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„30.000 sind unter uns“

Anfang März 1976, Isabel Perón war an der Regierung und die Todesschwadron Triple A (Asociación Anticomunista Argentina) agierte im Hintergrund, begannen Presse und Rundfunk, eine Nachricht zu verbreiten: Der Staatsstreich hat bereits ein Datum – der 24. März. Es war eine verbreitete
Illusion, dass es sich nur um einen von vielen Umsturzversuchen handeln würde. Noch nahm niemand den Horror wahr, der in jenen Tagen über Buenos Aires schwebte und mit dem die blutigste Diktatur Lateinamerikas begann.
Bilder des Schreckens. Begnadigungen. Folter. Schlusspunktgesetz. Arbeitslosigkeit. Dreißigtausend Ermordet / Verschwundene. Tod. Hunger. Gewalt. Straflosigkeit. Auslandsverschuldung. Völkermord. Worte wie diese haben Argentinien in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten überschwemmt. Damit diese schrecklichen Worte endgültig der Vergangenheit angehören, rufen die Angehörigen der Ermordet/Verschwundenen, die Großmütter und Mütter der Plaza de Mayo zusammen mit der Organisation der während der Diktatur verschleppten Kinder der Ermordet/Verschwundenen H.I.J.O.S. zu einer Massenveranstaltung anlässlich des 25. Jahrestags des Putsches vom 24. März 1976.
An dieser Demonstration werden mehr als 130 Nichtregierungsorganisationen teilnehmen, die auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen ihre Stimme gegen Korruption und Straflosigkeit erheben werden. Die bereits legendäre Plaza de Mayo, wo eines Tages ein paar Frauen damit begannen, einsame Runden um die Mai-Pyramide zu drehen, wird diesmal zur Bühne für einen vielstimmigen Schrei nach Gerechtigkeit. Familienangehörige von Opfern der militärischen Gewalt werden ebenso anwesend sein wie Arbeiterorganisationen, Studentenverbände und Bürgervereine. Sie alle werden an das erinnern, was nicht vergessen werden darf.
Der Marsch und die Versammlung dieses „Encuentro 25 Años: Memoria, Verdad y Justicia“ (Treffen nach 25 Jahren: Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit), die am 24. März stattfinden werden, bilden aber nur den Höhepunkt einer langen Reihe von Aktivitäten, die die teilnehmenden Gruppen ausgerichtet haben, um zu verhindern, dass die genannten Worte des Schreckens aus dem Gedächtnis der Menschen verschwinden. So begannen schon am 18. Februar die Vorbereitungen für die Hauptveranstaltung: In Freiheit lebende Täter wurden von DemonstrantInnen an ihren Wohnorten aufgesucht, um die Nachbarn und die Öffentlichkeit lautstark mit den so genannten escraches auf sie aufmerksam zu machen. Theaterstücke wurden unter Mitwirkung von bekannten argentinischen Schauspielern aufgeführt, es gab Rockfestivals, Ausstellungen und einen Plakatwettbewerb. Ein weiterer geplanter escrache, wird vor dem Haus des ehemaligen Marineoffiziers Basilio Pertiné stattfinden, eines Schwagers des derzeitigen Staatspräsidenten Fernando De la Rúa.
Die Vereinigung der Mütter der Plaza de Mayo (Gründerlinie) hat ein wichtiges Konzert auf die Beine gestellt, bei dem unter dem Motto „30.000 Stimmen rufen uns auf“ der Spanier Joan Manuel Serrat, der Kubaner Pablo Milanes, der Uruguayer Jaime Roos und die Argentinier Víctor Heredia und León Gieco (siehe Interview) auftreten werden. Künstler werden im Laufe des Konzerts den Bühnenhintergrund bemalen. Das Konzert findet im Stadion Club Ferrocarril Oeste statt; der Erlös soll einem künftigen Büro des Verein der Mütter zugute kommen, die immer noch keinen festen Treffpunkt besitzen.
Ein Monat voller Aktivitäten gipfelt dann in der Hauptveranstaltung auf der Plaza de Mayo. Ihr Motto lautet „30.000 Verschwundene sind unter uns. Die Wirtschaftsmacht und die amtierenden Regierungen garantieren, dass der straflose Völkermord von gestern heute fortgesetzt wird. Genug des Hungers, der Ausbeutung, der Arbeitslosigkeit und Repression! Der Straflosigkeit ein Ende!“
„Das verbindende Element all dieser Veranstaltungen ist das
Bedürfnis, auf die Aktualität der Forderungen von gestern und heute hinzuweisen, die unverändert ist“, sagt Laura
Bonaparte, eine der Gründerinnen der Mütter der Plaza de Mayo. „Wir verurteilen die herrschende Straflosigkeit derer, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben genauso wie die derjenigen, die für das heutige Genozid an den Armen verantwortlich sind. Unsere Kinder konnten zumindest aufschreien, demonstrieren – angesichts der aktuellen Verbrechen können die Menschen nicht einmal mehr das. Insofern soll die Veranstaltung die Menschen wieder auf die Straße bringen, um dort ihre Fahnen und Transparente zu erheben. Sie sterben durch Korruption und Armut. Es muss Schluss sein mit der Straflosigkeit, die eine Kontinuität herstellt zwischen den Siebzigerjahren und dem Jahrzehnt, das gerade beginnt.“

Übersetzung: Claudius Prößer

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