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Die Hürden der Landlosen Brasiliens

Neunzehn abgestorbene Paranussbaumstämme ragen kreisförmig in den wolkenverhangenen Himmel. In ihrer Mitte liegt ein Haufen kanonenkugelgroßer, rot eingefärbter Steine. Das düstere Mahnmal befindet sich ein paar Minuten nördlich von Eldorado dos Carajás, einer Boomtown im Osten Amazoniens. Dort töteten am 17. April 1996 zwei Einheiten der Militärpolizei 19 Mitglieder der Landlosenbewegung MST und verletzten weitere 70.
Die Fernsehaufnahmen des Massakers gingen um die ganze Welt. Die anschließende Justizfarce gipfelte im Juni 2002 in einem Freispruch für 140 Militärpolizisten. Zwei Offiziere bekamen zwar Haftstrafen von 158 und 228 Jahren, doch bis zum Abschluss eines langwierigen Revisionsverfahrens bleiben sie auf freiem Fuß. Der 17. April wurde in Brasilien zum „Tag der Landlosen“ erklärt, an dem nun jährlich der Opfer des Massakers gedacht wird.
Einerseits war das Massaker von Eldorado der traurige Höhepunkt in der Welle der Gewalt gegen BauernaktivistInnen, die besonders in Ostamazonien bis heute anhält. Andererseits nutzte die MST den darauf folgenden Solidarisierungseffekt zur größten Offensive ihrer Geschichte: Durch über 2.000 Landbesetzungen drängte sie die Mitte-Rechts-Regierung von Fernando Henrique Cardoso dazu, innerhalb von acht Jahren gut 350.000 Kleinbauernfamilien auf 110.000 Quadratkilometer Landanzusiedeln.
Trotz dieser beeindruckenden Zahlen kann man kaum von einer gelungenen Agrarreform reden. In Wirklichkeit habe in den 90er Jahren die Landkonzentration sogar noch zugenommen, sagt Dom Tomas Balduíno von der katholischen Landpastoral CPT. Von 1992 bis 1998 wuchs der Großgrundbesitz um 570.000 Quadratkilometer, Hunderttausende Kleinbetriebe gingen im Zuge der neoliberalen Marktöffnung bankrott.

Die Mühen der Ebene

Auch qualitativ ist die Bilanz durchwachsen, die regionalen Unterschiede bei den Ansiedlungen sind enorm. Im armen Nordosten stieg die Lebensqualität der neuen Landbesitzer, die zuvor meist in städtischen Armenvierteln gewohnt hatten, zunächst deutlich an. Allerdings ist es mit der Zuweisung von Land allein nicht getan: Damit die Menschen langfristig dem Elend entkommen können, brauchen sie gute Schulen, Strom, frisches Trinkwasser, Kanalisation und gute Straßen, die für die Vermarktung ihrer Produkte wichtig sind. Doch daran mangelt es, und gerade mal 2,7 Prozent aller Betroffenen kommen in den Genuss von agrartechnischer Beratung.
Meist kommen die angesiedelten Familien kaum über die Selbstversorgung hinaus, viele werfen das Handtuch. Die Amazonasregion, wo in den letzten Jahrzenten die meisten Menschen angesiedelt wurden, ist für intensive Landwirtschaft denkbar ungeeignet. An der fortschreitenden Entwaldung haben Kleinbauern einen beträchtlichen Anteil.
In Südbrasilien hingegen, wo die europäischen EinwanderInnen bereits im 19. Jahrhundert eine kleinbäuerliche Tradition begründet hatten, blühen Genossenschaftswesen und Biolandbau – etwa in der Reisregion 100 Kilometer südlich von Porto Alegre. Hier wurden vor sieben Jahren 35 Familien auf einem 800-Hektar-Terrain angesiedelt. Etwa die Hälfte von ihnen ist als Kerngruppe, die heute noch kollektiv wirtschaftet, geblieben. Ihre gemeinsamen Erfahrungen haben sie zusammengeschweißt. Viele schlugen sich lange Zeit als Kleinpächter durch, dann harrten sie fast vier Jahre lang in einem MST-Zeltlager aus, bis ihnen das Land zugeteilt wurde.
Das wirtschaftliche Kernstück der Kooperative, mit dem sie drei Viertel ihrer Einkünfte sichert, ist der Reisanbau. Zufrieden zeigt Rodrigo Lopes auf die riesige hellgrüne Fläche, die jetzt bereits zum zweiten Mal ohne Kunstdünger und Pestizide bestellt wurde. „Einige von uns sind aus Überzeugung für den Biolandbau“, sagt er. Andere hätten sich durch wirtschaftliche Argumente überzeugen lassen. Die Marktpreise für Reis sind niedrig, Chemie hingegen ist teuer. Stolz erklärt der 33-jährige MST-Aktivist, wie Tausende Zuchtkarpfen zur Düngung und Lockerung der sumpfigen Reisfelder eingesetzt werden – eine chinesische Anbautechnik. Daneben werden Obst und Gemüse angebaut, Hühner, Schweine und Rinder gezüchtet. Die Überschüsse verkaufen sie in der nahe gelegenen Kleinstadt.

Eine andere Agrarreform

Selbst solche Erfolgsgeschichten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Rahmenbedingungen für kleinbäuerliche Landwirtschaft immer ungünstiger werden. Das globalisierte Agrobusiness nach US-Vorbild hat vom neoliberalen Schub der letzten Jahre profitiert und sorgt regelmäßig für eine positive Außenhandelsbilanz. Als Sojaexporteur wird Brasilien in diesem Jahr die USA erstmals überrunden. Der Einfluss der Multis wächst, vor allem im Agrarhandel. Der Staat hingegen zog sich in der 90er Jahren immer mehr aus der Landwirtschaft zurück – auch auf Druck der Weltbank, die marktorientierte Landreformen propagierte.
Seit Jahren fordert die MST die Abkehr von diesem „neoliberalen Agrarmodell“, denn, so João Pedro Stedile von der nationalen MST-Leitung; „es fördert die Konzentration von Land und Kapital und reduziert die Kleinbauern auf die Rolle von Zulieferern für die Agroindustrie. Wir brauchen eine Landreform neuen Typs. In der Verfassung müssen Obergrenzen für den Landbesitz festgelegt werden. Die fruchtbarsten Nutzflächen sollten auf die Produktion von Nahrungsmitteln für den Binnenmarkt umorientiert werden. Über eine gezielte Preispolitik, Subventionen und Kredite sollte der Staat allen Bauern ein ausreichendes Einkommen garantieren. Die Verarbeitung der landwirtschaftlichen Primärgüter sollte in überschaubaren Kooperativen unter der Kontrolle von Bauern und Landarbeitern erfolgen.
Wie in den Industrieländern muss der Staat die Bauern schützen. Wir brauchen ein neues Technologiemodell, durch das die Produktivität verbessert, die Umwelt erhalten und die Gesundheit von Produzenten und Konsumenten nicht gefährdet wird. Wir wenden uns gegen die Multis, die uns die Gentechnik aufzwingen wollen“.
Für diese Forderungen und gegen die gesamtamerikanische Freihandelszone ALCA geht die MST jetzt wieder auf die Straße. Der Höhepunkt der Demonstrationen und Landbesetzungen ist jedes Jahr am 17. April, dem Jahrestag des Massakers von Eldorado. „Solche Mobilisierungen helfen der Regierung, die Reformen in Angriff zu nehmen“, hofft Stedile.
Den MST-AktivistInnen ist klar: Selbst unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva sind schnelle Erfolge unwahrscheinlich. Denn auch in der Landwirtschaft versucht Lula, es möglichst allen Recht zu machen: seiner Basis im Umfeld der MST ebenso wie den mittelständischen Farmern und dem Agrobusiness, das sogar durch den Landwirtschaftsminister im Kabinett vertreten ist. Dass es unter diesen Voraussetzungen zu einer Agrarwende kommt, wie sie die MST fordert, ist unwahrscheinlich. In dem Maße nämlich, wie die Macht der traditionellen Großgrundbesitzer in den letzten Jahrzehnten gesunken ist, hat das Agrobusiness zugelegt. Und es wird als Wachstumsmotor und Devisenbringer von der Regierung hofiert.
Zu den strukturellen Maßnahmen von Lulas Antihungerprogramm „Fome Zero“ gehören die Agrarreform und die Stärkung der kleinbäuerlichen Produktion durchaus. Nur: Das Geld dafür ist knapp. Der Sparpolitik, die die Regierung in Abstimmung mit dem Internationalen Währungsfonds verfolgt, fielen für das laufende Haushaltsjahr 46 Prozent des Agrarreform-Etats für 2003 zum Opfer – umgerechnet 62 Millionen Euro.

Keine Massenbewegung

Doch nicht nur die Regierung steht vor einem Dilemma, sondern auch die Landlosenbewegung. Die meisten der rund 15 Millionen geschätzten Landlosen sind unorganisiert, unter dem Kommando der MST warten lediglich 80.000 Familien auf ihre Ansiedlung. Für ihre Forderungen hat die MST zwar den Rückhalt der Linken, aber von einer Massenbewegung kann keine Rede sein. Ein Schlaglicht auf die tatsächlichen Kräfteverhältnisse im Lande wirft die aktuelle Gensoja-Debatte: Trotz eines gerichtlichen Verbots sind im Bundesstaat Rio Grande do Sul Tausende Bauern dazu übergegangen, Gensoja anzupflanzen. Da hierbei eine Applikation des Monsanto-Herbizids Roundup genügt, liegen die Produktionskosten derzeit deutlich unter jenen für herkömmliches Soja. Selbst Teile der MST-Basis haben das aus Argentinien eingeschmuggelte Saatgut verwendet.
Weil sie einen regelrechten Aufstand fürchten musste, hat die Regierung die Vermarktung der diesjährigen Gensojaernte nun per Dekret erlaubt. Die kommende Aussaat soll zwar wieder genfrei sein, doch dagegen haben die Bauern bereits Widerstand angekündigt.

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