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Denk bei Chiquita nicht nur an Banane

Bananen sind ein Grundnahrungsmittel für viele Millionen Menschen in aller Welt Überwiegend werden sie von KleinproduzentInnen für den eigenen oder lokalen Verbrauch angebaut. Etwa ein Fünftel der Weltproduktion, nahezu ausschließlich Obstbananen, gelangt in die Supermärkte des Nordens. Zwar haben andere landwirtschaftliche Erzeugnisse wie etwa Kaffee, Kakao und Zucker einen größeren Anteil am Weltmarkt. Doch nirgendwo gibt es eine ähnlich hohe Konzentration in den Händen weniger marktbeherrschender transnationaler Konzerne. wie dies bei Bananen der Fall ist. Chiquita, Dole und Del Monte kontrollieren etwa 70 Prozent der Produktion und der Vermarktung. Die langjährige Auseinandersetzung zwischen den USA und der EU um die Bananenmarktordnung zeigt, dass der Einfluss der Multis bis in die Politik hineinreicht.
Die internationale Bananenwirtschaft befindet sich seit längerem in einer tief greifenden Strukturkrise, deren gravierende Folgen für KleinproduzentInnen und PlantagenarbeiterInnen in Lateinamerika noch nicht gänzlich abzusehen sind. Ausdruck dieser Krise war der schlagartige Einbruch der Großhandelspreise in den wichtigsten Absatzmärkten Mitte 1999 und der seit langem scheinbar unaufhaltsame Niedergang der Aktienkurse der großen internationalen Bananenkonzerne. Damit einher ging eine Machtverschiebung von den US-Bananenmultis hin zu den US-amerikanischen und europäischen Supermarktketten, die es sich längst erlauben können, Preise und Bedingungen im für sie hoch rentablen Bananengeschäft zu diktieren. Während sich die global player über satte Gewinne und die VerbraucherInnen über billige Bananen freuen, findet in Lateinamerika ein gnadenloses Wettrennen nach unten statt: Konflikte mit Gewerkschaften allerorten, Produktionsverlagerung in gewerkschaftsfreie Zonen, Sozialdumping.
Dabei gab es in der Bananenproduktion noch nie die „paradiesischen” Zustände, die der lateinische Name der Frucht, musa paradisiaca, vermuten lassen könnte. Doch während die Bananen-Multis immer schon in allen Produktionsländern präsent waren, waren die Bananengewerkschaften, sofern überhaupt existent, lediglich auf nationaler Ebene tätig und auch dort häufig genug noch untereinander zersplittert.
Erst 1993 gelang ein entscheidender Schritt: die Gründung der Coordinadora Latinoamericana de Sindicatos Bananeros (COLSIBA). Heute gehören ihr 40 Einzelgewerkschaften in acht bananenproduzierenden Ländern an. Die COLSIBA, der sowohl kleine Betriebsgewerschaften als auch größere, kampferprobte Organisationen aus Honduras und Kolumbien angehören, besteht aus etwa 50.000 ArbeiterInnen, die vor allem auf den Plantagen der transnationalen Konzerne beschäftigt sind. Etliche der Einzelgewerkschaften gehören dem internationalen Dachverband der Agrargewerkschaften (IUF-IUTA-IUL) an. Darüber hinaus unterhält COLSIBA enge Beziehungen zu US-amerikanischen Solidaritätsgruppen und EUROBAN, dem Netzwerk europäischer NGOs, die sich mit der Bananenproblematik beschäftigen.

Miserable Arbeitsbedingungen

Die Bananenplantagen liegen oft weit entfernt von den eigentlichen Siedlungen der Bevölkerung und stellen eine eigene ökonomische Struktur dar. Die ArbeiterInnen wohnen mit ihren Familien, solange sie in der Bananenproduktion beschäftigt sind, meist in Barackensiedlungen am Rande oder mitten auf den Plantagen. Werden sie entlassen, müssen sie die Häuser räumen. Außerdem werden die benötigten ArbeiterInnen sowieso nur jeweils kurzfristig beschäftigt.
In Costa Rica beispielsweise sind nach Angaben der Gewerkschaften mehr als drei Viertel der Arbeitskräfte ohne feste Anstellung. Auf diese Weise sparen die Plantagenbesitzer und multinationalen Bananenkonzerne die Kosten für die Sozialversicherung und verhindern eine gewerkschaftliche Organisierung.
Besonders beklagenswert ist die Situation der weiblichen Beschäftigten, bei denen sexuelle Übergriffe und Belästigungen durch Vorarbeiter und Aufseher an der Tagesordnung stehen. Die Frauen erhalten im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen meist niedrigere Löhne für die gleiche Arbeit. Sie sind außerdem oft nur tage- oder stundenweise in den Wasch- und Verpackstationen beschäftigt, wo sie permanent mit giftigen Chemikalien in Kontakt kommen. COLSIBA hat dieser besonderen Situation der Frauen in der Bananenindustrie frühzeitig durch die Etablierung eines eigenen Frauensekretariats Rechnung getragen. Seither organisiert dieses regelmäßig Arbeitstreffen, Fortbildungsseminare und Konferenzen. Dennoch sind die Frauen in den Einzelgewerkschaften noch stark unterrepräsentiert. Gewerkschaftsarbeit ist auch in den bananeras immer noch weitgehend eine Männerdomäne.
Die Löhne in der Bananenindustrie sind im Vergleich zu anderen Agrarsektoren relativ hoch, entschädigen aber längst nicht für die harte und gefährliche Arbeit. Daher stehen Lohnforderungen meist an erster Stelle bei Arbeitskonflikten. Alle Versuche der ArbeiterInnen sich zu organisieren werden jedoch systematisch behindert und Streiks immer wieder durch bewaffnete Einheiten niedergeschlagen. So zum Beispiel 1993 bei Geest, einem britischen Unternehmen in Costa Rica, wo es 16 Verletzte gab; oder 1995 in Honduras, als Chiquita Bauernfamilien von ihrem Land vertreiben ließ. In anderen Ländern zirkulieren unter den Bananenfirmen „schwarze Listen“, auf denen aktive GewerkschafterInnen erfasst werden und dann keine Arbeit mehr bekommen.

Gewalt gegen Gewerkschaft

Auch in Guatemala gibt es einen langen und schweren Arbeitskampf zwischen der Gewerkschaft SITRABI und Bandegua, der dortigen Tochter des Bananenmultis Del Monte. Hintergrund eines aktuellen Gerichtsverfahrens gegen 24 Personen ist der gewaltsame Angriff auf die SITRABI-Führung im Oktober 1999. Die Auseinandersetzungen begannen im September 1999 mit der Massenentlassung von rund 1.000 Beschäftigten auf drei von 14 Bandegua-Plantagen im Bezirk Morales an der Atlantikküste. Del Monte hatte sich ausgerechnet, dass es billiger sei, die Plantagen an einheimische Unternehmer zu verpachten und diesen die Bananen abzukaufen anstatt sie selbst zu produzieren. Nachdem es SITRABI, der ältesten und stärksten Gewerkschaft im privaten Sektor Guatemalas, nicht gelungen war, die Wiedereinstellung der Entlassenen durchzusetzen, sollten weitere Protestaktionen beschlossen werden.
Am Abend des 13. Oktober umzingelten daraufhin mehr als 200 Schwerbewaffnete das Büro der Gewerkschaft, angeführt von Mitgliedern der örtlichen Handelskammer. Sie nahmen zwei der anwesenden Gewerkschaftsführer als Geiseln und zwangen sie unter Waffengewalt, ihre Kollegen herbeizuholen. Nachdem etwa 20 Mitglieder der Gewerkschaftsführung zusammengetrieben waren, wurden sie unter vorgehaltener Waffe gezwungen, ihren Rücktritt vom SITRABI-Führungsgremium einschließlich der Kündigung ihres Arbeitsplatzes zu unterschreiben. Über den örtlichen Radiosender mussten sie Texte verlesen, die den Protest für beendet erklärten. Begründet wurde die Aktion von den örtlichen Wirtschaftsführern mit der Drohung Del Montes, andernfalls die Region ganz zu verlassen.
Fünf der bedrohten Gewerkschaftsführer, darunter der Präsident von SITRABI, konnten schließlich mit ihren Familien nach Guatemala-Stadt fliehen, wo sie sich unter den Schutz internationaler Organisationen begaben. SITRABI machte den Konflikt sofort öffentlich. Dank einer breiten Kampagne, angeführt vom Internationalen Dachverband der Agrargewerkschaften und weltweiter Beteiligung von vielen entwicklungspolitischen Gruppen und Organisationen, distanzierte sich Del Monte von den gewerkschaftsfeindlichen Gewalttaten und zeigte sich verhandlungsbereit. Am 7. März 2000 schließlich unterzeichneten die IUF und Del Monte eine Rahmenvereinbarung als Grundlage für die nachfolgenden Verhandlungen zur Lösung des Konfliktes. Auch das derzeitige juristische Nachspiel kann als Ergebnis der internationalen Solidaritätskampagne betrachtet werden.

Del Monte schießt den Vogel ab

Die Situation in der costaricanischen Bananenindustrie spitzte sich im Oktober vergangenen Jahres dramatisch zu. Den Vogel schoss dabei Dole ab: der Multi entließ an einem Tag alle seine Beschäftigten, um ihnen unmittelbar darauf die Wiedereinstellung zu bis zu 50 Prozent niedrigeren Löhnen und dem Wegfall bisheriger Sozialleistungen anzubieten. Als Vorwand diente der Hinweis auf den Kostendruck und Absatzprobleme durch die weltweite Überproduktion. Die Bananengewerkschaften und Organisationen der Zivilgesellschaft erhoben massiven Protest gegen diese Form des Sozialdumping: „Während die Multis in guten Zeiten niemals ihre Gewinne mit ihren Arbeitern teilen, verlangen sie ihnen in Zeiten der Krise auch noch zusätzliche Opfer ab.”
In Zentralamerika spricht man bereits von einer „Ecuadorisierung” der Bananenproduktion. Das südamerikanische Land, weltgrößter Bananenexporteur, zeichnet sich durch extrem niedrige Produktionskosten und nahezu gewerkschaftsfreie Plantagen aus – in den Augen der großen Bananenfirmen allemal ein Wettbewerbsvorteil. Während BananenarbeiterInnen in Zentralamerika zwischen 7und 15 US-Dollar am Tag verdienen, müssen sich ihre ecuadorianischen KollegInnen mit drei US-Dollar und weniger begnügen. Angesichts dieser Situation verwundert es nicht, dass etwa Dole einen Großteil seiner Produktion aus Zentralamerika abgezogen und nach Ecuador verlagert hat.
„Wir beobachten mit Besorgnis die permanente Verschlechterung der Arbeitssituation, vor allem die Verletzung von elementaren Menschen- und Arbeitsrechten wie des Rechtes auf freie gewerkschaftliche Organisierung und andauernde Konflikte über Tarifverträge“, so Germán Zepeda aus Honduras, der der COLSIBA als Präsident vorsteht, in einem Brief an Chiquita. Der Multi stand zu seinem 100-jährigen Firmenjubiläum 1999 im Kreuzfeuer der Kritik von Solidaritäts- und Menschenrechtsgruppen sowie der betroffenen Gewerkschaften. Vor allem forderte COLSIBA die Anerkennung des Dachverbandes als legitime politische Interessensvertretung seiner Mitglieder.
In der Folge der internationalen Chiquita-Kampagne kam es zu mehreren Treffen zwischen Gewerkschaften und Bananenmulti, die schließlich zur Einrichtung eines „Ständigen Ausschusses” zur Überwachung der Arbeitsbeziehungen führte. An diesem Gremium ist neben Chiquita auch Del Monte beteiligt. Im September 2000 sicherten die beiden Konzerne COLSIBA die Einhaltung der wichtigsten Konventionen der ILO zu. Wie viel diese Zusage zählt, entscheidet sich allerdings nicht am Verhandlungstisch, sondern tagtäglich auf den Plantagen. Und hier haben die Konflikte nicht aufgehört.
Der Banane im deutschen Supermarkt sieht man leider nicht an, unter welchen Bedingungen sie produziert wurde. Zu Recht aber fordern diejenigen, die letztlich den Preis für unsere billigen Bananen bezahlen, die Solidarität auch der KonsumentInnen. Oder wie es Doris Calvo vom Frauensekretariat der costaricanischen Gewerkschaften formuliert: „Ich wünsche mir, dass die Menschen, die eine Banane in die Hand nehmen, daran denken, dass hinter jeder Frucht Schicksale stehen. Und dass wir, die Arbeiterinnen und Arbeiter, es auch verdienen, gut zu leben.“

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