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ZAPATISTAS LASSEN ERDE BEBEN

Foto: Mirjana Mitrovic

„Ich werde nicht zapatistischer sein als die Zapatisten“, sagt einer der mexikanischen Sympathisanten der zapatistischen Befreiungsarmee EZLN. Er spricht sich damit gegen den Vorwurf aus, die Bewegung habe mit dem Vorschlag, eine indigene Frau als Präsidentschaftskandidatin für die Wahl 2018 in Mexiko aufzustellen, ihre Prinzipien verraten. Die kleine internationale Runde von freien Medienschaffenden und Anhänger*innen der Sexta, eines Zusammenschlusses von Organisationen, die sich mit der EZLN solidarisieren, schaut sich an und lacht. Die angespannte Diskussion wird kurz unterbrochen und auf der quirligen Vergnügungsmeile Real de Guadalupe von San Cristóbal de las Casas mit einem Feierabendbier angestoßen. Doch es ist und bleibt das Thema, egal wo die Gruppe von Kongressteilnehmenden aus Italien, Deutschland, Spanien und Mexiko am 11. Oktober hingeht. Überall wird über die Neuigkeit diskutiert. Auch an den folgenden Tagen, denn der Vorschlag hat die Gemüter der Teilnehmenden erbeben lassen.
Es ist bereits der zweite Tag des 5. Nationalen Indigenen Kongresses (CNI), doch begonnen hat er für die Sympathisant*innen erst heute. Die über 300 Delegierten der indigenen Gemeinden und Bewegungen waren am Tag zuvor von dem Vorschlag der Zapatist*innen überrascht worden. Die darauffolgende, lang andauernde Diskussion bringt den Zeitplan bereits zu Beginn des Kongresses durcheinander. So warten die Sympathisant*innen den ganzen Tag über auf dem Gelände des Indigenen Zentrums zur integralen Ausbildung (CIDECI-Unitierra). Eigentlich werden hier die Bewohner*innen, vor allem aus der Region, in verschiedenen Arbeitsbereichen der Landwirtschaft und im Handwerk geschult. An diesem Tag stehen die Kongressteilnehmenden nun in Grüppchen zwischen Decken, auf denen Kunsthandwerk wie bunte Schals oder Zapatistapuppen auf Stoffpferden angeboten werden. Obwohl einige bereits des Wartens müde sind, will sich niemand darüber ärgern. Am Nachmittag werden sie dann unter anderem von Subcomandante Moisés, Sprecher der EZLN, gebeten, am nächsten Tag wiederzukommen. Vielen Dank für die Geduld. Es wird nicht verkündet, welcher Vorschlag gemacht wurde, nur dass er wegweisend für die zukünftige Arbeit des CNI sei. Die Spannung steigt.
Als der Kongress dann am nächsten Tag für alle beginnt, berichten die Delegierten an vier verschiedenen Tischen über Repressionen, die sie erleiden und von ihren Strategien des Widerstandes. Erstere entstehen in vielen Gemeinden oft durch die Durchsetzung von Megaprojekten oder die industrielle Ausbeutung der natürlichen  Ressourcen. Auch die vom Staat vorangetriebene Vermarktung indigener Kultur und der Naturreservate, in denen sie leben, wird oft als Verdrängung und Ausbeutung empfunden. Gleichzeitig bleibt die Diskriminierung wegen ihrer traditionellen Kleidung, Sprache und Kultur bestehen. Viele berichten aber auch von Gewalttaten, Inhaftierung, Verschwindenlassen und Mord. Die Drangsalierungen den Gemeinden gegenüber ähneln sich. Die Taktiken des Widerstandes sind vielfältig, vor allem eine starke Tendenz zur Autonomie sowie Beschluss- und Handelsfähigkeit durch Versammlungen ist erkennbar. Die Selbstorganisation der Sicherheit, aber auch der Elektrizität und der Müllentsorgung spielen eine wichtige Rolle. Der juristische Weg, ob national oder international, wird meist als gescheitert betrachtet. Als dritter Punkt steht die Bilanz des CNI auf der Tagesordnung und zum Schluss die Beratung über den Vorschlag, der für so viel Aufregung gesorgt hat: Die EZLN schlägt dem CNI vor, sich auf die Suche nach einer indigenen Frau zu machen, um diese als unabhängige Kandidatin für die Präsidentschaftswahl 2018 aufzustellen. Diese Neuigkeit verbreitet sich wie ein Lauffeuer und wird im Saal von Ohr zu Ohr geflüstert. Vor den Gebäuden des Kongresses sind die Diskussionen in vollem Gange. Während der eine sich einen Energieschub durch einen frischgepressten Organgensaft besorgt, holt sich die andere noch einen biologischen Zapatistenkaffee. Je nach gusto gibt es den aus der Thermo oder aus der Espressomaschine – zumindest wenn der selbsthergestellte Strom läuft. In den unterschiedlichen Gesprächsgruppen wirken viele überrascht, die wenigsten sprechen laut Kritik aus. Doch es ist immer wieder zu vernehmen, dass mit diesem Vorschlag die zapatistische Bewegung eine 180-Grad-Wende ihrer Einstellung zu den Präsidentschaftswahlen und somit zum Staat vollzogen hat. Dabei wird auch an „la otra campaña“ („die andere Kampagne“) vor der Präsidentschaftswahl 2006 erinnert. Damals zog die EZLN durch Mexiko und rief dazu auf, eine alternative Politik von unten links aufzubauen und sich von den staatlichen Wahlinstitutionen zu distanzieren.

Foto: Mirjana Mitrovic

Der Vorwurf des Prinzipienverrats wird nicht nur von einigen aus dem Unterstützer*innenkreis gemacht. Auch der damalige Präsidentschaftskandidat der Par­tei der Demokratischen Revolution  (PRD), Andrés Manuel López Obrador, bezieht sich auf „la otra campaña“. Er reagiert bereits einen Tag nach dem öffentlichen Kommuniqué am Ende des Kongresses und twittert, die EZLN habe „dazu aufgerufen nicht zu wählen und jetzt werde sie eine unabhängige Kandidatin stellen“. Von den Befürworter*innen des Vorschlages wird daraufhin in der Presse betont, dass nie zum Wahlboykott aufgerufen wurde. Subcomandante Marcos, heute Galeano, sprach sich bereits während der Tour der Kampagne gegen die Verurteilung von Wahlwilligen aus. Auch Subcomandante Moisés äußerte sich dazu im April 2015 in einem Kommuniqué: „Als Zapatist*innen die wir sind, rufen wir weder zum Nichtwählen noch zum Wählen auf. Als Zapatist*innen die wir sind, ist das, was wir machen – so oft es möglich ist – den Menschen zu sagen, dass sie sich organisieren sollen um zu widerstehen, um zu kämpfen, um das zu erreichen, was nötig ist.” Mit der erstmaligen Möglichkeit, 2018 mit 800.000 Unterschriften auch unabhängige Kandidat*innen stellen zu können, wird eine neue Strategie der Organisation geschaffen.
Doch soweit denkt an diesem Abend noch niemand, zumindest nicht die kleine Unterstützer*innengruppe beim Feierabendbier. Die Nachricht ist noch frisch und es fehlt an Informationen. Vielleicht noch immer. Und noch bis Dezember. Perfekt, um hitzig darüber zu diskutieren, ob die EZLN sich damit gerade selbst zerlegt und wie groß der Verrat an den Prinzipien der Bewegung ist. Während die europäische Fraktion sich am meisten aufregt, bleibt die Mehrheit der mexikanischen Unterstützer*innen erstaunlich ruhig. Sie finden, es müsse erst abgewartet werden, welche Erklärung und welcher Plan hinter diesem Vorschlag stecken. Abwarten und Tee trinken also. In diesem Fall statt Tee Mezcal, der im Laufe des Abends dafür sorgt, dass eine Liste von Herzschmerzliedern erstellt wird, diese an den Barkeeper übergeben wird, um sich den Liebeskummer dann voller Inbrunst von der Seele zu singen.
Am nächsten Tag wird die Enttäuschung und Wut, vom Kater etwas überlagert, bei einem Fest im Caracol Oventik abgekühlt. Es ist eines der zapatistischen Verwaltungszentren und liegt ungefähr eine Stunde entfernt von San Cristóbal de las Casas, hoch in den Bergen. Mit dem Kombi wird bei der Fahrt nach oben die Wolkendecke durchbrochen. Der Tag ist ungewöhnlich sonnig, es herrscht Ausflugsstimmung. Die über 1.000 Teilnehmer*innen wurden von den Zapatist*innen eingeladen, zusammen mit hunderten Frauen, Männern und Kindern unter schwarzen Skimasken das 20-jährige Jubiläum des Kongresses zu feiern. Die Besucher*innen schlendern den stark abfallenden Weg zwischen Häusern, die bunt mit zapatistischen Motiven bemalt sind und in denen allerlei Ware bereit zum Verkauf liegt, hinunter zum Sportplatz. Dort gibt es ein ebenso buntes Programm aus Reden, Theater- und Tanzstücken und Musik. Der Nebel, der sich im Laufe des Nachmittags bildet und mit dem Wind über die Bühne fegt, wirkt wie bestellt. Der Platz ist umringt von im Matsch knienden Männern in khakifarbener Militärkleidung, ausgestattet mit Schlagstöcken und den berühmten schwarzen Masken. Daneben hängen Blumen zum Jubiläum des CNI. Paradoxe Erscheinungsbilder der zapatistischen Bewegung, die wohl bei diesem Kongress ihren Höhepunkt finden.
Mit viel Applaus wird vor allem der Auftritt zum Thema Frauenrechte bedacht. Es ist eine Tanzaufführung von Frauen und Männern, bei der die Frauen von ihren Rechten singen. Der Refrain, der schnell zum Ohrwurm wird, lautet „Die Frauen nach vorne, die Männer dahinter“. Dabei beziehen sie sich auf das revolutionäre Gesetz der Frauen, welches 1993 von den Zapatist*innen verabschiedet wurde, also bereits vor dem ersten großen Auftritt der EZLN. Es zeigt die Bedeutung dieses Themas bei den Zapatist*innen, welches sich in der Entscheidung um die Aufstellung einer Kandidatin wiederspiegelt. Frauen leiden besonders unter Gewalt und Unterdrückung – auch in den indigenen Gemeinden. Doch von den wenigsten Delegierten wird dies erwähnt. Da scheint es noch das kleinste Problem zu sein, dass einige Delegierte andere darauf hinweisen müssen, von der Kandidatin und nicht von dem Kandidaten zu sprechen. Weshalb ausgerechnet eine indigene Frau als Präsidentschaftskandidatin aufgestellt werden soll, erklärt der wortgewandte Subcomandante Galeano  am nächsten Tag wie gewohnt einfach: „Die Kerle und Mestizen haben bewiesen, dass sie nicht regieren können.“ Doch es lässt sich mehr hinter dem Gedanken vermuten, ausgerechnet auf eine Kandidatin zu bestehen. Gerade angesichts der aktuellen Situation von Frauen in Mexiko. Nur eine Woche nach dem Kongress, am 19. Oktober,  sind lateinamerikaweit Frauen auf die Straße gegangen, um auf ihre dramatische Lage aufmerksam zu machen. Der Aufruf kam aus Argentinien. Der Auslöser war der Fall der minderjährigen Lucía Pérez, die vergewaltigt, misshandelt und anschließend ermordet wurde (s. Seite 29.). Mexiko hat die traurige Berühmtheit erlangt, eine alarmierend hohe Gewalt- und Mordrate an Frauen vorweisen zu können. Laut der Organisation Oberservatorio Nacional de Feminicidios wurden im Jahr 2015 im Durchschnitt täglich sieben Frauen in Mexiko umgebracht. Da dieses Verhalten mit einem tiefverankerten Machismo und diskriminierenden Frauenbild zusammenhängt, riefen auch Frauen in mexikanischen Städten zum Widerstand auf.
Am selben Tag des Kongresses folgt erneut eine Erklärung Subcomandante Galeanos bezüglich der wahnwitzigen Idee, bei den Wahlen mitzumischen: „Es muss dort angegriffen werden, wo die Party stattfindet: in der Politik.“ Es folgt die Darlegung des Schlachtplans und der Ziele. Es geht nicht darum zu gewinnen, es geht nicht um die Macht. Die indigene Frau soll das Gesicht eines indigenen Rates sein, welcher aus je einer Frau und einem Mann aus jeder Gemeinde besteht. Es soll keine Partei gegründet und auch nicht mit den etablierten Parteien zusammengearbeitet werden. Die antikapitalistische Zielrichtung bleibt bestehen. In erster Linie soll diese Aktion zur Stärkung des CNI beitragen und dafür sorgen, die Themen, Probleme und Kämpfe der indigenen Bewegungen wieder in die Öffentlichkeit zu bringen. Damit sich die mexikanische Gesellschaft wieder mit ihnen verbündet und sie dabei unterstützt, aus der oft prekären Lage zu entfliehen.
Die Delegierten des CNI stimmen am Ende des Kongresses zu, den Vorschlag in ihre Gemeinden zu tragen, dort zu diskutieren und Ende des Jahres den Kongress fortzuführen. Es scheint kein einfacher Schritt zu sein, denn bis zum Ende ist eine Spaltung deutlich. Einige Delegierte sprechen der zapatistischen Bewegung ihr Vertrauen aus, während andere viele Zweifel hegen. Es sind in jedem Fall noch einige Fragen offen. Einige Teilnehmer*innen verstehen, dass die indigene Kandidatin nur symbolisch aufgestellt wird, während andere gehört haben wollen, dass bereits überlegt wird, wie die 800.000 Unterschriften besorgt werden können, um die Kandidatin offiziell als Präsidentschaftskandidatin aufzustellen zu können. Die Teilnehmenden verlassen den Kongress mit gemischten Gefühlen.
An dieser Ambivalenz wird sich voraussichtlich bis zum 30. Dezember, wenn der Kongress fortgesetzt wird, nichts ändern. Am 28. Oktober luden nun bereits einige Delegierte des CNI zum Gespräch mit den indigenen Gemeinden in Mexiko-Stadt ein. Viele Fragen sind die gleichen geblieben. Das Café Zapata Vive öffnet seine Türen, damit die Delegierten ihre Meinungen vortragen können und um das Publikum zu Wort kommen zu lassen. Der Frauenanteil der vortragenden Delegierten ist im Vergleich zum Kongress stark gestiegen: Es sind drei Frauen und ein Mann des CNI vor Ort. Zudem ein Überlebender des Falles Ayotzinapa. Letzterer übernimmt mit Genuss die Rolle des Provokateurs. So betont er, dass neben den indigenen Gemeinden viele andere Sektoren unsichtbar gemacht werden und sich die Frage stellt, ob der Vorschlag der EZLN eine Lösung für alle sei. Zudem sagt er, dass durch die Aufstellung einer indigenen Kandidatin natürlich die Linke geteilt werde und dadurch López Obrador, welcher dieses mal für die Initiative der Bewegung für nationale Regeneration (Morena) antritt, Stimmen „geklaut“ würden.
Die weiblichen Delegierten betonen vor allem, die Dringlichkeit etwas zu unternehmen. Dulce García bezieht sich auf Berta Nava, eine der Mütter der 43 verschwundenen Student*innen aus Ayotzinapa, um aufzuzeigen, dass es nichts zu verlieren gibt: „Was ist das Heiligste, was sie uns nehmen können, wenn sie unsere Söhne, unsere Studenten töten? Was haben wir zu verlieren, wenn sie unsere Töchter morden?“ Und Maria Marcario Salvador, auch Mitglied des CNI, sieht bereits den ersten positiven Effekt des Vorschlages: die mediale Aufmerksamkeit. „Sie drehen sich zu uns herum, um uns, um die indigenen Gemeinden anzusehen und insbesondere die Frauen, die wir so geringschätzig behandelt wurden.“ Die Schlagzeilen der vergangenen Tage geben ihr Recht. Der heute einzige männliche Delegierte, Juan Bobadilla, kritisiert die Fokussierung auf die indigene Kandidatin. Der Rat, der dahinter stehen soll, müsse seiner Meinung nach in den Vordergrund gerückt werden. Zudem kritisiert er, dass „etwas diskutiert wird, von dem wir bisher nicht wissen ob die Gemeinden ja oder nein sagen.“ Und dass das „kein einfacher Schritt“ sei, da viele indigene Gruppen Arbeit in die Autonomie und Unabhängigkeit vom Staat gesteckt haben. Wichtig ist ihm auch: „Wenn die Gemeinden nein sagen, dann werden wir es nicht machen.“ Die Entscheidung muss von unten kommen.
Auch wenn es einige kritische Stimmen zu hören gibt, wird vom CNI keine Ablehnung des Vorschlages erwartet. Die Türen im CIDECI-Unitierra stehen am 30. und 31. Dezember wieder offen, um mit den Entscheidungen der Gemeinden weiter zu diskutieren und zu planen. Am 1. Januar sind alle eingeladen, den 22. Jahrestag der Zapatist*innen mit ihnen im Caracol Oventik zu verbringen. Die Einladung der EZLN, das kommende Jahr gemeinsam anzugehen, ist symbolisch für einen gemeinsamen Weg zu sehen. Die meisten Mitglieder der kleinen Unterstützer*innengruppe werden die Einladung vorraussichtlich wieder annehmen. Doch falls der CNI den Vorschlag tatsächlich annimmt, werden, zumindest nach eigenen Aussagen, nicht alle die Aktion unterstützen. Da die Unterstützung der nationalen wie internationalen Sympathisant*innen aber schon immer wichtig war, wird es in jedem Fall spannend zu sehen, wer mit der EZLN und dem CNI die Erde erbeben lässt und wer zapatistischer als die Zapatist*innen ist.

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