Nummer 250 - April 1995 | Stadtentwicklung

Der tägliche Hindernislauf

Zur Lebenssituation in einem Barrio von Caracas

Wird es heute endlich mal wieder Wasser geben, oder erst in sechs Tagen? Der rostige Tank an der Rückwand der Hütte ist schon fast leer. Dafür schwellt der Müll im über­quellenden Container vor sich hin, überzieht die an den Berg­hang genagelten Häuschen mit seinem fauligen Gestank. In Colinas de Palo Grande, einem der Barrios von Caracas, ist der Alltag von Mühen existentiellen Problemen und Un­an­nehmlichkeiten geprägt.

Gabi Fiedler (Mitarbeit: E. Kretzschmar, A. Usbeck)

Bei den Barrios der vene­zo­la­ni­schen Hauptstadt handelt es sich um illegale oder ge­dul­dete, in Selbst­hilfe ent­standene Spon­tan­siedlungen; aus anderen Län­dern auch als Fa­ve­las oder Barriadas bekannt. Von den schätzungs­weise fünf Millionen Ein­woh­nerInnen von Ca­racas le­ben über 70 Prozent in den Barrios, die sich vor allem an den umliegenden Hü­geln empor­zie­hen.
Das Stadtbild spie­gelt die so­ziale Entwicklung. Die seit den 80er Jahren anhaltende Wirt­schafts­re­zession sowie die Um­setzung des ri­gorosen IWF-Spar­programmes führte zu einer Verschärfung der extremen Ein­kommens­gegensätze innerhalb der ve­ne­zolanischen Ge­sell­schaft, die Massenarmut wuchs. Laut Jahres­berichtes der Men­schen­rechtsorganisation PROVEA (Programa Venezo­lana de Educación – Acción en Derechos Hu­manos) lebten 1991 79 Prozent der venezolanischen Be­völkerung in Armut, das heißt, hatten ein mo­natliches Einkom­men von weniger als 21.000 Bo­livar (1992: ca. 420 DM). Davon lebten 43 Prozent in kritischer Ar­mut mit einem Monatsein­kommen unter 12.000 Bo­livar.
Besonders in der Hauptstadt wird die rasche Ver­armung eines Groß­teils der Be­völkerung und die Zunahme der so­zialen und wirt­schaftlichen Ge­gensätze deutlich. Dies zeigt sich schon in dem äußerst kon­trastreichen Stadtbild: Während sich im durch die Tallage be­grenz­ten, geographisch günstigen Gelände vorwiegend mittelständische Ge­schäftszentren und Appartment­häu­ser der oberen Ein­kommens­schich­ten befinden, müssen die ein­kommensschwächeren Schichten auf die geographisch un­günstigen Rand­lagen auswei­chen.
Colinas de Palo Grande: Ein Barrio entsteht
Die soziale und techni­sche In­fra­struktur eines Barrios entsteht meistens in zwei Etappen: In der ersten Phase, nach der Besetzung ei­nes Grund­stückes, erfolgt der Bau proviso­rischer Hütten, in­di­viduelle Zu­gangsmöglichkeiten werden an­gelegt, Strom wird von den Lei­tungen des Nach­bar­barrios an­ge­zapft und Wasser in Be­hältern von einem Tankwagen geholt. Erst in der zweiten Phase, die mit der Gründung einer Nach­bar­schaftsorganisation und der Le­galisierung des Barrios in Form von Registrierung durch die Stadt­verwaltung be­ginnt, kommt es nach und nach zur Er­stellung ge­meinschaftsbezogener Einrichtungen, zum Beispiel den Bau einer pro­visorischen Stra­ßentrasse, so­wie zum An­schluß an die öffentliche In­fra­struktur. Theo­retisch liegt die Zuständig­keit für Errichtung, Er­haltungs- und Instandsetzungs­maßnahmen ab diesem Zeitpunkt bei der Stadt­verwaltung, be­zie­hungsweise bei den von ihr be­auftragten Pri­vatfirmen. In der Realität jedoch beschränkt sich die offizielle Unterstützung haupt­sächlich auf die aufwendi­gen Elemente der Ba­sisinfra­struktur, wie zum Beispiel den Bau von Wasser­pumpstationen und das Verlegen der Haupt­wasser- und Strom­leitungen. Der Großteil der Arbeiten muß von den BewohnerInnen selbst in Ge­meinschaftsarbeit geleistet wer­den. Dafür erhalten sie teil­weise staatliche Zu­schüsse für die Baumaterialien, in der Regel je­doch keinerlei Ar­beits­entloh­nung oder technische Un­ter­stützung. Auf diese Weise ist im Laufe von zehn Jahren das Barrio Coli­nas de Palo Grande entstanden.
Die ersten Hütten werden pro­vi­sorisch aus Ab­fallmateria­lien wie z.B. Karton und Span­platten gebaut. Sobald Geld und Bau­materialien vor­han­den sind, werden diese Pro­visorien durch Backsteine, Beton und Eisenträ­ger ersetzt und nach und nach auf­gestockt. In Colinas de Palo Grande überwiegen inzwischen solide Backsteinhäuser mit zwei bis drei Stockwerken. Lediglich an den Rändern des Barrios sind noch einfache ranchos zu sehen. Es handelt sich – wie alle älteren Barrios- um ein barrio con­solidado (gefestigtes barrio).
Die Häuser: Von Karton zu Beton
Infolge bau­technischer Fehler ergeben sich Ge­fahren für die Be­wohnerInnen. Sowohl durch den Bau auf instabilem Unter­grund, zum Beispiel auf ober- und unterirdisch verlegten Wasser­rinnen oder ero­sionsge­fährdeten Böden mit starker Hangneigung (durch­schnittlich 40 Prozent) als auch durch tech­nisch mangelhafte Baumateria­lien kann es zum Ab­rutschen und Sak­ken der Häuser kommen. De­ren Fundamente sind größtenteils weder vor Unterspülung durch unter­irdisches Hang­zugswasser oder den Wasseraustritt defekter Leitungen geschützt, noch haben sie aus­reichende Sta­bilität für eine spätere Auf­stockung. Durch die extrem ver­dichtete Bauweise potenzieren sich diese Probleme, da die Häuser direkt aneinander gebaut werden und die Stabilität der oberen Häuser oft von der Trag­fähigkeit der hang­abwärts lie­genden abhängt. Diese Bau­weise sowie der Mangel an ge­eigneten Bau­materialien sind auch die Ursachen für Licht­man­gel, Feuchtigkeit und unzurei­chende Durch­lüftung im Inneren der Häuser.
Beschwerliche Wege trotz asphaltierter Hauptstraße
Die Erschließung von Colinas de Palo Grande ist auf eine as­phal­tierte Hauptstraße be­schränkt, von der einige Stich­straßen und ring­förmige Neben­straßen abzweigen. Im Vergleich zu anderen Barrios, die größten­teils nur durch ein Treppen- und We­ge­netz erschlossen sind, ist die Situation in Colinas daher verhältnismäßig gut. Der Zu­stand der Straßen ist allerdings an ei­nigen Stellen sehr schlecht.
Hervorgerufen werden die Schäden entweder durch unterir­disch ver­laufendes Hang­zugs­wasser, undichte Wasser- oder Abwasser­leitungen, Aus­spü­lun­gen bei starken Regen­fällen oder unge­nügende Verdich­tung des Un-tergrundes beim Straßenbau.
Das Treppen- und Wegenetz erreicht durch die zahl-reichen von den BewohnerInnen selbst angelegten Zugänge zwar alle Häuser. Der Weg von der Straße aus ist jedoch für viele von ihnen lang und be­schwerlich. In an­de­ren Barrios errechnete man einen Höhen­unterschied um bis zu 50 Stockwerken eines Hochhauses.
Die Treppen befinden sich oft vollständig oder in Teilen in sehr schlechtem Zustand. Häufig fühlen sich weder die Anwohner­Innen noch die Stadt­verwaltung für die Säuberung oder Un­ter­haltung der Treppen und Wege zuständig, was im Extremfall bis zur Unbenutzbarkeit durch Müll- oder Schlammfluten nach star­ken Re­gen­fällen oder zu Schäden der We-gedecke führt.
Tägliche Warteschlangen an den Haltestellen
Die Route der Sammeltaxis in Colinas de Palo Grande bleibt auf die Hauptstraße beschränkt, da die Nebenstraßen selbst für die vierrad-an­ge­trie­benen Jeeps an vielen Stellen zu steil und kurvenreich sind. Versorgungs- und Lieferfahrzeuge erreichen höchstens die Hauptstraße, Not­fallfahrzeuge kommen nicht ins Barrio.
Da es zu wenig Jeeps gibt, kommt es besonders mor­gens und abends zu Wartezeiten von ein bis zwei Stunden. Die Warte­schlangen am Redoma de Ruiz Pineda, dem Ver­kehrsknoten­punkt am Fuße des Barrio-Hü­gels, ge­hören zum täglichen Bild und werden in der Regel mit er­staunlicher Ruhe hin­ge­nommen. Muß die Fahrt noch mit ver­schiedenen Verkehrs­mitteln bis ins Zentrum von Ca­racas fortge­setzt werden, sum­miert sich die Fahrzeit oft auf zwei bis drei Stunden. Um das Warten abzukürzen, ver­such­en einige Leute Jeeps zu chartern oder be­freundete Fahrer zu Sonder-fahr­ten zu bewegen, was oft auch gelingt, die regulären Wartezei­ten jedoch noch ver­län­gert.
Da für jedes Transportmittel extra bezahlt werden muß, ist das Verlassen des Barrios für viele BewohnerInnen nur selten mög­lich. Die Fahrt ins Zentrum er­folgt meist nur zur Arbeit, even­tuell in die Schule oder für be­sondere Ein­käufe. Veranstal­tungs­be­suche oder ähn­liches sind eher Ausnahmen.
Anzapfen des öffentlichen Stromnetzes
In einigen rela­tiv neu ent-stan­denen oder un­günstig gele-genen Gebieten von Colinas so­wie im angrenzenden Barrio Pe­dro Ca­mejo besteht bis­lang kein An­schluß an das öffentliche Strom­netz. Dort wird entweder Strom vom Nachbarhaus bezo­gen oder die nächst­gelegene Leitung am Strommasten ange­zapft. Diese Praxis führt zum Beispiel an der Grenze zu Pedro Camejo zu einem unüberschau­baren Kabelgewirr, dessen Ge­fähr­lich­keit durch Mutproben von Jugendlichen, die die Strom­masten zum Klettern be­nutzen, gesteigert wird. Von Zeit zu Zeit kappt die zuständige Firma die illegalen Leitungen. Den Be­wohnerInnen bleibt je­doch aus Mangel an Alternativen zunächst keine an­dere Wahl, als die pro­visorischen, zum Teil le­bens­gefährlichen An­schlüsse so oft wiederherzustellen, bis die Strom­versorgung durch die Stadt­ver­wal­tung ein­ge­richtet wird. Da­rauf müssen sie jedoch meist jahre­lang warten.
Die Müllabfuhr, bis 1989 von der staatlichen In­sti­tution IMAU (Instituto de Aseo Urbano para el AMC) durchgeführt, ist zwi­schen­zeitlich für das gesamte Stadt­gebiet von Caracas in die Hände von vier Privatfirmen übergegangen. In den Barrios werden auf Antrag der Bewohner­Innen zentrale Con­tainer zu Verfügung ge­stellt, die im Ge­gensatz zu den Containern in den Appartmentgebieten nicht ko­sten­pflichtig sind. Die Müll­fahr­zeuge kommen in der Regel zweimal wö­chentlich. Die An­zahl der auf­gestellten Con­tainer und deren Leerungsturnus rei­chen für das Müllaufkommen der ständig wachsenden Be­wohnerInnenzahl bei weitem nicht aus. Es ist auch zu beob­achten, daß für Kinder, die hauptsächlich zum Müllweg­brin­gen geschickt werden, die Con­tainer zu hoch sind, und von ih­nen deshalb nicht benutzt wer­den können. Oft ist an der ver­schmutzten Um­gebung der Con­tainer auch die unvollstän­dige oder un­regelmäßige Leerung schuld. Die Müllfahr­zeuge sind häufig kaputt oder schon auf halber Strecke voll. Brennende oder schwelende Container wer­den nicht geleert.
Wilde Müllkippen und Recyclingprojekte
Die Route der Wagen bleibt auf die Hauptstraße beschränkt, wo-durch der Weg bis zum öf­fentlichen Container für die Bar­rio-Leute oft extrem lang und beschwerlich ist. Hinzu kommt das mangelnde Bewußtsein der Bevölkerung für das Müllpro­blem. Beides führt dazu, daß der Abfall oft schon an der nächsten Ecke, auf einem ungenutzten Stück am Wegrand, einem Nach-bargrundstück, in der näch­sten Wasserrinne oder an einem Ab­hang entsorgt wird. Durch diese Praxis entstehen un­zählige wilde Müll­kippen.

Es kommt zur Übertragung von Krankheiten durch Herum­wühlen oder Spielen der Kinder im Müll sowie durch Hunde, Fliegen, Insekten und Ratten, die sich zahlreich vermehren. Durch angezündeten Müll entstehen starke Geruchsbelästigungen und schädliche Rauchentwicklung für die An­wohner­Innen. Bei starken Regen­fällen verstopfen Müllflu­ten die Straßen und Ab­wasser­kanäle, die dann oft unbenutzbar werden. Ver­sik­kernde flüssige Stoffe ver­schmutzen das Grund­wasser, und durch die Zer­störung der Vege­tation im Bereich der wilden Müll­kippen kommt es zu groß­flächigen Erosionen.
Andererseits gibt es aber auch einige Wieder­ver­wertungsan­sätze:
Ziemlich gut funktioniert das Sammeln von Aluminium-Do­sen, für die von einigen Unter­nehmen ein relativ hoher Preis bezahlt wird. Die Anzahl der Recycling-Firmen ist im Stadt­gebiet von Caracas jedoch noch sehr gering. In Colinas werden Aluminiumdosen re­gelmäßig von Kindern gesammelt, die da­für ein Taschengeld bekommen. Sie wer­den bei einem Barrio-Bewohner ab­gegeben und von diesem selbst zum Weiterverkauf weggefahren. Andere Ab­fall­pro­dukte wer-den von den Leuten selbst ei­ner vielseitigen und ein­fallsreichen Wieder­verwertung zugeführt: Leere Dosen dienen oft als Blumentöpfe oder Waschgefäße, Zeitungspapier er­setzt das Toilettenpapier, Holz- und Me-tallreste werden zum Bauen benutzt. Die Verwendung organischer Abfälle zur Kompo­stierung wäre sicher wün­schenswert, ist jedoch im Barrio aufgrund von Platzmangel nur bedingt möglich. Ein von einer Nichtregierungsorganisation vor-geschlagenes Altpapier­sammel­projekt erwies sich als reali­tätsfern, da das we­nige Papier, das im Barrio an­fällt, haupt­sächlich als Toiletten­papier ver­wendet wird.
Der chronische Wassernot­stand
Die Wasserversorgung ist derzeit wohl das gravierendste Problem in Colinas. Obwohl die Mehrzahl der Haushalte an die öffentliche Versorgung ange­schlossen ist, wird nur alle 8-14 Tage für einige Stunden Wasser ins Barrio gepumpt. Daher ist der Tag, an dem das Wasser kommt, stets mit einem Ausnahmezu­stand zu vergleichen. Während dieser Zeit ist das ganze Barrio auf den Beinen: Solange das Wasser läuft, wird Wäsche ge­waschen, geduscht, geputzt und das kostbare Naß in Tanks und Tonnen gespeichert – unabhängig vom normalen Tagesablauf und Zeitrhythmus. Die Bevölkerung hat vor allem während der Trok­kenzeit häufig mit Wasser­knappheit und -mangel zu kämp­fen. Am stärksten davon betrof­fen sind die oben gelege­nen Haushalte, da durch unzurei­chende Pumpleistung, starke Wasserverluste durch undichte Rohre und das Auffüllen größe­rer Tanks im unteren Siedlungs­bereich nur ein geringer Teil der Wassermenge oben ankommt.
Die Wasserversorgung für Ca­racas und die gesamte Küstenre­gion erfolgt neben einem großen Staudamm im Landesinnern le­diglich über drei Stauseen im Stadteinzugsgebiet. Daher kommt es regelmäßig zu Versor­gungsdefiziten und Rationierun­gen. Die Wasserqualität leidet trotz der Zugabe chemischer Desinfektionsmittel wie Jod und Chlor durch das Aufwirbeln von Sedimenten bei geringer Wasser­menge im Klärbecken der Auf­bereitungsanlagen. Dazu kommt, daß das System der Haupt­wasserleitungen bereits sehr ver­altet und schadhaft ist und An­zahl und Durchmesser der Rohre für eine wesentlich kleinere Einwohnerzahl bemes­sen wurde. Der Wasseraustritt aus Lei­tungslecks wiederum hat andere weitreichende Folgen, wie zum Beispiel die Unterspü­lung von unbefestigten Gebäu­den, Unter­grundsackungen und Erosion. Für Erhaltungsmaß­nahmen und Reparaturen wäre eigentlich die Wasserbehörde zuständig, wel­che sich allerdings kaum um diese Angelegenheiten kümmert. Auch in diesem Be­reich sind die BewohnerInnen also vor allem auf Selbsthilfe angewiesen.
Die Abwässer – ein unge­klärtes Problem
Ein sehr schwerwiegendes, stadt­übergreifendes Problem ist das Fehlen jeglicher Art der Ab­wasserklärung. Dies hat eine sehr starke Verschmutzung und Belastung der Flüsse mit Indu­strie- und Haushaltsabwässern zur Folge. Eines der Hauptpro­bleme im Barrio liegt darin, daß die Abwasserrohre und -kanäle trotz der für die Entsorgung gün­stigen Hanglage häufig verstopft sind. Durch austretendes Abwas­ser kommt es zu Überschwem­mungen, Geruchsbelastungen und hygienischen Problemen. Da die Abwasser- und Frischwas­serleitungen oft direkt neben- oder übereinander verlaufen, kann ein Leck des einen Rohres leicht zu Beschädigungen des benachbarten und damit zur Ver­unreinigung des Wassers führen.
Ein weiteres Problem sind die offenen Abwasserrinnen, um­funk­tionierte natürliche Wasser­läufe. Da einige von ihnen unbe­festigt sind, sickern die oftmals auch mit Problemabfällen wie Chemikalien, Farbresten und Öl vermischten Abwässer der Klein­gewerbebetriebe und Werk­stätten direkt ins Grund­wasser.
Selbsthilfe zwischen Institutionalisierung und Spontanaktionen
In Colinas de Palo Grande bildeten sich bereits mehrere Selbsthilfeorganisationen, teils aus Eigeninitiative, teils durch Anregung externer Gruppen. Es existieren zwei Nachbarschafts­organisationen (ASOVI/ Aso­cia­cion de Vecinos) als offiziell an­erkannte Ver­handlungspartner zwischen Barrio-Bevölkerung und Stadt­verwaltung. Sie unter­liegen strengen gesetzlichen Vor­schriften, sind bürokratisch ein­gebunden und hierarchisch strukturiert und damit in ihrer Eigendynamik stark einge­schränkt. Durch die starke Posi­tion der Präsidentin oder des Präsidenten ist die Organisation leicht kontrollierbar und oft par­teipolitisch unterwandert. Dies führte in Colinas bereits des öfte­ren zu Konflikten sowohl inner­halb einer Organisation als auch zwischen den beiden benach­barten ASOVI und verhinderte eine sinnvolle Zusammenarbeit. Allerdings bietet diese Organi­sationsform die einzige Mög­lichkeit, mit offiziellen Stellen zu verhandeln und Anträge zu stellen.
Die Gemeinwesenarbeit wird somit auf Mängelerfassung, An­tragstellung und Behördengänge reduziert und die Organisation manchmal mit Tätigkeiten be­auftragt, die eigentlich im Auf­gabenbereich der Stadtverwal­tung liegen. Die Entwicklung und Ausführung eigener Ideen und Projekte tritt in den Hintergrund.
Des weiteren gab es seit der Barrio-Entstehung diverse, zeit­lich begrenzte Selbsthilfeorgani­sationen. Die Handlungsmög­lichkeiten dieser Initiativen sind allerdings sehr eingeschränkt, da ihnen sowohl die gesetzliche Anerkennung als auch fi­nan­zielle Unterstützung fehlen. In der Auseinandersetzung mit öf­fentlichen Institutionen haben die Selbsthilfeorganisationen kaum reelle Durch­setzungs­chancen, da sie weder in die Pla­nungs- und Ent­schei­dungs­prozesse einbezogen werden, noch gesetzlich aner­kanntes Mit­spracherecht haben.

In Colinas bildeten sich zum einen spontan entstandene Selbsthilfeorganisationen – meist in Form von Initiativen, um ge­gen ein konkretes Problem zu protestieren. Zum anderen gab und gibt es verschiedene Versu­che seitens externer Akteure wie zum Beispiel Nichtregierungsor­ganisationen, Selbsthilfegruppen in Colinas zu initiieren. So ar­beitete die Umweltschutzorgani­sation CENDA (Centro de Desa­rollo y Ambiente) von 1988 bis 1990 an einem Forschungs- und Aktionsprojekt, in dessen Rah­men sie vor allem Gesundheits- und Umweltschutzseminare ver­anstaltete und verschiedene Gruppen in den Bereichen Kul­tur, Sport und Umweltschutz in­itiierte. Die Fortführung dieser Aktivitäten scheiterte einerseits an persönlichen Problemen der Koordinatoren, andererseits an der mangelnden Motivation der Barrio-BewohnerInnen. Einige Ge­meinschaftsaktionen wurden auch durch Nachbarschaftskon­flikte verhindert.
Seit 1990 führt die Frauen- und Umweltschutzorganisation GEMA (Grupo de Estudios sobre Mujeres y Ambiente) den Ver­such fort, eine Selbsthilfeorgani­sation für die Frauen des Barrios zu gründen. Es bildeten sich vor­übergehend Gruppen zu Themen wie Familienplanung, Heilpflan­zenverwendung und Keramik­herstellung. Eine Vorschule wurde aufgebaut, zur beruflichen Ausbildung wurden Friseur- und Nähkurse angeboten.
Den beiden Organisations­formen Nachbarschafts- und Selbst­hilfeorganisation gemein­sam ist die mangelnde Konti­nuität durch die hohe Teilneh­merInnenfluktuation. Haupt­grün­de dafür liegen vor allem im Zeit- und Finanzmangel der Leute, welcher durch die Ver­schärfung der politischen Situa­tion und die steigenden Lebens­haltungskosten noch verstärkt wird. So stehen immer mehr per­sönliche Notwendigkeiten wie Hausbau, Ernährung und Ein­kommenserwerb im Vorder­grund. Zur politischen Mobilisie­rung zur Lösung kollektiver Pro­bleme kommt es erst dann, wenn sie existenzbedrohend sind.

Der vorliegende Beitrag erscheint in voller Länge in einer Publikation zum Thema Stadtentwicklung und Umwelt in der Reihe ASA-Studien beim Breitenbach Verlag im Herbst 1995

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