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Business und Biodiversität

Figueres Worte galten hauptsächlich den Geschäftsmännern unter den Teilnehmenden der Konferenz. Vor allem den FirmenrepräsentantInnen empfahl Figueres die Naturschutzflächen Costa Ricas als „Fabriken der Biodiversität“. Unter biologischer Vielfalt bzw. Biodiversität werden – vereinfacht ausgedrückt – alle Tier- und Pflanzenarten, deren genetisches Material und die Ökosysteme, in denen sie leben, verstanden. Als „Bioprospecting“ bzw. als Prospektierung der biologischen Vielfalt wird die systematische Erkundung von artenreichen Regionen und die Suche nach den darin vorhandenen Pflanzen-, Tier- und Mikroorganismenarten bezeichnet, die kommerziell nutzbares Genmaterial, für eine industrielle Verwertung interessante Ausgangssubstanzen oder Wirkprinzipien aufweisen. Interesse an „Bioprospecting“ zeigen vor allem Chemiefirmen und Saatgutunternehmen, die auf der Suche nach neuen Genen bzw. pharmazeutischen Wirkstoffen, Biopestiziden, Fetten, Ölen, Fasern und Inhaltsstoffen sind, die sich industriell verwerten lassen oder als Ausgangsmaterial für die Züchtung eignen.

Bioprospecting in Costa Rica

Bei der von Chemie- und Pharmafirmen gesponserten Konferenz in San José sollte auch die Rolle thematisiert werden, die „Bioprospecting“ bei der Erhaltung der biologischen Vielfalt, bei der ländlichen Entwicklung sowie bei der Bewahrung von indigenen Gemeinschaften spielen kann. Dieser Idealfall könnte zu einer Partnerschaft zwischen Institutionen und Firmen des Nordens und Bevölkerungsgruppen im artenreichen Süden führen. Die ersteren haben die Möglichkeit, aus Naturstoffen vermarktungsfähige Substanzen zu entwickeln, und letztere werden durch finanzielle Leistungen des Partners in die Lage versetzt, ihren Naturreichtum zu schützen. Den theoretischen Grundstein für diese Partnerschaft legte das in Rio 1992 beschlossene „Übereinkommen über die biologische Vielfalt“ (Biodiversitätskonvention). Im Artikel 1 dieser völkerrechtlich verbindlichen Konvention sind die Erhaltung der biologischen Vielfalt, die nachhaltige Nutzung ihrer Bestandteile und die ausgewogene und gerechte Aufteilung der sich aus der Nutzung ergebenden Gewinne als Ziele vorgegeben. In den Artikeln 3 und 15 der Konvention wird der Zugang zu genetischen Ressourcen geregelt und der nationalen Souveränität unterstellt. Damit wurde die vor der Verabschiedung des Übereinkommens bestehende Vorstellung, die genetischen Ressourcen seien ein gemeinsames Erbe der Menschheit, völkerrechtlich nicht umgesetzt. Dennoch sind die Regierungen durch die Konvention gehalten, den Zugang zu genetischen Ressourcen für eine umweltverträgliche Nutzung durch andere Vertragsparteien zu erleichtern und keine Beschränkungen aufzuerlegen, die den Zielen des Übereinkommens zuwiderlaufen.
Costa Rica war als Austragungsland für eine „Biodiversity for Business“-Konferenz bewußt ausgewählt worden. Die mittelamerikanischen Feucht- und Trockenwälder zeichnen sich wie die 16 weiteren „Hotspots“ der Welt durch zwei Eigenschaften aus: Sie weisen einen extremen Reichtum an Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren auf, gleichzeitig ist diese Vielfalt zahlreichen Bedrohungen ausgesetzt. Alle siebzehn Hotspots machen zwar zusammen weniger als zwei Prozent der Landfläche der Erde aus, beherbergen aber mehr als die Hälfte der Biodiversität der Landfläche des Globus. Es wird geschätzt, daß auf dem Territorium der Republik Costa Rica circa vier Prozent aller weltweit existierenden Tier- und Pflanzenarten vorkommen und daß das Land somit im Verhältnis zu seiner Fläche als eines der artenreichsten der Welt angesehen werden kann.

Zukunftsweisendes Merck-INBio-Modell?

Bereits 1991, also ein Jahr vor der Verabschiedung der Biodiversitätskonvention, schloß das US-amerikanische Pharmaunternehmen Merck & Co Inc. (Merck, Sharpe & Dohme – MSD; nicht mehr „verwandt“ mit der Darmstädter Firma Merck) mit dem costaricanischen regierungsnahen Institut für Biodiversität (Instituto Nacional de Biodiversidad – INBio) einen Vertrag ab, der seitdem als Modell für die wirtschaftliche Verwertung von Biodiversität gilt. Merck war Anfang der neunziger Jahre das weltweit größte Pharmaunternehmen, ist aber später durch einige Firmenzusammenschlüsse von Konkurrenten auf niedrigere Ränge gerutscht.
Das 1989 mit dem Ziel, bis zur Jahrtausendwende ein möglichst vollständiges Inventar aller costaricanischen Pflanzen- und Tierarten zu erstellen, gegründete INBio verpflichtet sich durch den Vertrag, der Firma Merck eine nach außen nicht bekannte Anzahl an Proben von Pflanzen, Insekten und Mikroorganismen zu liefern. Im Gegenzug erhält INBio jährlich von Merck gut eine Mio. US-Dollar, von der rund zehn Prozent für die Erhaltung der biologischen Vielfalt im Rahmen des nationalen Umweltschutzprogrammes ausgegeben werden. Ferner wird INBio in einem nicht bekannten Prozentsatz an dem Umsatz in Form einer Lizenzgebühr beteiligt, falls aufgrund der INBio-Sammeltätigkeit eine neue Substanz bzw. ein neues Produkt von Merck auf den Markt gebracht werden kann. Von diesen Lizenzeinnahmen sollen fünfzig Prozent in das nationale Naturschutzprogramm fließen. Die Zahlung von einer Mio. US-Dollar pro Jahr an INBio ist für Merck’s Etat, der jährliche Forschungsausgaben von ungefähr einer Milliarde US-Dollar aufweist, der berühmte Griff in die Portokasse.
Die Chance, aus dem gesammelten Material eine für die kommerzielle Nutzung interessante Substanz zu finden, wird mit 1:10.000 angegeben. Bis aus einem derartigen Treffer ein kommerziell nutzbares Produkt entwickelt und auf den Markt gebracht werden kann, werden noch Jahre vergehen. INBio’s Erträge aus den Lizenzen werden deshalb noch auf sich warten lassen und bleiben derzeit spekulativ. Die Merck/INBio-Verträge laufen jeweils über zwei Jahre, derzeit ist der dritte Vertrag seit 1991 wirksam.

Hotspot in Costa Rica

Der Merck/INBio-Deal ist weltweit sehr kontrovers beurteilt worden. Während einige, vor allem costaricanische Stellen in dem Vertrag eine Möglichkeit sahen, die Nutzung der biologischen Vielfalt mit deren Schutz zu kombinieren, sehen darin vor allem Nichtregierungsorganisationen den billigen Ausverkauf von (genetischen) Ressourcen. Bei einer für den Merck/INBio-Vertrag angenommenen Gewinnbeteiligung von zwei bis drei Prozent für INBio, so rechnete die nordamerikanische NGO RAFI hoch, sei es bei ähnlichen Verträgen möglich, die gesamten genetischen Ressourcen des Südens für nur etwa 10 Mio. US-Dollar jährlich zu verscherbeln.
Bioprospecting-Verträge tragen inzwischen zu fünfzehn Prozent zum INBio-Budget bei, dieser Anteil soll jedoch verdoppelt werden. Inzwischen hat INBio vergleichbare Verträge auch mit fünf anderen Firmen geschlossen und ist dabei, weitere Vertragsabschlüsse zu tätigen.

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