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Die Magie des Candomblé

Ein ethnographischer Film ist ein Film, in dem ein Huhn geschlachtet wird,“ heißt es. Gilt gleiches auch für die Fotografie? In Mario Cravo Netos Bilderserie „TRANCE_TERRITORIES“ über den Candomblé in Bahia häufen sich die Bilder von Federn sowie von toten und lebendigen Hühnern. Oder sind es doch eher Ziegen als Hühner? Und wenn es nicht die Federn selbst sind, ist es das rotschimmernde Kleid des sich herumwirbelnden Tänzers, das eine solche Assoziation weckt.
Der brasilianische Fotograf Mario Cravo Neto zeigt in seinem Bildband Nahaufnahmen aus der Welt des Candomblé, von rituellen Gegenständen und Handlungen, von Tänzern und Tänzerinnen in Trance, fotografisch ausgedrückt durch eine spannungsvolle Unschärfe. Es sind sehr dynamische Bilder von Wirbeln und Bewegung. Bewegte und bewegende Momente erscheinen eingefroren und fixiert in der Fotografie Cravos. „Einem Magier gleich verwandelt er die schlichte Realität durch einen alchimistischen Prozess in Magie,“ schreibt der Candomblé-Meister Ildásio Tavares über den Fotografen. Cravo Neto ist selbst seit vielen Jahren ein Initiierter des Candomblé. Er versucht in seinen Bildern, „neue Dimensionen des Lebens zu entdecken, die wir mit unseren an den Alltag gewöhnten Augen nicht sehen“, so Ildásio Tavares. Cravo Neto selbst bezeichnet TRANCE_TERRITORIES als das vorläufige Resultat einer langjährigen inneren Erfahrung und poetischen Interpretation seiner Religion, des Candomblé.
Typisch für die Fotos dieser Serie ist eine sehr geringe Tiefenschärfe. Oft muss das Auge des Betrachters erst einen ruhigen Punkt suchen, um zu erkennen, was es sieht. Doch manche Bilder wollen auch nach längerem Betrachten nicht gegenständlich werden.
Cravo Neto liebt die Durchgänge und Durchblicke, die den Blick ins Weite oder auf Details eröffnen, ein Blick durch etwas hindurch oder hinter etwas hervor. Immer wieder leben die (meist farbigen) Bilder von Licht und Schatten, vom warmen Licht des Kerzenscheins auf den Altären und seinen Schatten auf der Wand. Die übernatürlichen und sinnlichen Erfahrungen des Kultes zeigen sich eindringlich in den 88 Fotos.
Der Bildband erschien anlässlich der Ausstellung „Schwarze Götter im Exil. Fotografien von Pierre Verger und Mario Cravo Neto“, die 2004 im Ethnologischen Museum in Berlin zu sehen war. Cravo Neto setzt mit seiner Bilderserie das Werk seines 1996 verstorbenen Freundes Pierre Verger fort. Wie kein anderer Fotograf des 20. Jahrhunderts hat der französische Ethnologe, Reporter und Fotograf Pierre Verger die kulturelle Verbindung zwischen den drei Kontinenten Afrika, Amerika und Europa erforscht und dokumentiert und gilt als einer der Wegbereiter der visuellen Anthropologie. Er betonte bereits in den vierziger Jahren die identitätsstiftende Bedeutung von Alltagsriten wie dem Candomblé. Verger lebte von 1946 bis zu seinem Tod in Salvador de Bahia.
Susanne Schmitz

Alle Bilder sind auch auf der Seite http://www.schwarze-goetter-im-exil.de/deu/cravo-neto/fotos/img-20.html einsehbar.
Cravo Neto, Mario (2004): „Trance_Territories“. Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn
Ausstellung „Schwarze Götter im Exil“: Frankfurt am Main, Museum der Weltkulturen, 16. Februar – 5. Juni 2005; Stuttgart, Linden-Museum, 25. Juni – 18. September 2005; München, Staatliches Museum für Völkerkunde, 13. Oktober 2005 – Ende Januar 2006; Leipzig, Grassimuseum, 2006; Bremen, Überseemuseum, 2006.

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