen vergeben.

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