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„68 gehört denen, die es haben wollen!”

Die Einleitung zu deinem Buch, das vor über fünfzehn Jahren erschien, endet mit der wütenden Frage „Wo zum Teufel haben sie unsere Toten verscharrt?”. Wie es aussieht, weiß man das auch heute noch nicht. Keiner der Verantwortlichen ist im Gefängnis gelandet. Ist die Wut heute der Historisierung gewichen?
Ich glaube, der Streit um die Geschichte ist vorbei. Vor kurzem habe ich in einem Taxi im Radio von einer Umfrage gehört, in der gefragt wurde, ob die Leute Luis Echeverría für schuldig halten an den Massenmorden vom 2. Oktober 1968 oder vom 10. Juni 1971 [der so genannte Halconazo, eine Attacke eines paramilitärischen Kommandos auf protestierende Studierende in der Hauptstadt, mit über einem Dutzend Toten, Anm. A.H.]. 89 Prozent haben mit „ja” geantwortet, sieben Prozent haben gesagt „keine Ahnung, wovon Sie reden” und gerade vier oder fünf Prozent sagten „nein”. Es gibt also längst eine soziale Verurteilung. Zu klären sind nur noch Details, etwa die Frage, ob Echeverría unter Hausarrest steht oder nicht, oder ob er vor Prozessbeginn doch noch stirbt. Aber darum geht es nicht mehr. Jedes Mal, wenn er seinen Kopf zum Fenster raussteckt, steht da ein Journalist und fragt ihn nach 68.

Und die juristische Ebene….
… hat für mich an Bedeutung verloren. Die Gesellschaft und die Geschichte haben ihr Urteil gefällt. Natürlich braucht es weiterhin Druck, damit ein Typ, der unbewaffnete Studenten ermorden ließ, nicht ruhig schlafen kann. Aber man sollte zugleich auch all die Prozesse von damals rekonstruieren, um diese Gesellschaft daran zu erinnern, wie damals Recht gesprochen wurde und dass die Justiz heute ganz ähnliche Mechanismen einsetzt. Prozesse, in denen jemand dafür verurteilt wurde, weil er eine Tram an einer Straßenkreuzung angezündet hat – und zwar von zwei Straßen, die sich überhaupt nicht kreuzen und an denen gar keine Tram fährt. Über diese ganze juristische Barbarei braucht es einige Doktorarbeiten.

Es bleibt das Rätsel der Zahl und Identität der Toten. Offiziell anerkannt sind nur 22, die auch auf dem Gedenkstein stehen. Die Menschenrechtsorganisationen sind in all den Jahren auch nur auf 39 oder 40 gekommen. Keine einzige der Familien der Toten hat Anklage erhoben. Warum? Ist die Angst noch heute so mächtig?
Die Erinnerung ist heute sehr versunken, viele Eltern leben nicht mehr. Und viele der Opfer waren Leute ohne organische Bindungen zur Bewegung. Dann wird es noch schwieriger, sie zu identifizieren. Vielleicht gibt es noch zehn oder 15, die wir nicht gefunden haben. So sehr wird sich die Zahl aber wohl nicht mehr erhöhen. Der Massenmord ist schrecklich wegen seines Zynismus, aber das Ausmaß ist wohl kleiner, als die Bewegung lange gedacht hat. Es entstand so eine Dynamik der Falschinformation: Die Regierung hat lange gesagt, es gäbe gar keine Toten – und wir haben dann immer geantwortet: „Oh doch, und zwar 400“. Aber auch wenn es nur 40 oder 50 Tote gab, so waren es um so mehr Verletzte, die oft aus Sicherheitsgründen klandestin und gar nicht in den Krankenhäusern behandelt wurden. Und dann natürlich die Tausenden von Verhafteten. Viele von ihnen wurden misshandelt und gefoltert. Das Ausmaß der Repression zeigt sich weniger an der Zahl der Toten als am allgemeinen Klima des Terrors.
Was steht für Dich heute, fast vierzig Jahre danach, im Zentrum der Erinnerungsarbeit?
Für mich geht es heute um zwei Dinge. Erstens steht eine gute Geschichtsschreibung der 68er-Bewegung aus. Wir brauchen jemanden, der diese Geschichte von innen und von außen zugleich beschreibt. Die vier oder fünfhundert Führungsfiguren haben spannende Dinge zu erzählen – und man sollte sie sich möglichst anhören, solange sie Erlebtes und Gelesenes noch nicht durcheinander bringen. Aber dazu braucht ein Schnellschreiber wie ich mindestens drei Jahre seines Lebens und jede Menge Talent. Für einen Langsamschreiber sind das eher zehn Jahre Arbeit. Und dann müsste natürlich ein Epilog dabei sein, der diese Bewegung mit den nachfolgenden Studentenbewegungen verbindet. Das zweite, was ansteht, ist eine politische Reflexion über 1968. Über seine Stärken, seine Schwächen, zum Beispiel den immer wieder auflebenden Sektarismus.

Das Memorial leistet ja schon einen Teil von dem, was Du forderst: Es lässt die Veteranen zu Wort kommen, darunter auch Dich, und es lässt die vielen Stimmen nebeneinander bestehen. Es ist das erste 68er-Museum der Welt. Hast Du keine Sorge, dass die Bewegung damit endgültig institutionalisiert wird?
Aber was haben sie uns denn schon genommen, was uns nicht ohnehin abhanden gekommen
wäre? Es gibt das Problem des sozialen Alterns. Und dann die Kooptation, die es in der mexikanischen Geschichte zu allen Zeiten gegeben hat. Alle Bewegungen haben ihre Führungsfiguren früher oder später an die PRI abgegeben. Bei 68 war die Quote noch extrem niedrig: fünf V-Leute des Innenministeriums, die nicht mal kooptiert waren, sondern einfach auf der Gehaltsliste standen, und dann vielleicht nochmal fünf Kooptierte.

Hat der rebellische Geist überlebt?
Ja, ebenso wie die Überzeugung, dass der Staat der Hauptfeind ist, eine Art Tötungsmaschine. Die Repression hat heute wieder eine enorme Intensität. Deshalb gibt es auch wieder eine neue Nationale Front gegen die Repression (die erste „Front” wurde 1979 gegründet und existierte bis 1992, A.H.]. Deren wichtigste Erkenntnis ist, dass es heute genauso viele oder sogar mehr politische Gefangene als 1969 gibt. Damals gab es 400, heute wird die Zahl auf über 500 geschätzt.

Was von diesem Geist lässt sich denn, jenseits der allgegenwärtigen Che-Ikone, heute den neuen Generationen vermitteln?
Wir haben in Mexiko immerhin erreicht, dass der Che wieder gelesen wird. Die Hälfte derjenigen, die ihn auf Fähnchen und T-Shirts vor sich her tragen, wissen heute, wovon sie sprechen. Diese Schlacht haben wir gewonnen.

Und welche anderen Schlachten, jenseits der Mythologien?
Unsere Geschichte ist für Deutsche schwer zu verstehen, weil sie sich vom Territorium der Vernunft absolut entfernt. In Mexiko sind die historischen Referenzen, unsere ganze Galerie weltlicher Heiliger, von einem enormen Gewicht – und zwar bis heute. Es ist kein Zufall, dass sie der Erinnerung an Pancho Villa und Emiliano Zapata, trotz aller Kooptationsversuche und aller dunklen Legenden, nichts anhaben konnten. Die kleinen und großen Legenden erwachen immer wieder zu neuem Leben. Zum Beispiel die Liebe zu Tina Modotti, diese etwas verlorene kleine rote Fotografin, die es in Hollywood nicht geschafft hat… und Tausende von Mittelschichtskindern hier in größte Begeisterung versetzte. Oder eben die Referenz von 68 für diejenigen, die damals noch gar nicht gelebt haben. Neulich war ich bei einer Diskussion in einer Schule. Da hat einer gefragt: Kann ich mich denn an 68 „erinnern”, habe ich ein Recht darauf, wenn ich das gar nicht erlebt habe? Ich habe ihm geantwortet, dass ich auch nicht dabei war, als Hernán Cortes hier gelandet ist und mich trotzdem auf die Seite der eroberten Tlasqualteken schlage. Klar habe ich ein Recht drauf, sagte ich, und 68 gehört denen, die es haben wollen. Du machst Dir keine Vorstellung von dem Applaus, den dieser eine Satz im Klassenzimmer eines Gymnasiums auslöste. Dies ist ein Land, das es gelernt hat, sich seine Schutzmechanismen auf dieser Art von kontinuierlichen Referenzen aufzubauen. Natürlich ist 68 inzwischen eine nationale Mythologie. Da hat es sich eingerichtet, und da wird man dieses Jahr auch nicht so schnell wieder rauskriegen.

Nun gibt es ja diese eigenartige Gleichzeitigkeit, dass 1968 viele ähnliche Dinge an sehr vielen verschiedenen Teilen der Welt passiert sind. Wie „global” ist für dich die Revolte?
Das ist das andere Buch, das ich gerne lesen würde. Das uns eine Idee von der Internationalität und der Revolte vermittelt. Wenn ich heute bei Sarkozy lese, wie er von der Revolte der soften Mittelklasse spricht, die sich später institutionalisiert hat und heute ihre senegalischen Hausangestellten schlecht bezahlt. Wie viele französische Ex-68er haben wohl senegalesische Hausangestellte? Vielleicht einer von Tausend. Und davon behandelt einer von Zehn die dann vielleicht noch schlecht. Es sind also verfluchte Verleumdungen. Aber das wäre ein kompliziertes Buch, weil es dazu acht parallele Untersuchungen bräuchte: Frankreich, Italien, Deutschland, Spanien 1969, Argentinien 1979, Brasilien, Tschecheslowakei, Mexiko. Heraus käme wieder so ein Buch, das für Deutsche eher ungeeignet wäre. Denn der deutsche Rationalismus hält den Mythos für etwas Bösartiges, das die Geschichte verzerrt. Dabei ist der Mythos, wie auch die Legenden, doch etwas rundweg Positives.

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